63. Gestorben

Ken Graydon verdiente seinen Lebensunterhalt durch Autoreparaturen. Aber seine Leidenschaft war das Schreiben von Gedichten und Liedtexten und Erzählen von Geschichten.

Für jemanden, der sich unter Dichtern kleine, schüchterne intellektuelle Typen vorstellt, war Graydon ein Schocker.

Er war 1,95 groß und wog in seinen besten Zeiten 100 Kilo. Seine Stimme war ein kräftiger Bariton, und er geizte nicht mit Lob für andere Versschmiede.

Graydon, der mit Reimen Geschichten von Männern erzählte, die im Freien mit ihren Händen arbeiten, die in seinen Augen das Rückgrat Amerikas waren, starb am 30.7. in seinem Haus in Fallbrook, Kalifornien, nach monatelangem Kampf gegen Krebs mit 77 Jahren.

Die Figuren in seinen Gedichten sind oft eine Mischung von Heiliger und Sünder, wie wirkliche Menschen. / Tony Perry, Los Angeles Times 10.8.

62. Antiklage

Bedarf Dorianne Laux’  Antiklage wirklich einer Auslegung oder gehört es einfach zu jenen glücklichen Gedichten, die nichts anderes sein und sagen wollen als sie eben sind und sagen?  Eher denn zu einem Kommentar ermuntert mich dieses Gedicht zu einer persönlichen Antwort, etwa als säße ich der Autorin bei einer Tasse Kaffee gegenüber und erzählte ihr nun meinerseits  von all den Peinlichkeiten und Missgeschicken, die man gemeinhin schamhaft vor sich selbst und seiner Umwelt verbirgt, und die dennoch das Unterfutter eines jeden Lebens ausmachen. / Stefanie Golisch übersetzt und kommentiert das Gedicht Antilamentation von Dorianne Laux, fixative

61. Arsch

Einmal hat Evelyn Schlag gedichtet, wie das so ist, wenn Frauen Fußball im TV schauen. Es geht so:
„Ich finde, bringen tut’s der Arsch. Wenn er sich bückt, / Wenn er den Ball hinlegt. Moment, die Nudeln kochen.“ / kurier.at

60. Apart

Er ist einer der großen deutschen politischen Gegenwartsschriftsteller: In einem Gedicht thematisiert Rolf Hochhuth den Mauerbau. ZEIT ONLINE veröffentlicht es exklusiv.

Schreibt ZEIT ONLINE. Das Gedicht reimt Berlin auf Dauerruin / Bulganin, Hitlersoldaten auf Siegerparaden und Adenauer auf  Mauer und ist auch sonst apart.

Hier (junge Welt) ein Gedicht von Gerd Adloff

59. Versunken in Karstadt-Gedanken

(Rezension von Kristoffer Cornils, erschienen in junge Welt 11.8.)

Wer im dichterischen Gestus zwischen Zeige- und Mittelfinger changiert, bekommt schnell Vorwürfe zu hören. Vor allem den der Eindeutigkeit, Plattitüdenhaftigkeit. Je höher die (gesellschafts-)kritische Aufladung der Texte, desto unpoetischer sind sie, ist ein beliebtes Vorurteil. Es gibt Gegenbeispiele genug, es gibt aber auch Lyrik, die sich sprachlich selbst aushebelt und ihre Grundhaltung unterläuft. Dazu gehört auch Florian Voß‘ mittlerweile vierter Lyrikband. Auch an dem könnte man die Apparatur der vorschnellen Verdikte bedienen: Man könnte die Texte mit ihrem raubeinigen Sarkasmus und ziemlich deutlichen Absichten als Meinungsmache abkanzeln, als Entmündigung des Lesers.

Sieht man aber über die offensichtlichen Kritik und die  Polemiken hinweg, die »Datenschatten Datenströme Staub« überwiegend ausmachen, bleibt die Sprache eine Materialschlacht, die zum Friendly fire wird. Voß bedient sich dem Medien- und Alltagssprech, verwendet technische Termini und ist selbst preziösen Genetivmetaphern wie „Der ausgekippte Rosé der Sonne“ nicht abgeneigt, was Vorbilder aus dem expressionistischen Jahrzehnt erahnen lassen. Und analog zu den geistigen Vorfahren versucht Voß die Menschheitsdämmerung an den großstädtischen Dönerstand zu zeichnen. Andererseits wirft er mit sperrigen Begriffen um sich, Schlagworten, die sich nicht zusammenfügen oder im schlimmsten Fall dem zureden, was er zu kritisieren meint. Komposita wie „Karstadt-Gedanken“, „Laden-Mädchen“ oder „Maggi-Gesichter“ sind nicht nur ziemlich platt, die Pointen kopieren sogar die Manier der Boulevardpresse bis in die Orthographie hinein und sind vielleicht noch als Rezeption dieser zu verstehen, aber nicht wirklich kritisch weiterzudenken. Die Impulse, die die Gedichte liefern könnten, bleiben so aus.

Es liegt dann eben alles zu offen da: Der Stumpfsinn des Konsumentenlebens, die zu absoluter Apathie führenden medialen Mindfucks und der digitale Eskapismus, die Voß‘ Hauptthemen ausmachen, sind eher erdrückend als eindringlich gezeichnet. Die Provokation, die von Zeilen wie die vom „Spielplatz / auf dem besoffene Kinder sich / die Knüppel übern Schädel ziehen“ ausgehen soll, oder überzynische Appelle wie „Laßt [sic, im Buch wird die neue Rechtschreibung verwendet. Anm. K. C.] uns Kinder abtreiben / und sie bei Oliver Geissen hochhalten“ verpuffen sehr schnell. Anstatt also die Perversion des 21. Jahrhunderts zu demaskieren, tragen die Texte noch eine weitere Schicht auf.

Stärker zeigt sich Voß beim Rückzug ins Private. Im Mittelteil findet der Band seinen Höhepunkt in Texten, die sich überwiegend mit dem Tod von Familienangehörigen auseinandersetzen, bevor er sich in literaturhistorisch ausgerichteten Texten wieder verliert. Voß‘ Stärken liegen nicht unbedingt in der kritischen Auslassung, sein Umgang mit der Sprache steht ihm, selbst bei den vielleicht besten Intentionen, zu sehr im Weg: Für ein geschmackloses Celan-Echo wie „Hellgraue Milch des verhangenen Vormittags / wir trinken dich und fragen uns: / hat da jemand reingeascht?“ gibt es schon fast keine Entschuldigung mehr.

Florian Voß: Datenschatten Datenströme Staub. Verlagshaus J. Frank, Berlin 2011. 80 S., 13,90€.

(hier Cornils Text mit fast 8 Minuten Audio: Voß liest Gedichte – darunter gleich eingangs das mit dem Milchzitat)

Vgl. L&Poe #38. Paul Celan-Anspielungstest

58. Sujet-Verlag

Mohits Sujet-Verlag in Bremen ist heute eine Erfolgsgeschichte. Was zunächst in einem Keller mit einer alten Druckmaschine beginnt, ist heute ein Verlag, der bereits 72 Bücher publiziert hat. Besonders am Herzen liegt dem Verleger die Lyrik. „Sie ist für mich die schönste literarische Form.“ Leider sei der Markt dafür jedoch sehr klein. Ein Traumprojekt wäre für ihn eine Veranstaltungsreihe über deutsche und iranische Lyrik in zwei Sprachen. Bislang ist dies jedoch an der Finanzierung gescheitert. / Johannes Schnös, Süddeutsche Zeitung

57. American Life in Poetry: Column 333

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

 

Here is a lovely poem by Robert Cording, a poet who lives in Connecticut, which shows us a fresh new way of looking at something commonplace. That’s the kind of valuable service a poet can provide.

 

Old Houses

 

Year after year after year
I have come to love slowly

how old houses hold themselves—

before November’s drizzled rain
or the refreshing light of June—

as if they have all come to agree
that, in time, the days are no longer
a matter of suffering or rejoicing.

I have come to love
how they take on the color of rain or sun
as they go on keeping their vigil

without need of a sign, awaiting nothing

more than the birds that sing from the eaves,
the seizing cold that sounds the rafters.

 

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2010 by Robert Cording from his most recent book of poetry, Walking with Ruskin, CavanKerry Press, Ltd., 2010. Reprinted by permission of Robert Cording.

Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

56. Hotlist 10

Noch bis zum 15.8. kann man für die Nominierung zur Hotlist der 10 besten Bücher aus unabhängigen Verlagen abstimmen. Aus diesen werden dann 2 Preisträger gewählt. Unter den 30 nominierten Büchern sind auch 3 Gedichtbände:

  • John Ashbery: Ein weltgewandtes Land (luxbooks)
  • Les Murray: Größer im Liegen (Rugerup)
  • Daniela Seel: ich kann diese stelle nicht wiederfinden (kookbooks)

55. Erika Greber gestorben

Die Literaturwissenschaftlerin Erika Greber starb am 31.7. im Alter von 59 Jahren. Die Slawistin hatte eine Professur für Komparatistik an der Universität Erlangen-Nürnberg. Ihre Aufsätze über die 1638 gestorbene Barockdichterin Sibylla Schwarz gehören zu den wenigen inspirierenden Arbeiten über die von der Germanistik weitgehend ignorierte Autorin. Ihre Bücher sind spannende Lektüre für Lyrikfreunde. Hier ein Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis des Buches „Textile Texte“

  • Pletenie sloves vs entrebescar los motz
  • Mythopoetik
  • Die mythopoetische Basis des Anagrammatismus
  • Mythopoetik Mythopoesie und Metapoesie
  • Die Poetik des Wortflechtens und Wortwindens
  • Verschleiernde Textur sensus absconditus
  • Entwurf einer komparatistischen Gattungstheorie und -geschichte
  • Das Spiel mit bouts rimes und die futuristischformalistische Ästhetik
  • EXKURS zur Tradierung der ars combinatoria in Rußland
  • Das Sonett als Gattung des Wortflechtens entrebescar

Erika Greber
Textile Texte
(Band 9 von Pictura et poesis)
Böhlau Verlag Köln Weimar, 2002
ISBN 3412148962, 9783412148966
771 Seiten

54. Mehrwert des Blankverses

Christopher Schmidt sprach mit dem Shakespeare-Übersetzer Frank Günther (Süddeutsche Zeitung 6.8.):

Günther: Die kanonisierte Übersetzung ist die von Schlegel, die ebenso wenig aussterben wird wie die Luther-Bibel. Das hat einen bestimmten Ton, den man mit Shakespeare identifiziert, das ist die Benchmark. Gleichzeitig gibt es in Schlegels leicht trällernden Übersetzungen eine Verniedlichung, die im Original nicht enthalten ist, das immer von Lakonie und Direktheit bestimmt wird. In einem der ‚Heinrich‘-Dramen heißt es bei Schlegel verquast: ‚Reicht Mantel mir und Degen. Freunde, gute Nacht!‘ So was hat noch kein deutscher Muttersprachler freiwillig gesagt. Bei Shakespeare steht etwas ganz Einfaches: ‚Give me my sword and cloak. My friends, good night!‘ Ein ganz simpler Satz, kein Kunstsatz. Warum übersetzt Schlegel das so merkwürdig? Weil er den Blankvers bedienen musste, was ihm nur unter Verdrehung der Syntax gelang.

SZ: Auch Sie behalten den Blankvers, also den fünfhebigen reimlosen Jambus bei – warum?

Günther: Der Mehrwert des Blankverses besteht darin, dass die relative Formlosigkeit eines Prosasatzes eine musikalische Struktur bekommt. Es gibt mehr Möglichkeiten, den Sinn eines Satzes zu verstehen, wenn er über ein Metrum läuft. Denn der Sinn ist ja nicht nur eine rational-semantische Angelegenheit, die Klänge und Rhythmen der Sprache öffnen Deutungsmöglichkeiten für die emotionale Lage, für die Haltung einer Figur, für ihren subtextuellen Unterleib. Der Blankvers ist eine Trägerwelle, auf der ein Gedanke reitet. Man muss das gar nicht theoretisch verstehen, um zu merken, wann ein Satz eine höhere poetische Kraft hat.

Ein Blankvers ist ein syntaktisch normaler Sprechduktus, dessen unterschwelligen Beat man spüren muss, aber nicht merken darf. Aber das ist eigentlich nur noch mein privates Hobby, weil das heute eh keiner mehr versteht.

(o, ein paar Dichter wissen es schon)

53. exemplum

Nicht Respekt, sondern Zweifel ist das Instrumentarium dessen, der sich seiner Identität immer neu vergewissern muss. Ein beständiges Ich gibt es bei Ališanka nicht, nur eines, das Rollen erprobt, um sie wieder zu verwerfen. Weder Theoreme noch Definitionen kommen ihm bei. Symptomatisch heisst es in «curriculum vitae»: «hungrig geboren / absolvent des klassenspiels / diplomierter melancholiker / das ganze leben tagelöhner / am längsten ausgeübte tätigkeit – taschendieb / kurzzeitig messdiener für den einen / und sargmacher für den anderen gott / zur zeit saisonschriftsteller / lebe allein mit frau und sohn / habe mehr bücher publiziert als geschrieben / zehn erklärungen verfasst / appelle und bewerbungen / ein paar stellungnahmen / für die verkehrspolizei dieses jahr ausgezeichnet / mit einem preis des kultusministeriums / laureat im schienen-marathon / ich bitte um arbeit entsprechend meiner qualifikation / irgendwo am boden / selbst für den lohn / eines hirten mit flöte». / Ilma Rakusa, NZZ

Eugenijus Ališanka: exemplum. Gedichte. Aus dem Litauischen und mit einer Nachbemerkung von Claudia Sinnig. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2011. 111 S., Fr. 23.90. Eugenijus Ališanka / Aleš Debeljak: Baltische Adria. Zwei Essays. Aus dem Litauischen von Cornelius Hell. Aus dem Slowenischen von Ludwig Hartinger. Edition Thanhäuser, A-Ottensheim 2010. 101 S., € 20.–.

 

52. Kranichsteiner Literaturpreis für Jan Wagner

Der mit 20 000 Euro dotierte Kranichsteiner Literaturpreis geht an den Schriftsteller und Übersetzer Jan Wagner.

Wagner erhalte die vom Deutschen Literaturfonds ausgelobte Auszeichnung in Anerkennung für sein Werk, insbesondere für den im Jahr 2010 veröffentlichten Gedichtband «Australien». Seine Lyrik «belebe mit freiem und leichtem Ton klassische Traditionen», urteilte die Jury (Lerke von Saalfeld, Burkhard Müller und Andreas Platthaus) laut einer Mitteilung des Literaturfonds.

Die Auszeichnung wird am 25. November in Darmstadt verliehen. Die Laudatio hält Michael Braun.

51. Kolbe im Unterricht

Die 13. Klassen des Christophorus-Gymnasiums Altensteig bekamen im Deutschunterricht Besuch von dem aus Berlin stammenden Lyriker Ulrich Kolbe. …

Auf die Frage, ob die Interpretation eines Gedichtes oder anderer Texte in der Schule Sinn mache, erklärte Kolbe, dass eine Interpretation sinnvoll sei, weil man sich mit Texten beschäftige und man erst dann über sie reden könne.

Zwar könne man sich an der Entstehungszeit und an der Biografie des Dichters orientieren, aber wichtig sei vor allem, dass man genau am Text bleibe. In ein Gedicht dürfe nicht hineininterpretiert werden, sondern nur heraus. Jeder habe seine eigenen Gedanken zu einem Gedicht, es sei nicht möglich, einer genau vorgefertigten Interpretation zu genügen. / Schwarzwälder Bote

50. Dichter der Arbeiterschaft wird Laureate

Philip Levine, der vor allem für seine großherzigen Whitmanesquen Gedichte über die Arbeiterschaft Detroits bekannt wurde, wird Nachfolger von W.S. Merwin als Poet laureate der Vereinigten Staaten. James Billington, der Congress-Bibliothekar, sagte: „Für mich eine außergewöhnliche Entdeckung, er machte mich mit einer völlig neuen Welt bekannt, die ich nie zuvor mit der Poesie verbunden habe. Er ist der Laureate des industriellen Herzlandes, eine sehr amerikanische Stimme.“

Levine hat etwa 20 Gedichtbände veröffentlicht. 1995 erhielt er den Pulitzerpreis für “The Simple Truth”. Mit 83 Jahren ist er einer der ältesten Laureaten.

„Mein frühes Werk hatte mehr Energie, mehr Wut. Wut war ein Hauptantrieb in meinen damaligen Gedichten. Ich schätze, sie wurde durch Ironie und Liebe abgelöst“, schrieb er in einer eMail. Seine frühen Gedichte waren oft in schmalen siebensilbigen Zeilen geschrieben und schilderten das Alltagsleben der Arbeiter.

Streng genommen hat der Poet laureate wenig Pflichten während seiner einjährigen Dienstzeit. In jüngster Zeit starteten die Laureaten Projekte zur Verbreitung der Lyrik. Robert Pinsky gründete sein Favorite Poem Project, das die Amerikaner ermuntern sollte, ihre Favoriten in öffentlichen Lesungen oder Ton- und Videoaufnahmen vorzustellen. Ted Kooser gründete eine kostenlose Zeitungskolumne, in der er bis heute jede Woche ein amerikanisches Gedicht präsentiert.

Mr. Levine sagte, er habe daran gedacht, ein Projekt vorzuschlagen, in dem jeder das häßlichste Gedicht vorstellt. „Mir war klar, daß sie es nicht mögen werden, aber ich dachte mir, man müßte etwas Witziges machen, das die Leute ermuntert, die Lyrik nicht so ernst zu nehmen.“

„Wenn man an die Vorgänger im Amt denkt – die meisten sind verdammt gut. Nicht alle – ich nenne keine Namen – aber die meisten.“

/ CHARLES McGRATH, New York Times 10.8.

Die New York Times zum Thema:

49. Jerusalem frohlocke

Jetzt brachte Wolf den Text, der ihn nie losgelassen hatte. Weil in ihm mächtige Propaganda, Inbegriff befohlener Ordnung und von verordnetem Denken, von einem Ich selbst-bewusst hinterfragt wird. Es war ein Text von Albrecht von Johansdorf: „Die hinnen varen …“ Ein Kreuzzugslied, so heißt die literaturgeschichtliche Schublade, in die man es gesteckt hat. Richtiger wäre: ein Liebeslied zur Zeit der Kreuzzüge, des Ost-West-Konflikts.

Wolf begann, seinen Kram zu erklären: „Die hinnen varen“, das sind diejenigen, die zum Kreuzzug aufbrechen, die zuvor das Zeichen des Kreuzes, einen Lappen aus Wolle, sich haben anheften lassen. Die Bezeichnung Kreuzzug ist im Deutschen erst seit Lessings Zeit bekannt, im Mittelalter spricht man von „hinnen varen“, von peregrinatio, Wallfahrt, von der Reise ins Heilige Land. In diesem Gedicht ist vom bevorstehenden Kreuzzug des Stauferkaisers Friedrichs I. die Rede, jenem Kreuzzug, von dem später Ludwig Uhland treu-teutsch dichten wird: „Als Kaiser Rotbart lobesam / ins heilige Land gezogen kam, /… / sah er zur Rechten und zur Linken / einen halben Türken heruntersinken.“ 1187 war Jerusalem gefallen, diesmal in die Hände Salah ad-Dins; zuvor 1099, im ersten Kreuzzug, in die Hand der Christen. Bei den Vorbereitungen zur Operation Barbarossa heißt es wieder: Jerusalem laetare, frohlocke, Jerusalem.

Wie dieses „Frohlocken“ aussah, die grausame Realität jener „Wallfahrt“, zeigt ein lateinisches Kreuzfahrer-Lied aus der Zeit des ersten Falls Jerusalems:

Von Blut viel Tränen fließen, indem wir ohn Verdrießen das Volk des Irrtums spießen – Jerusalem, frohlocke!
Des Tempels Plastersteine bedeckt sind vom Gebeine der Toten allgemeine – Jerusalem, frohlocke!
Stoßt sie in Feuersgluten! Oh, jauchzet auf, ihr Guten, dieweil die Bösen bluten – Jerusalem, frohlocke!

/ Rainer Nübel, Kontext:Wochenzeitung

Albrecht von Johansdorf, Kreuzlied III