6. In

Gedichte zu schreiben, das ist in, Gedichte zu lesen nicht. / Oberösterreichische Nachrichten

5. Fenster meiner Seele

Ein Extrem-Programm liegt hinter ihm, abwechslungsreich und unterhaltend, in dem er sich als alter Bühnen-Hase und als glaubwürdiger Herzblutmusiker ins Gedächtnis gespielt hat. Seine Liebeserklärung an die Musik, seine nur von Cello und Piano begleitete Ballade „Meine Musik“, nimmt man ihm deshalb bei allem Pathos ihrer „Mit dir leb und sterbe ich“-Lyrik absolut ab: Selbst die Zeilen „Du bist das Fenster meiner Seele, durch das schau ich hinaus, bist meine Burg und mein Zuhaus“. / Verena Großkreutz, Eßlinger Zeitung 1.12.

4. Zukunftslos Worte

Mit freundlicher Genehmigung der Autorin stelle ich hier einen Text von 1987 dem Gedicht von Srečko Kosovel aus L&Poe 2010 Nov #107. Meine Anthologie 61: Srečko Kosovel, Stammbaum an die Seite. Er erschien zuerst in der Undergroundzeitschrift ariadnefabrik 1/1988. Solche Bücher waren damals Ereignisse, natürlich auch, weil das Angebot so überschaubar war, daß jeder Interessierte ungefähr die gleichen Bücher kaufte und las. Aber nicht nur, will mir meine Erinnerung sagen.

 

Zu Srečko Kosovel: Ahnung von Zukunft. Gedichte. Leipzig, Reclam Verlag 1986.

 

 

Noch in den siebziger Jahren hätte ich mich einem Buch, das in seinem Titel von Zukunft spricht, nicht so unbefangen zu nähern gewagt, all die kräftig und froh ausschreitenden Lieder und schwer-versigen Hymnen im Ohr, im Bewußtsein, die nur, und das spürten wir gewiß, in Schule und Öffentlichkeit als gültige Bekenntnisse kursierten, und jenseits unserer Grenze lag Abendland. Einfältiges Pflänzchen, das in uns gepflanzet worden war – grenzt es an Zynismus, wenn ich sage, es hat sich entwickelt? Aus Zukunftserwartung hat sich Zukunftsangst geschält, und diese ist kein schulisch abverlangtes Zeugnis mehr.

 

Was wirkt in mir, daß ich die scheinbar für den einseitigen Gebrauch gedachten Begriffe wieder für mein Denken verwenden kann? Ists, daß das Wort einer Geschichte eignet, eines Schwingraumes, unerkundeter Dimensionen; daß es sich natürlich bewegt wie ein Tier, aus dem Gatter entlassen, wenn es, bar ideologischer Vormundschaft und Beschlagnahme, wieder zum Dingwort wird, zum Wort, das den Dingen Menschen auf der Spur … So bewegen sich die Worte in Kosovels Dichtung, selbst Worte wie Revolution Menschheit Zukunft, sie bewegen sich natürlich, glaubwürdig, mensch- und dinggemäß. Die politischen Gedichte verlieren nicht an menschlicher und persönlicher Dimension, wahrnehmbar und in den Rahmen persönlicher Erfahrbarkeit gestellt sind die Bilder.

 

Entstanden die Gedichte vom Weltende im deutschen Expressionismus vor allem in der Zeit vor und während des Ersten Weltkrieges, so sind sie bei Kosovel zeitlich danach angesiedelt; Gedichte vom Rande Europas, Slowenien, in das Herz des Kontinents hineingesprochen, Beschwörungen gleich. Sicher erfaßt der jung verstorbene Dichter die Nachkriegsspannungen, die Vorläufigkeit dieses Friedens, entwickelt ein Gespür für Anzeichen und Ursachen des europäischen (Kultur-?) Verfalls, die nicht allein im Krieg zu suchen sind. In EKSTAZA SMRTI (Ekstase des Todes), aber auch in EVROPA UMIRA (Europa im Sterben) und anderen Texten unterzieht Kosovel die abendländische Lebenshaltung einer Kritik; Abendland – wörtlich genommen – umreißt faktisch die geistige Konstitution unseres Kontinents, alles in Europa scheint vom Abend geprägt, unser Bewußtsein vor allem ein endzeitliches zu sein, in Vergangenheitsräume gerichtet, in denen wir das Zukünftige nicht zu entdecken vermögen. Ja selbst diese Räume konservieren wir zu Museen reiner Erinnerung, berauben sie ihres Raumcharakters, und doch wirkt und währt alles Geschehene fort …

Unglaubhaft blieben uns immer, und fern, die vermittelten Standardvisionen vom Anbrechenden Morgen, wir ziehen es vor, in heißere Länder zu reisen, doch Morgenlandfahrer im Sinne von Erkundern des Möglichen scheinen rar in Europa.

 

Kosovel ist, fern aller Mystifizierung, ein Seher; tief in Wirklichkeiten vorzudringen mit dem feinen Instrumentarium der Worte, das Fundgut zu betten in den poetischen Raum, dies heißt sowohl, Vergangenes zu entdecken als auch Zukünftiges im Vergangenem, das nicht verloren, sondern nur vergessen, verschüttet war …

Dankbar bin ich für die untergründige Religiosität dieser Dichtung, weil sie identisch ist mit einem alle Wirklichkeitsbereiche umfassenden Weltbewußtsein, mit dem Bewußtsein des notwendigen Wechselspiels zwischen Natur und Mensch. Kosovel bewegt sich mit seinem Universum hin zu einer Utopie, zu sozialen Veränderungen (siehe z.B. „An die Mechaniker“), die auch Veränderungen im Verhalten der Menschen zur Umwelt mit einschließen müssen, um glaubhaft und lebbar zu sein. Sozial beschränkt sich für ihn nicht auf soziale Sicherheit, sondern umfaßt das Geflecht menschlicher Beziehungen in seiner Gesamtheit. Es gibt für mich keine heimatlichere Gebärde als eine solche, die den Einzelnen wie das Universum mit einbezieht und in seiner Gestalt achtet.

 

Jayne-Ann Igel

Leipzig, September 1987

 

3. Bella Achmadulina gestorben

Die russische Dichterin Bella Achmadulina starb am Montag in ihrem Haus in Peredelkino bei Moskau im Alter von 73 Jahren. Während des Tauwetters nach Stalins Tod machte sie sich einen Namen als eine der mutigen neuen Stimmen zusammen mit Jewgeni Jewtuschenko und Andrej Wosnessenski. Tausende begeisterte Zuhörer stömten zu ihren Lesungen in Konzertsälen und Stadien.

Ihre Lyrik war entschieden unpolitisch, was sie zur Zielscheibe offizieller Kritik machte. Später wandte sie sich philosophischen oder religiösen Themen zu oder schrieb über die Natur der dichterischen Sprache: “O magic theater of a poem,/spoil yourself, wrap up in sleepy velvet./I don’t matter”. (hier komplett russisch)

Obwohl sie als Dichterin unpolitisch war, unterstützte sie offen verfolgte Autoren wie Boris Pasternak und Alexander Solshenizyn und Dissidenten wie Andrej Sacharow. 1979 fiel sie in Ungnade, weil sie eine Kurzgeschichte in dem inoffiziellen Sammelband „Metropol“ veröffentlichte (hrsg. von Wassili Axjonow).

Aber trotz ihres zweifelhaften Rufs bei den Offiziellen zählte man sie immer zu den Meistern der russischen Lyrik. 1993 schrieb Sonia I. Ketchian: „Es gibt Achmatowa, Zwetajewa, Mandelstam und Pasternak – und sie ist die fünfte.“

/ WILLIAM GRIMES, New York Times 30.11.

Mehr: The voice of Russia 30.11.

Achmadulina und Jewtuschenko in der Zeit 1962

Ihre Gedichte auf Russisch / auf Englisch /

L&Poe 2010 Jun #5. Andrej Wosnessenski gestorben

2. Promi-Lyrik

Doch nicht wegen der Gedichte allein kauft man diesen Band, sondern wegen der Neugier: Wer schätzt welches Gedicht warum? Und ja, es macht Spaß, die Kommentare der Befragten zu lesen – und zu prüfen: Passt das zum Promi (und dem was ich mir von ihm erwarte)? Ein authentisches Beispiel (mit unfreiwilliger Komik) ist zum Beispiel Sepp Maier: der famose Fußballtorwart führt „Die Grille sitzt im hohen Gras/ Und zirpt und zirpt und zirpt./ Auf einmal is stad – Kopf abgemaht!“ als Lieblingsgedicht an. Die Begründung der Wahl des lustigen Reims (fast noch lustiger denn der Reim selbst): „Das Gedicht bewegt mich, weil ich im Sommer regelmäßig Rasen mähe.“ Schlicht und glaubhaft – oder doch ein Schelmenstück?

Weitaus leichter entlarvt man so manchen Lyrikfreund mit hochtrabenden Begründungen – diese holprig daher kommenden Ausführungen machen viel Lachen. Aber auch die sympathische Offenheit und Größe mit der so mancher Politiker den Gedichtbezug kommentiert, laden zum Schmunzeln ein. Die Liebe des 6-jährigen Richard von Weizsäcker bekommt den „Handschuh“ (Schiller) hergesagt und heiratet dann später doch einen Italiener. Karl Theodor zu Guttenberg outet sich als jugendlicher Bildungs-Prahlhans, der für sich die Kenntnis des ganzen Hölderlin beanspruchte und ihn noch heute gerne liest. Ein reimfroher  Nachrichtensprecher gesteht freimütig seine Bezüge zum „Herbsttag“: er als Herbstkind bilanziert sehr gerne – wenn er sich dieses inzwischen auswendig gelernte Gedicht hersagt. / Leonhard Reul, Die Berliner Literaturkritik 30.11.

 

Schellenberger-Diederich(Hg): Mein Lieblingsgedicht. Prominente antworten. C.H. Beck 2010

 

1. Bayern: Kreuzzug gegen Lyrik

So viel Ärger hat ihm bislang noch kein Projekt eingebracht: Anlässlich des 2. Ökumenischen Kirchentags (ÖKT) stellte der Dichter Anton Leitner für einen katholischen Verlag eine Lyrikanthologie zusammen. Das Buch verkaufte sich zwar gut – zugleich formierte sich aber auch erbitterter Widerstand im konservativen Lager dagegen: Katholische Bischöfe, Kirchentag und Verlag erhielten eine Reihe von Protestbriefen. Leitner spricht von einer monatelangen „Diffamierungskampagne“. Ihr prominentester Vertreter ist ausgerechnet ein früherer Kunstminister: Thomas Goppel (CSU).

Dass Buch mit dem Titel „Die Hoffnung fährt schwarz“ war schon Anfang des Jahres im Verlag Sankt Michaelsbund erschienen. Der Band umfasst 74 Gedichte von Autoren aus drei Generationen, darunter Matthias Politycki, Gerhard Rühm, Said und Erika Burkart. …

Die Reaktionen besorgter Katholiken ließen nicht lange auf sich warten: „Das ist abschreckend“, klagte beispielsweise eine Ordensschwester in einer E-Mail an die ÖKT-Geschäftsstelle. „Kann das nicht verhindert werden, dass so ein Buch in die Öffentlichkeit kommt, wir blamieren uns ja.“ …

Verleger Erich Jooß sagt: „Es sind im Grunde nur wenige, die sich aber in einer Vielzahl ähnlich- oder gleichlautender Briefe beschwert haben.“ … Leitner bezeichnet es als „skandalös“, dass er hinterrücks zum Ketzer erklärt werde: „Es gibt wohl keinen Bischof in Bayern, der nicht ein solches Schreiben erhalten hat.“

Auch Goppel schaltete sich ein. Leitner hat in seinen Akten einen Brief des CSU-Politikers, der bei Zöpfl promoviert haben soll und mit ihm zusammen auch zu den Mitbegründern des Arbeitskreises Engagierter Katholiken in der CDU und CSU zählt. Der Münchner Künstlerseelsorger Georg Maria Roers erzählt, der Ex-Kunstminister habe ihn persönlich angesprochen, um seine Kritik an dem Buch loszuwerden. Auch Verleger Jooß bekam Post von Goppel, wie der Politiker selbst einräumt. …

Leitner sieht Goppels Äußerung nicht als Unmutsbekundung eines Einzelnen, sondern als Teil eines konzentrierten „Kreuzzugs gegen moderne Lyrik“. / Freie Presse

124. Der Dichter als Performance-Künstler

Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald · Martin-Luther-Straße 14
Mittwoch, 1. Dezember 2010 · 19:30 Uhr

Öffentlicher Abendvortrag im Rahmen des polenmARkT 2010

Professor Dr. Jacek Kopciński

 

Das Thema des Vortrags ist die Performance-Dimension von Miron Białoszewski. Der Dichter ist ein Vertreter der literarisch-artistischen Gruppierung. Białoszewski war von der Idee begeistert, dass die Dichtung zu ihren mündlichen und melischen Anfängen zurück kehren soll, was aber nicht bedeutet, dass er kein Verfechter der alten lyrischen Formen war. Białoszewski sah sich selbst als Erfinder eines neuen Ausdrucks. Er wollte das semantische Vermögen der einzelnen Wörter, das in der Sprache und Vorstellungskraft steckt, frei machen. Seine Gedichte betrachtete er als musikalische Partitur, so dass er sie „laut“ schrieb und eine entsprechende Ausführung anstrebte. Deshalb gründete er in den 50er Jahren ein Haustheater, um so mit der Sprache und Gestik seine Lyrik zum Leben zu „erwecken“. Er führte zudem auch Dramen auf, die genauso wie seine Gedichte den Charakter eines sprachlichen Ereignisses haben. Als das Theater seine Pforten geschlossen hatte, griff der Dichter nach einem Kassettenrecorder und nahm jahrelang seine Werke auf. Diese Tonband-Sessions des Dichters waren eine Art Performance, in der die Ausführung ebenbürtig mit der Lyrik selbst war. Kopciński wird den Versuch unternehmen zu zeigen, dass Białoszewski aus einem bestimmten Grund seine Werke aufnahm – er wollte den Akt der Ur-Schöpfung wiederholen und in sich selbst durch die eigene Stimme einen Künstler wecken.

 

Jacek Kopciński (*1965) ist Literaturwissenschaftler, Literatur- und Theaterkritiker sowie Autor. Er arbeitet am Institut für Literarische Forschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Darüber hinaus ist er Professor an der Kardynał-Stefan-Wyszyński-Universität Warschau sowie Chefredakteur der wichtigsten Theaterzeitschrift Polens „Teatr”.

 

Moderation: Professor Dr. Alexander Wöll

 

Der Eintritt ist frei.

 

123. Rosen & Verstand

Es gibt einen Widerstreit von Anmutung und Vernunft. Der polnische Dichter Adam Zagajewski spricht von Lyrikern, „deren Werk nicht nach Rosen duftet, sondern nach Verstand“. Auch sein deutscher Hanser-Verleger Michael Krüger kann ihnen zugerechnet werden.

In Krügers Gedichtband „Ins Reine“ bleibt die Präsenz einer scharfen Vernunft unbetont, sie ist mit einer „Witterung für das Falsche“ einfach da, ungeachtet aller der Natur entnommenen Bilder. / Jürgen Verdofsky, FR 29.11.

Der Autor liest am 30. November in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt. www.d-nb.de

Michael Krüger: Ins Reine. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, 120 Seiten, 16,80 Euro.

 

122. Lesung zum 2. lauter niemand preis für politische lyrik

1. Dezember 2010

20:00 Einlass 20:30 Beginn

lesung / preisverleihung / diskussion

Es lesen die Autoren in der engeren Auswahl:

Susanne Eules, Kai Pohl, Thomas Rackwitz, Johann Reißer, Marcus Roloff und Clemens Schittko

Diskussion mit den Juroren: Katrin Heinau, Stefan Döring und Tom Schulz

 

Eintritt: 5 Euro

MAX und MORITZ
Oranienstrass 162
10 969 Berlin (Kreuzberg 36)

 

„Was ist das Politische in der Lyrik?“ – Diese Frage beantwortete jeder der 414 Teilnehmer des 2. lauter niemand preises für politische Lyrik auf eigene Weise. Seine drei Juroren werden sich ihr anlässlich der Lesung der 6 Autoren in der engeren Auswahl und der Preisvergabe vor Publikum stellen.

 

Zur Lesung erscheint ein Reader mit der Lyrik dieser und weiterer Autoren. Auf der Homepage www.lauter-niemand.de wird in den nächsten Wochen jeder Besucher die Möglichkeit bekommen, sich über den aktuellen Stand politischer Lyrik in Deutschland zu informieren und seine politische Meinung auf möglichst kürzestem und oft überraschendem Wege weiter zu bilden oder zu hinterfragen. So gibt der Preis zum 2. Mal inhaltlich und formal Anstoß für die politische Diskussion in Deutschland. Wir laden Sie herzlich zur Lesung ein.

 

 

121. First Nations erotica

First Nations – so nennt man in Kanada die „eingeborenen“ oder indigenen Stämme – mehr als 500 davon zählt man offiziell. Die Lyrikerin Janet Rogers aus Victoria zählt dazu. Sie gehört zu den Mohawk / Tuscarora aus dem „6-Nationen-Gürtel“ Südontarios. Sie wurde 1963 in Vancouver geboren und lebt seit 1994 im traditionellen Stammesgebiet der Salish-Küstenbewohner in Victoria, British Columbia. Zu ihren vielfältigen Arbeitsfeldern gehören Lyrik, Spoken word, Prosa, Science fiction, Drama, Radio, Performance und Videogedichte. Ihre literarischen Antriebe kommen aus ihrer Herkunft, aus Feminismus, Geschichte, Sexualität. Ihre Performancegedichte führt sie in ganz Nordamerika auf. 2007 erschien ihr erster Gedichtband, Splitting the Heart, Ekstasis Editions.

Jetzt veröffentlichte sie den Band „Red Erotic“. Den Umschlag ziert das Foto einer nackten Frau mit Indianermaske. Das Buch enthält ihre erotischen Gedichte, illustriert mit Kunstwerken von 8 indigenen Künstlern. Zitat aus einem ihrer Gedichte:

I’m your Spread-Eagle Thunderbird Girl
your Savage-Kitten Pussy-Temptress
your Midnight Red-Skin Wild-Thing
doing a horizontal dance.

Das Buch erschien im Selbstverlag und ist nur auf ihrer Website erhältnlich: www.janetmarierogers.com). Sie sieht ihre Gedichte als Beitrag zur Überwindung romantischer Klischees vom „edlen Wilden“.

/ ADRIAN CHAMBERLAIN, TIMES COLONIST NOVEMBER 28, 2010

120. Es gibt eine andere Welt – Buchpremiere

Vorstellung der sächsischen Lyrikanthologie

Sachsen – ein Land der Dichter. Das ist immer wieder zu hören oder zu lesen. Mit der vorliegenden Anthologie haben die Herausgeber versucht, dieser begründeten Vermutung nachzugehen. Dabei ist ein gleichermaßen lesbares wie umfassendes Gedichtbuch entstanden, das die Qualität eines Standardwerks besitzt. Es bekennt sich zu seiner literarischen Verortung in Sachsen und zeigt zugleich ein überregionales dichterisches Panorama auf. Der Leser mag staunen, wie viele Dichter ihm hier begegnen, die die deutschsprachige Gegenwartsdichtung schlechthin präsentieren.

Am 02.12.2010 um 20 Uhr lesen im Haus des Buches Leipzig Róža Domašcyna, Wulf Kirsten, Andre Rudolph und der Schauspieler Tilo Esche aus der Anthologie „Es gibt eine andere Welt“ (poetenladen 2011). Moderiert wird der Abend von Richard Pietraß. Im Anschluss erfolgt ein Gespräch mit dem Verleger Andreas Heidtmann.

Weiter Informationen zum Buch auf http://www.poetenladen-der-verlag.de/

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poetenladen Verlag
Blumenstraße 25
04155 Leipzig
0341/ 9939647

119. Zukunftsrede

Die Sintflut ist Grundversorgung, die täglichen Schlamm- und Müll- und Datenfluten. Der Weltuntergang ist akkreditiert. Zum Land Utopia wollen wir nicht einmal diplomatische Beziehungen pflegen. Es passt nicht in unsere Staatengemeinschaft. Es hält sich nicht an Verträge. Es verweigert sich dem Schengener Abkommen, der Restlaufzeitverlängerung, den Kampfeinsätzen. Kein Waffenexport. Keine Geheimdienste. ‚By god! ich will nichts haben, wovon nicht ein jeder seinen Teil haben kann unter gleichen Bedingungen.‘ (Walt Whitman) Es ist das Andere, das Gegenteil, die Widerlegung. –

Aber auch diese Prospekte werden von der Wirklichkeit diktiert, vom Widerstand, der in ihr wohnt, und ‚wühlt‘. In Gorleben, in Oaxaca …wo immer die Menge handelt. Die Zukunft ist kein unbeschriebnes Blatt, von Wasserwerfern und Pfefferspray imprimiert. Sie ist keine heile, in Ordnung gebrachte Welt. Sie wird nicht erlöst sein aus jedem Elend. In Widersprüchen gemacht: wie anders als in Widersprüchen lässt sie sich denken? Vermutlich sind ihre Antinomien größer, gewaltiger, und das Humanum wird härter gefordert. Sie ist (denke ich) nicht versöhnt, sie ist solidarisch, und Menschlichkeit muss sich an schwerern Gewichten bewähren. Nichts Glimpfliches, Paradiesisches meint das Diktum Naturalisierung des Menschen, Humanisierung der Natur.

Die Menschen wie die Welt tragen genug gute und schlechte Zukunft. Ich sehe sie umkämpft, ich sehe Zukünfte kämpfen und unterliegen. Ich sehe sie nicht. Der Mensch muss damit leben, dass er die Zukunft nicht (mehr) kennt, ohne dass er beginnt, bedenkenlos gegen andere und Zukünftige zu leben. Der Strich so fest, dass er eine Möglichkeit darstellt, und so dünn, dass er keine endgültige Lösung bietet. Oder ein Strich darunter, hindurch.

Die Menge ist fähig, das Blatt zu zerreißen: und im Gegenteil zu sagen, dass noch fast nichts ist, nicht gedacht worden ist. Überhaupt kein Verstand in der Sache ist, wie sie steht! Und die Sache, wie sie steht, aus bloßer Not, elementar, zum Aufruhr ruft. Nichts besteht; und was sich sicher wähnt, hat den Keim der Auflösung in sich. Vielleicht muss sich die Menschheit einmal neu erzählen, und die eigentliche Arbeit hat noch gar nicht begonnen. Sie wird der Gesellschaft den Atem verschlagen. ‚Die größere Lust sparen dem Enkel wir auf.‘ (Hölderlin) Und die Liebe, um zum Thema zu kommen, der Geschlechter, der Gattung. Die Zukunft ist eine Mulattin. Wir sind an der Stelle, wo es uns kühl anweht wie die kommende Frühe –

/ Die Süddeutsche Zeitung druckt am 29.11. einen Auszug aus der ‚Zukunftsrede‘, die Volker Braun im November auf Einladung der Stiftung Ernst-Bloch-Zentrum in Ludwigshafen hielt. (zitierend sich, Hölderlin, Marx, Whitman und viele andere)

„eher apokalyptisch gestimmt“ sagt Perlentaucher. Na, Ansichtssache! Selber lesen!

118. Kommentare

Manchmal kommen noch nach längerer Zeit Kommentare. Noch nicht so lang her, aber interessant: ein Kommentar zu 105. Albatros.

Und kürzlich kam ein Kommentar einer im Juli 2009 erwähnten Autorin:

61. SING FOR THE TAXMAN


 

117. Nicht nur DuMont

Nachtrag zu #114

Ich zitierte den einzigen Satz der Besprechung zur Lyrik. Aber warum immer nur den „großen“ Verlag nennen? DuMont inszenierte sich ja zum Start des Literaturprogramms als wichtiger Lyrikverlag, das ließ aber dann nach. Die Anthologie von Gerhard Falkner und Orsolya Kalász gehört in diese Zeit. Orsolya Kalász gehört selbst in die Gruppe der ungarischen Schriftstellerinnen mit engem Deutschlandbezug. Sie verbrachte ihre Grundschulzeit in Ostberlin als Tochter des ungarischen Lyrikers Márton Kalász, der am Haus der ungarischen Kultur arbeitete. (Dieses und die benachbarte polnische Entsprechung in der Ostberliner Karl-Liebknecht-Straße waren wichtige Anlaufpunkte bei jedem Berlinbesuch!). Von daher ihre Zweisprachigkeit, die sie als Autorin beibehielt. Leider erwähnt der Perlentaucher unter ihren Büchern auch nur die DuMont-Anthologie – die Großen schlucken die Großen, haha! Drei Gedichtbände von ihr aber erschienen bei kleinen Verlagen (ohne die Kleinen wäre Deutschland arm dran):

  • alles was wird, will seinen strauch : Ami volt, még bokor akar lenni , Gedichte. Frankfurt, M. : Gutleut-Verlag 2007 ISBN 978-3-936826-66-1 . Mit einem Essay von Monika Rinck
  • Ich habe keine andere Wahl als einen Garten zu finden : Más választásom nem marad mint találni egy kertet , Gedichte. Zeichnungen von Jutta Obenhuber. Frankfurt, M. : Gutleut Verlag 2006 ISBN 978-3-936826-43-2
  • Babymonster und die Gärtner : Babarém és a kertészek , Gedichte. Leipzig : Connewitzer Verl.-Buchh. 1997 ISBN 3-928833-71-5

Dann natürlich der Ungarn-Band aus der Reihe „Poesie der Nachbarn“ von Gregor Laschen, Bremerhaven 1990. Darin enthalten die 1909 geborene Amy Károlyi, die von sich sagt:

… ich bin eine alte Dame und schreibe Gedichte seit ich die Blockschrift kenne. (…) Ich bin langsam gereift, wie die Winterbirnen. (…) Ich hatte das Glück, Emily Dickinsons Gedichte kennenzulernen, das Verwandte in ihr erweckte die in mir schlafende verwandte Möglichkeit. Ich heiratete Sándor Weöres, die europäische Größe unserer Epoche. Dienend seinem Werk kämpfte ich meinen Freiheitskampf um die eigene Stimme. Das ist alles.

Den großartigen Sándor Weöres lernte ich in einem Heft der Reihe Poesiealbum kennen. Dort gab es etliche Ungarn, aber vielleicht nur Männer? Aber aus dem Leipziger Insel-Verlag fällt mir die von Franz Fühmann übersetzte Ágnes Nemes Nagy ein, von der mir mindestens eine Zeile im Gedächtnis haftet: „Und dennoch schauen schauen auch wenns nichts hilft“.

(Alles das kennen die Lexikonmacherinnen natürlich – unter denen auch eine Deutsch-Ungarin ist, die Autorin und Übersetzerin Zsuzsanna Gahse).

116. Meine Anthologie 62: Richard Anders, Die Entkleidung des Meeres

Die Entkleidung des Meeres 

Er entkleidete das Meer
streifte seine Gewänder
eins nach dem anderen ab
und ließ sie
in der Bewegung von Wellen davonschweben

Doch als er
es zu umarmen sich anschickte
bemerkte er
daß mit den durchsichtigen Seiden
auch der Körper entflogen war

Die Wüste dehnte sich jetzt
bis dort
wo blaue Messer ihr ins Fleisch schnitten

Er schlüpfte in ein Skelett
und behauptete es gebe kein Meer
alle Fische seien wahnsinnige Vögel
Man solle diese Fata Morgana
mit Namen Meer
bei Strafe des Verdurstens
weder fregatten noch dampfern

Er sprach
bis ihm der steigende Sand
die Kehle brütete

Eine winzige Sirene
regte in dem fleischfarbenen Ei
ihre Federn und lachte

1969

Die Pendeluhren haben Ausgangssperre. Berlin: Edition Galrev 1998, S. 17. (Zuerst 1969) Jetzt in:  Das surrealistische Gedicht. 3. erw. Aufl., Zweitausendeins 2000, S. 1408f.


© (Für die Auswahl) Michael Gratz 2001.