3. Der Rabe ist jetzt ausgestopft

Bangs neuere Gedichte folgen einem Abc-Muster („C steht für Cher, „E ist Evident“), wie man es in Grundschulfibeln, die Schülern das Alphabet beibringen, finden mag. Das wirkt ganz so, als müsse auch die Lyrikerin sich nach der Verlusterfahrung erst ihrer Mittel wieder neu versichern und die eigene Sprache buchstabieren lernen. In „N wie Nimmermehr“ erprobt sie sich dazu im Nachgang des berühmten „Raben“-Gedichts von E. A. Poe, das ebenfalls vom Verlust eines geliebten Menschen handelt und daher eine Elegie ist. Zwar lässt sich daraus, wie es scheint, nun kaum mehr Trost gewinnen – „Der Rabe ist jetzt ausgestopft/ In der Form eines erstklassigen / Taxidermischen Augenblicks“ -, doch auch die bewusste Abwendung von Vorgängern und deren Hinterlassenschaft ist eine Form des Dialogs mit ihnen.

Bang hat seit 1997 nicht weniger als sechs Gedichtbände veröffentlicht. Nicht alles davon, so zeigt diese zweisprachige Auswahl in Barbara Thimms Übersetzung, ist gleichermaßen überzeugend. Insbesondere die Gedicht-Folge von 2004, die sich auf zeitgenössische Kunstwerke von Sigmar Polke und anderen bezieht, wirkt durch die erzählerische Ausmalung der Bilder streckenweise banal. Dagegen bieten die frühen Texte bereits eindrucksvolle Auseinandersetzungen mit Tod und Sterben. In „Autopsie“, vielleicht dem stärksten Text der Sammlung, werden dem Anblick einer Leiche Momente von intimer Intensität abgewonnen: «Wie nackt die Seele – demaskiert, entadert,/ausgeweidet. Wie weich das Fleisch/im Tod. Jemand ist gekommen,/ um den Staub abzuwaschen. Maulbeerflecke./ Bleibende Male an verborgnen Orten“ Wer Gottfried Benns Morgue-Gedichte im Ohr hat, kann über solche Lyrismen nur staunen.

Die schön illustrierte Lyrik-Reihe
„Luxbooks Americana“ beweist auch 
mit ihrem achtzehnten Band (dessen Cover-Bild allerdings etwas zu plakativ geraten ist), dass es sich lohnt, den zeitgenössischen Vergegenwärtigungen poetischer
 Tradition in neuer Sprachform nachzugehen. / TOBIAS DÖRING, FAZ 23.11.

[ob ein Plakat „plakativ“, ein Comic komisch oder ein Lyrismus „lyrisch“ (lyristisch? lyrismisch?) ist, mag als Geschmackssache durchgehen. Staunen ist dagegen immer gut. M.G.]

Mary Jo Bang:
Eskapaden. Gedichte. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Amerikanischen von Barbara Thimm.
Luxbooks, Wiesbaden 2011. 220 Seiten, 22 €.

2. Lyrisches Quartett

München powert? Erst das Literaturfest (mit einem Füßlein in der Lyrikdiskussion), dann der Lyrikpreis und nun das:

„Das Literarische Quartett“ lebt als Lyrik-Veranstaltung auf. Besprochen werden drei interessante Neuerscheinungen und der Klassiker Heiner Müller: So heftig wie bei ihm geht es in heutigen Gedichten nicht mal zu, wenn bei Tisch die Geliebte tot umkippt. …

John Burnside ist einer der Dichter, die am Mittwoch in München vorgestellt werden, wenn dort ein altbekanntes Format unter leicht veränderten Titel auflebt. „Das lyrische Quartett“ heißt es – und wird es auch nicht im Fernsehen übertragen, so sind die Teilnehmer von ähnlichem Gewicht wie einst die Runde um Marcel Reich-Ranicki: Heinrich Detering, Wissenschaftler, Kritiker und als Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verantwortlich für die höchste bundesdeutsche Literaturauszeichnung, den Büchner-Preis. Die „SZ“-Autorin Kristina Maidt-Zinke, der Schriftsteller und Kritiker Harald Hartung, und, diesmal als Gast dabei, Joachim Sartorius, elder statesmen des West-Berliner Kulturlebens.

Dabei stellt sich heraus, daß die Dichter verschieden sind:

Zander unterscheidet sich deutlich von Müller. Noch viel verschiedener sind, gerade weil sie zum Teil ähnliche Themen behandeln, Judith Zander und Christian Lehnert.

/ Sebastian Hammelehle, Spiegel

1. Unterrichtsidee

Schüler der Unter- und Oberstufe haben sich gemeinsam mit Paul Celans Gedicht “Todesfuge“ beschäftigt: Für diese Unterrichtsidee ist das Heinrich-Schliemann-Gymnasium in Fürth bei der Verleihung des Deutschen Lehrerpreises in Berlin mit einer Sonderauszeichnung bedacht worden. Sechstklässler und kurz vor dem Abitur stehende Jugendliche arbeiteten in dem klassenübergreifenden Projekt zusammen, wie der Deutsche Philologenverband am Mittwoch in Berlin mitteilte. Dabei sei ein “einzigartiges Lernklima“ entstanden, die Schüler der unterschiedlichen Altersklassen hätten enorm von einander profitiert. / tz

127. Ruth Oberhuber, Peter Gstöttmeier und Reinhard Schmidt heißen die diesjährigen GewinnerInnen des Literaturpreises Ohrenschmaus 2011

Wien (OTS/ÖVP-PK) – Zum fünften Mal wurde heuer der Literaturpreis Ohrenschmaus in den Kategorien Prosa, Lyrik und Lebensberichte im Wiener Museumsquartier vergeben. „Dieser Literaturpreis ist ein Kulturprojekt – und kein Sozialpreis – und soll das öffentliche Bild von behinderten Menschen nachhaltig verändern. Menschen mit Lernbehinderung wollen zeigen, was sie können und das ist beeindruckend, wie die zahlreichen Texte beweisen. Zudem sollen Literatinnen und Literaten durch die Ausschreibung des Literaturpreises motiviert werden, ihr Talent und ihre Leidenschaft zum Schreiben weiterzuverfolgen“, so der Initiator und ÖVP-Sprecher für Menschen mit Behinderung, Abg. Dr. Franz-Joseph Huainigg.

Bei der diesjährigen Preisverleihung gestern, Dienstag, wurden die Siegertexte im Rahmen einer abwechslungsreichen Veranstaltung, moderiert von Barbara van Melle und Ronny Pfennigbauer, im Wiener Museumsquartier prämiert. Die Jury des Ohrenschmauses, bestehend aus Felix Mitterer (Ehrenschutz), Eva Jancak, Barbara Rett, Andrea Stift, Heinz Janisch, Ludwig Laher und Kurt Palm, hat heuer folgende SiegerInnen auserkoren: Peter Gstöttmaier mit dem Text „Söbständi“ (in der Kategorie Lebensberichte), Reinhard Schmidt mit „Ascheimer“ (in der Kategorie Prosa) sowie Ruth Oberhuber mit „Der Durchbruch des Kindes in mir“ (in der Kategorie Lyrik).

Besonders stolz sind Initiator Franz-Joseph Huainigg und die Partnerorganisationen Caritas, Diakonie, Jugend am Werk, Lebenshilfe und Vienna People First auf das druckfrische Ohrenschmaus-Buch, das die besten eingereichten Texte aus insgesamt fünf Jahren versammelt. Das Buch ist ab sofort im Buchhandel (Verlag der Provinz) erhältlich. Besonderer Dank gilt den Sponsoren Erste Bank, Raiffeisen Wien, Baumax, Zotter, Lions Club Wieselburg, Verbund, Wiener Städtische und dem Museumsquartier Wien, die mit ihrer Unterstützung einen zentralen Beitrag leisten.

Begründungen der Jury 2011:

Peter Gstöttmaier „Söbständi“ (Preisträger Lebensberichte) „Söbständi ist, allas sölba macha, sölba denka und toan“, schreibt der 1962 in Waldhausen geborene Peter Gstöttmaier und hat gerade dadurch die Jury fast einstimmig überzeugt, ihn zum heurigen Preisträger des „Ohrenschmauses“ in der Sparte Lebensbericht zu machen. Wobei wahrscheinlich besonders die Authentizität des handgeschriebenen Textes und das Verwenden der Umgangssprache beeindruckten. Denn Selbständigsein ist nicht nur wichtig, sondern bedeutet auch, sein Leben selber in die Hand zu nehmen und aufzuschreiben.

Ruth Oberhuber „Der Durchbruch des Kindes in mir“ (Preisträgerin Lyrik) Bei den vielen schönen Lyriktexten, die heuer beim „Ohrenschmaus“ eingereicht wurden, überzeugten die Jury ganz besonders die Gedichte der 1993 in Linz geborenen Ruth Oberhuber, die mit poetisch starken Worten vom Erwachsenwerden und dem von zu Hause ausziehen erzählt. „Ich wollte sehen, ob ich leben kann“, schreibt sie und hat es wahrscheinlich schon bewiesen, obwohl es nicht immer leicht und einfach ist, „wenn der Wind eisfischen geht“ und es „Regen, Nebel“, „dann wieder Sonne und Licht“ gibt.

Reinhard Schmidt „Ascheimer“ (Preisträger Prosa) „Ascheimer“ – dieser Text ist in meinen Augen auch deshalb großartig, weil er das Gutgemeinte thematisiert, das für Nichtstandardmenschen noch lange nicht das Gute sein muss. Beladen mit den Ladengeschenken, vor denen dem Erzähler graust, flüchtet er sich täglich in ein anderes Geschäft, wo er den unangetasteten frischen Kuchen im Mistkübel verschwinden lässt. Wunderbar auch, wie sich der Autor am Schluss die Perspektive der Bäckersfrau aneignet, die ob des regelmäßigen absurden Geschehens immer lachen muss. Alle eingereichten Texte finden Sie im Internet unter www.ohrenschmaus.net

126. Lyrik AG

Österreichs einzige Lyrik AG beendet ihre Serie in Sachen Reisetagebuchlyrik. „Watt“, der vierte Teil der Tetralogie von Till Mairhofer und Klaus Wieser, wurde soeben fertiggestellt. …

Was aber ist „Watt“? Was ein lyrisches Reisetagebuch? Mairhofer, der in Steyr beheimatete Schriftsteller, und sein Bad Haller Kompagnon Wieser begaben sich bis vor kurzem regelmäßig auf Literaturreisen. „Angefangen hat es, da waren wir 48 oder 49 Jahre alt“, erzählt Mairhofer. Irland stand damals auf dem Programm. Mit einem Ein-Mann-Zelt seien die beiden unterwegs gewesen. Dabei entstanden Gedichte, die in kleinen selbstgemachten Heften Eingang fanden. Die Titel: jeweils ein Wort aus vier Buchstaben – „Eire“ das erste, dann „Cres“ und „Löss“, nun „Watt“. / Oberösterreichische Nachrichten

125. „Grundton der polnischen Seele“

In den literarischen Äußerungen spiegeln sich die Teilungen im 18. Jahrhundert, die Polen für lange Zeit fast auslöschten, aber auch die großen Katastrophen des 20. Jahrhundert, die Kriege, der Holocaust und viele Emigrantenschicksale. »Jawohl. Wir waren und sind … gebrechlich. Wir sind mit dem Defekt des Polentums zur Welt gekommen.« So schrieb 1925 Stefan Żeromski, und weiter: »Du kennst die Deutschen nicht! Das ist kein Volk, sondern ein schrecklicher Orden, klug und schamlos organisiert, um solche Ackerbauern und Traumtänzer wie uns auszurotten …« Der Text erschien erst nach dem Zweiten Weltkrieg, bestätigt hatte ihn die jüngste Geschichte. …

Zwei Dinge aber klingen hindurch: der polnische Humor aus »kritischer Hoffnung« (Dedecius) und der lyrische »Grundton der polnischen Seele« von dem Przybyszewski 1917 in einem Text über Chopin schrieb, der »alles in sich versammelte, was sein Volk durchweint, in tiefer Verzweiflungstrauer sich errungen, sich erschrieen hatte …« / Sabine Neubert, ND 30.11.

Karl Dedecius: Meine polnische Bibliothek. Literatur aus neun Jahrhunderten. Insel Verlag. 470 S., geb., 39,90 €.

124. Ereignisarm

Seit jenen Tagen ist Georg Heym ein Begriff. Seine Strophen stehen in Anthologien und Auswahlbänden, gedruckt einst auch bei Aufbau und Reclam in Leipzig (mit dem schönen Nachwort von Stephan Hermlin), aber zu einer Biografie hat es dieser außerordentliche Dichter seltsamerweise nicht gebracht. Liegt’s daran, dass sein Leben so kurz und ereignisarm war? Vielleicht. Auch Gunnar Decker, der zum bevorstehenden hundertsten Todestag im Verlag für Berlin-Brandenburg ein Büchlein über Heym vorlegt, verspricht keine Lebensbeschreibung, sondern einen »biographischen Essay«. Es ist die erste Heym-Publikation nach langer Zeit und die bislang einzige Studie, die eingehend die Voraussetzungen dieser Dichtung erzählt, ohne dem Ehrgeiz zu verfallen, die letzten Dinge im Leben Heyms klären zu wollen. / Klaus Bellin, ND 29.11.

Gunnar Decker: Georg Heym. »Ich, ein zerrissenes Meer«, Verlag für Berlin-Brandenburg, 176 S., geb., 19,95 €. 

123. Münchner Lyrikpreis

Zum zweiten Mal hatte das Münchner Literaturbüro einen mit 1000 Euro dotierten Lyrikpreis ausgeschrieben. Rund 500 Autoren hatten Gedichte eingereicht. Eine Vorjury lud jeweils zwischen sechs und acht Autoren zu drei Vorrunden. Die acht Lyriker, die sich dort durchgesetzt hatten, bestritten am Samstagabend im Gasteig das zwar langwierige, aber spannende Finale vor einem fachkundigen Publikum. Rolf Grimminger, Sprecher der Jury, war am Ende des Lobes voll über das hohe Niveau der Veranstaltung. Tatsächlich hatten die Juroren – neben dem Germanisten Rolf Grimminger Eva-Elisabeth Fischer (Süddeutsche Zeitung), Antonio Pellegrino (Bayerischer Rundfunk) und Christian Lux (Luxbooks) – nur in einem Fall Anlass, über Langeweile zu klagen und sich über naive, wenig originelle Stilübungen zu mokieren.

An Sandra Trojans Gedichte reichte freilich an diesem Abend kein anderer Text heran. Die 32-Jährige aus Nordrhein-Westfalen verfügt über eine ausgefeilte Metaphorik und eine Fülle oft surreal anmutender Bilder. ‚Das ist das letzte Gedicht / das ich/ dir schreiben werde. Nichts ist / wie du es erwartest: eine Reihe aus Bildern ohne Bilder, in denen die Wände nur weiß sind und nichts / zeigen außer sich selbst.‘ Eigenständig im Ton schreibt sie in einer intensiven, sinnlichen Sprache, die bei aller dunklen Mehrdeutigkeit und Unschärfe nie kopflastig gerät. Die Qualität ihrer Texte ließ sich auch an der Sprachlosigkeit der Jury erkennen. Mühsam rang sie sich schließlich zu etwas banalen Bemerkungen durch und attestierte Trojan, sie beherrsche einfach die Kunst des Dichtens. …

Für eine wunderbare Abwechslung im Reigen der Lyriker, die ihre Texte überwiegend doch brav und partiell auch etwas zu bedeutungsschwanger vortrugen, sorgte die Performance von Walter Fabian Schmid. Der 28-Jährige inszenierte seine komplexe, lautmalerische Poesie mit witzigem Körper- und Stimmeinsatz. Er spielt mit Slangs und Dialekten, äußert unverblümt und ab und an auch sehr derb dringend notwendige Zeitkritik. Ihm wurde zum Verhängnis, dass die Jury seine Gedichte schwer lesbar fand und bekrittelte, man brauche den Dichter im Ohr, um die Texte zu verstehen, ein eigenartiges Argument angesichts der Tradition, in der Lautpoesie steht. / Sabine Reithmaier, Süddeutsche Zeitung (Stadtausgabe) 28.11.

Eine lobende Erwähnung sprach die Jury dem gleichfalls aus Leipzig stammenden Sascha Kokot aus, der in diesem Jahr auch als Finalist beim Leonce-und-Lena-Wettbewerb gelesen hatte.

Zu den weiteren Finalisten gehörten: Sabina Lorenz, Marie T. Martin, Walter Fabian Schmid, Bastian Schneider, Martina Weber sowie Janin Wölke, die jedoch nicht selbst vor Ort sein konnte. / Poetenladen

122. Nachdichtungen und Adaptionen

Besonders aufwühlend sind Gedichte jüdischer Poeten wie „So einer ist mein Landsmann“ von Antoni Slonimski, die unter den brutalen Eindruck deutscher Konzentrationslager geschrieben wurden. Einer entfesselten Kanaille, die sich herausnahm, über Leben und Tod zu bestimmen, setzte Slonimski die mitfühlende Menschlichkeit des Einzelnen in seiner ganzen Tapferkeit entgegen.

Die als „Vorwort“ betitelte Einleitung, sowie auch seine eingefügten handschriftlichen Kommentare widerlegen Biermanns wiederholt vorgetragene hartnäckige Weigerung, seine Erinnerungen zu Papier zu bringen, als Ausdruck einer eklatanten Fehleinschätzung. Es zeigt sich, dass er vieles zu berichten und zu erzählen hat. / Volker Strebel, literaturkritik.de

Wolf Biermann: Fliegen mit fremden Federn. Nachdichtungen und Adaptionen.
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2011.
544 Seiten, 26,00 EUR.
ISBN-13: 9783455403442

121. Edition und Interpretation

Lassen sich teure editorische Großprojekte nur aus einer editionstheoretischen und -praktischen Warte rechtfertigen oder auch vom vermeintlichen Kern der Literaturwissenschaft aus, also vom (cum grano salis) „Interpretieren“? Gibt es, zumindest für die ‚moderne‘ Lyrik seit Friedrich Hölderlin, aufgrund der hohen Anforderungen, die das Genre an seine Editoren erhebt, so etwas wie eine spezifische Problematik der Lyrikedition? Lassen sich systematische Zusammenhänge zwischen Lyrikedition und Gedichtinterpretation benennen? Ist an eine Theorie des Lesers kritischer Editionen zu denken und was wissen wir über den realen Leser? Diesem ehrgeizigen Fragenkatalog möchte sich der von Dieter Burdorf herausgegebene Sammelband stellen, und er tut es mit einem guten Dutzend Einzelstudien, die durch die Bank editionstheoretisch ambitioniert, auf der Grundlage profunder Kenntnis der jeweils in Frage stehenden Materialien, teils aus Herausgebersicht, über laufende und abgeschlossene Projekte berichten, Desiderate und Mängel benennen. So plädiert Bernhard Fetz für eine kommentierte Studienausgabe zu Ernst Jandl und moniert Lothar Bluhm die Kommentierungspraxis der historisch-kritischen Trakl-Ausgabe.

Als lyrischer Solitär auf der Schwelle moderner Lyrikproduktion erhält Hölderlin in dem Band eine allzu herausragende Position – ihm widmen sich gleich vier Beiträge. Weiter geht es mit Stefan George, Bertolt Brecht, Rainer Maria Rilke, Georg Trakl und Gottfried Benn, schließlich folgen Paul Celan und Ernst Jandl. / Jochen Strobel, literaturkritik.de

Dieter Burdorf (Hg.): Edition und Interpretation moderner Lyrik seit Hölderlin. 
Walter de Gruyter Verlag, Berlin 2010. 
223 Seiten, 89,95 EUR.
ISBN-13: 9783110231519

120. Japanische Farbholzschnitte

„Erwacht vom Schlaf / einer friedlich ruhigen Welt/durch Jokisen-Tee / mit nur vier Tassen davon / kein Schlaf mehr möglich in der Nacht.“ Dieses völlig unspektakulär wirkende japanische Gedicht aus dem 19. Jahrhundert enthält eine politische Botschaft: In den vier Tassen Tee verstecken sich die vier Kriegsschiffe des Commodore Perry, mit denen die USA 1854 Japans Öffnung nach Westen erzwangen. Anfang vom Ende einer Kultur, deren späte Massenprodukte Europas Kunst mit prägen sollten: Farbholzschnitte, zunächst als Verpackungsmaterial über den Pazifik gelangt, prägen bis heute unser Bild von Nippon. Dabei galten die Ukiyo-e, „Bilder des fließenden Lebens“, genannten Drucke in Japan selbst bis vor wenigen Jahrzehnten als zweitrangiges Kunsthandwerk. / Stefan Tolksdorf, Badische Zeitung

119. KARAWA.NET #003

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# 003 / LEICHTE GEOGRAFIE

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HANNES BECKER / TIMO BERGER / CHARLES BERNSTEIN / TOM BRESEMANN /
JÜRGEN BRÔCAN / RICHARD DURAJ / DANIEL DURAND / ISRAEL ENCINA / ULRICH
HOLBEIN / JAN KUHLBRODT / PAZ LEVINSON / LÉONCE W. LUPETTE / MATHIAS
MONRAD MØLLER / KERSTIN PREIWUSS / VALERI SCHERSTJANOI / VOLKER
SIELAFF / MARCELO SILVA / ECKARD SINZIG / ORHAN VELI / ACHIM WAGNER /
BENEDIKT WAHNER / ULJANA WOLF

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HTTP://KARAWA.NET

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HERAUSGEGEBEN VON TOBIAS AMSLINGER / NORBERT LANGE / LÉONCE W. LUPETTE

UNTER DER SCHIRMHERRSCHAFT DER LYRIKKNAPPSCHAFT SCHÖNEBERG

118. Forever Young

HADAYATULLAH HÜBSCH
Beats und Poetry
1. Poetry Memorial für
Paul Gerhard „Pidschie“ HADAYATULLAH HÜBSCH

Live-Poetry-Performances von u.a.

Theo Köppen (Göttingen)
Kersten Flenter (Hannover)
Robsie Richter (Hanau)
Alexander Pfeiffer (Wiesbaden)
Dirk Hülstrunk (Frankfurt)
Ken Yamamoto

Musik:
Die Double Dylans (Frankfurt)
Jonny hates Rock (Band, Hanau)
Wolfgang Wüsteney
Kurzauftritt: Tom Ripphahn (Hands on the Wheel) singt Jocco Abendroth
und Überraschungsgäste
plus Büchertisch, Projektionen

Über Hadayatullah Hübsch:
Geboren am 08.01.1946 in Chemnitz, lebte in Frankfurt am Main, Kommune 1 in Berlin, betrieb Ende der 60er in Frankfurt den “Heidi loves you Shop” (Deutschlands erster Hippie-Head-Shop), erster Gedichtband 1969 bei Luchterhand, Kriegsdienstverweigerer, schrieb u.a. für das Feuilleton der FAZ, konvertiert zum Islam, langjähriger Vorsitzender des Verbands deutscher Schriftsteller in Hessen, Mitbegründer der Dichtergruppe 60/90, Leiter des Verlags “Der Islam”, Herausgeber der Zeitschrift “Holunderground”, Namensvater des ersten Social-Beat Festivals in Berlin 1996, Wahl zum “Deutschen Literatur-Meister”, der Kölner Express nannte  ihn “Bühnen-Vulkan”.
Gestorben am 04.01.2011, beerdigt in Frankfurt an seinem 65. Geburtstag.

Hadayatullah Hübsch @ Facebook
Ariel-Verlag
Kulturpass

117. Literaturpreise vergeben

Bert Brecht ließ in einer Keuner-Geschichte auf die Frage, woran er gerade arbeite, Herrn Keuner antworten, dass er sich große Mühe gebe: Er bereite gerade seinen nächsten Irrtum vor. Mit diesem Verweis auf die Schwierigkeit, Gedichte und Literatur zu interpretieren, schloss Michael Braun seine Laudatio über den Gewinner des Kranichsteiner Literaturpreises, den Lyriker Jan Wagner, bei der Preisverleihung am Freitagabend im Mollerhaus. Jan Wagner, der als Meister der lyrischen Formen gilt, erkunde in seinem neuesten Lyrikband „Australien“ ferne Gegenden – nicht im geografischen Sinne, sondern „entlang der Imagination“, was „Existenzerkundung und Weltentdeckung“ bedeute, so Michael Braun.
Neben Jan Wagner erhielten Marion Poschmann ein New-York-Stipendium, Sudabeh Mohafez ein London-Stipendium und Nino Haratischwili den Kranichsteiner Literaturförderpreis.  …

Marion Poschmann wird diesen Zeitraum in New York verbringen. Juror Burkhard Müller lobte ihren Gedichtband „Geistersehen“, in dem Poschmann das nicht Greifbare, sich schnell Verflüchtigende und Veränderbare „festbannte“ in „gedanklicher Komplexität“. So auch in der streng gebauten „Hundenovelle“, die Trostloses in „schillernder Ästhetik“ aufleuchten lasse und dies mit der zusätzlichen „Qualität des Moralischen“ verbinde. / Darmstädter Echo

116. ACTA LITTERARUM

„ist eine Publikationsadresse für neue Literatur. Die Editoren verstehen das Netz als einen Ort, an dem Formen ästhetischer Präsentation erprobt werden, die dem Medium angemessen sind und den Wahrnehmungsverläufen von Netzbenutzern entgegenkommen.“

Bei Acta Litterarum finden sich nur wenige Autoren, deren Werke, die z. T. nicht mehr als Bücher erscheinen, sukzessive herausgegeben werden. So dasjenige von Thomas Körner, der seine Aufarbeitung der DDR dort vorantreibt: http://www.actalitterarum.de/autoren/thomas_koerner.html

Von Ulrich Schödlbauer, dem Herausgeber, findet sich u. a. der Gedichtband „Jonas“: http://www.iablis.de/actalitterarum/us/ionas/index.html

Von Paul Mersmann, Maler und Schriftsteller, werden umfangreiche Malereien insbesondere auf der Nachbarseite Grabbeau sorgfältig aufbereitet:

http://www.iablis.de/grabbeau/raum/mersmann/bilder/krellhinzen.html

Mit „Einträge 08“ von Ralf Willms handelt es sich um „Notat-Gedichte“, die auch als Hörfassung vorliegen: http://www.actalitterarum.de/autoren/ralf_willms.html