… er flüsterte mir zu: «Du weisst doch, dass ich Bedeutung hasse.»
Ich weiss, ich wusste auch damals, dass Pastior nach einer bedeutungsfreien Dichtersprache suchte, dass er keinen Bedeutungsraum hinter oder zwischen den Wörtern gelten lassen wollte. Gelten sollte das Wort als solches, als Klangleib – nichts besagend, bloss leichthin an die Sinne rührend. …
Naturgemäss stellt sich nun im Rückblick die Frage, ob nicht überhaupt Pastiors dichterische Arbeit, die man so gern als «hermetisch», «formalistisch» oder wenigstens als «ludistisch» bezeichnet hat, darauf angelegt war, in kunstvoller Weise «nichtssagend» zu sein, und ob sein konsequentes Bemühen, seine Texte von aller Bedeutung und vorab von jeder Eindeutigkeit freizuhalten, nicht auch andere denn poetologische Gründe hatte.
Ausser Frage steht nun jedenfalls, dass die Pastior-Philologie noch einmal über die Bücher gehen und nach allfälligen Spuren verdrängter «Bedeutung» suchen muss. Womöglich steht bei diesem «dunklen» Dichter doch weit mehr zwischen den Zeilen, als er selbst es wahrhaben wollte und als die Kritik es bisher erkennen konnte. / Felix Philipp Ingold, NZZ 26.11.
1978 wurde Nader in Syrien erstmals für seine Poesie ausgezeichnet. Er veröffentlichte anfangs in arabischen Zeitungen und Zeitschriften, später auch in deutschen Literaturzeitschriften und Anthologien. Wann schreibt er auf Deutsch, wann auf Arabisch? „Das bestimmt der Gedanke“, sagt Nader. Einige seiner Gedankenwelten könne er nur in der Muttersprache ausdrücken, einige wiederum nur in deutsch. „Ich lebe in zwei Welten“, sagt Nader. Diese beiden Welten hat er in „Ich weide Sterne auf trunkener Nacht“ (Verlag Hans Schiler) lyrisch beschrieben. So in „Mein Harem“, Zeilen, die sich um deutsches und ein arabisches Gedicht ranken. Nader spielt mit der Sprache und der Bedeutung hinter den Wörtern. Er ist immer auf der Suche nach Sprachbildern – um zwei Kulturen zusammenzubringen, um den Leser und den Zuhörer mitzunehmen in das Leben zwischen Magdeburg und Damaskus. / Grit Warnat, Magdeburger Volksstimme
Der polnische Lyriker Adam Zagajewski bekommt den alljährlich von der Cassamarca-Stiftung im italienischen Treviso verliehenen Europäischen Lyrikpreis. Zagajewski erhielt bereits zahlreiche Auszeichnungen, wie den Tomas Tranströmer Poetry Prize oder den Neustadt International Prize for Literature, und er wurde mehrmals für den Nobelpreis nominiert.
Andere Kandidaten waren Pat Boran (Irland), Hans Magnus Enzensberger aus Deutschland, Roger McGough (UK) und Titos Patrikios (Griechenland). / Prague Post Blogs 24.11.
Görner, der in den Medien unter anderem als „lyrische Stimme Deutschlands“ und „poetischer Staubwedel“ gehandelt wird… / Westfälische Nachrichten
Kassel: Da stellt sich nun die Frage nach dem Bezug des Werks von Paul Celan der Gedichte zur Realität. Sie sagen auch noch mal in Ihrem Buch an einer Stelle, dass Sie jetzt noch stärker als jemals zuvor wirklich auch gemerkt hätten, wie sehr man vieles nur verstehen kann, wenn man seine Lebensgeschichte, wenn man auch seine Familiengeschichte kennt.
Rupp-Eisenreich: Ja, aber mit großer Vorsicht. Denn so direkt ist der Zusammenhang natürlich nicht, der Weg geht immer bei ihm über die Sprache, das ist ganz klar.
(…)
Kassel: Zum Schluss möchte ich noch eine Frage vielleicht stellen für viele junge Menschen, die Paul Celan kennen als Name, er ist in Frankreich wie in Deutschland ja immer noch ein hoch anerkannter und beliebter Dichter, und doch ist es ja nun nicht nur 90 Jahre her, dass er geboren wurde, sondern auch schon 40 Jahre her, dass er gestorben ist. Wenn jemand das Werk nicht kennt von Paul Celan und möchte gerne einsteigen mit einem typischen, aber auch halbwegs zugänglichen seiner Gedichte, hätten Sie dann einen Tipp für ihn oder sie?
Rupp-Eisenreich: Ja, dass er sich nicht begnügen soll, „Die Todesfuge“ zu lesen, die ja glaube ich heute noch in allen Lesebüchern steht. Wenn Sie wollen, dass ich ein Gedicht vorschlage, dann nehme ich „Schuttkarren*“, von dem wir schon gesprochen haben.
Kassel: Das sagt Brigitta Eisenreich, ehemalige Geliebte von Paul Celan. Das Buch, in dem sie ihre gemeinsame Geschichte mit dem großen Dichter, der heute seinen 90. Geburtstag gefeiert hätte, erzählt, dieses Buch heißt „Celans Kreidestern“ und ist im Suhrkamp Verlag erschienen. / DLR
*) vgl. Kommentar!
Beinahe wöchentlich stoße ich auf Artikel in Lokalausgaben von Regionalzeitungen aus Ost und West, die stolz vermelden, der heimatliche Autor / die Autorin XY sei „sogar schon in die Nationalbibliothek“ resp. Gedichtebibliothek resp. Frankfurter Bibliothek aufgenommen worden. Regelmäßig geben diese komplett ahnungslos-unkritisch die Selbstdarstellung dieser Unternehmungen wieder, die sich mit klangvollen Titeln (so die ursprüngliche „Nationalbibliothek des deutschsprachigen Gedichts“) und Namen (Clemens Brentano, Cornelia und August Goethe) und hehrer Programmatik schmücken, vorallem aber „edel“ und repräsentativ ausgestattet sind. Dick und teuer sowieso, richtig gediegen. Das ideale Weihnachtsgeschenk von Tante Mimi für die hoffnungsvolle Dichterin.
Die Märkische Allgemeine schreibt:
Ziel der Edition ist es, die lyrische Volkskultur für die Zukunft zu archivieren. Sie bietet einen repräsentativen Querschnitt gegenwärtiger deutscher Dichtung.
Diese Idee wurzelt in der Romantik, als man die „dichtende Volksseele“ noch als Spiegel der Gesamtkultur einer Gesellschaft begriff und Clemens Brentano, Luise Hensel und die Gebrüder Grimm im Volk Märchen und anderes Dichtgut sammelten und für die Nachwelt bewahrten. Im 20. Jahrhundert ideologisch missbraucht, machten die Frankfurter Initiatoren vor zehn Jahren einen neuen Anfang.
Folglich sind auch in dem seit 2000 erscheinenden Lyrikband „nicht vorrangig Werke der Hochliteratur versammelt, sondern Gedichte aus der Mitte unserer Gesellschaft, neben Spitzenleistungen also auch Gelegenheitsdichtungen, Verse aus dem Alltag“, erklären die Initiatoren. Die Jahresbände werden nicht nur als Nachschlagewerke von internationalen Staatsbibliotheken und literatur- und kulturwissenschaftlichen Forschungseinrichtungen angekauft, sondern seien auch beim „Normalleser“ beliebt. … Die Bücher sind zudem sehr edel aufgemacht, in blaues Leinen gebunden, fadengeheftet und messinggeprägt. Der Jahresband 2010 war nach Angaben der Herausgeber noch vor Weihnachten komplett vergriffen. / Märkische Allgemeine Potsdam-Mittelmark
Ja, gut daß einige Forschungsbibliotheken die Trumms anschaffen. Ob sie für Volksseelen- oder kulturwissenschaftliche Forschung taugen? Ich hab da Zweifel (aber die Forscher werden sich finden). Aber welche Fundgrube für Literaturwissenschaftler, die nach pseudonym eingereichten Fakes oder Jugendtorheiten arrivierter Autoren fahnden (es gibt sie!). Andererseits hoffe ich sehr, daß die Universitätsbibliothek Greifswald das knappe Geld nicht für solchen Scheiß ausgibt (zu Preisen, für die man 4 bis 8 richtige Gedichtbände bekäme).
Daß solche Pressemeldungen immer wieder Anfänger (und vielleicht auch Bibliothekare) desorientieren … nun, das ist ja die Aufgabe der Presse.
Zum 80. Geburtstag des nigerianischen Schriftstellers Chinua Achebe schreibt Volker Breidecker:
Auf ‚Things fall apart‘ folgten vier weitere Romane, Kurzgeschichten, Kinderbücher sowie Essays, deren berühmtester den inhärenten Rassismus von Joseph Conrads kanonischem Afrikaroman ‚Herz der Finsternis‘ sezierte. Nur während des grausamen Bürgerkriegs in seinem Land um die abgefallene Provinz Biafra (1967-70) verstummte der Prosaautor, an dessen Stelle der Lyriker aber einen großen Korpus von Gedichten schuf. Achebes Verhältnis zu Nigeria war und bleibt problematisch. Gegenüber der moralischen Verkommenheit der Eliten seines Heimatlandes fand er stets deutliche Worte. Als er im Jahr 2002 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt wurde, sagte er in seiner Dankesrede, die Auszeichnung habe ihm das Leben gerettet. …
Europa und Afrika? Die ‚Tatsache, dass es da zwei gibt und nicht bloß eines‘, sagt Achebe zum Lobe der Diversität, sei doch eigentlich ‚äußerst produktiv‘. ‚Nur zu zweit kann man ein Gespräch führen.‘ Da wäre es an der Zeit, einander zuzuhören. / SZ 16.11.
Die Berliner Schriftstellerin Nadja Küchenmeister erhält den Mondseer Lyrikpreis 2010. Der Preis, der heuer zum siebenten Mal verliehen wird, ist mit 7.500 Euro dotiert und wird Küchenmeister im Dezember in Schloss Mondsee überreicht. „Sprachgenau hält sie Abschied, Unverständnis, Zurückweisung fest und bringt in stimmungsintensiven Bildern die Natur zum Sprechen“, so die Begründung der Jury für ihre Entscheidung. / tt.com
So heißt ein Gedicht von Heinz Piontek, das Michael Braun am 17.11. im DLF-Lyrikkalender vorstellt. Da dessen Texte „aus urheberrechtlichen Gründen“ nur noch sieben Tage gespeichert bleiben, muß man sofort nachsehen. So beginnt die Einleitung des Herausgebers:
„Ich vermute, dass derjenige ein Gedicht am genauesten interpretiert, der es mehrere Male hintereinander kommentarlos vorliest“, sagte der in Schlesien geborene Schriftsteller Heinz Piontek (1925 – 2003).
Wir sind in Slowenien. Hier, sagen die Leute, ist gerade noch Europa. Gleich an der Grenze zu Kroatien beginnt der Balkan: Denn Kroatien gehörte zum ungarischen Teil der k. u. k. Doppelmonarchie. Für die Kroaten beginnt der Balkan in Serbien, an der Trennlinie zum christlich-orthodoxen Glauben. Die Serben sehen sich ihrerseits als letzte Bastion des Christentums an der Grenze zum Islam der Albaner und Bosnjaken. Aber gehen sie nach Österreich: Wir sind Europa, heisst es dort. Jenseits der Karawanken in Slowenien herrschen slawische Horden. In Deutschland kann man hören, die Österreicher mit ihrem ererbten Vielvölkermix seien eigentlich Balkaner. Die Franzosen sehen sich dank ihrer «civilisation» als Hochburg Europas, denn östlicher, in Deutschland, droht die Barbarei der Teutonen. Ein englischer Journalist sagte mir, im Grunde genommen sei der ganze Kontinent heute eine Art byzantinisch-balkanisches Reich mit Brüssel als dem neuen Konstantinopel. Nur noch die britische Insel verteidige die Werte Europas. Sie sehen, der Balkan ist kein fester Ort. / Slavoj Žižek, NZZ 22.11.
von Radiohörern über Lyrik finden Sie hier bei MDR Figaro
Ein provokanter Leitsatz steht über dem bitterbösen Dreiteiler „Gottgewimmer“ von Christoph Meckel. „Das Gedicht ist nicht der Ort, wo die Schönheit gepflegt wird“. Diesem Grundsatz aus seiner „Rede vom Gedicht“ (1974) ist der 1935 in Berlin geborene Dichter, Grafiker und Erzähler treu geblieben. …
Ohne Pathos, ohne Klage entsagt Meckel klapprig gewordenen Utopien und zählt die Höllen des gegenwärtigen Weltzustandes auf. Er entwirft Räume, in denen das Licht immer seltener scheint, und Landschaften, in denen der „Fürst der Finsternis“ regiert. In freien Rhythmen mit Anklängen an alte Versformen imaginiert er philosophierend eine „Weltschöpfung“, die ins Leere trudelt. In kunstvoll arrangierten Szenen, in denen Könige ohne Land kommen und gehen, Wiedergänger, Raubtierengel, Strauchdiebe, Mörder, Narren, und reitende Boten ohne Auftrag agieren, kehrt eine Figur immer wieder: ein „Er“, der Gefühle vermeidet und keine Spuren hinterlässt.
Anders als in zeitgenössischer Lyrik üblich, spricht sich ein Ich nur in der Rollenrede aus – mit größtmöglichem Abstand zum Autor. / Dorothea von Törne, Märkische Allgemeine
Christoph Meckel: Gottgewimmer. Hanser, 82 Seiten, 14,90 Euro.
Christoph Meckel liest am 25. November, 20 Uhr, im Peter-Huchel-Haus, Hubertusweg 41, Wilhelmshorst (Potsdam-Mittelmark). Karten unter 033 205 / 629 63.
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