Keine feuilletonistische Trockenübung, keine diskursiven Schwimmhilfen – in dieser Rubrik wird frei hineingetaucht – d.i. zurückgetextet!
Getreu nach dem Motto: „Wenn schon bitchen, dann in Gedichten“ widertexten andere AutorInnen Gedichte aus dem Berliner Fenster.
Zusendungen an bresemann@lettretage.de willkommen!
Ab 1.10. gehts los, im wöchentlichen Turnus – 1 WIDERTEXT!
Aktuell: RICHARD DURAJ zu “die gegend” (Berliner Fenster)
Das Jahr 1950 neigte sich dem Ende zu. Im Radio sprach Theodor Heuss, Präsident der noch jungen Bundesrepublik, über die vergangenen zwölf Monate: Wiederaufbau, Rechtsreformen, Sozialprodukt. Erst am Schluss kam der Knalleffekt: “In der Presse lasen Sie, der Bundespräsident werde heute eine neue Nationalhymne anordnen”, hob Heuss an. Und mit sonorer Stimme las er vor, wie diese “Hymne an Deutschland” aussehen sollte: “Land des Glaubens, deutsches Land, Land der Väter und der Erben, uns im Leben und im Sterben Haus und Herberg, Trost und Pfand.” Danach intonierte ein Knabenchor die Komposition. “Tief bewegend”, fand Theodor Heuss diese Zeilen, die er selbst einige Monat zuvor bei dem Bremer Dichter Rudolf Alexander Schröder, Autor von Gedichtbänden wie “Elysium” und “Heilig Vaterland”, in Auftrag gegeben hatte. Doch damit war er ziemlich allein. Die Mehrheit der Deutschen hatte gar keine Lust auf eine neue Hymne und wäre am liebsten bei dem 1841 von Fallersleben verfassten “Deutschlandlied” geblieben. Das schien jedoch kaum möglich. Vor allem dessen erste Strophe, die mit der Zeile “Deutschland, Deutschland, über alles” begann, erinnerte Anfang der Fünfziger nicht nur die Alliierten zu sehr an den nationalsozialistischen Größenwahn. Also wurde improvisiert. Zu offiziellen Anlässen erklangen in den ersten Jahren der Bundesrepublik abwechselnd Beethovens “Ode an die Freude”, das Studentenlied “Ich habe mich ergeben, mit Herz und Hand” oder auch “Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien”. Mit dem Kölner Karnevalslied hatte der gelernte Bäcker Karl Berbuer 1949 einen bundesweiten Überraschungserfolg gelandet. Nur konnten Zeilen wie “Wir sind zwar keine Menschenfresser / doch wir küssen um so besser” die fehlende Nationalhymne auf Dauer natürlich nicht ersetzen. Spätestens als ein peinlich berührter Konrad Adenauer bei einem Staatsbesuch in Chicago mit dem Schlager “Heidewitzka, Herr Kapitän” begrüßt wurde, war klar, dass es so nicht weitergehen konnte – dennoch sollte es bis zu einer Einigung im Hymnenstreit noch zwei Jahre dauern. / Karin Seethaler, Spiegel
Volksdichter machten sich flugs ans Werk und sandten Texte ein wie diesen:
Einst von eitlem Wahn betöret,
liefst du fremden Götzen nach.
Nun von Feindes Macht verheeret,
traf dich wohlverdiente Schmach.
Doch gesühnt ist, was verbrochen
und gefrevelt war zuvor:
Wie ein Phönix aus der Asche,
neuverjüngt steig nun empor.
Auf eine zarte Erinnerung aus der Schweiz benutze ich die Gelegenheit und kopiere das Gedicht zum Tag aus Urs Engeler roughblog, Wiedervereinigung als Textvereinigung:
REUNITED
BDDRD, Land der Zweifler und Kranfahrer, aber aber! Aber:
Einsilbiger nie als im August ’61. Erlebnis Formulierung Tat –
Ueber Schafe und Kühe im außermoralischen Sinne, schreib:
Neu: neunundfünfzig Bitterfelder, neu: ’89 Erzähllungenkranker.
Ich lerne, ich bereite vor, ich übe mich. Klar: Segelfliegerei!
– Tatütata! Der Segelflug hat Glück bei den Alraunen. Schreib:
Einer flog schlenkrig drüber rüber. Las 2006: Schwarz, rot, geiler
Dô wuohs in zweier Staaten Erde Wurm um Wurm zusammen, was
Vögeln, schwarzen, roten, gelben, den schon freien Versehen, Speise war, in der Luft
aus: Konstantin Ames, Alsohäute, roughbook 011
wie unterschiedlich die einer innertextuellen formstrenge oft gleichgültig gegenüberstehenden poeme »aus der inkubationszeit« des dichters aufgenommen wurden, erhellt das nachwort von Maleen Brinkmann als auch der sehr sympathische, weil einmal nicht überhöhende essay pläne: schreiben von Michael Töteberg. postuliert Brinkmann 1960 noch, in seinen gedichten »jenseits einer manieristischen artistik und automatischem schreiben wahrnehmungen sichtbar« machen zu wollen mithilfe einer »metapher für die stille (die ja durchaus nicht ›harmonisch‹ im überlieferten sinne zu sein braucht)«, muss er im folgenden und darauffolgenden jahr feststellen, dass er seinem anspruch nur durch zahlreiche umarbeitungen und liquidationen (also einfach: streichungen ganzer gedichte) näher kommt: »zuviel Krolowsche schönheit und zuviel an lyrischem sperma.« – »der poetische aufputz wurde eliminiert«, schreibt Töteberg. der märchenton wird ersetzt durch bilder von zerstörung, verwesung, tod und lehnt sich jetzt eher an Villonsche vagantendichtung an. 1963 hat Brinkmann dann bereits einen sehr sicheren, beinahe standardisierten stil, frühere motive fallen nun ganz drastisch aus: »es sind wieder vögel/ in der luft, die stürzen als worte/ in brücken/ und uhren.« / Crauss, Titel
Rolf Dieter Brinkmann: Vorstellung meiner Hände
Frühe Gedichte
Herausgegeben von Maleen Brinkmann
Hamburg: Rowohlt 2010. 94 Seiten. 16 Euro.
Außerdem: Stefan Heuer über
Johanna Schwedes: Den Mond unterm Arm
Verlag Reinecke & Voß 2010. 48 Seiten. 8 Euro
Zumal die absurden, stellenweise surreal anmutenden Gedichte sich nicht auf einen Bereich beschränken. Hoch- und Trivialkultur tauchen nicht als Oppositionen auf, als Gegenpole, die miteinander in Verhandlung treten – sie werden schlicht ignoriert. Superman tritt auf, er steht direkt neben Hamlet; Mickey Mouse findet Erwähnung dort, wo Cher „clad as Cleopatra“ („gekleidet wie Kleopatra“) die Bühne besteigt. Bang hat spät angefangen, zu publizieren, und ihre Texte zeugen davon, dass sie vieles bereits hinter sich gelassen hat, sie verzichtet auf Experimente. Kein Ringen um eine poetologische Standortbestimmung, die Texte verlegen sich eher auf die Parodie: „The role of elegy is / To put a death mask on tragedy“ („Die Rolle der Elegie ist, / Der Tragödie eine Sterbemaske aufzusetzen“) beginnt das letzte Gedicht von „Eskapaden“ und relativiert die eigene Behauptung mit dem Abschlussvers „One hears repeatedly, the role of elegy is.“ („Man hört des Öfteren, die Rolle der Elegie sei.“). / Kristoffer Cornils, Fixpoetry
Mary Jo Bang: Eskapaden. Gedichte. Übersetzt von Barbara Thimm, mit Illustrationen von Matt Kindt. Luxbooks, Wiesbaden 2011
Auf der Documenta 4 war Kolář einer derjenigen Künstler aus Ost- und Mitteleuropa, die das Publikum faszinierten. Ausstellungen in New York im Guggenheim Museum, in Paris und in nahezu allen Metropolen folgten, und Kolář wurde in den siebziger Jahren zu einem gefragten internationalen Künstler. Aus der ehemaligen Tschechoslowakei musste er 1979 zwangsweise emigrieren. Er ging nach Paris und erhielt dort 1984 die französische Staatsbürgerschaft. …
Es ist eine poetische Welt, in die Kolář die Besucher der Galerie führt. In ihr spielen Texte eine ebenso große Rolle wie Motive aus der Kunstgeschichte. Unzählige Variationen über die Gemälde von Botticelli hat Kolář angefertigt, und in Köln sind auch einige davon zu sehen. Der Künstler, der ursprünglich als Dichter begonnen hatte und erst nach Publikationsverbot und einem Gefängnisaufenthalt ganz zur bildenden Kunst fand, war – gemessen am internationalen Kunstbetrieb und den jeweils vorherrschenden Moden – immer ein Außenseiter.
In Prag und in Paris hat man ihn zweifellos am besten verstanden: Die Surrealisten und die konkreten Lyriker standen Kolář nahe. Wie viele seiner Landsleute war er intellektuell ein Wanderer zwischen den beiden Kulturen dieser Städte. In Köln bietet sich die seltene Chance, das Werk dieses eigenwilligen Künstlers auf hohem Niveau zu sehen. / FAZ
Ein Sammelband mit Gedichten und Collagen erschien 1971 bei Suhrkamp:
Er ist auch enthalten im Band
Welt am Sonntag: Mr Carcelle, „We are Poems“ steht über uns an der Fassade Ihres zukünftigen deutschen Headquarters geschrieben, also „Wir sind Gedichte“. Wer ist wir?
Yves Carcelle: Jeder. Indem wir die Kunst in die Luxuswelt einführen, wollen wir eine zusätzliche Emotion erzeugen, und vielleicht liest der eine oder andere den Satz und entdeckt, dass etwas Poetisches in ihm steckt.
Welt am Sonntag: Ist dieses Kunstwerk ein gutes Beispiel dafür, wie der Imagetransfer von der Kunst in die Luxusbranche funktioniert?
Yves Carcelle: Wir engagieren uns in der Kunstwelt, zum einen wegen der Geschichte des Hauses und zum anderen, weil meine Definition von Luxus ist, dass ein Luxusprodukt eine emotionale Erfahrung verschafft, ob du es kaufst, es verschenkst oder es geschenkt bekommst. / Die Welt
Wenn Zehra Cirak etwas aufregt, dann die ewige Frage nach ihrem »Migrationshintergrund«. Die Autorin, eine mondäne Frau mit schwarzem Kurzhaarschnitt und knallrot geschminkten Lippen, wurde 1961 in Istanbul geboren, kam im Alter von drei Jahren mit ihren Eltern und ihrem Bruder nach Deutschland und wuchs in Karlsruhe auf. Mittlerweile hat sie eine Reihe preisgekrönter Bücher veröffentlicht, darunter Bände mit Gedichten, Prosaminiaturen und Erzählungen. Sie liebt das Knappe, die kurze Form, das Paradoxe und den Wortwitz. So amüsiert sie sich in »Sprachspiel für eine Dramaturgin und eine Türkin« über Identitätsklischees: »Manchmal bin ich/meine eigene Dramatürkin«. Und aus »Stadt – Land – Fluss« wird bei ihr »Stadt – Land – Flucht«. …
Dennoch ist der wichtigste Literaturpreis, den Cirak bislang erhalten hat, der Adelbert-von-Chamisso-Preis, der von der Robert-Bosch-Stiftung an deutschsprachige Autoren nichtdeutscher Sprachherkunft verliehen wird. Andere prominente Preisträger sind Emine Sevgi Özdamar, Ilija Trojanow, Terezía Mora, Sudabeh Mohafez, Artur Becker, Vladimir Vertlib und Feridun Zaimoglu. Natürlich hat sie sich über den angesehenen Literaturpreis gefreut, doch wie ihr Kollege Zaimoglu kritisiert sie, dass man aus dem »Ghetto der Migranten« in Deutschland nicht ausbrechen könne, selbst dann nicht, wenn man im angeblich so offenen, multikulturellen Kulturbetrieb tätig ist. Sie kontert in einem Gedicht mit dem Satz: »Das Salz kennt keine Nationalgerichte«. Es sei erstaunlich, erklärte der Lyriker Joachim Sartorius in seiner Laudatio auf Cirak, »wie gering der Anteil an ›türkischen‹ Themen an ihrem Gesamtwerk ist«. Vergeblich suche man in ihren Texten nach türkischen Traditionen und Einflüssen. Als Vorbild hat die Schriftstellerin einmal die jüdische Dichterin Hilde Domin genannt. Joachim Sartorius meint, dass Ciraks Gedichte »im Grunde eigentlich alles Störfälle« seien. So bezeichnet Cirak in einem Text einen Künstler, der es zu gesellschaftlichem Erfolg gebracht hat, nicht als »berühmt«, sondern als »verrühmt«. / TANJA DÜCKERS, Jungle World
Die Spekulationen um den Literaturnobelpreis sind in vollem Gang: Wenn die Stockholmer Juroren Anfang Oktober nach Proporz entscheiden, wären die Lyriker oder die US-Literatur dran. Vielleicht gibt es aber wieder eine Überraschung wie 2009 mit Herta Müller.
Günter Grass wünscht sich den Israeli Amos Oz, die Zocker glauben an den syrisch-libanesischen Lyriker Adonis (oder an Tomas Tranströmer). / Süddeutsche Zeitung
Er schöpft in Lyrik, Prosa, Drama stets aus dem Vollen. Für seinen Mut zum expressiven, reichen Ton bekommt Albert Ostermaier den „Welt“-Literaturpreis. / Die Welt
Die Texte beider Autoren fügen sich zu einem erstaunlich homogenen Gesamtbild. Deren Schärfe ergibt sich nicht aus eventuell rechthaberischen Behauptungen sondern schon aus dem Material, das sie für ihre Montagen nutzen. Werbetext, Politikersprech, Sozialkunde. Sie führen außerdem Umstellproben mit politischen Sätzen durch, um deren Gehalt zu untersuchen. Dass es dabei nicht sehr „lyrisch“ zugeht, lässt sich denken. Die Grobheit ihrer Gegenstände geht mit einer gewissen Rohheit der Verfahrenszüge einher. Trotz der manchmal schwerwiegenden Gegenstände verlässt beide nicht die Selbstironie. Und auch Raum für Poetologisches bleibt ihnen selbst bei diesem Thema. So stellt Pohls „Gedicht, in dem eine Italienerin mit grüner Jacke auftaucht“ eine Meditation über die Qualität persönlicher Details und deren Mechanik der Glaubwürdigkeit dar.
Bei alledem bietet sich kein Anlass zu Überheblichkeit: Zwar werden Schuldige angedeutet, der Wunsch mit dem Finger auf diese zu weisen lässt aber nach, wenn immer wieder auch der Anteil des Lesers oder selbst der Autoren an diesen Gewaltverhältnissen angedeutet wird. Es zeigt sich, dass ein politischer Inhalt keine Abstriche an der Kunst impliziert. Zugespitzt: Unaufgeregt schaufeln sie ihre Wut zum Leser hinüber. Wer also seine Abneigung dieser Texte ästhetisch rechtfertigen möchte, prüfe vorher genau, inwieweit er nicht ein politisches Unwohlsein damit sublimiert. / Bertram Reinecke, Poetenladen
Kai Pohl, Clemens Schittko
da kapo mit CS-Gas
Gedichte
Fixpoetry Lyrikreihe
10,00 Euro
In der Rezension geht es auch um
Kai Pohl
Phantomkalender
29 Gedichte
Distilleri
6,00 Euro
In Deutschland geschriebene Gedichte sind auch deutsche Gedichte. Schon zu der Zeit, als die Merseburger Zaubersprüche aufgeschrieben wurden, lebten Juden in dem Teil des Frankenreichs, der später Deutschland wurde. Die schrieben auch Gedichte – auf Hebräisch. Sind sie auf Deutsch vorhanden? Stehn sie in Lesebüchern? Nein, oder kaum. Aber es ist auch unsere Geschichte.
1995 erschien bei Steidl ein deutsch-israelisches Lesebuch, deutscher Titel: Der Vogel fährt empor als kleiner Rauch, deutscher Mitherausgeber ist Christoph Meckel. Darin neben Gedichten lebender Dichter aus beiden Ländern hebräische mittelalterliche Dichtung aus Speyer, Worms und Mainz. Verramscht, vergessen.
Das folgende Gedicht hab ich aus einer englischen Sammlung. Ein anonymer Autor reist oder flieht aus Frankreich nach Deutschland ganz ähnlich wie viel später Heinrich Heine (der aber in umgekehrter Richtung floh und nur besuchsweise zurückreiste). Es ist irgendwann zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert. Meine Ausgabe ist zweisprachig Hebräisch und Englisch. Da ich leider kein Hebräisch kann, übersetze ich aus dem englischen Prosatext. Es handelt sich um sechszeilige gereimte Strophen, wenn ich die hebräischen Buchstaben richtig deute nach dem Reimschema: a a a b x b. Die jeweils letzten zwei Zeilen sind der durchgängige Refrain. Meine Übersetzung benutzt Reime und Halbreime, wo sie sich anboten.
Das nichtreimende (x) Wort in der vorletzten Zeile ist alman, Hebräisch für verlassen, verwitwet. Da es dem französischen allemand ähnelt, ist die Zeile im Original ein Wortspiel mit dem Gleichklang: Israel ist nicht verlassen / Israel ist nicht Deutschland. Meine Fassung verwendet abwechselnd beide Lesarten.
Reise nach Deutschland [1]
Als ich aus Frankreich kam
Und kam in Deutschland an
Fand ich die Leute grausam
Wie Vogel Strauß im wilden Dorn!
Oh, Israel ist nicht verlorn! [2]
Wer vergleicht Spreu mit Korn?
Freiheit hatte ich im Sinn,
Wollte vor Unfrieden fliehn.
Ach, Kummer war mein Gewinn.
Was hab ich hier verlorn?
Oh, Israel ist nicht Deutschland!
Wer vergleicht Spreu mit Korn?
Bereiste Elsaß kreuz und quer,
zu sehn wo Glück zu finden wär,
doch fand nichts weiter mehr
als daß die Weiber statt drunter drob´n!
Oh, Israel ist nicht verlorn!
Wer vergleicht Spreu mit Korn?
Diese aschkenasische Art, [3]
Finster der Blick, die Seele hart.
Männer mit Ziegenbart.
Verlogen von hinten bis vorn.
Oh, Israel ist nicht Deutschland!
Wer vergleicht Spreu mit Korn?
The Penguin Book of Hebrew Verse. Ed. and translated by T. Carmi. Harmondsworth: Penguin 1981, S. 453
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[1] Mittelalterliches Spottlied der sephardischen (West-) gegen die ashkenazischen (Ost-)Juden, die damals im Rheinland lebten.
[2] Verloren, hebr. alman, Wortspiel mit dem französischen Wort für deutsch: allemand! Also: Israel (=Frankreich, die westliche Judenheit) ist nicht Deutschland! Die Juden sind wir. Die Zeile aus Jeremia 51, 5. eigtl.: Israel ist nicht verlassen (verwitwet)
[3] Ashkenazim, die westlichen Juden im Gegensatz zu den Sephardim, den (ursprünglich) östlichen (spanisch/französischen) Juden.
Vor siebzig Jahren ermordeten SS- und Wehrmachtssoldaten wurden in der Schlucht Babij Jar mehr als 33.000 Menschen. Mittlerweile hat die Großstadt Kiew die Schlucht umschlossen. Sie ist heute ein Park.
Von Katja Petrowskaja, FAZ 29.9.
Ich habe nie verstanden, warum dieses Unglück immer das Unglück der anderen sein sollte. „Sämtliche Juden der Stadt Kiew und Umgebung haben sich am Montag, dem 29. September 1941 bis 8 Uhr Ecke der Meldnik- und Dokteriwski-Strasse (an den Friedhoefen) einzufinden…“ So hatte es die Wehrmacht plakatiert – und die Hausmeister hielten die Bücher bereit, die Polizei durchsuchte die Schulen, Krankenhäuser und Altersheime, damit wirklich „Sämtliche“ gehen. Als sie nach Babij Jar kamen, mussten sie sich ausziehen, wurden nackt durch die Reihen der Polizei getrieben, angeschrien und geschlagen – und da, wo man durch die Öffnung den Himmel sah, am Rande der Schlucht, wurden sie von beiden Seiten aus mit Maschinengewehren erschossen. Oder anders: Hunderte nackte Lebendige liegen auf nackten Leichen, erst dann wird geschossen, die Kinder wirft man einfach so auf die Leichen, um sie lebendig zu begraben, das spart Munition. (…)
Die „Literaturnaja Gaseta“ veröffentlichte ein Gedicht von Jewgeni Jewtuschenko: „Über Babij Jar, da steht keinerlei Denkmal. / Ein schroffer Hang – der eine unbehauene Grabstein. / Mir ist angst. / Ich bin alt heute, / so alt wie das jüdische Volk. / Ich glaube, ich bin jetzt / ein Jude.“ Meine Mutter erzählt, wie die Menschen einander anriefen. „Wir weinten vor Glück darüber, dass man über das Unglück nun endlich öffentlich sprach.“ Ein russischer Dichter hatte die jüdischen Opfer auf sich genommen, sie alle. Es ging bei ihm nicht mehr um „ihre“ Toten – und das stand jetzt gedruckt in einer sowjetischen Zeitung: „Jeder hier erschossene Greis -: ich. Jedes hier erschossene Kind -: ich.“ Innerhalb eines Monats wurde das Gedicht in 70 Sprachen übersetzt (ins Deutsche von Paul Celan). Nun war dieses Weltunglück nicht mehr obdachlos. Vielleicht deswegen bot Pier Paolo Pasolini für seinen Film „Das Matthäus-Evangelium“ Jewtuschenko die Rolle des Jesus an. Dimitrij Schostakowitsch vertonte Jewtuschenkos Gedicht im Adagio seiner 13. Symphonie. Es schien, als wäre die Ehre der Erinnerung wiederhergestellt worden.
So many awards are bestowed on celebrities renowned only for their celebrity that the idea of excellence seems reduced to a sleazy walk on the red carpet in search of glitz and glam. But recently, Kay Ryan, a former U.S. poet laureate, received an award that is meaningful and well-deserved.
Last week, Ryan, who in California married her partner of 30 years, the late Carol Adair, received a $500,000 “genius award” from the John D. and Catherine T. MacArthur Foundation. The award will be paid to Ryan in yearly installments of $100,000 for five years. Ryan will be free to use the award money as she pleases. At a time when mediocrity is too often the norm and the arts are frequently undervalued, this is great news not only for Ryan, poets, the culture at large, but the LGBT community as well.
Why am I so excited about this? Because the “genius” award honors the work of not only a great poet, but an openly lesbian poet, who has brought poetry to people in all walks of life. / Kathi Wolfe, Washington Blade
Für Lyrik wurden ausgewählt:
19. open mike – Internationaler Wettbewerb junger deutschsprachiger Prosa und Lyrik
Sa 5.11. ab 14:00
So 6.11. ab 12:00
„Der wichtigste Nachwuchswettbewerb der Liga U35“ (Tagesspiegel)
22 Nachwuchsautoren lesen zwei Tage lang um den Gewinn des open mike. Jeder Teilnehmer hat 15 Minuten Zeit, um die Jury zu überzeugen und die versammelte literarische Welt auf sich aufmerksam zu machen, dann schrillt der Wecker. Ausgewählt für das Finale wurden sie aus über 700 Einsendungen von sechs Lektoren renommierter deutschsprachiger Verlage.
Am Ende entscheiden die Juroren Felicitas Hoppe, Kathrin Schmidt und Tilman Rammstedt, sie können bis zu drei Preisträger küren, wobei einer der drei Preise für Lyrik vergeben wird. Für die Preisträger steht eine Gewinnsumme von insgesamt 7500 EUR zur Verfügung. Auch das Publikum kann einen eigenen Gewinner küren: Der taz-Preis der Publikumsjury beinhaltet einen Abdruck des Textes in der Tageszeitung.
Die Wettbewerbstexte erscheinen als Anthologie im Allitera Verlag und sind ab dem 2.11. in den Buchhandlungen Anakoluth, Prenzlauer Berg und ebertundweber, Kreuzberg und während des open mike zu erwerben, danach im Buchhandel oder unter www.allitera.de.
Am 13.11.2011 um 0:05 Uhr sendet Deutschlandradio Kultur die Reportage „19. open mike“.
Ort: WABE, Danziger Str. 101, 10405 Berlin (Prenzlauer Berg)
S-Bahn Prenzlauer Allee, M10 Winsstraße oder S-Bahn Greifswalder Straße
Eintritt frei!
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