Literarischer Komödienstadl oder ein Biotop bayerischer Schriftstellerei? Bei den Münchner Turmschreibern finden sich ganz unterschiedliche Autoren. Wolfgang Görl berichtet in der SZ vom 19.4.:
In den ersten Jahren waren die Turmschreiber ein kleiner privater Kreis, dessen Mitglieder mehr oder weniger im eigenen Saft schmorten. Das änderte sich spätestens Ende der Siebziger, als der Bühnenmensch Kurt Wilhelm die Regie übernahm. Wilhelm sorgte dafür, dass seine Schreiberlinge vom Turm hinabstiegen und ihre Werke vor größerem Publikum lasen, im Künstlerhaus und vor allem in der Kleinen Komödie. Zum Star der Dichtertruppe avancierte in der Folgezeit der Pädagogikprofessor Helmut Zöpfl. Der dichtende Wissenschaftler schreibt vorzugsweise in bayerischer Mundart, auch Reime und ein regelmäßiges Versmaß setzt er gerne ein, um seinen Gedichten eine traditionelle Form zu geben: ‚Jeda nennt’s,/koana kennt’s/’s Glück.(…) Oiwei ziagt/und verfliagt/’s Glück.‘ Lebensweisheiten wie diese finden sich häufig in Zöpfls Lyrik. Vor allem bei einem konservativ gestimmten Publikum kamen diese Gedichte hervorragend an. Wenn Zöpfl oder sein Dichterkollege Franz Ringseis – hinter dem Pseudonym verbirgt sich der 1997 gestorbene Philosophieprofessor Anton Neuhäusler – ihre Werke lasen, war die Bude voll.
Den Turmschreibern brachte die so gewonnene Popularität nicht nur Ruhm ein, sondern auch den Ruf, sich am literarisch Geschmack eines dörflichen Pfarrfamilienabends zu orientieren. So jedenfalls sahen es ihre Kritiker, die, sofern sie selber schrieben, sich dem Kreis um den eigenwilligen Verleger Friedl Brehm anschlossen. Brehm, der 1983 starb, war ein ewiger Rebell, dem es ein Gräuel gewesen wäre, im Lodenanzug zu stecken, und der stattdessen in Jeans, offenem Hemd und mit einem großen Peace-Zeichen über der blanken Brust herumlief. Seine Autoren dichteten im Geiste eines aufmüpfigen Bayerntums, schräge, sperrige Verse waren das, und ihr Lebensgefühl glich dem eines Wilderers im geordneten bayerischen Staatsforst.
Kaum etwas war ihnen verächtlicher als die Turmschreiber, allen voran Helmut Zöpfl, den sie als Hofdichter der CSU betrachteten. Wenn der Friedl-Brehm-Autor Helmut Eckl in den Münchner Kleinkunstbühnen auftrat, lief das selten ohne den viel belachten Spruch ‚Der Zöpfl is a Zipfl‘ ab. Zöpfl selbst wehrt sich vehement dagegen, in die Ecke ‚bayerntümelnder Deppen‘ (Zöpfl) gestellt zu werden. Er sieht sich durchaus als kritischen Dichter, der immer versucht habe, ‚ein bisserl reinzuhauen, wenn mir etwas stinkt‘. Nur mache er es eben nicht so hart wie andere. ‚Meine Botschaften sind ganz einfach: anderen helfen, Nächstenliebe, gegen Bürokratisierung.‘ Vielleicht kann man es so formulieren: Zöpfl beklagt in seinen Gedichten die Verwerfungen der Moderne aus der Perspektive des katholisch geprägten, in der altbairischen Tradition verwurzelten Mannes.
Egal, ob man ihn als oppositionellen Dichter oder hausbackenen Bavarica-Autor betrachtet – Platz wäre für beides bei den Turmschreibern. Aber Zöpfl ist nicht mehr dabei. Sie haben ihn rausgeworfen, gut ein Jahr ist das her. Herbert Burger und Herbert Rosendorfer haben die Turmschreiber daraufhin freiwillig verlassen – aus Protest gegen den Rausschmiss Zöpfls. Dieser hat inzwischen eine Turmschreiber GmbH gegründet. ‚Die ist alles andere als eine Konkurrenz. Ich wollte sie nur ärgern.‘
Jooß und Göttler sind auch so verärgert genug. Sie werfen ihrem einstigen Turmschreiber-Kollegen diverse Verfehlungen vor, am schwersten aber dürfte die Anschuldigung wiegen, er habe hinterrücks Kollegen schlecht gemacht und gegen sie intrigiert. Einer derjenigen, die sich von Zöpfl diffamiert fühlen, ist der Lyriker Anton G. Leitner, der seit Herbst 2009 zum Kreis der Turmschreiber gehört. Leitner, Jahrgang 1961, ist unter anderem Herausgeber der Zeitschrift Das Gedicht, er verfügt in der literarischen Szene über einen durchaus guten Ruf, auch oder gerade weil seine Gedichte nicht ganz so leicht zugänglich sind: ‚Müdigkeit/zwischen den/Beinen ist ein/Himbeereis/vom Italiener/um die Ecke‘ – so beginnt beispielsweise sein Gedicht ‚Isarsommer‘. Wer den Satz getreu dem Wortsinn liest, wird nicht so recht schlau daraus. Aber da ist ja noch der Klang der Worte, das sind die Assoziationen, die sie wecken. ‚Müdigkeit‘, ‚Himbeereis‘, ‚Italiener‘ – gewiss gibt es Leser, die da die Sommerhitze am Flaucher spüren. Zöpfl jedoch kann mit Leitners Lyrik rein gar nichts anfangen. ‚Ich verstehe seine Gedichte nicht‘, sagt er. Genau das habe er einmal seinem Freund Hans Zehetmair, dem ehemaligen bayerischen Kunstminister gesagt, das Gespräch sei belauscht worden, ‚und seitdem führt der Leitner gegen mich einen Kreuzzug‘.
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
I love poems that take pains to observe people at their tasks, and here’s a fine one by Christopher Todd Matthews, who lives in Virginia.
Window Washer
One hand slops suds on, one
hustles them down like a blind.
Brusque noon glare, filtered thus,
loosens and glows. For five or
six minutes he owns the place,
dismal coffee bar, and us, its
huddled underemployed. A blade,
black line against the topmost glass,
begins, slices off the outer lather,
flings it away, works inward,
corrals the frothy middle, and carves,
with quick cuts, the stuff down,
not looking for anything, beneath
or inside. Homes to the last,
cleans its edges, grooms it for
the end, then shaves it off
and flings it away. Which is
splendid, and merciless. And all
in the wrist. Then, he looks at us.
We makers of filth, we splashers
and spitters. We sitters and watchers.
Who like to see him work.
Who love it when he leaves
and gives it back: our grim hideout,
half spoiled by clarity.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2010 by Christopher Todd Matthews, and reprinted from “Field,” No. 82, 2010, by permission of Christopher Todd Matthews and the publisher. Introduction copyright 2011 by The Poetry Foundation. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Zum siebten Mal veranstalten Caroline von Bismarck und Eliah Sakakushev ein Internationales Kammermusikfestival im Schloss Wonfurt. Unter dem Titel „Jüdische Feste und Weisen“ präsentiert das Paar vom 23. Juni bis 3. Juli sephardische Musik und Lyrik des Mittelalters, hochkarätige Kammermusik des frühen 20. Jahrhunderts, Prosa und Dichtung jüdischer Autorinnen, Lieder des fränkischen Komponisten Jakob Schönberg und Klezmermusik. …
„Der Schwerpunkt liegt auf der Neuentdeckung der Tradition des spanischen (sephardischen) Judentums mit seinen geheimnisvollen Klängen eines goldenen Zeitalters“, so von Bismarck. „Dessen Musik und ihre modernen Interpreten, regionale Komponisten und Stars der klassischen Kammermusik werden in einem einzigartigen Rahmen vorgestellt.“ Die Schirmherrschaft hat Josef Schuster (Würzburg), Vizepräsident des Zentralrates der Juden Deutschlands, übernommen. Die Musik der Juden, schreibt Schuster in seinem Grußwort, sei im Mittelalter in Spanien, dem Sfarad, und dort in Andalusien entstanden. Nach der blutigen Vertreibung der Juden nahmen diese ihre Lieder, in Ladino gesungen, nach Nordafrika, Griechenland und in die Türkei mit.
Das „Jiddische“ wiederum, das die aus Deutschland stammenden Juden sprachen und sangen, sei mit den fliehenden Juden nach Polen und Russland gelangt. So bilde das Festival „Jüdische Feste und Weisen“ das Leben der Juden in vielfältiger Weise ab. / Mainpost
Neben einigen wunderbaren Liedeinlagen in seinen Symphonien ist Mahler vor allem mit seinen Liederzyklen nach Gedichten aus Arnim und Brentanos „Des Knaben Wunderhorn“ berühmt und beliebt geworden. Der Zyklus der „Lieder eines fahrenden Gesellen“ sagt natürlich schon in seinem Titel, dass auch er seinen Ursprung in tief romantisch-neuromantischen Gefühlen und Emotionen hat. Vollends in seinen Liedern nach Gedichten des Dichters Friedrich Rückert kommt neben der volksliedhaften Unbekümmertheit und allem Liebesleid und -schmerz die tiefe Schwermut und Melancholie zum Tragen, die Mahlers Leben so faszinierend macht. Vor allem weiß der Komponist die hochpoetischen Texte der Volks- und Kunstdichtung in Musik von unglaublicher Feinheit und Eindringlichkeit zu übersetzen. Es gelingt ihm das Kunststück, den Duft der Gedichte als Musik zu offenbaren, ein Kunststück, vom dem jeder Maler nur träumen kann. / kulturkurier.de
Mit eigenwilligen Ideen versuchen zwei junge Autoren, die Literaturszene Miamis zu beleben. Die Menschen sollen überall Gedichten begegnen – das ist das Ziel des Poetryfestivals „O, Miami“.
„Hiermit erklären wir während des Monats April 2011 das folgende zu Poesie: Jede Äußerung über 0,1 Dezibel, alle handgeschriebenen Worte, alle Worte mit einer Maschine geschrieben … alle Twitter-Nachrichten, in denen der Buchstabe „O“ oder das Wort „Miami“ vorkommen …“
Und es folgt noch eine lange Liste. Ein weitgefasster Poesie-Begriff. Und das war erklärtes Ziel der Festival-Begründer. Pete Borrebach, der Mitbegründer von „O, Miami“:
„Für gewöhnlich kommen bei einem Literaturfestival in den USA ein paar berühmte Dichter an eine bestimmte Stätte. Und Leute, die es sich leisten können, nehmen da an Workshops teil oder gehen zu Lesungen. Aber das ist sehr abgeschottet. Und nicht viele werden damit erreicht. Wir wollten das Modell wirklich auf den Kopf stellen, statt dass die Menschen zu den Dichtern kommen, bringen wir Dichter zu den Menschen.“
Vielleicht am wörtlichsten nimmt diesen Auftrag Katherine Leyton, Autorin aus Toronto, mit ihrem Projekt „How pedestrian“. Sie spricht nach dem Zufallsprinzip Leute auf der Straße an, bittet sie, ein Gedicht vorzutragen – und nimmt das Ganze mit der Videokamera auf.
„Ich war über lange Zeit wirklich frustriert von der allgemeinen Auffassung, dass Poesie bedeutungsschwer oder langweilig ist. Das stimmt einfach nicht. Ich wollte zeigen, dass man zu Gedichten einfach Zugang finden kann, dass sie Teil des Alltags sein können, lustig, traurig, berührend oder peinlich, das wollte ich zeigen.“
/ Bettina Klein, dradio.de
Im Stuttgarter Verlag ANTON HIERSEMANN KG erscheint in Kürze eine Neuübersetzung der „Anthologia Graeca“. Die dreibändige Ausgabe von Friedrich Ebener aus dem Ostberliner Aufbau Verlag von 1981 (Die Griechische Anthologie in drei Bänden, Bibliothek der Antike) ist seit langem vergriffen. Ebener übersetzte die gesamte Sammlung in Versen. Die Herausgeber der neuen Ausgabe haben sich zur Prosaübersetzung entschlossen, weil die metrische Übersetzung mit zu hohen Kosten an Genauigkeit verbunden ist.
Der Übersetzer Dirk Uwe Hansen (Greifswald) hat mir mit Erlaubnis des Verlages eine Probe aus dem Buch zur Verfügung gestellt, die ich in den nächsten Tagen – von Fall zu Fall mit zusätzlichem Material – hier vorstellen werde. Ich beginne zum Osterfest mit einem Epigramm von Philodemos, Nr. 132 aus den Liebesepigrammen.
Philodemos von Gadara (griechisch Φιλόδημος; um 110 – um 40 v. Chr.) war ein epikureischer Philosoph und Dichter, der um 80 v. Chr. nach Rom kam und dort Vergil kennenlernte. In der Anthologie sind rund 30 Epigramme von ihm enthalten, hauptsächlich erotischer Natur.
V, 132 Philodemos
Dieser Fuß! Dieses Schienbein! Diese (hier muss ich zugrunde gehen)
Schenkel! Diese Hüften! Diese Flanken! Die Grübchen am Bauch!
Schultern! Diese Brüste! Dieser zarte Hals!
Diese Arme! Diese (ich verliere den Verstand) Augen!
Diese zierliche Bewegung! Und über alles erhabene
Küsse! Diese (schlag mich tot) Stimme!
Ist sie auch eine Barbarin und Fremde und singt nicht Sapphos Lieder,
na und? Auch Perseus hat sich in Andromeda aus Indien verliebt.
– Das erste Distichon lautet bei Ebener:
Herrlich der Fuß und die Wade, der Schenkel – ich könnte vergehen! –
ooHintern und Hüften und Scham, üppig vom Flaume bedeckt
*) Vgl. hier
Schließlich das Wichtigste. Brotarbeit hin oder her, Voßens Sprache ist eine Entdeckung, ein orientalisches Fest. Es gibt kaum einen Satz in diesem Buch, in dem nicht eine sprachliche Wendung entzückt. Herrliches, herrliches Deutsch! Frisch wie der Morgentau, gelenkig wie die Favoritin des Sultans, melodiös wie ihre Gesänge zur biskajischen Trommel. Wer achtlos an dieser Schatzhöhle vorüberstreift, ist töricht wie die Arabische Nacht. / Michael Maar, FAZ.net 22.4.
„Ali Baba und vierzig Räuber“. Erzählungen aus Tausend und eine Nacht. Nach der französischen Ausgabe von Antoine Galland ins Deutsche übertragen. Aus dem Französischen von Johann Heinrich Voß. Hrsg. von Ernst-Peter Wieckenberg. Verlag C.H. Beck, München 2011. 391 S., geb., 22,95 Euro.
(Ists auch nicht Lyrik…)
Textfassung eines Rundfunkbeitrags von Michael Gratz, der am 15.4. in der Literatursendung Plattform auf Radio 98,1 gesendet wurde
Die Buchmesse in Leipzig hat sich nach anfänglichen Unsicherheiten gehalten neben der in Frankfurt. Als Besonderheit der Leipziger Messe, die geschäftlich ja eher die kleine Schwester der Frankfurter ist, hat sich ihr Charakter als Lesefest etabliert. Während der vier Messetage finden von Morgens bis zum späten Nachmittag in den Messehallen und dann noch am Abend in Sälen, Galerien, Buchhandlungen und Gaststätten überall im Stadtgebiet Autorenlesungen statt, und erstaunlicherweise scheinen sie alle ein Publikum zu finden. Daniela Seel, die Verlegerin, die mit ihrem 2003 gegründeten Verlag kookbooks den Lyrikbetrieb aufgemischt und einer ganzen neuen Dichtergeneration zum Durchbruch verholfen hat, debütierte jetzt mit dem ersten eigenen Gedichtband und einer beeindruckenden Performance zusammen mit dem jungen Dichter Rick Reuther.
Im Café Europa konnte man serbische Schriftsteller und Historiker hören im Disput über die Gründe für den Zerfall Jugoslawiens und die Rolle des Staatsgründers Tito. Müßte man ihn nicht heute vor ein UN-Gericht wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit stellen, wurde gefragt. Die Antwort: Ja, aber dann müßte man auch de Gaulle oder Churchill vor Gericht stellen. (Ich würde vorschlagen, daß wir uns auf lebende Kriegsverbrecher konzentrieren, die es nicht nur in Afrika oder Asien gibt…).
Serbien war der diesjährige Messeschwerpunkt, zum dritten Mal ein Land des ehemaligen Jugoslawien nach Kroatien und Slowenien in den letzten Jahren. Aus diesem Anlaß wurden neue Übersetzungen von Romanen und Gedichten serbischer Autoren präsentiert. Junge serbische Lyriker stellten sich vor mit einem Originaltext und einer Übersetzung, eine vielfältige Welt, die es zu entdecken gilt. Schon einmal zur Zeit Goethes war Deutschland ein Vermittler der serbischen Literatur. Seither haben wir Boden verloren, aber vielleicht läuft ja ein Revival.
Der junge Leipziger Verlag Reinecke und Voß, den wir in einer Sendung im vergangenen Herbst schon einmal vorgestellt haben, präsentierte neue Übersetzungen hierzulande unbekannter Quellen der modernen Literatur. Jürgen Buchmann übersetzte einen Band mit Prosagedichten, das ist eine in Frankreich traditionsreiche Dichtungsform, der sich auch die Klassiker der modernen Lyrik bedienten wie Charles Baudelaire und Arthur Rimbaud. Aloysius Bertrand heißt der bei uns bislang wenig bekannte Autor, von dem man erfahren kann, daß zum Beispiel der „Erfinder“ des Surrealismus André Breton ihn für einen der Vorläufer der Bewegung hielt.
Die andere bedeutende Entdeckung dieses Verlages ist eine Programmschrift eines der Pioniere des russischen Futurismus, der in Moskau und St. Petersburg vor und während des 1. Weltkrieges in neue Horizonte vorstieß. Wir kennen Wladimir Majakowski. Er war Futurist, zumindest bevor er sein Schaffen in den Dienst der russischen Revolution stellte, seinem Lied auf die Kehle tretend, wie er sagte. Wir wissen, daß es ihm nicht gut bekam. Die neue Gesellschaft konnte ihn nicht brauchen. 1930 schoß er sich eine Kugel in den Kopf. In dem futuristischen Poem „Wolke in Hosen“ hatte er das 15 Jahre vorher prophezeit: „Wärs nicht besser, auf die Stirn einen Schlußpunkt aus Blei zu setzen“, hieß es da.
In den 70er Jahren wurde im Westen, zu dem von Rußland aus gesehen auch die DDR gehörte, in beiden Teilen Deutschlands also ebenso wie in Amerika und Westeuropa der Dichter Welimir Chlebnikow bekannt und berühmt als der „Vorsitzende des Erdballs“, wie er sich nannte, ein Erforscher und Erfinder von Sprachen. Eine „Sternensprache“ wollte er erfinden und erfand sie in seinen Gedichten. Es handelt sich um Lautgedichte, die die Russen vor den Dadaisten erfanden. Eine Sprache jenseits des Verstandes wollte man finden, auf Russisch heißt das Sa-um.
Bei Reinecke und Voß erschien jetzt zum erstenmal separat auf Deutsch ein Buch des Dritten im Bunde, oder Vierten neben Chlebnikow, Majakowski und David Burljuk. Alexej Krutschonych schuf das älteste Lautgedicht oder Sa-um-Gedicht dieser Bewegung. Das war durchaus nicht nur eine ästhetische Spielerei. Mit diesen Texten konnte man damals zum Beispiel Stummfilme klanglich untermalen. Der Tonfilm war ja noch nicht erfunden. Die Kunst der Avantgarde wollte die Grenzen zwischen Kunst und Leben niederreißen.
In diesem Sinn ist der Titel des Buches zu verstehen: „Phonetik des Theaters“. In unserer ästhetischen Sicht der postavantgardistischen Zeit ist das mißverständlich. Theater ist hier nicht der Kunsttempel, sondern der Marktplatz, die Straße und der Kinosaal. Es ging um die Theorie für eine ins Leben eingreifende Kunstform. Dieses Buch wurde von Valeri Scherstjanoi übersetzt. In einer Galerie und einem Laden für Kunst- und Literaturzeitschriften, um den ich Leipzig beneide, stellte Scherstjanoi, der selber von manchen als der letzte Futurist bezeichnet wird, das Buch vor und trug Lautgedichte von Alexej Krutschonych als wahre Klangkonzerte vor, die auch den skeptischen Zuhörer überzeugten.
Eine andere erstaunliche Autorin war zweimal auf bzw. während der Messe zu erleben. Elke Erb ist eine Lyrikerin der sogenannten „Sächsischen Dichterschule“ aus der Generation von Adolf Endler, Sarah Kirsch oder Volker Braun. Ihre Texte haben seit den 60er Jahren ihre Leser in den Bann gezogen, mehrmals war sie auch in Greifswald zu hören.
Vor allem aber ist sie Mentorin und verehrte Meisterin schon mindestens der zweiten Generation junger Dichter. In den 80er Jahren setzte sie sich in der DDR für die Dichter des ostdeutschen Underground ein, wie sie im Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg und auch in Städten wie Dresden und Leipzig lebten.
Heute ist Elke Erb Anregerin und bewundertes Vorbild einer neuen Generation junger Dichter, die vergangenes Jahr sogar in Leipzig eine Elke-Erb-Gesellschaft gründeten, um sich für die Verbreitung ihres Werkes und die Förderung zeitgenössischer Poesie einzusetzen. Bei einer Lesung in der Gaststätte Waldfrieden brachten junge Dichter ihr ein literarisch-musikalisches und sogar tänzerisches Ständchen und stellten ein neues Buch vor, in dem sich junge Schriftsteller auf Texte von Elke Erb ihren eigenen Reim machen. „Meins“ hieß ein Buch von Elke Erb in der Buchreihe roughbooks des Schweizer Verlegers Urs Engeler. Der jetzt präsentierte Huldigungsband trägt den passenden Titel „Deins“, ebenfalls bei roughbook erschienen und unter www.roughbook.ch erhältlich. Bei der Veranstaltung gab es auch die Uraufführung eines „rough“-Songs, den man hier von Christian Filips und den Besuchern der Lesung in Leipzig gesungen hören kann.
Ruhm auf einen Schlag erntete Kurt Pinthus 1919 für die Herausgabe der Anthologie „Menschheitsdämmerung“. Zwanzigtausend Exemplare der Sammlung expressionistischer Lyrik verkauften sich binnen zwei Jahren. Bis heute genießt das Opus, in dem sich die „schäumende, chaotische, berstende Totalität“ einer Ära bricht, den Ruf eines Standardwerkes moderner Poesie. Die ersten Auflagen erschienen im Kurt-Wolff-Verlag, mit dem sich das Schicksal von Pinthus eng verknüpfte. …
In seiner Frühphase huldigte Pinthus, der am 29. April 1886 in Erfurt geboren wurde, in Versen eifrig dem typisch expressionistischen Pathos: „Wir: rascher rauschend im Raum und glühen als lichte Kometen. / Wir: Kenner seltner Weine, Früchte, Geflügel, sanfter Pasteten. / Wir tragen vor brüllenden Menschenmassen aufreizende Fahnen. / Wir fliegen höhnend auf in zartgeäderten Aeroplanen. / Wir hüllen uns zitternd in tausend Schleier der Einsamkeit.“ / Ulf Heise, Märkische Allgemeine
Der letzte Band Gedichte, den Tomas Tranströmer veröffentlichte, erschien auf Schwedisch im Jahr 2004 und enthält ausschließlich Haikus: ‚Großer und langsamer Wind / Aus der Bibliothek des Meeres. / Hier darf ich ruhen.‘ Das ist schlicht, dunkel und doch von großer Evidenz. Man stellt sich einen gebildeten Menschen dazu vor, einen ebenso nüchternen wie poetischen Zeitgenossen, der eine flüchtige Stimmung in ein paar Wörter fasst, so exakt und so unauffällig wie möglich. / Thomas Steinfeld, SZ 15.4.
Sein richtiger Name ist Jimmy Hermann Rakotomalala, als Künstler nennt er sich Jimmy RJH. Er ist ein junger Dichter aus Madagaskar, 24 Jahre alt. Mit 14 begann er schreiben, als er im Malagasyunterricht ein Gedicht des Dichters Rado hörte. Ihm gefiel die Vortragsweise des Lehrers, und kurze Zeit später schrieb er ein Gedicht als Antwort auf Rado. Seit 2006 hat er mehrere Gedichtbände veröffentlicht. / Vonihanitra Raholimalala, L’Express de Madagascar 22.4.
Rado, eigentlich Georges Andriamanantena (1923-2008) war ein malagassischer Dichter und Journalist, Maler und Musiker, Akademiemitglied, bekannt als „Dichter der Freiheit und Brüderlichkeit“.
Seine ersten Gedichte veröffentlichte er in expressionistischen Periodika. 1912 erregte er großes Aufsehen bei Publikum und Kritik durch seinen provokanten Lyrik-Zyklus „Morgue und andere Gedichte“, der ihn zu einer kontrovers diskutierten Berühmtheit machte. / Radio Bremen, Bennabend
Der schottische Autor John Burnside, in Großbritannien seit langem als eine der wichtigsten Stimmen der Gegenwartsliteratur etabliert, ist durch Romane wie „Die Spur des Teufels“ oder „Glister“ in den letzten Jahren endlich auch bei uns als der Erzähler von Weltrang, der er ist, bekannt geworden. Mit dieser zweisprachigen Auswahl von zwei Dutzend Texten aus seinen bislang zehn Gedichtbänden der zurückliegenden zwei Jahrzehnte haben wir jetzt die Gelegenheit, ihn auch als Lyriker kennenzulernen. Er zeigt sich darin gleichermaßen als entschiedener Naturlyriker, der beständig eine Sprache für organische Prozesse sucht, wie als ein Poeta doctus, der seinem Lukrez nachfolgt, wenn er über die Natur der Dinge schreibt, und der doch weiß, dass Sprache letztlich immer ihrer eigenen Natur folgt und natürliche Gegebenheiten niemals recht begreift. In dieser produktiven Verschränkung von literarischer Gelehrsamkeit mit programmatischer Bodenständigkeit steht er dem irischen Lyriker Seamus Heaney, eine Generation älter, in nichts nach: Beide haben ihre Arbeit als einen beständigen Prozess des Grabens und des Ausgrabens beschrieben, um den Dingen auf den Grund zu gehen. Bei Burnside heißt es dazu, „dass wir immer weiter graben, auch wenn es / anscheinend nichts mehr zu finden gibt – nichts / als Gespenster und unerhörte Gebete“. / Tobias Döring, FAZ.net 20.4.
John Burnside: „Versuch über das Licht“. Gedichte. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Englischen und mit einem Nachwort von Iain Galbraith. Hanser Verlag, München 2011. 138 S., geb., 14,90 Euro.
Was als erstes ins Auge springt, wenn man in diesem schweren, schön gemachten, eigenwilligen Buch blättert, das sind die Zeichnungen. Mit größter Sorgfalt scheint ihr Gestrichel Gegenstände wiederzugeben, die irgendwie dem Bereich der Botanik oder eines untergegangenen Handwerks zugehören, nicht allzu groß, aus einem harten, aber bildsamen Stoff gefertigt, von einem schlichten Grundmodell her zu hoher Komplexität getrieben. An verholzte Fruchthülsen erinnern sie, an jene Futterale, die zurückbleiben, nachdem man Paranüsse oder Sternanis daraus entfernt hat. Aber man könnte beim besten Willen nicht sagen, was man hier sieht; es sind Produkte einer ebenso präzisen wie fantastischen Konkretion. Hier hat der Stift etwas geschaffen, das Anspruch erhebt, daraufhin unwiderruflich in der Welt zu sein.
Wenn man diese Grafiken eine Zeitlang auf sich hat wirken lassen, ist man vorbereitet auf die Texte, die ihnen Oswald Egger beigegeben hat. Denn mit seinen Wörtern und Worten verfolgt er ganz ähnliche Absichten wie mit seinem Zeichenstift. Man schlage den Band auf, wo man will. Immer und abwechslungsfrei stößt man auf Sätze wie diese:
‚Die Felberpappel wispelt fast, und ein Wasserfall aus Mond- und Nebensonnen spierlt lichte Fäden in den Fäng`chen und Fingern schwarzgrauer Arven. Ich weiß, im Schatten dieser Vogelkiefern habe eine fast Kannen-Karawane von Schnäbeln verkauert, fransenbeschwänzt, mit einer Harpe von Krallen zerfedert und übertrommelt.‘
(…)
Der Rezensent, der einen Eid geschworen hat, niemals die Lyrik von Paul Celan und ‚Finnegan“s Wake‘ anzufassen, hat sich hier, was er sonst nie tut, gestattet, es bei der Partiallektüre zu belassen, etwa fünfzehn Prozent des Gesamtumfangs (mehr ging einfach nicht) – aber nicht, ohne sich hinlänglich überzeugt zu haben, dass Eggers Werk nach der allerersten keine weiteren Überraschungen bereithält.
Und dennoch: Oswald Egger hat sichtbar etwas gewollt, etwas Falsches und Unmögliches zwar; aber dieses Scheitern gehört ihm unverwechselbar (was mehr ist, als sich von den meisten deutschen Romanciers der ungefährdeten Mittellage behaupten lässt). Die Trauer darüber, dass es so hat kommen müssen, nimmt bei ihm die Form des Zitats an, merkwürdig genug bei einem, der sich sonst der bezuglosen sprachlichen Setzung verschrieben hat. Er holt die spätantike Theologie und Philosophie herbei, hebt an mit Augustinus und endet mit Boethius; und beide Passagen haben es mit der Gebrechlichkeit der Zeit zu tun, die es den Wesen nicht erlaube, jemals ganz da und zur Stelle zu sein, sondern sie zum Stückwerk der Sukzession verdamme, im Gegensatz zur einzig vollkommenen Ewigkeit Gottes. Auch der Titel des Buchs, ‚Die ganze Zeit‘, erscheint da auf einmal im Licht der Dringlichkeit. / BURKHARD MÜLLER, SZ 13.4.
OSWALD EGGER: Die ganze Zeit. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 741 Seiten, 44,80 Euro.
Erfahrungsgemäß erfreuen sich Meldungen über Statistik besonderer Aufmerksamkeit. Hier eine besondere Statistik, die nicht ohne Lyrikrelevanz sein dürfte, wiewohl Genaueres schwer zu erfahren ist.
Auch die allzu vornehme Bezeichnung „Sanktionen“ läßt mehr Lücken als sie füllt. Wievielen Leuten wurden 25, 50, 100 % ihrer „Bezüge“ für wie lange gestrichen? Wieviele Lyriker, Lyrikkritiker und andere Arbeitsscheue sind betroffen?* Wie hoch ist die insgesamt eingesparte Summe? Wohin geht das eingesparte Geld: zurück an den Steuerzahler? An die StarmVau (Staatliche Armutsverwaltung)? Prämien für Einsparer? Für Einheizer? Anreize für private Armutsvermittler? Anzeigen zur Unterstützung der notleidenden Presse? Die jedenfalls meldet:
Die Arbeitsagenturen haben im vergangenen Jahr so viele Strafen gegen Hartz-IV-Empfänger verhängt wie noch nie. Die „Bild“-Zeitung berichtete unter Berufung auf eine Statistik der Bundesagentur für Arbeit, 2010 seien 828.708 Sanktionen verhängt worden. Das waren 14 Prozent mehr als 2009.
Termin versäumt: Fast 500.000 Hartz-IV-Empfänger sind 2010 nicht wie vereinbart bei den Arbeitsämtern erschienen
Sanktionen gegen Hartz-IV-Empfänger 2010
Anzahl zwischen Januar und Dezember 2010 neu festgestellter Sanktionen
Mehr als die Hälfte der Sanktionen (498.504) wurden wegen Meldeversäumnissen ausgesprochen. Betroffen waren unter anderem Hartz-IV-Empfänger, die zu vereinbarten Terminen in der Arbeitsagentur nicht erschienen.
Zirka 142.000 Strafen wurden wegen Verletzung der Pflichten aus der Eingliederungsvereinbarung verhängt. Dies betraf etwa Hartz-IV-Empfänger, die keine Bewerbungen geschrieben haben, obwohl sie sich dazu verpflichtet hatten. In 102.631 Fällen wurden Sanktionen ausgesprochen, weil sich die Betroffenen weigerten, eine als zumutbar eingestufte Arbeit, Ausbildung oder einen Ein-Euro-Job anzunehmen.
Der stellvertretende Vorsitzende der Unions-Bundestagsfraktion, Michael Fuchs (CDU), befürwortete gegenüber „Bild“ das härtere Vorgehen der Arbeitsagenturen gegen Hartz-IV-Empfänger.
Das große Quiz: Was Arbeitnehmer dürfen – und was nicht**
„Wenn die Wirtschaft brummt, muss man von den Arbeitslosen verlangen können, dass sie angebotene Stellen auch annehmen“, sagte er der Zeitung. „Wer vom Staat gefördert wurde, muss sich auch fordern lassen. Das heißt: Angebotene Arbeit muss angenommen werden, Termine bei den Arbeitsagenturen darf man nicht grundlos platzen lassen.“
*) L&Poe ist bereit, Erfahrungsberichte Anonymer Hartzer (AHas) zu veröffentlichen. Im Ernst!
**? Anklicken auf eigene Gefahr (gilt für die Zeitung und erst recht für ihre BILD-Strecken und Quizzen.
Neueste Kommentare