Der Volkerbraun

Gleich noch eine Probe aus dem literarischen Bestiarium des Andreas Koziol. Was für ein fulminanter und quasi enzyklopädischer Rundumblick auf die Lyrikszene Ost vor 1990. Leider zu wenig beachtet, wie so vieles halt.

Andreas Koziol

Der Volkerbraun

Der Volkerbraun ist nach hippomorphen Erkenntnissen ein Schimmel, der darunter gelitten haben soll, nicht auf zwei Beinen gehen zu können. Mit der Klage über dieses nicht unzweifelhafte Handicap (die mitunter allerdings sogar fünf- und mehrfüßig ,daherkam‘) setzte er sich vormals kategorisch über die Hürden des abgesteckten Alltags hinweg, ohne den revolutionären Zweifel, der ihn geritten haben soll, aus dem Sattel zu werfen. Jener sprang dem Anschein nach irgendwann von selber ab, um seiner Nachfolgerin, der revolutionären Verzweiflung, Platz zu machen. Diese übernahm mit den Zügeln auch die Pflicht, die revolutionäre Langeweile am Aufsitzen zu hindern. Ein paar Hufeisen diente als Steigbügel – eine der nicht ganz einwandfrei funktionierenden Folgen des volkerbraun’schen Aufbegehrens gegen die Vier- und Bierhebigkeit der Kreatur. Denn so oft sich die jeweils anspornende Kategorie aus dem Sattel erheben wollte, fehlte ihr der nötige Widerstand, die Querverstrebung zwischen den Enden der Eisen. Wir nehmen an, daß eine gewisse Beklemmtheit den gebeutelten Kategorien somit bereits beschieden war, noch ehe sie sich zu Jambus, Blankvers u.ä. behob. Ursprünglich eingespannt für die Idee einer kommunistischen Gesellschaft, zog der Volkerbraun eine Weile ziemlich toll, indem er sich nicht vor die Parteikarre spannen ließ und vor den Toren seiner Genossenschaft so tat, als würde er jeden Augenblick durchgehen. (Es war die Zeit der Wesensspaltung – entweder man schob oder man deichselte ,die Sache des Volkes‘. Beides vergaloppierte sich, und dazwischen gab es nichts als bald nur Steckenpferde.)

Aus: Andreas Koziol: Bestiarium Literaricum. Übermalungen C[ornelia] M. P. Schleime. Berlin: Galrev, 2000, S. 62

Andreas Koziol ist gestorben

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Moses Rosenkranz (1904-2003)

Heute vor 20 Jahren starb der jüdische deutsche Dichter Moses Rosenkranz.

Moses Rosenkranz 

(geboren 20. Juni 1904 in Berhometh am Pruth, Österreich-Ungarn; gestorben 17. Mai 2003 in Kappel, Deutschland)

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EINKLANG

Im Untergang der Dichtung 
das Ohr am Schulterblatt 
fand ich meine Richtung 
indem ich rückwärts trat

Im eignen Erbe ging ich 
drin auch ein deutsches Teil 
deutsch an zu summen fing ich 
gespaltner Brust zum Heil

Der Schmerzen Glut entwand ich 
des Worts durchdringend Licht 
und so gerüstet fand ich 
ja fand ich zum Gedicht

Aus: Moses Rosenkranz: Im Untergang. Ein Jahrhundertbuch. München: Südoistdeutsches Kulturwerk, 1986, S. 7

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EINKLANG

Im Untergang der Dichtung /das Ohr am Schulterblatt /fand ich meine Richtung /indem ich rückwärts trat //Im eignen Erbe ging ich /drin auch ein deutsches Teil /deutsch an zu summen fing ich /gespaltner Brust zum Heil //Der Schmerzen Glut entwand ich /des Worts durchdringend Licht /und so gerüstet fand ich /ja fand ich zum Gedicht

An Trakl

Sam Hamill

(* 9.5.1943 in Utah, USA; lebt in Port Townsend, Wash, USA)

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Hommage an Trakl 
4. An einen Frühverstorbenen


Mein dunkler Engel, mein Umnachteter,
du musst einst Kind gewesen sein,
das mit seltsamem Lächeln jene
steinernen Stufen in Mönchsberg im Herbst
herabgestiegen ist.
Könntest du hören,
was die Steine sangen, könntest du
das Fleisch riechen, das den Wald
begrünte, mit Hoffnung und Tod,
könntest du
die Klage des Rehs vernehmen? Welch purpurne Sonne
starb in den nackten Ästen der Ulme,
welche Blume wurde zu Blut,
als sie auf deiner Zunge blühte?

Die Abendglocken hatten immer dieses Blau
Du hättest sie gemocht, die Sterne, heute Abend,
allein und schweigend wärest du gewandert
unter Ulmen, die das Ufer säumen.

Deutsch von Mitch Cohen und Wolfgang Heyder, aus: Sam Hamill / David Fox: Todbringende Lust. Berlin: Corvinus Presse, 2016, S. 27 (Deutsche Volksausgabe)

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Hommage an Trakl 4. An einen Frühverstorbenen

Mein dunkler Engel, mein Umnachteter, /du musst einst Kind gewesen sein, /das mit seltsamem Lächeln jene /steinernen Stufen in Mönchsberg im Herbst /herabgestiegen ist. /Könntest du hören, /was die Steine sangen, könntest du /das Fleisch riechen, das den Wald /begrünte, mit Hoffnung und Tod, /könntest du /die Klage des Rehs vernehmen? Welch purpurne Sonne /starb in den nackten Ästen der Ulme, /welche Blume wurde zu Blut, /als sie auf deiner Zunge blühte? //Die Abendglocken hatten immer dieses Blau /wie jetzt. Immer sind die Sterne gut. /Du hättest sie gemocht, die Sterne, heute Abend, /allein und schweigend wärest du gewandert /unter Ulmen, die das Ufer säumen.

um١rمûنg

Die Überschrift dieses Beitrags bildet ein deutsches Wort, das aus dem deutschen und dem arabischen Alphabet oder Abdschad zusammengesetzt wird. Die Buchstabenmischung verweist voraus auf die Wortmischung im heutigen Gedicht. Der aus Syrien stammende, in Leipzig lebende Autor Xoşewîst (gesprochen Khoshewist mit englischem Kh-) bildet eine besondere Art makkaronischer Poesie (Gedichte, die Wörter aus verschiedenen Sprachen kombinieren). In den Gedichten seines ersten Gedichtbands sind es drei bis fünf von diesen: Deutsch, Kurdisch, Arabisch, Englisch und Spanisch. Neben jedem Gedicht steht eine umfangreiche Wortliste, ein Glossar in diesen Sprachen, in dem man „Schlüsselworte“ nachschlagen kann. So sollten Sprecher aller fünf Sprachen imstande sein, die Gedichte zu lesen. Wem es Spaß macht, könnte natürlich auch einzelne Wörter in andere Sprachen setzen, so dass viele, sehr viele mögliche Gedichte entstehen. Wenn man den Code unter dem Gedicht mit dem Handy fotografiert, kann man sich das Gedicht vorlesen lassen (besonders nützlich natürlich, wenn man wie ich die arabischen Wörter nicht lesen kann).

Das Wort in der Überschrift übrigens (es ist auch die Überschrift unseres Gedichts) heißt, wenn ich richtig geraten (und anschließend nachgeschlagen) habe: umarmûng.

deutsch-arabisch-kurdisch-englisch-spanische makkaronische Poesie von einem Syrer aus Leipzig

Aus: Xoşewîst: Leipzig*t [statt * ein arabischer Buchstabe, den ich nicht nachbilden konnte. Vielleicht kann jemand helfen, siehe Foto unten.]. München: hochroth, 2020. ISBN 978-3-903182-36-3

when we are dead we’ll know

Heiner Müller

forget the yes + no 
there is nor king nor queen 
when we are dead we'll know 
how stupid we have been

(Vermutlich um 1987)

Aus: Heiner Müller, Warten auf der Gegenschräge. Gesammelte Gedichte. Hrsg. Kristin Schulz. Berlin: Suhrkamp, 2014, S. 330

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forget the yes + no
there is nor king nor queen
when we are dead we’ll know
how stupid we have been

Wenn schicksalsmüde sich das Volk verirrt

Heute vor 120 Jahren wurde Reinhold Schneider in Baden-Baden geboren.

Reinhold Schneider 

(* 13. Mai 1903 in Baden-Baden; † 6. April 1958 in Freiburg im Breisgau) 

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Wenn schicksalsmüde sich das Volk verirrt, 
Sein Recht verwirft, vererbtes Gut zerschlägt, 
Aus falschem Erze Hoheitszeichen prägt 
Und immer andrer Toren Sklave wird;

Wenn jeder Größe Maßstab sich verwirrt, 
Kein Wert besteht, kein Glaube ruht und trägt, 
Gepeitschter Wahn des Lebens Stamm zersägt 
Und durch die Luft der Todesbote schwirrt;

Dann kommt der Tag, den ich jetzt kommen sehe, 
Wo sich das Nichts, das alle in sich nährten, 
Die Welt vernichtend sichtbar offenbart.

Noch bleibt ein Bangen namenlosem Wehe, 
Die Letzten fallen dann, die sich bewährten;
Nichts bleibt von uns und nichts von unsrer Art.

(21.7.1934)

Aus: Reinhold Schneider: Gedichte. Auswahl und Nachwort von Christoph Perels. (Gesammelte Werke 8). Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1987, S. 269

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Wenn schicksalsmüde sich das Volk verirrt, /Sein Recht verwirft, vererbtes Gut zerschlägt, /Aus falschem Erze Hoheitszeichen prägt /Und immer andrer Toren Sklave wird; //Wenn jeder Größe Maßstab sich verwirrt, /Kein Wert besteht, kein Glaube ruht und trägt, /Gepeitschter Wahn des Lebens Stamm zersägt /Und durch die Luft der Todesbote schwirrt; //Dann kommt der Tag, den ich jetzt kommen sehe, /Wo sich das Nichts, das alle in sich nährten, /Die Welt vernichtend sichtbar offenbart. //Noch bleibt ein Bangen namenlosem Wehe, /Die Letzten fallen dann, die sich bewährten; /Nichts bleibt von uns und nichts von unsrer Art./

das können sie mir wirklich glauben ich weiß wovon ich rede!

POESIEPANDEMIE-Preview: 4. Tom de Toys

Exklusive Erstveröffentlichung für die Lyrikzeitung (in gekürzter Version ohne Aufzählung von Synonymen, live vollständig), erscheint im Band 2 der Reihe „UNIFORM UND UNIVERSUM“ (Sommer 2023). Aktuelles Buch: „SYMPTOMFREI OFFLINE“ (45 Neue definierte Gedichte, BoD 2023). De Toys liest am heutigen Freitag, den 12.5.2023 als Vierter+Achter LIVE & CLOSE in der Werstener Zweigstelle der Stadtbücherei Düsseldorf beim Projekt www.LyrikLEBT.de WEITER! (Die gleichnamige Anthologie der 4 Autoren enthält andere Texte)

24.+30.4.2023 © POEMiE™

SPRACHFETISCHISMUS

von meiner person werden sie niemals betrogen (…) aber sollten sie trotzdem das unangenehme gefühl nicht mehr loswerden daß es sich bei diesem gedicht hier um keine ernst gemeinte lyrik handelt sondern ich das land der digitalen dichter dem gespött preisgebe pflaumen sie mich bitte ehrlich an ich werfe dann mit hohlen äpfeln aus dem glashaus zurück und vielleicht können wir sogar gemeinsam einen einzigartigen obstsalat erfinden der ganz anders schmeckt als alle bekannt gewordenen bisherigen aber das wäre wahrscheinlich ein kleines wunder zu viel für den deutschen literaturbetrieb und fällt dann unter die kategorie „gesunde gedichte“ die nicht im lyrikregal da hinten in der ecke stehen sondern da vorne am ausgang auf den großen tischen (…) ich kann gerne mitkommen falls sie sich unsicher sind nein nein das ist gar nicht lächerlich man verläuft sich leicht in einer derart riesigen buchhandlung und es passiert äußerst selten daß überhaupt jemand nach poesie oder so sucht doch doch das können sie mir wirklich glauben ich weiß wovon ich rede!

Musik erkannt?

POESIEPANDEMIE-Preview: 3. Marvin Chlada

Exklusive Erstveröffentlichung für die Lyrikzeitung, erscheint im Band „Hunger & Liebe“ (Sommer 2023). Aktuelles Buch: „Die Melancholie des Teufels“ (Gedichte, Dialog Edition 2021). Chlada liest am morgigen Freitag, den 12.5.2023 als Dritter+Siebter LIVE & CLOSE in der Werstener Zweigstelle der Stadtbücherei Düsseldorf beim Projekt www.LyrikLEBT.de WEITER! (Die gleichnamige Anthologie der 4 Autoren enthält andere Texte)

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Musik erraten

La la la laaa
La la la laaa

Und?
Erkannt?

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Musik erraten

La la la laaa
La la la laaa

Und?
Erkannt?

Unterton

POESIEPANDEMIE-Preview: 2. Harald Kappel

Exklusive Erstveröffentlichung für die Lyrikzeitung. Aktuelles Buch: „nasse Landstrasse nachts“ ( 50 Gedichte, KOVD-Verlag 2022). Kappel liest am Freitag, den 12.5.2023, als Zweiter+Sechster LIVE & CLOSE in der Werstener Zweigstelle der Stadtbücherei Düsseldorf beim Projekt www.LyrikLEBT.de WEITER! (Die gleichnamige Anthologie der 4 Autoren enthält andere Texte)

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UNTERTON

im gelben Wasser
bewegen sich die Hermaphroditen
auf seltsame Weise
ein Spiel und eine Einbildung
zwischen Seepferdchen und Rettungsschwimmern
in der Fantasie
nimmt ihr Neopren
einen mysteriösen Raum ein
zwischen oneirisch und paradox
doch in den Wellen
hat das Drama einen nassen Unterton
jeder Gesang verklingt
im sauren Bauch der Wale
und wenn ich romantisch wäre
könnte ich sagen
wie es ist
und nicht
wie man einen Menschen zeichnet
ich meine
einen richtigen Menschen
und nicht seine Antithese
das ist was für helle Köpfe
und nicht
für eine Kreatur
im gelben Wasser
zwischen Seepferdchen und Rettungsschwimmer

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UNTERTON

im gelben Wasser/ bewegen sich die Hermaphroditen/ auf seltsame Weise/ ein Spiel und eine Einbildung/ zwischen Seepferdchen und Rettungsschwimmern/ in der Fantasie/ nimmt ihr Neopren/ einen mysteriösen Raum ein/ zwischen oneirisch und paradox/ doch in den Wellen/ hat das Drama einen nassen Unterton/ jeder Gesang verklingt/ im sauren Bauch der Wale/ und wenn ich romantisch wäre/ könnte ich sagen/ wie es ist/ und nicht/ wie man einen Menschen zeichnet/ ich meine/ einen richtigen Menschen/ und nicht seine Antithese/ das ist was für helle Köpfe/ und nicht/ für eine Kreatur/ im gelben Wasser/ zwischen Seepferdchen und Rettungsschwimmer/ /

LyrikLebt.de

POESIEPANDEMIE-Preview: 1. Boris Kerenski

Exklusive Erstveröffentlichung für die Lyrikzeitung. Aktuelles Buch: „Helden der Krise“ (Stadtlichter Presse 2020, illustriert von Dieter Groß) Kerenski liest am Freitag, den 12.5.2023 als Erster+Fünfter LIVE & CLOSE in der Werstener Zweigstelle der Stadtbücherei Düsseldorf beim Projekt www.LyrikLEBT.de WEITER! (Die gleichnamige Anthologie der 4 Autoren enthält andere Texte)

Beinhart wie’n Dengler

Charlotte wollte ihn und Dengler tat nichts, um das zu verhindern. Als sie ihn nicht mehr wollte, willigte er in die Trennung ein. Für die Zeugung eines Kindes penetrierte er seine Frau. Diesen Beitrag leistete Dengler so anstandslos wie die nun daraus resultierenden Unterhaltszahlungen. Er war nie ein Familienmensch gewesen, weshalb ihn jetzt auch keine Verluste plagen. Nur die turnusmäßigen Abbuchungen, die Reduktion im Kontoauszug auf Empfänger, IBAN, Betrag und Verwendungszweck erinnern ihn für den Bruchteil einer Sekunde an die beiden. Dengler arbeitet als Journalist, exakter als Kunstkritiker der lokalen Kulturseite, die im Mantel einer Regionalzeitung einer Stadt mit D-Lagen-Klassifikation erscheint. Giselingen hat keine 30.000 Einwohner, die Szene ist überschaubar, Dengler somit gut vernetzt und – diametral zu seiner privaten Lethargie – in Angelegenheiten der Kunst ein regelrechter Quirl und strikter Verteidiger der Maxime: „Kunst kommt von Können.“ Manchen Emporkömmling mit Installationen oder gar Performances im Portfolio hat seine Blutgrätsche vom Platz gefegt. Die Verrisse sind so gefürchtet, dass sich mittlerweile fast nur noch Druckgrafiker für eine Ausstellung in der städtischen Galerie bewerben, denn der formal-handwerkliche Aspekt findet Gnade, auch wenn Dengler die Inhalte „impertinent“ findet. (…) / FORTSETZUNG LIVE & CLOSE AM 12.5.2023 (PREMIERE!)

soldat

Heute vor 20 Jahren starb der österreichische Schriftsteller Heimrad Baecker.

Heimrad Baecker

(* 9. Mai 1925 in Wien; † 8. Mai 2003 in Linz)

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soldat

hat seinen zweck
erfüllt
hat einen dreck
geholfen
hat sein gewand
zerfetzt
sich mit schand
besudelt
hat sich noch
hergedreht
bedeckt mit schorfen
hat sich noch einmal hoch-
geworfen

Gefunden hier https://webarchiv.servus.at/hillinger/1996/596/baecker.html

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soldat 

hat seinen zweck /erfüllt /hat einen dreck /geholfen /hat sein gewand /zerfetzt /sich mit schand /besudelt /hat sich noch /hergedreht /bedeckt mit schorfen /hat sich noch einmal hoch- /geworfen //

schäm dich

Gedicht ist, wenn’s wehtut. In diesem Buch von Yevgeniy Breyger tut’s ordentlich weh. Ein längeres Gedicht daraus, lese ganz, wer es aushält. Unbedingt bis zum Schluss lesen!

Yevgeniy Breyger

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schäm dich


ich stehe also in der bahnhofshalle magdeburg 
frauen mit kurzen röcken, männer mit kurzen hosen 
trotzdem komplett unsexy 
hässlichste frisuren, stillos gekleidet 
sogar die linken rechte assis, klassiker MD 
alles beim alten, aber dann kommen ja die ukrainer*innen dazu 
immer wenn ich denke, oh, der pulli ist schön, die schuhe sind cool 
das sind dann auf jeden fall ukrainer*innen
aber ich fühle mich selbst seit monaten schlecht, wenn ich mich anschau 
ertrag meine augen nicht, nase, zähne, bauch vor allem, nur augenbrauen ok 
ich glaube, ich nehm zu, weil ich einfach zu viel ess und keinen sport mach 
wills aber aufs weniger rauchen schieben
Angerona hat völlig recht, dass wir aufhören sollen, aber ich hab mal wieder 
null disziplin
ist es eigentlich normal, dass die deutschen das hässlichste volk sind?
ich meine, die haben so winzige augen, entstellte visagen und keinen humor 
schweizer noch schlimmer, die österreicher in ordnung, nette menschen

neulich wieder offener brief nummer 1000 von irgendwelchen deutschen
die sich ernsthaft „intellektuelle" nennen
(haha, wie kann man sich so bezeichnen, bescheuert) 
ukraine solle sich ergeben. danke danke. die alte deutsche tugend, moralisch 
bodenlos usw.
alexander kluge dabei, versteht russland natürlich wieder prima 
weitere drittklassige autor*innen, alice schwarzer, klar
bezeichnet im fernsehn ukraine beim interview zur lage 2 × als ungarn
(kein witz)
wenn das jemand aus dem fernsehn liest, bitte ladet mich ein
egal, welches thema, ich wollt schon immer im fernsehn referiern 
das macht auch die eltern stolz
bestimmt verschluck ich dann wieder die endungen und man muss raten
was ich gesagt hab, macht daheim den ton vom gerät unnötig lauter, hilft nix

aber ich hätt was zu sagen!
guten tag, sie kommen aus der ukraine, sprechen aber gut deutsch –

mund halten, markus lanz! ich sprech besser als du! puh 
ich versteh nicht, weshalb ich überhaupt diese namen kenne 
Angerona sagt, wir sollten eventuell nach belgien 
eigentlich bin ich dagegen, weil ich denk 
ich kann nicht ohne deutsche sprache, ziemlich peinlich 
deutschland tut, als wärs kulturland und kunst wird gehasst 
literaturkritiker*innen verstehen grundsätzlich von allem hart wenig 
vor allem vom schreiben
kulturreferate stellen pappschildchen vor ihre veranstaltungen, halten reden 
in frankfurt neulich „literaturm-festival“ z. B., eh so ein blöder name 
und welches genie hat sich ausgedacht, das zu eröffnen (große vorreden:
es soll dieses jahr um die ukraine gehen, superwichtig, superernst) 
mit dem russen viktor jerofejew. na wer wars?
erstmal paar geiger mit russischer klassik, dann der fejew auf der bühne 
mit dolmetscherin und junger moderatorin aus der ukraine 
mein gott, die arme!
jerofejew schwafelt blödsinn von wegen russland sei ein land ohne geschichte

märchen statt geschichte, große kultur, kein wort vom krieg 
kein wort von russischen dreckssoldaten
kein Wort von toten
kein wort von müttern, die vergewaltigt werden vor den augen der kinder 
der krieg sei entstanden, weil europa russland missversteht 
die moderatorin macht das sehr gut, hat aber kaum eine chance 
der russe ist standesgemäß auch vollsexist, unterbricht sie bei jeder gelegenheit 
sie stelle so blöde fragen, weil auch sie russland nicht verstehe 
sitzt breitbeinig auf seim stuhl wie die oberratte 
und die simultandolmetscherin entschärft auch noch, was er sagt 
dass die deutschen s nicht checken, manchmal macht sie auch einfach fehler 
miese nummer
die moderatorin jedenfalls machts gut, weist auf sachen hin 
reflektiert die sprechsituation, konfrontiert 
keine chance, alles lang verloren
aber es ist ja nicht seine schuld, was soll der trottel sagen 
das festival hat dafür schuld! haben wieder nichts verstanden

was setzen sie den dahin, ich verstehs nicht 
schämt euch, wirklich
irgendwann halt ichs nicht aus und schrei, der idiot soll seinen mund halten 
ich kann einfach nicht mehr
schreie nochmal rein, renn raus aus dem raum 
(Angerona war schon vor 15 minuten rausgestürmt) 
ich seh sie dann draußen auf der straße weinen, es tut mir alles so leid 
später höre ich, die leute im publikum hätten darüber geredet 
wer sei der mann gewesen, der raus ist, bestimmt ein böser russ 
fand bestimmt, sein land wurde zu sehr kritisiert 
mein gott. mein gott! wie soll man das ganze aushalten 
wie kann man so leben, wie schauen die leute in den spiegel?
verstand? gefühl? schämt euch
ich sehne mich nach edenkoben, da ist Robert, da ists schön 
Angerona und ich sollten ihn bald unbedingt besuchen fahren

wirklich, schäm dich. du weißt, dass du gemeint bist

Aus: Yevgeniy Breyger: Frieden ohne Krieg. Berlin: Kookbooks, 2023, S. 20-24.

Yevgeniy Breyger wurde 1989 in Charkiw geboren, damals Sowjetunion, heute Ukraine. Mit 10 Jahren kam er mit seinen Eltern nach Deutschland.

Hier noch einmal der Text in anderer Formatierung, weil Verse wie in den oben stehenden Blöcken seit neuestem in manchen Mailprogrammen nicht angezeigt werden. / = Absatz, // = Leerzeile, /// = neue Seite. (Für Leser der Mail: die korrekte Formatierung siehe http://lyrikzeitung.com)

schäm dich

ich stehe also in der bahnhofshalle magdeburg  /frauen mit kurzen röcken, männer mit kurzen hosen  /trotzdem komplett unsexy  /hässlichste frisuren, stillos gekleidet  /sogar die linken rechte assis, klassiker MD  /alles beim alten, aber dann kommen ja die ukrainer*innen dazu  /immer wenn ich denke, oh, der pulli ist schön, die schuhe sind cool  /das sind dann auf jeden fall ukrainer*innen /aber ich fühle mich selbst seit monaten schlecht, wenn ich mich anschau  /ertrag meine augen nicht, nase, zähne, bauch vor allem, nur augenbrauen ok  /ich glaube, ich nehm zu, weil ich einfach zu viel ess und keinen sport mach  /wills aber aufs weniger rauchen schieben /Angerona hat völlig recht, dass wir aufhören sollen, aber ich hab mal wieder  /null disziplin /ist es eigentlich normal, dass die deutschen das hässlichste volk sind? /ich meine, die haben so winzige augen, entstellte visagen und keinen humor  /schweizer noch schlimmer, die österreicher in ordnung, nette menschen ///neulich wieder offener brief nummer 1000 von irgendwelchen deutschen /die sich ernsthaft „intellektuelle“ nennen /(haha, wie kann man sich so bezeichnen, bescheuert)  /ukraine solle sich ergeben. danke danke. die alte deutsche tugend, moralisch  /bodenlos usw. /alexander kluge dabei, versteht russland natürlich wieder prima  /weitere drittklassige autor*innen, alice schwarzer, klar /bezeichnet im fernsehn ukraine beim interview zur lage 2 × als ungarn /(kein witz) /wenn das jemand aus dem fernsehn liest, bitte ladet mich ein /egal, welches thema, ich wollt schon immer im fernsehn referiern  /das macht auch die eltern stolz /bestimmt verschluck ich dann wieder die endungen und man muss raten /was ich gesagt hab, macht daheim den ton vom gerät unnötig lauter, hilft nix //aber ich hätt was zu sagen! /guten tag, sie kommen aus der ukraine, sprechen aber gut deutsch – ///mund halten, markus lanz! ich sprech besser als du! puh  /ich versteh nicht, weshalb ich überhaupt diese namen kenne  /Angerona sagt, wir sollten eventuell nach belgien  /eigentlich bin ich dagegen, weil ich denk  /ich kann nicht ohne deutsche sprache, ziemlich peinlich  /deutschland tut, als wärs kulturland und kunst wird gehasst  /literaturkritiker*innen verstehen grundsätzlich von allem hart wenig  /vor allem vom schreiben /kulturreferate stellen pappschildchen vor ihre veranstaltungen, halten reden  /in frankfurt neulich „literaturm-festival“ z. B., eh so ein blöder name  /und welches genie hat sich ausgedacht, das zu eröffnen (große vorreden: /es soll dieses jahr um die ukraine gehen, superwichtig, superernst)  /mit dem russen viktor jerofejew. na wer wars? /erstmal paar geiger mit russischer klassik, dann der fejew auf der bühne  /mit dolmetscherin und junger moderatorin aus der ukraine  /mein gott, die arme! /jerofejew schwafelt blödsinn von wegen russland sei ein land ohne geschichte ///märchen statt geschichte, große kultur, kein wort vom krieg  /kein wort von russischen dreckssoldaten /kein Wort von toten /kein wort von müttern, die vergewaltigt werden vor den augen der kinder  /der krieg sei entstanden, weil europa russland missversteht  /die moderatorin macht das sehr gut, hat aber kaum eine chance  /der russe ist standesgemäß auch vollsexist, unterbricht sie bei jeder gelegenheit  /sie stelle so blöde fragen, weil auch sie russland nicht verstehe  /sitzt breitbeinig auf seim stuhl wie die oberratte  /und die simultandolmetscherin entschärft auch noch, was er sagt  /dass die deutschen s nicht checken, manchmal macht sie auch einfach fehler  /miese nummer /die moderatorin jedenfalls machts gut, weist auf sachen hin  /reflektiert die sprechsituation, konfrontiert  /keine chance, alles lang verloren /aber es ist ja nicht seine schuld, was soll der trottel sagen  /das festival hat dafür schuld! haben wieder nichts verstanden ///was setzen sie den dahin, ich verstehs nicht  /schämt euch, wirklich /irgendwann halt ichs nicht aus und schrei, der idiot soll seinen mund halten  /ich kann einfach nicht mehr /schreie nochmal rein, renn raus aus dem raum  /(Angerona war schon vor 15 minuten rausgestürmt)  /ich seh sie dann draußen auf der straße weinen, es tut mir alles so leid  /später höre ich, die leute im publikum hätten darüber geredet  /wer sei der mann gewesen, der raus ist, bestimmt ein böser russ  /fand bestimmt, sein land wurde zu sehr kritisiert  /mein gott. mein gott! wie soll man das ganze aushalten  /wie kann man so leben, wie schauen die leute in den spiegel? /verstand? gefühl? schämt euch /ich sehne mich nach edenkoben, da ist Robert, da ists schön  /Angerona und ich sollten ihn bald unbedingt besuchen fahren //wirklich, schäm dich. du weißt, dass du gemeint bist /

Ich komme zu dir zurück

Lina Atfah

(* 1989 in Salamiyah, Syrien; lebt in Nordrhein-Westfalen)

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Rückkehr

Ich komme zu dir zurück 
aus der unwirtlichen Ferne, 
aus der endlosen Schlaflosigkeit.
Triste Gesichter hielten mich auf, 
dunkle Striemen auf dem Rücken.
Im Weizenfeld hungerte ich nach Brot.
Im Regen schmeckte ich Bitterkeit.
In der Kälte brannte der Wald.
Schmerz um Schmerz um Schmerz.
Und nun bin ich an deiner Tür, 
befreit von allem Groll.

Aus dem Arabischen übersetzt und nachgedichtet von Brigitte Oleschinski und Osman Yousufi, aus: Lina Atfah, Grabtuch aus Schmetterlingen. Gedichte. Bielefeld: Pendragon, 2022, S. 23

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Rückkehr

Ich komme zu dir zurück / aus der unwirtlichen Ferne, / aus der endlosen Schlaflosigkeit. / Triste Gesichter hielten mich auf, / dunkle Striemen auf dem Rücken. / Im Weizenfeld hungerte ich nach Brot. / Im Regen schmeckte ich Bitterkeit. / In der Kälte brannte der Wald. / Schmerz um Schmerz um Schmerz. / Und nun bin ich an deiner Tür, / befreit von allem Groll.

In dunklen Zeiten

Andreas Reimann

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IN DUNKLEN ZEITEN

Darf einer singen, wenn geschütze dröhnen
und selbst der nachbar zorn und hass  vermischt,
und wenn die seuche mit dem schleppnetz fischt, 
und wenn die leute um die zukunft stöhnen?

Da muß er singen! Alle schönheit muß
in töne er und wörter übersetzen,
sich selbst zu hören, und auf allen plätzen
ein lied zu sein: ein sanfter regenguß
im überhitzten! Daß da kein gesicht, 
verschwitzt, verkrampft, dem mörder ähnlich werde:
die freundlichkeit ist leicht uns auszutreiben.

Doch mensch sein heißt: es bleiben. Andres nicht. –

Drum wag ein lied, die zärtliche gebärde:
wir müssen für den frieden tauglich bleiben.

Hier noch einmal der Text in anderer Formatierung, weil Verse wie in den oben stehenden Blöcken seit neuestem in manchen Mailprogrammen nicht angezeigt werden.

IN DUNKLEN ZEITEN

Darf einer singen, wenn geschütze dröhnen
und selbst der nachbar zorn und hass  vermischt,
und wenn die seuche mit dem schleppnetz fischt, 
und wenn die leute um die zukunft stöhnen?

Da muß er singen! Alle schönheit muß
in töne er und wörter übersetzen,
sich selbst zu hören, und auf allen plätzen
ein lied zu sein: ein sanfter regenguß
im überhitzten! Daß da kein gesicht, 
verschwitzt, verkrampft, dem mörder ähnlich werde:
die freundlichkeit ist leicht uns auszutreiben.

Doch mensch sein heißt: es bleiben. Andres nicht. –

Drum wag ein lied, die zärtliche gebärde:
wir müssen für den frieden tauglich bleiben.