54. Portakal

Der Abend mit griechischer und türkischer Lyrik und Musik fand im Rahmen der 14. Interkulturellen Wochen Offenbachs zu Ehren des griechischen Literaturnobelpreisträgers Giorgos Seferis (1900-1971) und des wohl bedeutendsten türkischen Schriftstellers des 20. Jahrhunderts, Nâzım Hikmet (1902-1963), statt. Es ging um Gemeinsamkeiten: Daher stand der Abend unter dem Titel »Portakal«, denn so heißt im Griechischen wie im Türkischen das Wort für Apfelsine: »Apfel aus China« bzw. „Apfel aus Portugal“.  / familien-blickpunkt.de

53. Keine Inseldichter

Spannend sind die neueren Tendenzen in der isländischen Lyrik. Für eine neue Strömung steht die Poetengruppe »Nyhil«. Ihre Autoren mischen sich auch mit Essays in politische Debatten ein und haben wenig Interesse an der ihrer Auffassung nach verkitschten isländischen Lyriktradi­tion. Sie setzen ihr eine direkte Sprache und einen an der Konkreten Poesie orientierten Reduktionismus entgegen. Der Einsamkeit des Inseldichters entkommen sie, indem sie Open-Mic-Sessions und internationale Literaturfestivals organisieren. Doch das Düstere fehlt auch hier nicht. In Kristín Eiríksdóttirs Gedicht »Die Glückseligkeit war nie unser« heißt es: »Wir sind immer gerade nicht gestorben«. / Tanja Dückers, Jungle World

Isländische Lyrik. Hrsg. von Silja Sdalsteinsdóttir, Jón Bjarni Atlason und Björn Kozempel. Insel, Berlin 2011, 222 Seiten, 8,95 Euro

52. Immer muss es ein Roman sein

Wer Texten vorwirft, dass er sie nicht versteht, wirft nun einmal zunächst sich selbst etwas vor. Was kann ein Text für das Lesevermögen seiner jeweiligen Leserinnen und Leser? Sicherlich gibt es Texte, deren Inhalt und Güte sich nur jenen erschließen, die über eine gewisse Leseerfahrung und Bildung verfügen – und über die Frage, ob dies so sein muss, lässt sich streiten. Dies jedoch ist nicht der Kern des Vorwurfs, der Jahr um Jahr gegen komplexe Texte allgemein und gegen Lyrik insbesondere vorgebracht wird. Diejenigen, die nicht bereit sind, sich mit einem kurzen Text länger zu befassen, als die reine Erfassung der Buchstaben braucht, machen Texten zum Vorwurf, dass sie sie nicht verstehen oder nicht verstehen wollen. Sie werfen einem Text somit vor, dass er Arbeit macht.

Was sie stattdessen lesen wollen, ist, was sie schon kennen: einen Familienroman, einen Wenderoman, einen Roman über »Zeitthemen«. Immer muss es ein Roman sein, immer muss er literarisch einigermaßen belanglos sein, immer muss er behandeln, was man schon kennt. Sexszenen sollten auch drinstehen. Die Erkenntnisse, die man als Leserin und Leser solcher Bücher haben kann, sind dementsprechend. Wer ohnehin nicht wissen will, was »die Wende« war, wird es auch aus einem Wenderoman nicht herauslesen können. Wer in einem Roman »über Asien« nichts anderes lesen will, als dass die moderne Welt irgendwie seltsam ist, und dass Männer und Frauen irgendwie nicht zusammenpassen, sich aber trotzdem lieb haben sollten, der will »über Asien« nichts wissen, sondern sucht für seine Re-Lektüre des Immergleichen nur ein neues »exotisches« Ambiente.

So argumentieren die Feindinnen und Feinde des Intellekts seit Jahrhunderten, nicht erst seit 1933. Doch mit der Auslöschung und Selbstauslöschung der bürgerlichen Klasse und des selbstbewussten Proletariats fand der Krieg gegen die Moderne und gegen die Komplexität nun auch in den gehobenen Feuilletons statt, und, in völliger Verklärung eines zur eigenen Lesefaulheit gut passenden Volksgeschmacks, nach 1945 auch auf Seiten der Linken. Als 1968 Hans Magnus Enzensberger, Walter Boehlich und Karl Markus Michel wohlbegründet nach der Rolle des Autors fragten und mutmaßten, er sei vielleicht gestorben, machten die Feindinnen und Feinde der Literatur daraus gleich den Tod der Literatur. Das fanden sie gut, auch wenn sie zunächst greinten. / JÖRG SUNDERMEIER, Jungle World 

Mehr:

Reime sind Schweine
TIMON ENGELHARDT: Ein Nachruf auf die Lyrik

André Breton sah es so:

Dagegen erscheint mir die realistische Haltung, seit Thomas von Aquin bis zu Anatole France vom Positivismus inspiriert, als jedem intellektuellen und moralischen Aufschwung absolut feindlich. Sie ist mir ein Greuel, denn sie ist aus Mittelmäßigkeit gemacht, aus Haß und platter Selbstgefälligkeit. Aus ihr resultieren heute diese lächerlichen Bücher, diese beleidigenden Theaterstücke. Ständig holt sie sich Rückhalt in der Tagespresse und bringt Wissenschaft und Kunst in Verlegenheit, indem sie sich bemüht, dem niedrigsten Geschmack der allgemeinen Meinung zu schmeicheln: an Dummheit grenzende Klarheit, das Leben von Hunden. Noch im Wirken der besten Köpfe macht sie sich bemerkbar; das Gesetz der geringsten Anstrengung drängt sich ihnen am Ende auf wie allen anderen auch. Eine belustigende Folge dieses Tatbestands ist in der Literatur zum Beispiel die Überfülle von Romanen. Jeder steuert da seine kleine „Beobachtung“ bei.

Aus: Erstes Manifest des Surrealismus. In: Günter Metken (Hg.): Als die Surrealisten noch recht hatten. Texte und Dokumente. Hofheim: WOLKE Verlag 1983, S. 24.

 

51. Duraj liest Duraj

Richard Duraj bei der heutigen Transsub-Lesung in der Lettrétage

 

50. Selbstgeschriebenes

Lyrik von Rilke, Goethe oder Hesse gehört nicht zu seiner Lektüre. „Ich lese nur Gedichte, die ich selbst geschrieben habe“, erklärt der erfolgreiche deutsche Rapper Samy Deluxe in der aktuellen Ausgabe des Frauenmagazins BRIGITTE WOMAN (Ausgabe 11/11 ab heute im Handel). / presseportal

49. ‘Poetry Africa’ Festival in Durban

Vom 17.-20.Oktober findet in Durban das 15. internationale Poetry Africa-Festival statt. Veranstalter ist das Centre for Creative Arts der Universität KwaZulu-Natal.

Dichter aus 12 Ländern werden erwartet, darunter der aus Durban stammende Dashen Naicker, Myesha Jenkins aus Johannesburg,  Khadijatou (UK), Raul Zurita (Chile), Shailja Patel (Kenia), Patrice Treuthardt (Reunion), Jaap Blonk (Niederlande), Niyi Osundare (Nigeria), Joshua Bennett (USA) sowie die Südafrikaner David wa Maahlamela, Uzinzo, Sandile Dikeni, Phelelani Makhanya Mphutlane wa Bofelo, Gabeba Baderoon und Oswald Mtshali. Neben den Lesungen in Durban hibt es Touren nach Malawi, Simbabwe, Johannesburg und Kapstadt. Im Vorblick auf die im November in Durban tagende 17. UN-Konferenz zum Klimawandel wird die Eröffnungsveranstaltung Umweltfragen und planetaren Herausforderungen gewidmet sein. Danach lesen an jedem Abend 5 Dichter. Scharfe soziale und politische Stellungnahmen werden ebenso erwartet wir innovative und individuelle Herangehensweisen an Lyrik, Straßenperformanz, Rap und Hiphop. / The Witness

48. Lyrik und Forschung

Er schaut uns nach. Und mit ihm zwei Damen. Die beiden sind allegorische Figuren aus Stein. Die eine versinnbildlicht Liebes- und Vaterlandsdichtung und wird „Lyrik“ genannt, die andere, als „Forschung“ bezeichnet, liest ein großes Blatt Papier. Beide beschreiben Werk, Wissenschaft und Wonnen des Friedrich Rückert. Dieser 1788 im Fichtel‘schen Haus in Schweinfurt geborene Mann ist in die Geschichte eingegangen als über die Maßen fleißiger Dichter und anerkannter Wissenschaftler, dem seine Geburtsstadt Schweinfurt 1890 auf dem Marktplatz ein Denkmal errichtet hat. Bis heute sitzt die Steingestalt bei Wind und Wetter auf einem breiten Sessel, der auf einem einfachen Postament aufgestellt ist, ein aufgeschlagenes Buch auf dem Knie und den leicht geneigten Kopf in die Rechte gelegt. / Mainpost

47. Linke Lyrik

Die Täter sind nichts anderes als Kriminelle mit linker Lyrik. Ihre wirren Bekennerschreiben mit allerlei aufgeblasenem Wortqualm sollen dem zerstörerischen Wirken nur eine politische Relevanz anheften, die es gar nicht gibt. / Peter Heimann, Sächsische Zeitung

46. Was ist ein Gedicht (Laura Riding)

 Beitrag aus dem Lyrikwiki Labor (ich werde nicht nachlassen, hier Mitstreiter zu suchen. Es gibt immer Neues seit Ihrem letzten Besuch!):

Was ist ein Gedicht? Ein Gedicht ist nichts. Durch Beharrlichkeit kann aus einem Gedicht etwas werden, aber dann ist es etwas und nicht ein Gedicht. Warum ist es nichts? Weil es nicht angeschaut, gehört, berührt oder gelesen werden kann (was gelesen werden kann, ist Prosa). Es ist kein Ergebnis von Erfahrung, sei sie gewöhnlich oder ungewöhnlich, es ist das Resultat der Fähigkeit innerhalb der Erfahrung ein Vakuum zu schaffen – es ist ein Vakuum und ist es nichts. Es kann nicht angeschaut, gehört, berührt oder gelesen werden, weil es ein Vakuum ist. Da es ein Vakuum ist, kann der Dichter sich damit nicht schmeicheln, noch dafür Schmeicheleien einfordern. Da es ein Vakuum ist, kann es nicht vor Publikum wiedergegeben werden. Ein Vakuum ist unveränderlich und unverrückbar ein Vakuum – das einzige, was ihm zustoßen kann, ist Zerstörung. Wäre es möglich, es vor Publikum wiederzugeben, würde daraus die Zerstörung des Publikums resultieren.

(Aus: Laura Riding: Anarchism Is Not Enough. Berkeley, 2001, deutsch in: PARA-Riding, roughbook 015, 2011)

 

  • Laura Riding, Monika Rinck, Christian Filips: PARA-RIDING. Das Reiten und PARA-Reiten hebt an! Auf zum Parforce-Ritt mit Laura (Riding) Jackson (*1901 New York City, +1991 Wabasso). Doch halt, halt, halt … Da erschallt er auch schon, der böse Widerruf aus Nottinghams Wäldern: Es müsse endlich Schluss sein mit der Poesie! In conformity with the late author’s wish, her Board of Literary Management asks us to record that, in 1941, Laura (Riding) Jackson renounced, on grounds of linguistic principle, the writing of poetry: she had come to hold that „poetry obstructs general attainment to something better in our linguistic way-of-life than we have“. Monika Rinck und Christian Filips haben sich beim Übersetzen und Überschreiben von Laura Ridings Gedichten und Essays zunehmend gefragt, ob sie aufhören sollen mit dem Dichten und sich einfach der hier verheissenen besseren Lebensart widmen. Dabei stellte sich mit der Zeit das Verfahren des PARA-Ridings ein. Das Überschreiben von Texten, die, um wahr zu sein, nicht bleiben durften, wie sie waren. Und vielleicht gerade so wieder das wurden, was sie nicht mehr zu sein versprachen: Gedichte. 190 Seiten, Euro 12,- / sFr. 15.-. Kann hier bestellt werden.

 

Textproben aus dem roughbook hier

45. Traxlers Debüt

Um gleich mal mit der Tür ins Haus zu fallen: Wir sprechen hier vom meiner Meinung nach besten und schönsten Gedichtband des letzten Frühjahrs und, wenn ich es recht überblicke, zumindest von einem der besten der letzten Jahre, denn er hat mich als Leser gefordert, und das hat mir gefallen. Außerdem hat Andreas Töpfer dafür einen geradezu kongenialen Einband entworfen.

„Es sind Texte, bei denen, wenn wir dem Leser sagen, er müsse sie genauso lesen, wie sie dastehen, er handlungsunfähig bliebe.“  Dieser Satz findet sich auf Seite 33 jenes Bandes, der  „You’re welcome“ heißt, es genau so meint, von Mathias Traxler geschrieben wurde, und der  im Frühjahr 2011 bei Kookbooks erschien. Es handelt sich um ein Debüt, was an sich schon verwunderlich ist, gehören Traxlers Texte und Performances doch seit einigen Jahren zum Grundbestand junger deutschsprachiger Lyrik. / Jan Kuhlbrodt, fixpoetry

Mathias Traxler: You’re welcome. kookbooks, berlin/idstein 2011.

44. American Life in Poetry: Column 341

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

 

Here’s a poem of mixed feelings by Don Thompson to help us launch October. Thompson lives in Buttonwillow, California, which sounds like the name of a town in a children’s story, don’t you think?

 

October

 

I used to think the land
had something to say to us,
back when wildflowers
would come right up to your hand
as if they were tame.

 

Sooner or later, I thought,
the wind would begin to make sense
if I listened hard
and took notes religiously.
That was spring.

 

Now I’m not so sure:
the cloudless sky has a flat affect
and the fields plowed down after harvest
seem so expressionless,
keeping their own counsel.

 

This afternoon, nut tree leaves
blow across them
as if autumn had written us a long letter,
changed its mind,
and tore it into little scraps.

 

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2010 by Don Thompson, whose most recent book of poetry is Where We Live, Parallel Press, 2009. Reprinted from Plainsongs, Vol. 30, no. 3, Spring 2010, by permission of Don Thompson and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

43. Kai Pohl über »Matthias« BAADER Holst

Im vergangenen Jahr publizierte der Hasenverlag zum 20. Todestag von BAADER die Neuauflage seiner bis dahin veröffentlichten Schriften unter dem Titel hinter mauern lauern wir auf uns. Das Buch, herausgegeben von Tom Riebe, der auch das »Matthias«-BAADER-Holst-Archiv in Jena betreibt, umfaßt 160 der ca. eintausend Texte des BAADERschen Gesamtwerkes, einige Zeichnungen sowie als Beilage eine DVD mit zwei Filmen. BAADER, der »großgewachsene Junge«, war kein »kleiner schmächtiger traumverwalter« , er war ein Traumverweigerer: »wer an etwas glaubte wurde erschossen« . Die Endzeitstimmung in der DDR der zweiten Hälfte der 1980er Jahre war die Brutstätte jener surrealen Untergangsszenarien, für die BAADER den Plot schrieb. Für einen Künstler wie ihn war das Überleben an die Verneinung des Bestehenden gekoppelt. Künstlerische Freiheit gab es nur jenseits der herrschenden Dogmen, und dort war sie naturgemäß schwer zu behaupten. Seine Werke hatten keine Chance, in offiziellen Publikationen gedruckt zu werden. Verbreitung fanden sie in illegalen oder subkulturellen Zeitschriften und Künstlerbüchern (Samisdat). Die einzigen offiziellen Abdrucke von BAADER-Texten zur Zeit der DDR gab es nach dem Mauerfall in den Heften 5/1989 und 1/1990 der Zeitschrift Temperamente.

Im August 2011 ist in dem zweiten Heft der neuen Lyrikreihe Versensporn der Jenaer Edition POESIE SCHMECKT GUT eine Auswahl von BAADERs Gedichten erschienen, darunter zehn bisher unveröffentlichte Texte. / Kai Pohl, Fixpoetry

  • Tom Riebe (Hg.):»Matthias« BAADER Holst: hinter mauern lauern wir auf uns. Drei Textsammlungen und verstreute Texte aus den inoffiziellen und offiziellen Publikationen bis 1990. Hasenverlag Halle/Saale, 2011.
  • VERSENSPORN – Heft für lyrische Reize. Nr. 2: »Matthias« BAADER Holst. Mit einem Umschlagmotiv von »Matthias« BAADER Holst. Edition POESIE SCHMECKT GUT, Jena 2011.
  • Moritz Götze & Peter Lang: »Matthias« BAADER Holst. Materialbuch. Hasenverlag Halle/Saale, 2011.

 

42. Transsub – Video trifft Lyrik

Mittwoch, 12. Oktober · 19:30 – 22:30

Lettrétage – das Literaturhaus in Berlin Kreuzberg

Ein Blick über den medialen Tellerrand: Dieser Abend liefert eine Übersetzungsarbeit zwischen Text und Video.

Hierbei werden die Einflüsse der vorgetragenen Texte offen gelegt, die Subtexte in den Vordergrund gerückt.

Performative Lesung der Texte von Luise Boege, Katharina Schultens, Daniela Seel, Tom Bresemann, Richard Duraj, Simon Godard, Alexander Gumz, Stephan Reich, Jan Skudlarek, Asmus Trautsch und Ron Winkler.

Mit Video-Arbeiten von Johannes Bögle.

5 bzw. 3 Euro ermäßigt

41. Etüde

Die Texte spinnen unaufhörlich ihre Geister und verschleiern sie umso mehr. Natürlich ein Rekurs auf den ewigen Dualismus von mimesis und poiesis, und einer, der angenehm unprätentiös vorgeführt wird. Man muss sich nicht auskennen in der Geschichte des Diskurses, der von der Antike bis zum heutigen Tag nie aufgehört hat zu polarisieren. Doch nichtsdestotrotz steht man am Ende mit wenig in der Hand da – und muss einerseits sagen, dass „Geistersehen“ sprachlich durch und durch gelungene, organisch verwachsene Gedichte versammelt, andererseits jedoch zu wenig Anhaltspunkte liefert.  „Geistersehen“ bleibt eine Etüde, die meisterhaft durchexerziert wurde und gerade deswegen unbefriedigend daher kommt: Die Texte verflüchtigen sich schnell wieder, sie setzen kaum etwas in Arbeit, bleiben eine Art ziseliertes Nichts, in schöne Form gegossen und zusätzlich verschleiert. Letztlich führt Poschmann zwei Diskurse zusammen, aber: Ihre Geistersichtungen muten viel eher heimelig als unheimlich an, sie spielt das poetologische Potenzial ihres Materials nicht überzeugend aus. / Kristoffer Cornils, Fixpoetry

Marion Poschmann: Geistersehen. Gedichte. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2010.

40. „iwahaubbd“

Zu einfach wäre es, Friedrich Achleitner mit seinen frühen Dialektdichtungen aus „hosn rosn baa“ (1959), den experimentellen „konstellationen“ und „montagen“ aus den 1970er-Jahren, dem „quadratroman“ (1973) und der Kurzprosa der letzten Jahre zum Klassiker der zeitgenössischen Literatur zu erklären.

Ungesagt bliebe dabei, dass Achleitner sich nicht nur auf die Tradition der klassischen Moderne bezog, sondern sie selbst auch fortsetzte. Ihn mit Adolf Loos und Ludwig Wittgenstein, Robert Musil oder Anton von Webern in einem Atemzug zu nennen, würde auch jenen gerecht. Kurz: Der Autor Friedrich Achleitner, das ist – non multa, sed multum! Ganz besonders trifft das auf ein ob seiner Popularität unterschätztes Genre zu, die Dialektgedichte.

Die in „iwahaubbd“ versammelten, aus sechs Jahrzehnten stammenden Texte haben dabei mit Mundartdichtung nichts gemein. Achleitners Neuerfindung des Dialektgedichts, das immer auch einen Spiegel austriakischer Befindlichkeit darstellte, setzt, nach dem großen Zivilisationsbruch der Nazis, in den 1950er-Jahren ein, nach der Übersiedlung nach Wien. Die Rückübersetzung des Gedichts in die Muttersprache erfolgte wie alle wirkliche Veränderung von unten. / Erich Klein,  Falter:  Buchbeilage 41/2011

iwahaubbd
Friedrich Achleitner
September 2011 | Zsolnay, Wien
206 Seiten
€ 18,40