Als sie ihr erstes Buch, „Gerschona“, einem deutschen Verleger anbieten wollte, fragte sie ihre Mutter, eine Auschwitz-Überlebende, um Erlaubnis. Diese befürwortete ihre Pläne: „Ich habe meinen Streit mit den Nazis, aber nicht mit der deutschen Kultur.“ Das Buch solle in einer deutschen Bibliothek existieren, und wenn es auch nur eine einzige Person lese und es kein Bestseller werde, fügte die Autorin hinzu. Sie schreibe für diese potentielle Person. / Die israelische Schriftstellerin Nava Semel in Heidelberg, israelnetz.com
Sie gilt als eine menschenscheue Zauberin der Worte, lebt in einer Wiener Altbauwohnung voller Zettel und ist neben Sarah Kirsch derzeit die bedeutendste Lyrikerin im deutschsprachigen Raum: Friederike Mayröcker, die eine ähnliche Aura umgibt wie Juliette Greco. Mayröcker stellt in Münster ihr großes Alterswerk vor. / Bocholter-Borkener Volksblatt
Die drei Werke, die am gestrigen Abend im Berliner Konzerthaus ein spannendes und wunderbar balanciertes Programm formten, stellen drei verschiedene Reflexe auf Dichtungen dar. Anton Weberns ‚Im Sommerwind‘ leiht Titel und Stimmung von einem Naturgedicht Bruno Willes, Peter Ruzickas ‚…Inseln, randlos…‘ schließt in sich um [sic] einen rätselhaften Kern aus Lyrik Paul Celans, und schließlich mündet Gustav Mahlers Vierte Symphonie in G-Dur in der liedhaften Divination eines Textes aus ‚Des Knaben Wunderhorn‘. / Tobias Roth, Klassik.com
Zwei Auszüge aus einer „Hörbuch“-Kritik, zwei Themen:
1. … ziemlich an der Zielgruppe vorbeigeschossen – nicht zuletzt, weil auch Gotthard Erler nicht darauf verzichtet, eines der windschiefsten deutschen Gedichte vortragen zu lassen, das seit Generationen reimerisch übers Knie gebrochen nur beweist: Lyrik ist anscheinend was für Worthandwerker mit Silberblick.
Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit,
Und die Birnen leuchteten weit und breit…
2. … eine CD von Kai Spitzl, „Psst, ich weiß was“, die bei der Zielgruppe schon nach dem vierten Track Widerstand hervorrief. „Das sind ja nur Gedichte!“, sagte das Kind empört, so wie man selbst vor 40 Jahren ausgerufen hat: „Iiieh, Bitterschokolade.“ Aber Gedichte müssen natürlich nicht unbekömmlich sein. Ganz im Gegenteil:
Gedicht „Das Eletelfon“: Das edle Telefon…ähh, nein…das lefe Telefon…
Das Problem dieser weiteren Katzenzunge in Gold – wir wollen uns mit den Prädikaten nicht lumpen lassen – liegt nicht am Rezitator und nur ein bisschen am Inhalt. Problematisch ist vor allem der serielle Charakter der CD. 40 Minuten musikalisch aufbereitete Lyrik am Band, das braucht schon sehr geduldige, kultivierte und sprachverliebte Kinder … oder den fixierenden Sicherheitsgurt bei einer langen Autofahrt: Flucht unmöglich! Dann stellen allerdings auch die Eltern nach dem zehnten Gedicht eine gewisse Übersättigung fest. Man futtert ja auch nicht ungestraft ein Dutzend Pralinen hintereinander weg.
/ Florian Felix Weyh, DLF
Von Volker Sielaff
Les Murray kommt als Gast der Reihe „Literarische Alphabete“ des Literaturforum Dresden am 25. Mai, 20 Uhr, ins Hygiene-Museum. In Kooperation mit dem Deutschen Hygiene-Museum und gefördert von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, der Kulturstiftung Dresden der Dresdner Bank sowie der Stadt Dresden, Amt für Kultur und Denkmalschutz.
Der australische Lyriker Les Murray kommt nach Dresden ins Deutsche Hygiene-Museum
Die australische Fremdenverkehrswerbung kommt ohne ihn, den Dichter, nicht aus. Er ist einfach zu berühmt. In einem Video, das für Reisen in den fünften Kontinent wirbt, sieht und hört man Les Murray ein paar Zeilen aus einem seiner Gedichte rezitieren. Bei der Verszeile „spirituality with pockets“ lächelt der gewichtige Mann ein wenig, er, der jedem seiner Bücher die Widmung „To the glory of God“ voranstellt. Dazu passt der Titel seiner im vergangenen Jahr auf Deutsch erschienenen Sammlung: „Translations from the Natural World“ (Übersetzungen aus der Natur).
Les Murray lässt sich nicht festlegen. Schablonen und Etiketten versagen, wenn man diesen Dichter und sein Werk wirklich begreifen will. Entwarf er in seinem Versepos „Fredy Neptune“ das Zeitgemälde eines an Schrecken so reichen 20. Jahrhunderts, so wendet er sich nun, in „Translations from the Natural World“, auch „als Gegenreaktion auf das Überhandnehmen einer intellektuell exklusiven Gesellschaft“, der allen Dingen innewohnenden „Heiligkeit“ der Natur und besonders der Tiere zu. Mehr noch, er schlüpft in ihre Häute, er wird sie und leiht ihnen seine unverwechselbare poetische Stimme.
Les Murray, wenn er ein Gedicht über eine Fledermaus schreibt, wird selbst zur Fledermaus. Man muß den Dichter nur lesen hören: wenn er „Bat´s Ultrasound“ vorträgt, hört man es nur so fiepen, pfeifen und tönen, ist man umgeben, ummantelt, umschwirrt vom Fledermaus-Sound. Nicht anders, wenn er dem Tintenfisch oder dem Pottwal, dem Leiherschwanz oder dem Kuhreiher, dem Ameisenigel oder dem Zuchthengst seine Stimme gibt. Es sind Rollen- und Anverwandlungsgedichte der besonderen Art, die ein Hohelied auf die Schöpfung, die einfache und zugleich unerklärliche Gegenwart der Kreatur singen. Und auf die Gefährdungen, der diese Kreaturen immer wieder ausgesetzt ist, gelegentlich durch uns, die Menschen.
Sein Gedicht „Das gegenwärtige Abschlachten verwilderter Tiere“ schrieb Les Murray, weil er das unbarmherzige Abschlachten wilder Esel, Pferde und Büffel in seinem Land als falsch und grausam empfand: „Es scheint, daß die gnadenlose menschliche Umordnung / der gesamten Welt kein grünes Ende nehmen wird.“
In einer Gegen der Milchfarmen, waldigen Hügel und Sägewerke, in Bunjah im australischen New South Wales, wurde Les Murray 1938 geboren. Er sei, so bemerkt er lakonisch, „im Busch aufgewachsen“, mit einem anderen Zeitgefühl, mehr Traumzeit als reale Zeit. Gute Bedingungen für einen, der auszog, der eigenwilligste Dichter des fünften Kontinents zu werden. Sein Kollege Joachim Sartorius sagt über ihn: „Sein Habitus ist gutmütig, bäuerlich. Dahinter verbergen sich ungeheure Belesenheit, leidenschaftliche Lust am Reichtum der Sprache und ein absolutes Gehör für Metrik und Reim“ und die „Süddeutsche Zeitung“ konstatierte beeindruckt, dieser Mann bringe „Klanggewitter von archaischer Wucht“ hervor.
Les Murrays wohl berühmtestes Gedicht heißt „Dichtung und Religion“. Darin zitiert er Huckleberry Finn, der meinte, daß man „eine Lüge nicht beten könne.“ Les Murray: „Man kann sie auch nicht dichten.“ Dichtung und Religion kommen für ihn aus „demselben Spiegel“: „beweglich, aufblitzend, nennen wir es Dichtung, / zentral verankert nennen wir es eine Religion.“
Les Murray wurde bereits mehrfach für den Literatur-Nobelpreis nominiert, legt allerdings keinen großen Wert auf solche Ehrungen. Sie würden sein Leben und Schreiben nur allzu sehr durcheinanderbringen, sagt er. Er wolle lieber in Ruhe an seinen Gedichten arbeiten.
„Thaller When Prone“ heißt sein neuestes Buch, das diesen Mai unter dem schönen Titel „Größer im Liegen“ auch auf Deutsch erscheint. Das Cover der bei Carcanet in Großbritannien erschienenen Originalausgabe zeigt den langen Schatten eines Mannes mit Hut, auf grünem Wiesengrunde liegend. Die deutsche Ausgabe (Edition Rugerup) versammelt nicht nur Gedichte aus diesem Band, sondern auch einiges aus dem vorletzten Werk des Dichters, „The Biplane Houses“.
Übersetzt wurden die Gedichte sämtlich von Margitt Lehbert, die Les Murray seit dem Buch „Ein ganz gewöhnlicher Regenbogen“ eine adäquate deutsche Stimme gibt. 1994 erlaubte ihr ein Stipendium, Les Murray und seine Familie in Bunyah zu besuchen – was man rückblickend als ein Glück für alle deutschsprachigen Leser von Les Murrays Büchern bezeichnen darf. Aber am besten liest man den Dichter natürlich im Original. Oder hört beiden, ihm und seiner Übersetzerin, zu, wenn sie am 25. Mai im Dresdner Hygiene-Museum auftreten. Weitere Stationen in Deutschland und den USA werden folgen.
Von dem neuen Buch, „Größer im Liegen“, dürfte dann die Druckerschwärze noch frisch sein, denn es erscheint dieser Tage in der in Önneköp / Schweden ansässigen Edition Rugerup.
(Dresdner Neueste Nachrichten vom 21./22. Mai 2011)
Burnside ist Romancier, gewiss, doch dringlicher ist er Lyriker. In all seinen Werken findet man Gestaltwandler der dunkleren und dunkelsten Spielart. Auch in „Lügen über meinen Vater“ taucht ein solches Wesen auf. Es hat zwei Beine, nicht zwei Füße; es fällt mit „harten, blitzenden Krallen“, es wirft gespenstische Schatten, „Vogelkonturen“, es löst nicht bloß Angst aus, sondern urzeitliches Entsetzen. Eine Spielart des Teufels also, der schon in Burnsides Roman „Die Spur des Teufels“ Spuren im Schnee hinterlassen hat.
Burnside ist einer der wenigen Gegenwartsautoren, die sich glaubwürdig in einem von der katholischen Mystik inspirierten Bildkosmos bewegen. / Tanya Lieske, Die Welt
John Burnside: Lügen über meinen Vater. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Knaus, München, 384 S. 19,90 Euro.
Zum ersten Mal erhält ein arabischer Dichter den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt. Die Jury habe sich am Freitag für Adonis als Preisträger des Jahres 2011 entschieden, teilte die Stadt am Abend mit. „So wie Goethe in dem West-Östlichen Divan persische und arabische Dichtung bei uns heimisch machte, so hat Adonis die Errungenschaften der europäischen Moderne in den arabischen Kulturkreis getragen“, heißt es in der Jurybegründung. / Darmstädter Echo
Es gibt Werke, die erweisen sich als schlauer als ihre Schöpfer. Für den Mahler-Verächter Hanns Eisler trifft dies jedenfalls zu, polemisierte der marxistische Musiker doch heftig gegen die angebliche bourgeoise Dekadenz seines Kollegen: In einem Aufsatz von 1935 denunzierte er dessen Werke als „unechte, sentimentale ‚Weltanschauungsmusik'“. Den 100. Todestag Gustav Mahlers am Mittwoch nahm nun das Ensemble Resonanz zum Anlass, dennoch nach Gemeinsamkeiten zu forschen. Es wurde fündig und stellte Hanns Eislers „Gesang des Abgeschiedenen“ Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ gegenüber. Dabei wurde eine verblüffende künstlerische Geistesverwandtschaft des jungen Eisler mit dem reifen Mahler deutlich, was die ideologische Kulturkritik des späteren Schönberg-Schülers in einem anderen Licht erscheinen ließ.
Beide Liedzyklen greifen die Nachdichtungen asiatischer Lyrik von Hans Bethge auf – mithin Vorlagen, von denen sich auch Webern und Schönberg inspirieren ließen. Hört man nun Eislers Gesänge, wird man ohne Umschweife an Mahler erinnert. Ob er in Mahler womöglich doch sein heimliches Vorbild sah? Aus dessen „Lied von der Erde“ soll Eisler als Kriegsheimkehrer jedenfalls durchaus begeistert, aber mit schrecklicher Stimme gesungen haben. / Peter Krause, Die Welt
schreibt die Wiener Zeitung. Ich picke mal Aussagen über Gedichte heraus:
Die 1973 in Dalmatien geborene Marica Bodrozic beispielsweise legt mit „Quittenstunden“ ( Otto Müller Verlag, Salzburg 2011 ) ihren dritten Gedichtband vor und frönt dort der eher ungewöhnlichen Form des Langgedichts. Assoziativ erinnernd, erzählt sie darin von der eigenen Kindheit, von der Familie und dem „gelben Glück“ der Quittenstunden. …
… Judith Zander … „oder tau“ ( dtv, München 2011 ) … „meine hand ist ein toter fisch morgens / auf deiner Brust treibt er / seitlings die nacht flog / ein fischreiher auf“ . So beginnt das Gedicht, das dem Band den Titel gibt, und es zeigt sogleich die „Technik“ dieser Dichtung: Die fehlende Interpunktion sowie die gekonnte Technik der Enjambements (=Zeilen- bzw. Verssprung) sorgen dafür, dass die einzelnen Sätze ineinander fließen, sich ineinander verhaken, ja, sich förmlich oft um ein Wort streiten. Mitunter erinnert dieses Hin und Her zwischen den „Gelenkstellen“ Versende und Versanfang an die DJ-Technik des Scratchens : aus dem Vor und Zurück entstehen neue Sinn- und Satzverbindungen, die das Bedeutungsspektrum des Gedichts aus der Linearität herausnehmen und gleichsam dreidimensional erweitern. / Andreas Wirthensohn, Wiener Zeitung
Mehr über Judith Zander: Wolfgang Mahlow, Nordkurier
William Kloefkorn, der länger als 25 Jahre „Staatsdichter“ von Nebraska war, starb am Donnerstag im Alter von 78 Jahren. Er lebte lange in Lincoln und war Professor an der Nebraska Wesleyan University. / Omaha.com
Im kompakter Weise gebündelt, erhält man einen kompetenten Überblick deutschsprachiger Dichtkunst von den Anfängen bis zur Gegenwart. Verdienstvoll ist auch die Entscheidung des dtv-Verlags, diese wunderbare Fundgrube zu einem Preis zugänglich zu machen, der in keiner Relation zu Qualität wie Quantität dieser Anthologie steht. / Uwe Schütte, Wiener Zeitung
Walter Killy: Deutsche Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart. 10 Bände. dtv, München 2011, 4064 Seiten, 19,90 Euro.
(Ich weise auch auf die Mäkelei im ersten Teil der Kurzbesprechung hin, die ich keinesfalls teile, weil diese Anthologie weniger als andere auf irgendeine Art „Best-of“ zielt, sondern eine verläßliche Informationsquelle auch für weniger vertraute Epochen, Autoren und Texte darstellt. Man studiere probeweise die Jahre von 1601 bis zu Opitzens Buch von der Deutschen Poeterey 1624 oder die von 1765 bis 1775, um zu sehen, welche Studien man mit dieser Anthologie treiben kann. 4000 Seiten zuverlässige und kommentierte Texte für weniger als 20 Euro ist unschlagbar.)
Der türkische Dichter Orhan Veli Kanık hat sich in einem Gedicht mit der türkischen Metropole Istanbul befasst: „İstanbul’u dinliyorum, gözlerim kapalı“ – Ich höre Istanbul zu, meine Augen sind geschlossen, schrieb er.
Und genau diese Sichtweise durften einige Schüler des Ludwig-Meyn-Gymnasiums kürzlich erleben. / Uetersener Nachrichten
(Das Gedicht steht Türkisch und Deutsch in. Orhan Veli Kanık: Fremdartig / Garip. Gedichte in zwei Sprachen. Frankfurt: Dağyeli 1985)
Ein Jahr nach Erika Burkarts Tod am 14. April 2010 ist ein dichterisches Vermächtnis einzusehen: ihre Gedichte aus den Jahren 2008 und 2009 mit dem Titel «Nachtschicht», manche als Reinschrift, andere im Entwurfstadium hinterlassen. Dazu fügen sich als Entsprechung die Verse ihres Ehemanns Ernst Halter, der in «Schattenzone» Abschied nimmt. Auf dem Umschlag des Gedichtbandes stehen die gleich lautenden Majuskeln der Vornamen, die beiden E, einander gegenüber – in sanfter Berührung und zugleich in Distanz. Wer zu sehen versteht, erfasst darin wesentliche Züge des lyrischen Duetts. / Beatrice Eichmann-Leutenegger , NZZ
Erika Burkart: Nachtschicht. Ernst Halter: Schattenzone. Gedichte. Weissbooks-Verlag, Frankfurt am Main 2011. 160 S., Fr. 34.90.
Lyrik war und ist kein Massenprodukt. Wird auch keines mehr werden. Insofern war die Entscheidung, die Lesung drei junger Dichterinnen in das Beltz-Zimmer des Literaturhauses zu verlegen, kein Risiko – dort herrschte eine Art von Salon-Atmosphäre. Nora Bossong und Judith Zander, die eine in Bremen, die andere in Anklam (unterhalb von Usedom) geboren, sind auch als Romanautorinnen in Erscheinung getreten, beide hoch gelobt, Judith Zander für ihr Debüt im vergangenen Jahr sogar für den Deutschen Buchpreis nominiert.
… deutlich wurde allerdings die Genauigkeit, mit der Zander an Rhythmus, Motiven und Formen arbeitet, wie sie ganze fremde Gedichte in Form von Palimpsesten überschreibt und variiert (Rolf Dieter Brinkmanns „Westwärts“ ist eines davon); wie Zitate aus Popmusik und Literaturgeschichte wie in einen Flickenteppich in ihr Werk eingewoben sind. Bei aller Verschiedenheit sind Zander und Bossong sich in einem einig – in ihrer Nähe zu den „Beatles“. Vielleicht, sagt Bossong, sei das eine Generationenfrage: „Wir sind eben eher Beatles als Stones.“ / Christoph Schröder, FR 19.5.
Von Bertram Reinecke
Der folgende Text entstand im Zusammenhang mit meiner Auseinandersetzung mit den vergangenen beiden Jahrbüchern der Lyrik. Da ich hoffte, dass das neue Jahrbuch zu der hitzig geführten Debatte, die sich besonders an Ulf Stolterfohts Satz „Das Verstehen in der Lyrik hat der Teufel gesehen“ entzündete, noch etwas beitragen würde, habe ich ihn zunächst noch zurückgehalten, um auch auf den Fortgang noch einzugehen. Da dort aber diese eigentlich noch unabgeschlossene (vielleicht aber auch unabschließbare) Debatte nicht fortgesetzt wurde, trage ich diesen späten Reflex auf den Streit nun hier unverändert nach. (Er setzt die Kenntnis der poetologischen Kommentare der zwei letzten Jahrbücher voraus.)
Ich bin verwundert, dass das vorsichtige Anreißen der Verstehensproblematik im Lyrikjahrbuch 08 so heftige Reaktionen im darauffolgenden Jahrgang ebenso wie anderswo hervorrief. Lag es daran, dass auch ein Geist von so andersartigem Temperament wie Christoph Buchwald sich den provokantesten Teil von Stolterfohts Bemerkungen zu eigen machte, oder hat man die Debatte auch als einen Stellvertreterkrieg um den Fachsprachenansatz zu verstehen?
Nicht zuletzt handelt es sich auch um eine Debatte unter renommierten Lyrikherausgebern. Ich möchte aber vermeiden hier allzu misstrauisch Motive zu unterschieben, sondern versuche in kritischer Diskussion eine eigene Position zwischen allen Stühlen einzubringen.
Axel Kutsch zieht sich zunächst die Proletenjacke über und gießt Stolterfohts Argumentation in das Entweder-oder-Schema eines Boxkampfes. Und kommt zu dem Schluss „Verstehen oder nicht verstehen – das ist doch nicht die Frage.“ Aber hatte Stolterfoht überhaupt so eine zugespitzte Frage gestellt? Er sprach u.A. nicht zuletzt von „Rat- und Hilflosigkeit“.
Diese Strategie ermöglicht Kutsch mit der Aussage „Die Frage kann nur lauten: Gelungen oder nicht gelungen?“ das Problem mit großzügiger Geste vom Tisch zu wischen und implizit mit zu bestreiten, dass es sich überhaupt lohnen könnte, wie tastend auch immer, zu erklären, was ein gelungenes Gedicht ausmachen könnte. Natürlich möchte jeder auf poetologisches Winkeladvokatentum verzichten, aber mit diesem Argument könnte man auch, weil es Gerechtigkeit ohnehin nicht herstellt, ein schriftlich kodifiziertes Recht ablehnen. Wie jedoch die Schriftlichkeit des Rechts denjenigen schützt, dessen Rede nicht durch Stand und allgemeine Achtung gesichert ist, so fällt der generöse Verzicht auf explizite Poetologie demjenigen leichter, der seinen Stand im literarischen Leben gesichert glaubt.
Axel Kutsch kann seine reduktionistische Lektüre, er weiß das selbst, nur deswegen etablieren, weil er genau das tut, was Stolterfoht ratlos zurückließe: Er weiß von vornherein, was Stolterfoht über das Verstehen sagen wollte und unterstellt, dass dies nur heimlichtuerisch verborgen wurde. Er geht sofort pointiert von der Frage: „Was steht da?“ zu einer anderen über: „Was bedeutet es ‚eigentlich‘, was für Konsequenzen hat das?“.
Hans Thill geht da verständnisvoller mit Stolterfohts Position um und legt Hintergründe dar, die Stolterfohts Position stützen: Verstehen ist nicht das Einzige, was wir mit Gedichten vorhaben, das Spektrum der möglichen Sprachhandlungen ist größer. (Verbieten, Witze machen, Konfabulieren …, Auswendiglernen, Rumreichen wird Gisela Trahms später hinzusetzen) Und: Verstehen ist problematisch. Thill verweist darauf, dass einander Verstehen damit zu tun hat, eine Lebensform zu teilen. Zugespitzt: Zunächst verstehe ich mich selbst und dann allenfalls die, die dieselben Bücher gelesen haben. Thill bringt weiterhin in Anschlag, dass unsere Verstehensbegriffe durch die Abrichtung der Schulbildung kontaminiert sind. Und er teilt Stolterfohts Ansicht, dass Pointen oft kurz greifen wie mancher Schülerwitz. Aber dann passiert etwas Merkwürdiges: Alles versöhnt sich, so deutet Thill an, im Schoße einer avancierten Hermeneutik. Da leuchtet das alte interesselose Wohlgefallen. Ein Teufel, wem das nichts gilt, wer nach dem Erfolg seiner Sprachstrategien schaut, wer gar listig ist! Also Thill selbst gar? Denn Thill traut Ulf Stolterfoht wahrscheinlich zu, dass dieser die Position der klassischen Hermeneutik gut genug kennt, sie selbst vertreten zu können, wenn es ihm darum denn gegangen wäre.
Den Anspruch der Interessenlosigkeit teilt das abrichtende Schulverstehen, vor dem alle Schüler nach gleichen Maßstäben benotet sein sollen, mit der Germanistik samt ihren Interpretationsritualen, denn sie rechtfertigt sich über ihre Objektivität als Wissenschaft.
Verstehen heißt in beiden Fällen immer zunächst, unter Rekurs auf nachprüfbare Fakten und Kenntnisse sagen, was man gesehen hat. Immer ist ein Experte zugegen, der bewerten muss, ob das Gesagte stichhaltig ist. Der Satz: „Natürlich verstehe ich Celan, aber ich kann Ihnen nicht sagen, was es bedeutet“ ist an Schule und Uni gleichermaßen unmöglich. Schule und Hermeneutik problematisieren das Verstehen unzulässig, indem sie immer am möglichen Missverständnis ansetzen. Was Thill als Pennälerwitz abkanzelt, würden Rühmkorf, und vermutlich mit ihm Kutsch, eher als sprachliche Notwehr gegen solche Problematisierungen charakterisieren und zum Urgund der Poesie erklären. (Und man muss hier nicht gleich nur an Spottverse oder Politlyrik denken, auch Czernin sieht in der Poesie zunächst einen Mitvollzug von sprachlichen Wertungen und nicht ein interesseloses Wohlgefallen.)
Wer sieht, wie ideologisch Lehramtsstudenten auf poetische Sprachspiele reagieren („Was soll der Scheiß!“), während Viertklässler solche Übungen als beglückend sinnhaft erleben, wer sieht, wie Referendare, die mit solch „neumodischen Flausen“ in der Fachkonferenz baden gehen („Das haben wir immer so gemacht“), wer erlebt, wie schnell gerade Leute mit gutem Deutschunterricht bei einer Besprechung von Ingeborg Bachmann vom Gedicht ab und zu den „wichtigen“ Dingen wie Auschwitz kommen, der mag nicht recht glauben, dass verbesserte Interpretationsstrategien ein „Mehr von dem Selben“ in irgend einer Weise zu verbesserter Gedichtlektüre führen. Man darf Thill in Frage stellen: Ist dem Kind wirklich schon mit Erlernen der Schrift die Phantasie abhanden gekommen? Wohl kaum, es wird der Literaturunterricht gewesen sein. (Ausnahmen von dieser Regel sind um so bewundernswerter! Ich möchte auch nicht in den Doppelbindungsstrukturen der Schule jeden Tag arbeiten müssen!) Hat der Schüler die Phantasie einfach so zu Hause gelassen? Nein, er musste seine Prüfungen bestehen. Wer sich hier verweigert, wird nicht Mitglied im (Literatur)club. Verstehen von vornherein als überwundenes Mißverstehen zu denken, problematisiert Gesprächspartner zu Delinquenten. Dabei verstehen wir doch ganz gut auf unsere Weise („Es zieht“). Die Toleranz in Bezug auf Deutungen, die, wie Gisela Trahms bemerkt, ohnehin nicht so ganz durchgehalten wird, riecht da wie das Angebot eines Stillhalteabkommens einer kranken Praxis, welches jedoch nicht jedem gewährt wird: Sage Du nichts gegen mich, dann lass ich Dich auch in Ruhe. Die Engerlinge sitzen aber an der Wurzel. Stolterfohts „Hineingeheimnissen“ würde so als ein Symptom, eine Art Sekundärinfektion an dieser schon angegriffenen Pflanze verstanden, welche(s) diese falsche Toleranz ausnutzt. (Das schließt eine Hochachtung für den erstaunlich rüstigen hermeneutischen Verdauungstrakt eines Hans Thill natürlich nicht aus, es gibt ja auch echte Toleranz!)
Neueste Kommentare