Sind Sie religiös erzogen?
Nein. Ich habe eine Zeit lang noch an einen Gott geglaubt – aber der hat sich zunehmend vergeistigt, und irgendwann war er ganz weg. Die jüdische Religion ist ja wie alle biblischen Religionen frauenfeindlich. Auch wenn es heute weibliche Rabbis gibt, ich weiß: Sie werden sich nur die Köpfe blutig schlagen. Im Judentum sind zehn Männer eine Gemeinde. Keine Frauen. Männer. Und ich habe spät erfahren, dass es ein Morgengebet gibt, in dem sich die Männer beim Herrgott dafür bedanken, dass er sie nicht als Frau erschaffen hat.
Der Protestantismus ist in diesem Punkt am weitesten.
Da lohnt sich ein genauerer Blick. Warum gibt es etwa so wenige protestantische Autorinnen*? Die Klöster haben auch mit sich gebracht, dass Frauen am geistigen Leben teilnehmen durften. Man denke nur an die Nonnenlyrik. Bei den Protestanten war eine nicht verheiratete Frau eine alte Jungfer. Oft verkehrt sich ein Nachteil so in einen Vorteil.
/ Ruth Klüger, Die Presse 6.6.
*) Aber in Greifswald haben wir eine: Sibylla Schwarz, 1621-1638, die hat sich als Mädchen das Recht ertrotzt, am geistigen Leben teilzunehmen und war keine alte Jungfer. Man nannte sie die pommersche Sappho, die zehnte Muse, die pommersche Sibylle. Ich nenne sie jetzt die protestantische Dichterin. Den weiblichen Opitz. Den Widerstand ihrer (männlichen) Kritiker beschrieb sie im Motiv des Neides, wie hier:
Ein Gesang
wieder den Neidt
HAtt zwar die Mißgunst tausendt Zungen /
Und mehr dan tausend ausgestreckt /
Und kompt mit macht auf mich gedrungen /
So werd ich dennoch nicht erschreckt;
Wer Gott vertrawt in allen dingen /
Wirdt Weldt / wird Neidt / wird Todt bezwingen.
Hör ich gleich umb und umb mich singen
Die sehr vergifftete Siren;
So soll mich dennoch nicht bezwingen
Ihr lieblichs Gifft / und hell gethön;
Ich will die Ohren mir verkleben /
Und für sie frey fürüber schweben.
Gefellt dir nicht mein schlechtes Schreiben /
Und meiner Feder edles Safft /
So laß nur balt das Läsen bleiben /
Eh dan es dir mehr unruh schafft;
Das / was von anfang ich geschrieben /
Wird kein verfalschter Freund belieben.
Weistu mich gleich viel für zuschwetzen /
Von meiner Leyer ab zustehen;
So soll mich doch allzeit ergetzen
Das Arbeitsahme müssig gehen;
Laß aber du dein Leumbden bleiben /
Damit du mich meinst auff zureiben.
Ich weiß / es ist dir angebohren /
Den Musen selbst abholt zu sein /
Doch hat mein Phoebus nie verlohren /
Durch deine List / den hellen Schein;
Die Tugend wird dennoch bestehen /
Wen du / und alles wirst vergehen.
Ein grimmes Thier hat dich erzeuget /
Die Höllgöttinnen haben dich
An ihrer harten Brust geseuget /
Und Momus nennt dein Vater sich;
Dein Vaterland ist in der wüsten /
Da Basilisk und Eulen nisten.
Solt ich üm deinet willen hassen
Den allzeit grünen Helicon /
Und mich zu dir herrunter laßen /
So hett ich warlich schlechten Lohn.
Nein / ich bleib auf Parnaßus Spitzen /
Du magst in Plutons Reiche sitzen.
Was würde wol mein Phöbus sagen /
Wen ich das grüne Lohrberlaub
Mir würde selbst vom Häupte schlagen /
Und werffen in der Erdenstaub?
Euterpen würd es ja verdrüßen /
Wenn Ihre Magd wehr außgerißen.
Thalia würd es hoch empfinden /
Und Clio würde zürnen sehr /
Ließ ich die werthe Leyer hinden /
Und liebte Neid und Leümbden mehr:
Drüm laß nur ab mit deinen Rencken /
Mein zartes Alter baß zu krencken /
Vermeynstu / daß nicht recht getroffen /
Daß auch dem weiblichen Geschlecht
Der Pindus allzeit frey steht offen /
So bleibt es dennoch gleichwohl recht /
Daß die / so nur mit Demuht kommen /
Von Phoebus werden angenommen.
Ich darf nun auch nicht weitergehen /
Und bringe starcke Zeugen ein;
Du kanst es gnug an disem sehen /
Daß selbst die Musen Mägde sein:
Was lebet soll Ja Tugendt lieben /
Und niemandt ist davon vertrieben.
Gantz Holland weiß dir für zusagen
Von seiner Bluhmen Tag und Nacht;
Herrn Catzen magstu weiter fragen /
Durch den sie mir bekant gemacht:
Cleobulina wird wol bleiben /
Von der viel kluge Federn schreiben.
Was Sappho für ein Weib gewesen
Von vielen / die ich dir nicht nenn /
Kanstu bey andern weiter lesen /
Von den ich acht und fünffzig kenn /
Die nimmer werden untergehen /
Und bey den Liechten Sternen stehen.
Sollt ich die Nadel hoch erheben /
Und über meine Poesey /
So muß ein kluger mir nachgeben /
Daß alles endlich reisst entzwey;
Wer kann so künstlich Garn auch drehen /
Das es nicht sollt in stücken gehen?
Bring alles her auß allen Enden /
Was je von Menschen ist bedacht /
Was mit so klugen Meister Händen
Ist jemahls weit und breit gemacht /
Und laß eß tausend Jahre stehen /
So wird es von sich selbst vergehen.
Wo ist Dianen Kirch geblieben?
Des Jupters Bild ist schon davon;
Sind nicht vorlengst schon auffgerieben
Die dicken Mauren Babilon?
Was damahls teuer gnug gegolten /
Wird jetzt für Asch und Staub gescholten.
Doch daß / was Naso hat geschrieben /
Was Aristoteles gesagt /
Ist heut bey uns noch überblieben /
Und wird auch nicht ins Grab gejagt /
Sie leben stets und sind gestorben /
Und haben ewigs Lob erworben.
Was uns die Schar der Klugen lehret /
Wird heut noch durch der Feder Macht /
Auff Fama Pfeiffen angehöret /
Und uns zur Nachricht fürgebracht /
Ihr Lob wird weit und breit erschallen /
Bis alles wird zu Boden fallen.
Wan selbst das weite Rund von innen
Auch wehre lauter schwartze Dint /
So wird es doch nicht leschen können /
Wes man von den geschrieben findt /
Die mit geflügelten Gedancken
Nicht von der Weißheit bahne wancken.
Mein Opitz (dem das Lob gebühret /
Das Teutschlandt / seiner Sprachen Pracht
Und edlen Leyer halben führet /
Weil Er den anfang hat gemacht)
Wird billig oben an geschrieben
Bey den / die Kunst und Tugend lieben.
Sein Lob wird nicht verdecket werden /
Kein Neid verbirget seinen Preiß /
Weil selbst das große Rund der Erden
Mit seiner Kunst zu pralen weiß;
O möcht ich halb so guht nur singen /
Und so den Thon der Leyer zwingen!
Laß nur / O Neid! dein Leumbden bleiben /
Ich weiß es ohn dich mehr als wol /
Wen ich nicht mehr Poetisch schreiben /
Undt dieses hinterlassen soll.
Ich wil mich in die Zeit wol schicken /
Du solt mich doch nicht unterdrücken.
Ich wil hinfüro GOTT vertrawen /
Von dem soll sein mein Tichten all /
So kan mich auch für dich nicht grawen /
Drüm sag ich billig noch einmahl:
Wer GOTT vertrawt in allen Dingen /
Wird Welt / wird Neid / wird Todt bezwingen.
Lesebühne tEXTRAbatt. Lyrik Live
Am 7. Juni kommt die Lesebühne tEXTRAbatt nach Greifswald ins Koeppenhaus. Seit Juni 2009 stehen die tEXTRAbatt-Gründerinnen Odile Endres, Silke Peters und Irmgard Senf jeden zweiten Dienstag im Monat auf der Bühne im Speicher am Katharinenberg in Stralsund – Ulrike Sebert ist seit September 2009 mit von der Partie.
Die Lyrikerinnen bringen auch musikalische Gäste mit: Katrin Möller-Lazarus (Querflöte) und Wieland Möller (Drums, Jazz- und Experimentalmusik). Poesie und Musikimprovisation werden sich an diesem Abend zu einem spontanen Sprach-Klang-Gewebe verbinden. Lassen Sie sich überraschen!
Der Leipziger Literaturverlag feiert den Sommer. Zum diesjährigen Sommerfest
am Freitag, den 02.07.2010, ab 18 Uhr
gibt es reichlich Literatur, Kunst und Kulinarisches. Jürgen Große liest aus seinem preisgekrönten Aphorismenband „Fünf Zeitbilder“, dazu stellt die Berliner Künstlerin Elke Pollack ihre bildnerischen Arbeiten aus. Zu schmackhaften Häppchen entpuppen neue Inskriptionen-Autoren ihre Identität – und lesen, was das Zeug hält …
::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::
Aus den geschichtsphilosophischen Glossen „Fünf Zeitbilder“ liest der Berliner Freigeist Jürgen Große, der am 11. Juni 2010 (!) mit dem Günter-Bruno-Fuchs-Preis geehrt wird. Literarisch herausfordernd und scharfsinnig zugleich pointiert Große, wie jede Auflehnung gegen die Zeit – und gegen ihre selbsternannten Agenten – zum Scheitern verurteilt ist. Keine Niederlage jedoch gleicht der anderen. Alles hängt davon ab, wie man sie zu ertragen versteht. In den fünf Kapiteln seines Buches zeigt der Autor fünf Haltungen, mit denen Menschen sich ihre Ohnmacht gegen die Zeit erträglich machen: Sarkasmus, Wehmut, Resignation, Ironie, Heiterkeit.
Veranschaulicht wird dieses Sisyphosschicksal durch großformatigen Monotypien und Mischtechniken Elke Pollacks. Ihre holzschnittartigen Figuren wirken komisch, fast einfältig vor den komplex strukturierten Hintergründen. Sie symbolisieren Menschen auf ihrer Suche nach der Wahrheit in einer undurchschaubaren Welt aus vielschichtigen Oberflächen. Elke Pollack wurde für ihr Werk mit dem IMPULSE Kunstpreis 2010 ausgezeichnet.
Ist es ein wortverliebtes Geflüster im Netz? Eine Textschlacht ohne Gesicht? Oder ist es ein kollektives Experimentieren mit den Möglichkeiten des Digitalen? Die gedruckte Ausgabe ist die Jahresbilanz der INSKRIPTIONEN mit Beiträgen von Patrick Beck, Thomas Böhme, Wassili Busskläff, Maria Clara, crysantheme, Flo, karolin, Herbert Kollenz, Roy Kral, Nurio Quevadis, J. W. Rosch, Lena Ryschkova, Arno Schmidt, Tan Go & Zhenja. Die Anthologie summiert unnütze, kollabierende, hermetische, hermeneutische, orthopädische, asklepiadeische, elegisch wimmernde, im Plusquamperfekt oder im Indikativ träumende Hymnen und Geschichten ohne Inhalt – Anzeichen luziden Wahnsinns.
Das Mainzer Literaturschiff legt am 10. Juni um 18.30 Uhr an der Anlegestelle Fort Malakoff ab und lädt zur Mitfahrt ein.
Mit an Bord sind die Autoren Ulrike Draesner und Markus Orths. / Allgemeine Zeitung
Ein Leserin fragt:
Sie haben nicht zufällig das Gedicht „One Cent Life“ von Walasse Ting oder können mir sagen, wo ich es finde? Ich sah kürzlich in einer Ausstellung eine Lithographie von ihm, auf der es zu lesen war
Nein, ich habe es leider nicht. Nicht ganz meine Preisklasse. Auch die meisten Bibliotheken, auch wissenschaftliche Bibliotheken, werden es sich nicht leisten können. So heißt eine bis 5, 6 Tausend Euro teure Mappe mit Gedichten des chinesischen Künstlers und Originalgrafiken vieler der berühmtesten und teuersten Künstler der Welt. Die Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf hatte das Glück, es geschenkt zu bekommen und stellte es 2002 aus. Sie schrieb dazu:
One Cent Life: Mit Gedichten von Walasse Ting, herausgegeben von Sam Francis erschien 1964 im Verlag der Berner Galerie Kornfeld.
Der Band enthält 62 teils farbige, doppelblattgroße Original-Lithographien und zahlreiche Textillustrationen und wurde in losen Bogen in einer farbig illustrierten Leinenmappe herausgegeben. Seine Auflage betrug 2000 Exemplare. Das berühmte, kühn gestaltete Künstlerbuch der sechziger Jahre bildet eine Synthese europäischer und amerikanischer Avantgarde die von abstraktem Expressionismus und Tachismus bis zur Popmalerei reicht. Mit Original-Farblithographien von Pierre Alechinsky, Karel Appel, Enrico Baj, Alan Davie, Jim Dine, Sam Francis, Robert Indiana, Asger Jorn, Roy Lichtenstein, Claes Oldenburg, Robert Rauschenberg, James Rosenquist, Andy Warhol, Tom Wesselmann u.a.
Das Exemplar der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf ist ein großzügiges Geschenk von Herrn Jörg-Michael Bertz (Vice President, Sotheby’s Germany).
Googlesuche nach „one cent life“ (in Anführungsstrichen) findet Seiten von Antiquaren, von denen einige Faksimiles im Netz zeigen. (Einzelblätter kann man für bis zu 500 Euro kaufen – teure Gedichte.) Die Abbildungen im Netz sind oft so klein, daß man den Text der Gedichte kaum lesen kann. Es lohnt sich trotzden zu suchen, vgl. hier. Auch über die englische Wikipedia findet man vieles. Ein Blatt mit gerade diesem Text, „one cent life“, konnte ich im Netz nicht finden.
Dafür aber zufällig die traurige Nachricht, daß der chinesisch-amerikanisch-niederländische Künstler-Dichter vor kurzem gestorben ist:
|
Eine bezahlbare Ausgabe seiner wunderbaren Gedichte scheint es bisher nicht zu geben, und so bleiben es Gedichte für Zahlungskräftige.
Vgl. L&Poe 2010 Feb #42. Meine Anthologie: Walasse Ting
Die Summe des poetischen wie politischen Werks des englischen Autors John Berger: „A und X“, eine Liebesgeschichte in Briefen.
Als A’ida, von Beruf Apothekerin, auf dem Markt zufällig einem Mann begegnet, dem sie vor ein paar Jahren mit einer Portion Zucker das Leben gerettet hat, lädt er sie zum Dank auf einen Kaffee ein. Dabei erfährt sie, dass er als Straßenkehrer arbeitet, morgens und abends aber seiner eigentlichen Berufung folgt und Gedichte schreibt: „Vielleicht schreibt kein Dichter mehr als ein einziges Gedicht, und es dauert sein Leben lang. Er glaubt, er schreibe an mehreren kurzen Texten, aber in Wirklichkeit sind es nur Teile von einem einzigen langen.“ Und als A’ida ihn fragt, wovon dieses eine lange Gedicht handle, antwortet er: „Es preist das Leben und seine Fülle.“ / Andreas Wirthensohn, Wiener Zeitung 5.6.
John Berger: A und X. Eine Liebesgeschichte in Briefen. Aus dem Englischen von Hans Jürgen Balmes. Hanser, München 2010, 208 Seiten, 19,40 Euro.
Alles anders machen — neue Konzepte, neue Bücher, http://www.roughbooks.ch.
Jetzt erschienen: Christian Filips, Heiße Fusionen
http://www.roughradio.com/christian filips/heisse fusionen.html <http://www.roughradio.com/christian%20filips/heisse%20fusionen.html>
In Vorbereitung: Elke Erb, Meins
http://www.roughbooks.ch/elke erb/meins.html <http://www.roughbooks.ch/elke%20erb/meins.html>
In Fortsetzung: Werner Hamacher, 95 Thesen zur Philologie
http://de.wordpress.com/tag/werner-hamacher/
Blacklist: Noëlle Revaz, Von wegen den Tieren
http://www.roughbooks.ch/blacklist/noelle revaz/von_wegen_den_tieren.html <http://www.roughbooks.ch/blacklist/noelle%20revaz/von_wegen_den_tieren.html>
Diese Bücher gibt es nur direkt bei mir. 50 Bestellungen garantieren Zukunft.
Mit freundlichem Gruß
Urs Engeler
http://www.engeler.de
http://www.roughbooks.ch
http://www.zdz-online.com
http://www.engeler-verlag.com
Dorfweg 9b, CH-4718 Holderbank SO
Telefon 0(041)62 390 02 83
Skype oursengeler
Zunächst stellt Kai Köhler in seiner Rezension zu Anette Loses Verzeichnis Hacks und seine Rezeption vor und bemerkt unter anderem:
Die Literaturwissenschaft hat nicht nur aufgrund von Datierungsproblemen die Beschäftigung mit diesem Korpus meist gescheut: Die Selbstverständlichkeit, mit der sich Hacks tradierter Formen bediente und mit der er sie weiterentwickelte, widerspricht dem geläufigen literaturgeschichtlichen Muster, nach dem die Moderne im Verzicht auf Reim und Metrum und in der Absage an Genres wie Ode, Elegie oder Sonett gipfelt. Erst seit kurzem gewinnt die Erkenntnis an Boden, dass die Absage ans Alte nur so lange provozierte, wie das Alte noch vorherrschte, und dass seitdem formlose Öde droht. Das ist eine Lage, in der man wieder beginnen kann, die Produktivität überkommener Muster zu erproben.
Der letzte Satz klingt ein wenig nach Pfeifen im Walde, wie etwa auch die von Norbert Hummelt jüngst ausgerufene George-Renaissance (siehe Mai 142) aber man liest es dennoch gern. Weiter unten stellt er fest:
Hacks ist denn auch schon bevor er 1955 in die DDR übersiedelte, mit seiner Verbindung zum Münchner Kabarett, ein gern komponierter Autor gewesen und dies stets geblieben. In welch beeindruckendem Maße, das zeigt das von Annette Lose vorgelegte Verzeichnis der Vertonungen seiner lyrischen Werke.
Der ganze Artikel auf Literaturkritik.de
Nach Entscheidung der Jury ( Franz Josef Czernin , Thomas Eder sowie des letztjährigen Preisträgers , herbert j. wimmer ) wurden die diesjährigen Heimrad- Bäcker- Preise zuerkannt an “Salon“- und “Literatur als Radiokunst“- Autorin Brigitta Falkner sowie an Anja Utler ( “Literatur als Radiokunst” , Förderpreis ) / Mehr
Herzliche Höreinladung
ORF- Kunstradio, Sonntag, 6. 6. 2010, 23:03 Uhr
In der Reihe „Literatur als Radiokunst“ im Rahmen des ORF- „Kunstradio“ sind mit zwei ungewöhnlichen Autoren zwei singuläre Annäherungen an das, was man „die Literatur“ nennt, zu entdecken. Beide veröffentlichen unter Pseudonym, beide haben sich eine nicht-narrative Poetik erarbeitet. Während Stan Lafleur seit Jahr und Tag den Rhein bereist und ein performatives Kondensat seiner Erfahrungen bietet, steht bei der Künstlerin elffriede.interdiszplinäre.aufzeichensysteme das Zeichnen mit Feder und Tusche als motorischer und wortkreativer Akt im Mittelpunkt ihrer poetischen Findungen.
Beide haben in ihrem jeweiligen performativen Tun eine Poetik erarbeitet, die – aus verschiedenen Stimmen und Sounds hervorgehend – nicht linear auf ein narratives Erzählkonzept zielen, sondern eine nonlineare, polyphone Dramaturgie entwickeln. Dass aus solchen Konzepten im Radio nicht notwendig eine verkopfte, schwer verständliche Message verlautet, dankt sich der Erfahrung dem Witz des beteiligten Autoren.
So stellt elffriede.interdisziplinäre.aufzeichnensysteme in ihrem Stück “schrei zum hummel“ in ausgetüftelter Choreographie zunächst die verschiedenen Protagonisten auf den Plan: Von dem Metatext der “Expertenmeinungen” (hier formuliert sich die Poetologie der Unterfangens), grenzt sich die “nach innen gewendete” Dichterstimme distinkt ab.
Darüber hinaus gibt die auf dem Papier kratzende Tuschefeder den Konterpart zu Dichterstimme und Metatext. Lange, schweifende Linien leiten das Stück ein und bringen es zum Finale; sachtes Kratzen und Schaben geben apartes Klangmaterial ab. Man täusche sich indes NICHT in der Bedeutung, welche dieses Federlesen für die Poetik der Künstlerin darstellt: erst war die Zeichnung, die wie eine den gesamten Körper anspannende Meditation ihre kratzige Stimme erhob, bevor sich allmählich zu schreibende und zu sprechende Worte formten.
Seit Jahr und Tag bereist er den Rhein um an den verschiedensten Orten Wahrnehmungsproben zu sammeln, die er in seinem Weblog “rheinsein” in allen möglichen Genres, Sprachregistern und einem gehörigen Schuss Witz präsentiert.
Für seine Produktion im Rahmen der Reihe “Literatur als Radiokunst” hat Lafleur eine Art Natur-, Milieu- und Sprachstudie aus dem hochalpinen “Alpenrhein” mitgebracht und damit eine satirische Mélange aus teils erfundenen, teils modifizierten Sagen, welche einerseits die alpine Mythologie, anderseits die hochindustrialisierte Tourismusindustrie inhaltlich wie formal ironisieren. Mit seiner enorm variablen Stimme, einem genussvoll schönbösen Text und sowie einer einleuchtenden Rondo- Dramaturgie korrodiert Stan Lafleur virtuos die pathetische Pracht der Alpen.
(Christiane Zintzen , Kuratorin)
elffriede.interdisziplinäre.aufzeichnensysteme: schrei zum hummel (15:03) – Text + Stimme: elffriede.interdisziplinäre.aufzeichnensysteme, Ton: Robert Pavlecka
Stan Lafleur: Im Alpenrhein (15:30) – Text + Stimme: Stan Lafleur, Ton: Martin Leitner
Prokuktionsnotizen elffriede.interdisziplinäre.aufzeichnensysteme
FREITAG, 04.06., 20 UHR
LESUNG UND GESPRÄCH MIT MUSIK: „DIE GANZE WELT IM GEDICHT“
MIT DEN AUTOREN FARAJ BAYRAKDAR (SYRIEN/SCHWEDEN), MANSUR RAJIH (JEMEN/NORWEGEN), PEGAH AHMADI (IRAN/DEUTSCHLAND) UND CARLOS A. AGUILERA (KUBA/DEUTSCHLAND)
MODERATION: MATTHIAS GÖRITZ
LESUNG DER DEUTSCHEN TEXTE: THOMAS BRÜCKNER
MUSIKALISCHER RAHMEN: SHAHRAM MOGHADDAM
Immer wieder ist es gerade das Gedicht, das Erfahrung verdichtet. Dies scheint besonders zu gelten für existenzielle Situationen wie Gefängnishaft, Bedrohung, Exil. Die Poeten dieses Abends setzen sich damit auseinander. Denn sind verdichtete Worte nicht auch das Einzige, was den Bedrängten als Verteidigung gegen diejenigen bleibt, die sie bedrängen? In vielen politischen Systemen der Welt sind es gerade die Autorinnen und Autoren – und allen voran die Poeten – vor denen sich die Diktatoren fürchten. In Gedichten derart bedrängter Lyriker findet sich nicht nur traumatische Erfahrung, in ihnen scheint auch die Hoffnung immer wieder auf, dass Worte etwas bewegen, ja verändern können.
litprom beteiligt sich an diesem Abend an der weltweiten Lesung, auf der Texte des chinesischen Autors Liao Yiwu gelesen werden, ein Autor, der in China nicht publizieren kann und an Reisen ins Ausland gehindert wird. Mit der Lesung, zu der viele namhafte Autorinnen und Autoren und das internationale literaturfestival berlin aufgerufen haben, soll zugleich an das Massaker auf dem Tian’anmen-Platz in Peking am 4. Juni 1989 erinnert werden. Das in China verbotene Gedicht „Massaker“ von Liao Yiwu wird eigens für diesen Anlass von Karin Betz übersetzt.
Eintritt frei
„Ja, dieser Lyriker hat auch wieder angerufen. Dieser Lentz. Ja, ja, ja. Ich finde diese Lyrik nicht sehr gut, jedenfalls nicht für die Frankfurter Anthologie.“
Marcel Reich-Ranicki im Zeit-Gespräch zum 90. Geburtstag, Die Zeit 22, S. 63.
Um die Frankfurter Anthologie geht es auch im Zusammenhang mit Ulla Berkéwicz. MRR:
„Was hat mir diese Frau angetan! Sie wollte die Frankfurter Anthologie nicht mehr im Insel-Verlag haben. 33 Bände sind erschienen. Verrückt.“
Samstag, 5. Juni 2010, 19:30 Uhr, Eintritt: 5,- Euro
Alle Lichter
Nadja Küchenmeister präsentiert ihren Debüt-Band
Auch wenn uns viele Bilder ihres Debüts ALLE LICHTER eher beiläufig und sanft, wie »ein leise trippeln auf linoleum« erreichen – bei ihr finden wir die vielleicht berührendsten Liebesgedichte der Saison.
Buchjournal
Man kann es immer wieder lesen, wie man auch Alben immer und immer wieder hört – denn bei ALLE LICHTER bleibt es auch beim zweiten, dritten, vierten Mal überraschend. Großartiges Debüt.
WDR
Eine Chronophobikerin, die die je verhuschende Zeit qua Sprache fixiert.
Welt Kompakt
Nadja Küchenmeister, geboren 1981 in Berlin, lebt dort. Sie studierte Germanistik und Soziologie in Berlin sowie am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Ihre Gedichte wurden in zahlreichen Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Sie arbeitet für den Rundfunk, für den sie auch Hörspiele verfasst, und erhielt das Berliner Senatsstipendium (2007) sowie das Förderstipendium der Kulturstiftung Sachsen (2009).
Mittwoch, 9. Juni 2010, 19:30 Uhr, Eintritt: 5,- Euro
randnummer – Release-Lesung zur 2. Ausgabe
Mit Klara Beten, Martin Lechner, Georg Leß und Johann Reißer
randnummer geht in die zweite Runde. Das Literaturheft aus Hamburg versammelt Texte, die ihren Blick nach außen richten, weg von blanker Innerlichkeit und einem Cocooning im eigenen Brustkorb. Es geht um urbane Erfahrungen. Die Stadt ist somit Referenzpunkt der jeweiligen poetischen Reflexion. Es ist einerseits schwer, sich in der Stadt zu verirren und aus den Gewohnheiten auszubrechen – mit dem öffentlichen Nahverkehr zu fahren stellt geographisch kein Risiko dar – andererseits ist das Subjekt im Dickicht der Sprache immer schon ein umherirrendes. Verirrt man sich, wird die Umgebung, das Material zum Rätsel, das es zu entziffern gilt.
Folgende AutorInnen sind in der 2. Ausgabe vertreten und lesen an diesem Abend:
Klara Beten: geb. 1981, lebt in Berlin; Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien. Einzeltitel: luftweben, wieder, Klingenberg 2009. Mitglied im Forum der 13.
Martin Lechner: geboren 1974, lebt in Berlin. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften (Manuskripte, Edit, Bella Triste, SIC u.v.m.), 2005 die Erzählung Bilder einer Heimfahrt im Textem-Verlag sowie 2009 die Erzählung Larsen in Covering Onetti (Verlag Lettrétage). 2006 erhielt er das Alfred-Döblin-Stipendium.
Georg Leß: geb. 1981 in Neheim, NRW, wohnt und arbeitet in Berlin, Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, u.a. in Covering Onetti (Lettretage-Verlag, 2009).
Johann Reißer: geb. 1979 in Regensburg, lebt in Berlin. Derzeit Kollegiat am Graduiertenkolleg Lebensformen und Lebenswissen an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt/Oder mit Promotionsprojekt zu spracharchäologischen Verfahren in postavantgardistischer Lyrik in Deutschland. Finalist beim Open Mike 2008. Sieger beim 100 Grad Berlin Theaterfestival 2010 mit dem Theaterprojekt PlastikWorks. Veröffentlichung von Lyrik und Prosa in Zeitschriften und Anthologien.
Lettrétage Methfesselstr. 23-25 10965 Berlin Tel. (+49.30) 692.45.38 info@lettretage.de www.lettretage.de U-Bahn: Platz der Luftbrücke (U6), Mehringdamm (U7)
Der Lyriker Peter Orlovsky starb am 30.5. an Lungenkrebs. Er war 76 Jahre alt.
Er veröffentlichte vier Gedichtbände, darunter 1978 „Clean Asshole Poems & Smiling Vegetable Songs“ (nachgedruckt 1992). Er war über mehr als vier Jahrzehnte der Lebenspartner des Dichters Allen Ginsberg. / Edge Boston
Mehr: The Independent / New York Times („Dichter und Muse“) / Anne Waldman (auf der Homepage von Patti Smith)
4 Gedichte hier
Gedichte auf Spanisch
16 Great Pictures of 16 Great Authors (NSFW*)
*) „Not safe for work“ (im amerikanischen Web-Englisch soviel wie: Vorsicht, Aktfotos dabei)
Auf Deutsch: Dick Tracy’s Gelber Hut (1980)
Die Darmstädter Jury hat das Buch “ Alle Lichter“, Gedichte von Nadja Küchenmeister zum Buch des Monats Juni gewählt.
Weitere Informationen zum Buch finden sie hier.
Seit 1952 trifft sich regelmäßig eine unabhängige Jury aus Schriftstellern, Journalisten und Literaturkritikern, um aus der Vielzahl der Neuerscheinungen ein Buch besonders hervorzuheben, dessen literarische Qualität es verdient, öffentliche Aufmerksamkeit zu erzeugen.
Institutionelle Basis für die ehrenamtliche Arbeit der Darmstädter Jury ist der Verein „Buch des Monats“, der am 4. Oktober 1957 von den Gründungsmitgliedern und Juroren Editha Beckmann, Karl Friedrich Borée, Bernhard von Bretano, Kasimir Edschmid, Rudolf Goldschmidt, Ernst Johann, Heinz-Winfried Sabais, Hans-Joachim Sperr, Franz Thiess, Hermann Trog und Fritz Usinger nach fünfjähriger Jurytätigkeit ins Leben gerufen wurde. Mitglieder dieses Vereins sind außerdem weitere Autoren, auch Buchhändler, Verlage sowie literarische interessierte Personen.
Ihre Aufgabe sieht die Jury vor allem darin, belletristische Bücher auszuwählen, die eine besondere Aufmerksamkeit verdienen. Mit der Auszeichnung „Buch des Monats“ soll diesen Büchern zu einer größeren Verbreitung verholfen werden. Dabei fällt die Wahl nicht unbedingt auf literarische Bestseller. Es sind eher die stilleren Büchern, die den Juroren besonders auffallen. Manches Buch wird durch die Auszeichnung „Buch des Monats“ erst erfolgreich. Nicht Trends bestimmen das Votum, es ist allein die literarische Qualität. Die unterschiedlichsten Formen in der ganzen Breite des Genres – Erzählung, Roman, Lyrik, Reisebeschreibung, Essay, Tagebuch, Briefe und auch Memoiren – werden berücksichtigt.
Fast lückenlos ist die monatliche Auszeichnung seit Oktober 1952 verliehen worden, nur im Juli 1955 und im Juli 1956 gab es kein „Buch des Monats“.
In der Reihe „Darmstädter Schriften“, herausgegeben vom Kulturamt – Magistrat der Stadt Darmstadt sind bisher vier Publikationen zum Buch des Monats, Nr. 12 (1962), Nr. 15 (1965), Nr. 53 (1986) und Nr. 71 (1997), erschienen. In diesen Dokumentationen sind die bis 1997 ausgezeichneten Buchtitel festgehalten, Erläuterungen aus der Praxis der Jury sowie Einführungen zu ausgewählten Büchern und Leseproben, darüber hinaus auch die Biographien der Jurymitglieder nachzulesen.
Neueste Kommentare