Der Welt-Autor (schönes Wort) und hauptberufliche Modernefresser Tilman Krause schimpft:
Mutlos und kraftlos, ein Fall für Lyrik-Fexe
Die Würdigung Tomas Tranströmers ist eine schwache Entscheidung, denn er verkörpert jene klassische Moderne, die seit einem halben Jahrhundert etabliert ist.
Wie aufschlußreich seine Gleichsetzung „Lyrik“ = „Klassische Moderne“. Dann will ich unbedingt für beides sein!
Wessen Ignoranz ist größer: Reich-Ranickis, der behauptet, den Namen nie gehört zu haben, oder Krauses, der also etwa dies für „Klassische Moderne“ hält:
Im März ’79
Überdrüssig aller, die mit Wörtern, Wörtern, aber keiner Sprache daherkommen,
fuhr ich zu der schneebedeckten Insel.
Das Wilde hat keine Wörter.
Die ungeschriebenen Seiten breiten sich nach allen Richtungen aus.
Ich stoße auf Spuren von Rehhufen im Schnee.
Sprache, aber keine Wörter.
(Deutsch von Hans Grössel)
Aus: Tomas Tranströmer: Der Mond und die Eiszeit. Gedichte. München und Zürich: Piper 1992, S. 85.
Der und Reich-Ranicki passen freilich besser DAHIN (obwohl MRR Koeppen protegierte, während sich Krause auch als Koeppenfresser betätigt)
Hier das Gedicht auf Englisch
Der Band bietet, dem Titel entsprechend, leicht und licht anmutende, auf eine unaufdringliche Art auch artistische, Gedichte. Die Schwere und Materialität, die in ihnen eingeschlossen ist, hat dank Wagners Sprach- und Formkunst etwas Sublimes und Durchlässiges, so daß man das Buch eher dem französischen als dem deutschen Geist zuschlagen möchte.
Achim Wagner, 1967 geboren, lebt in Köln und Istanbul. Es wäre schön, demnächst von ihm ‘türkische’ Gedichte, Prosaminiaturen und Nachdichtungen lesen zu dürfen. / mottz, Monnier Beach
Achim Wagner, flugschau / Gedichte / 72 Seiten, gebunden, mit 4 Illustrationen von Felix Beckheuer / [SIC]-Literaturverlag, Aachen & Zürich 2011 / 16,00 Euro
Am schnellsten war Facebook (13:01), dann die New York Times (News Alert 13:18):
The 2011 Nobel Prize in literature was awarded Thursday to Tomas Transtromer, a Swedish poet whose surrealistic works about the mysteries of the human mind won him acclaim as one of the most important Scandinavian writers since World War II.
The Swedish Academy said it recognized the 80-year-old poet „because, through his condensed, translucent images, he gives us fresh access to reality.“
In 1990, Transtromer suffered a stroke, which left him half-paralyzed and unable to speak, but he continued to write and published a collection of poems — „The Great Enigma“ — in 2004.
Die offizielle Seite
Mehr: taz (Daniela Seel) [„vor allem in Berlin“] / Die Zeit (Alexander Gumz) / Badische Zeitung (Michael Braun) / Kölner Stadtanzeiger hier und hier /
Obwohl Dietmar Dath ein extrem produktiver Autor von Romanen und Artikeln ist, ist das in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung erschienene Buch Gott ruft zurück sein erster Gedichtband. Dietmar Dath und der Heavy Metal, die Science-Fiction, der Marxismus der Gegenwart, die ästhetische Verteidigung drastischer Kunst: ja! Aber Dath und die Lyrik? Ungewöhnlich. …
Gott ruft zurück ist kein gereimtes lyrisches Sahnehäubchen auf Daths schriftstellerischem Schaffen. Es bricht mit kommunikativen Erwartungen, stellt sie klug in Frage. Darin nutzt der Text auf überraschende Weise das Potential von Gedichten – seltsame kommunikative Situationen produzieren können – das man ihnen eventuell im Jahr 2011 nicht mehr selbstverständlich zugetraut hätte. / Christopher Strunz, Die Zeit
Die Jüngerinnen, die Jünger der Sappho sind aber schon generell beklagenswerte Geschöpfe: Man entsinnt sich ihrer wie lästiger Plagen. Die gesangliche Wurzel der Sprachen, das Bannen der Welt durch die Magie der Wörter, ist nicht bloß in Verruf geraten. Die ausübenden Dichterinnen und Dichter genießen das Prestige von Hufschmieden oder Ledergerbern. …
Mit der Erosion der Lyrik – verstanden als ein Medium, das für viele verbindlich Bedeutung erzeugt – bemächtigte sich so etwas wie ein lyrischer Pillenknick der Stockholmer Preisliste. Nach Brodsky besann man sich des wunderbaren Derek Walcott (1992): Der karibische Poet passte famos in das überfällige Aufkeimen postkolonialer Diskurse. Der Ire Seamus Heaney (1995) gab noch einmal einen Begriff von der betörenden Widerständigkeit seines auf Verse versessenen Heimatlandes. 1996 folgte die zurückgezogen lebende Krakauerin Wislawa Szymborska: eine Poetin des Alltagslebens, in deren hauchfeinen Sprachgespinsten der Schock des 20. Jahrhunderts nachzittert.
Danach: Stille. Kein Gedicht mehr, nirgends. / Ronald Pohl, Der Standard
Am 24.9. feierten ägyptische Dichter den World Poetry Movement Day mit Lesungen überall in Kairo. Wie üblich blieben die Besucherzahlen klein. Man fragt sich: warum haben die Leute aufgehört, Lyrik zu lesen, und kann die ägyptische Revolution ihr das Publikum wiederbringen?
4 ägyptische Dichter sagen ihre Meinung bei al-Masry al-Youm.
Ibrahim Dawood sagt: „Es macht mich froh, wenn der Leser sich anstrengt, um Kenntnis zu erlangen, statt die typischen Arbeiten zu lesen, die ihn mit einfachen Antworten abspeisen. Dichter, die es darauf anlegen, den Lesern zu gefallen, schaden der Lyrik.“ Sallem Al-Shahbany erwartet, daß die Revolution zu mehr Experimenten in der Lyrik führt.
Weitere Beiträge von Amin Haddad und Ashraf Youssef.
Über die Autoren wird gesagt: Ibrahim Dawood gehört zu den prominentesten free-verse-Autoren, Amin Haddad gehört ebenfalls zur Generation der 80er Jahre und verwendet Umgangssprache. Seine Gedichte seien meist politisch, einfach und doch tief, und er trägt sie gern zur Laute vor. Ashraf Youssef schreibt freie Verse in modernem Standard-Arabisch. Er experimentiert gern mit der Sprache und baut Sufisentenzen in seine Gedichte ein. Sallem Al-Shahbany schreibt in Umgangssprache mit ägyptischem Dialekt und orientiert sich an Folklore und Kinderliedern. / Ola El-Saket
Heute erhält der in Köln lebende Schriftsteller in Erfurt den Thüringer Literaturpreis – in jener Stadt, mit der er biografisch und literarisch eng verbunden ist.
Der 78-jährige Lyriker, Erzähler und Hörspielautor wird für sein Lebenswerk geehrt. Vergeben wird die mit 8000 Euro dotierte Auszeichnung vom Thüringer Kulturministerium, der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen und dem Thüringer Literaturrat. / Jens Kirsten, Thüringische Landeszeitung
Preisverleihung: 5.10., 17 Uhr, Haus Dacheröden Erfurt, Anger 37
Der katalanische Dichter Salvador Iborra wurde am Sonnabend in Barcelona von zwei Fahrraddieben ermordet. Er wurde 33 Jahre alt. Iborra veröffentlichte 3 Gedichtbände und bereitete das Erscheinen seines ersten Romans vor. / actualitte
Dienstag, 11. Oktober · 19:30 – 22:30
Dixon place
161A Chrystie St
New York, NY
Economies: Uljana Wolf and Erica Kaufman
Belladonna* Collaborative’s 2011-2012 season calls to attention the material life of the artist, as person, who, in addition to being creator/conspirator to a body of work, possesses a physical body, and real financial, medical and social needs. Our second event of the season focuses on economies and features readings by Uljana Wolf and Erica Kaufman. We will also be re-introducing the ’short open mike‘ — a space for poets to sign up on the spot and give a brief, 1 – 3 minute reading. We welcome you to bring a short work that addresses ‚material lives‘ to the event, and will accommodate 15 minutes of open reading.
7:30pm
The German poet and translator Uljana Wolf published two books of poetry, kochanie ich habe brot gekauft and falsche freunde (both kookbooks, Berlin), as well as “BOX OFFICE” (an essay on the prose poem). false friends, an English selection translated by Susan Bernofsky, appeared from Ugly Duckling Presse 2011. Her poems appeared in journals and anthologies such as New European Poetry (Graywolf, 2008), Dichten No. 10: 16 New German Poets (Burning Deck, 2008), jubilat, Chicago Review, Harper’s Magazine. She translates numerous poets into German, among them Matthea Harvey, Christian Hawkey, Erín Moure, and Cole Swensen, and was the co-editor of the Jahrbuch der Lyrik 2009.
Erica Kaufman is the author of censory impulse (Factory School 2009) as well as several chapbooks, most recently selections from INSTANT CLASSIC (Least Weasel 2011). More poems from this recent project, INSTANT CLASSIC, can be found online in Little Red Leaves and Elective Affinities. Recent prose can be found in The Poetry Project Newsletter and Rain Taxi. Kaufman is currently pursuing a Ph.D. at the CUNY Graduate Center in Composition & Rhetoric, and teaches at Baruch College and Bard College’s Institute for Writing & Thinking and Institute for Language & Thinking.
Neue Literatur mit Donata Rigg, Sandra Trojan und Peter Weber
Donnerstag, 13. Oktober · 20:00 – 23:00
Kvartira 62
Mit Donata Rigg, Sandra Trojan und Peter Weber bringt KOOKread am 13.10. wieder sehr gute Prosa und Lyrik ins Kvartira nach Kreuzberg. Diesmal auch aus der Schweiz.
Im schönen Kvartira Nr. 62, einer russische Kneipe im Kreuzberger Wrangelkiez, keine zwei Minuten zu Fuß vom U-Bahnhof Schlesisches Tor. Feine Lesungen von jungen und jüngsten Autor/innen. Mischungen und Entdeckungen, Raum für Getränke und Gespräche.
Über Sandra Trojan schreibt Frank Milautzcki:
„Sie kann es einfach. Sie hat es drauf. Sie schreibt Lyrik, die von der ersten bis zur letzten Seite fesselt, weil sie so neu und frisch auftischt, ungewöhnliche Interieurs geheimnisvoll zur Genussreife treibt. […] Spannend ist das. Hier geschieht so viel. Und die Feinheit der Strukturen ist nicht nur außergewöhnlich, sondern auch schön.“ (Frank Milautzcki, Fixpoetry)
Mechthild von Magdeburg – Je tiefer ich sinke, je süsser ich trinke
Montag, 17. Oktober · 20:00 – 22:00
Lyrikkabinett
Amalienstr. 83a
München
Je tiefer ich sinke, je süsser ich trinke
Ein Abend für Mechthild von Magdeburg
Mit Mechthild Rausch und Monika Rinck
ist zum Glück nicht Hannover. Aber die positiven Erzählungen, die man mit Düsseldorf verbindet, sind bei weitem nicht stark genug, um als dominierende Mythen zu wirken. Weder Heinrich Heine noch die berühmten Künstler, die hier arbeiten, konnten einen Ruf erzeugen, der handfest genug wäre, um Bosheiten abprallen zu lassen. Womöglich hat Düsseldorf doch einen Mythos. Aber keinen, den die Düsseldorfer gern weitererzählen. Der bedeutende deutsche Lyriker Reiner Kunze legt die Spur. Er hat 1964 ein kurzes Gedicht zu Düsseldorf geschrieben, ein Gedicht, das es in die große und maßgebliche Sammlung deutscher Gedichte, den „Großen Conrady“ geschafft hat. Es heißt: „Düsseldorfer Impromptu“ und beginnt mit den zwei Versen „der himmel zieht die Erde an/ wie geld geld“. / Gert Kaiser, Rheinische Post
„Manche sagen, die Welt wird im Feuer enden, manche sagen, im Eis.“ So sinnierte der US-Poet Robert Frost in seinem 1920 entstandenen Gedicht „Fire and Ice“ über das Ende des Universums. Jetzt griff das Nobel-Komitee der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften auf Frosts Zeilen zurück, um die Wahl der diesjährigen Physik-Nobelpreisträger zu begründen. / Focus
Frosts Gedicht nach der Erstveröffentlichung
Ein wenig enttäuscht bin ich schon vom neuen Gedichtband Nora Bossongs, zumal er in der Presse überschwänglich gelobt wurde. Vielleicht hat das und die Aufnahme des ersten Bandes die Latte auch so hoch gelegt, dass sie problemlos zu unterlaufen ist. Durch „souveräne Leichtfüßigkeit“ vielleicht, wie Tobias Lehmkuhl der Autorin in der Süddeutschen Zeitung bescheinigt. …
Vielleicht sind die Autoren in einem sehr herkömmlichen Sinne einfach übergebildet und zu viel gereist, bekümmert also eher, zugekümmert, und vielleicht sind es die vielen Stipendienaufenthalte, die eine Stipendiatenliteratur hervorbringen, die vor allem von Metropolen und Kulturgegenden aus zweiter Hand spricht. / Jan Kuhlbrodt, fixpoetry
Nora Bossong: Sommer vor den Mauern. Gedichte. Hanser Verlag, München 2011.
Im Alter von 96 Jahren starb in London Emanuel Litvinoff, ein in England geborener jüdischer Dichter, der mit einer vernichtenden Verskritik am Antisemitismus T.S.Eliot bekannt wurde – und dafür, daß er sie 1951 im Beisein Eliots vortrug. / MARGALIT FOX, New York Times 3.10.
Hier der Text des Gedichts gegen Eliot („Eminence becomes you“), hier liest der 94jährige einen Auszug.
I am not one accepted in your parish.
Bleistein is my relative and I share
the protozoic slime of Shylock, a page
in Sturmer, and, underneath the cities,
a billet somewhat lower than the rats.
Günter Kunert erhält den diesjährigen Preis der »Frankfurter Anthologie«. Sie wurde, 1974 gestartet, ein einmalig dauerfähiges Ereignis: Poesiebegleitung durch Deutung. In jeder Samstagausgabe der FAZ erscheint ein Gedicht – mit Interpretation. Der Preis verneigt sich vor Erfühlungstalent und Einfühlungsgabe, also davor, wie man fremde Dichtung weitererzählt, ohne zum bloßen Rezensenten zu werden. / Jan Helbig, ND 4.10.
Wie soll man nach Auschwitz überhaupt noch Gedichte schreiben? Wie andere Künstler, die das Inferno des Zweiten Weltkriegs überlebt haben, stellte sich Tadeusz Różewicz nach Kriegsende diese Frage. «Antipoesie» lautete die Antwort. «Grund und Antrieb für meine Dichtung ist auch der Hass gegen die Poesie», erläuterte er seinen Ansatz. Er rebelliere dagegen, dass sie das «Ende der Welt» überlebt habe, «als wäre nichts geschehen». Er habe «Poesie für Entsetzte» geschaffen, schrieb Różewicz, der am 9. Oktober 90 Jahre alt wird. Die Kritiker tauften seinen Stil «Geflüster, zum Schrei geworden» und «Poetik der gewürgten Gurgel».
Nach dem Tod von Zbigniew Herbert und Czesław Miłosz gilt Różewicz in seinem Heimatland – neben Literaturnobelpreisträgerin Wisława Szymborska – als bedeutendster zeitgenössischer Lyriker und Dramatiker. Er ist zugleich einer der meistübersetzten Autoren Polens im deutschsprachigen Raum. / europe online
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