Warum nicht mitspekulieren? Ein großer Dichter, der den Preis wohl verdient. Fest steht: sollte der syrische Dichter als Preisträger benannt werden, oder auch irgendein anderer außer X und Y, das deutsche Fernsehen wird als ersten Marcel Reich-Ranicki befragen, der im ersten Satzteil den Preisträger würdig nennen und im Fortgang Einschränkungen machen wird. Warum auch nicht.
Die Überschrift ist freilich nicht von mir, sie stammt aus dem Guardian vom 6.10. Adonis sei der lebende Beweis, daß Europa kein Monopol auf literarisches Talent hat, sagt dort Gerard Russell. Und bestätigt sogleich den seit Jahren offen gehegten Verdacht amerikanischer Kommentatoren gegen die europäischen Preisrichter.
Die Zweisprachigkeit hat ihren Preis, und zwar im österreichischen Bleiburg. Beste Prosa: Ida Paradi aus Slowenien, beste Lyrik: Michael Stöckl aus Österreich. / Kleine Zeitung
(Ob es der erste zweisprachige Literaturpreis ist, wie die Zeitung behauptet, lassen wir mal dahingestellt. Man könnte in Kanada nachfragen, oder in Dresden? Der erste in Bleiburg: das vielleicht schon.)
Der französische Schriftsteller Bernard Clavel ist tot. Wie französische Medien berichteten, starb der Autor von „Die Früchte des Winters“ am Dienstag im Alter von 87 Jahren.
Clavel schrieb mehr als 100 Werke, darunter Essays, Gedichte und rund 40 Romane. … Viele seiner Arbeiten wurden auf Deutsch übersetzt wie „Allein durch die Wildnis“, „Wo der Ahorn Früchte trägt“ und „Traumland“. / Bieler Tagblatt
Französische Nachrufe: Nouvel Obs / Figaro / Creusot Infos /
Wikipedia (frz.)
Malgré son prix Goncourt en 1968 pour Les Fruits de l’hiver, il lui sera difficile d’obtenir la reconnaissance de critiques faisant la fine bouche. Un romancier populaire est toujours suspect. Ceux-là mêmes qui le méprisaient lui feront les yeux doux lorsqu’il siégera à l’académie Goncourt, au couvert de Giono, en 1971. Une expérience de courte durée, puisque, en 1977, il en démissionna. L’affaire, à l’époque, fit grand bruit. Après son départ, il avait constaté: «Durant mes années chez les Goncourt, pour une partie de la critique, j’étais un très grand écrivain. Dès après mon départ, je ne valais plus grand-chose et les dossiers de presse avaient fondu. Ne serait-ce que pour cela, je ne saurais regretter d’être parti.» / Figaro
Aber gibt es überhaupt eine europäische Literatur? Schließlich sind Sprachgrenzen auch Literaturgrenzen. Oder müssen wir Europäer das Miteinander erst lernen? Dieser Ansicht ist der slowenische Autor Aleš Šteger, schränkt aber sogleich ein, dass trotz des Miteinander die Europäer ’nicht gleich denken, gleich fühlen oder an das Gleiche glauben‘ müssen und sollen. Viel wichtiger sei es, einen kleinen Teil der Träume zu teilen. Ein schöner Gedanke, der letztlich die Literatur auf sich selbst verweist, wie auch Robert Menasses Einwand, dass Künstler Zeitgenossenschaft nur reflektieren, nicht aber produzieren. / Hans Koch, Süddeutsche 29.9.
Gleichwohl könnten sie Entwicklungen positiv beeinflussen. Das wäre der Fall, nähme etwa die Kulturpolitik europaweit Stegers Anregung auf, jedes Kind möge in der Schule mit zumindest fünf Gedichten aus anderen europäischen Literaturen vertraut gemacht werden. Von der Poesie sagt man zwar, sie vermöge selbst das Unsagbare auszudrücken, dennoch müssen die europäischen Literaturen, um sich etwaiger Gemeinsamkeiten bewusst werden zu können, zunächst über Sprachgrenzen hinweg zueinander finden.
Vgl. L&Poe 2010 Sep #107. Europäische Literaturtage
Entdeckt bei
| CHRISTIAN HAWKEY | reads: | |
ELKE ALLOWING THE FLOOR TO RISE UP, OVER HER, FACE-UP
Alone in a room with a video camera
means you’re not alone, but lonely.
The floor closed around my lips.
I spoke from a knot. All bodies
are flexible, interlace. A forest
sliced into sections & rearranged
on a horizontal plane: go ahead,
walk on me. I have a wind-up windpipe
vulcanized by the luggage I
arrived with, which is nothing,
nothing special. Swab
my armpits for explosives.
(…)
Alle zwei Wochen sucht der Padina-Redakteur für die Hitliste fünf neue Gedichte im Internet. Unter den ausgewählten Gedichten finden sich therapeutische Gedichte, lyrisch anspruchsvolle Gedichte, Liedtexte, erste lyrische Gehversuche, Werbegedichte und die ganze andere Vielfalt des Lebens in lyrischer Ausdrucksform. Die jeweiligen Neuvorstellungen und gegebenenfalls die dazugehörigen Kurzbewertungen werden hier dokumentiert.
Zuletzt Gedichte über Suppen & Eintöpfe, Lyrikkritik, Telefon und Konjunktur.
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
There’s only so much we can do to better ourselves, and once we’ve done what we can, it still may not have been enough. Here’s a poem by Michelle Y. Burke, who lives in N.Y., in which a man who does everything right doesn’t quite do everything right.
Nocturne
A man can give up so much,
can limit himself to handwritten correspondence,
to foods made of whole grains,
to heat from a woodstove, logs
hewn by his own hand and stacked neatly
like corpses by the backdoor.
He can play nocturnes by heart.
They will not make the beloved appear.
He can learn the names of all the birds
in the valley. Not one
will be enticed to learn his.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2009 by Michelle Y. Burke and reprinted from Lake Effect, Vol. 13, Spring 2009, by permission of Michelle Y. Burke and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
In der Literaturbeilage des Neuen Deutschland u.a. über
Die Süddeutsche Zeitung dagegen hat zumindest auf der Website zur Messe gar keine Lyrikkritik.
Im Druck nicht viel: Kurzrezensionen von Peter Wawerzineks BAADER Holst-Buch und den neuen Echtermeyer auf S. 15.
Noch weniger in der Literaturbeilage der FR, nämlich nichts. Ihre Taten reden wie Politiker: Schluß mit der LYRIK, jetzt die Fakten. Wie hier:
“Gibt es außer Lyrik auch Projekte?”, hakte der deutsche Grünen-Abgeordnete Reinhard Bütikofer nach. “Zum Beispiel zur Wiederbelebung der transatlantischen Beziehungen?” / Zeit online
(Wir suchen weiter)
Dass Regina Klein Lieder von Rio Reiser singt, habe weniger mit Planung, als mit Bauchgefühl zu tun. Und mit Lyrik. Einer Lyrik, die so mancher bei dem Polit-Rocker Rio Reiser wohl nicht vermutet hätte. Einer Lyrik, die nachdenkliche Töne ebenso kennt wie verzagte Hoffnung und die sich selbst in Zeiten der sexuellen Revolution doch immer wieder nach der eigentlich spießigen Zweier-Kisten-Liebe sehnt.
So wurde die Premiere von Kleins neuem Programm «Lass uns ’n Wunder sein» neben einem echten Hörgenuss auch zu einer Entdeckungsreise durch ein Stück deutscher Zeitgeschichte hin zu einem äußerst vielfältigen Musiker, der zwar vielleicht nicht König von Deutschland war, aber dafür ein Meister deutscher Songs. / Frankfurter Neue Presse

„Selbstporträt mit Subunternehmen“
Moderation Silke Peters/ Stralsund
Am Sonntag, 10.10.2010, ab 11 Uhr, lädt der Verein der Burg Klempenow zum Poesiefrühstück in den Westflügel der Burg ein. Diese Lesereihe widmet sich schon im zweiten Jahr der zeitgenössischen Lyrik. Hier begegnen sich ungezwungen AutorInnen und LeserInnen zum gemeinsamen Frühstück und zu einer anschließenden Lesung. Diese Veranstaltungen öffnen dem Alltagsbewusstsein die zunächst einmal fremd scheinenden Innenwelten einzelner zeitgenössischer AutorInnen.
Die Lesung beginnt ca. 12 Uhr.
Das Burgcafé bereitet, ab der Zusage von zehn Gästen (bitte eine kurze Mail an mail.silkepeters@gmx.de), ein wunderbares Frühstücksbuffet vor. Bei weniger Zusagen gibt es ein Einzelfrühstück und Getränke auf Wunsch vom Burgcafé serviert.
Rainer Stolz, geboren 1966 in Hamburg, lebt als Lyriker, Sprachspieler und Momentesammler in Berlin. Veröffentlicht hat er u. a. den Lyrikband „Während mich die Stadt erfindet“ (Elfenbein Verlag, Berlin 2007) und das aphoristische Leseheft „Stuckbrüche“ (SuKuLTuR-Verlag, Berlin 2006). Gemeinsam mit Stephan Gürtler gab er die Anthologie „Feuer bitte! Berliner Gedichte über die Liebe“ (dahlemer verlagsanstalt, Berlin 2003) heraus. Er wirkt bei literarischen Gemeinschaftsprojekten mit (z. B. Kettendichtung) sowie bei Interaktionen mit Künstlerinnen und Künstlern verschiedener Sparten. Seit kurzem betätigt er sich auch als Poesievermittler, z. B. an Schulen.
Website: www.rainerstolz.de
Christian Lehnert, Theologe und Dichter aus Dresden (Librettist auch von Hans Werner Henzes Oper »Phaedra«), hat ein vielstimmiges Großgedicht geschrieben, das vordergründig vom gescheiterten Fluchtversuch eines Ostberliner Krankenpflegers handelt. …
Wie einen solch vielfach gebrochenen Text vertonen? Der Komponist Samir Odeh-Tamimi, ein seit 18 Jahren in Deutschland lebender Israeli palästinensischer Abstammung, hat erst gar nicht versucht, die Worte musikalisch zu illustrieren. Nicht Empathie wecken die Klänge beim Zuhörer, nicht Reflexion – die Musik ist eine Übertragung der dem Text innewohnenden Drastik, Zerrissenheit und Irre in oft ohrenezereißende Geräusche. Im Hörerlebnis halten Lehnerts wohlgesetzte Worte dieser Kompositionspraxis nicht stand: Ohne die Projektion des Texts an die Bühnenwand, ohne den Abdruck des Librettos im Programmheft ginge die zugrundeliegende Sprache vollends verloren. / Martin Hatzius, ND 5.10.
Wie leicht man sie doch erkennt! Der Rezensent einer Sammlung „Gedichte aus dem Nachlaß“ der „Westostberliner“ Dichterin Gisela Kraft, die im Januar diesen Jahres in Weimar starb, kennt den Zeitgeist, er kennt ihn genau* und huldigt ihm sowie dem genius loci an passendem Platz:
Möglicherweise entspricht dieser Text nicht ganz dem derzeit herrschenden Zeitgeist, der eine unverrückbare Sicht auf die Jahre der DDR zu propagieren wünscht. Eine Störung aus Weimar scheint nicht willkommen; ein umso willkommener Schluss ist dem Rezensenten deshalb das Gedicht vom Sommer 2008 »Störung II«: »… derweil wurzelzwerge kistenweis/kristalle hoch hinaus befördern/gegen bunte ballons fliegenge-/lassen erdwärts auf augenhöhe.«
/ Matthias Biskupek, Neues Deutschland 5.10.
Gisela Kraft: Weimarer Störung. Gedichte aus dem Nachlass. Hg. v. Kai Agthe. Edition Muschelkalk. Wartburg Verlag. 112 S., brosch., 11 €.
*) Wenn ich mich recht erinnere, kannte er ihn schon zu Zeiten, als das Wort „Störung“, ich zitiere einen Greifswalder Professor aus den vor-89er Jahren, „nicht zum marxistisch-leninistischen Wortschatz“ gehörte.
Die 20 Autoren für das Finale des 18. open mike am 13. und 14.11.2010 in Berlin sind benannt.
Beim 18. open mike der Literaturwerkstatt Berlin und der Crespo Foundation konnten sich 20 Autoren mit ihren Texten gegen knapp 700 Einsendungen durchsetzen und sich für das Finale qualifizieren, das am 13. und 14.11. in der WABE stattfindet.
Folgende Autoren sind nominiert: für Lyrik Isabella Antweiler (Köln), Philip Maroldt (Berlin), Stephan Reich (Münster), Jan Skudlarek (Münster), Levin Westermann (Biel, CH), für Prosa Martina Bögl (Unterföhring), Katharina Hartwell (Hanau), Judith Keller (Leipzig), Susan Kreller (Bielefeld), Anne Krüger (Berlin), Andreas Lehmann (Mainz), Janko Marklein (Hannover), Tom Müller (Tübingen), Jennifer de Negri (München), Frauke Pahlke (Berlin), Sebastian Polmans (Niederkrüchten), Christian Schich (München), Jasmin Seimann (Berlin), Jan Snela (Tübingen), Julia Trompeter (Berlin).
Die Auswahl der Teilnehmer haben sechs Lektoren aus renommierten deutschsprachigen Verlagen getroffen. Christian Döring (freier Lektor), Martin Hielscher (C.H. Beck), Marion Kohler (DVA), Olaf Petersenn (Kiepenheuer&Witsch), Christiane Schmidt (Hoffman und Campe) und Dirk Vaihinger (Nagel&Kimche) wählten aus anonymisierten Texten ihre Kandidaten aus. Während des Finales am 13. und 14. November stellen sie die Teilnehmer dem Publikum und der Jury vor.
Die Juroren Hanns-Josef Ortheil, Ilija Trojanow und Anja Utler können bis zu drei Preisträger küren. Einer der drei Preise wird für Lyrik vergeben. Für die Preisträger steht eine Gewinnsumme von insgesamt 7500 EUR zur Verfügung.
Auch das Publikum kann einen Gewinner küren: die taz-Publikumsjury wird bereits zum dritten Mal den taz-Preis verleihen. Informationen zur Publikumsjury unter http://www.literaturwerkstatt.org.
Die Wettbewerbstexte des 18. open mike erscheinen als Anthologie im Allitera Verlag und sind ab dem 10.11.2010 in den Buchhandlungen Anakoluth, Prenzlauer Berg und ebertundweber, Kreuzberg erhältlich, danach im Buchhandel oder unter www.allitera.de.
Der open mike ist eine Gemeinschaftsveranstaltung der Literaturwerkstatt Berlin und der Crespo Foundation in Zusammenarbeit mit der WABE und dem Allitera Verlag.
In fast allen Gedichten ist das langsame, manchmal fast somnambule Gehen der Ausgangspunkt von Erkundungen, die eine sinnliche Aneignung des jeweiligen Landstrichs anstreben. Die Erkundungsgänge folgen dabei mehr der Struktur dunkler Phantasmagorien und Traumreisen als romantischen Landschafts-Imaginationen. Es sind emphatische Wahrnehmungszustände und überwältigende Offenbarungs-Augenblicke, in denen sich das Ich durch seine Suchbewegung ein neues Koordinatensystem der Erfahrung erarbeitet und die Welt sich dann in neuem Licht zeigt. Die strenge Kompositionstechnik Lutz Seilers, seine Engführung der Metaphern und die dichte Verfugung der Bilder und Assoziationen, verlangt viel Aufmerksamkeit vom Leser. Die fliessende Bewegung der Verse wird mitunter von schroff gesetzten Brüchen und Zeilensprüngen verlangsamt.
Mitunter scheinen diese hochmusikalisch strukturierten Gedichte die Aufgabe des von Seiler zitierten alten griechischen Orakels in Dodona zu übernehmen, das einst aus dem Rauschen der Bäume die Zukunft weissagte. Die Geschichtsversessenheit des Autors, in dessen Gedichte auch die Stimmen der Toten flüstern, wirkt ansteckend. Die poetischen Tiefbohrungen «im satzbau dieser gegend» erzeugen einen geheimnisvollen Sog, wie er nur substanzieller Poesie eigen ist: «von / eckstein zu eckstein springt / die spreu deines schattens. Linien, auf denen / die stimmen der toten telefonieren. Wenn du / das nachsehen hast, atmen sie dir direkt / ins gesicht: untermieter, hausbuchführer, aranka, die / aus den kniekehlen gesungen hat . . . auch / deine eignen knochen musst du weiter denken, kommata / im satzbau dieser gegend.» / Michael Braun, NZZ 4.10.
Lutz Seiler: im felderlatein. Gedichte. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2010. 100 S., Fr. 23.50.
Unter dem Titel „flämischer herbst“ ist rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse ein Band mit neuen Gedichten des deutschsprachigen belgischen Schriftstellers Freddy Derwahl erschienen. Das rund 90 Seiten umfassende Buch wurde im Udo Degener Verlag in Potsdam (Brandenburg) herausgegeben. Die unveröffentlichten Gedichte sind in den vergangenen drei Jahren entstanden, ein Teil davon in Antwerpen, wo sich der Autor als Gast und Stadtschreiber des flämischen PEN-Zentrums nach mehreren Romanen und Biografien wieder der Lyrik zugewandt hat. / belgieninfo.net
Freddy Derwahl: flämischer herbst
Gedichte
88 Seiten, Hardcover, Schutzumschlag, 17.90 Euro
ISBN 978-3-940531-10-0
Freddy Derwahl, geboren 1946 in Eupen, ist der „bekannteste deutschsprachige Schriftsteller Belgiens“ (FAZ).
Hier sein Gedicht „Lüttich“
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