Die Literaturlandschaft in Russland bietet ein uneinheitliches Bild. Während Verlage und Medien gerne junge Prosaautoren favorisieren, die in der Art der alten sowjetischen Romanciers schreiben (nur meist schlechter), existieren Parallelwelten, in denen es viel frischen Wind gibt. In erster Linie hat sich die Lyrik als widerstandsfähig gegenüber den neuen Markt- und Machtverhältnissen erwiesen. Auf den ersten Blick sieht die Situation ähnlich aus wie im Bereich der Prosa: Publikumsverlage drucken neben Klassikern die ehemals populäre sowjetische Lyrik oder deren Nachahmungen. Im Ganzen fällt die Lyrik nicht ins Gewicht, die Poesie ist für die Grossverlage wirtschaftlich uninteressant, sie gehört für sie eher zum «Rahmenprogramm». Zeitgenössische russische Lyriker sind weder mit Geld noch mit Ruhm verwöhnt. Weitgehend sich selbst überlassen, müssen (und dürfen) sie sich selbst organisieren.
Allerlei russische Lyrik wird in kleinen, nichtkommerziellen Verlagen, in neuen (und teilweise auch alten) Zeitschriften publiziert. Die Lyrikszene trifft sich auf Festivals und bei Klublesungen, und gerne tummelt man sich im Internet. Da Russischschreibende auf alle Kontinente verstreut sind, hat das Internet die nicht zu überschätzende Funktion, einen gemeinsamen Kommunikationsraum zu schaffen. Natürlich entstehen beim unkontrollierten Publizieren im Netz Unsicherheiten der Einschätzung, aber der Raum strukturiert sich von selbst. Bei den literarischen Internetprojekten weiss man sofort, wo ernste lyrische Spracharbeit stattfindet und wo sich pubertierende Jugend (jeden Alters) in Versen entlädt. / Olga Martynova, NZZ 8.5.
Der Artikel geht ein auf Dmitri Kusmin,
der inzwischen zu den Schlüsselfiguren des Literaturlebens gehört: als Organisator von Veranstaltungen, als Herausgeber einer der zwei Moskauer Lyrikzeitschriften und von vielem anderem mehr. Eine seiner Lieblingsthesen ist, dass es heute um die sechshundert bedeutende Lyriker russischer Sprache gibt und nicht drei, vier, sechs oder sieben, wie im traditionellen hierarchisch-pyramidalen Verständnis angenommen wird. Sechshundert ist sicher eine Übertreibung und ist wohl auch als solche gedacht. Aber nicht deshalb wird diese These von vielen bestritten. Sie passt einfach nicht in das gewohnte Bild der russischen Lyrik mit einem «Ersten Poeten» an der Spitze (wobei jeweils verschiedene Kandidaten in dieser Rolle gehandelt werden)
Die Autorin nennt dann einige Namen aus allen Altersgruppen, um den Reichtum zu illustrieren. Die Gruppe der über Siebzigjährigen hat in den letzten Jahren durch Todesfälle (wie Sergei Wolf, Gennadi Ajgi, Dmitri Prigow und kürzlich Lew Lossew) herbe Verluste erfahren. Bedeutende Vertreter dieser Altersgruppe sind Natalja Gorbanewskaja (Paris), Wiktor Sosnora (Sankt Petersburg) und Jewgeni Rejn (Moskau).
Unter den über Sechzigjährigen starb vor kurzem Jelena Schwarz. Sie nennt die Petersburger Alexander Mironow und Sergei Stratanowski, den Moskauer Michail Eisenberg sowie den zurzeit auf der Krim lebenden Iwan Schdanow.
Die um die Fünfzigjährigen seien wohl am meisten um die Welt verstreut: Leonid Schwab (Jerusalem), Dmitri Strozew (Minsk), Alexander Beljakow (Jaroslawl), Oleg Jurjew (Frankfurt/ Main – bei uns nur als Romanautor bekannt) und aus Sankt Petersburg Alexei Purin und Waleri Schubinski.
Von den Dreissig- bis Vierzigjährigen nennt sie: Igor Bulatowski (Petersburg), Andrei Poljakow (Simferopol auf der Krim) und Marija Stepanowa (Moskau).
Und bei den Jüngeren zwischen zwanzig und dreissig: Wassili Borodin (Moskau), Alexei Porwin und Alla Gorbunowa (beide Petersburg), Jekaterina Bojarskich (Irkutsk).
Diese etwa 20 sind die Spitze des Eisbergs, sagt die Autorin (die selber auch eine wichtige Lyrikerin ist).
„Was ich einst las erinnere ich nicht / Nur ein paar Freunde, jetzt in Städten. / Kaltes Schmelzwasser aus dem Zinnbecher trinken / Meilenweit hinabschaun / Durch hohe stille Luft.“ So die zweite Strophe des Eröffnungsgedichts seines ersten Lyrikbands „Riprap“, der 1959 in Kyoto/Japan erschienen ist. Ein halbes Jahrhundert ist diese poetische Sammlung mittlerweile in der Welt – und hat noch immer die Kraft der Überwältigung. Durch Einfachheit, Klarheit, den Rhythmus des Atmens.
Seit zehn Jahren liegt die deutsche Übersetzung von Alexander Schmitz im Verlag Stadtlichter Presse vor – zweisprachig, in einer Auflage von dreihundert Exemplaren. Der achtzigste Geburtstag des Dichters am heutigen 8. Mai soll in Deutschland mit zwei Neuheiten gefeiert werden: Matthes & Seitz hat die Essay-Sammlung „Lektionen der Wildnis“ angekündigt, Stadtlichter wird die frühen „Mythen und Texte“ in der Übersetzung von Bernhard Widder herausbringen.
Snyder spielt bei uns eine untergeordnete Rolle. Zweifellos ein Versäumnis, denn Schriftsteller dieser Kragenweite gibt es hier nicht. …
Was die westlichen Gesellschaften brauchen, hat Snyder einmal aufgelistet: Mehr Frauen in der Politik; religiöse Sichtweisen, die Natur nicht ausschließen und Wissenschaft nicht fürchten; politische Führer, die in Schulen, Fabriken oder auf Bauernhöfen gearbeitet haben und Gedichte schreiben; Intellektuelle, die Geschichte und Ökologie studiert haben und gerne tanzen und kochen; Dichter, die sich nicht um die Literaturkritik kümmern. „Aber was wir am meisten brauchen, sind Menschen, die die Erde lieben.“ / Olaf Velte, FR 8.5.
In der Jugend schwankte er lange zwischen Lyrik, Musik und Malerei. Lange galt er eher als Kleinmeister, heute rechnet man ihn zu den originellsten Künstlern des 20. Jahrhunderts. Bei einer Tunesienreise 1914 überwältigen ihn die Farben. Das Museum der Orangerie stellt sein Werk aus, das zum Ursprung der Welt zurückzugehen scheint. / Véronique Prat, Le figaro 7.5.
Bis Ende Juni ist seine Ausstellung im Mumok zu sehen; diesen Freitag tritt der (Sprach-)Künstler im Wiener Akademietheater auf
Mit Andrea Schurian sprach Gerhard Rühm über Religion, Provokation und Grenzerfahrungen.
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Standard: Sie sind heuer im Februar 80 geworden und unglaublich aktiv: Sie unterrichten, stellen aus, treten auf, publizieren: Denken Sie je ans Aufhören?
Rühm: Das wäre mein Tod. Ich habe noch so viele Ideen, ich muss mindestens noch zehn, fünfzehn Jahre leben, um wenigstens die wichtigsten umsetzen zu können.
Standard: Eine verwirklichen Sie jedenfalls am Freitag im Akademietheater: Neben Ihren berühmten Sprechduetten mit Ihrer Frau Monika Lichtenfeld wird es eine Uraufführung geben. Was wird das sein?
Rühm: Es heißt Gespräch über Schweigen und Verjährung und basiert auf einem Zeitungsinterview eines Missbrauchsopfers. Ein Sprecher – der Pianist – stellt die Fragen, das Klavier spielt die Antworten. Ich übertrage die Laute des Textes auf Töne am Klavier, das heißt, es wird im Duktus des Sprechtextes weitergeführt, nur versteht man den Text nicht. Wenngleich man aus den Fragen errät, wie die Antworten sein könnten. Darum geht es: um das Schweigen und Verschweigen. (…)
Standard: Warum ist gerade die katholische Kirche offenbar so anfällig für sexuellen Missbrauch?
Rühm: Missbrauch kommt auch in der protestantischen Kirche vor. Es liegt am total verkorksten Sexualdenken des Christentums überhaupt. Das Schöne am Hinduismus und anderen östlichen Religionen ist ja ihr völlig entspanntes Verhältnis zum Sexuellen. So verkrampft in Sachen Sexualität sind nur monotheistische Religionen, orthodoxes Judentum, Christentum und Islam.
Standard: Beschäftigen Sie sich viel mit Religionen?
Rühm: Ja. Ich besitze eine große religionswissenschaftliche Bibliothek. Natürlich finde ich die Bibel ein großartiges Buch, vor allem in der Luther-Übersetzung. Aber ich halte Religion – mit Ausnahme des Zen-Buddhismus, für den ich eine große Schwäche habe – für ein großes Übel und für Volksverdummung. Ich bin ein Gegner von Religionen. / Standard 5.5.
Im islamischen Königreich Saudi-Arabien steht „Tausendundeine Nacht“ auf dem Index. In Kairo befasst sich der Generalstaatsanwalt gerade mit einer Klage gegen das Werk, die eine Gruppe von Anwälten eingereicht hat. Die empörten Muslime fordern, die Verantwortlichen einer Behörde zu verurteilen, die kürzlich eine vom Kulturministerium subventionierte Ausgabe auf den Markt brachte. Die zwei Bände, die extrem günstig angeboten wurden, waren rasch ausverkauft. Ein Exemplar des Buches, das von hübschen Sklavinnen, listigen Händlern und abenteuerlustigen Königen handelt, fiel auch den sittenstrengen ägyptischen Anwälten – zwei Frauen und acht Männer – in die Hände. Am 17. April übergaben sie den Justizbehörden eine Klageschrift. Darin zitieren sie einige Passagen aus dem Werk, die aus ihrer Sicht anstößig sind und deshalb „der öffentlichen Moral schaden“. In diesen Auszügen geht es unter anderem um erotische Spielchen und die Frage, wie man Erektionsprobleme beheben kann. / Anne-Beatrice Clasmann, Die Berliner Literaturkritik 3.5.
Tausendundeine Nacht. Übersetzung von Dr. Claudia Ott. Verlag C.H.Beck, München 2009. 704 S., 29,90 €.
Wien sei, ähnlich wie sonst nur Berlin, „ambivalent: Die Stadt kann pure Literatur erzeugen“, sagte Schindel. Dabei sei es ihm kaum möglich, Themen für seine Lyrik und Prosa zu wählen: „Es schreibt aus einem heraus“, erklärte er das Dichten. Und dass es eine schwere Arbeit sei, das Schreiben. „Erst in letzter Zeit fällt es mir etwas leichter“, ließ Schindel seine Zuhörer wissen, die seine wie spielerisch gedrechselte und doch scharf geschmiedete Lyrik und Prosa um so mehr genossen. / Brigitte Hess, Stuttgarter Nachrichten 7.5.
Herr Djerassi, wollen Sie überhaupt noch über die Pille reden?
Haha, die Frage gefällt mir. Die Antwort ist: Nein!
Warum nicht?
Weil ich seit einer Ewigkeit über nichts anderes reden muss. Ich führe aber jetzt ein anderes Leben, ich schreibe seit 20 Jahren Theaterstücke, Gedichte und Romane, ich bin ein intellektueller und literarischer Schmuggler und befasse mich nur mit Themen, die mich interessieren.
Sex und Liebe sind der rote Faden in Ihrem Werk.
Das stimmt – aber auch verbunden mit Naturwissenschaft. Wie verändern sich Sexualität und Liebe in Zeiten technischer Reproduzierbarkeit? Zuletzt habe ich mich allerdings mit jüdischer Identität befasst und das beste und wichtigste Buch meines Lebens geschrieben, aber da ging es eben gar nicht um die Pille. Also dürfte Sie das wohl kaum interssieren …
Ich muss zugeben, dass die sexuelle Revolution, die ohne die Pille undenkbar gewesen wäre, für mich persönlich sehr wichtig war. Ich habe in San Francisco gelebt, das vielleicht das aggressivste Zentrum dieser Revolution war. Ich habe darüber sogar ein Gedicht geschrieben, es heißt „Die Uhr läuft rückwärts“. Da beschreibe ich das sehr ehrlich.
Würden Sie es aufsagen?
Es handelt von einer rückwärts laufenden Uhr, die ein Mann zum Geburtstag geschenkt bekommt:
Amüsant – genau das Geschenk für den Mann, der alles hat
Wie faustisch, dachte der Freund
Als die Zeiger die 50 ereichten, hielt er sie an: Bücher, Hunderte von Artikeln, Dutzende von Ehren
Nicht schlecht, dachte er, die Uhr gefällt mir
Doch 50 war auch die Zeit, als seine Ehe zerbrochen war …
/ FR 7.5.
(Das Gedicht geht weiter – Zeileneinteilung ist online unsichtbar, ebenso wo genau es anfängt und aufhört)
Göppingen. Lyrische Visionen von Moses Rosenkranz sind am Sonntag ab 17 Uhr im Göppinger Stadtmuseum im Storchen zu erleben. In einem Vortrag mit Lesung wird an den bedeutenden Dichter erinnert.
Fast 100-jährig starb Moses Rosenkranz 2003 im Schwarzwald, wo er seit der Nachkriegszeit mit seiner Frau Doris Rosenkranz lebte. Die Witwe, deren fotokünstlerisches Werk derzeit im Museum im Storchen zu sehen ist, gab nach dem Tod ihres Mannes einen Band mit seinen Gedichten unter dem Titel „Visionen“ heraus, für den sie auch ein Nachwort schrieb. …
Als Dichter machte sich Rosenkranz bereits in den 1930ern einen Namen, in diesem Zeitraum erschienen drei Gedichtbände. Erst in den 1980er Jahren erschien das zweibändige Werk „Im Untergang“. Sein Untertitel „Ein Jahrhundertbuch“ verweist auf die Grundthematik der darin versammelten Gedichte. Erst 1998, mit Erscheinen des Gedichtbandes „Bukowina“ und vor allem mit „Kindheit – Fragment einer Autobiografie“ (2001) begann ein später Ruhm – da war Moses Rosenkranz schon über 90 Jahre alt. / Südwestpresse
VERNISSAGE Galerie Musenstube:
http://www.musenstube.de/galerie.html
8. Mai 2010, offen ab 18.30 Uhr, Aktionismus ab 19 Uhr
De Toys ist zwar als Lyrik-Performer bekannt, aber wenige wissen, daß er mit MALEREI begann und diese zeitlebens ernster nahm als seine Gedichte. Sogar seine Erfindung der QUANTENLYRIK (2001) resultierte aus der Vision, die integral-impressionistische Bildsprache in transrealistische Wörter zu ÜBER-setZen. Seine Werke gelten als Angewandter Lochismuß und berufen sich auf Turner, Monet & Mondrian.
Tom de Toys (1968-2091) wartet der Musenstube auf, nicht wie man es von ihm gewöhnt ist mit Wahrheit und Dichtung, sondern ganz visuell mit Werken seines Integralen Impressionismuß anläßlich des 20-jährigen Jubiläums dieses neuen “transrealistischen” Stils: Von ausgewählten Miniformaten (auf Industriekarton) bis zu einem brandneuen Großformat (auf Bettlaken) zeigt der Neuköllner Künstler erstmals Zeichnungen, Skizzen und Vorstudien zu seinem großen philosophisch-forscherischen Thema des Lochismuß in bildnerisch angewandter Form.
Mehr Backgrounds zum Künstler: http://www.transrealistik.de
AKTIONEN:
19h PERFORMANCE: Mini-Lochismuß-Perhappening, siehe beispiele unter http://www.beingcomplete.de
Die deutsche Schriftstellerin Ulrike Draesner erhält den mit 20’000 Franken dotierten Solothurner Literaturpreis. Die Jury würdigt damit die „sprachliche Leidenschaft und brennend aktuellen Diskurse“, die in ihrer Prosa und Lyrik „zu einer aufregenden Einheit“ finden.
Die am 20. Januar 1962 in München geborene Ulrike Draesner schreibt laut Jury „gestochen präzise Erzählprosa, fundierte Essayistik und eigensinnig kraftvolle Lyrik“. Daneben erarbeitet sie mit anderen Autoren und Künstlern „intermediale“ Projekte, so 2002 ein begehbares „space poem“. … In ihrer Lyrik „konfrontiert sie das lyrische Pathos stets mit wachem Gegenwartsbewusstsein“, lobte die Solothurner Jury. / swissinfo.ch
Nicht von Goethe und Schiller sollen die Gedichte sein, die jene sächsische Zeitung todesmutig drucken will, und auch nicht von Hinz und Kunz. Die ersteren sind mir bekannt, und ich ahne auch, warum sie sie nicht unbedingt drucken wollen (obwohl es die eine und andere sächsische Spur dort auch gibt). Aber wer sind Hinz und Kunz, und warum kommen sie zum Abdruck nicht in Frage? Der Metallarbeiter Günter Hinz („ich schreibe ungebeten“) stammt aus Essen, okay: vielleicht der rechte Mann, aber am falschen Platz. Der Berliner Expressionist Hugo Hinz (1894-1914), die Pommern Erich Karl und Johannes Hinz, Ulrich P. Hinz aus Nienberg oder auch der Berliner Marco Kunz (Jahrbuch der Lyrik) fallen gleichfalls heraus.
Nicht ganz so einleuchtend, warum Nadine Hinz von vornherein ausgeschlossen ist, die in der in Dresden erschienenen Sammlung „Das Spinnennetz der Sappho“ erotische Verse veröffentlichte. Und was ist mit Gregor Kunz, der zwar 1959 in Berlin geboren wurde, aber dann in Forst und Cottbus aufwuchs und nach Dresden ging, wo er schrieb (und auch: worüber). Ich kenne und besitze Poet’s Corner 13 (Berlin: Unabhängige Verlagsbuchhandlung Ackerstraße 1992) und fand ihn in Anthologien und Zeitschriften wieder, u.a. neue deutsche literatur, Sklaven, Sklavenaufstand und Gegner. Also schon dafür: hinsehenswert.
Die Romantiker sind nicht romantisch, sage ich oft. Um 1800 entstehen viele der Probleme, die uns heute beglücken und quälen, und nicht Goethe und Schiller, sondern die jungen Leute in Jena, Weißenfels, Halle oder Göttingen sahen sie zuerst. Davon spricht dieses Zitat aus einem klugen Buch von 1967. Gut geschrieben obendrein – ich könnte sie ununterbrochen zitieren:
Ein wesentliches Feuerzeichen der Revolte war, daß man sich sprachlich voneinander absetzte. Künstler und Bürger beginnen in allen Städten Europas aneinander vorbeizusprechen. Das ergibt eine neue Sprache, in der hinter dem Gesagten immer mehr ist, als gesagt wird. Man steckt mit diesen konstruierten und auch vernetzten Formen die Distanz zum Biedermann ab. Sprache wird eine neue Aufgabe. Im dichtstrukturierten Dasein der Stadt hat Kunst sich anders zu behaupten. Sie ist als höchste menschliche Vollendung längst in Frage gestellt. Sie ist eine umstrittene Tatsache geworden und hat ein Existenzproblem. Durch ganz Europa geht die Unruhe des Stadtmenschen, die verblüfft, virtuos, reizvoll und gespannt in einer poetischen Weltsprache den Umbruch zu neuen Ordnungen unternimmt. Man versucht die labile Welt mit ästhetischen Mitteln zu meistern, vom Ungesicherten ins Sublime vorzustoßen. Es bereitet sich das Nietzschewort vor – die Welt ist im tiefsten Grund ein ästhetisches Phänomen –, das nicht durch Wissen und Sittengesetze ausgeschöpft werden kann. Und gerade dieser Umstand hat die angelsächsischen Länder immer wieder veranlaßt, die deutsche Romantik, an der ihnen die Verantwortung für Fortschritt und Wahrheit zu fehlen schien, als Stimmungsmache in Verruf zu bringen.
In: Marianne Thalmann: Zeichensprache der Romantik. Heidelberg: Lothar Stiehm Verlag, 1967, S. 12.
Bereits mit seinem ersten Gedichtband „Violine und andere Fragen“ brachte er es in seiner Heimat als Dichter zu einiger Berühmtheit. Typisch für seine Poesie sind die zahlreichen Heteronyme, Gelman begnügt sich nicht mit einem alter ego, sondern erfindet, in einem Spiel aus Masken und Simulationen, immer wieder neue: ob John Wendell oder Yamanokuchi Ando, ob Julio Greco oder Jose Galvan, hinter allen diesen fiktiven Personen verbirgt sich immer derselbe, Juan Gelman. …
„Die Poesie“, hat er einmal gesagt, „ist vor allem ein stetiges Hinterfragen. Die Wirklichkeit hat derart viele Gesichter, dass es schwierig ist zu wissen, welches das wahre Gesicht ist.“
Die „äußerste Einsamkeit des Exils“ hat Gelman auch dazu gedrängt, sich auf die Suche nach den Wurzeln einer (seiner) fast vergessenen Sprache zu begeben, des Sephardischen. Das Sephardische, dem heutigen Spanisch sehr ähnlich, ist eine alte jüdisch-spanische Sprache; „Dibaxu / Debajo“ (Darunter) heißt der Zyklus von Gedichten, den Gelman 1984 zweisprachig veröffentlichte (und der auch, im Verlag der Kooperative Dürnau, 1999 dreisprachig, auf Sephardisch / Spanisch / Deutsch erschienen ist).
„Sieh nur: / ich bin ein zerbrochenes Kind / ich zittere in der Nacht / die von mir fällt“, heißt es dort. Es ist in diesen Gedichten die Liebe, die einen kleinen Vorrat an Hoffnung gewährt. Geschichte ist bei Gelman, wie bei vielen lateinamerikanischen Lyrikern, oft genug vor allem Leidenserfahrung. Doch gibt es in diesem Werk eben auch den glühenden Augenblick – der Liebe und des Körpers: „…mein Herz ist eine zerkratzte Schallplatte / sie dreht sich immer um dich / sie hält, sobald sie deine Schönheit trifft.“
Im Zürcher teamart-Verlag ist eine der schönsten deutschsprachigen Ausgaben der Gedichte dieses bedeutenden Lyrikers erschienen, „Spuren im Wasser“, übersetzt und sehr kundig eingeleitet von Juana und Tobias Burghardt. / Volker Sielaff, Dresdner Neueste Nachrichten 3.5.
Seit kurzem erst ist Homosexualität in Indien straffrei, nun soll erstmals eine Kuss-Szene zweier Männer in „Dunno Y . . . Na Jaane Kyun“ auf der Leinwand gezeigt werden. Bisher wurden Küsse aller Art im indischen Kino durch farbenprächtige Einstellungen auf Blumenfelder oder Wasserfälle symbolisiert. / Süddeutsche 27.4.
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