68. 19. open mike 2011 – Internationaler Wettbewerb junger deutschsprachiger Prosa und Lyrik

Ausschreibung

Die Literaturwerkstatt Berlin und die Crespo Foundation schreiben zum 19. Mal den open mike aus. Es werden drei Preise vergeben, ein Preis für Lyrik und zwei Preise für Prosa. Der open mike ist mit insgesamt 7.500 € dotiert.

Teilnehmen können deutschsprachige Autorinnen und Autoren, die nicht älter sind als 35 Jahre (Stichtag: 15.7.2011) und noch keine eigenständige Buchpublikation vorzuweisen haben. Eingereicht werden kann entweder kurze Prosa, ein in sich geschlossener Auszug aus einem Großtext ODER Lyrik. Die Texte dürfen weder veröffentlicht (betrifft auch Internet, Zeitschriften, Anthologien und Dokumentationen jeder Art) noch zu einem anderen Wettbewerb oder Stipendium eingereicht worden sein. Jeder Teilnehmer kann nur eine Bewerbung einreichen.

Der Umfang der eingereichten Texte muss in etwa einer 15-minütigen Lesezeit entsprechen. Deutlich zu lange oder zu kurze Einsendungen kommen nicht in die Auswahlrunde.
Formatvorgabe: A 4-Format, einseitig bedruckt, Schriftgröße 12, Zeilenabstand 1,5. Die Manuskripte müssen in zweifacher Ausfertigung als lose Blätter (ohne Heftung) eingesandt werden. Auf den Manuskriptseiten darf weder der Name des Absenders noch ein Zahlencode, Kennwort o. ä. erscheinen. Eine kurze Biographie mit Adresse, Telefonnummer und E-Mail-Adresse ist beizulegen. Eine Rücksendung der Manuskripte kann leider nicht erfolgen.

Einsendeschluss ist der 15. Juli 2011 (Datum des Poststempels).

Wettbewerbsablauf:
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67. Bernhard-Lyrik auf Katalanisch

Anders als Raimund Fellinger („pathostrunkener Dilettant“, vgl. #69 vom 11.2.2011) urteilt man im katalanischsprachigen Raum über Thomas Bernhard als Lyriker:

Bernhards Lyrik – insbesondere Unter dem Eisen des Mondes und In hora mortis – hat auch über die literarische Archäologie hinaus einen eigenständigen Wert wegen ihrer Ausdruckskraft, der Kühnheit ihrer Bilder und der Intensität einer poetischen Stimme, die darauf versessen ist, Zeugnis über das Leiden des Menschen in der Welt abzulegen. /ara.cat

Der Artikel bespricht die Präsentation des Bandes Unter dem Eisen des Mondes in der katalanischen Übertragung durch Ramon Farrés (‚Sota el ferro de la lluna‘), erschienen im Verlag Lleonard Muntaner Editor (Mallorca) in der Reihe „L’Obriülls“, die von Arnau Pons herausgegeben wird.

66. Literaturpreis Ohrenschmaus

Zum fünften Mal wird heuer der „Literaturpreis Ohrenschmaus“ in den Kategorien Lebensberichte, Prosa und Lyrik vergeben. Bis zum 31. August 2011 können Texte von Menschen mit Lernschwierigkeiten eingereicht werden. …

Bis 31. August 2011 sucht die Jury um Felix Mitterer herausragende Texte, die LeserInnen neue Einblicke ermöglichen und zur Vielfalt der Literaturlandschaft beitragen sollen. Der „Ohrenschmaus“ versteht sich als Förderpreis, der Texte von Menschen mit Behinderungen prämiert und ihnen den Zugang zur Literatur ermöglichen möchte. / OTS

 

65. Politisches Gedicht 1

In Libyen, da gehts jetzt zua, und aa bei d Nachbarn
is ka Ruah, und de EU, wia a klana Affi, schaut hilflos auf den Herrn
Gadaffi. Doch aa der "Yes, we can"-Obama traut si den Kerl ned
weggazrama, weu alle sagn, und da wirst hi, mia brauchen doch de
Energie! Jagt kana den Diktator fuat? Gehts, tummelts euch, es brennt
da Huat! 

   In Japan hat de Erdn bebt, wia des no kana hat erlebt, und dem
Tsunami seine Wogen habn s halbe Land dann überzogen, und brennt habn
die Raffinerien, a paar Atomkraftwerk san hin. Doch alle sagn, ja,
das Atom und s Öl, des brauch ma doch fürn Strom! Und s gibt kan, der
dagegn was tuat, weu niemand merkt, es brennt da Huat.
/ Karlheinz Hackl (Mehr)

64. „Erschießen Sie das Gedicht“*

„Erschließen und interpretieren Sie das folgende Gedicht! Diskutieren Sie abschließend, ob der Lebenswandel eines Schriftstellers für die Beurteilung seines Werkes von Belang ist.“ / Georg Buschmann, Offenbacher Post

*) Lasen meine Augen at first sight – der erste Blick ist der beste.

63. American Life in Poetry: Column 312

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Ellery Akers is a California poet who here brings all of us under a banner with one simple word on it.

 

The Word That Is a Prayer

 

One thing you know when you say it:
all over the earth people are saying it with you;
a child blurting it out as the seizures take her,
a woman reciting it on a cot in a hospital.
What if you take a cab through the Tenderloin:
at a street light, a man in a wool cap,
yarn unraveling across his face, knocks at the window;
he says, Please.
By the time you hear what he’s saying,
the light changes, the cab pulls away,
and you don’t go back, though you know
someone just prayed to you the way you pray.
Please: a word so short
it could get lost in the air
as it floats up to God like the feather it is,
knocking and knocking, and finally
falling back to earth as rain,
as pellets of ice, soaking a black branch,
collecting in drains, leaching into the ground,
and you walk in that weather every day.

 

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©1997 by Ellery Akers, whose most recent book of poetry is Knocking on the Earth, Wesleyan University Press, 1989. Reprinted from The Place That Inhabits Us, Sixteen Rivers Press, 2010, by permission of Ellery Akers and the publishers. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

 

62. Weibliche Zukunft

Spätestens nach dem Ersten Weltkrieg beginnt die serbische Literatur das Schicksal anderer europäischer Literaturen zu teilen: Expressionistische Ambivalenz, avantgardistische Subversivität, moderne Ambitionen, ein hochmoderner Welthorizont bis hin zur postmodernen, skeptischen Verspieltheit. Nach dem Zweiten Weltkrieg, im Jahre 1948, brach Tito mit Stalin. Das hatte auch literarische Konsequenzen. Statt „sozrealistischer“ Langeweile wie im Ostblock war der Surrealismus die inoffizielle ästhetische Staatsdoktrin Jugoslawiens. …

Vor allem starke Lyrikerinnen aus mehreren Generationen, alle mit souveräner Stimme und oft mit feministischem Touch, sind auf der serbischen literarischen Szene präsent. Die Tendenz, dass Frauen sich ihren Platz erobern, zeichnet sich klar ab. Die Zukunft der serbischen Literatur wird zu einem großen Teil weiblich sein. Dies bestätigt die Lyrik von Dragana Mladenovic, die am Dienstag zusammen mit Goran Samardžić und Vladimir Pištalo im Literaturhaus Köln lesen wird. Ganz gleich, ob sie das alte Pathos der Lyrik mit neo-dadaistischem Genuss zersetzt oder Langgedichte über gesellschaftliche Tabus – Kriegsverbrechen inklusive – schreibt: ihre Stimme hat bereits einen unverwechselbaren Klang. / Dragoslav Dedovic, Kölner Stadtanzeiger

61. Grazer Geist

Die manuskripte sind nun schon seit fünfzig Jahren ein immerwährendes Mirakel aus Graz. So großzügig, wie die Seiten aufgemacht sind, die sich als Kladde zum Stöbern und Hängenbleiben präsentieren, wirkt auch das Feld, das darin über das konkrete Umfeld der österreichischen Sprachkritik und Sprachreflexion hinaus eröffnet wird – seit 1960 und offenkundig über 2010 hinaus. Die ‚Marginalie‘ des Herausgebers Alfred Kolleritsch, die den zum Jubiläum erschienenen Doppelband eröffnet, ist von weiser Lakonie und lässt das Lebenswerk für sich selbst sprechen. Lyrik, Essay, Theater – in den aus allen Nähten platzenden Jubiläumsbänden sind insgesamt 145 Autoren versammelt, die Grazer Geist verkörpern, auch wenn sie oft ganz woanders leben (bevorzugt im so ganz anderen Berlin). Sie definieren das Programm der Zeitschrift, das es ausformuliert gar nicht gibt. / HELMUT BÖTTIGER, Süddeutsche Zeitung

Auch schön (eher in Graz als Berlin denkbar):

Es gibt die Klassiker wie Urs Allemann, Günter Brus, Barbara Frischmuth, Elfriede Jelinek, Friederike Mayröcker, Michael Scharang, Peter Turrini…

manuskripte. Zeitschrift für Literatur 189/190. Graz 2010. 2 Bände, 675 Seiten, 24,90 Euro.

 

60. Verlagsranking

Die kleinen Lyrikverlage sind die Träger der neuen Lyrikszene, das ist oft gesagt worden und richtig. Auch unser Rankingspiel belegt das. Urs Engeler und Kookbooks befüttern die Szene seit Jahren, neuere wie Poetenladen, Luxbooks, Fixpoetry, Reinecke und Voß drängen nach. Die großen Traditionsverlage sind weit zurückgetreten – freilich mit einer Ausnahme. Suhrkamp ist auch nach dem Umzug voll im Geschäft. In diesem Jahr führen sie klar vor allen anderen, und auch in den letzten Jahren war Suhrkamp mit Büchern von Ann Cotten, Barbara Köhler, Katharina Hacker präsent, mit Oswald Egger, Friederike Mayröcker und Marion Poschmann gewann der Verlag in 5 Jahren dreimal den Huchelpreis. Die kleine Liste zeigt zweierlei: Suhrkamp hält „seinen“ Autoren die Treue über Jahrzehnte, und der Verlag setzt in jedem Jahrzehnt seit den 50er Jahren immer auch auf Lyrik-Debütanten. Der Verlag Brechts, Eichs, Huchels, Celans, Enzensbergers oder der Bachmann verlegte auch Robert Schindel, Volker Braun, Thomas Brasch, Werner Söllner, Thomas Rosenlöcher, Ulrike Draesner, Uwe Kolbe,  Durs Grünbein, Thomas Kling, Marcel Beyer… Das muß man auch mal loben.

Hier die Auswertung unseres Rankingspiels (Zahl der vertretenen Titel / Zahl der Stimmen):

  • Suhrkamp  (4/42)
  • Berlin Verlag (2/26)
  • Poetenladen (2/25)
  • roughbook (2/25)
  • Reinecke und Voß (1/10)
  • Kiepenheuer & Witsch (1/8)
  • Hanser (1/6)
  • Kookbooks (1/5)
  • Peter Engstler (1/5)

59. Beste Gedichte? Aber ja doch!

Vor einer Woche rief ich die L&Poe-Leser auf, an einem Ranking-Spiel teilzunehmen. Gefragt wurde nach einem oder mehreren „herausragenden“ Gedichtbänden des Jahres 2010. Die Auswahlliste kam durch Zuruf zwischen Axel Kutsch und mir von Mitte Januar zustande, ergänzt durch einige von mir zusätzlich in die Debatte geworfene Titel.

Die Leser haben entschieden. 186 Stimmen wurden abgegeben. Keine repräsentative Umfrage, aber auch nicht garzu marginal. Da jeder Teilnehmer zwar nur einmal abstimmen, aber mehrere Titel ankreuzen konnte, ist die genaue Zahl der Teilnehmer nicht bekannt. Da ich die Ergebnisse regelmäßig eingesehen habe, weiß ich aber, daß nicht wenige nur einen Titel ankreuzten (zu erkennen daraus, daß seit der letzten Einsicht nur eine Stimme dazugekommen ist). Sie liegt vermutlich irgendwo zwischen 50 und 120.

Manipulationen wie z.B. Mehrfachabstimmungen sind im WWW nie auszuschließen, es gab aber keine auffälligen Bewegungen.

Der „Souverän“ hat entschieden wie im wirklichen Leben. Die grüßte Partei ist die der Nichtwähler. 30 der 185 abgegebenen Stimmen, das sind 16,13%, wurden an „sonstige“ vergeben. Nur ein kleiner Teil dieser Wähler hat per Kommentar oder Mail mitgeteilt, welchen Titel sie oder er stattdessen oder ergänzend benennen würde. Ich liste alle mir genannten sonstigen Titel unten.

In den ersten Tagen gab es ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Andreas Altmann und Ron Winkler, dann setzte sich Altmann mit leichtem Vorsprung an die Spitze und blieb auch da.

Hier die Übersicht über alle Titel, die mindestens 5 Stimmen erhielten:

Von L&Poe-Jury als "herausragende" Gedichtbände 2010 benannt

Ob wir jetzt die besten Gedichtbände des Jahres 2010 haben, darf bezweifelt werden. Wir haben nicht mehr und nicht weniger als die von einer selbsternannten Jury unter den L&Poe-Lesern ausgewählten Titel. So wenig ist das nicht. Es zeigt, daß L&Poe-Leser in unterschiedliche „Fraktionen“ zerfallen, die insgesamt ein ziemlich breites Segment der zeitgenössischen Lyrik abdecken. Sie schätzen junge und alte Lyriker, verständliche und eher weniger verständliche, gemäßigt moderne und radikale, von Sachen sprechende und eher mit Sprache experimentierende Gedichte… Die L&Poe-Leser haben ein weites Herz. Sie sind risikofreudig. Unter den 13 bestnotierten Titeln sind 4 Debüts mit z.T. hoher Punktzahl. Vergessen wir auch nicht, daß die regelmäßigen L&Poe-Leser allesamt vom Fach sind – die Leserjury ist hier eine Fachjury. Insofern ist das Ergebnis schon aussagekräftig. (Gute Buchhandlungen und Bibliotheken können sich getrost darauf berufen).

Ich denke darüber nach, wie sich das fortführen ließe und bitte ausdrücklich um Stellungnahmen.

Die komplette Liste inclusive als „sonstige“ benannte:

  • Andreas Altmann, Das zweite Meer. Poetenladen, Leipzig (24)
  • Ron Winkler, Frenetische Stille. Berlin Verlag, Berlin (21)
  • Ann Cotten, Florida-Räume. Suhrkamp, Berlin (16)
  • Konstantin Ames, Alsohäute. roughbook, Leipzig und Holderbank (15)
  • Marion Poschmann, Geistersehen. Suhrkamp, Berlin (13)
  • Lutz Seiler, im felderlatein. Suhrkamp Berlin (12)
  • Christoph Filips, Heiße Fusionen. roughbook, Berlin und Holderbank (10)
  • Johanna Schwedes, Den Mond Unterm Arm. Reinecke und Voß, Leipzig (10)
  • Kathrin Schmidt, Blinde Bienen. Kiepenheuer & Witsch, Köln (8)
  • Christoph Meckel, Gottgewimmer. Hanser, München (6)
  • Paulus Böhmer, Am Meer. An Land. Bei mir. Peter Engstler, Ostheim/ Rhön (5)
  • Martina Hefter, Nach den Diskotheken. Kookbooks, Berlin, Idstein (5)
  • Jan Wagner, Australien. Berlin Verlag, Berlin (5)
  • Dieter Schlesak, Der Tod ist nicht bei Trost. Lyrikedition 2000, München (2)
  • Ferdinand Schmatz, quellen. Haymon Verlag, Innsbruck, Wien (2)
  • Wilhelm Bartsch: Mitteldeutsche Gedichte. Mitteldeutscher Verlag, Halle (1)
  • Thomas Böhme, Heikles Handwerk. Poetenladen, Leipzig (1)
  • Michael Krüger: „Ins Reine“. Suhrkamp, Berlin (1)
  • Nadja Küchenmeister: Alle Lichter. Schöffling & Co., Frankfurt/ Main (1)
  • Jan Kuhlbrodt, Zentralantiquariat, Parasitenpresse, Köln (1)
  • Marcus Roloff, im toten winkel des goldenen schnitts. Gutleut Verlag, Frankfurt /Main (1)
  • Tuvia Rübner: Spätes Lob der Schönheit. Rimbaud Verlag, Aachen (1)
  • André Schinkel: Apfel und Szepter. Fixpoetry Lesehefte # 16. Fixpoetry/ Verlag im Proberaum 3, Klingenberg (1)
  • Raoul Schrott: Liebesgedichte. Insel, Berlin (1)
  • Asmus Trautsch: Treibbojen (Quartheft 23) Verlagshaus J. Frank, Berlin (1)
  • Christoph Wenzel: Tagebrüche. Yedermann, Riemerling b. München (1)

Vgl. L&Poe 2022 Mrz #35. Beste Gedichte

58. Kostenfrage

Man würde gerne die Gedichte von Nicolas Born gesammelt herausgeben. Schöne Idee, fand Familie Born und schlug den einen oder anderen mit der Epoche vertrauten Dichterkollegen als Herausgeber vor. Dafür sei leider kein Geld da, antwortete der Verlag. Vielleicht könne man einen Doktoranden mit der Arbeit betrauen. „Die Vorstellung, dass das irgendein Student macht, fand ich grauenhaft“, erzählt Katharina Born lachend in ihrer lauschigen Wohnung im 18. Arrondissement. Sie entschied sich, die Herausgabe der Gedichte ihres Vaters selbst zu übernehmen. Zwei Jahre widmete sie sich der Aufgabe, „ein Full-time Job“, sagt sie. / Sascha Lehnartz, Welt am Sonntag

57. „Surrealist in der Vergangenheit“

Was machen die kleinen Verlage zur Buchmesse? Bei Reinecke & Voß liest man:

Das Profil des Verlages Reinecke und Voß wird geschärft und soll zukünftig auf der Geschichte der modernen Literatur und aktuellen literarischen Entwicklungen liegen.

Das klingt vielversprechend. Pünktlich zur Buchmesse erscheint ein Beitrag zur Geschichte der Moderne:

Aloysius Bertrand: Gaspard de la Nuit – Phantasien in der Manier Callots und Rembrandts. Aus dem Französischen übertragen von Jürgen Buchmann mit einem Nachwort des Übersetzers.
150 Seiten
Paperback 19×12
ISBN: 978-3-9813470-9-8
11,90 Euro
Erscheint am 17.3.11

Aloysius Bertrand (1807-1841) verbrachte sein Leben am Rande der Gesellschaft, besessen von seinem Werk. Gegen den zeitgenössischen Kult des Individuums macht der Gaspard de la Nuit die rätselhafte, beunruhigende Welt der Objekte geltend. Die Übertragung des Dichterphilologen Jürgen Buchmann, der eine kongeniale Neuinterpretation des kühnen Textes beigegeben ist, liest sich bei aller Wortgetreue wie ein Originaltext der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts.

„Dieser wundervolle Ring, der im Tumult der romantischen Wogen wie der der Dogen ins Meer geworfen und verschlungen wurde, kommt heute wieder zum Vorschein, zurückgebracht von den reinen Kämmen der Flut.“

Stéphane Mallarmé

„Das seltene, wenig gekannte Buch, das ehemals Baudelaire zu seinen Prosagedichten anregte und das vielleicht eins der liebenswürdigsten ist, die die ganze französische Romantik hervorgebracht …“

Stefan George

„Bertrand ist Surrealist in der Vergangenheit.“

André Breton

„Aloysius Bertrand zählt zweifellos zu den wichtigsten Autoren der Moderne.“

Helen Hart Poggenburg

Hier zwei Texte aus dem Buch (mit freundlicher Genehmigung des Verlags):

 

DER ALARM

Kein Mädchen hängt so zärtlich
An des Geliebten Ring,
Als er an seiner Flinte
Und seinem Degen hing.

(Spanische Romanze)

DIE Fenster der Spelunke flammten im fernen Feuer der sinkenden Sonne auf, ein Pfau saß auf dem Dach, und der Pfad schlängelte sich leuchtend ins Gebirge.

***

„Still da! habt ihr nichts gehört?“ fragte einer der Briganten und drückte das Ohr an die Spalte des Fensterladens.

„Mein Maultier hat in der Remise einen fahren lassen“, sagte einer der Treiber.

„Schafskopf!“ rief der Bandit, „ich werde für einen Furz deines Viehs meinen Karabiner laden! – Alarm! Alarm! Eine Trompete! die Gelben Dragoner sind über uns!“

Und mit einem Mal verstummte das Geschepper des Geschirrs, das Gezirp der Gitarren, das Gekicher der Mägde und der Wirrwarr der Stimmen, und ein Schweigen breitete sich aus, in dem man das Summen einer Fliege vernommen hätte.

Aber es war nur das Horn eines Kuhhirten. Die Treiber tranken ihre halbgeleerten Schläuche aus, ehe sie die Tiere säumten, um das Weite zu suchen; und die Banditen, mit denen die feisten Schlampen dieses finsteren Etablissements vergebens anzubändeln suchten, kletterten auf die Hängeböden, gähnend vor Langeweile, Müdigkeit und Schlaf.

(Aus Buch IV: Spanien und Italien)

DAS TOTE PFERD

Der Totengräber: Ich will Euch Bein verhandeln, dass Ihr Knöpfe schafft!

Der Abdecker: Ich will Euch Bein verhandeln,
dass Ihr schmucke Degenknäufe schafft!

DIE WERKSTATT DES SCHWERTFEGERS

DER Schindanger! Und zur Linken, unter Klee und Luzerne, die Gräber eines Kirchhofs; rechts steht ein ausgedienter Galgen und bettelt den Vorübergänger an wie ein Krüppel, dem ein Arm fehlt.

***

Gestern wurde ihm der Garaus gemacht; die Wölfe rissen ihm das Fleisch vom Halse, dass es in langen Streifen herunterhängt; man möchte meinen, er sei für einen Ausritt mit einem Busch roter Bänder geschmückt.

Jede Nacht, wenn der Himmel fahl ist vom Mondlicht, fliegt dieser Kadaver davon, und auf ihm reitet eine Hexe, die ihn mit ihren spitzen Hacken spornt, während der Wind in die Orgel seiner hohlen Rippen bläst.

Und stünde zu dieser verschwiegenen Stunde in einem Grabe des Kirchhofs ein schlafloses Augen offen, es würde sich plötzlich schließen, aus Furcht, ein Gespenst in den Sternen zu sehen.

Selbst der Mond schließt ein Auge und leuchtet mit dem andern nicht mehr als eben genug, wie eine flackernde Kerze diesen mageren streunenden Hund zu bescheinen, der vom Wasser eines Weihers schlappt.

(Aus den Paralipomena zum Gaspard de la Nuit)

56. Politisch Lyrik nun online*

Schon öfter hatte ich den Vorsatz, mein Zeit-Abo nach (nun) 2 Jahrzehnten zu kündigen, Gründe finden sich; aber mit der Serie zum politischen Gedicht ist das natürlich erst mal aufgehoben. Bis Jahresende, sagen sie? Na, da haben sie bei mir eine Gnadenfrist. Scheherazade so gesehen. Das will ich keine Woche verpassen, und pünktlich zum Donnerstag lesen.

Wer kein Abo hat, kann jetzt den Einleitungstext und die Gedichte von Monika Rinck, Marion Poschmann und Jan Wagner nachlesen.

*) Ups – da hat mir der Leipziger Spießer einen Streich gespielt: ein garstig Lied, pfui, ein politisch Lied!

55. Im Jahrbuch – und nicht im Jahrbuch

Im Poetenladen zeichnet Theo Breuer die Geschichte der neueren deutschen Lyrik u.a. anhand des ersten und des bislang letzten Gedichts in den nun 28 Folgen des Jahrbuchs der Lyrik:

Die rasante Entwicklung der Lyrik im deutschen Sprachraum, die gegen Ende der 1980er Jahre gleichsam mit quietschenden Reifen durchstartet, zu neuen Ufern – ins Offene – aufbricht (Kling, Grünbein, Papenfuß, Waterhouse preschen voran) läßt sich beim Vergleich der 28 Jahrbücher auf fabelhafte Art und Weise ablesen. Das erste Gedicht in der Geschichte des Jahrbuchs der Lyrik – Jahrbuch der Lyrik 1 · 1979 – ist von Hajo Antpöhler:

ENDE MÄRZ,
flach die Gegend,
schön so,
auf ner Wiese
steht noch ne
Kabelrolle.

Das Gedicht zitiere ich immer mal bei Telefonaten mit Schreibkollegen. Die Reaktion ist stets die gleiche: Am anderen Ende wartet der Gesprächspartner darauf, daß ich fortfahre, und ich sehe mich gezwungen, jedesmal zu versichern: Nein, hier fehlt nichts. Das vorläufig letzte Gedicht – aus dem Jahrbuch der Lyrik 2011 – klingt so:

Geschäftsbericht

Dieses Jahr wieder ein, zwei Wahrheiten in den
Onlineschlagzeilen, die wie immer
schon wussten, wie damals bei der Erfindung des Gleitschirms.
Der Paarmensch von heute erwähnt im Schlafzimmer
nur das Positive, Betriebe überleben, wenn sie wachsen,
lebende Organismen oft noch ein Stück danach. Sind

die Grauwerte ausgelagert, werden Berichte zu einer notorisch
verspäteten Gattung. Worüber sollen wir noch reden?
Lacher wirken verdächtig. Das 21. Jahrhundert ist eben
gelandet, so früh hat es niemand erwartet. Jetzt stehen wir, rührselig,
uns nur noch selbst im Weg. Der Rest ist Arithmetik.
Die Pessimismen von früher dürfen belächelt werden. Ein Tor ist,

wer seine Träume nicht umbenennt. Der Ton ist härter geworden zwischen
den Geschlechtern. Für Nostalgien habe er
keine Zeit mehr, meinte kürzlich ein Bekannter.
Gestern das Telefonat mit den Eltern: Sie mischen
noch mit. Eine Generation weit weg, und so viel Misstrauen schon.
Gesenkt werden konnten die Kosten für Kommunikation.

Andreas Münzner

Außerdem in einem Alphabet, das Eichelhäher · Exemplarisch, fragiles fragment, Lyrikleselust, Neugier und Quälgeister einschließt sowie in diversen Texten und nützlichen Listen, darunter auch diese ziemlich be-denkliche*:

Michael Arenz · Rose Ausländer · Hans Bender · Wolf Biermann · Beat Brechbühl · Werner Bucher · Joseph Buhl · Erika Burkart · Hanns Cibulka · Zehra Çirak · Klaus Peter Dencker · Hilde Domin · Hans Eichhorn · Erwin Einzinger · Peter Engstler · Peter Ettl · Jan Faktor · Jörg Fauser · Günter Grass · Helmut Heißenbüttel · Dieter Hoffmann · Sabine Imhof · Peter Jokostra · Heinz Kahlau · Reiner Kunze · Richard Leising · Christoph Leisten · Peter Maiwald · Dieter P. Meier-Lenz · Frank Milautzcki · Heiner Müller · Peter Horst Neumann · Andreas Noga · René Oberholzer · José F. A. Oliver · Johannes Poethen · Reinhard Priessnitz · Christa Reinig · Francisca Ricinski · Doris Runge · Robert Schindel · Gerd Sonntag · Peter Turrini · Günter Ullmann · Olaf Velte · Jürgen Völkert-Marten · A. J. Weigoni · Wolf Wondratschek · Peter-Paul Zahl · Maximilian Zander gehör(t)en zu den in der Lyrikwelt behei­mateten Lyrikerinnen und Lyrikern, von denen (bislang) kein Gedicht im Jahrbuch der Lyrik publiziert wurde.

Fürwahr eine interessante Liste. Sehr unterschiedliche Verfasser, die man nicht in zwei sondern drei vier viele Parteien einordnen mag. Es würde kaum schwer fallen, aus diesen zusammengenommen ein lesenswertes „Jahrbuch“ zusammenzustellen, das kaum weniger repräsentativ sein müßte als nur eins.

*) be-denklich ist ja nicht synonym zu bedenkentragend. („Bedenklichen Inhalt melden“ heißt es überall in den Kommunikatonsdiensten des Internets, eine Menschheit von Denunzianten).

Adelungs Wörterbuch unterscheidet:

Bedenklich, -er, -ste, adj. et adv. 1) Im Bedenken, d. i. Nachdenken begriffen. Dieser einzige Umstand macht mich unruhig, macht mich bedenklich, Weiße. Man kann nicht zu bedenken wegen eines Standes seyn, der das Glück oder Unglück unsers Lebens bestimmen soll. Noch häufiger aber, 2) was Bedenken, Nachdenken oder Überlegung erfordert. Eine bedenkliche Sache. Ingleichen verdächtig, gefährlich. Dieser Antrag kömmt mir sehr bedenklich vor.

Das „Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache“ von Klappenbach / Steinitz hat sogar 3 Bedeutungen:

    1. zweifelhaft, nicht ganz einwandfrei
    2. besorgniserregend
    3. zweifelnd, voll Sorge, Vorbehalt

Das ist vielleicht alles noch zu einseitig-negativ: seit wann ist Zweifel etwas Negatives? Ich zweifle an der Weisheit der Regierung (sie sollte froh sein, ist sie aber nicht). Ich stelle den Antrag, eine vierte, positive Bedeutung anzuerkennen: be-denklich, wert, bedacht zu werden. Bedenken 1) über etw. nachdenken, etw. überlegen; 2. jmdn. mit etw. beschenken. Liebe Leute, beschenkt die Liste, bedenkt das Jahrbuch: es hat es verdient!

(Wer den Link nicht bis zu Ende gelesen hat, sei versichert, daß die Formulierung über die „Bedenklichkeit“ der Liste nicht Breuers, sondern meine ist. Breuer erklärt vielmehr verschiedene Ursachen des Fehlens. Ich benutze seine Liste zum Selber-Bedenken!)

54. In deutschen (und türkischen) Koordinaten

Fixpoetry-Gastgeberin Julietta Fix hatte den Abend auf bedachte Weise in zwei Hälften unterteilt. In der ersten Hälfte kamen drei Autoren zu Wort, die auf facettenreiche Weise das weite Spektrum der zeitgenössischen Lyrik repräsentieren und mit ihrer Dichtung zugleich die poetischen Koordinaten sichtbar machten, in denen Gerrit Wustmanns Lyrik verortet ist.  …

Dass „die Poesie (…) geschieht, während das Ich geschieht“, ließ der Vortrag Milautzckis bis in die Tiefe erkennen. In Milautzckis behutsamem, feinsinnigem Vortrag wurden die Nuancen seiner Poesie auf eindringliche Weise lebendig. Eine andere Facette der Poesie zeigte sich im Anschluss daran durch Andrea Karimè, deren sprachspielerische Kompositionen keineswegs einem Selbstzweck dienen, sondern gleichermaßen leichtfüßig wie überraschend zwischen Sprachen und Kulturen flanieren – und damit vermitteln. …

Tief greifen Wustmanns Verse in das Blau zwischen Himmel und Meer, oszillieren zwischen Sinnlichkeit und Sehnsucht und sparen dabei auch das Dunkle nicht aus. Im Bewusstsein der Tradition – Wustmann flechtet in seine Verse Reminiszenzen an Autoren wie Sait Faik, Nazim Hikmet, Orhan Veli und Jörg Fauser ein – wird der Zyklus zu einem komplexen, farbenreichen Kaleidoskop, in dem das Vorfindliche synästhetisch ineinanderfließt. / Christoph Leisten, cineastentreff