66. Statistik

Apropos Zahlen – brandneu kommen diese an:

3sat.online 3satText

 3satText  14.04.11 20:34:47    S.505-1
                       Kultur
                       Nachrichten

 Dichter-Anzahl: Deutschland führt

 Deutschland ist, wie EU-Statistiker
 herausgefunden haben, immer noch ein
 Land der Dichter und Denker. Rund
 330.000 Schriftsteller und Künstler
 arbeiten in der Bundesrepublik, so
 viele wie in keinem anderen europäi-
 schen Land. Großbritannien kann 200.000
 Kulturschaffende vorweisen, Frankreich
 180.000 und Italien 120.000.

 Betrachtet man allerdings nicht die ab-
 soluten Zahlen, sondern die Künstler-
 dichte, sind in Deutschland 0,8 % aller
 Beschäftigten als Schriftsteller und
 Künstler tätig. In Schweden und Finn-
 land liegt ihr Anteil dagegen bei 1,5%.

   500 <-         Ausstellungen -> 515

65. Wie findet Lyrik heute eine Öffentlichkeit? TeaTimeLesungen und Gespräche

Sonntag, 17.4., 17.30 Uhr

„Gedichte sind kein Luxus, sie gehören zu unserem Existenzminimum“, schreibt Elisabeth Borchers. Sie ist fest davon überzeugt, dass Lyrik unverzichtbar ist, doch im letzten Jahr erschienen nur etwa 15 Lyrikdebüts*) im deutschsprachigen Raum, ein verschwindend geringer Anteil im Vergleich zu der stetig wachsenden Menge an Prosaliteratur.

„Wie findet Lyrik heute eine Öffentlichkeit?“ – ist Thema einer TeaTimelesung am Sonntag, 17.04., 17.30 Uhr, Literaturhaus, Schwanenwik 38

Idee, Konzeption, Moderation: Charlotte Ueckert .

Lesungen und Gespräche mit:

Autorin Nadja Küchenmeister zu ihrem vielversprechenden Debüt „Alle Lichter“ (Schöffling & Co.). Simone Kornappel und Philipp Günzel präsentieren ihr neues Literaturmagazin „randnummer“ und Julietta Fix informiert über ihr  Onlinemagazin  FIXPOETRY.COM und ihren neuen gleichnamigen Verlag.

Karten unter: Tel. 227 92 03 oder 207 69 037 oder Mailto: lit@lit-hamburg.de

Literaturzentrum Hamburg
Schwanenwik 38
22087 Hamburg
Internet: www.lit-hamburg.de

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*) nur 15 Debüts? Woher kommt diese Zahl? Glaub ich nie und nimmer. Was zählt man da mit? Wie wird das „ermittelt“? Hier meine Bitte und mein Aufruf an &Poe-Leser: Helfen Sie mir, eine etwas genauere Zahl von Lyrikdebüts 2010 und auch gleich 2011 zu ermitteln! Schreiben Sie mir per Mail oder hier im Kommentar einschlägige Titel, von denen Sie Kenntnis haben! Auch wenn Sie die Autorin oder der Autor oder Verleger sind! Ich stelle aus den Daten zusammen mit meinen eigenen Informationen eine Debütantentafel 2010 und 2011 zusammen. Bitte möglichst exakte Angaben, also wenn möglich inclusive Seitenzahl, Preis und wenn vorhanden ISBN-Nummer. Lassen Sie uns gemeinsam ein Stück Literaturbetrieb ein wenig aufklären!

64. Einsiedler-Existenzen

Gemeinsam mit seinen Mitstreitern Hans Arp, Richard Huelsen­beck, Marcel Janco und Tristan Tzara machte sich Ball allen Ernstes daran, mit seinen dadaistischen Aufführungen ein – wie er schrieb – „Gegenspiel zum Bolsche­wismus“ in Szene zu setzen. Alle literarischen Traditionen wurden auf den Prüfstand gestellt, die Grammatik sollte zersprengt, die Syntax aufgelöst, die poetische Ordnung auf den Kopf gestellt werden. Aber schon im Sommer 1916 distanzierte sich Ball von diesem turbulenten Treiben und erklärte den Expressionismus, den Dadaismus „und andere Mismen“ zur „schlimmsten Bourgeoisie“: „Das ›Cabaret Voltaire‹“, so polemisierte nun der Avantgardist auch gegen sich selbst, „ist nichts­nutzig, schlecht, dekadent, militaristisch, was weiss ich, was noch. Ich möchte so was nicht mehr machen.“ Bärbel Reetz zeigt in ihrem Almanach-Beitrag, dass Hugo Ball trotz seiner Abwendung vom „Cabaret Voltaire“ einigen seiner Freunde treu blieb, insbesondere Hans Arp, mit dem er später immer wieder im Tessin und in Italien zusammen traf, um mit ihm gemeinsam, wie es in einem Brief von Hans Arp heißt, „das gelobte Land des Schöpferischen zurückzugewinnen“. …

Von einigen freischwebenden Intelligenzen, die dereinst mit marxistischen Überzeugungen angetreten waren, später dann als Ketzer verfolgt wurden, berichtet auch das aktuelle März/April-Heft der Literaturzeitschrift „Sinn und Form“. Ein hier erstmals edierter Briefwechsel zwischen dem experimentellen Sprachkünstler und Grafiker Carlfriedrich Claus und dem Philosophen Ernst Bloch dokumentiert die Einsamkeit zweier undogmatischer Marxisten, die in der DDR ins Abseits gerieten, aber stets an einem Begriff der Utopie festhielten. Wie Hugo Ball führte auch Carlfriedrich Claus eine Einsiedler-Existenz, er lebte in selbstgewählter Klausur und großer Armut in Annaberg im Erzgebirge. Die Ernst Bloch-Lektüre wurde für den Mikroschriftbilder-Komponisten Claus zu einer Offenbarung, er schreibt in einem Brief von den „Stille-Punkten im Noch-Nicht-Gewordenen der Natur“, zu denen ihn die Bloch-Lektüre führte. / Michael Braun, Zeitschriftenlese im Poetenladen

Hugo Ball-Almanach. Neue Folge 2, 2011
Levelingstr. 6a, 81673 München. 216 Seiten, 16 Euro.

Sinn und Form 2/2011
Postfach 210250, 10502 Berlin. 160 Seiten, 9 Euro.

63. Gedicht

Von Thomas Kunst, Leipzig

 

ES SIND DIE LETZTEN SCHÖNEN TAGE HIER
Auf dieser Welt, ich weiß, was nötig wäre,
Mit einem Ascher, einer Gartenschere
Zertrümmer ich den Tisch mit Schalentier.

Wir hören Gieseking und warten lange,
Daß von den Ratten endlich Zeichen kommen
Und sie sich warnen, uns mal ausgenommen,
Bewegung mit Geruch in vollem Gange.

Gedächtnistraining ohne Instrument,
Die Einbeziehung des gesamten Arms,
Gaspard de la nuit in Zattere.

Das Licht, das uns von Heilgetränken trennt,
Die Fügeladern des Insektenschwarms,
Baronia brevicornis, flattere

 

(für Gaston Salvatore)

 

Neu: Thomas Kunst,  „Legende vom Abholen“, Gedichte. Edition Rugerup / Nimrod Förlag AB. ISBN: 978-3-942955-02-7. € 14.90 (tolles Buch – in die Hand nehmen! Lesen!)

Auch schön: Aloysius Bertrand: Gaspard de la Nuit – Phantasien in der Manier Callots und Rembrandts. Aus dem Französischen übertragen von Jürgen Buchmann mit einem Nachwort des Übersetzers. 150 Seiten. ISBN: 978-3-9813470-9-8. 11,90 Euro


62. Deutschland brauchte den Mythos Luise Rinser

Was Sie über Luise Rinsers Rolle während der NS-Herrschaft herausgefunden haben, ist nicht schön…

Sánchez de Murillo: «Nein! Es gibt unbestreitbare Tatsachen, über die man sich empören muss. Ihre Hitler verehrenden Gedichte sind ja schon früher bekanntgeworden. Aber das ist nur ein Bruchteil. Die Biografie deckt darüber hinaus Unbekanntes oder kaum Beachtetes auf. Als Junglehrerin hat sie ihren eigenen Schuldirektor, einen Juden, denunziert. Dadurch konnte sie sich profilieren und machte Karriere im Nazi-Staat. Sie wurde Ausbilderin beim Bund Deutscher Mädel, sie hat also Hitler-Jugend-Gruppenführerinnen ausgebildet. In der Biografie wird sie darum schweren Herzens, aber wahrheitsgemäß Nazi-Pädagogin genannt. Sie hat für die UFA gearbeitet, ein Drehbuch geschrieben. Das alles ist natürlich nicht schön. Und ich denke an die vielen Menschen, die sie verehrt haben und nun enttäuscht werden.»

Luise Rinser hat ja an ihrem eigenen Mythos auch stark mitgearbeitet…

Sánchez de Murillo: «Und da muss man sich fragen: Warum? Der Grund ist, dass sie in die Rolle der Nationalheldin hineingezwungen wurde – gleich nach dem Krieg. Die Deutschen und wir alle haben sie gezwungen, das Vorbild, das sie nicht war, zu spielen. Und dann schlugen die Grünen sie auch noch als Bundespräsidentin vor – wie sollte sie da zugeben, dass sie nicht diejenige war, für die alle sie gehalten haben? Deutschland brauchte den Mythos Luise Rinser, um nach der schlimmen Zeit vor sich selbst bestehen zu können. (…)» / news.de

 

61. Gyrðir Elíasson erhält Nordischen Literaturpreis

Der isländische Autor Gyrðir Elíasson wird mit dem Nordischen Literaturpreis geehrt. Der Preis gilt als die wichtigste literarische Auszeichnung Nordeuropas und ist mit 47.000 Euro dotiert. Elíasson hat zahlreiche Romane, Kurzgeschichten und Gedichte veröffentlicht. / news.de

 

60. Achmatowa-Oper

Dichteropern sind bei Komponisten beliebt. Erfunden wurde diese Gattung vermutlich von Umberto Giordano (‚Andrea Chenier‘), aufgeblüht aber ist sie erst in den letzten Jahren. So hat sich Matthias Pintscher Rimbaud vorgenommen, Peter Ruzicka Celan und Hölderlin, und jetzt ist an der Pariser Opéra mit Anna Achmatowa die berühmteste Dichterin Russlands dran, vertont von dem 1974 geborenen Bruno Mantovani. / REINHARD BREMBECK, Süddeutsche Zeitung 5.4.

 

59. Meine Anthologie: Wispeliaden (Güldne Ärse)

Mörike ist auch nicht ohne. Nicht nur im lyrischen Fach.

Avertissement

 

Von dem Anteil, welchen die vorgerückten Geschöpfe meiner Muse bei dem Publikum finden, wird es abhängen, ob eine Nachgeburt folgen soll oder nicht. Dieselbe würde u. A. nachstehende Stücke enthalten:

 

1. An den Krammets-Vogel. (Würde, in flakkischer Weise, etwa anfangen: »Du, Philomelens glücklichster Sang-Rival«. &c.)

2. An die katholische Religion (Petrinism) Im von Hardenberg’schen Styl.

3. Bei Confirmation meines Neveus (unehelichen Zwitters meines Bruders) mel: Die Kröte, die &c.

4. Meine Ähnlichkeit mit v. Matthisson. Kritisches Poëm.

5. Umarbeitung des v. Schillerschen: »Laurette am Flügel«. (Ich beginne: »Wenn dein Finger durch den Stahl-Darm geistert«)

6. An Nane Z. Als sie einen angeschriebenen Gänserich von mir wünschte. (»Die Feder, die den Sträfling schrieb«)

7. Bei Betrachtung des Glanz-Gaifers der Gartenschnecke (cochl. hort. Lin.) Didaktisches Gedicht.

8. Sonett. Unter heftigen Schmerzen, als ich in einem Gehölze bei Zwerenberg lag und zu sterben meinte. (Der Verf. ist mit einem – medicinisch übrigens vielleicht interessanten – Nabelbruch behaftet.)

9. Das Beuteltier. (Dem HE. Grafen v. Skrzynecki zugebaichnet.)

 

Hier aber keins der avisierten, sondern ein 10tes:

Sarkasme

An v. Göthe

Du hast mich keiner AntiWort gewürdigt,
Wohl weil mein Geist sich kühn dir ebenbürtigt?
Deßwegen, Sprödling! willt du mir mißgönnen
ooDich Freund zu nennen?

Ha! Eitler Stolz! Man sah dich von der scharfen
Kritik Bustkuchens schon vorlängst entlarven;
Da zeigte sichs, daß alle deine Verse
00Nur güldne Ärse!

Aus: Wispel. Eduard Mörikes Wispeliaden. Zusammengestellt und mit enem Nachwort versehen von Friederike Roth. Bei der Friedenauer Presse Berlin 1994, S. 32 (Avertissement) und 26 (Sarkasme)

58. David Ferry Awarded 2011 Ruth Lilly Poetry Prize

Award recognizes lifetime accomplishment with $100,000 prize

CHICAGO — The Poetry Foundation is pleased to announce that poet David Ferry has won the 2011 Ruth Lilly Poetry Prize.

Presented annually to a living US poet whose lifetime accomplishments warrant extraordinary recognition, the Ruth Lilly Poetry Prize is one of the most prestigious awards given to American poets. At $100,000, it is also one of the nation’s largest literary prizes. Established in 1986, the prize is sponsored and administered by the Poetry Foundation, publisher of Poetrymagazine. The prize will be presented at the Pegasus Awards ceremony at the Arts Club of Chicago on Wednesday, May 11; the next Children’s Poet Laureate will also be announced at the ceremony.

In making the announcement, Christian Wiman, editor of Poetrymagazine, noted the quiet power in Ferry’s verse.

“David Ferry is probably best known as a translator—and his achievements in that regard are extraordinary—but I think in the end it will be his poems that last,” said Wiman. “In a time when most poetry relies on intense surface energy, Ferry’s effects are muted and subterranean—but then, in their cumulative effect, seismic. For 50 years he has practiced poetry as if it truly matters to our lives and to our souls—and now his poems have that rare power to wake us up to both.”

Ferry has authored, edited, or translated more than a dozen books. His collections of poetry and translations include On the Way to the Island (1960); A Letter, and Some Photographs (1981);Strangers: A Book of Poems (1984); Gilgamesh: A New Rendering in English Verse (1992), a finalist for the National Book Critics’ Circle Award; Dwelling Places: Poems and Translations (1993); and Of No Country I Know: New and Selected Poems and Translations (1999). Bewilderment: New Poems and Translationswill be published in fall 2012.

The emeritus Sophie Chantal Hart Professor of English at Wellesley College, Ferry is currently serving as a visiting lecturer in the Graduate Creative Writing Program at Boston University and is a distinguished visiting scholar at Suffolk University. Over the course of his long career Ferry has received many awards and fellowships, including a John Simon Guggenheim Fellowship, the Lenore Marshall Poetry Prize from the Academy of American Poets, the Rebekah Johnson Bobbitt National Prize for Poetry from the Library of Congress, and an Academy Award for Literature from the American Academy of Arts and Letters. He lives in Brookline, Massachusetts.

“Now in its 26th year, the Lilly Prize celebrates at once our finest living poets and Ruth Lilly, poetry’s greatest benefactor,” said Poetry Foundation president John Barr. “This year’s winner, David Ferry, continues that grand tradition.”

Previous recipients of the Ruth Lilly Poetry Prize are Adrienne Rich, Philip Levine, Anthony Hecht, Mona Van Duyn, Hayden Carruth, David Wagoner, John Ashbery, Charles Wright, Donald Hall, A.R. Ammons, Gerald Stern, William Matthews, W.S. Merwin, Maxine Kumin, Carl Dennis, Yusef Komunyakaa, Lisel Mueller, Linda Pastan, Kay Ryan, C.K. Williams, Richard Wilbur, Lucille Clifton, Gary Snyder, Fanny Howe, and Eleanor Ross Taylor.

 

 

 

About the Ruth Lilly Poetry Prize
American poetry has no greater friend than Ruth Lilly. Over many years and in many ways, it has been blessed by her personal generosity. In 1985 she endowed the Ruth Lilly Professorship in Poetry at Indiana University. In 1989 she created Ruth Lilly Poetry Fellowships, for $15,000 each, given annually by the Poetry Foundation to undergraduate or graduate students selected through a national competition. In 2002 her lifetime engagement with poetry culminated in a magnificent bequest that will enable the Poetry Foundation to promote, in perpetuity, a vigorous presence for poetry in our culture.

About the Poetry Foundation
The Poetry Foundation, publisher of Poetry magazine, is an independent literary organization committed to a vigorous presence for poetry in our culture. It exists to discover and celebrate the best poetry and to place it before the largest possible audience. The Poetry Foundation seeks to be a leader in shaping a receptive climate for poetry by developing new audiences, creating new avenues for delivery, and encouraging new kinds of poetry through innovative literary prizes and programs. For more information, please visit www.poetryfoundation.org.

57. Zeit lyrikt

munter weiter:

Frühlingsgedichtequiz!

(Und nicht vergessen: DONNERSTAG ist LYRIKTAG)!

56. American Life in Poetry: Column 316

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

I’ve mentioned before how much I like poems that take the time to carefully observe people at work. Here David St. John, who lives in California, gives us a snapshot of workers protecting an orchard.

Peach Fires

Out in the orchards the dogs stood

Almost frozen in the bleak spring night
& Mister dragged out into the rows
Between his peach trees the old dry limbs

Building at regular intervals careful pyres
While the teeth of the dogs chattered & snapped
& the ice began to hang long as whiskers

From the globes along the branches
& at his signal we set the piles of branches ablaze
Tending each carefully so as not to scorch

The trees as we steadily fed those flames
Just enough to send a rippling glow along
Those acres of orchard where that body—

Sister Winter—had been held so wisely to the fire

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2002 by David St. John, whose most recent book of poetry is The Face: A Novella in Verse, Harper Collins, 2004. Poem reprinted from The Place That Inhabits Us, Sixteen Rivers Press, 2010, by permission of David St. John and the publishers. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

55. Giersch-Welt, Katzen-Welt

Auf ihrer Lesetour zum Preis der Literaturhäuser war sie gerade in Leipzig, Salzburg, Graz und Hamburg. Am Freitag liest sie in Berlin. Für jede der elf Städte hat sie ein anderes Konzept. In Rostock will sie mit politischen Gedichten beginnen und betont, dass sie viel „Außenwelt“ beim Schreiben brauche. „Es ist sogar besser, wenn ich nicht im Zimmer bin. Dann habe ich Unterstützung vom Licht, von den Bäumen, von der Rasenkante. Wenn ich im Zimmer bin, denke ich ständig an die Außenwelt. Das ist aber die soziale Außenwelt. Die bleibt doch im Ich, weil ich es geschrieben habe. Deshalb sage ich auch: Das Lyrik-Ich ist ein politisches Ich.“ …

Temperamentvoll funkeln ihre Augen: Sie will nicht gelten lassen, dass die Schriftsteller vom Prenzlauer Berg im Elfenbeinturm geschrieben hätten – weder sie noch Adolf Endler, mit dem sie von 1968 bis 1978 verheiratet war, noch sonst einer. „Wo waren denn die, die aus den Stalinschen Prozessen zurückkamen? Waren die etwa in Sturm und Wetter? Die waren doch selber borniert und verknöchert und immer verrannt in ihre idiotischen Konkurrenzkämpfe!“

Sie selbst hat in der Konfrontation mit den Dogmatikern bittere Erfahrungen gesammelt – bis hin zu Hermann Kants Versuch, sie aus dem Schriftstellerverband der DDR auszuschließen. Ihr Sommerhaus im sorbischen Wuischke war für sie immer eine Gegenwelt: „Pappelschwärmer-Welt, Giersch-Welt, Katzen-Welt“. Aber auch die auf den Feldern schuftenden Opas gehen ihr nicht aus dem Sinn: „Ackerrackerer“. /  Dorothea von Törne, Tagesspiegel

Elke Erb liest am 15. April um 20 Uhr im Berliner Literaturhaus, anlässlich der Verleihung des Preises der Literaturhäuser 2011. Die Laudatio hält Uwe Kolbe. Erbs Buch „Meins“ und die Hommage „Deins“ sind zu beziehen über www.roughbooks.de

 

54. Logopœia

(Artikel aus Lyrikwiki Labor)

Logopœia ist ein von Ezra Pound eingeführter Begriff zur Beschreibung von Komponenten oder Arten poetischer Sprache. Er bezieht sich auf die poetische Funktion der Wortbedeutung im Unterschied von Phänopœia (Bildlichkeit) und Melopœia (Musikalität).

1917 prägte Pound das Wort in einer Besprechung der Gedichte der Avantgardepoetin Mina Loy als „Tanz des Intellekts zwischen Wörtern und Ideen“. In einem Text in der New York Herald Tribune vom 20. Januar 1929, den er 1931 in den Band „How to read“ aufnahm, präzisierte er:

„… und wenn wir ansehen, was zur Zeit passiert zum Beispiel in der Lyrik, so finden wir, daß die Sprache auf unterschiedliche Weise aufgeladen wird. Das heißt, es gibt drei ‚Arten der Poesie'“.

Über Logopœia sagt er dort: „‚der Tanz des Intellekts unter den Wörtern‘, das heißt, sie gebraucht die Wörter nicht nur in ihrer direkten Bedeutung, sondern sie berücksichtigt in besonderer Weise Gewohnheiten ihres Gebrauchs, die Umgebung, in der wir das Wort erwarten, seine üblichen Begleiter, die bekannten Inhalte und das Spiel der Ironie. Sie birgt den ästhetischen Inhalt, der das ureigene Reich der verbalen Äußerung ist und nicht in Plastik oder Musik transportiert werden kann. Sie ist das zuletzt aufgetretene und vielleicht das heikelste und unzuverlässigste Verfahren. (…)

Logopœia kann nicht übersetzt werden, wohl aber kann die Geisteshaltung, die sie ausdrückt, durch Paraphrasierung vermittelt werden.“

Die deutsche Rezeption beginnt mit Rainer M. Gerhardt, der 1953 zwei Pound-Übersetzungen herausgab: „das testament des confucius“ und „wie lesen“, beides Karlsruhe, schriftenreihe der fragmente. Bereits am 25.3. 1952 wurde im Hessischen Rundfunk sein Feature „Die Pisaner Gesänge“ gesendet, das die Passagen aus „How to read“ enthielt.

1996 verwies der Schriftsteller Wolfgang Dietrich nachdrücklich auf Pound und „How to read“ als Heilmittel gegen eine vorherrschende „entmündigende“ Literatur (Zwischen den Zeilen Nr. 9) und nannte dort ausdrücklich die drei „Arten von Dichtung“.
Literaturangaben

  • Ezra Pound, “Marianne Moore and Mina Loy,” review of Others [1917], Little Review, March 1918; auch in Ezra Pound, Selected Prose 1909-1965 (New York: New Directions, 1973),p. 424.
  • How to Read. London: Desmond Harmsworth, 1931 (Essays).
  • ABC of Reading. Routledge, London: Yale University Press, 1934 (Essays) (Deutsch: ABC des Lesens. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1957 u. öfter).
  • „motz el son“ – Wort und Weise – (Didaktik der Dichtung), von Ezra Pound, ausgewählt und deutsch von Eva Hesse, Suhrkamp Vlg 1971 (Lizenzausg. Arche Vlg. Zürich 1957) (BS. 279).
  • Literary Essays of Ezra Pound. New York: New Directions, 1968.
  • Ezra Pound. Lesebuch. Dichtung und Prosa. München: dtv, 1987 (vorher Arche, Zürich, 1985; 1997 bei Suhrkamp).
  • Rainer Maria Gerhardt: Umkreisung. Das Gesamtwerk. Göttingen: Wallstein 2007.

53. Meine Anthologie: Frankreichs Beispiel

Frankreich hat uns ein Beyspiel gegeben nicht daß wir es wünschten
ooooNachzuahmen. Allein merkt und beherzigt es wohl!

Goethe: Venezianische Epigramme

Erstdruck in Musen-Almanach auf das Jahr 1796 (auf Seite 237; übrigens mit 3 Kommas, die also wohl vom Herausgeber Schiller stammen mögen). Übrigens erschienen die Epigramme im Almanach ohne Verfasserangabe nur unter dem Titel „Epigramme. Venedig 1790“, während alle anderen Beiträge den Namen des Verfassers aufweisen, darunter auch Gedichte Goethes.

Die Almanach-Seite bei Wikimedia

Übrigens eine merkwürdige Parallele oder auch Opposition zum künftigen Südwest-Landesvater Kretschmann, der im WamS-Interview sagt:

Welt am Sonntag: Zurück zu deiner politischen Philosophie: Haben die Deutschen von heute ein Talent zur Freiheit?

Winfried Kretschmann: Sie haben es. Sie haben es allmählich entwickelt. Und zwar weniger im Sinne der Französischen Revolution, das musste ihnen beigebogen werden, als vielmehr in der alten Tradition der deutschen Gemeindefreiheit. Ich finde es sehr ermutigend, dass diese Tradition heute wieder Aufschwung zu nehmen scheint.

 

52. Bürgerlied

Welt am Sonntag: Ich werde den Verdacht nicht los, dass etliche Grünen-Anhänger ein weniger ausgewogenes Modernitätskonzept haben. Auf dem Weg sah ich im Eckensee, der zwischen Landtag und Staatstheater liegt, zwei junge Männer im flachen Wasser stehen, die ein Transparent mit folgender Aufschrift hochhielten: „Wenn Bauen zerstört, ist was verkehrt.“ Da soll doch alles bleiben, wie es ist.

Winfried Kretschmann: Das ist ein schöner Satz fürs Transparent, nicht für die wirkliche Welt. Bauen zerstört immer etwas. Wenn wir alles stets stehen lassen und das Neue dazubauen, dann bauen wir die Welt wirklich zu. Man muss Bewährtes erhalten, man muss aber auch neues schaffen.

Im „Bürgerlied“ aus der badischen Revolution von 1848 ist das sehr schön formuliert: „Aber ob wir Neues bauen, / Oder Altes nur verdauen, / Wie das Gras verdaut die Kuh; / Ob wir in der Welt was schaffen, / Oder nur die Welt begaffen.“ Wir erfinden immer wieder Neues hinzu, das dann in hundert Jahren das Bewährte ist. Anders ist die Welt nicht zu denken.

(Auch schön dieser Einstieg im Gespräch der „Welt am Sonntag“ mit dem vielleicht bald ersten grünen Ministerpräsidenten:

Welt am Sonntag: Vor 25 Jahren haben wir beide eine völlig minoritäre Strömung der Grünen gegründet, die „Ökolibertären“.)