68. Pornografie, Nekrophilie, Verderbung einer Minderjährigen und der Aufruf, den Präsidenten zu töten

Der ukrainische Schriftsteller Juri Wynnytschuk hat sich mit den Machthabern angelegt: Er hat ein Gedicht geschrieben, das als Aufruf gelesen werden kann, den Staatspräsidenten zu ermorden. …  Das jetzt inkriminierte Gedicht hat er während einer „Nacht der erotischen Poesie“ vorgetragen. (…)

DIE WELT: Sie hatten also Besuch von der Miliz. Was wollten die Beamten?

Juri Wynnytschuk: Der kommunistische Abgeordnete Leonid Hratsch hat gegen mich Anzeige erstattet. Anklagepunkte: Pornografie, Nekrophilie, Verderbung einer Minderjährigen, die meine Gedichte rezitierte, und der Aufruf, den Präsidenten zu töten. Deswegen kamen die Milizionäre. Ich habe sie hereingebeten und mit Kaffee bewirtet. Sie wollten Auskünfte über diese Gedichte. Sie waren freundlich zu mir. Ich hatte den Eindruck, sie haben sich bei der ganzen Geschichte gut amüsiert. Sie kannten meine Bücher. / Gerhard Gnauck, Die Welt

67. Heimatdichter in anderem Sinn

Einzinger ist ein Heimatdichter, wenn auch in einem etwas anderen Sinn als der Stelzhamer Franzl. Die Dinge in seinen Gedichten kennen wir, befremdlich werden sie erst durch die lyrischen Arrangements. Das wirkt irritierend, stört eingefahrene Sichtweisen und wirkt bisweilen auch urkomisch. Lachen ist bei dieser Lyrik erlaubt, Surrealismus ist ein nicht ganz unpassendes Etikett. / Oberösterreichische Nachrichten

Erwin Einzinger: „Die virtuelle Forelle“. Jung & Jung. 143 Seiten

darin auch über:

Andrea Grill „Happy Bastards“, Otto Müller Verlag, 75 Seiten, 18 Euro

66. Extremist des Avantgardismus

Zu diesen hoch reizbaren Extremisten des Avantgardismus gehörte auch der 1925 in Rumänien gebo­rene Buch­staben­poet und Filme­macher Isidore Isou, der Begründer des sogenannten Lettris­mus. Aus einer jüdischen Familie stammend, geriet Isou im Rumänien des faschis­tischen Diktators Ion Antonescu in Lebens­gefahr und floh daher 1945 nach Paris, wo er alsbald die lettristische Revo­lution ausrief. Die Form der litera­rischen Dissi­denz, die Isou gemeinsam mit einigen Mit­strei­tern zelebrierte, führte im Frankreich der Nach­kriegs­zeit zu allerlei Skandalen: Der mit spekta­kulären Aktio­nen auf­trumpfende Isou wurde wahlweise als Porno­graph, politischer Nest­beschmutzer oder als Blas­phemiker geschmäht.

In Deutschland war der 2007 verstorbene Isou bislang nur durch die philo­logi­schen Arbeiten von Michael Lentz und durch einige Reminis­zenzen von Oskar Pastior präsent, eine umfassende, viel­stimmige Aus­einander­setzung mit seiner Poetik steht jedoch noch aus. Das könnte sich jetzt ändern, denn das auf solche Einzelgänger der litera­rischen Moderne spezia­lisierte „Schreibheft“ hat jetzt unter dem bezeich­nenden Titel „Die Zeichen des Messias“ ein aufregendes Dossier zum Phänomen Isidore Isou vorgelegt. / Michael Braun, Poetenladen

65. Deutschwort

Zwei schmale Bändchen Lyrik liegen nur mehr vor, geschrieben in Deutsch und tödlich erstaunt über das Deutschwort. In vertrackter Sprache und angereichert mit Wortneuschöpfungen in willkürliche Form gebrachte Kürzestprosa nur scheinbar. Denn schon vor dem zweiten Hinsehen erkennbar die Genauigkeit der Gefühle und eine Seelentiefe, wie das nur edelste Lyrik vermag, geboren noch in den Tiefen tschechischer Sprachwurzeln.

„Alle Figuren hier sind frei erdacht, doch wahrhaftig tot, geliebt, gelitten“ setzt Du den Miniaturen voraus und „denn was ist ein Gedicht, wenn nicht ein Name für das Flüchtige?“ / Aus Anlass der posthumen Verleihung des Manès-Sperber-Preises: Auszug aus der Laudatio für den Diplomaten, Dissidenten und Dichter Jirí Grusa – Von Miguel Herz-Kestranek, Der Standard 27.1.

64. Türkische Früchte 4: Tode

Dichter wurden allerorten verfolgt und gemordet. Unübertroffen Hitler und Stalin. In diesem einen Punkt war Stalin vorn, seinen Repressionen fiel eine mindestens dreistellige Zahl von Schriftstellern zum Opfer. In einer einzigen Nacht, der „Nacht der ermodeten Dichter“, ließ der Diktator 13 jüdische Intellektuelle hinrichten, darunter diese Schriftsteller:

  • Peretz Markish (1895–1952)
  • David Hofstein (1889–1952)
  • Itzik Fefer (1900–1952)
  • Leib Kvitko (1890–1952)
  • David Bergelson (1884–1952)

Diese beiden sind also konkurrenzlos. Sieht man an ihnen vorbei, stößt man auf die Tatsache, daß islamische Ländern seit dem Mittelalter besonders viele ihrer Dichter zu Tode brachten, namentlich auch spätere Klassiker. Eine kleine Liste von hingerichteten Autoren:

  • der Dichter Waddah al-Yaman, jetzt Nationaldichter in Jemen, wurde 708 wegen seiner Verse, vielleicht aber auch wegen zu enger Beziehung zur Frau des Kalifen, von diesem hingerichtet
  • der arabische Dichter Salih ibn ‚Abd al-Quddus wurde 784 wegen Ketzerei hingerichtet
  • Der Dichter Abu Nuwas starb 815 wegen eines Spottgedichts auf eine vornehme Perserfamilie – sie ließ ihn derart misshandeln, dass er an den Folgen starb
  • Huseyn ibn Mansur al-Halladsch wurde 922 in Bagdad hingerichtet
  • Abu at-Tayyib Ahmad ibn al-Husayn al-Mutanabbi, den man oft den größten arabischen Dichter nennt, wurde 965 ermordet
  • der türkische Dichter Nesimi (Nasimi) wurde 1405 hingerichtet, weil er einer der Ketzerei beschuldigten Sekte angehörte. Er starb in Aleppo durch Abziehen der Haut bei lebendigem Leibe
  • Pir Sultan Abdal wurde um 1560 hingerichtet, weil er mit den Persern gegen die Herrscher von Siwas konspirierte
  • der türkische Dichter Nefi wurde 1635 hingerichtet, weil er Spottverse gegen einen Mächtigen schrieb
  • 1981 richtete die Islamische Republik Iran den Dichter  und Dramatiker Saeed Soltanpour hin

Nachtrag 2012: Zehntausende fordern in einer Facebook-Gruppe die Bestrafung des saudi-arabischen Journalisten Hamsa Kaschgari, weil er den Propheten Mohammed beleidigt haben soll. Sie wollen ein Exempel statuieren und verlangen die Hinrichtung des 23-Jährigen.

63. Immoralistisch-zeitkritisch

Mit seiner immoralistisch-zeitkritischen Mixtur aus Frank Wedekind und Rammstein besitzt der Dichter Florian Voß innerhalb der heutigen Lyrik fast schon so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal. Blickt man mal genau auf seine bisherigen lyrischen Publikationen „Das Rauschen am Ende des Farbfilms“, „Schattenbildwerfer“ und jetzt „Datenschatten Datenströme Staub“, entdeckt man in den drei Überschriften ein leitmotivisches nihilistisches Konzept: – jeder Titel setzt eine Metapher für einen Handlungswillen in der Überflüssigkeit, ein baldiges Erreichen der Endlichkeit, für eine von Technik ummantelte Angstblüte – und doch gibt es dann immer noch so etwas wie eine Fortsetzung dahinter, weswegen die Schraube im nächsten Titel stets wieder ein Stück weitergedreht wird. Satirisch, anklagend, zwischen Verbitterung und Groteske verortet Voß die Welt des medial geprägten Kleinbürgers, besichtigt seine Sackgassen vor den Bildschirmen und macht sich über ihn lustig. Ansatzpunkt seiner Provokationen ist die Dekadenz der Neuzeit, die Ermattung und Daseinslethargie innerhalb und außerhalb der TV-Galaxien hinter den sichergebauten Alpen, das, was Nietzsche seinerzeit einmal „die Zeit der platzenden Belanglosigkeiten“ nannte. …

Eine eigene Diskussion schließlich könnte man über das Eingangsgedicht „Verfugtes Meisterstück“ führen. Die „Todesfuge“ von Celan ist kein Gedicht, das man parodieren kann. Ich unterstelle dem Lyriker mal die Idee, kritisch darauf hinweisen zu wollen, daß es mit der Betroffenheit ob des Holocaust nicht mehr weit her ist, daß wir in einer Welt leben, wo zum Beispiel auf dem Holocaust-Denkmal gepicknickt wird, und er aufgrund solcher Fragwürdigkeit stellvertretend die Todesfuge instrumentalisiert hat, um uns einen Spiegel vorzuhalten. Aber bei Sätzen wie: Hellgraue Milch des verhangenen Nachmittags / wir trinken dich und fragen uns: / hat da jemand reingeascht? Das schmeckt doch nicht oder Wir liegen ganz gut hier im Bett / Unsere Hunde lieben das neueste / Futter von Pedigree Pal fürchte ich, der Dichter findet das wirklich witzig, oder originell variiert, oder künstlerisch gelungen. Und der Verlag scheinbar auch, der ausgerechnet diese Zeilen noch auf die Klappe setzt. / Dominik Dombrowski, fixpoetry

Florian Voß, „Datenschatten Datenströme Staub“, Verlagshaus J. Frank, Berlin 2011, 80 Seiten, 13,90 Euro

62. Über Lyrik streiten

Helwig Brunner und Stefan Schmitzer lesen aus und sprechen zu »gemacht | gedicht | gefunden. über lyrik streiten« (literaturverlag droschl).

In diesem Buch »geht es darum, die Praxis des Schreibens und Lesens mit dem Gespräch über die Praxis in eine Beziehung zu setzen. Verhandelt werden die alten Fragen nach dem ›wer schreibt was wieso und wie für wen‹, die Frage nach dem Erkenntniswert von Lyrik (versus Wissenschaft), und zwar in kleinen Essays zu diversen Fragen, auf die der jeweils andere dann erwidert.« (Verlag) / Kurier

61. Aus gegebenem Anlaß

Axel Kutsch
RHEINLAND ERWACHE

Pappnasiges Sauf
gesülze Möhnengekläff
Rülpsendes Brauchtum
Jetzthaunwir Joviale
Politikervisagen Jetzthaunwir
Jetzthaunwiraber Kalender
exzeß Kotzender Frohsinn
AufdiePaukediePauke
Schnapskadaver Ent
hemmte Bürovorsteher Augen
aufschlag Schlag auf die
Augen Blaulichtorgien
Schamlippennacht
Bismorgenfrüh Bums

60. Gestohlen

Ein Mann aus Vermont wurde am Freitag unter dem Vorwurf verhaftet, eine Anzahl Originalkarten und -briefe des Dichters Robert Frost gestohlen und weiterverkauft zu haben. / cbs news

59. Marokkanischer Preis für Marilyn Hacker

Der internationale Lyrikpreis Argana wurde am Sonntag im marokkanischen Casablanca an die amerikanische Lyrikerin Marilyn Hacker vergeben.

Der vom Bayt Achiîr (Haus der Poesie) vergebene Preis wurde ihr in Anwesenheit der Minister für Kultur und für Bildung und Wissenschaft und „einer Elite von Intellektuellen und marokkanischen und arabischen Autoren vergeben. Die Jury bestand aus der Verlegerin Margaret Obank (Vorsitz), dem irakischen Dichter Saâdi Youssef und der Marokkaner Abderrahman Tenkoul, Hassan Najmi und Benaissa Bouhmala.

Hacker wurde 1942 geboren und ist Professorin für französische Literatur an der Universität New York. Einige ihrer Gedichte erschienen auch in dem Roman „Babel 17“ (1966) ihres Ehemanns Samuel R. Delany. Zu ihren Gedichtbänden gehören „Love, Death, and the Changing of the Seasons“, „Going Back to the River“, „Assumptions“ und „Separations“. / Atlas info

58. Walter Hasenclever-Literaturpreis für Michael Lentz

Der in Düren geborenen und heute in Berlin lebenden Schriftsteller Michael Lentz wird den mit 20 000 Euro dotierte Walter Hasenclever-Literaturpreis der Stadt Aachen 2012 erhalten. Dies gab Dr. Jürgen Egyptien, Vorsitzender der Walter-Hasenclever-Gesellschaft, heute bekannt. Die Verleihung des Walter Hasenclever-Literaturpreises findet am 4. November in Aachen statt. Die Jury würdigt mit ihrer Entscheidung einen Autor, der ein beeindruckend facettenreiches Werk geschaffen und sich als Erzähler, Lyriker, Herausgeber und Literaturwissenschaftler einen Namen gemacht hat. Lentz zählt zu den am meisten profilierten Performancekünstlern und hat eigene Texte, teilweise in Zusammenarbeit mit avantgardistischen Musikern, in verschiedenen intermedialen Formaten produziert. Als Verfasser einer grundlegenden Studie über die Geschichte der Lautpoesie hat Lentz diese Literaturgattung auf der Schwelle von Wort- und Tonkunst mit originären Beiträgen erneuert. In seinem jüngsten Buch „Textleben“, das Essays und Poetikvorlesungen versammelt, zeigt sich Lentz als brillanter Interpret von wesentlichen Autoren der Moderne – wie Gottfried Benn oder Samuel Beckett – und als reflektierter Kommentator des eigenen Schreibens. …

Der Walter-Hasenclever-Literaturpreis der Stadt Aachen wird alle zwei Jahre verliehen. Er zählt zu den höchst dotierten deutschen Literaturpreisen. Die bisherigen Preisträger – unter anderem Peter Rühmkorf, George Tabori, Oskar Pastior, Christoph Hein, Ralf Rothmann und die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller – gehören zur ersten Riege deutschsprachiger Autoren. / Euregiopresse

57. Christian Ide Hintze verstorben

Der Lyriker, Aktionskünstler und Mitbegründer der Schule für Dichtung in Wien Christian Ide Hintze ist 58-jährig verstorben

Wien – In der Rubrik „Einflüsse“ führt Christian Ide Hintze auf seiner Homepage www.ide7fold.net unter anderem die Gedichte Sapphos, die „Seherbriefe“ Rimbauds, Sprechakttheorien von John Searle, die Songs von Dylan, die Anonymität von Bahnhöfen, Begegnungen mit Friederike Mayröcker, sowie die Gestik der Kubaner und das vietnamesische Wasserpuppentheater an. / Stefan Gmünder, DER STANDARD 14.2.

56. Zitate

Es gibt für mich keine Zitate, sondern die wenigen Stellen in der Literatur, die mich immer aufgeregt haben, die sind für mich das Leben. Und es sind keine Sätze, die ich zitiere, weil sie mir so sehr gefallen haben, weil sie schön sind oder weil sie bedeutend sind, sondern weil sie mich wirklich erregt haben.

Ingeborg Bachmann im Gespräch mit Dieter Zillgen, 22.3. 1971, in: Ingeborg Bachmann: Wir müssen wahre Sätze finden. Gespräche und Interviews. München und Zürich: Piper, Neuausgabe 1991, S. 69.

55. Schwerpunkt Tranzyt

„Tranzyt. Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus (Weißrussland)“ heißt der Programmschwerpunkt der diesjährigen Leipziger Buchmesse. Man wolle, auch aus Anlass der Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine, Autoren aus Mittel- und Osteuropa bekannt machen und deren Publikationen in deutschen Verlagen befördern, erklärte Buchmessedirektor Oliver Zille. Als Gäste werden unter anderem Andrzej Stasiuk, die belarussische Autorin Swetlana Alexijewitsch und Jury Andruchowytsch aus der Ukraine. Kurator Martin Pollack erklärte, die Autoren aus Polen, der Ukraine und Belarus seien „untereinander sehr gut vernetzt und gemeinsam in verschiedenen Projekten aktiv“.

54. Eher ein Gedicht

Nun ja, sagt Claes Oldenburg, das sei ja nun etwas heftig zu sagen, die Kunst sei wie etwas, das im Maul eines Hundes steckt, der vom Dach eines fünfgeschossigen Hauses fällt. Zumindest sei es nicht gerade nett dem Hund gegenüber. Aber man müsse doch verstehen, dass seine Worte damals nicht so sehr ein Manifest, sondern eher ein Gedicht gewesen seien. „Ein Gedicht, das sagt, dass alles Kunst sein kann“, sagt Claes Oldenburg. / Tim Ackermann, Die Welt