41. Anderes Argentinien

Ein ganz anderes Argentinien, dasjenige der gewaltigen Landschaften des Paraná oder der Pampa, spiegelt sich in den Arbeiten je eines Dichters und eines Erzählgenies. Juan L. Ortiz, von seinen Freunden „Juanele“ genannt, ist der argentinische Vertreter einer wunderlichen Naturlyrik, die mit einer raffinierten Syntax den Lauf des Paraná-Flusses nachzuahmen versucht. Ortiz ist ein Mystiker sui generis, aber auch ein Erbe der Symbolisten mit Einflüssen aus der orientalischen Poesie. Der zu seinen Lebzeiten (1898 bis 1978) weitgehend unbekannte Dichter hat in späten Jahren erst die Anerkennung erfahren, die ihm als einem der größten Lyriker Argentiniens zustand. …

Im Macho-Land Argentinien hatten aber auch Frauen stets eine literarische Stimme. Alfonsina Storni (1892 bis 1938) schrieb Gedichte voller Sehnsucht nach Liebe und besang das Drama des Lebens im grauen Alltag, schwankend zwischen Fatalismus und bitterem Protest. … Auch die Lyrikerin Alejandra Pizarnik (1936 bis 1972), zu deren Band „Arbol de Diana“ (Baum der Diana) kein Geringerer als Octavio Paz das Vorwort schrieb, endete wie Storni im Selbstmord.

Ihre Altersgenossin María Elena Walsh hat sich mit geistreichen, humorvollen und intelligenten Kinderliedern und -gedichten einen festen Platz im argentinischen Literaturbetrieb und in den Herzen nicht nur der jungen Leser erobert. Die 1951 geborene Reina Roffé wagte sich schon 1976 mit „Monte de Venus“ (Venusberg) an die Problematik einer lesbischen Beziehung. / Josef Oehrlein, FAZ.net

40. Gaucho-Dichtung

Argentinien hat die Weltliteratur bereichert, seit José Hernández (1834 bis 1886) mit seinem Gaucho-Epos „Martín Fierro“ den Grundstein zu der überaus reichhaltigen und vielfältigen Literaturproduktion des Landes gelegt hat. Der „Martín Fierro“, dessen markantes Versschema immer noch gauchesken Hobbydichtern als Modell dient, ist das aus der Volkspoesie gespeiste Hohelied auf das unabhängige, raue Leben der Gauchos, die auf dem Rücken der Pferde zu Hause sind und zu den Klängen der Gitarre die Melancholie der Pampa besingen, die aber auch in Konflikt mit der städtischen Zivilisation geraten und sich auf die Seite der Indiovölker schlagen, die sie eigentlich bekämpfen sollen. / Josef Oehrlein, FAZ.net

39. Keine Metaphern

Die „Todesfuge“ habe er, so erinnert sich Paul Celan im Herbst 1960, im Mai 1945 geschrieben, nach der Lektüre von Berichten über das Lemberger Ghetto in der „Izvestija“. Dem Hinweis nachzugehen ist schon deshalb eine Herausforderung, weil Celans Angaben irreführend sind. Nicht erst im Mai 1945, sondern schon am 23. Dezember 1944 erschien in der sowjetischen Regierungszeitung ein anderthalbseitiger Bericht der staatlichen Kommission zur Aufklärung und Verfolgung von Nazi-Verbrechen mit dem Titel „Über die Verbrechen der Deutschen auf dem Gebiet des Bezirks Lemberg“. …

Im Zentrum stehen die Grausamkeiten der Besatzer und ihr perverser Einsatz von Musik dabei: Häftlinge mussten Folter und Erschießungen mit einem eigens dafür komponierten „Todestango“ begleiten. Berichte über weitere Lager im Bezirk veranschaulichen die Lage der sowjetischen Kriegsgefangenen: Typhus-Epidemien, katastrophale Unterernährung, Massenerschießungen. In diese Teile ist der Bericht über das Lemberger Ghetto eingebettet, an dessen Beginn erstmals das Wort „Jude“ fällt: Über Daten wird gesprochen, die Lage in der Stadt, die Zahl der Opfer, die Deportationen nach Belzec. …

Die „Izvestija“ „erzählt“ die Vernichtung chronologisch: Links die den „Todestango“ spielenden Häftlinge, in der Mitte ein offenes Massengrab und rechts die Knochenmühle der „Sonderaktion 1005“. Gerade dieses Bild, das in der „Prawda“ durch eine Galgenszene ersetzt ist, scheint Celan noch 1948 für „Spät und Tief“ vor Augen zu stehen: „Ihr mahlt in den Mühlen des Todes das weiße Mehl der Verheißung.“ Keine Metaphern seien diese Mühlen, schreibt der Dichter 1961 an Jens, er habe hier vielmehr „an etwas Konkretes und weithin namhaft Gemachtes erinnert: an die Todesmühlen. Genauer: hier bin ich – Anamnesis! – mit dem Gedicht und durch das Gedicht erinnert worden“. / Barbara Wiedemann, Die Welt

 

38. Alfabets Eckzahn

ARTus-Kolumne »SO GESEHEN« Nr. 486 (Ostsee-Zeitung Rügen 9.10.)


Zwischen den Dichtern Carl Michael Bellman (1740–1795) und Charles Baudelaire (1821-1867) kann man sich wahrlich gut aufgehoben fühlen. Das Lyrikheft der legendären Reihe »Poesiealbum« mit der hohen Nummer 252 erschien nach der Bellmann-Publikation und vor dem Baudelaire-Heft, genau ein Jahr vor der Implosion der DDR und widmete sich Gedichten des Leipzigers Peter Gosse, rechtzeitig zu seinem 50. Geburtstag.

Der Lyriker Rainer Kirsch traf damals die Auswahl und führte ihn so ein: »Diplomingenieur für Hochfrequenztechnik, lehrt seit längerem am Leipziger Literaturinstitut junge Schreibwillige fragen, wie dichterisches Reden funktioniert; in Zeiten, da vielen Kenntnis der Tradition als lästig und Schludern für Selbstverwirklichung gilt, hält er unverzagt auf Denkschärfe und gewußtes Handwerk. Angetreten war er Mitte der sechziger Jahre mit flapsig-motzigen sinnlichen Poesien, denen gleichwohl sächsischer Welternst innewohnte; damals (er hat in Moskau studiert) schätzte er Rachmaninow, heute hört er Mozart und Bach, Widersprüche, statt sie der Mode folgend schlicht zu benennen, hat Gosse von Beginn an im Vers ausgehalten bis zum Knirschen der Sprache: hinzugewonnen sind inzwischen Spiel mit dem Kanon und klassische Durchheiterung, was die Texte nicht harmloser macht…«

Meine Poesiealbum-Dublette gehörte einst einer Militärischen Fachbibliothek der Nationalen Volksarmee, Standort Prora auf Rügen. Der Stempel mit der Postfachnummer 77008 ist auch nach über zwanzig Jahren gut lesbar, sogar der handschriftliche Bestandsvermerk: 52599. Alle Achtung, was für einen umfangreichen Bücherbestand diese Militärische Fachbibliothek gehabt haben muss!

Lyrik war mir so gesehen schon immer Munition zum Nachdenken. Gedichte als Sprengstoff wider den Schlaf der Vernunft!

Nur, vor der Wende gelesen hat mein nach der Wende in einem Prora-Antiquariat aufgestöbertes Zweitexemplar nicht ein Angehöriger der NVA. Es findet sich kein Eintrag unter der Rubrik »Dieses Buch ist zurückzugeben bis zum«.

Die Spalten sind leer geblieben und so auch ungelesen die folgenden Gedichtzeilen: »Benennen statt bekennen. / Statt beichten berichten – / auf das r kommt es an, / Alfabets Eckzahn.« (aus: An I.)

Aus dem Gedicht »Schwitzbad« der Dreizeiler: »(von Angst frei, zu vergehn; dass die vergeht, / die Angst – frei auch von dieser Angst) ! Ah Dampf! / Gib atemnehmend Atem, lös den Krampf!«

Alles nur sinnliche Poesien? Nicht auch Kampf der Worte gegen den Krampf der Gesellschaft?

Ich habe Gosse-Gedichte auch brisanter lesen können. Sie übten poetisch verdreht Solidarität.

Peter Gosse fragt im Schwitzbad-Gedicht: »Wie rede ich? Schwitzkastenhaft verdreht.«

Anders ging es nicht. ARTus (Walter G. Goes)

Der Leipziger Lyriker Peter Gosse beging am vergangenen Mittwoch seinen 72. Geburtstag. Zeichnung: ARTus

37. Addition der tradierten Differenzen

Rainer Schedlinski war einer der Herausgeber des essayistisch veranlagten Periodikums ariadnefabrik. (Der Name des zweiten Herausgebers soll an dieser Stelle ungenannt bleiben, da es als sicher gelten kann, dass er keinerlei Wert darauf legt, mit einer Hefte-Folge in Verbindung gebracht zu werden, deren Abonnent das Ministerium für Staatssicherheit war.) Über den Denunzianten Rainer Schedlinski zu sprechen bedeutet in der üblichen Weise, zumeist über den Dichter und Denker zu schweigen. Und dies meint wohl kaum die vielzitierte Trennung von Dichter und Werk, welche ohnehin nach Belieben aufgehoben ist, wenn es darum geht, die Gedichte und Essays als persönliche Verpflichtungserklärung oder als verspiegeltes Geständnis gegenzulesen. Rainer Schedlinski war ja nicht nur ein inoffizieller Mitarbeiter, sondern auch ein bekennender Struktualist.

(Nein, soviel Zartsinn vermag ich nicht aufzubringen. Da mach ich gern den Spielverderber. „Einer wird hier überhaupt nicht erwähnt“. Das schrieb Andreas Koziol im Gedicht „Tradition der Differenzen“, in: Andreas Koziol: sammlung. edition qwert zui opü 1996, S. 29. Das Gedicht ist eine Replik auf sein Szenegedicht „Addition der Differenzen“. Der eine, der hier überhaupt nicht erwähnt wird: oder sind es zwei? Die Abwesenheit ist ja eine Grundfigur des Strukturalismus, das Paradigma. Andreas Koziol war der zweite Herausgeber der Ariadnefabrik. Weglassen ist immer Verarmen, Moral fehl am Platze, wenn es um Verstehen geht. 1990 erschien „Abriß der Ariadnefabrik“ in der Edition Galrev, da waren Anderson und Schedlinski noch nicht enttarnt, glaub ich.) Weiter im Text:

Seine Gedichte sind von einer kargen Sprache, deren Nüchternheit an Teilnahmslosigkeit grenzt. Die Worte sind nur das, was sie sagen, ihre Eindeutigkeit zielt auf eine unverstellte Sicht der Dinge. Auf den Irrsinn eines verrückten Systems weisend, denken seine Essays die Verhältnisse vom Kern ihres ganzheitlichen Irrtums her. Sie erkannten, was offensichtlich war und dennoch offensichtlich neben der Erkenntnis lag.

Man liegt nicht falsch, Rainer Schedlinski einen aufgeklärten Geist zu nennen, der Kritik an der Aufklärung übte. Die Aufklärung rotierte ihm um Denkfiguren, die nicht von der tatsächlichen Gestalt eines gesellschaftlichen Phänomens ausgingen, sondern von einem Ideal, welches sie postulierte und damit sozusagen zielgerichtet verfehlte. Die Einsichten Schedlinskis hatten durch ihre zirkuläre Verbreitung eine äußerst begrenzte Wirkung und absurderweise war er als Stasi-Zuträger auch noch subversiv gegen die eigene Subkultur, welche letztlich seine einzige, aber betrogene Leserschaft darstellte. Dennoch waren seine Aufsätze im Idealstaat DDR von einiger Brisanz, selbst wenn damals alles brisant war, was vom Staatsnarzismus abwich. Die Brisanz seiner Essays machte jedoch vor dem Irrsinn der eigenen Person halt. Er predigte Einsicht in die Verhältnisse und agierte verdeckt in ihnen.

Hier geht es ja nicht allein um die Umwandlung von Wärme in Energie, es ist die Wandlung von Poesie in ihr Gegenteil, in eine reine Funktionalität. Letztlich wird diese Entwicklung aber auch der Erkenntnis geschuldet sein, dass die eigene Sprache nicht länger imstande ist, Energien freizusetzen, indem sie z.B. Wärme oder Kälte erzeugt. Den Texten war es nicht länger möglich, durch eine runtergeregelte Empathie zu glänzen, mit der Rainer Schedlinski einmal sprach: ernst sind die äcker & ernst / die häuser vor den äckern / die hecken sind / ernst und gezeichnet.

Heute schreibt er: thermalforce.de liefert thermoelektrische Generatoren, Zubehör für deren thermische und elektrische Montage, sowie einsatzbereite Generatorenmodule. Zudem finden Sie hier eine große Auswahl an Kühlkörpern, Wärmetauschern, Anschlüssen, Pumpen, Reglern, Wärmeleitmitteln, Meßgeräten und sonstigem Zubehör. Dies ist der Gebrauchstext für ein neutrales Sujet, die Lyrik einer kalten Funktionalität und daher die Fortsetzung der Poesie mit anderen Mitteln. Die tradierte Lesart einer solchen Wandlung wäre wohl die des Verräters, der zum biederen Einzelhändler wird. Es ergäbe wenig Sinn und würde der Person Schedlinskis nicht gerecht, einen Denunzianten zu denunzieren.

Aufgeladener ist die Interpretation, dass sich der Dichter eines kühlen Sprechens dem Handel von Wärmeleitmitteln widmet. So abwegig diese Entwicklung scheinen mag, sie ist geradlinig. Rainer Schedlinski könnte erkannt haben, dass es ein letzter Akt des Sprechens ist, zu schweigen, wenn einem niemand mehr eine Zeile abnimmt, geschweige denn ein Wort glaubt. Die Hingabe an die Erzeugung von Energie durch Wärme mag eine Folge der Kälte sein, mit der man seiner Person heute begegnet. / Henryk Gericke, der Freitag

 

Die Freitag-Sonderausgabe zu 20 Jahren Einheit. Mit Beiträgen von Sascha Anderson, Daniela Dahn, Samy Deluxe, Rainald Goetz, Jakob Hein, Jana Hensel, Tom Kummer, Jonathan Meese, Harry Rowohlt u.v.a  Jetzt am Kiosk oder hier auf freitag.de

 

Uwe Warnke / Ingeborg Quaas (Hg.): „Die Addition der Differenzen. Die Literaten- und Künstlerszene Ostberlins 1979 bis 1989. Berlin: Verbrecher Verlag 2009. (Darin enthalten die beiden „Differenzen“-Gedichte von Koziol)

36. Michael Wüstefeld neuer Hesse-Stipendiat

Calw. „Ich fühle mich sehr angekommen“, meinte Michael Wüstefeld, 39. Stipendiat der Calwer Hermann-Hesse-Stiftung, bei der Begrüßung im Sparkassen-Casino. Der vielfach ausgezeichnete Autor und Kritiker aus Dresden wird am 7. November ab 11.15 Uhr im Calwer Hermann-Hesse-Museum lesen. …

Der Hesse-Stipendiat erzählte, viele Jahre ausschließlich an Gedichten gearbeitet zu haben. Erst spät sei er dann „an eine Idee geraten, die sich mit Gedichten allein nicht mehr bewältigen ließ. Wer einmal mit der Lyrik verbandelt war, kommt schwer von ihr los.“

Er werde im Zweifelsfall immer dem Gedicht den Vorzug geben, wenn auch in der Lyrik „schon alles gesagt“ und „vieles schon ausprobiert“ worden sei. / Schwarzwälder Bote

 

 

35. Gottgewimmer

Geborstene Leiber, zerscherbte Gliedmaßen, zersprungene Körper – auf dem Umschlag von Christoph Meckels neuem Gedichtband „Gottgewimmer“ prangt ein Trümmerfeld, Torsi von Göttern und Heroen, „Statuen, Köder aus Stein“, vom Sockel gestoßen, von der Geschichte scheinbar erledigt. Der bilderstürmerische Furor, der auf diesem Cover wütet, hat inhaltliche wie formale Entsprechungen in Meckels jüngsten Gedichten, deren erster Teil „Stopover“ in einem fast geschichtsphilosophischen Sinn nach jener Etappe der Moderne fragt, die den Glauben an Totalität, sowohl Heilsversprechen als auch künstlerisches Gelingen betreffend, verloren hat: „Wo sind die Götter, / falls sie geflüchtet sind. / Ihre Gebeine, / falls sie vernichtet sind. / Diese Welt, für nichts geschaffen / hat ihr Ende hinter sich.“ / Hartmut Buchholz, Badische Zeitung 9.10.

  • Christoph Meckel: Gottgewimmer. Gedichte. Carl Hanser Verlag, München 2010. 80 Seiten, 14,90 Euro.
  • Der Autor liest am 12. Oktober um 20 Uhr in der Reihe „Andruck“ im BZ-Haus, Freiburg, Bertoldstraße 7. Es moderiert BZ-Redakteurin Bettina Schulte.

 

 

34. Forwardpreise

10.000 Pfund beträgt die Preissumme für den besten Gedichtband, in diesem Jahr „Human Chain“ von Seamus Heaney. Die Gedichte entstanden nach einem Schlaganfall des heute 71jährigen Nordiren und behandeln das Thema des Alterns.

Heaney erhielt bereits den Nobelpreis für Literatur und den TS Eliot-Preis. Zweimal stand er auf der Shortlist für den Forward Prize: 1996 für „The Spirit Level“ und 2006 für „District and Circle“, und zweimal war er für den Preis für das beste Einzelgedicht nominiert.

In diesem Jahr ging der Preis für den besten Debütband, der Felix Dennis Prize (£5,000 ), an Hilary Menos für den Band „Berg“, in dem Eisberge die Themse hinabschwimmen und Außerirdische im Hudsonfluß waten.

£1,000 für das beste Einzelgedicht gehen an Julia Copus für „An Easy Passage“. (Im Guardian veröffentlicht)

/ BBC News 6.10.

(Und ich kann meine Bewunderung für die ausdifferenzierten Verhältnisse in Großbritannien nicht verhehlen. TS Eliot Prize und Forward Prize, unterschiedliche Kategorien für besten Gedichtband, bestes Debüt und bestes Einzelgedicht… Bei uns gibt es Bücherpreise für Romane und ab und zu den Büchner für ein Gesamtwerk und ansonsten viele Einzelpreise, einige davon speziell für Lyrik. Und es gibt den Huchelpreis, der noch immer gern als „wichtigster deutscher Lyrikpreis“ bezeichnet wird, obwohl es mehrere höherdotierte gibt, Ringelnatz zum Beispiel. Der Föderalismus hat seine Schattenseiten auch hier. Im Huchelpreisländle, hört man, gibt es bereits Überlegungen, ob man neben dem Hebelpreis und Reinhold-Schneider-Preis wirklich noch den Huchel braucht. Noch ein Unterschied: Über TS Eliot- und Forwardpreis berichten die zentralen Medien ausführlich, bei Huchel reicht den unsrigen eine Kurzmeldung. Für sowas fährt man doch nicht von Frankfurt oder München, oder wars Hamburg, nach Staufen, gelt?)

33. Seamus Heaney gewinnt Forward Prize

Irish Central heißt die Seite, auf der ich die Nachricht zuerst fand. Ire ist auch der Gewinner des bekanntesten britischen Lyrikpreises. (Irgendwie ist immer ein Ire dabei. 4,3 Millionen beträgt die Einwohnerzahl der Republik Irland, mit Nordirland kommen sie auf 6,1 Millionen Iren. Und doch hat das kleine Volk viermal soviel Literaturnobelpreisträger wie die arabische Welt mit ihren rund 360 Millionen hervorgebracht. Unter den 4 irischen Nobilitäten waren 2 Dichter: William Butler Yeats und, vor 15 Jahren, Seamus Heaney. – Kann natürlich sein, daß schwedische Akademiker, Kritiker und Übersetzer öfter Englisch als Arabisch lesen.)

Heaney gewann den Forwardpreis für den besten Gedichtband des letzten Jahres mit  “Human Chain”, sein erster Band seit 4 Jahren.

(Irgendwie ist Irland auch am diesjährigen Nobelpreis beteiligt. Irish Central meldet: „Das neue Buch des Nobelpreisträgers Vargas Llosa handelt von einem irischen Rebellen“)

 

32. Herz-Stillstand

Das 5. ZEBRA Poetry Film Festival widmet ein eigenes Programm dem meistbedichteten Thema der Welt: Der Liebe.

 

Fr 15.10. 23:00 Babylon, Rosa-Luxemburg-Str. 30

Die Liebe und ihr ewiger Gegenspieler, der Tod. Dass die Liebe manchmal seltsame, auch tödliche Wege geht, ist bekannt. Doch welche Gedanken gehen jemandem durch den Kopf, der gerade ertrinkt oder verblutet? Und was empfindet ein Mann, der davon träumt, das unbekannte Mädchen an der Seite des Hollywood Stars zu spielen? Sehen Sie, warum Menschen durch die Lüfte fliegen oder sich von Dächern stürzen.

 

Babylon, Rosa-Luxemburg-Str. 30, 10178 Berlin

Tickets: 030. 24 25 969

Eintritt: 6,50 EUR

 

Das ZEBRA Poetry Film Festival findet statt vom 14.-17.10.2010 undist ein Projekt der Literaturwerkstatt Berlin in Kooperation mit der deutschen UNESCO-Kommission und interfilm Berlin, gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds, das Goethe-Institut, die Stiftung Deutsch-Israelisches Zukunftsforum, das Auswärtige Amt, den Deutschen Literaturfonds sowie mit freundlicher Unterstützung durch die Alfred Ritter GmbH & Co KG und die Toyota Deutschland GmbH. Es findet statt im Rahmen des poesiefestival berlin.

 

Boris Nitzsche
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Literaturwerkstatt Berlin
Knaackstr. 97
10435 Berlin
Tel: +49. 30. 48 52 45-24
Fax: +49. 30. 48 52 45-30
E-Mail: nitzsche@literaturwerkstatt.org
www.literaturwerkstatt.org
5. ZEBRA Poetry Film Festival

14. – 17.10.2010

31. Wo stand Goethes Kastanie?

Die Nuss der Kastanie drängt mit fortschreitender Reife ans Sonnenlicht. Die Frucht, eben noch umgeben von grün-stacheliger Schale, entsteigt ihrem Jugendlager und bricht auf, um neues Leben zu kreieren. Dies Naturphänomen hat Johann Wolfgang von Goethe aufgegriffen in seinem Kastanien-Gedicht im Buch Suleika aus dem Westöstlichen Divan von 1815. Mit einfachen Worten schildert der Dichter das natürliche Werden, das Wiegen und Fallen, das Schwellen und Platzen – und mehr als unterschwellig stimmt Goethe dabei einen erotischen Unterton an. Zur Liebeslyrik vollendet er sein vierstrophiges Gedicht an die Geliebte, wenn der Kastanie gleich „fallen meine Lieder gehäuft in deinen Schoß“. / Stuttgarter Nachrichten

An vollen Büschelzweigen,
Geliebte, sieh' nur hin!
Laß dir die Früchte zeigen,
Umschalet stachlig grün.

Sie hängen längst geballet,
Still, unbekannt mit sich,
Ein Ast der schaukelnd wallet
Wiegt sie geduldiglich.

Doch immer reift von Innen
Und schwillt der braune Kern,
Er möchte Luft gewinnen
Und säh die Sonne gern.

Die Schale platzt und nieder
Macht er sich freudig los;
So fallen meine Lieder
Gehäuft in deinen Schoos.

Das Gedicht entstand am 24. September 1815. Es ist, wie der Herausgeber der zweibändigen Edition Goethe: West-Östlicher Divan, Deutscher Klassiker Verlag 2010 (vollständig revidierte und aktualisierte Neuausgabe von Band III der Ausgabe „Sämtliche Werke“ von 1994), Hendrik Birus, schreibt, „ein lehrreicher Fall für die Kommentierungstradition des West-östlichen Divans überhaupt“ (Teilband 2, S. 1162). Übrigens auch ein ironischer Kommentar zur gegenwärtigen aufgeregten Islam-Debatte konservativer Kreise und Stammtische.

Gustav von Loeper hatte in seiner Ausgabe 1872 eine (falsche) Spur gelegt, und die späteren Kommentatoren folgen.

Ich kürze mal ab, lasse die Stelle vom Palmenbaum und Marias Schoß weg und zitiere Ernst Beutler aus der ersten Ausgabe seiner Divan-Ausgabe in der Sammlung Dieterich 1943:

Niemand ahnt den Koran als Hintergrund dieses Gedichtes. Alles scheint ganz westlich zu sein, ganz deutsche Herbstlandschaft <…>; indes gerade hier offenbart sich, wie sehr im Divan, dem Leser unmerkbar, Osten und Westen verschmelzen. Die grünen Stachelfrüchte klopfen auf den Boden, die Schale platzt, glänzend liegt der braune Kern vor Augen. Da fällt Goethe ein persischer Vers ein:

Marias Palme ist der Kiel
Dschamis, der, wenn er sich bewegt,
Die frischen Datteln von dem Zweige
In ihrer Freundin Schoß gegeben.

Man sieht sofort die Abwandlung und Wiederholung des orientalischen Bildes. <…> Die Verse, die er in Hammers „Geschichte der schönen Redekünste Persiens“ [1818, S. 319] gelesen, spielen auf die 19. Sure des Korans an. […] Uns erscheint das vielleicht abseitig gelehrt, dem Orientalen aber war es geläufig; und jedenfalls verstehen wir schon, daß Goethe <…> gerade diese Verse Dschamis im Gedächtnis behalten hatte; und eben deshalb eröffnet das Wissen um die poetische Vorform ein Verstehen der deutschen Strophe, das eindringlicher ist als die naive Aufnahme ohne Kenntnis der literarischen Hntergründe.“ (zitiert nach der genannten Ausgabe von Birus, S. 1263).

Das Problem ist bloß, daß die als Goethes Quelle genannte Ausgabe erst drei Jahre nach Entstehung des Gedichts erschien. Goethe konnte kein Persisch. Er kannte Hafis aus der Übersetzung Hammer-Purgstalls und diverse weitere Quellen, aber dieses Gedicht eben nicht.

Birus schreibt weiter:

In der 2. Auflage spricht Beutler dann nur noch von einer „merkwürdige(n) Parallele in der persischen Lyrik, von der aber weder behauptet werden soll noch nachgewiesen werden kann, ob und wie weit sie Goethe damals bekannt war“ (S. 624). Mit gutem Grund, denn die – in Anknüpfung an Wurm (S. 211) – als Quelle unterstellte Geschichte der schönen Redekünste Persiens Hammers war ja erst zweieinhalb Jahre nach Abfassung des Gedichts erschienen. Gleichwohl hat Beutler  – wie schon v. Loeper – an der vermeintliche Anregung durch die 19. Sure des Korans festgehalten.

Fazit: nix Koran, und auch nix Edelkastanie, sondern schlichte deutsche Roßkastanie. (Vielleicht Material für eine BILD-Kampagne?).

Hammer-Purgstalls Band von 1818 gibt es als Google-Scan hier, Dschamis Gedicht darin auf Seite 319.

30. Gute Lyrik

Hätte das deutsche Feuilleton noch eine Nase für gute Lyrik, der Leipziger Andreas Reimann würde immer wieder auftauchen in den Vorschlagslisten zu den ganz großen Literaturpreisen im Land. So viele richtige Lyriker hat die Bundesrepublik nämlich nicht. Jetzt hat er wieder einen neuen Gedichtband vorgelegt. / Ralf Julke, Leipziger Internet-Zeitung 4.10.

Gräber und drüber. Gedichte
Andreas Reimann, Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig 2010, 18 Euro

29. DADAsophie gegen Hatz4

Zur allgemeinen Aufmunterung des deutschen Meschuggevereins

Anlässlich der Demonstration am 10.10.2010 in Oldenburg

„Krach schlagen statt Kohldampf schieben – Mindestens 80 Euro für Lebensmittel sofort“

 

.Im real existierenden Kasperltheater

.Kinderzimmer voller Grausamkeit

.DADAsophisches für meinen Meschugge Verein

.Poesie als menschlicher Akt geschlichen ins Gehirn

.„Ich kann keinen ordentlichen Frieden schließen, wenn man mir nicht ordentlich zu essen und trinken gibt.“

Otto von Bismarck

(Diese Sätze sind auf einen Baseballschläger aus Schaumstoff geklebt, es ist ein Kinderspielzeug für´s trommeln auf die Pfanne)

.Es lebe die

Bratpfannen

Revolution

um nicht jeder neuen Farbe

eines Weckers mediale

Revolutionsansprüche

durchgehen zu lassen!

 

.KOCHKAMPF

(Dieser Satz ist ins innere einer Aluminiumbratpfanne geklebt und der Begriff „Kochkampf“ auf den Boden. Das Bismarckzitat wurde ein zweites mal auf einen Kochlöffel zum quirlen geklebt, auch für´s trommeln auf die Bratpfanne)

Rainer Wieczorek (Künstler/Soziologe/DADAsoph) www.rainerwieczorek.de

POSTANSCHRIFT: „Produzentengalerie Rainer Wieczorek“ Reuterstr. 85 in 12053 Berlin, 030  61 3456 2

„Evolutionsbüro“ Greifswalderstr. 20
mit „Streikposten 2“ und der „KUNSTdemokratie“

28. Verspätet: Brinkmanns Debütband

Endlich ist er mit fast 50jähriger Verspätung erschienen: der Gedichtband »Vorstellung meiner Hände« des ersten deutschsprachigen Popliteraten, Rolf Dieter Brinkmann. 1963 geschrieben, hätte er eigentlich das Debüt des Autors werden sollen. Doch Brinkmanns Gedichte irritierten damals zu sehr, ihr Klang war zu ungewohnt, sie wurden nicht gedruckt, denn sie unterschieden sich von allem, was damals – vor 1968 – hierzulande als Lyrik galt. Schon Titel wie »Fall Out«, »Vertanes Gedicht« oder »Die hohen Feste des Luis Buñuel«, »Die Bombe in meinem Kopf«, aber auch »Ihre schönen Knie« machen deutlich, dass hier ein junger Lyriker einen unbekannten Ton anschlägt, dass er die Alltagssprache dem »hohen Ton« vorzieht und auch vor politischen Stellungnahmen nicht zurückschreckt. /  TANJA DÜCKERS, Jungle World

 

 

27. Segel aus Salz

Buchpremiere

Do. 14. 10. 20 Uhr

Deutsches Literaturinstitut Leipzig

Wächterstraße 34

Eintritt: frei

Elmar Schenkel liest Iain Crichton Smith.

Iain Crichton Smith wurde 1928 in Glasgow geboren und wuchs auf der Insel Lewis in den Äußeren Hebriden auf. In seiner Kindheit sprach er schottisches Gälisch und lernte Englisch erst in der Schule. Smith verfasste einen Teil seiner Texte auf gälisch und übersetzte viele selber ins Englische. Von 1952 bis 1977 arbeitete er als Lehrer, danach als freier Autor. Er erhielt viele Preise und schrieb unermüdlich – Lyrik, Romane, Essays, Hörspiele, Rezensionen, Kurzgeschichten –, verstand sich aber in erster Linie als Dichter. Iain Crichton Smith starb 1998. In Schottland wird er als einer der wichtigsten Dichter seiner Generation verehrt.

Elmar Schenkel, Anglist, Schriftsteller und Übersetzer, lebt in Leipzig. Er gilt als ausgezeichneter Kenner angelsächsischer Belletristik, veröffentlichte literaturwissenschaftliche Essays und Abhandlungen zu verschiedenen englischsprachigen Autoren und übersetzte unter anderen Joseph Conrad, Ted Hughes und Basil Bunting.

Iain Crichton Smith: Segel aus Salz, Edition Regerup, ISBN 978-91-89034-20-4

/E-Mail von Margitt Lehbert, die ich gerne weiterreiche.