140. Darmstädter Jury über die Preisträger

Die Jury in ihrer Wertung des Leonce-und-Lena-Preisträgers: „Definitionen von Abend: Engramm eines Karrens / träumende Fördermaschine am Grund eines Sees / den ich lange durchschwamm. Bedeutung, eine / Unterart von Gerümpel, bildet Strände, Lungen. / Die Körper verschwinden im Zeichen …“: heißt es im letzten Gedicht des Zyklus von Steffen Popp, der den Leonce-und-Lena-Preis 2011 erhält. Diese Beschreibung eines Abends als letztem Baustein des Zyklus mit der Gleichsetzung von Bedeutung und Gerümpel enthält die Poetik der Gedichte.
Der Zyklus stellt die Meereslandschaft nicht ins Zeichen einer Schönheit, die als Ordnung und Sublimierung der an der Meeresküste vorgefundenen Materialien erscheint, sondern der Autor entdeckt und untersucht das stoffliche An-Sich-Sein dieser Materialien und sorgt für Rückführung einst missachteter Dinge wie Gestrüpp, Tang, Steine, Salz und Strandgut in die menschliche Betrachtung.
Unsere Fortschrittsskepsis, das Verschwinden von Lebenswelten hat uns sensibilisiert für den Wert von Dingen, die bei Klassizisten wie Lorrain, Poussin oder Hackert keine Chance gehabt hätten. Damit stellt Steffen Popp das Landschaftsgedicht auf neue Grundlagen.“

Zu Jan Volker Röhnert schreibt die Jury: „In Jan Volker Röhnerts Fernsprechwesen der Poesie vergisst sich die Schrift und wird Bild, sprechen wir nie nur mit uns allein, werden uns Leihscheine auf die Welt ausgestellt, zeigt sich uns die Spur der Dinge auf einem Radarschirm, kehren uns die Gedichte ihr Innerstes zu, stehen wir mitten im Tag, haben er, die Zeit und die Bäume eine Logik. Dafür erhält Jan Volker Röhnert einen der beiden Wolfgang-Weyrauch-Förderpreise 2011.“

„Andre Rudolph hat in seinem Zyklus „die spinne, die liebe, der tod“ ein überzeugendes poetisches Referenzsystem dafür geschaffen, wie Sprache im Akt des Sprechens ihren Sinn verändern und zu einer ebenso komischen wie tragischen Verkettung von Verständnissen führen kann. Damit befindet er sich auf der Höhe moderner Kommunikationstheorien mit der grandiosen Überlegenheit, sie nicht nur behauptet, sondern literarisch dargestellt zu haben. Dafür wird ihm der Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis 2011 zuerkannt“, heißt es in der Würdigung der Jury für Andre Rudolph.

139. Meine Anthologie 72: Wafa´ al-Amrani, Der achte Tag (Auszüge)

Der achte Tag (Auszüge)

„Er sagte zu mir: Der Todestag ist der Hochzeitstag und der Tag des Alleinseins ist der Tag der Geselligkeit.

An-Niffari*

1 Wurzel
Ich bin aus dem Gefühl geboren. Das ist nicht wie die Liebe
nicht wie der Haß, sondern ähnelt sehr dem Hochmut.
Sie wollten mich nicht, doch ich kam, kam dennoch hervor als ich es wollte.
Schon vor allem Anfang war ich eine Rebellin.
Ich brachte zum Ausdruck, daß ich und das Zeitalter am Rand der Fremde zweierlei Dinge sind
daß ich und die Zeit stets zweierlei sind.

2 Schöpfung
In innerer Betrachtung
beginn‘ ich mit meiner Schöpfung.
Ich lege mich in etwas noch Engeres als ein Nadelöhr.
In meinen Innersten kleide ich mich in ein Drängen.
Der Wind aus der Senke
ist weder maghrebinisch noch syrisch.
So gehe ich fort
ohne daß mich das Fortgehen wegschleppt
auch ohne daß mir die Durchquerung entgeht
oder daß mich die Ankunft verschüttet.

3 Körper
Wenn die Stimme des Körpers ausschweift
reift die Weiblichkeit der Weisheit
und deckt sich an manchen Stellen mit Blumen
zu Stellen, die träumen aus Scham
Dann sattele ich das Schreiten zur Begierde.

4 Liebe
Ich habe mein junges, freies Herz
an den höchsten Gipfel des Atlasgebirges gehängt
weil die stinkenden Hyänen
sich bergab zu bewegen pflegen.
Die Höhe verursacht ihnen gewöhnlich
Schwindel und Übelkeit.

Mein Herz ist eine duftverminte Blume
doch der Pflückende ist ein chronischer Schnupfen.

[…]

7 Eintönigkeit
Gäbe es doch einen Sinn
gäbe es doch eine Farbe
gäbe es doch einen Tag außer der Post am Montag
der Eisenbahn am Dienstag
dem Wäschewaschen am Mittwoch
der Versammlung am Donnerstag
dem Ekel vor dem Freitag
der Einsamkeit des Samstags
der Last des Sonntags!

Oh, der Sonntagmittag!
Gäbe es doch ein Gesicht anstelle eines Gesichts
gäbe es doch eine Nummer anstelle einer Nummer
gäbe es doch ein Alter anstelle dieses Alters
gäbe es doch eine Zeit anstelle dieser Zeit
gäbe es doch eine Sonne anstelle der Sonne
gäbe es doch eine Erde anstelle der Erde
gäbe es doch tatsächlich Luft wie die Luft…

Was um mich herum ist, ödet mich an,
manches von mir, ich selbst und ich ganz.
Es ödet mich an, die Muse der Dichter zu sein
es ödet die Erde mich an, die mich nicht an die Zügel
zu nehmen vermag, und auch der Himmel.
Es ödet mich mein Kollege an, der übel über mich redet
die Straße, die mir lästig ist, und mein Bruder, der mich ausfragt, doch nicht über mich.
Es öden mich an meine Wohnung und meine Zeit.
Es öden mich an die Langeweile und ich selbst.
Ich leugne all diese Zustände ab. Auch das Ableugnen ödet mich an.
Gäbe es doch einen Tag
gäbe es doch eine Farbe
gäbe es doch einen Sinn

*) mittelalterlicher arabischer Mystiker

Aus dem Arabischen von Suleman Taufiq

Aus: Khalid al-Maaly (Hrsg.): Zwischen Zauber und Zeichen. Moderne arabische Lyrik von 1945 bis heute. Berlin: Verlag Das Arabische Buch 2000, S. 448-451

Wafa‘ al-Amrani (Marokko) wurde 1960 geboren

138. Politisch Lied

Der grüne Spitzenmann Winfried Kretschmann ist ein besonnen-feinsinniger Seelenverwandter des früheren CDU-Ministerpräsidenten Erwin Teufel.

Auf Teufel hat einst der Schriftsteller Martin Walser ein Gedicht geschrieben, das wie folgt beginnt: „Seine Schürze ist grün, und das ist keine politische Farbe / er ist der Gärtner, der erste des Landes, er kennt den Boden und pflegt ihn auf Gedeih und gegen Verderb.“ Das Walser-Gedicht passt nicht auf Stefan Mappus von der CDU, es passt aber auf Winfried Kretschmann; bei ihm ist nicht nur die Schürze grün. / Süddeutsche

Hallo Clemens Schittko: Teufel heißt jetzt Kretschmann, Rot-Grün heißt jetzt Grün-Rot

137. Das Lyrik Kabinett präsentiert: Die Preisträger des Literarischen März 2011

28.03. – 20:00 Uhr

Wo: Lyrik Kabinett

Amalienstr. 83
80799 München

Einführungen und Moderation: Christian Döring

In Zusammenarbeit mit dem Literarischen März Darmstadt

Seit 1979 wird in Darmstadt alle zwei Jahre der wichtigste deutsche Preis für junge Lyrik vergeben: der Leonce-und-Lena-Preis. 1997 kam der Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis hinzu.  Am Samstag, den 26. März, wurden die Preisträger gekürt. Als Kooperation zwischen dem Literarischen März und dem Lyrik Kabinett werden sie – wie schon 2009 – nach München eingeladen: zu einer Lesung im Lyrik Kabinett.

Leonce-und-Lena-Preis Steffen Popp – Wolfgang-Weyrauch-Förderpreise Jan Volker Röhnert und Andre Rudolph

136. Sachsen

ist doch nicht so schlecht. Sowieso und die Freie Presse speziell auch. Wie zu erfahren ist, existiert das „Gedicht der Woche“ seit Mai 2010 und publiziert jüngere Autoren aus der Region sowie verstorbene und lebende Dichter aus dem deutschsprachigen Raum. Die letzteren bisher in der Mehrzahl, darunter bespielsweise Bartsch, Kunst, Küchenmeister, Koch, Pietraß u.a.

Das vorgestern entdeckte „Gedicht des Monats“ stammt offenbar aus einer Lokalausgabe, die sich dem Trend anschließen will. Chapeau!

135. floppy myriapoda-Aufstand

Dienstag, 29. März, 21 Uhr, Rumbalotte continua:

Release Heft 17 (April 2011, 6. Jahrgang, S. 436-463)

mit Beiträgen von (i. d. R. i. A.) Julia Sohn-Nekrasov, Hamid Skif, Scheiffele, Jes Petersen, Brigitte Struzyk, Matthias Hering, einem Organ der LKO, Alexander Brener & Barbara Schurz, Kamil Majchrzak, Gerald Fiebig, Christian Krumbel, Christine Sohn, Egon Günther, Floarea Tutuianu, Bernd Volkert, Dan Coman, HEL Toussaint, Kai Pohl, Wolfgang Junginger, Henning Rabe, Hadayatullah Hübsch, Jochen Knoblauch, Eberhard Loosch, Lothar Feix, Joachim Wendel, Benedikt Kramer, Reinhard Johannes, Alexander Heinich, Knofo und Helmut Höge. Redaktion und Autoren lassen die Verhältnisse tanzen.

Eintritt frei!

 

Anarchie!

Im Januar ist das erste offizielle fm-Bootleg erschienen.

Mit einem Beitrag von Andreas Paul und Zitaten von Thomas Bernhard, Markus Wolf, Fritz J. Raddatz, Klaus Mann, Clemens Kuhnert, George Orwell, Christa Wolf, Jean-Paul Sartre, Heiner Müller und Stefan Ret.

Redaktion: Alexander Krohn

floppy myriapoda, Heft 16
Berlin, Januar 2011
S. 426-435, 120 Expl.

 

 

 

 

134. Untenrum

Ein dradio-Bericht von der lit.cologne kombiniert Donna Leon und Untenrumlyrik. Erstere sagt Interessantes über die Phonetik des Italienischen und den Musikgeschmack von Deutschen und Engländern. Letztere klingt in einer milderen Variante so:

„Ein Elefant poppt alles auf der Welt,
weil ihm das Poppen so gefällt.
Am liebsten poppt er Spatzen,
weil sie am Schluss so lustig platzen.“

133. Welt-Lyrik

Ach ihr Armen:

Das Buch richtet sich an echte Einsteiger und erläutert so simple Dinge wie: Was ist eine Börse, was eine Aktie und was eine Spekulationsblase? Dabei rutscht die Sprache leider manchmal in „Sendung mit der Maus“-Lyrik ab. / Die Welt

Geistige Gummibärchen ist eine gelegentliche Kolumne zur Poesie des Medienspeak

Im Übrigen bin ich der Meinung, daß „Die Zeit“ zu loben ist.

132. Meine Anthologie 71: Elke Erb, Mitteilen

Elke Erb

Mitteilen

Schneide ich etwa Feenfleisch aus
und lege es auf die Teller?

Und wird es von Feenfüchsen
im hindernislosen Mondlicht

(die auf die Stühle springen
am runden Tisch, bei Messer und Gabel
aufs weiße Tischtuch die vorderen
Füße aufstützen)

beschnuppert, bevor
Meinesgleichen dran kaut?

Elke Erb: Sachverstand. Basel u.a.: Urs Engeler Editor 2000, S. 24.

131. Meine Anthologie 70: Adonis, Die Verirrung

Adonis

Die Verirrung

Einmal verirrte ich mich zwischen deinen Händen.
Meine Lippe war eine Zitadelle, sehnte sich nach einer ungewöhnlichen Eroberung.
sie liebte die Umzingelung.
Du schrittest voran,
deine Hüfte eine Majestät,
deine Augen Versteck und Freund.
Wir vereinigten uns. Wir verirrten uns. Wir betraten
den Wald des Feuers – Ich machte den ersten Schritt,
du eröffnetest den Weg…

(Teil 3 des Gedichts/ Gedichtzyklus „Spiegel für Khaleda“)

Adonis: Der Baum des Orients. Gedichte. (Der orientalische Diwan 4). Aus dem Arabischen von Suleman Taufiq. Berlin: Edition Orient 1989, S. 45.

Hinweis: Numerierte Beiträge meiner Anthologie gehören zur ersten Staffel, die ich 2000/2001 vor und außerhalb der Lyrikzeitung begann und die ich sukzessive hier einarbeite.

130. An jenem Tag

Als Max Böhm – jahrzehntelang als der „Maxi der Nation“ vielbejubelt und belacht, Blödler und Witzemacher vom Dienst, Komiker und Conférencier, Pionier der Rundfunkunterhaltung, nachmals Fernsehliebling, anno 1950 „beliebtester Österreicher“ (weit vor dem damaligen Regierungschef Leopold Figl, einem noch heutigen Inbegriff der Popularität) – als dieser Max Böhm im September 1982, knapp vier Monate vor seinem Tod, in einer Revue der Wiener „Kammerspiele“ unvermittelt ein langes Gedicht über seinen eigenen Tod vortrug („An jenem Tag“), schwieg das Publikum betroffen, applaudierte dann artig und wusste im übrigen nicht, wie ihm geschah. / Ö1

Hier das Gedicht

129. Steffen Popp gewinnt

Blitzmeldung via Facebook:

„Leonce-und-Lena-Preis geht an Steffen Popp – Wolfgang-Weyrauch-Förderpreise für Jan Volker Röhnert und Andre Rudolph.“

(Danke. Andreas Heidtmann)

Mitteilung des Literarischen März

128. Gedicht des Monats

Wenn das mal kein Nachtrag zur vorigen Meldung ist.

Ein „Gedicht des Monats“ bietet die Chemnitzer Zeitung „Freie Presse“ („Sachsens größte Zeitung“) via google so an:

Gedicht Des MOnats*

Freiberg (fp). O kühler Wald O kühler Wald, wo rauschest du, in dem mein Liebchen geht? O Widerhall, wo lauschest du, der gern mein Lied versteht? O Widerhall, o sängst du ihr/die süßen Träume vor, die Lieder all, o bring sie ihr, die ich so früh verlor! Im Herzen tief, da rauscht der Wald, in dem mein Liebchen geht, in Schmerzen schlief/der Widerhall, die Lieder sind verweht.

Im Walde bin/ich so allein, o Liebchen, wandre hier, verschallet auch/ manch Lied so rein, ich singe andre dir! Der Autor: Clemens Brentano (1778 bis 1842) war ein deutscher Schriftsteller und neben Achim von Arnim der Hauptvertreter der so genannten Heidelberger Romantik.

erschienen am 25.03.2011

Wenn Sie Abonnent der „Freien Presse“ sind, können Sie unter mehr … mehr finden… Sie können aber auch hier den Gesamttext lesen. Oder hier den Band 2 der Ausgabe „Gesammelte Schriften“ von 1852 herunterladen (das Gedicht steht auf Seite 123f).

Im Mai 2010 berichtete L&Poe über eine

21. Mutige Zeitung

Gemeint war eben die Freie Presse, die eine Rubrik „Gedicht der Woche“ gestartet hatte. (Nun, ich gebs zu, meine Überschrift enthielt ein Quentchen Sarkasmus, gerade soviel, um es nicht zu bemerken). Darüber war danach nichts weiter in Erfahrung zu bringen, auf der Messe ging ich mehrfach am Stand der Zeitung vorbei und holte mir ein Gratisexemplar, leider vergeblich, keine Lyrik nirgends. Was bedeutet nun „Gedicht des Monats“? Haben sie eine zweite Serie eröffnet oder einfach die Schlagzahl gesenkt? (Immerhin ging das Gerücht, in der (früheren?) Rubrik würden Gedichte lebender Dichter innerhalb wie außerhalb Sachsens gedruckt. War wohl zuviel für die schreckhaften Leser? Ich wünsche ihnen weiterhin viel Spaß mit der täglichen Lektüre… und wenn Sie das auch ärgert, könnten Sie einen Wechsel zur Lyrikzeitung erwägen.

*) Kühn ist allerdings die Großschreibung des „O“ in der Überschrift, die in Brentanos Gedicht aufgenommen wird.

Zusatz 27.3.: Neinnein: das Gedicht der Woche läuft seit 2010! Fehlschluß. L&Poe eruiert!

127. Rathauslyrik

Politiker (und andere mit ihr befaßte Berufsgruppen wie Journalisten) halten ihre Sprache für wesenhaft, exakt und zupackend. Die der Lyrik halten sie für ungenau, blumig und nicht zu fassen. Wenn also ausnahmsweise ein Politiker mal nicht die exakte Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagt, sondern drumherum redet und die Fakten verblümt, nennen sie es „Lyrik“, vom Bundestag bis zum kleinsten Rathaus. Wie hier in der Badischen Zeitung:

Rathauslyrik

Verwaltungsvorlagen, Satzungsänderungen und Diskussionen um eben jene sind eher trockener Natur und selten sprachliche Spaßbäder. Es geht auch anders. Einen Sonderpreis für Lyrik in der Kommunalpolitik verleihen wir diese Woche Gerhard Homberg von der CDU-Fraktion im Friesenheimer Rathaus. Schön, wie er für den Verbleib der Gemeinde in der Wirtschaftsregion Offenburg/Ortenau argumentierte, obwohl nach Ansicht von Kritikern nach drei Jahren keine zählbaren Ergebnisse zu erkennen seien: „Die Früchte einer solchen Mitgliedschaft haben ein lange Reifezeit.“

Weitere Beispiele finden sich en masse, wie hier:

Aber das ist nur die gemeine Realität. Polit-Lyriker können das natürlich sehr viel gefälliger formulieren. „Wir wollen eine Gesundheitsfinanzierung, die niemanden überlastet und die solidarische Gerechtigkeit für Geringverdiener und sozial Schwache gewährleistet“, dichten etwa die Unionsschwestern.

Wenn CDU und CSU die Arbeitgeberbeiträge bei 6,5 Prozent einfrieren möchten, dann nennen sie das „Solidarisches Gesundheitsprämien-Modell“ (Veröffentlichung der CDU vom Montag).

Bei den Grünen heißt das 6,5-Prozent-Vorhaben „Die grüne Bürgerversicherung“ und das zugehörige Spiegelstrich-Stakkato: „- leistungsfähig, – solidarisch, – modern“ (Beschluss der 23. ordentlichen Bundesdelegiertenkonferenz vom 2. und 3. Oktober).

Die SPD wiederum hat „Die Solidarische Bürgerversicherung“ im Portfolio. Deren genaue Spezifikation noch von einer Task-Force unter Leitung von Andrea Nahles ausgearbeitet werden soll.

(Achim Killer, silicon.de)

Oder hier:

Lionel Jospin hat gehandelt, mit bewundernswerter Ehrlichkeit, und hat mehr geleistet, als viele Regierungen vor ihm zusammen: die 35 Stunden wöchentliche Arbeitszeit, wirksame Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, kostenlose Medizin für Unbemittelte. Er war ein großer Diener des Staates. Jeder wußte es, aber keiner hörte zu. Die Republik blieb stumm, sie meldete sich nicht mehr, verzichtete aus Bescheidenheit auf Lyrik und Feierlichkeit. Wenn die Republik redete, tat sie es in einer technokratischen, kalten Sprache, die keinen interessierte. Selten war die Klasse der Intellektuellen und der politisch Gebildeten so abgeschnitten von der „Basis“, vom Wähler, sie sprach kaum noch dieselbe Sprache.

(Georges-Arthur Goldschmidt, FAZ 4.5.2002)

Hier:

Wie sie sich winden! Wie sie interpretieren und doch nicht dahinter kommen! Wie sie schlingern und Worthülsen ausspucken! Vor den Bildern des Leipziger Malers Neo Rauch werden Kritiker zu Lyrikern, die eine Welt erdichten wollen, die es nicht gibt. Hilflos stehen sie angesichts dieser eigenartigen Figuren, die komische Dinge mit heiligem Ernst und großen Gesten tun, vor seinen Bildern.

(Die Welt 5.8.2002)

Oder hier:

Schröder ist in die Rolle zurückgekehrt, die ihm liegt: Pragmatisch, nüchtern liefert er eine Bestandsaufnahme ab, was „kurz- und mittelfristig“ anliegt. Die Lyrik ist verschwunden. Kein Wort mehr aus dem sozialdemokratischen Zitatenschatz, keine blumigen Verrenkungen. Statt Leitlinien gibt es Leitplanken für jene, die der Gedanke an grundlegende Veränderungen schreckt.

(Hannoversche Allgemeine 5.12.2002)

Oder noch ein Fund von heute:

Für große Aufregung sorgt Heinz Rudolf Kunze eigentlich kaum noch. Als er in den 1980ern antrat, um ellenlang mäandernde schlaue Texte zur Klampfe vorzutragen, war das noch anders. Da beschimpfte mancher den studierten Germanisten als singenden Oberlehrer. Der allerdings umgehend seinen Plattenvertrag bekam und in die Deutsch-Rock-Oberliga aufstieg. Freilich nicht mehr mit Germanisten-Lyrik, sondern mit Gassenhauern à la „Dein ist mein ganzes Herz“ und „Finden Sie Mabel“.

(Märkische Allgemeine)

Für Zeitungs- oder Rundfunkmacher folgt daraus, daß sie ihre Leser / Hörer vor den Zumutungen dieser gefährlich pflanzenhaften Gebilde möglichst schützen müssen. 1951 sagte Benn:

wenn Sie am Sonntag morgen Ihre Zeitung aufschlagen, und manchmal sogar auch mitten in der Woche, finden Sie in einer Beilage meistens rechts oben oder links unten etwas, das durch gesperrten Druck und besondere Umrahmung auffällt, es ist ein Gedicht. Es ist meistens kein langes Gedicht, und sein Thema nimmt die Fragen der Jahreszeit auf, im Herbst werden die Novembernebel in die Verse verwoben, im Frühling die Krokusse als Bringer des Lichts begrüßt, im Sommer die mohndurchschossene Wiese im Nacken besungen, zur Zeit der kirchlichen Feste werden Motive des Ritus und der Legenden in Reime gebracht – kurz, bei der Regelmäßigkeit, mit der sich dieser Vorgang abspielt, jahraus, jahrein, wöchentlich erwartbar und pünktlich, muß man annehmen, daß zu jeder Zeit eine ganze Reihe von Menschen in unserem Vaterland dasitzen und Gedichte machen, die sie an die Zeitungen schicken, und die Zeitungen scheinen überzeugt zu sein, daß das Lesepublikum diese Gedichte wünscht, sonst würden die Blätter diesen Raum anders verwenden. (Probleme der Lyrik)

Nun, das ist vorbei. Es werden noch immer genau so viele Gedichte geschrieben und vielleicht auch an die Zeitungen geschickt, aber die bürgerlichen Medien haben kein Vertrauen mehr zum bürgerlichen Bildungskanon, der Gedichte von Schiller oder Rilke einschloß. Kaum eine Zeitung druckt noch regelmäßig Gedichte, selbst die FAZ hat das sehr eingeschränkt, und wenn sie ein Gedicht drucken, sagen wir von Thomas Kling, Elisabeth Borchers oder Mara Genschel*, melden sich empörte Leserbriefschreiber. Sie können einfach nicht dulden, daß auf den 40 oder 90 gedruckten Seiten etwas steht, ein paar Zeilen, die nicht aus ihrer Mitte kommen.

Und so hat auch der Deutschlandfunk seine löbliche Initiative, täglich ein Gedicht an unerwarteter Stelle ins Nachrichtenprogramm zu schmuggeln, zum letzten Jahresende eingestellt (mit dümmlicher Begründung). In Wirklichkeit ist es schon so, daß die (bei dreifacher Wiederholung) ungefähr drei Minuten von den 1440 des Tages mit Gedichtzeilen gefüllt sind. Wir hören Nachrichten, Kommentare, Phrasen, Lügen Tag für Tag Jahr um Jahr, daran sind wir gewöhnt: aber bitte kein Gedicht!

*) Nein, das Letzte war gelogen. Mara Genschel haben sie nicht gedruckt, sondern ihr Kritiker H.H. hat sich ihr Buch von einem kleinen Verlag kostenlos schicken lassen und dann im Stil der Leserbriefschreiber darüber gespottet.

Vgl. L&Poe 2008 Apr #80. Exp.-Basher und L&Poe 2008 Apr #82. Was soll das heißen?

126. Sapphomania

Die griechische Dichterin, deren Werk fast verschwunden ist, geistert durch die Literaturgeschichte. „Die pommersche Sappho“ wurde die Greifswalder Barockdichterin Sibylla Schwarz genannt, die „deutsche Sappho“ nannte man im 18. Jahrhundert die Stegreifdichterin Anna Louisa Karsch, früher einfach „die Karschin“ genannt. Viele andere Gegenden und Zeiten haben „ihre“ Sappho.

Auch in der neueren Literatur geht sie um. Christa Wolf nahm das berühmte Fragment vom Mond und den Plejaden in ihre Kassandra-Vorlesungen auf. Thomas Kling und Raoul Schrott dichteten es nach, im vergangenen Jahr tauchten gar in zwei Gedichtbänden ganze Paraphrasenreihen zu diesem Gedicht auf, bei Ann Cotten, Florida-Räume und bei Roman Graf, Zur Irrfahrt verführt. (Und Marion Poschmann schreibt neben alkäischen und asklepiadeischen auch korrekte sapphische Odenstrophen). Klaus Grunenberg stellt nun die Dichterin in seiner Reihe „Auf den Spuren der Literatur“ – Teil 11 vor.