Nachtrag zu #114
Ich zitierte den einzigen Satz der Besprechung zur Lyrik. Aber warum immer nur den „großen“ Verlag nennen? DuMont inszenierte sich ja zum Start des Literaturprogramms als wichtiger Lyrikverlag, das ließ aber dann nach. Die Anthologie von Gerhard Falkner und Orsolya Kalász gehört in diese Zeit. Orsolya Kalász gehört selbst in die Gruppe der ungarischen Schriftstellerinnen mit engem Deutschlandbezug. Sie verbrachte ihre Grundschulzeit in Ostberlin als Tochter des ungarischen Lyrikers Márton Kalász, der am Haus der ungarischen Kultur arbeitete. (Dieses und die benachbarte polnische Entsprechung in der Ostberliner Karl-Liebknecht-Straße waren wichtige Anlaufpunkte bei jedem Berlinbesuch!). Von daher ihre Zweisprachigkeit, die sie als Autorin beibehielt. Leider erwähnt der Perlentaucher unter ihren Büchern auch nur die DuMont-Anthologie – die Großen schlucken die Großen, haha! Drei Gedichtbände von ihr aber erschienen bei kleinen Verlagen (ohne die Kleinen wäre Deutschland arm dran):
Dann natürlich der Ungarn-Band aus der Reihe „Poesie der Nachbarn“ von Gregor Laschen, Bremerhaven 1990. Darin enthalten die 1909 geborene Amy Károlyi, die von sich sagt:
… ich bin eine alte Dame und schreibe Gedichte seit ich die Blockschrift kenne. (…) Ich bin langsam gereift, wie die Winterbirnen. (…) Ich hatte das Glück, Emily Dickinsons Gedichte kennenzulernen, das Verwandte in ihr erweckte die in mir schlafende verwandte Möglichkeit. Ich heiratete Sándor Weöres, die europäische Größe unserer Epoche. Dienend seinem Werk kämpfte ich meinen Freiheitskampf um die eigene Stimme. Das ist alles.
Den großartigen Sándor Weöres lernte ich in einem Heft der Reihe Poesiealbum kennen. Dort gab es etliche Ungarn, aber vielleicht nur Männer? Aber aus dem Leipziger Insel-Verlag fällt mir die von Franz Fühmann übersetzte Ágnes Nemes Nagy ein, von der mir mindestens eine Zeile im Gedächtnis haftet: „Und dennoch schauen schauen auch wenns nichts hilft“.
(Alles das kennen die Lexikonmacherinnen natürlich – unter denen auch eine Deutsch-Ungarin ist, die Autorin und Übersetzerin Zsuzsanna Gahse).
| Die Entkleidung des Meeres
Er entkleidete das Meer Doch als er Die Wüste dehnte sich jetzt Er schlüpfte in ein Skelett Er sprach Eine winzige Sirene 1969 Die Pendeluhren haben Ausgangssperre. Berlin: Edition Galrev 1998, S. 17. (Zuerst 1969) Jetzt in: Das surrealistische Gedicht. 3. erw. Aufl., Zweitausendeins 2000, S. 1408f. |
© (Für die Auswahl) Michael Gratz 2001.
Beim seit 25 Jahren vergebenen BEWAG-Literaturpreis, mit dem burgenländische Autoren ausgezeichnet werden, gewannen in der Sparte Lyrik Gernot Schönfeldinger und Burgi Graner.
/ ORF
Zynische Tagebücher, pazifistische Romane, Gedichte in neuem Versmaß – die weiblichen Vertreterinnen der ungarischen Literatur haben viel Lesenswertes hervorgebracht. …
Von der baden-württembergischen Ehinger Bibliothek, die sich auf in deutscher Sprache erschienene ungarische Literatur spezialisiert hat, wurde am 20. September die erste Anthologie über „Schriftstellerinnen mit ungarischen Wurzeln“ veröffentlicht. Darin werden insgesamt 57 in deutscher Sprache publizierte Autorinnen vorgestellt, die ungarischer Herkunft oder Abstammung sind, beziehungsweise Teile ihres Lebens hier verbracht haben. Manche von ihnen sind in Ungarn zu Hause, andere schreiben darüber, verstehen sich aber als Angehörige anderer Nationen und gelten dort selbst als anerkannte Landesschriftstellerinnen. …
Im Bereich der Lyrik fanden sich Werke der 1913 verstorbenen Margit Kafka neben jungen modernen Poeten wie im vom DuMont Verlag veröffentlichten Gedichtband „Budapester Szenen“. / Luisa Stock, Pester Lloyd
22. November 2010 bis 22. Januar 2011, eintrittsfrei
Ervin Szabó Bibliothek
Szabó Ervin tér 1.
1088 Budapest, VIII.
Weitere Informationen: www.ungarische-literatur.eu
Der iranische Dichter Ali Ghazanfari wird seinen dritten persischen und vierten deutschen Gedichtband veröffentlichen, meldet die Agentur IBNA. Außerdem bereitet er eine zweisprachige Anthologie „Deutsche Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart“ vor (Verlag Tous). Sein deutsche Gedichtband, für den er noch keinen Titel hat, soll beim Engelsdorfer Verlag erscheinen.
In Feldkirch ist am Samstag der achte Feldkircher Lyrikpreis verliehen worden. Platz eins ging an die junge deutsche Autorin Kenah Cusanit. Die gebürtige Niederösterreicherin Regina Hilber belegte Platz zwei, Platz drei der Vorarlberger Udo Kawasser.
Über 500 Autoren aus zehn Ländern hatten ihre Werke bei dem Wettbewerb eingereicht. Eine vierköpfige Jury wählte die Preisträger aus.
In der Jury saßen Marcus Poettler, Autor und Preisträger 2009, die Pädagogin Marie-Rose Cerha, die Autorin und Radiokünstlerin Petra Ganglbauer sowie der Verleger Bernd Schuchter. / ORF
Anmeldung zum Poesiefest „PoesieFrühling“
„Was ist Poesie für Dich?“
Jeder kann bei PoesieFrühling mitmachen: Privatpersonen, Schüler, Künstler, Vereine, Gewerbe, kulturelle Institutionen… Von privaten und öffentlichen Aktionen, Happenings bis zu organisierten Workshops und Veranstaltungen ist alles möglich. Eine Aktion kann eine Minute dauern, eine einmaliges Event sein oder während des ganzen Festivals stattfinden. Alle Sprachen sind willkommen, auch gerne gemischt.
Mitmachen kann z.B. auch bedeuten Räume (Laden, Imbiss, Wohnung…) für die Aktionen zur Verfügung zu stellen.
Das Poesiefestival findet vom 07. – 21. März 2011 statt.
Anmelden können Sie sich online bis zum 17. Januar 2011 unter www.poem-space.com/poesiefruehling/.
R. S. Thomas war keine spielerische, experimentierfreudige Natur, sondern schliff seine Dichtungssprache früh zur schlanken Präzision eines chirurgischen Instruments, das nicht der Expression, sondern der Analyse dient; nur minime Irritationsmomente – ein momentanes Absinken des Tons, eine unerwartete Wendung, ein tückisches Enjambement – gebieten Achtsamkeit beim Abschreiten der scheinbar so luzid und schlüssig angelegten Gedankengänge. / Angela Schader, NZZ 24.11.
R. S. Thomas: Mit Fängen aus Feuer. Zweisprachig englisch/deutsch. Übersetzt von Kevin Perryman. Babel-Verlag, Denklingen 2010. 84 S., € 24.–.
Yves Simon schreibt in Paris Match über die neue Majakowski-Biographie (vgl. hier)
Mit Foto: En août 1926, Vladimir Maïakovski avec Lili, son amour et sa muse, dans la station balnéaire de Tiaïr, en Crimée
La vie en jeu. Une biographie de Vladimir Maïakovski », de Bengt Jangfeldt, éd. Albin Michel, 589 pages, 25 euros.
Wer noch zeitgenössische Gedichte liest, weiß, wie selten die Irritation auch in der Lyrik geworden ist. Es gibt wenig, was den einmal gesicherten Bereich wieder verlässt, damit „die Augen meiner Augen aufgehen“, wie E.E. Cummings es nannte. Unter dem Zwang zur Innovation werden Gedichte, die verblüffen, verwirren oder gar verstören, rar.
Eine Ausnahmeerscheinung ist der 1932 in Isny im Allgäu geborene Günter Herburger, der seit 1964 veröffentlicht, Mitglied der Gruppe 47 war und für seine Lyrik und seine Romane unter anderem den Peter-Huchel-Preis und den Hans-Erich-Nossack-Preis erhielt, beides vor fast zwanzig Jahren. / Mirko Bonné, FAZ
Günter Herburger: „Ein Loch in der Landschaft“. Gedichte. A 1 Verlag, München 2010. 104 S., geb., 18,80 Euro
| Stammbaum
Sklav. Srečko Kosovel: Integrale. Übersetzung aus dem Slowenischen, Nachwort und Anmerkungen von Erwin Köstler. Drava-Verlag, Klagenfurt 1999, S. 78. |
Srečko Kosovel (1904-1926), bedeutender Vertreter der slowenischen Avantgarde, starb mit 22 an Meningitis. |
| Das Rot der Sonnenhosen
1 Und ist dies eine Erde Und was ist dieser Weg, der sich vom Harem zum Paradies erstreckt? Und diese Frau, die nur vom Rücken ihres Dieners durch das Fenster die Bahre sehen kann? Und diese nutzlosen Wasserhähne aus dem Rost einer Kehle? Und diese Sterndeuter, welche die Fliegen nicht in den Himmel schauen lassen? Und diese Labyrinthe, die zu einem Hundebiß führen? Aber ich weiß nicht, ob es zwischen Westen und Osten einen Schleier und einen Rosenkranz aus Sünden gibt. 2 Und was geschieht mit ihr, wenn die Leinwand ein Feld wird und dein Auge eine Krähe? Und was hätten Monet, Renoir und Pissarro gemacht, wenn sie nicht hinaus an die frische Luft gegangen wären? Und was wäre dann die Farbe der Narrheit, wenn nicht gelb? Und was wäre ein Pinselstrich wert, wäre er nicht scharf wie eine Klinge? Hast du dieses Gesicht gesehen, das einem Stück Brot ähnelt, Was hätte Matisse gemacht, hätte er nicht in eine rote Hose gefurzt? Und was wäre dieser Tisch, hätte er nicht gewartet, bis Van Gogh aus der Ödnis des Krankenhauses gekommen wäre? 3 O Degas, O Michelangelo, Und wäre die Entdeckung Amerikas möglich gewesen vor der Entdeckung der Falten des Körpers? Ich vergaß, wie ich in diese völlig verfallene Bar geraten war, wo Manet in seiner öligen, zusammengeschrumpelten Hose stand, Bonnard einer Frau half, ihr Hemd auszuziehen, und Matisse einen Frauenschenkel mit dem Blau seiner Augen malte. Sonst sah ich niemanden. Doch an der Tür erkannte ich noch Modigliani, der gerade versuchte, das Fahrrad einer Frau zu besteigen, die sich aus Versehen vornüberbeugte. [1994] Die Farbe der Ferne. Moderne arabische Dichtung. Hrsg. u. übersetzt von Stefan Weidner. München: C.H. Beck 2000, S. 218-220. |
Mein Lieblingsgedicht als Jugendlicher war The Rime of the Ancient Mariner. Der Dichter Samuel Coleridge hatte nie einen Albatros erblickt, als er dieses Langgedicht über die Ermordung eines Albatros und deren tragische Folgen verfasste, und ich damals auch nicht, aber ihm diente der Vogel mit der größten aller Spannweiten als Metapher, und mir leuchtete diese unmittelbar ein. Unvergesslich, wie der Seemann, der das heilige Tier getötet hat, gezwungen wird, dessen Kadaver um den Hals zu tragen. Als wäre dies das wahre Kreuz des Menschen. Umgeben von majestätisch über uns schwebenden Albatrossen kam mir dieses Gedicht in den Sinn, und es erschien mir als Folie für eine gegenwärtige Geschichte geeignet: „The spirit who bideth by himself / In the land of mist and snow, / He loved the bird that loved the man / Who shot him with his bow.“ Meine Geschichte war aufgehoben in einem Gedicht, das mich seit der Pubertät beschäftigt hat. Vielleicht hat Literatur keinen wichtigeren Antrieb, als die Leidenschaften der Kindheit nachzuholen. / Ilija Trojanow, DER STANDARD/ALBUM – Printausgabe, 27./28.11.
Ein ganz besonderes Fest der Sprache präsentierte der „Literarische Herbst“ am Donnerstagabend im Atelier des Hammer Künstlerbundes am Maximilianpark dank des lokalen Bezugs: Mit Christoph Wenzel und Jan Skudlarek stellten sich gleich zwei in Hamm geborene, junge Lyriker vor. / Werner Lauterbach, Westfälischer Anzeiger
Die Stadtwerke Klagenfurt Gruppe, die für ihr literarisches Engagement im Vorjahr eine „maecenas“-Anerkennung erhielt, lässt sich die Ausrichtung des Lyrikpreises insgesamt 25.000 Euro kosten. „Es ist uns wichtig, eine Literaturgattung zu fördern, die oft zu Unrecht ein Schattendasein führt,“ betonte Hausherr STW-Vorstand Romed Karré anlässlich der Preisverleihung am Donnerstag Abend. / Kleine Zeitung
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