Peter und Thomas Brasch starben im Juni und November 2001. „Die Männer der Familie Brasch waren nicht sehr kräftig“, sagt Katja Lange-Müller, „aber sie wollten in geradezu rasendem Aktionismus immer alles gleichzeitig machen.“ / FR 15.2.
Westerwelle, Goethe und andere schicken die deutsche Sprache in die Welt. Was soll daran schlecht sein? Die etwas angestrengte Form der Sprachwerbung vermochte Zweifel nicht zu zerstreuen. Schöner ist es, wenn die deutsche Sprache unerwartet ins Spiel kommt.
– Zur Erklärung reiche ich 3 Sätze aus dem FR-Artikel nach:
Guido Westerwelle war am Donnerstag der Eröffnungsredner einer Berliner Veranstaltung des Auswärtigen Amtes und diverser Mittlerorganisationen, bei der eine gemeinsame Kampagne für die deutsche Sprache vorgestellt wurde. Hässliche Worte wie Leistungsgerechtigkeit oder anstrengungsloser Wohlstand fielen nicht.
Und zur Versöhnung:
Der heiterste und wohl auch intelligenteste Vortrag stammte von der japanischen Schriftstellerin Yoko Tawada.
Ob der wunderbare Titel „Vokalise geht einkaufen“ oder das Wort „höricht“ auf Oskar Pastior hinweisen, bleibt ungewiss, auch die „flughunde“ sind wohl eher metaphorische Fledermäuse als eine Hommage für Marcel Beyers gleichnamigen Roman*. Das autobiografischste Gedicht „wer anderen ein ei ins nest färbt“ ist Volker Braun gewidmet und beschreibt die Herkunft der 1958 in Gotha geborenen Schriftstellerin als einen „eher eng zu nennenden ort / in einer eher eng zu nennenden landschaft, die, von bergen umstellt, / am thüringer becken hing. mein nest war mir sicher, / nie hatte ich furcht, der vorrat wollte nicht reichen, und dass mir / die kleider schnell platzten aus den volkseigenen nähten, / war meine wie meiner mutter und großmutter absicht.“
Von den nicht passenden Kleidungsstücken sagt die Autorin, dass sie sie „manchmal erbte und färbte in kirsch oder braun“ und dass sie sie „endlerte und auftrug bis zum abmickeln“. Ja, so kommen die Dichter ins Nest. Farben sind sie und Tätigkeitswörter, Verbformen, wie wir sie von den entsprechenden Namensableitungen „gebennt“ und „gerilkt“ her schon länger kennen. Kathrin Schmidts Dichter-Verben sind aber neu, wie so vieles neu ist in diesem aufregenden Gedichtband. / HERBERT WIESNER, Die Welt 27.2.
Vgl. L&Poe 2010 Feb #155. Lust am Überfluss
*) Aber mit Verlaub, daß eine belesene Autorin die Wörter Vokalisen und Höricht verwendet und nicht an Pastior denkt, sollte man wohl ausschließen! – Das „wir“ in „wie wir sie schon länger kennen“ könnte man auch mal untersuchen. Ich würde eher sagen, sie schreibt sich in das Verweisungsnetz der Sächsischen „Gruppe“, wie es hin und her ging. (Nicht anders übrigens als die, Gruppe oder nicht, Rudolph und Winkler und Falb und Popp und und und)
„Frau Auffermann irrt“, ruft Sascha Anderson in einem Essay zur Hegemann-Debatte:
Die Aussagen der Literaturkritik à la Verena Auffermann sind von einem grundsätzlichen Nicht-Wissen um die Probleme des sogenannten schöpferischen Prozesses geprägt: 1. Die Erfahrung des Schreibenden schließt das Wissen um das Nicht-Erfahrene ein. 2. Wer das Nicht-Erfahrene nur als Lücke begreift und die »Wissenslücken« mit mehr oder weniger kopierter Information zu schließen versucht, muss scheitern. 3. Wer beim Schreiben scheitert und es nicht merkt, liefert einen gescheiterten Text ab. 4. Heutzutage werden Verlagsverträge ja nicht für einen fertig abgelieferten, vielleicht noch zu lektorierenden Text aufgesetzt, sondern für Konzepte, Treatments, Stichproben, Ansätze, erste und zweite Kapitel; und dann muss alles sehr schnell gehen. Es bleibt keine Zeit, einen Text (wie sich selbst) ruhen zu lassen, das Verhältnis von Ich und Produkt zu reflektieren. 5. Es ist kein Sakrileg, das Material anderer zu verwenden. Dies gehört grundsätzlich zur Kunst. Auf einem anderen Blatt steht, die Illusion als Illusion kenntlich zu machen. / Sascha Anderson, ND 27.2.
Der Begriff „Mawlîd“ bedeutet Geburt, Geburtsort und –zeit. Literarisch bezeichnet der Begriff hauptsächlich Werke, die sich mit der Geburt des Propheten Muhammad (saw), seinem Leben, Verhalten, Aussehen, seinen Wundern bis hin zu seinem Tod beschäftigen. Viele dieser Werke wurden mit der Absicht verschriftlicht, diese auf Feiern anlässlich der Geburt des Propheten Muhammad (saw) gemeinsam lesen zu können. …
In Mawlîd-Gedichten werden oft Themen bezüglich der Geburt des Propheten, sein Aufstieg in das Himmelreich (Mirâdsch) und sein Tod behandelt. Diese religiösen Schriften sind in einer einfachen Sprache abgefasst und an den einfachen Menschen gerichtet. In der türkischen Kultur tragen Mawlî-Gedichte eine besondere Bedeutung. Außer den in arabischer Sprache verfassten Mawlîd-Gedichten wurden auch Schriften in persischer, albanischer, kurdischer, bosnischer, tscherkesischer, und tartarischer Sprache, sowie auf Urdu und Swahili verfasst. …
Auf die Mawlîdsche Textgattung wurde in der türkischen Literatur besonders viel Wert gelegt. Der hauptsächliche Grund dafür liegt an dem ersten türkischen Mawlîd-Text „Vesîletü’n-Necât“ um 1409 von Süleyman Çelebi, der besonders beliebt war und gleichzeitig zur Ursache seiner Befreiung wurde. Das Mawlîd-Gedicht des Süleyman Çelebi ist in einer ausdrücklich einfachen und eindrucksvollen Sprache geschrieben. Dies führte dazu, dass daraufhin auch viele andere Mawlîd-Texte geschrieben wurden, allerdings schaffte es keiner Çelebi das Wasser zu reichen. In der türkischen Literatur sind mehr als 200 Mawlîd-Gedichte und ähnliche Texte zu finden. / Islamische Gemeinschaft Milli Görüș
Vom 1. bis 6.3. findet in der Hauptstadt Benins, Cotonou, der 4. Internationale Salon der frankophonen Dichter in Benin (SIPOEF) statt. Er steht unter dem Motto „Frauen-Farben“ (Couleurs Femmes). / Afrique en ligne
Schneider blätterte sich durch den Fußballteil und das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung und ertappte sich, wie er einen Satz von Tobias Lehmkuhl, der einen Satz von Theodor W. Adorno drehte und wendete, aufmerksam las: Adorno hatte in der ursprünglichen Fassung von »Minima Moralia« nicht »Es gibt kein richtiges Leben im falschen« geschrieben, sondern »Es lässt sich privat nicht mehr richtig leben.« Lehmkuhl schreibt: »Adorno setzte also um der Wirkung willen ›richtig‹ an Stelle von ›privat‹, an der Sache aber ändert es nicht grundsätzlich etwas. Im Gegenteil, man kann aus heutiger Perspektive sogar sagen, dass Mittelmeiers Fund (des Originalzitats) den Satz nur noch näher an den Refrain von der Unmöglichkeit des Gedichts nach Auschwitz rückt. Nach Auschwitz ist eben auch die behagliche Sesselruhe dahin, in der ein Gedicht, das Auschwitz nicht eingedenk wäre, entstehen könnte.« / Max Dax, spex.de
Sie leben und arbeiten in der Hauptstadt und schreiben vor allem Gedichte: Jan Wagner, Björn Kuhligk, Florian Voß und einige andere. Zu sehr sind sie als Lyriker Individualisten, als dass sich von einer neuen Berliner Dichterschule sprechen ließe. Und doch verbindet sie manches – auch Freundschaft. Gemeinsam treten sie bei Veranstaltungen auf, gemeinsam veröffentlichen sie Bücher oder geben welche heraus und widmen sich gegenseitig Gedichte.
Was sie verbindet, ist ein dezidiert neuer Ton. Diese Lyriker zwischen 30 und 40 schließen sich nicht im Elfenbeinturm der Dichtung ein und lassen sich auch nicht in die Ausnüchterungszelle aseptischer Arbeit am Sprachmaterial sperren. Mit wachem Kopf öffnen sie sich der Gegenwart. …
Mit „Kanon vor dem Verschwinden“ hat sich Tom Schulz in die vorderste Riege der jungen deutschsprachigen Lyrik geschrieben. / Hans-Dieter Fronz, Badische Zeitung 27.2.
Tom Schulz: Kanon vor dem Verschwinden. Gedichte, Berlin Verlag, Berlin 2009, 104 Seiten, 16,90 Euro.
Ariane Grundies war im vergangenen Sommer zwei Wochen als Stadtschreiber des Goethe-Instituts in Helsinki. Ende September veröffentlichte das Goethe-Institut ein Gespräch mit ihr. Ist schon eine Weile her, erst jetzt hat mich jemand darauf aufmerksam gemacht, aber interessant ist es vielleicht auch jetzt noch. Auszug:
Haben Sie selbst schriftstellerisch etwas von Ihrer Zeit in Helsinki mitgenommen?
Eine Sache war ungewöhnlich. Ich schreib’ sonst eigentlich kaum Gedichte. Aber in diesen zwei Wochen habe ich plötzlich sehr viele geschrieben. Ich habe keine Ahnung, warum. Aber es ging gut. Vielleicht habe ich auch einfach die Idee von Helsinki, dass man da gut Gedichte schreiben kann.
Mit einem der Gedichte haben Sie ja Ihren Blog abgeschlossen. Werden wir die anderen auch noch zu lesen bekommen?
Nein, die sind für meine Schublade*. Im Ernst: Ich weiß nicht, was aus diesen Gedichten wird. Erstmal nichts. Vielleicht kann ich sie mal meiner Oma zum Geburtstag schenken oder so.
*) Apropos, gerade hörte ich in einer Dokumentation zum Einsturz des Kölner Stadtarchivs, daß Günter Wallraff seinen Vorlaß an das Archiv gegeben habe, seine frühen Sachen, auch die Jugendlyrik, und man sagt ihm, das lag im Keller, da gab es kaum eine Chance.
Nach 37 jahren verbreitung meiner gedichte muss ich nun dafuer ins gefaengnis:
fuer beschreiben des gehsteigs mit abwaschbarer farbe vorm wiener museumsquartier
wurde ich vom museumsquartier wegen schwerer sachbeschaedigung angezeigt:
Ich bekam 2 monate bedingt.
Da ich wegen gleicher taten heuer noch oft vor gericht stehe und weitere schuldsprueche zu erwarten sind, bedeutet es, dass ich bald lange haftstrafen absitzen muss.
Das schaff ich nicht. Das ueberlebe ich nicht.
helmut seethaler
A 1200 wien
Wasnergasse 43/8
http://www.hoffnung.at
0043 1 330 37 01
hseethaler@gmx.at
Solang ich noch da bin:
Weitere gedichte auch per post fuer
einen kleinen schein:
PSK 7 975 059
Für ihre Entscheidung gab die Oskar Pastior Stiftung, die den Preis in diesem Jahr zum ersten Mal vergibt, folgende Begründung:
„Die Oskar Pastior Stiftung verleiht den Oskar Pastior Preis 2010 Oswald Egger, der in seinem Werk die vielstimmigen Erscheinungs- und Wahrnehmungsformen von Welt in Sprache erkundet. Mit Spielwitz und Risikofreude macht er noch die entlegensten Vokabularien und Wortschätze zum Material seiner mathematisch-poetischen Versuchsanordnungen und treibt so die Traditionen experimentellen Schreibens voran.“
Verliehen wird der Preis am 28. Mai 2010 im Berliner Rathaus; die Laudatio hält der Lyriker Ulf Stolterfoht.
Vom 08. bis 21. März 2010 laden die OrganisatorInnen und MitstreiterInnen von Printemps des Poètes, Berlin 10 zu einer poetischen Entdeckungsreise mit interdisziplinären und interaktiven Performances, Ausstellungen, Filmen und Workshops ein.
Die Motivation dabei ist, Dichter und Gedichte neu zu entdecken, die persönliche Beziehung zu Poesie zu erforschen und einen spielerischen Zugang zu Poesie in verschiedenen Sprachen zu schaffen.
Es gibt noch Aktionen zum Mitmachen (u.a. OkuPoems, The Poetry Twins im Rahmen von Poem Space Mobil…).
Wir freuen uns, Euch bei dieser Gelegenheit kennenzulernen, z.B. bei einer Veranstaltung oder im Wohnzimmer von Printemps des Poètes, Berlin10.
Herzliche Grüße und viel Spaß!
Catherine Launay und Nicola Caroli
Auftakt des Poesiefestes am Montag 08. März 2010
16.00 – Bücherbus an der Bibliothek am Luisenbad
Aktion für Kinder von ca. 6 bis 8 Jahre alt (im Rahmen von Poem Space Mobil)
Poesie- und Bilderbücher mit Ines Lucht (Fahrbibliothekarin)
Bibliothek am Luisenbad, Travemünder Str. 2
17.30 Bibliothek am Luisenbad, Puttensaal
A Poem Space in Berlin Film von Estelle Beauvais über Printemps des Poètes, Berlin09
Bibliothek am Luisenbad, Travemünder Str. 2
18.00 The Absence of Art
Vernissage In jedem Sinne des Wortes von The Absence of Art
Mit Dimitri Dragilew, Urszula Usakowska-Wolff, Donald Borkowski-Blaszczyk, Arezu Weitholz, Dorothee Neserke
The Absence of Art, Osloer Str. 105
19.00 Bibliothek am Luisenbad, Puttensaal
Performance Broken: Part I (preview) von Shannon Sullivan/ Performance Lab Berlin
Performancesolo über das Zerbrechen
Bibliothek am Luisenbad, Travemünder Str. 2
20.00 wortwedding
Vernissage Les Nourritures du feu Installation von Martine Saurel
Eröffnung des Wohnzimmers von Printemps des Poètes, Berlin10
wortwedding, Prinzenallee 59
„Seine Tendenz zur Normalität entsprach einer Persönlichkeit, die durch die Konfrontation mit dem Unbewußten nicht entwickelt, sondern nur gesprengt worden wäre. (…) Man kann wohl sagen, daß das heutige Kulturbewußtsein, insofern es sich philosophisch reflektiert, die Idee des Unbewußten und deren Konsequenzen noch nicht aufgenommen hat, obwohl es seit mehr als einem halben Jahrhundert damit konfrontiert ist. Die allgemeine und grundlegende Einsicht, daß unsere psychische Existenz zwei Pole hat, bleibt noch immer eine Aufgabe der Zukunft.“
Carl Gustav Jung (‚ERINNERUNGEN, TRÄUME, GEDANKEN‘, 1961)
G&GN-Institut, Berlin-Neukölle (Ende Februar 2010) / Angeregt durch die beiden jüngsten Kommentare seitens Thien Tran & Anonymus über angeblich esoterische Tendenzen innerhalb der Lyrik von Tom de Toys, versucht das G&GN-Institut nun anhand von öffentlich zugänglichen sowie noch unpublizierten Texten diverser Institutsmitarbeiter diese Interpretation der Direkten Dichtung nachzuvollziehen und vorallem zu verstehen, ob sich der „junge“ Literaturbetrieb generell von der DIREKTEN DOKUMENTATION „SEELISCHER“ DIMENSIONEN ZUGUNSTEN EINER SOGENANNTEN „SACHLICHEN“ EBENE distanziert oder inwiefern es sich um ein Mißverständnis handelt, das die ambivalente Bedeutung des Begriffs Esoterik mit sich bringt, wenn dieser absurderweise in die Nähe von Zen gerückt wird, also einer Haltung, deren traditionelles Anliegen es ist, die Wirklichkeit gerade nicht als „geheim“ zu empfinden sondern als ERFAHRBARES TOTALES „JETZT“:
„Als ein Meister des Zen einmal gefragt wurde, was Zen sei, erwiderte er: ‚Eure Alltagsgedanken.‘ Ist das nicht klar und ehrlich? Zen hat gar nichts zu tun mit Sektierergeist irgendwelcher Art. Christen können Zen ebenso ausüben wie Buddhisten, genau so, wie große und kleine Fische zufrieden miteinander im selben Ozean leben. Zen ist der Ozean, Zen ist die Luft, Zen ist das Gebirge, Zen ist Donner und Blitz, Frühlingsblume, Sommerhitze und Winterschnee; ja mehr als das, Zen ist der Mensch. Unter all seinen Förmlichkeiten, Überlieferungen und Überbauten, die sich in seiner langen Geschichte angehäuft haben, im Grunde lebt dieser Kern des Zen fort. Sein Hauptverdienst liegt darin, daß wir in diese letzte Wirklichkeit hineinzuschauen vermögen, ohne irgendwelche Ablenkung. (…) Alles in allem: Zen ist -was nachdrücklichst betont sei- eine Sache persönlichen Erlebens. Gibt es irgend etwas in der Welt, was man als reine Erfahrung bezeichnen könnte, so ist es Zen. Weder ein Berg von Büchern, noch eine Unzahl von Lehrern machen je einen Menschen zum Meister des Zen. Das Leben selbst muß in der Mitte seines Flusses erfaßt werden…“
Daisetz Teitaro Suzuki (1958, in: ‚DIE GROSSE BEFREIUNG‘; übersetzt 1969: Rascher-Verlag)
„Lieber Tom, ach, wenn Du hier unser deutschsprachiger Zen-Meister-Dichter bist, (…), dann hat das, was Du tust nur wenig mit Buddhismus zu tun, zumal Dein Verständnis der Null wohl eher ESOTERIK ist, eine aufdringliche Mischung aus christlichem Gedankengut (Glaube, Liebe, Hoffnung) und fernöstlicher Schule oder Philosophie (…)“
Thien Tran (5.2.10, Lyrikmail-Kommentar zum Gedicht #2139 „Reduktion I“)
„ach, herr de toys, aus ihnen spricht wie immer der blanke neid. und alles nur, weil sie es mit ihrer esoterischen lyrik nie in die von ihnen erwähnten anthologien schaffen. nichts für ungut, herr kollege.“
Ein unter falschem Namen auftretender Anonymus (19.2.10, L&Poe-Kommentar zum Ticker „Poesielabel Perplex“, 17.2.10)
„Es ist ganz sicher, daß das Geheimnisvolle zum Träumen verleitet und der Welt eine Tiefendimension gibt, und daß im Gegensatz dazu die tagtäglichen Dinge an Reiz verlieren. Deshalb hegen die Esoteriker gern das Geheimnisvolle. (…) Die Etymologie des Wortes ‚Esoterik‘ läßt die Notion des Geheimen mitschwingen, indem sie zu verstehen gibt, daß man keinen Zugang zu einem Symbol, einem Mythos oder zur Wirklichkeitswelt haben kann ohne ein persönliches Bemühen um eine stufenweise, progressive Erläuterung, d.h. ohne eine Art Hermeneutik. Ferner gibt es auch kein allerletztes Geheimnis, sobald man einmal entschieden hat, daß alles geheim sein soll.
Antoine Faivre (1992, in: ‚ESOTERIK‘; übersetzt 1996: Aurum-Verlag, Edition Roter Löwe)
Antoine Faivre (vom Religionswissenschaftlichen Institut der Sorbonne, Paris) rückt so manchen berühmten Dichter in seinem Buch „Esoterik“ (1992, Presses Universitaires de France) in die Nähe des Esoterischen: Oscar Venceslas Milosz, William B. Yeats, Aleksandr Blok, den Surrealisten André Breton, Fernando Pessoa und den deutschen Maler & Dichter Joseph Anton Schneiderfranken (alias Bo-Yin-Ra, 1876-1943: „Das Buch der Gespräche“, 1920). Über den Seelenforscher Carl Gustav Jung (1875-1961) schreibt er, dessen „nicht reduktionistische Orientierung seines Denkens hat ihm die Entdeckung erlaubt, daß alchemistische Transmutation und die Symbolik ihrer markierten Pfade eine hochpositive – da trans-formierende – Arbeit der Psyche auf der Suche nach ihrem eigenen Gefüge, nach ihrer ‚Individuation‘, darstellt.“ Hier drängt sich uns die Verwunderung auf, daß gerade im wörtlichsten Sinne „junge“ Dichter genau das abzulehnen scheinen, was doch gerade ein Markenzeichen der Jugend ist: DAS TIEFE RINGEN UM SINN UND LETZTE FRAGEN. In anderen Epochen wie der Beat-Generation (hier könnten nun unzählige Zitate von Alan Watts bis Allen Ginsberg folgen!) war die „esoterische Suche“ die Voraussetzung für schriftstellerische Tätigkeit schlechthin, nur nannte man das damals eher „spirituell“ oder sogar „religiös“, was aber im Kontrast zu jeder angestrebten Versachlichung von emotionalen Ereignissen als synonym mißverstanden wird. Bedenkt man die seelische Besessenheit, mit der Malewitsch sein „Schwarzes Quadrat“ entwickelte, oder die Konkrete Poesie ebenso wie manch sprachmagisch inspirierter Dada geradezu zwanghaft versuchten, eine EXISTENZIELLE ESSENZ der sogenannten „Wirklichkeit“ künstlerisch einzufangen, dann erstaunt umso mehr, warum sich eine ganze junge Generation von deutschen Dichtern ideologisch von „esoterischen Ebenen“ abgrenzen muß, um ihren vermeintlichen „Stil“ als Conradi-salonfähig zu legitimieren, der dann allerdings absurderweise vor lauter neologistischen, grammatikalischen und metaphorischen Originalitätsbemühungen derart ins Willkürlich-Hermetische abdriftet (wie z.B. die Tranig naiv-faszinierte Fastfood-Verwertung der Zahl Null zeigt), daß nicht nur der Echtpop-Veteran Brinkmann sondern selbst Celan (der ja ganz offensichtlich bei vielen der Fraktion „Jetzt“ als Vorbild gilt) noch unesoterischer wirken!
Bruno Brachland, Nr.11, 6./7.2.1999
ÜBER(N)ACH(T)
sich im alltäglichen
spiel verlieren
während die regierung
sämtliche gesetze ändert
jeden nächstbesten
ersatz gutheißen
der Das echte LEBEN
wirklich MACHT
so wirklich
daß es scheint
als ob Nichts fehle
jedenfalls nichts greifbares
obwohl selbst seele nur
noch ein wahnhaftes wort
für unmögliche wünsche War
in zeiten wo fast
Alles körperlich entgrenzt
um die beweise gegen
gott nachzuvollziehen
bis die sinne SINN erzeugen
ohne große geister zu beschwören
Seltsamerweise lassen sich seit einigen Jahren sogar gleich zwei parallele Trends in der Gesellschaft beobachten, die nicht gegensätzlicher sein könnten: einerseits wird viel medialer Wind um die angebliche Renaissance der Gattung Lyrik gemacht (obwohl selbst Auschwitz nur zu ihrem Fake-Suizid führte und bei den literarischen Adlon-Popperzombies mündet), andererseits tendieren immer mehr Menschen zur „ganzheitlichen“ (bzw. grenzwissenschaftlichen) Beschäftigung mit sich selbst bzw ihrem SELBST: Yoga, Taijiquan, Zazen, transpersonale Psychotherapie, Quantenphysik, Astrologie und Astronomie, Neurophilosophie und „sogar“ Lyrik stehen bei solchen Menschen hoch im Kurs, die sich NICHT OBERFLÄCHLICH sondern „sinnsuchend“ mit sich selbst auseinander- und zusammensetzen wollen! Darum ist ein gewisser reziproker Effekt der zeitgenössischen Lyrik umso spannender: der Bedarf nach „innovatiefen“ Gedanken steigt zwar allgemein, aber wird eben nicht von solchen „hoch“-literarisch sublimierten Texten befriedigt, die in ihren eigenen elitär-kapitalistischen Zirkeln zirkulieren. Repräsentativ ausgerichtete Leseshows in Rathäusern und Museen sowie Preisspektakel in Vereinen und Verlagen möchten zwar gern all jenen Millionen Menschen, die diesen meist katastrophal langweiligen Literaturorgien in Anzug und Doktortitel nicht live beiwohnten, suggerieren, sie hätten den einzig wichtigen Event des Vortages verpaßt und damit quasi „sich selbst“ (denn laut Hilde Domin spiegelt ja der Dichter den seelischen Tiefgang des Lesers in einem exemplarisch erlebten und darum poetisch verwertbaren Augenblick), aber das Aberwitzige daran ist, daß eben diese suggestive Kraft der germanistischen Inzucht-Boulevardpresse das schlechthin esoterischste Element am ganzen Betrieb darstellt, weil es ähnlich hypnotisch funktioniert wie Laufstegmode: je durchsichtiger die kaiserlichen Klamotten desto kostbarer, weil sie einen „ernsten“ (offiziös-legalen) Blick auf die letzte tabuisierte Wahrheit gestatten: das nackte Fleisch, das ansonsten nur für Chirurgen und Bordells reserviert bleibt!
DNÄ (Der Nachäffer), 27.1.1999
ESOTERISCHE ENTROPIE (E²-TERRE)
jahrtausende
am eignen leibe
abgearbeitet
mit letztem mut
die sätze produziert die
glaubensschulen über-
treffen ohne eine
neue botschaft zu
verkünden frei und
frech die fülle
des weltganzen als
DIE EIGENTLICHE LEERE
sch(w)ätzen lernen nur
aufgrund der grundlosen
anwesenheit
gesetze schaffen weitere
gesetze regeln die gesetze
um das leuchten mancher
zellen zu versachlichen
den lebenshunger in das
internet verbannen !
wo der integrale frieden
– einsam und vernetzt –
STILLSCHWEIGEND
ausgesessen wird anstatt
die postmodernen parks
mit liebenden zu über-
sähen Jetzt
Ist Endlich Etwas klar:
das echte loch ermöglicht
zentnerschweren kindern
WIRKLICHKEIT
auf allen ebenen
An anderer Stelle bemerkten wir bereits, daß sich bei einer Umfrage im Umfeld des G&GN-Instituts herausstellte, daß „normalsterbliche“ Lyrikfans (Leselaien) aus anderen Berufsfeldern (wie Medizin, Jura, Müllabfuhr und Schneeschaufeln) meist große Probleme damit haben, die neuere Lyrik für ihr seelisches Alltagsleben kreativ anstatt nur respektiv-konsumistisch zu verwerten, weil das pseudosachlich-ÜBERINDIREKTE (metaphorische oder semiphilosophische) Moment preisgekrönter Texte schnell zu einer instinktiven Interpretationsblockade führt, die sich natürlich durch übereifriges höfliches Applaudieren auch journalistisch leicht vertuschen läßt. Trotzdem weiß jeder insgeheim, daß das erhoffte „nackte Fleisch“ schimmlig war. Prophylaktisch publiziert darum so mancher stolze Dichter natürlich auch überkompensatorische Ausnahmetexte (die manchmal bis ins slamtauglich Komödiantische reichen müssen!), die zwar ontogenetisch ihre Frustration über die eigene stilistische Redundanz ausbalancieren sollen (was dann aber aufgrund des Mangels an metapoetologischer Basis eher prätenziös anrührt), aber im laufenden Betrieb zur billigen Abwechslung mithilfe über-direkter erotischer, politischer oder vulgärsprachlicher Effekte dient, um den „Ernst“ des ansonsten übersublimierten „zeitgemäßen“ Stils zu untermauern. Was allerdings wirklich zeitgenössisch relevant und sogar zeitgemäß ist, oder besser: war – DAS stellt sich historisch leider oft erst posthum heraus, und selbst dann ist oft noch nicht einmal das Werk selber gemeint, sondern dessen plötzliche „sensationelle“ Markttauglichkeit ausschlaggebend, denn der Tod (als materieller Schock) bleibt als letztes Kleidungsstück der ontischen Nacktheit (neben der Liebe als spiritueller Schock) jenes große esoterische Element, das weder Preisträger noch Präsidenten mit noch so vielen Nadelstreifen neokonservativ liberal (gewollt „lässig“) übermalen können. Und DIESER Respekt vor den letzten „geheimnislosen Geheimnissen“ unseres Daseins hat eine mystische Tragweite, der man nicht gerecht wird, indem man nur ein „großes“ WORT als selbstreferenzielles Buchstabenkombinat aus dem historisch bewährten Baukastensystem der „letzten“ (poetisch anmutenden) Wörter taktisch in ein Gedicht einbettet wie eine schnell hingepustete gefrorene Riesenseifenblase – umgeben von flirrend heißer Luft, die den Mißbrauch der freien Buchstaben als Monitorstrichverband relativieren sollen. Eine Null bleibt eine Null bleibt eine Null… gegen diese mystisch-monströse XXL-Matrix der mathematischen Leerstelle (dem erfahrbaren Loch!) hilft weder die eine noch die andere Pille, hier bleibt jeder Dualismuß von Eins bis Unendlich auf der asymptotischen Rennpiste nach diversen Erschöpfungs- und Erhebungsschleifen liegen! Und vielleicht klingelt erst dort irgendwo in diesem unerhört transtopisch aufgerichteten gekrümmten Elementarraumzeitgefüge das Handy mit der entscheidenden SMS: „Kommst Du mit ins Grüne? Die Sonne scheint!“
ONLINE-QUELLENANGABEN:
Thien Tran (5.2.2010, Lyrikmail-Kommentar zum Gedicht #2139 „Reduktion I“):
http://www.lyrikpost.de/blog/2010/02/04/lyrikmail-2139-tran/#comment-10625
https://lyrikzeitung.wordpress.com/2010/02/17/poesielabel-perplex/
Bruno Brachland, Nr.11, 6./7.2.1999 „ÜBER(N)ACH(T)“:
http://www.wulle.de/GGN/BrunoBrachland/uebernacht.html
DNÄ (Der Nachäffer), 27.1.1999 „ESOTERISCHE ENTROPIE (E²-TERRE)“:
http://www.wulle.de/GGN/DerNachaeffer/esoterischeentropie.html
ERSTVERÖFFENTLICHUNG DIESER PRESSEMELDUNG AM 25.2.2010 @ MYSPACE-BLOG:
http://blogs.myspace.com/index.cfm?fuseaction=blog.view&friendId=482406116&blogId=529870971
Ror Wolf versucht beharrlich, die eingespielten ästhetischen Konventionen zu durchbrechen. Seine Romane haben keinen nennenswerten Plot, seine Erzählungen brechen immer wieder nach einer vielversprechenden Exposition ab, seine »Enzyklopädie für unerschrockene Leser« verspricht zwar mit großen Worten Ratschlag und Unterweisung, aber sein Alter ego Raoul Tranchirer weiß neben akademischen Nullphrasen oder Allerweltsweisheiten nichts Substanzielles, dafür viel Grillenhaftes, Groteskes beizusteuern. Und die Gedichte sind immerhin gereimt und metrisch streng gebaut, aber sein Dichterkollege Robert Gernhardt bemerkte auch hier zu Recht die entgrenzende, beinahe anarchische Poetik. »Kein Zweifel, da hat nicht nur er (der Wolf), da hat auch es (das Sprachpotential) gedichtet.« Im Verlag Schöffling & Co. erscheint nun eine Gesamtausgabe dieses vielgestaltigen Werks.
/ Gespräch mit Ror Wolf, junge Welt 26.2.
Ror Wolf: Werke – Im Zustand vergrößerter Ruhe/Die Gedichte. Schöffling & Co, Frankfurt am Main 2009, 480 Seiten, 49 Euro * Herausgegeben von Friedmar Apel
Thomas Schröder (Hrg.): Raoul Tranchirers Enzyklopädie für unerschrockene Leser, Band 2. Schöffling & Co, Frankfurt am Main 2009, 486 Seiten, 75 Euro
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