Neue Nachrichten aus Heslach (?) für neugierige Nord- und Südländer gibt es hier:
– BRUETERICHs Hochtempel eines radikalen Pietismus (Heslacher Bekenntnis nach Wagenblast) steht in der Nachfolge der Sozietät der Mutter Eva (Buttlarsche Rotte) und tritt ein für eine befreite, promiskuitive Sexualität. Der Bann des Tempels hingegen trifft Schlachthöfe, TV-Geräte und ölbetriebene PKWs.
Die Kirche der 1000 Tage rechnet für den 5. Juni 2013 mit einer großen, globalen Verknöcherung und empfiehlt, die verbleibenden Tage in ihrem Schoße zu verbringen, idealerweise befaßt mit Lyrik, Gitarren- und Cellospiel, Malerei sowie allseitigem Geknutsche. Dies ist – wie gesagt – nur eine Empfehlung.
Im Auge behalten…

Vom 4.-8. begann unter diesem Logo meine zweite „Woche der türkischen Poesie“. Dieses Projekt startete ich im vergangenen Jahr nach kurzen zwei Wochen im Süden und Südwesten der türkischen Halbinsel. Der Plan, die Reise dieses Jahr zu wiederholen, zerschlug sich, aber die „Woche“ startete erneut, passend zum US-amerikanischen „National Poetry Month“. (Mein Problem, daß der Anfang des April gleichzeitig Semesterbeginn und damit relativ arbeitsinternsiv ist). Ich denke über das Projekt einer Poesiewoche nach, das vielleicht von Sprache zu Sprache wandern kann und im Frühjahr liegt, wenn auch vielleicht etwas später.
In diesem Jahr jedenfalls wird die Türkische Woche nach einer Auszeit heute und morgen fortgesetzt. Hier zunächst mit eine „Zwischennotiz“ von Achim Wagner, dem ich für Unterstützung danke.
Zwischennotiz
die literarische tradition des orients liegt in der lyrik; oder wie es der befreundete istanbuler dichter metin kaygalak bei einem gespräch zu jahresanfang (2011) umfassender formulierte: „die lyrik ist das gedächtnis des orients“. hierbei ist wiederum zu sehen, dass die lyrik bis ins 19. Jahrhundert selten notiert, eben mündlich weiter gegeben, überliefert wurde, und so einen „einmaligen“ stellenwert erlangte.
sie erreichte – und erreicht noch – ein publikum quer durch die gesellschaftsschichten; in fast jeder türkischen buchhandlung finden sich mehrere – meist zweimonatlich erscheinende – lyrikzeitschriften. auch sind die zahlreichen jährlichen lyrikfestivals manifester ausdruck der nach wie vor lebendigen und wahr genommenen lyrikszene.
bestimmend für die türkische gegenwartslyrik sind immer noch die aus der als „ikinci yeni“ (zweite neue) bezeichneten bewegung (der u.a. dichter wie cemal süreya und turgut uyar angehörten) mitte des 20. jahrhunderts entstandenen positionen. im wesentlichen lehnten die dichter der „zweiten neuen“ eine einfache sprache ab, sahen sie das verhandeln von gesellschaftlichen thematiken in ihren gedichten als nicht erforderlich an (was – und das sei zwingend angemerkt – durchaus einer politischen aussage gleich kam, weil sie sich damit bewusst nicht nur gegen den sozialistischen realismus ihrer unmittelbaren vorgänger, sondern auch gegen die kemalistischen leitbilder der noch jungen türkischen republik stellten.)
bei einem weiteren gespräch mit der ankaraner literaturwissenschaftlerin nesrin eruysal erwähnte diese, dass das hohe sprachliche niveau, das die „zweite neue“ vorgegeben habe, zwar von den nachfolgenden dichtergenerationen gehalten werden konnte, es aber bislang nicht gelungen sei, eine andere, eigenständige poetik zu entwerfen, die stark genug wäre, eine neue bewegung hervor zu bringen.
Anfangszeile eines Gedichts von Johann Christian Günther (1695-1723), das erst 150 Jahre nach seinem Tod veröffentlicht wurde (und auch dann noch zensiert!).
Von Günther wurden zu Lebzeiten nur verstreute Einzeltexte gedruckt. Eine erste Teilsammlung vom Herausgeber Fessel erschien erst nach seinem Tod 1724, weitere folgten bis 1735. 1742 erschien eine Nachlese von Arletius, die 1751 bereits die dritte Auflage erfuhr. Daraus entstand der Nachruhm Günthers als kraftvolles Genie, das sich aber nicht „zu zähmen“ wußte:
„Ein entschiedenes Talent, begabt mit Sinnlichkeit, Einbildungskraft, Gedächtnis, Gabe des Fassens und Vergegenwärtigens, fruchtbar im höchsten Grad, rhythmisch bequem, geistreich, witzig und dabei vielfach unterrichtet; genug, er besaß alles, was dazu gehört, im Leben ein zweites Leben durch Poesie hervorzubringen, und zwar in dem gemeinen wirklichen Leben. Wir bewundern seine große Leichtigkeit, in Gelegenheitsgedichten alle Zustände durchs Gefühl zu erhöhen und mit passenden Gesinnungen, Bildern, historischen und fabelhaften Überlieferungen zu schmücken. Das Rohe und Wilde daran gehört seiner Zeit, seiner Lebensweise und besonders seinem Charakter oder, wenn man will, seiner Charakterlosigkeit. Er wusste sich nicht zu zähmen, und so zerrann ihm sein Leben wie sein Dichten.
Durch ein unfertiges Betragen hatte sich Günther das Glück verscherzt, an dem Hof Augusts des Zweiten angestellt zu werden, wo man, zu allem übrigen Prunk, sich auch nach einem Hofpoeten umsah, der den Festlichkeiten Schwung und Zierde geben und eine vorübergehende Pracht verewigen könnte.“
Goethe: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit, Siebtes Buch hier
In der auch im Erstdruck 1879 noch weggelassenen sechsten Strophe kulminiert der blasphemische Ansatz in einem Fluch auf Vater und Mutter, die ihn auf die Welt brachten:
Was wird mir nun davor? Ein Leben voller Noth.
O daß doch nicht mein Zeug aus Rabenfleisch entsproßen,
O daß doch dort kein Fluch des Vaters Lust verboth,
O wär doch seine Kraft auf kaltes Tuch gefloßen!
O daß doch nicht das Ey, in dem mein Bildnüß hing,
Durch Fäulung oder Brand der Mutter Schoos entgieng,
Bevor mein armer Geist dies Angsthaus eingenommen!
Jezt läg ich in der Ruh bey denen, die nicht sind,
Ich dürft, ich ärmster Mensch und gröstes Elendskind,
Nicht stets bey jeder Noth vor größrer Furcht umkommen.
In der Reclamausgabe von 1879 ließ Litzmann den Titel „Als er durch innerlichen Trost bey der Ungedult gestärket wurde“ weg und „normalisierte“ Schreibweise und Interpunktion.
Über seinen zensierenden Eingriff in den Text sagt er:
„Dies bisher noch ungedruckte Gedicht findet sich in einer Abschrift Güntherscher Gedichte, die zum Zweck einer Ausgabe im 18. Jahrh. zusammengestellt worden, auf der Stadtbibliothek zu Breslau. Es ist so sehr im Geiste und Tone seiner sonstigen Gedichte, daß über seine Autorschaft ein Zweifel kaum obwalten kann. Doch mag der blasphemisirende Ton und vor allem der Inhalt der 6. Strophe (die auch in dieser Ausgabe weggelassen werden mußte) bei dem damaligen Herausgeber Anstoß erregt und so die Aufnahme in die Sammlung verhindert haben.“ (S. 112)
Erst 1880 druckte Litzmann in seiner Dissertation den vollständigen Text in (vermeintlicher) Originalschreibweise. Allerdings enthält sein Text allein in der sechsten Strophe nicht weniger als 20 Abweichungen von der Fassung in der sechsbändigen Werkausgabe von 1930/37. Ja sogar der Titel ist bei Litzmann verstümmelt: statt „innerlichen“ heißt es dort „mündlichen“ Trost. Heute kann man das anscheinend nicht mehr überprüfen, da das Original der Abschrift Jacobis nach Angaben von Bölhoff 1997 „größtenteils verloren“ ist.
Litzmann merkte zum Abdruck in der Dissertation an:
„mit Rücksicht auf die weiteren Kreise, für die jene Ausgabe bestimmt war, musste … die sechste Strophe, deren crasser Inhalt allen Gesetzen der Aesthetik – von der Moral ganz zu schweigen – ins Gesicht schlägt, unterdrückt werden“
Interessant, daß der Eingriff immer zuerst mit „allen Gesetzen der Ästhetik“ begründet wird.
Literatur:
„Abgesehen von den im Jahr drei bis vier glücklichen Monaten, in denen ich arbeiten kann, quäle ich mich herum in der Hoffnung, dass etwas geschieht, das mich genug fasziniert, um darüber zu schreiben“, bekannte Wolf Wondratschek in dem erwähnten Interview mit André Müller. An dieser Mühsal scheint sich nicht allzu viel geändert zu haben, wie diesem konfusen, auch kalauernden Prosawerk zu entnehmen ist. Wondratschek, der elegante Stilist, wartet wie der Waldgott in Stéphane Mallarmés Gedicht „Nachmittag eines Fauns“ auf den Musenkuss, die Erlösung durch die Nymphen. / Katrin Hillgruber, Tagesspiegel
Der Aufstieg Gottfried Benns zum wichtigsten deutschen Nachkriegsdichter ist eines der erstaunlichsten Comebacks der Literaturgeschichte. Denn Benn, der als Expressionist bekannt geworden war, unter anderem mit seinen schockierenden „Morgue“-Gedichten (1912) wie der „Krebsbaracke“, war 1945 gleich doppelt auf dem Abstellgleis gelandet. Weil er der nazistischen Machtergreifung 1933 zunächst positiv gegenüberstand (auch in seiner kulturpolitischen Funktion in der Preußischen Akademie der Künste), hatte er sich in den Augen vieler Regimekritiker und Emigranten desavouiert.
(Ja, und Gott erhalte uns unsre alten Klischees und bewahre uns vor neuen! Schockierende Morgue-Gedichte? Krebsbaracken gibt es, Krebsbaracken gibt es. Ein ketzerischer Gedanke befällt mich: Könnte es sein, daß der Aufstieg Benns nach 1945, ob man das Comeback nennen kann, steht dahin, auf der Angst des Publikums vor Klischeewechsel beruht? Das würde auch erklären, nächste Drehung der Schraube, daß noch heute Studenten aus den „Neu-BL“ signifikant seltener angeben, in der Schule was von Benn gelesen zu haben, als „Alt-BRDler“.)
Ich suche nach weniger klischeehaften Sätzen aus dem Artikel von „rik“ in der Welt, vielleicht diese, ja. Am besten sind die letzten zwei Sätze:
Seine 1916 unter dem Titel „Gehirne“ veröffentlichten „Rönne-Novellen“ sind ein Musterbeispiel expressionistischer Prosa. Nach dem Zweiten Weltkrieg knüpfte Benn im „Ptolemäer“ und dem „Roman des Phänotyp“ daran an – Werke, die die herkömmlichen erzählerischen Formen überschreiten. „Der Ptolemäer“ ist die Ich-Erzählung eines Schönheitssalonbesitzers mitten in den Trümmern des Berlins nach 1945. In die fiktionalen Fragmente sind assoziative philosophische und kulturkritische Passagen eingewoben, die eine Diagnose der Zeit und der Menschheitsgeschichte abliefern – ohne sich allerdings zu einer kohärenten Philosophie zu bündeln: „Zugegeben: Panoptikum, Bilder, – Fragmente, von meinen Fragen koloriert! Aber das Zusammenhang suchende Denken scheint mir noch viel unvollkommener.“
Aber vielleicht echauffiere ich mich eh umsonst und dieser Artikel hat nur die Funktion, den Onlineleser zum Klicken zu bewegen. Unter dem Wort „Bilder“ im Bennzitat liegt ein Link auf die „Welt“-Bildergalerien, die zwar nichts mit Benn zu tun haben, sondern mit Themen wie „Kelly Brooks üppiges Dekolleté im Bikini“ oder „Was trägt Frau so zum Staatsbesuch“ mit je 185 klickbaren Bildern, aber dann paßt es vielleicht doch wieder zu Benns Kulturkritik. Er kannte sein Publikum und wußte, daß er mit gepflegt schönen Gedichten und einem Bißchen gepflegter kulturkritischer Prosa besser ankommt als mit Gedichten von Pathologen und Krebsärzten.
Letzteres gehört in den abendlichen Krimi und bitte nicht ins Gedicht zum Sonntag.
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VEREINIGUNGEN, TROST, DAS MEER IM FLUR
Wenn du nicht gehen willst, ich kann dich schleppen
Durch Gassen, über Kinderwagentreppen
Doch hinterher von Kindern keine Spur
Gestank von Kleiderständern, falls die riechen
Die Mantelränder, umgenäht, sind länger
Mit Feuchtigkeit versehen, stinken strenger
Verbeugen wir uns tief genug und kriechen
Durch den Palazzo, neben Küchenzeilen
Tapetensalz und Badesteinen lang
Auf diesem Boden will ich alles machen
Es ist gleich fünf, wir müssen uns beeilen
Fantina mit den Eimern, mach mich krank
Das Meer noch nicht im Flur, das Licht geht krachen
Von Thomas Kunst (Leipzig)
Zu einem Lyriklexikon, wie es mir vorschwebt, gehören nicht nur „seriöse“ lexikalische Artikel, sondern unbedingt Splitter, poetologische Gedichte oder Gedichtstellen, Aphorismen pp. Auch auf die Gefahr der Uferlosigkeit: die braucht man im Wiki nicht zu fürchten. Hunderte Aphorismen von Novalis? Na und, sie fressen kein Brot und lassen sich durch Verschlagwortung auffinden, wenn man sie braucht.
Ich experimentiere mit der Lexikonform. Habe gerade einen Splitter verfaßt (und hoffe jetzt und in Zukunft auf die Meinung und Mitarbeit der Lesenden).
Oft bekommt man zu hören: Das ist gut, aber das ist von gestern. Ich dagegen sage: Das Gestern ist noch gar nicht geboren. Das gab es noch gar nicht richtig. Mich verlangt es wieder nach Ovid, Puschkin, Catull, und der historische Ovid, Puschkin, Catull befriedigt mich nicht. (…) Catulls silberne Trompete:
Ad claras Asiae volemus urbes*
quält und beunruhigt stärker als alle futuristischen Rätsel. Das gibt es nicht auf Russisch. Aber das müßte es doch auf Russisch geben.
Ossip Mandelstam, Über Dichtung. Essays. Leipzig und Weimar: Gustav Kiepenheuer 1991, S. 11f.
Carl Fischer: Flieg zu Asiens hochberühmten Städten! In: Catullus, Sämtliche Gedichte. lateinisch und deutsch. München: dtv 1987, S. 55.
Der schönste Beitrag im neuen „Ostragehege“ ist indes eine poetologische Miniatur der Dichterin Kerstin Preiwuß, eine Art Präludium zu einem dort abgedruckten Gedicht-Zyklus der Autorin mit kafkaesken „Stilleben“. In einer Meditation über ein Bild von Henri Matisse beschreibt Preiwuß die überwältigende Evidenz, die beim Betrachten eines Kunstwerks eintritt, jenes Heraustreten aus allen Zwanghaftigkeiten, das einen Zustand fast schwerelosen Glücks ermöglicht: „Kein Geräusch ging von diesem Bild aus“, so Kerstin Preiwuß, „und dieses Bild erzeugte auch kein Geräusch in mir… Ich hatte kein Verlangen mehr als das, immerzu zu schauen und dabei wunschlos zu sein.“ / Michael Braun, Poetenladen
Ostragehege Nr. 61
c/o Axel Helbig, Birkenstr. 16, 01328 Dresden. 84 Seiten, 4,90 Euro.
Ich ergänze aus dem Editorial:
Das neue OSTRAGEHEGE könnte getrost als Lyrikanthologie angekündigt werden. Denn insgesamt 25 lyrische Handschriften – Poeme, Zyklen, Gedichtsammlungen und Einzelgedichte – werden in diesem Heft ausgebreitet. Dabei geht die Reise einmal mehr quer durch Europa. Längst sind nicht alle Texte der sogenannten Klassiker der Moderne übertragen. So können sich die Leser des neuen Heftes auf neue Übertragungen aus dem Werk von Francis Ponge (1899-1988) und Vladimir Holan (1905-1980) freuen. Una Pfau, eine der bedeutendsten Übersetzerinnen aus dem Französischen, bringt uns das Poem La Guêpe/Die Wespe von Francis Ponge nahe. Urs Heftrich, seit 2003 Mitherausgeber der Gesammelten Werke von Vladimir Holan, stellt zwei neu übersetzte Zyklen des Hauptvertreters des tschechischen Poetismus der dreißiger Jahre vor. Neben neuen Gedichten aus Irland (Pat Boran und Dennis O’Driscoll) und Bosnien/Herzogowina (Marko Vešović, Mile Stojić, Bisera Alikadić und Amir Brka) sind es vor allem die längeren Zyklen von Jan Kuhlbrodt und Tom Schulz sowie die Sammlung neuer Gedichte von Franz Hodjak, welche einer intensiven und zugleich lustvollen Lektüre empfohlen sein sollen. Schließlich möchte die Redaktion auf die 37. Folge der Rubrik Lagebesprechung – Junge deutschsprachige Lyrik hinweisen, in welcher Nico Bleutge die Leipziger Lyrikerin Kerstin Preiwuß vorstellt.
Schrott Ist die Studie nicht auch ein Kniefall vor dem positivistischen Zeitgeist?
Schrott Einerseits stimmt das natürlich. Das Geheimnisvolle, Unsagbare und Geniale der Poesie wird zugunsten des Messbaren ausgesetzt – doch nur um sich ihr einmal von der Seite der Pragmatik nähern zu können.
Wie groß ist denn die Gefahr, dass Lyrik dadurch entzaubert wird?
Schrott Null. Sie gewinnt dadurch nur. Kein Gedicht wird zerstört, indem man hinter den Vorhang schaut. Was man dann wahrnimmt, ist weitaus interessanter und kann die Wirkung des Gedichts nur erhöhen. Damit kann man auch mit dem Vorurteil aufräumen, Gedichte seien „schwierig“.
Was haben Sie aus neurologischer Sicht Neues über das Gedicht lernen können?
Schrott Dadurch, dass ein Gedicht Bild, Musik und Information synchron liefert und im Grunde ein Kino im Kopf ist, wird es zum menschlichsten und komprimiertesten Zeugnis unseres Denkens und unserer Wahrnehmung. Man erkennt, dass das Gedicht in einer Zeit, in der es noch keine Schrift gab, mit seiner musikalisch gebundenen Sprache die einzige Möglichkeit war, sich Informationen über größere Strecken zu merken.
Der Rhythmus ist es also.
Schrott So ist es. Über die verschiedenen und doch miteinander verknüpften Speichermöglichkeiten der Musik und des Inhalts verfügen wir über die doppelte Kapazität. Wenn wir ein Lied trocken aufsagen, kommen wir drei Zeilen weit; wenn wir es singen, gelangen wir bis zur nächsten Strophe. So fußt bereits die Erfindung des Gedichts auf Pragmatik: nämlich als Erinnerungsspeicher zu fungieren.
Was stellt das Gedicht – in seiner schriftlichen Form – in unserem Gehirn an?
Schrott Die Erfindung der Schrift ist zweifelsohne einer der revolutionärsten Entwicklungsschritte in der Menschheitsgeschichte. Sie hat unsere Wahrnehmung radikal verändert. Mündlich funktioniert die Sprache über den Klang, in dessen Mitte wir stehen. Das Lesen dagegen stellt uns an den Rand, lässt uns die Worte wie Dinge betrachten und macht das Visuelle dominant. Vorher war das Wort als Klang ein Ereignis, beim Lesen ist es ein Objekt, wird verschiebbar und vor allem beliebig wiederholt lesbar. Plötzlich hatten wir Begrifflichkeiten, mit denen wir wie mit Legosteinen hantieren konnten. / Rheinische Post
Raoul Schrott / Arthur Jacobs, „Gehirn und Gedicht“, Hanser, 544 S., 29,90 Euro
Auch zum Thema Lyrik-Debut: Stefan Heuer über die Erwartungshaltung von Lyriker/innen mit wenig oder gar keiner Erfahrung beim Publizieren:
[…] Eine große Anzahl unangeforderter Lyrikbände findet seinen Weg in meinen Briefkasten. Und ich muss es sagen, wie es ist: Die Gedichte werden dadurch nicht besser, dass man sie mir schickt – wenn dies so wäre, würde ich mir das patentieren lassen! Die in diesem Zusammenhang bislang allerschönste Mail, gerade eine gute Woche alt: »Herr Heuer, wie mir zu Ohren gekommen ist, haben Sie einige Dichter sogar bereits mehrfach besprochen, meinen Debütband jedoch nicht. Das kann doch wohl nicht sein!« Doch, lieber Mensch, dessen Namen ich an dieser Stelle nicht nennen möchte und werde: Das kann sein! Und zwar deshalb, weil mir viel zu viele wirklich gute Lyrikbände in die Hände kommen, zu denen ich viel lieber was schreibe als über ein Buch, das mich in keiner Weise interessieren konnte. […] / Titel-Magazin
(Es folgt eine Rezension zu Andreas Nogas neuem Band „Lücken im Lärm“ [kein Debüt].)
Dieser Bauernjunge aus der Gegend von Mantua, immer ein wenig kränkelnd und sich deswegen der Rhetorik und den Wissenschaften widmend, hat zuerst wunderbare Lyrik geschrieben, die der Natur verbunden war. Er kam ja vom Land. Im 4. Gesang seiner Hirtengedichte zum Beispiel hat er die Geburt eines Kindes beschworen, was beim Lesen der Zeilen in späterer Zeit den Eindruck erwecken konnte, hier sei bereits ein christlicher Dichter am Werk. Vielfach wurde er somit falsch eingereiht und manipuliert. / Klaus Grunenberg
Wenn er, wie er sagt, wirklich keinen Plan von Kunst hat, dann liegt es vielleicht daran, dass er selbst Kunst ist. Raver-Frisur, ungarischer Bart, Pullunder und Adidas-Sneaker – der Lyriker und Performer Dr. Peter Treznok an sich macht Spaß, da kann sein so genanntes stabiles Buch, das er am Freitag in der Walpodenakademie vorstellte, kein allzu großer Schund sein. In der Sammelausstellung „Materialschlacht“, die am Freitag in der Walpodenakademie in der Neubrunnenstraße eröffnete, präsentieren bis zum 8. Mai auch drei weitere Künstler ihre Arbeiten.
Ist ein stabiles Buch das Gegenteil zu einem labilen Buch? Gibt es ein Buch ohne Staben oder Staben ohne Buch? Diese Fragen beschäftigten Dr. Treznok während des einjährigen Schaffensprozesses an seinem stabilen Buch. Den Inhalt – Treznoks eigene dadaistische Lyrik – druckte der Wahl-Mainzer „mit einer ollen Handnudel“ und Bleisatz auf Tapetenmuster. 50 Exemplare stellte Treznok her. „Die Frage ist“, so Treznok, „warum kostet jedes davon 200 Euro?” / Wiesbadener Tagblatt
Heute 20 – 21 Uhr auf Radio 98,1 (im Raum Greifswald, live im Internet auf www.98eins.de) die neueste Sendung der Plattform-Redaktion mit Berichten von der Leipziger Messe u.a. über die Uraufführung des rough-Songs am ersten Messeabend in der Gaststätte Waldfrieden durch Christian Filips und den Waldfrieden-Chor – lohnt sich!, außerdem eine Rezension des huchelpreisgekrönten Bandes „Geistersehen“ von Marion Poschmann. (Wers verpaßt: wird danach, spätestens am Montag, auf der Website zum Download bereitstehen, also die Sendung).
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Der zweite „Lauter Niemand Preis für politische Lyrik“ wurde kürzlich in Berlin vergeben. Eine Verteidung des Siegertextes von Stefan Schmitzer, The Gap:
Der „Lauter Niemand Preis für politische Lyrik“ ist lustig dotiert (400 € – gerade so viel, dass es noch als „echtes“ Preisgeld durchgeht) und von einer Literatur-Zeitschrift gestiftet, die im ihrem Namen (Lauter Niemand) schon ihr Programm umreißt (etwa: Hinzens und Kunzens Privatpoetiken in fruchtbarem Nebeneinander mit den Patent-Kapazundern des „neuen deutschen Lyrik-Hypes“).
Zum Anlass gab es eine Lesung der Autoren der „engeren Wahl“, eine Diskussion und die Bekanntgabe des Preisträgers. Dass der Clemens Schittko heißt und den Preis für sein Gedicht „Who is who / Is who or what“ gekriegt hat, erfüllt mich mit Genugtuung. Weil:
Diesen Monstertext, diese 24 Seiten füllende Litanei über Geschichte und Farce der deutschen Gegenwart, dieses genial einfach konstruierte Ding kenne ich schon länger (seit „Perspektive“#64). Habe ihn/ sie/ es auch bei zwei Anlässen als „extrem super“ bezeichnet und musste dann den Doppelvorwurf „zu lang! und unterkomplex!“ lang und breit entkräften. Stimmt halt einfach nicht. Das hab ich jetzt, dank der Lauter Niemand-Jury, quasi schriftlich.
Geschenkt: Wer von „Who is who…“ nur die erste halbe Seite liest, muss sich denken: Kennen wir schon, bringt uns nicht weiter. Ein einziges Formprinzip – hier die Aussage „A heißt jetzt B“ – über allerhand Sachverhalte zu spannen, ist wirklich weder neu noch originell. Und erinnert an die langweiligeren Gebilde von Erich Fried et al.
Aber je länger der Text läuft, desto mehr wird deutlich, was das nochmal heißt, dass dokumentarisch-didaktische Lyrik ihre Wurzeln genauso sehr in Lied und Zauberspruch hat wie jede andere. Einen Text zu bauen, der zum Mitgrölen – „Raider heißt jetzt Twix“ – genauso anregt wie zur Recherche von Detailfragen deutschen Versicherungsrechts oder zur Kontemplation verschobener Subjektbegriffe – das mache Schittko mal einer nach.
Dass Schittko noch keinen „eigenen“ Gedichteband hat, ist eine Frechheit. Wo es Zeug von ihm zu lesen gibt, steht andererseits eh hier.
Lauter Niemand. Berliner Zeitschrift für Lyrik und Prosa
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