Videokunst und Lyrik ermöglichen nicht nur einen poetischen Zugang zu bewegten Bildern, sondern auch eine unkonventionelle Form der Zusammenarbeit. Der Schriftsteller und Lyriker Gerhard Falkner und der Videokünstler Reynold Reynolds geben ein Beispiel für so ein Gemeinschaftprojekt. Im Mittelpunkt ihrer Zusammenarbeit stehen die zwei Kurzfilme „Stadtplan“ und „Letzter Tag der Republik“. Der „Stadtplan“ basiert auf einem Gedicht von Falkner und entstand im Berliner Künstlerhaus Bethanien während eines Arbeitsaufenthaltes von Reynolds. Auch der zweite Kurzfilm wurde von dem in Alaska geborenen Videokünstler konzipiert und von Falkner mit einem lyrischen Text unterlegt. Er erzählt die Geschichte des Palasts der Republik, dessen öffentliche Eingangshalle einst das Zentrum des sozialen Lebens in Ostberlin war und trotz vehementer Demonstrationen 20 Jahre nach dem Mauerfall abgerissen wurde. / art
Die Videopräsentation und Lesung findet am 27. April, um 20.00 Uhr in der Akademie Schloss Solitude statt.
Pünktlich zum Geburtstag Adolf Hitlers wurde die erst vor wenigen Wochen abgedrehte Neonazi-Homepage Alpen-Donau am Mittwoch vorübergehend wieder online gestellt. Wie gehabt liegt die Seite auf einem Server in den USA, man wechselte nur den Bundesstaat: Von „Dreamhost“ in Kalifornien ging man zu „Wild West Domains“ in Arizona. Angemeldet wurde die Seite schon vier Tage zuvor, am 16. April. Begrüßt wird die „treue“ Leserschaft mit einem Gedicht, das „Adolfs Wiegenfest“ gewidmet ist. Ein Gereime, das unter der Kronen Zeitung-Kolumne „In den Wind gereimt“ von Wolf Martin just am 20. April 1994 erschien. Erst in der letzten Zeile des Gedichts steht die Auflösung, welcher Adolf, der als „Patriot mit jedem Nerv“ beschrieben wird, gemeint ist: „Das war ein Mann der Doktor Schärf!“ / Der Standard
Hier die 1994er Fassung des Martinschen Ständchens. L&Poe berichtete über eine Variante von 2004, hier in der „Rückschau“ zitiert
Er nennt sie „Blüten des Augenblicks“ – 185 Zen-Gedichte, die der südkoreanische Autor Ko Un verfasst hat, und die jetzt im Suhrkamp-Verlag erschienen sind. …
,Ich bin gekommen, Liebste, der strenge Winter, der ist vorbei.’ – Das Grab seiner Frau lachte leise.“ / Nassauische Neue Presse
Blüten des Augenblicks von Ko Un in der Übersetzung von Dr. Hans-Jürgen Zaborowski ist im Suhrkamp-Verlag erschienen und kostet 15,90 Euro
Er ist einer der beliebtesten deutschen Schauspieler und von ganzem Herzen Romantiker: „Ein Leben ohne Gedichte, diese kleinen Leuchtfeuer in der Dunkelheit, ist mir heute nicht mehr vorstellbar.“
Ulrich Tukur hat seine Sammlung der deutschen Liebesgedichte „Wehe, wirre, wunderliche Worte“ herausgegeben. Katharina John hat dafür in ihren Photographien tanzende Paare eingefangen, die illustrieren sollen, dass im Tanz – wie im Gedicht – der Mensch eine leichte, spielerische Form findet, die Einsamkeit, Distanz und Sprachlosigkeit aufhebt. / Hamburg-Magazin
Ullstein Verlag, 176 Seiten, Preis: 14,- Euro
Das in Tukurs Titel zitierte Gedicht (der Schauspieler schmuggelte ein paar eigene Verse in die Sammlung) stammt von Alfred Lichtenstein (1889-1914), ich nehms aus Anlaß der Wiederbegegnung in meine Anthologie:
Alfred Lichtenstein
Der Rauch auf dem Felde
Lene Levi lief am Abend
Trippelnd, mit gerafften Röcken
Durch die langen, leeren Straßen
Einer Vorstadt.
Und sie sprach verweinte, wehe,
Wirre, wunderliche Worte,
Die der Wind warf, daß sie knallten
Wie die Schoten,
Sich an Bäumen blutig ritzten
Und verfetzt an Häusern hingen
Und in diesen tauben Straßen
Einsam starben.
Lene Levi lief, bis alle
Dächer schiefe Mäuler zogen,
Und die Fenster Fratzen schnitten
Und die Schatten
Ganz betrunkne Späße machten –
Bis die Häuser hilflos wurden
Und die stumme Stadt vergangen
War in weiten
Feldern, die der Mond beschmierte …
Lenchen nahm aus ihrer Tasche
Eine Kiste mit Zigarren,
Zog sich weinend
Aus und rauchte …
Alfred Lichtenstein: Dichtungen. Zürich: Arche 1989, S. 16
Das Gedicht besteht aus vierzeiligen Strophen, deren erste drei Verse vierhebig und die vierte jeweils zweihebig sind, ausnahmslos alle Zeilen mit zweisilbiger (weiblicher) Kadenz. Das Gedicht scheint reimlos, jedoch weist es durchgehend in jeder Strophe mindestens zwei durch Assonanz verbundene Verse auf. Die Assonanz (die im Deutschen oft gar nicht als Reim erkannt wird) ist ein Halbreim, bei dem die letzte betonte Silbe den gleichen Vokal hat, während die Konsonanten abweichen. Vierzeilige Strophen aus vierhebigen Trochäen mit Assonanz statt (Voll-)Reim heißen Romanzenstrophe, die spanische Entsprechung zur deutschen Volksliedstrophe. Die deutschen Romantiker bürgerten die Form ins Deutsche ein.
Die Expressionisten benutzen den vierhebigen Trochäus gern (auch Georg Trakl, der wie Franz Kafka die Bezeichnung Expressionist für sich wohl nicht akzeptierte). Die Form ist so häufig, daß ich von „expressionistischem Trochäus“ spreche.
Meine Vermutung über den „expressionistischen Trochäus“ ist, daß die Form sich im Deutschen anbietet, weil man vier zweisilbige Wörter, die im Deutschen in der Regel auf der ersten Silbe betont werden, unverbunden nebeneinander stellen kann. Alte Plätze sonnig schweigen. Vier „schwere“ Wörter nebeneinander füllen den Vers perfekt und ohne Füllsel. Die Kompaktheit der Zeilen erinnert mich an manche expressionistischen Gemälde mit starken Konturen.
Ein paar Beispiele von Lichtenstein:
(ein anderes Gedicht von Lene Levi: der Name paßt exakt in den vierhebigen Trochäus, ist schon die Hälfte).
und von Trakl:
Expressiv wird der Vers bei Lichtenstein auch durch weitere sprachliche Mittel. Markante Alliterationen schaffen zusätzliche Klangverbindungen, so gleich am Anfang und im Innern noch einmal: Lene Levi lief, so mehrmals im Innern und dann ganz besonders in der zweiten Strophe der vier- oder sogar fünffache W-Anlaut: ver-weinte wehe wirre wunderliche worte (auch hier dreimal hintereinander die trochäischen Zweisilber weinte wehe wirre…).
Der Bau des Trochäus aus vier zweislibigen Wörtern schafft einerseits Geschmeidigkeit, ein leichtes Vorangleiten. Die meisten Zweisilber gleiten dahin, wie auf „langen leeren Straßen“. Nur wenige Einzelwörter sperren sich mit ihrem Klangmaterial, hier das „Trippelnd“ der zweiten Zeile. Zunächst sind es die Konsonantenverbindungen, die den Bewegungsfluß des leichten Metrums hemmen: tr-pp-lnd. Die vielen Konsonanten sind nicht nur für Ausländer vielleicht eine Schwierigkeit, auch der Muttersprachler kann das Wort nicht so schnell aussprechen. Das hat auch einen metrischen Effekt: obwohl es im Deutschen nicht wie im alten Griechischen klar wahrnehmbare Silbenquantitäten gibt, die alten Griechen „maßen“ die Silbenlänge, daher der Name Metrik, wie Meter von Messen, wir „wiegen“ die Silben nach Gewicht (Betonung), der Trochäus ist also im Griechischen lang-kurz, bei uns stark-schwach. Auch bei trippeln ist die erste (die Stamm-)Silbe stark, die Endungssilbe schwach. Wir neigen dazu, die schwachen Endungssilben zu verschlucken, was Auswirkungen auf das Metrum hat. Wir sin-gen nicht, sondrn singn: viele Wörter werden also gesprochen einsilbig, und das Metrum geht flöten. Die gehäuften Konsonanten bremsen das Verschlucken aus. Mit einem Meßgerät könnte man nachweisen, daß man für die „schwache“ Silbe „pelnd“ mehr Zeit braucht als für „tri“: es ist mindestens ein Laut mehr zu sprechen. Der zur Regelmäßigkeit neigende vierhebige Trochäus kommt hier zum ersten Mal ins Stocken. Spannung entsteht zwischen dem dahingleitenden Rhythmus und den Sprachhemmern. Hämmern! Den Rhythmus hemmend wirkt auch die Verkürzung der vierten Verse jeder Strophe. Und hier das gleiche rhythmische Phänomen in dem Strophenschlußwort „Vorstadt“. Zwar betonen wir korrekt die erste Silbe, aber das -stadt hat mehr Laute und zusätzlich das Gewicht des selbständigen Substantivs. Trippelnd und Vorstadt sind nicht stark-schwach, sondern stark-stark.
(Man muß das nicht bemerken, um die Wirkung zu erfahren. Lautes Sprechen, möglichst ohne Verschlucken, genügt.)
Die Zeilen von Lichtenstein zitiert aus der genannten Ausgabe, die von Trakl aus: Georg Trakl, Das dichterische Werk. dtv 1972, 11. Aufl. 1987
Düsseldorf war noch nicht oft Gegenstand in L&Poe-Meldungen, gerade einmal 4 Beiträge meldet die Schlagwortsuche. Vielleicht ändert sich das jetzt?
Der LCD ist eine neue literarische Experimentierbühne in Düsseldorf. Ab April 2011 laden wir jeden ersten Dienstag im Monat Literatinnen und Literaten aus NRW und ganz Deutschland ein, im >Salon des Amateurs< ihre Texte zu präsentieren. Dabei möchten wir der freien Szene, etablierten und auch noch unbekannteren Autorinnen und Autoren ein neues Spielfeld bieten.
Den LCD – Literaturclub Düsseldorf organisieren:
jeden 1. Dienstag im Monat im >Salon des Amateurs<
Grabbeplatz 4, 40213 Düsseldorf [U Heinrich-Heine-Allee]
Einlass 20:00 Uhr, Beginn 20:30 Uhr
Eintritt 5 Euro
Aktuell
3.Mai
marie t. martin (köln)
monika rinck (berlin)
daniela seel (berlin)
moderation: swantje lichtenstein
Einlass: 20:00h, Beginn: 20:30h
Jedes Gedicht ist öffentlich in dem Sinn, daß es sich an ein eingeschriebenes Publikum richtet. Aber manche Öffentlichkeit ist öffentlicher als andere. Die meisten zeitgenössischen Dichter zum Beispiel sprechen zu einem Publikum, das aus engen Freunden und vereinzelten Berufslesern sowie griffigen Abstraktionen wie dem idealen Leser oder der Nachwelt besteht. Diese Art Öffentlichkeit ist viel kleiner und homogener als die der Käufer der Romane von Zadie Smith oder Jonathan Franzen. Und natürlich verblassen beide Öffentlichkeiten vor „Der Öffentlichkeit“, jenem Menschenmeer, das seine Stimme abgibt, Super Bowl schaut und insgesamt Amerika zu dem macht, was es ist, im Guten wie im Schlechten. Die Lyrik hat es selten mit dieser großen Öffentlichkeit zu tun. Ihr einziger „öffentlicher“ Auftritt in jüngerer Zeit war die Lesung Elizabeth Alexanders bei Präsident Obamas Amtseinführung, die erwartungsgemäß bei Teilen der spezifischen Gedichtöffentlichkeit geteilte Reaktionen hervorrief.
Doch wenn die Dichter so selten vor einem Millionenpublikum stehen, heißt das noch nicht, daß sie keine nationalen Angelegenheiten ansprechen. Die Frage ist, welches Publikum jene öffentlichen Gedanken zu hören bekommt – und wie öffentlich sie denn genau sind?
So leitet David Orr eine Besprechung mehrerer Gedichtbände in der Aprilausgabe der ehrwürdigen Zeitschrift Poetry ein.
Thomas Sayers Ellis’s Skin, Inc., Timothy Donnelly’s The Cloud Corporation, C.D. Wright’s One with Others, and Elenor Wilner’s Tourist in Hell.
Niemand von FB ist erreichbar!Wie kanni fragen,was die meinen?Mails+postings kommen“unzustellbar“retour:
BITTE sagens mir:welcher beitrag das ist,damiti NICHTMEHR gegen regeln verstosse!facebook wurd fuer meine kunst sehr wertvoll:Bitte mi googeln.WAS meinen sie?WOMIT verstossi gegen regeln?
Facebook verwarnt mi.Bitte sagt,womiti gegen FB-regeln verstiess?
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Weil seine Gedichte sowohl leicht als auch schwer zu lesen sind, weil sie ein bestehendes Gedichtverständnis verwerfen und ein neues postulieren. Ece Ayhan ist unter den Lyrikern der 1950er-Generation jener, der als Erster zu nennen ist, wenn es darum geht, sich und das Gelesene zu hinterfragen. Seine Lyrik weckt bei jedem Leser Befremden. (…)
Seine Gedichte erklären tatsächlich nichts. Sie deuten lediglich etwas an und ziehen sich wieder zurück, bevor sie es erklären. (…)
Neben einer Lyrik, die mit Leib und Seele und lebendig erzählt, lässt sich die gleichzeitige Existenz einer Lyrik, die das Gedicht als reine Kunst- und Dichtform begreift, nicht abstreiten. Wir können diese Form auch eine Art ‚intellektuelle Dichtung‘ nennen, die aber das Gefühl nicht völlig verneint. Jene, für die Lyrik in erster Linie Ausdruck des Lebendigen und des Gefühls ist, werden Ayhans Gedichte nicht als eine Bereicherung der türkischen Dichtkunst begreifen.
Aus: Doğan Hızlan, Vom Vernebeln und Verdecken (1968). In: Mark Kirchner (Hrsg.): Geschichte der türkischen Literatur in Dokumenten. Hintergründe und Materialien zur Türkischen Bibliothek. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag 2008, S. 154f. (Deutsch von Nayhan Özdemir)
Nazım Hikmet schreibt für sich und für den Leser. Ece Ayhan hingegen schreibt nur für sich und übernimmt keine missionarische Verantwortung für seine Gedichte, was in seiner Aussage ‚Ich werde nicht dienen‘ zum Ausdruck kommt.
Aus: Edip Cansever, Mit der Sprache spielen (1967). In Mark Kirchner, a.a.O. S. 152. (Deutsch von Nayhan Özdemir)
Ece Ayhan (1931-2002) wird neben İlhan Berk zur hermetischen Richtung der sogenannten „Zweiten Neuen“ gerechnet, die eine Gegenbewegung zum sozialistischen Realismus und zur Garip (der Ersten Neuen) war. Er selbst lehnte diese Bezeichnung ab und zog es vor, von „Ziviler Dichtung“ zu sprechen.
(Damit ist die lange Woche der türkischen Poesie 2011 beendet. Ich plane das Projekt fortzusetzen, vielleicht jeweils im April oder Mai mit einer Woche der xxx Poesie. Vielleicht auch mit „analogem“ Anteil, sprich einer Veranstaltung im Falladahaus. Vielleicht hat ja jemand Lust, mitzumachen. – 2012 gibt es, letztes „Vielleicht“, eine „Woche der altgriechischen Poesie“. –
Eigentlich wollte ich auch aus der Quelle des Logos schöpfen. Aber Möglichkeiten gibt es ja immer.)

Der Wein bedeutet nicht das alkoholische Getränk aus Trauben und die inbrünstige Liebe nicht Eros und Sex. Und doch, wären die Metaphern verständlich und wahrhaftig, wenn es nicht den wirklichen Wein und die wirkliche Liebe gäbe? Das gilt vom Hohen Lied der Bibel, das seine Metaphern von der ältesten individuellen Liebeslyrik borgt, der altägyptischen. Das gilt ebenso von islamischen und christlichen Mystikerinnen.
Zwei Episoden aus einer Biographie des Dichters Rumi, der im Jahr 1207 in Belkh im Lande Khorasan im heutigen Afghanistan geboren wurde und im Alter von 5 Jahren über Mekka nach Anatolien kam. Er starb 1273 im anatolischen Konya. Sein Grab wird jährlich von über einer Million Menschen besucht.
1
Als der Prophet Mohammed die Nähe Seines geliebten Wesens erreichte und Er die Bedeutung der Verse Allahs Subhan (der nicht Fehlerhafte) verstand und alles göttliche Geheimnis und Wahrheit vollständig begriff, bot man Ihm (fsmi*) zwei Gläser an und gebot ihm, eines auszuwählen. In einem war Wein und im anderen Milch. Der Prophet Mohammed (fsmi) wählte das Glas Milch. Er (fsmi) überließ das andere, das Glas Wein, dem hervorragendsten Gelehrten unter seinen Anhängern. (S. 80)
2
Rumi hatte einen geliebten Freund, Shams. Als der nach einer Trennung zurückkehrte, wurde Mawlana sehr glücklich. Die höchste Vereinigung streifte die Bande des brennenden Verlangens ab und wurde frei. Die Freunde begannen wieder in Abgeschiedenheit zu leben. Sie wurden zwei Seelen in einem einzigen Körper. In seinem berühmten Buch Mathnawi erzählt Mawlana die spirituelle Gemeinschaft, die ihn mit Shams verband, in folgenden Versen:
Jemand kommt und klopft an die Tür seines Geliebten.
Der Geliebte sagt: Wer klopft an die Tür?
Ich bins, antwortete der Liebende. Der Geliebte sagte: Geh! Komm nicht jetzt! Ein Tisch wie meiner kann nicht das Heiligtum eines spirituell Unreinen sein.
Der Mann ging, und ein Jahr lang brannte er wie eine Kerze in Sehnsucht nach seinem Geliebten. Nachdem er höhere Spiritualität erreicht hatte, kam er zurück und lief um das Haus seines Geliebten. Er fürchtete sich vor gemeinen Worten und klopfte ganz sanft an die Tür.
Wer ists? fragte der Geliebte.
Du hast mir mein Herz gestohlen, antwortete der Liebende.
Wenn du ich bist, komm herein, sagte sie**, in meinem Haus ist kein Platz für zwei.
/ Osman Behçet: Mawlana Jalal al-din Rumi. His Life and His Path. Konya 2007, S. 17f
*) fsmi: Friede sei mit ihm!
**) sic. Vielleicht sollte man „den Geliebten“ im ganzen Text feminin übersetzen. Im Persischen ist die Form nicht unterschieden. Aber in dieser Geschichte ist das wohl unwesentlich. Shams, der geliebte Partner Rumis, aber wurde 1247/48 offenbar von Neidern oder Eiferern ermordet.
Mehrmals, an diesem Nachmittag in Bussum, zitiert er eigene Gedichte, unendlich langsam, dunkel und genau. Eines, es heißt „Dawidy“, endet so: „Verwaist, was bleibt: als wäre er nie gewesen, mein Vater – / hieß Max, trug später den verordneten Namen Israel, / mit Würde. / Hat nicht viel erzählt, hab ihn zu wenig befragt. / Keine Spuren mehr im Rauchfang der Lüfte – / sprachloser Himmel . . .“
Hans Keilson hat wunderbare Gedichte geschrieben. Einige hat er immer wieder überarbeitet, hat sie um und um gedichtet. Die Gedichte über seinen Vater vor allem – ein Leben lang. Keilsons Werk ist nicht sehr umfangreich. Die Werkausgabe, die vor einiger Zeit erschien, umfasst tausend Seiten. / Volker Weidermann, FAZ
Im Alter von 101 Jahren hat Hans Keilson ein neues Buch veröffentlicht:
Hans Keilson: „Da steht mein Haus“. Erinnerungen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011, 130 S., geb.,16,95 Euro
In New York wurden die Gewinner der Pulitzerpreise bekanntgegeben. Nicht weniger als 13 verschiedene journalistische Sparten werden ausgezeichnet, während Literatur, Schauspiel und Musik zusammen mit ganzen 7 auskommen – drei davon an Geschichte, Biographie und „General Nonfiction“, also möglicherweise auch an Journalisten. (Rate mal, wer das so gedreht hat). Wie dem auch sei: Der Pulitzerpreis 2011 für Lyrik geht an
„The Best of It: New and Selected Poems“ by Kay Ryan (Grove Press)
Mehr (wenn auch nicht mehr als die jeweilige Nennung)
Mittwoch, 20. April 2011, 19:30 Uhr, Eintritt frei!
Lettrétage Methfesselstraße 23-25, 10965 Berlin
Telefon 030 692 45 38
Boris Schapiro im Gespräch mit HEL Toussaint
Die Gesprächs- und Lesereihe Überlandleitung präsentiert Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die sowohl persönlich als auch von ihren Texten her zwischen Sprachen schreiben und leben. Dabei soll aufgezeigt werden, wie Literatur fremde Sprache und Kultur näherbringen kann, ob und wie literarische Texte über die Sprachen, aus denen sie gemacht sind, hinausweisen.
Boris Schapiro, geboren in Moskau. Herausgeber und Publizist. Gedichte, Erzählungen und Übersetzung von Lyrik ins Russische und ins Deutsche. 2008 Puschkin Goldmedaille der Akademie für Russische Sprache und Literatur.
HEL Toussaint, geboren in Eupen. Mitherausgeber der Zeitschriften „Zirkular am Zeitstrand“ und „Zirkular“. 1994-2000 Organisator der Berliner Lesebühne „SchwarzlesereY“. Letzte Publikation Das süße Land (SuKuLTuR, 2009).
www.ueberlandleitung.wordpress.com
Die Reihe wird unterstützt vom Berliner Senat, dem Staat Luxemburg. Medienpartner ist die tageszeitung.
Die vielleicht ungewöhnlichste Neuerscheinung ist der Band PENG. Was muss man sich unter Tina Gintrowskis »Lyrikstories« vorstellen?
Andreas Heidtmann: Es gibt für mich immer wieder Bücher, deren radikaler Ansatz mich so überzeugt, dass für mich Buchmarkt und Kritikererwartungen keine Rolle spielt. Ein Gedichtband von David Lerner war das zum Beispiel oder eben Tina Gintrowskis »Lyrikstories«. Das sind bissig-böse, dabei aber spielerische Gedichte, die sich nicht einfach in die Lyriklandschaft einpassen lassen. Tina ist zwar Open-Mike-Preisträgerin, aber als Lyrikerin bislang nicht hervorgetreten. Da trifft es sich gut, dass sie erstmals auch im »Jahrbuch der Lyrik« zu finden ist. / Tubuk
Ich habe mich nie über Nelly Sachs und ihre Lyrik geäußert. Aber ich habe sie doch im Februar 1965 in Stockholm besucht. Von Freunden aus dem Goethe-Institut wurde ich gewarnt: Das Gespräch werde schwierig und nicht ergiebig sein. Denn ihr psychischer Zustand sei sehr bedenklich, ihre Zurechnungsfähigkeit stark eingeschränkt. Ich ließ mich nicht abschrecken. / Marcel Reich-Ranicki, FAS

Die türkische Literatur stand lange Zeit unter der Vorherrschaft der klassischen arabischen und persischen Muster. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts beginnen nach der Erfahrung der napoleonischen Ägyptenexpedition Reformbemühungen auf militärischem und politischem Gebiet. 1876 erzwingen die „Jungtürken“nach Studentenprotesten die Einführung einer Verfassung. In diesem Rahmen wird auch an einer Modernisierung und „Nationalisierung“ der türkischen Literatur gearbeitet. Die Frontlinien verliefen auch durch die Metrik. In seinem Buch „Die Grundlagen des Türkismus“ (Türkçülüğün Esasları, Ankara 1339 / 1923) beschreibt der Schriftsteller und Soziologe Ziya Gökalp den Kampf um das „nationale Versmaß“ unter Bezug auf die Kultur und Dichtung der „frühen Türken“ in Mittelasien. Ihre Statuen und Bauwerke brauchten den Vergleich mit Griechenland und dem Westen nicht zu scheuen. Später sei die türkische Kultur hinter der der europäischen Länder zurückgeblieben und bedürfe der „Veredelung“. Über die Metrik schreibt er:
„Das Versmaß der frühen Türken war silbenzählend. (…) Die tschagataiischen* und osmanischen** Dichter hingegen kopierten das Metrum der Perser. In Turkestan hat Nawai und in Anatolien Ahmet Paşa das quantitierende Versmaß eingeführt. In den Palästen maß man diesem einen hohen Wert bei, doch das Volk konnte mit diesem Versmaß nichts anfangen. Deshalb fuhren die Volksdichter fort, in der alten silbenzählenden Weise zu dichten. Dichter, die den mystischen Orden nahestanden, wie Ahmet Yesevi, Yunus Emre und Kayguzus oder Wanderbarden wie Aşık Ömer, Dertli oder Karacaoğlan behielten die silbenzählende Dichtung bei. Zu der Zeit, da sich die nationaltürkische Bewegung zu entwickeln begann, existierten beide metrischen Formen nebeneinander. Vermeintlich war die erste die Form der Gebildeten, die zweite die des gemeinen Volkes. Da das Türkentum der Zweigleisigkeit der Sprache ein Ende bereitet hat, kann man dieser Dualität in der Dichtung nicht mehr gleichgltig gegenüberstehen. Besonders weil die persischen grammatikalischen Strukturen und das metrische Versmaß untrennbar miteinander verbunden sind, musste man über diese beiden osmanischen Traditionen gleichermaßen entscheiden. Deshalb entschieden sich die Vertreter der national-türkischen Bewegung dazu, sowohl die persischen Strukturen als auch das quantitierende Versmaß aus unserer nationalen Literatur zu verbannen. Die unverfälschte türkische Sprache eignet sich nicht recht für das quantitierende Versmaß.“
Aus: Mark Kirchner (Hrsg.): Geschichte der türkischen Literatur in Dokumenten. Hintergründe und Materialien zur Türkischen Bibliothek. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag 2008, S. 40
Das osmanische Türkisch (auch Türkei-Türkisch, türk. Osmanlıca, Osmanlı Türkçesi, Eigenbezeichnung: تركچه / Türkçe und تركی / Türkî, ab der Tanzimat mit dem Aufkommen des Osmanismus لسان عثمانى / lisân-i Osmânî oder عثمانلیجه / Osmanlıca) war jene Ausprägung der türkischen Sprache, die für administrative und literarische Zwecke im Osmanischen Reich verwendet wurde. Osmanisch basiert auf dem Anatolischtürkischen (Oghusisch) und nahm gegen Ende des 15. Jahrhunderts in immer stärkerem Maß arabische und persische Elemente auf. Osmanisches Türkisch war Amts- und Literatursprache des Osmanischen Reichs und ist eine Varietät des Westoghusischen, die sich in Anatolien entwickelte, nachdem Anatolien ab dem 11. Jahrhundert von Türken (Oghusen) besiedelt war.
Praktisch betrachtet gab es (mindestens) drei Varianten der osmanischen Sprache:
Die jeweiligen Varianten wurden je nach sozialem Kontext ausgewählt: Ein Schreiber verwendete bei seiner Arbeit beispielsweise das arabische asel ( عسل ) für „Honig“; auf dem Markt fragte er aber mit dem türkischen bal ( بال ) danach.
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