Adlers «Gesammelte Gedichte» liegen nun erstmals vollständig in einer mustergültigen Edition vor. Sie gelten Hauptmotiven wie dem Blick, den Jahreszeiten, dem «Gedächtnis». Diese Gedichte sind lyrisches Gedächtnis. Mnemosyne, nach Hesiod die Mutter der Musen, stand Pate, Gedicht um Gedicht. «Scharf hinzuhören in die Muschel des Gedächtnisses . . . Mut. Uferlose Trauer / Schürft uns die Hitze vom Grund, der / Atem ist den Waisen ergraut und sie / Schreien den Vater, der kommt nicht / Hervor.» So beginnt Adlers Gedicht «Steinerner Gast». Vers und Strophe sind genau gefügt; einen freien hymnischen Ton gestattete er sich selten. …
Seine Lyrik verzichtet auf expressive Neologismen. Etymologisches Wissen (bei einer Celan-Lektüre unabdingbar) fordern diese Gedichte selten; entsprechend schlank können die Kommentare ausfallen.
Diese Gedichte des Prager Schriftstellers speisen sich aus anderen Quellen, noch einmal gesagt: dem Unverhofften. «Ins Harz der Not verschlungen, graues / Gericht, zerschlagen Stein und Bein, fährt Wild steil in sein Nichts ein Grubenlied / Verschollenen Gelächters.» Hier werden keine Worte aufgebrochen; Auslassungszeichen sind überflüssig. Hier steht, was stehen soll, eine, sagen wir, Wortanmutung, eine hermeneutische Herausforderung, eingeleitet etwa durch die Überschrift: «Der letzte Ruf verschreit»
/ Rüdiger Görner, NZZ 6.8.
H. G. Adler: Andere Wege. Das lyrische Gesamtwerk. Herausgegeben von Franz Hocheneder und Katrin Kohl. Drava-Verlag, Klagenfurt 2010. 1198 S., Fr. 70.90.
Kurwenal war nicht von Schönheit gesegnet. Er sah, schreibt der britische Mediziner Jan Bondeson in seinem kuriosen Buch „Amazing Dogs“, eher wie eine fette Wurst aus. Er war deutsch-national, ein treuer Anhänger des Reichspräsidenten Hindenburg. Doch war er auch eigensinnig und grantelte gern. Zum Geburtstag machte ihm eine Abordnung des NS-Tierschutzbundes und der Hitlerjugend ihre Aufwartung. Als einer der Hitlerjungen anfing, ein langes Gedicht vorzutragen, fiel Kurwenal ihm bellend ins Wort: „Keine Gedichte mehr.“ / Eckhard Fuhr, Welt am Sonntag
Elisabeth Mann Borgese, eine der Töchter Thomas Manns, baute für ihren Setter Arli eine Schreibmaschine, die er mit der Schnauze bedienen konnte. Seine Gedichte wurden sogar gedruckt. Als sein Meisterwerk gilt „bed a ccat“:
cad a baf
bdd af dff
art ad
abd ad arrli
bed a ccat
Elisabeth litt zeitlebens unter der übermächtigen Figur des Großdichtervaters. Welch anarchische Energie steckt dahinter, dass sie ihrem Hund das Dichten ermöglicht! Oder Verzweiflung? Oder Liebe und Zorn? / Eckhard Fuhr, Welt am Sonntag
Für viele von uns war K.D. Sethna der bedeutendste mystische Dichter unserer Generation, vergleichbar nur mit Sri Aurobindo. Er hinterließ fast 1000 wunderbare Gedichte und mehrere Bände Prosa.
Die Zukunft wird entscheiden, ob Amal-Kiran (K.D. Sethna), der mit 106 Jahren starb, der letzte einer großen Tradition war oder Vorläufer einer künftigen Poesie. / Manoj Das, The Hindu
In der „Welt“ kann man heute unter der Überschrift „Der Schlagabtausch“ einen Literaturkrimi zwischen Karl Kraus und Franz Werfel lesen: sehr empfohlen!
erlauben Sie, das ich Ihnen für die Ehre und Freude vielmals danke, die Sie mir durch die Veröffentlichung meiner Gedichte bereitet haben, und halten Sie es bitte nicht für unbescheiden, wenn ich mich heute wiederum mit zwei Manuskripten an Sie wende. (…)
Ihr stets dankbarer Werfel
Prag, 17. V. 1911
am 14. April 1915:
„Aber ich war letzten Sonntag scharf, nämlich in einer Auseinandersetzung mit dem Dichter W., der mich plötzlich im Restaurant ansprach. Endlich konnte ich auch mit dieser alten Sache aufräumen. Ein Schwamm blieb in meiner Hand. Stammelte, er wisse nicht, warum er mir damals solche Dinge erzählt habe. Ich sagte, ich wisse es, und sagte ihm auch, was ich weiß: dass er unbewusst aus verletzter Eitelkeit ein Bild verhässlichen wollte. Ich hielt ihm natürlich – was das Schwierigste war – auch seine Verlogenheit in puncto Gesprächs über Rilke vor. Er sagte, er habe das gesagt, weil er schon verwirrt war und Gewissensbisse über die Licenz-Geschichte empfand. Ich bewies ihm, dass er neuerlich lüge; denn natürlich hat er damals zuerst über das Gespräch im Dresdner Hotel und dann erst allgemein gelogen….“
vom 18. Januar 1917
„Ich habe so lange nicht gewusst, ob seine Verse etwas taugen, bis ich gewusst habe, dass er nichts taugt….“
„Denn von dieser Welt soviel wissen, ihren tausendfachen Dialekt und Jargon so in Ohr und Mund haben, ihre Geste parodistisch so stark in Knochen und Nerven tragen, kann nur einer, dem Brennpunkt und Mitte dieser Welt in der eigenen Brust sitzt.“
Lyrik, hat Günter Eich notiert, habe wesentlich mit dem „Dingwort“ zu tun, schon das Verb sei letztlich ein Indiz für Handlung – und damit eine Angelegenheit des Romans. So gesehen, entfaltet Christoph Meckel in seiner jüngsten Publikation „Russische Zone“ über weite Strecken eine lyrische Prosa, die nicht Handlung entwickelt, sondern Bilder aufbaut, Erinnerung fixiert und Erfahrung festhält. Meckels wunderbar geschmeidige, atmende und federnde Prosa des Dingworts folgt einer thematischen Spur, die seine Erinnerungsbücher an Marie Luise Kaschnitz („Wohl denen die gelebt“) und an Peter Huchel („Hier wird Gold gewaschen“) gelegt haben. / Hartmut Buchholz, Badische Zeitung 6.8.
Judith Zander favorisiert freirhythmische Verse. Deshalb sollte man nicht Fingerübungen in strengen metrischen Formen übersehen: „westwärts & außer form“ etwa ist ein Sonett und „diotima“, in Anlehnung an das gleichnamige Gedicht von Friedrich Hölderlin, eine Ode. Eines der schönsten Gedichte ist fraglos „dornburger spruchreife“, in dem ein Oktobertag bei den Dornburger Schlössern skizziert wird, das mit den Worten anhebt: „die hängenden gärten wir gingen auf / terrassen in nebulöse ideen / der saale ein alles sahen wir / mit ihrem blick.“ / Kai Agthe, Freie Presse
Judith Zander: „oder tau. gedichte“
dtv
92 Seiten
11,90 Euro
ISBN 9783423248624
Bei Fixpoetry ein Fixative von Frank Milautzcki über ein Gedicht von Erich Arendt, das in Kolumbien entstandene „Trinklied“ aus dem Tolú-Zyklus:
Arendt war also prinzipiell ok. – Man konnte etwas damit anfangen. Es gab Momente darin, in denen es ein authentisches Ich gab. “… an wen es sich … wendet? An alle, an keinen, an diesen gewissen Unbekannt, an den Niemand. Einer genügte wohl schon, wenn es ihn trifft, sein Ich erreicht, man das gleiche Glas erhebt und sich zutrinkt, im Bitteren, im Hellen. So steht das Ich, beredt, für den Anderen, für alle.” Erich Arendt in einem Interview mit Gregor Laschen (gefragt nach dem ICH im Gedicht). Er erreichte mich nicht zuverlässig tief. Aber ich ließ ihn in meiner Nähe das sein, was eine Berührung ist.
Keine unmittelbare Lyrik-Meldung, aber trotzdem großartig:
Der soeben im Verbrecher Verlag erschienene erste Band der Tagebücher Erich Mühsams ist von der Darmstädter Jury zum „Buch des Monats August“ gewählt worden.
Wie Verleger Jörg Sundermeier mitteilt, sei das Buch, dessen gleichzeitige Edition im Internet und in Buchform für besondere Aufmerksamkeit gesorgt habe, kurzfristig leider ausverkauft – und das bereits rund drei Wochen nach der Erstauslieferung.
/boersenblatt.net
Erich Mühsam, Tagebücher 1. 1910-1911. Verbrecher Verlag, 2011, 352 Seiten, 28 Euro
Christian Steinbacher ist ein Wortakrobat, wie man ihn sich schöner kaum vorstellen könnte. Nichts wäre seinen Gedichten fremder als simple Einfühlung oder gar ein kruder Realismus. Vielmehr gilt: «Hier lebt kein Eindruck, nur Verflochtenheit.» Es sind kleine Labyrinthe, die den Leser immer wieder in ihre Wortwelten hineinziehen, mit flottierenden Stimmen, Sprachschichten und Metren. / Neue Zürcher Zeitung 4.8.
Christian Steinbacher: winkschaden, abgesetzt. Gedichte und Stimmen. Czernin-Verlag, Wien 2011. 159 S., Fr. 30.50.
Gibt’s denn das? Als Pablo Neruda 1969 eine Rede über die Demokratie hielt, riefen die Zuhörer, alles einfache Leute, arme und hungrige: „Gedichte, Gedichte, wir wollen Gedichte!“
Vielleicht hat er dann vorgetragen:
„Lass dich nicht langsam sterben!
Verbiete dir nicht glücklich zu sein!“
Kann das noch sein? Ein junger Mann erobert die Angebetete, indem er ihr Neruda vorliest. Vielleicht versucht man es mit:
„Darum liebe ich dich und auch nicht darum,
wegen so vieler Dinge und so weniger,
und so soll die Liebe sein
halb abgeschlossen und allgemein,
eigen und schrecklich …“
Ein Dichter, ständig unterwegs zwischen den Sprachen (Italienisch und Deutsch; daneben liest – und liebt – er die französische und die englische Literatur) sowie zwischen den europäischen Grenzen (die Wurzeln in Piemont, der lange Aufenthalt in Aarau, die Lektorenstelle in Oxford, die Professur in Deutschland): Heute feiert Federico Hindermann den 90. Geburtstag. Sein Hintergrund ist gross und tief, was Raum und Zeit angeht; vielleicht verleiht gerade das Zwischen-den-Welten-Sein, biografisch und kulturell, seinem Schreiben eine unverwechselbare Eigenheit, eine Art Chiffre, die ihn auszeichnet. Seine Worte und die zahllosen Gedichte, welche sich im Lauf der Jahre aus diesen Worten zusammensetzten, gehorchen zugleich einem Bedürfnis nach extremer Genauigkeit und schwindelerregender Bewegung. / Fabio Pusterla, NZZ 27.7.
aus Lyrikwiki Labor
Ein 1957 von Ernst Jandl geprägtes Wort für eine neue Art Gedichte, die „erst durch lautes lesen wirksam“ werden. Jandl, der 1956 in dem Gedichtband „Andere Augen“ relativ konventionelle Gedichte veröffentlicht hatte, begann 1956 unter dem Einfluß der amerikanischen Dichterin Gertrude Stein und expressionistischer Gedichte von August Stramm, Johannes R. Becher und Wilhelm Klemm experimentelle Verfahren zu erproben. Zunächst entstanden mit der Grammatik experimentierende (Buch-)Gedichte. Um die Jahreswende 1956/57, spätestens im Frühjahr 1957 entstanden erstmals Gedichte eines neuen Typus – keine Lautgedichte, wie sie im russischen Futurismus und im Dadaismus entstanden, sondern Gedichte, die Wörter, Wortgruppen oder Sätze durch verschiedene Arten der (lautlichen / orthographischen und morphologischen) Umformung so formieren, daß eine Vorlage für ausdrucksvollen (oft humoristisch gefärbten) Vortrag entsteht. Im Mai 1957 veröffentlichte er sechs davon in der österreichischen Zeitschrift „neue wege. kulturzeitschrift junger menschen“ zusammen mit einem poetologischen Text und zwei Beispielen „konkreter Dichtung“ von Gerhard Rühm. Die Wirkung war enorm – manche junge Leser dürften ebenso angeregt und gegen ihre Lehrer gestärkt worden sein wie es Jandl im zu Hitlerdeutschland gehörenden Österreich durch die Begegnung mit je drei Gedichten der genannten expressionistischen Autoren geschah, die Jahre später diese Fernwirkung hatten. Auf Grund massiver Proteste von Studienräten aber wurde der Lyrikredakteur der Zeitschrift entlassen und für Jandl verschwand auf Jahre die Gelegenheit zu weiteren Veröffentlichungen. 1965 triumphierte Jandls Konzept nicht in Österreich oder Deutschland, sondern in London, wo er bei einer Lesung in der Royal Albert Hall zusammen mit Allen Ginsberg, Lawrence Ferlinghetti, Gregory Corso und anderen vor 5000 Zuschauern und -hörern eine Art Sprechkonzert aufführte (technisch verstärkt durch mehrere Tonbandgeräte, die sämtlich ausschließlich mit der Stimme des Dichters bespielt waren).
Die Veröffentlichung von 1957 enthielt einen poetologischen Text als Vorbemerkung (siehe unten) und folgende Texte: boooooooooooooooooooooooo / rrrrrannn; schtzngrmm; ode auf N; philosophie; wasser / kalt; wo bleibbb da / hummoaa.
schtzngrmm arbeitet mit dem klangmaterial der Konsonanten des (österreichisch ausgesprochenen) Wortes „Schützengraben“ und formiert so ein klingend erfahrbares Antikriegsgedicht, ebenso wie die ode auf N ausschließlich durch variierende Wiederholung des Lautmaterials des Namens Napoleon eine Art Anti-Heldenverehrungsgedicht bildet oder philosophie ebenfalls aus nichts als diesem Wort, zerlegt in aus seinen lauten gebildete Worte, eine Kritik des Denkens erwachsen läßt, so der Anfang: „viel / vieh / o / so / viel / vieh“. Jandls Sprechgedichte sind Varianten der konkreten Poesie, indem sie nur mit dem konkreten Laut- und Buchstabenmaterial der Wörter arbeiten, aber im Unterschied zu den Buchstaben- oder Lautkonstellationen der Wiener Gruppe haben sie eine „Botschaft“ – freilich eine, die nicht „hinter dem Text“ steht und durch hermeneutische Operationen herauspräpariert werden kann, sondern Botschaften, die durch lautes Sprechen „konkret“ erfahrbar werden. Insofern scheint die heutige Praxis (aufgeschlossener) Lehrer eher als Verrat an den Prämissen dieser Kunstübung.
„das sprechgedicht wird erst durch lautes lesen wirksam, länge und intensität der laute sind durch die schreibung fixiert. spannung entsteht durch das aufeinanderfolgen kurzer und langer laute (boooooooooooooooooooooooo rrrrannn), verhärtung des wortes durch entzug der vokale (schtzngrmm), zerlegung des wortes und zusammenfügung seiner elemente zu neuen, ausdrucksstarken lautgruppen (schtzngrmm, ode auf N), variierte wortwiederholungen mit thematisch begründeter zufuhr neuer worte bis zur explosiven schlußpointe (kneipp sebastian). bestandteile eines einzelnen wortes sind die worte eines ironischen spiels um diese worte, das aus diesem prozeß erschöpft auftaucht (philosophie), aus dem grundwort gewonnene laute des überdrusses, der gleichgültigkeit, heftiger ablehnung und stärksten lebenswillens schlagen um in marktgeschrei als heldenkult (ode auf N), und aller ingrimm rollender rrr gilt der humorlosigkeit, dieser deutschen krankheit, die auch österreicher mitunter befällt.“
schtzngrmm (hier bei lyrikline zum Nachlesen und -hören)
Neu außerdem: Fragmenttexte
In den besten Gedichten der deutschen Auswahl, die Jan Wagner kundig zusammengestellt und mit viel Gespür für die Feinheiten und sprachlichen Tücken übersetzt hat, entwickelt Armitage Bilder von grosser Zugänglichkeit, die eine doppelbödige Tiefe besitzen. Allenthalben tun sich nämlich unvermutete Türen und manchmal sogar Falltüren auf, durch die die Wirklichkeit in ein surreales Moment hinein kippt. Durch sie blickt man auf Szenen voller Wehmut, Leichtigkeit und Schönheit, wie man sie im zeitgenössischen Gedicht immer seltener findet. / Jürgen Brôcan, NZZ 4.8.
Simon Armitage: Zoom! Ausgewählt und übersetzt von Jan Wagner. Berlin-Verlag, Berlin 2011. 208 S., Fr. 27.90.
Der Dichter und Wissenschaftler Ian Wedde wird dritter Poet Laureate von Neuseeland für die Jahre 2011-2013. Wedde lehrt an der Universität Auckland und gehört zu den Gründern des NZ Electronic Poetry Centre.
Er veröffentlichte 14 Gedichtbände, darunter den Bestseller The Commonplace Odes (AUP, 2002).
Der New Zealand Poet Laureate Award wurde 2007 begründet als Nachfolger des Te Mata Poet Laureate Award. Es soll Autoren würdigen, die Herausragendes zur neuseeländischen Lyrik beigetragen haben. Der Poet Laureate erhält ein Jahresgehalt von $50,000 und einen speziellen Tokotoko (Maori-Spazierstock), der Amt und Status symbolisiert. Seine Manuskripte und Publikationen werden im National Digital Heritage Archive der Nationalbibliothek und in der Alexander Turnbull Library gesammelt. / voxy.co.nz
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