Der Erfinder der Konkreten Poesie, Eugen Gomringer, stellt in Bad Elster aus. Die Schau spannt einen internationalen Rahmen, zeigt Varianten der Kunstform aus Österreich, Frankreich oder Korea – Lyrik von den Anfängen in den 1950er-Jahren bis zur Gegenwart. Mit ihm sprach Nicole Jähn.
Die Schau in Bad Elster zeigt auch Gedichte, die mit chinesischen Schriftzeichen arbeiten. Kann ein Betrachter aus unserem Sprachkreis diese Kunst verstehen?
Es ist ein Lernprozess. Chinesische Schriftzeichen sind etwas sehr konkretes, da sie auf ganz bestimmten Dingen in der Natur fußen. Es sind Sprachzeichen, die man lernen kann. Ich habe mir auch angeeignet, wie sie funktionieren, kann sie lesen und schreiben. Ich akzeptiere daher die Ausrede nicht, dass man sie nicht kennt.
Ich hatte beim Betrachten den Eindruck, dass sich die Werke auch über die visuelle Ebene selbst erklären.
Natürlich. Das ist der einfachste Weg des Verstehens. Sie müssten einmal Kinder erleben, dritte bis fünfte Klasse. Für sie sind die Zeichen wie ein offenes Buch. Da braucht es wenig Einführung oder Bemühen. Kinder packen die Sache gleich an: fragen nach, warum es so geschrieben steht und nicht anders. Gemeinhin können sie mit konkreter Poesie sehr viel anfangen.
/ Freie Presse 6.1.
Ausstellung „Konkrete Poesie International“ in der Kunstwandelhalle Bad Elster. Bis zum 16. Februar. Öffnungszeiten: dienstags bis freitags 14 bis 17 Uhr, samstags und sonntags 9.30 bis 12 Uhr und 14 bis 17 Uhr, Eintritt frei.
Am Anfang des Jahres 2011 läuft der Liebesfilm „If You Are the One 2“ in den chinesischen Kinos und wird zum Erfolg an der Kinokasse. Weil der Titelsong des Films von einem Gedicht des sechsten Dalai Lamas Tsangyang Gyatso inspiriert wurde, wird der tibetische Mönch und Dichter nach 300 Jahren wieder zum Thema in der Öffentlichkeit. …
Tsangyang Gyatso(1683~1706)war der sechste Dalai Lama und spielte eine wichtige Rolle in der tibetischen Literatur. Er war ein lebenslustiger junger Mann und für seinen sinnenfreudigen Lebensstil bekannt. Wegen des Machtkampfs in Lahsa kam er bereits im Alter von 24 Jahren ums Leben. … In seinem ganzen Leben schrieb er nur 66 Gedichte, davon sind die meisten Liebesgedichte.
Sein Gedichtsammlung „Love Song“ ist bis heute nicht nur bei Tibetern, sondern auch bei Han-Chinesen beliebt. Neben dem tibetischen Original gibt es noch über zehn chinesische Übersetzungen. Im Ausland gibt es noch englische, französische, japanische und russische Übersetzungen.
Wozu Dichter in dürftiger Zeit, fragt der Essay des Tages bei marianne.fr – ohne Hölderlin zu erwähnen: Pourquoi des poètes en temps de détresse? Er schlägt (nicht uns, sondern den Franzosen) vor, wenn das Projekt einer Mittelmeerunion hapert, l’Union pour la Méditerranée, auf die Dichter der Méditerranée (geht das auf Deutsch?) zu bauen.
Er bezieht sich auf eine Anthologie, die Dichter aus 24 Ländern um mittelmeerische Küsten herum vereint. Das Nebeneinander zweier Welten, der europäischen und arabo-islamischen, finde man da in Bosnien, Montenegro, der Türkei, Israel, Spanien oder Palästina.
Kein literarischer Ökumenismus sei da gemeint, schreibt der Herausgeber der Anthologie, Eglal Errera. Aber warum nicht an den Geist der Orte glauben, an das Licht, den Mythos, an den tieferen Sinn der Träume, an die filles cierges?
Kerzenmädchen, gibts das? Kerzengerade, gertenschlank? Ich frage Google und finde das Gedicht „FILLES CIERGES“ des griechischen Lyrikers Thanàssis Hadzòpoulos.
Sie entzünden da heilige Kerzen. Tatsächlich fällt der Name des Griechen im nächsten Satz des Essays: „Antigone ist anwesend im Gedicht von Thanàssis Hadzòpoulos und das große Gedicht des Orients erklingt in der Türkei ebenso wie in Syrien“. Er zitiert Vénus Khoury-Ghata (Libanon) [ich rücke die Zitate unübersetzt ein], « une lune ne remplit pas une huche/ Ne colmate pas les fissures de l’évier/ Ne balaie pas les miettes des disputes », Nurith Zarchi (Israel), « les bébés tombent sur le monde/ Comme des grains de pluie, dans le noir, d’une paume géante », Abderrrahman al-Abnoudi (Ägypten), les choses, « elles ne sont pas réveillées/ Ne sont pas réjouies/ N’ont pas brillé ni chanté/ Quand le soleil les a effleurées », Mohammed al-Faituri (Libyen), « demain le cortège de la faim passera par notre rue/verdissez les années de la disette/ tombez ô pluie/ noyez les champs de blé et de riz/ noyez le fleuve », Antonio Ramos Rosa (Portugal), femmes qui chantent et « frappent de splendeur et d’impureté / notre limpide, stérile, vie masculine ».
Les Poètes de la Méditerranée, Gallimard/ Cultures France
Préface d’Yves Bonnefoy, 39 euros.
Twitterlyrik gibts schon ein paar Jahre. Neu: Haikuleaks. Der Tages-Anzeiger informiert:
Zwar hält sie sich nicht an die 140-Zeichen Beschränkung von Twitter, dafür hat man sich die Mühe gemacht, einzelne Versatzstücke aus geleakten Diplomatie-Telefongesprächen als Haikus aufzuzeichnen. Das tönt dann etwa so:
«Whether such tactics
will have a chilling effect
remains to be seen.»
(Hier mehr)
Auch lesenswert, wie alte Formen im Netz neue Dynamik annehmen, wie der Aphorismus, etwa
Daniel Kaufmann alias Lilypap:
«Lieber Herr Blocher. Hitlervergleiche haben sich ziemlich abgenutzt. Aber bei den Satansvergleichen wäre noch etwas frei.»
Angezeigt wird eine Doppelzeitschrift, von der noch nicht klar ist, ob sie monatlich oder nur alle 2 Monate erscheint:
DreckSack – Lesbare Zeitschrift für Literatur (Hrsg. Florian Günther) / Prenzlauer Berg Konnektör (Hrsg. Bert Papenfuß), mit den Beiträgen folgender Autoren:
Heft 1, November 2010: Kersten Flenter, Reinhard Henning, Matthias Penzel, Dieter Süverkrüp, Hadayatullah Hübsch, Hugo Velarde, Thomas Meyer-Falk, Robert Mießner und Florian Günther.
Heft 2, Dezember 2010: Martin Voigt, Andreas Niedermann, Urs Böke, Franz Dobler, Tanja Kunikowski, Hermann Peter Piwitt, Robert Mießner und Florian Günther.
Harz IV-Empfänger (und all jene denen es nicht besser geht) können den DreckSack/Prenzlauer Berg Konnektör kostenlos als pdf-Datei beziehen (Spenden sind willkommen). Kurze Anfrage per E-Mail reicht.
Manuskripte an:
edition.ln@web.de oder www.edition-luekk-noesens.de
Im Original und auf farblich wechselnden Papier kann derDreckSack/Prenzlauer Berg Konnektör über edition.ln@web.de bzw.www.edition-luekk-noesens.de zu: 2 Euro + 2,50 (Versand) bestellt oder an folgenden Orten direkt erworben werden:
Prenzlauer Berg
Kulturspelunke Rumbalotte continua
Metzer Str. 9, 10405 Berlin
Telefon: 030-54987087
Friedrichshain
Budike – Altdeutsches Wirtshaus
Kochhannstraße 24, 10249 Berlin
Telefon: 030-4260066
Kreuzberg
Buchladen Schwarze Risse im Mehringhof
Gneisenaustr. 2a, 10961 Berlin
Telefon: 030-6928779
Prenzlauer Berg
Buchladen Schwarze Risse
Kastanienallee 85, 10435 Berlin
Telefon: 030-4409158
Prenzlauer Berg
Baiz – Kultur- und Schankwirtschaft
Christinenstraße 1, 10119 Berlin
Mitte
junge Welt – Ladengalerie
Torstraße 6, 10119 Berlin
Telefon: 030-53635556
Weitere Informationen: http://www.rumbalotte-continua.de/
Sonne und Mond spielen in der Dichtung seit mindestens 4.000 Jahren eine Rolle. Das muß man nicht belegen. Peter Rühmkorf hat über den Mondwahnsinn in der deutschen Literatur geschrieben. Hier ein paar nur sehr grob chronologisch sortierte Beispiele für die Sonne:
ISS-Gedichte gibts noch nicht so lang, aber es gibt sie. Vgl. hier und hier.
Hier nun ein Foto von gestern mit Mond und ISS vor der Sonne:
Für die einen holte Hübsch den Beatnik-Stil in die deutsche Sprache, für die anderen stand er schlicht in der Tradition des Expressionismus. Unter dem Pflaster lag der Strand, Marokko war der Nabel der Welt und LSD war im falschen Leben immer noch die bessere Wahl als RAF, DDR oder CDU. Doch im Kalten Krieg blieb es unbehaglich, auch in der Kommune 1 fand Hübsch wohl eher den Schrebergartenverein auf Hasch als eine Lebensgemeinschaft neuen Typs.
Während manch einer seiner damaligen Weggefährten auf einem Trip oder gleich in der Psychiatrie hängen blieb, fand Hübsch zum Islam. / Timotheus Schneidegger, Lichtwolf
(Lichtwolf kündigt an, in den nächsten Ausgaben einige der letzten Texte von Hadayatullah Hübsch zu veröffentlichen)
Mehr: Frankfurter Neue Presse /
Freunde der isländischen Pop-Sirene Björk sollten sich den Abend des 12. Januar vormerken. Der Lyriker Sjón – eigentlich Sigurjón Birgir Sigurðsson – kommt zu einer Lesung ins Wilhelmshorster Peter-Huchel-Haus. Für Björk hat der Schriftsteller einige Liedtexte geschrieben, außerdem machte er sich einen Namen, als er zu dem Lars-von-Trier-Film „Dancer in the Dark“ die Songtexte beisteuerte. Dafür wurde Sjón sogar für einen Oscar nominiert.
Mit Björk ist der Dichter seit seiner Jugend befreundet. Mit 15 Jahren gründete er in Reykjavík eine surrealistische Lyrikergruppe und veröffentlichte seinen ersten Band. Zu dieser Gruppe stieß bald die Sängerin und experimentierte in diesem intimen Rahmen mit Texten. / Märkische Allgemeine
Lesung/Performance Cabaret Voltaire Zürich
mit Ernesto Castillo (Lyriker) und Frédérique Loutz (Künstlerin)
Dienstag, 25. Januar 2011, 19.30 Uhr (Türöffnung 19.00 Uhr) im Cabaret Voltaire, Zürich.
Gratistickets können bei KATZ CONTEMPORARY bezogen werden.
CABARET VOLTAIRE
Spiegelgasse 1
CH-8001 Zürich

Die Schriftsteller Simbabwes sind geschockt, schreibt Beaven Tapureta in der Zeitung Newsday vom 4.1., über die Nachricht vom Tod des angesehenen Dichters Julius Sekai Chingono (65). Er wurde 1946 auf einer Farm geboren. Den größten Teil seines Lebens arbeitete er als Sprengmeister im Bergwerk. Er veröffentlichte Gedichte teils in der lokalen Sprache Shona, teils in Englisch.
Texte bei Poetry International Web
Am Morgen des 4. Januar 2011 starb Hadayatullah Hübsch im Alter von 64 Jahren. Hübsch war Aktivist der 68er-Bewegung. Neben seiner schriftstellerischen Arbeit war er später Imam in einer Frankfurter Moschee. Zu seinen zahlreichen Büchern gehören die Gedichtbände „Macht den Weg frei“ (Horlemann-Verlag, 2002) und „Vorkriegsgedichte“ (Corvinus-Presse, 2003).
Während alle über den Tod von Eva Strittmatter schreiben, Fehlanzeige bisher bei Hadayatullah Hübsch. Nicht einmal die FAZ, für die er 8 Jahre geschrieben hat, bevor sie ihn, wie gesagt wurde, abservierten.
Das einzige Fundstück im „Journal Frankfurt„:
Am Morgen des 4. Januar sei Hadayatullah Hübsch „sanft entschlafen“, wie seine Familie in einem Brief mitteilt. Und sanft, das war er auch, dieser einstige Rebell, der 1969 zum Islam konvertierte als Anhänger der Ahmadiyya Muslim Jamaat. In der Sachsenhäuser Nuur-Moschee (Foto) leitete er als Imam das Freitagsgebet in deutscher Sprache. Für die Toleranz und die Verständigung zwischen Christentum und Islam setzte er sich ein. Zuvor war Hübsch in der 68er-Bewegung aktiv, auch in der Kommune 1.
Eine kurze Meldung bei buchmarkt.de ist nicht ganz frei von unfreiwilliger Komik:
Hadayatullah Hübsch war ehemaliger Aktivist der Achtundsechziger-Bewegung und eine der bekanntesten Persönlichkeiten der Undergroundszene der Sechzigerjahre, wie sein Verlag gerade mitteilt.
Nein, ich kam spät nach Haus, ich wußte es nicht. Ich wollte gerade die Nachricht vom Tod des Schriftstellers Julius Sekai Chingono aus Simbabwe recherchieren, da kam eine Mail von Axel Kutsch: Eva Strittmatter und Hadayatullah Hübsch gestorben. Der Tod hält Ernte.
Zunächst einige Zitate aus Nachrufen auf Eva Strittmatter:
An Eva und Erwin Strittmatter erkannten viele nicht zuletzt: Man kann in der DDR auch DDR-fern leben. Mit Pferden, es waren manchmal fast 30, irgendwo draußen auf dem Land. Er schreibt. Sie schreibt.
Von dieser Genügsamkeit zu zweit, dieser scheinbaren Vollkommenheit im Elementaren ging eine Beruhigung aus. Es gab sie also, die Rückzugsorte. Aber das war nicht die ganze Wahrheit, vielleicht war es nicht einmal die halbe. Auch und erst recht nicht die über ihre Dichtung. Dass die schönen Worte so einfach aus dem Anblick des Schönen wachsen, glauben ohnehin nur die Leser. Und Eva Strittmatter hatte sie zu Tausenden, ja Hunderttausenden, fast von Anfang an. Welcher Jetztzeitdichter darf das von sich sagen, welcher überhaupt? Ist jeder Ruhm am Ende ein Missverständnis? / Kerstin Decker, Zeit online („Quelle: Tagesspiegel“) (sehen Sie auch die Leserkommentare!)
Für Eva Strittmatter blieb als Lyrikerin das Übersichtliche der Idylle die Freiheit des Schaffens: Natur, Liebe, Wechselfälle des Lebens. Doch sie wurde in der DDR gelesen, bewundert und ausgezeichnet. Nicht wenige im Publikum nannten sie „Mütterchen Strittmatter“.
Die Titelgebung der Bände war Programm. „Mondschnee liegt auf den Wiesen“ (1975), „Die eine Rose überwältigt alles“ (1977), „Zwiegespräch“ (1980), „Heliotrop“ (1983) oder „Unterm wechselnden Licht“ (1990), schließlich „Wildbirnenbaum“ aus dem Jahre 2009. …
Eva Strittmatters Bücher erreichten eine Auflage von zwei Millionen. Ein poetisches Gesamtbild erlaubt die Ausgabe des Aufbau Verlages „Sämtliche Gedichte“ aus dem Jahre 2006. / Jürgen Verdofsky, FR
Mehr: Spiegel / Berliner Kurier / NDR / Die Welt / Süddeutsche / Thüringische Landeszeitung / ND / DLR /
Do 6. Januar 20.00 Uhr, Mzin, Paul Gruner Straße 64, Leipzig
Johanna Schwedes liest aus ihrem Band: „Den Mond unterm Arm“. Außerdem stellen StudentInnen des deutschen Literaturinstitutes neue Texte vor.
Beim Celan-Kolloquium sprach er davon, dass „parallel zum jüdischen Leiden in Transnistrien“, wo Celans Eltern starben, die nach 130000 Menschen zählende deutsche Minderheit zuerst vom Moskauer Kommunismus dezimiert und danach von der Polizei-SS Himmlers wegen ihrer Glaubenstreue rücksichtslos schikaniert wurde. „Wer hat das Recht“, sagte Bergel, „dies doppelte Leiden zu verschweigen?“ In Kronstadt erinnerte er die rumänischen Kollegen an die deutsche Biografie der Stadt. Im Schiller-Kulturhaus schließlich sprach er, eingeführt von Frau Prof. Dr. Mariana Lăzărescu, im übervollen Saal vor allem an die – aus Kindern rumänischer Familien stammenden – Abiturklassen des „Goethe“-Lyzeums gewandt, von den Verbrechen der Gheorghiu-Dej-Ära (1945-1965), nachdem er einen einschlägigen Text aus seinem jüngsten Buch „Am Vorabend des Taifuns“ gelesen hatte.
In allen drei Fällen – so Bergel – „war ich erschrocken über das Ausmaß an Unkenntnis“. / Siebenbürgische Zeitung
Gedichte sind kurz und lassen sich nicht verfilmen. Das haben sie Romanen voraus. Schon so mancher literarische Geniestreich geriet unter die Räder eines Films, in dem die Handlung zwar rechtschaffen illustriert, der Geist der Erzählung aber nicht annähernd eingefangen wurde. „Howl – Das Geheul“ bildet hier eine doppelte Ausnahme: Die Filmemacher bringen mit Allen Ginsbergs „Howl“ ein ausuferndes, sich über dutzende Seiten erstreckendes Poem auf die Leinwand und nähern sich ihrer Vorlage sozusagen aus allen vier Himmelsrichtungen. / Michael Kohler, Filmdienst
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