98. Großer Unbekannter

Walter Buchebner ist einer der großen Unbekannten der österreichischen Literatur nach 1945 geblieben. Zu seinen Lebzeiten erschienen die Gedichte hauptsächlich in Literaturzeitschriften, Einige offizielle Anerkennungen gab es für seine Werke. So erhielt er den Förderpreis des Wiener Kunstfonds und den Theodor-Körner-Preis für Lyrik. Nach seinem Freitod nahm sich der Lyriker Alois Vogel seines Nachlasses an und veröffentlichte 1969 „Zeit aus Zellulose“ und 1974 „Weiße Wildnis“, Gedichte und Tagebucheintragungen. Rund um eine Ausstellung von Buchebner-Bildern 1977 in der Wiener Erste-Bank-Zentrale produzierte Günter Brödl Buchebner-Gedichte für die legendäre Ö3-musikbox: Großstadtlyrik unterlegt mit Beatmusik. Danach: Funkstille.

Keine weiteren Publikationen folgten außer der Neuauflage von „Zeit aus Zellulose“ im Styria Verlag 1994. Die Germanistin und langjährige Bachmann-Preis-Jurorin Daniela Strigl hat nun Gedichte, Prosa und Tagebücher Buchebners herausgebracht und damit eine Möglichkeit geschaffen, das vor allem lyrisch großartige Werk zu rezipieren. / REINHOLD REITERER, Kleine Zeitung

Walter Buchebner/Daniela Strigl. ich die eule von wien. Mit bisher unveröffentlichten Gedichten und Tagebucheintragungen. Edition Atelier. 220 Seiten, 26 Euro.

97. Gestorben

Der Emirati-Dichter Ahmad Rashid Thani aus Dubai starb gestern nach schwerer Krankheit im Alter von 49 Jahren, melden die Gulf News.

96. lyrikkritik.de

ist wieder da u. teilt mit:

Zeit, lyrikkritik zu verjüngen. Das Jahr 2012 wird Simone Kornappel, Herausgeberin der“randnummer“und Lyrikerin, für den Inhalt bzw die Zusammenstellung von Kritiken, Interviews, Polemiken etc. auf lyrikkritik verantwortlich sein. Alle kritischen, unabhängigen Kräfte sind weiterhin eingeladen, sich einzubringen. Alles Gute für das nächste Jahr 2012!

95. LIEBES SYSTEM: NICHT OHNE AXT

Parlandopark: LIEBES SYSTEM: NICHT OHNE AXT
Sonntag, 26. Februar 2012, 20.oo Uhr

StudioAcht Berlin, Grüntaler Str. 8 * Berlin Wedding * S und U-Bahn Gesundbrunnen

Zu Gast im Parlandopark: Ulf Stolterfoht
Moderation: Steffen Popp

Eintritt: frei

Ulf Stolterfoht, der Dichter der Fachsprachen, Erforscher der AMME und Besinger Stuttgarts, wird von aktuellen Projekten berichten, auf drängende Fragen (der Zeit, der Moderatoren, des Publikums) eingehen, überhaupt Auskunft geben – inklusive einer Einführung in das virtuelle Konglomerat BRUETERICH nebst Dependancen im wirklichen Leben! Hernach – oder davor, oder inmitten – werden Stanzen und anderes lyrisch Getuntes zu Gehör gebracht.

Versäumt nicht die rare Gelegenheit – zur Axt!

Zu Gast im Parlandopark: Ulf Stolterfoht
Moderation: Steffen Popp

(http://ulfstolterfoht.wordpress.com/)
(http://kleineaxt.wordpress.com/)
(http://www.roughbooks.ch/ulf_stolterfoht/ammengespraeche.html)

94. “La vie en rose!“

Klaus F. Schneider schickt eine ad-hoc-Übersetzung eines Gedichts von Dorin Tudoran, der mit dem Lyrikpreis Petre Stoica ausgezeichnet wurde (L&Poe #85. Lyrikpreis „Petre Stoica”). Er schreibt:

Was war das für ein ereignis, als ca. 1980, zwischen all den parteikongreßlosungen und führerparolen und offiziellen schlagzeilen in einer studentenzeitschrift dieses gedicht erschien! LA VIE EN ROSE!

du brauchst nichts
zu tun, absolut nichts.
einfach nur zuhören:
“La vie en rose!“

wie kommt es dir vor?
warum nicht? sicher, lösch
das deckenlicht und schalt
das nachtlämpchen ein.
so ist es viel besser, nicht!
und jetzt hör zu:
“La vie en rose!“

wie? du meinst
es geht nicht? ja, wenn
du so unruhig bist! und dann
ist es noch viel zu hell hier.
mach auch das nachtlicht aus. so.
entspann dich. atme langsam und ruhig.
genau. so! und jetzt zuhören:
“La vie en rose!“

das gibt’s doch nicht!
ich verstehe nicht, was mit dir los ist.
ja, wenn du die augen offen hältst!
schließe sie!
so!
fester! noch mehr! so!
und wenn, was ist schon dabei,
dass dir die tränen kommen. zudrücken,
so wie es sich gehört. so!
auch die zähne. sehr gut! ganz fest zusammenbeißen.
so stark wie du nur kannst! und vergiß ja nicht
die zähne! so! hör zu:
“La vie en rose!“

zusammenkneifen. alles.
“La vie en rose!“

auch die zähne!
La vie en rose!

bravo!
“La vie en rose!“

wisch sie nicht weg. keine scham.
so! was ist schon dabei,
wenn du weinst! was macht das schon,
dass es dich schüttelt, vor weinen?
“La vie en rose!“

hervorragend!
“La vie en rose!“

lauter!
“La vie en rose!“

noch lauter!
“La vie en rose!“

pressen!
“La!“

fester!
“Lla!“

so!
“La!“

so, genau, so!
„La-la, La-la!“

hervorragend, ja!
“La-la, La-la-la-la!”

jetzt …
“Tra!”

nein:
“La!”

nicht so:
“Tra La”

so:
“Tra! La! Tra! La!”

So!
“So!“

Genau so!
“Genau so!“

La!
“La!“
Tra!
“Tra!“

Tra, La-la!
“Tra, La-la!“

So!
“So!”

Tra!
“Tri!”

Tri?
“Tri!”

Tra, La-la! Tra, La-la!
“Tri, Lu-li! Tri, Lu-li!“

Tra-la-la-la! Tra-la-la-la!
“Tri-li-lu-li! Tri-li-lu-la!”

93. ]trash[pool

Trashpool, genauer betrachtet „]trash[pool – Zeitschrift für Literatur und Kunst“ heißt die Tübinger Antwort auf die verwandten Magazine Edit (Literaturinstitut* Leipzig) und Bellatriste (Hildesheim). Das Heft besticht durch eine ambitionierte Gestaltung mit graphischen Hinguckern. Hinter ihrem surrealistischen Cover präsentiert die aktuelle Ausgabe zahlreiche Texte als Schriftbilder. / Schwäbisches Tagblatt

Trashpool hat 102 Seiten, kostet 5,20 Euro und ist in ausgewählten Tübinger Buchhandlungen erhältlich. Im Internet: www.trash-pool.de.

*) s. Kommentar (schon wieder ein Grund, in Tübingen Lyrikzeitung zu lesen!)

92. Sprache

Wir kennen Bobrowskis Formel: „Sprache/ abgehetzt/ mit dem müden Mund/ auf dem endlosen Weg/ zum Hause des Nachbarn.“

Hier ein anderer Aspekt:

„אַ שפראַך איז אַ דיאַלעקט מיט אַן אַרמײ און פֿלאָט“

„a schprach is a dialekt mit an armej un flot“

in englischer Transkription: “A shprakh iz a diyalekt mit an armey un flot” —Max Weinreich, 1945.

So wird die Quelle jedenfalls meist angegeben. Und dort steht es auch:

[Max Weinreich. “der yivo un di problemen fun undzer tsayt”, pp 3–18 in yivo bletter yanuar-yuni 1945 (nyu-york), p. 13.]

Die Autorschaft ist indes zweifelhaft, siehe hierhier und hier.

91. Seltsam konservativ

Noch einmal wird hier die vergangene Symbolik des sozialistischen Jahrhunderts ausgekostet und die Geliebte als Trösterin und Heizung: „Hab ich dich federnd aufgefangen/ Wie eine Flocke mit dem Mund? Das Licht lag weiß auf deinen Wangen./ So still die Nacht, so weich und rund.“ Das mag gesungen noch angehen.

Dass wir uns nicht falsch verstehen, Wenzel ist bestimmt kein Anhänger einer der Doktrinen des zwanzigsten Jahrhunderts. Seine Formensprache orientiert sich eher an Wilhelm Müllers Winterreise als am Kampflied a la Erich Weinerts Roter Wedding. Bei Müller heißt es: „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus.“  bei Wenzel: “Ich fühl mich in der Fremde/ als wäre ich zu Haus.“ Und dieser zutiefst romantische Topos („Kein Ort. Nirgends“) wird zugleich im Eingangsgedicht vorgestellt.

Aber um dieses Fremde zu belegen, wird im Bande alles zitiert, was es an Schlechtigkeiten im letzten Jahrhundert so gab: Krieg, Bürgerkrieg, Fernsehen, Konsum.  Pate stehen verwundete und ermordete Dichter wie Lorca.  „Das Gift der Vergangenheit/ unschädlich machen, Federico, gelingt nicht.“

Und genau hier liegt das Problem, wenn man mal das Pathos der Genitivkonstruktion herausnimmt. Es gelingt Wenzel nicht, die Vergangenheit unschädlich zu machen. Aber wäre nicht genau das eben Befreiung? Sonst nämlich bewegen wir uns in den Netzen der Melancholie, bleiben Gefangene unserer eigenen Geschichte, die wir dann notwendig als Heilsgeschichte (oder Untergangsgeschichte, immer aber mit hegelschem Ende) verklären müssen. Und so bleiben seine Texte seltsam konservativ.

Nach einer Weile CD und Lektüre musste ich Pause machen, so bittersüß die Erinnerungen auch waren, ich war ein wenig genervt, von mir als jungem Mann, von Wenzel, von der Geschichte. / Jan Kuhlbrodt, fixpoetry

Hans-Eckardt Wenzel: „Seit ich am Meer bin“, Gedichte, Mat­rosenblau Verlag 2011, 104 S., 18  Euro

90. Gestorben

Der Paschtodichter Murad Shinwari starb am Sonnabend in Khyber im Alter von 85 Jahren. Er wurde in seiner Heimatstadt Landi Kotal begraben. Zahlreiche Autoren und Stammesälteste nahmen am Begräbnis teil.

Er galt als Pionier der modernen Paschtodichtung, u.a. soll er die ersten Blankverse in paschtunischer Sprache verfaßt haben. / dawn.com

89. Beinah eine Schamanin

In einem Youtube-Clip vom vorigen Februar beginnt Hiromi Ito eine Lesung aus ihrem Erzählgedicht „I Am Anjuhimeko (Watashi wa Anjuhimeko de aru)“ im Museum of Modern Literature in Aomori, indem sie mit der Handfläche laut und wiederholt auf den Tisch schlägt. Ihre Stimme verrät Dringlichkeit, Verwirrung, Panik und das verzweifelte Bemühen, komplexe Ideen mit alarmerregendem Tempo wiederzugeben:

none of that really matters anyway, but that’s not what father says, he says let’s try burying her in the sand and waiting three years, mother was willing to just go along with that, that was a big disappointment, but, well, here’s the problem, I’m just a newborn who can’t even see, and I can’t even utter a word to talk back, so I was wrapped in my mother’s silk underclothes and buried in a sandy spot near a river

„I Am Anjuhimeko“ basiert auf einer mündlichen Text, der seit mehr als 2000 Jahren im nordöstlichen Japan weitergegeben wird.

Ito erzählt die alte Geschichte nicht einfach nach, sie findet eine Stelle in ihrem Inneren, durch die sie den Geist Anjuhimekos und ihrer Mutter leiten kann. Ihr selbst wiederfahren die Schrecken der vor langer Zeit getanen Reise, daher Dringlichkeit, Panik und Verzweiflung.

Kein Wunder, daß die Presse so oft das Wort Schamanin benutzt. Das Wort ist ihr wichtig.

„Ich habe diese Fähigkeit nicht“, sagte sie der Japan Times vor kurzem in einem Interview in ihrer kalifornischen Wohnung. „Aber meine Großmutter und Mutter gehörte zu diesen Menschen. Manche Menschen erreichen Gott und können die Zukunft vorhersagen oder so etwas. Vor dem 2. Weltkrieg wurden diese Fähigkeiten in der japanischen Gesellschaft akzeptiert. Ich dachte nie darüber nach, ob ich an so etwas glaube, aber als ich mit Lesungen anfing, dachte ich mir, vielleicht ist das was ich tue gar nicht so anders. Die Extase, die ich beim Lesen erreichen konnte, das Gefühl, etwas erreicht zu haben. Ich fühlte eine Verbindung zu meiner Mutter und Großmutter.“

Ito wurde 1955 in Tokio geboren. Ihr erster Gedichtband „The Plants and the Sky (Kusaki no Sora)“ wurde 1978 mit dem Gendai-shi Techo Award ausgezeichnet. Sie wurde zur Speerspitze der Frauendichtung der 80er Jahre, einer Bewegung, zu der auch Toshiko Hirata, Yoko Isaka and Koko Shiraishi gehörten.

Ihre Bände „On Territory 1 (Teritori ron 1)“, 1985, und „On Territory 2 (Teritori ron 2)“, 1988, waren Wegweiser weiblichen Ausdrucks, die sich mit Themen beschäftigten, die bis dahin in der japanischen Lyrik ignoriert worden waren: intime Einblicke in weibliches sexuelles Begehren, die Funktionsweise des weiblichen Körpers sowie Körperlichkeit und emotionalen Aufruhr von Schwangerschaft und Geburt. Sie wurde augenblicklich zur Feministin erklärt, aber der Ausdruck ist zu einfach.

„Zwischen 20 und Anfang 30 mochte ich es nicht, wenn man mich Feministin nannte. Man versuchte mich einzuordnen und ich haßte es. Ich wollte Dichter sein, nicht „Dichterin“. Ich widersetzte mich der Art und Weise, wie Männer uns zur Seite zu drängen versuchten, uns nicht zum Mainstream der Lyrik zuließen.“

Itos bekanntestes Gedicht ist das unvergeßliche „Killing Kanoko (Kanoko-goroshi)“, ein intensiver persönlicher Bericht über eine schwere Depression nach der Geburt ihrer ersten Tochter. Sie stellt grausige Kindsmordphantasien neben die guten Wünsche von Familie und Freunden.

Happy Kanoko
Bites off my nipples
Congratulations congratulations
Gleefully I would like
To get rid of Kanoko
Without melancholy, without guilt
I want to get rid of Kanoko in Tokyo
Congratulations
Congratulations on your destruction
Congratulations on your destruction

/ DAVID HOENIGMAN, The Japan Times 19.2.

Hiromi Itō im Poetry International Web / Film von einer gekürzten Lesung von Killing Kanoto

88. Zwei Dichterschamanen

Man kann sich die Begegnung dieser beiden Dichterschamanen als ein lichterlohes Feuerwerk der Synapsen vorstellen: Mit dem im letzten Jahr überraschend verstorbenen Frankfurter Publizisten, Poeten, 68er Aktivisten und Imam Hadayatullah Hübsch und dem Schweizer Ira-Cohen-Übersetzer und Herausgeber unzähliger Underground-Lyrikbände, Florian Vetsch, scheinen tatsächlich zwei sehr ähnliche Sonnensysteme aufeinandergeprallt zu sein – wobei die aus diesem Zusammentreffen entstandene Supermasse fortan eine dunkel raunende Gravitation auf die Tastaturen sämtlicher Schreibgeräte ausüben sollte. / NZZ 4.2.

Hadayatullah Hübsch, Florian Vetsch: Round & Round & Round. Ein Gedichtzyklus. Songdog-Verlag, Wien 2011. 61 S., Fr. 20.–.

87. Überraschende Textgebilde

In den ersten Jahren dieses Jahrhunderts sind in Österreich zwei Dichter gestorben, von denen man erwartet und gewünscht hätte, dass sie ihr Werk, das sich in den jeweiligen Konturen allerdings längst erkennen liess, noch um den einen oder anderen Aspekt bereichern. Die Rede ist von Gerhard Kofler (1949–2006) und Christian Loidl (1957–2001), die nicht sosehr an komplexen Strukturen arbeiteten, sondern das alltäglich-mündliche Gerede, für das sie stets ein offenes Ohr hatten, destillierten und sich dabei auf das einzelne Wort und seinen Klang konzentrierten. So entstanden verblüffend einfache, dabei unerhörte, überraschende Textgebilde, die sich zum mündlichen Vortrag eigneten, ja, diesen forderten. / Leopold Federmair, NZZ 4.2.

Christian Loidl: Gesammelte Gedichte. Herausgegeben von Eva Lavric unter Mitwirkung von Jaan Karl Klasmann. Klever-Verlag, Wien 2011. 750 S., Fr. 40.90.

86. Schlaflied wilder Tiere

Aus ihren jüngsten Gedichtbüchern hat die 1942 geborene ungarisch-slowakische Dichterin Mila Haugová eine grosszügige Auswahl kompiliert, die nun, von ihr und der Slawistin Anja Utler gemeinsam übersetzt, in einer zweisprachigen Edition vorliegt. Unter dem ebenso schlichten wie enigmatischen Titel «Schlaflied wilder Tiere» – Wildtiere, die singen? die besungen werden? – gibt der Band eine Reihe lyrischer Texte zu lesen, die sich thematisch vorzugsweise zur Natur hin öffnen, frühkindliche Wahrnehmungen vergegenwärtigen, die Leiblichkeit der Liebe feiern, aber auch deren Schwund und Verrat beklagen. / NZZ 7.2.

Mila Haugová: Schlaflied wilder Tiere. Gedichte. Aus dem Slowakischen von der Autorin und von Anja Utler. Edition Korrespondenzen, Wien 2011. 136 S., € 19.–.

85. Lyrikpreis „Petre Stoica”

Der Lyrikpreis „Petre Stoica”, der seit 2011 alljährlich von der Kulturstiftung Pax 21 und der Temeswarer Zweigstelle des Rumänischen Schriftstellerverbands an einen repräsentativen Banater Lyriker für sein Wirken und Gesamtwerk vergeben wird, geht heuer an den Schriftsteller Dorin Tudoran. …

Dieser wertvollste Banater Literaturpreis soll nicht nur das Gesamtwerk eines Lyrikers ehren, sondern auch das Gedenken an den Dichter Petre Stoica (geb. 1931 in Neupetsch/Peciu Nou, KreisTemesch), einen der ganz Großen der Banater und rumänischen Literatur, wachhalten. / Balthasar Waitz, Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien

84. Hoprichs Methode des literarischen „Risses“

Reinecke setzt die verdienstvolle Arbeit Stefan Sienerths fort, der schon 1983 mit großem persönlichem Risiko in Bukarest den ersten Gedichtband Georg Hoprichs „Gedichte“ herausgebracht hat.

Sienerth gelang es trotz schwieriger Umstände ein erstaunlich komplexes Bild des Dichters entstehen zu lassen.

Hier knüpft Reinecke an und versucht mit Hilfe der Analyse einzelner Gedichtpassagen in seinem Nachwortessay dies zu vertiefen. Vor allem erklärt Reinecke die von Georg Hoprich öfter angewendete Methode des literarischen „Risses“.

Damit meint Reinecke gewissermaßen die Schnittstelle, die bewusst einen Schiefklang heraufbeschwört, um nicht in einer gängigen, auch nicht persönlich-poetischen Aussage zu verharren, sondern auch über seine eigene Sprechweise hinauszugehen.

Im Gedicht „Die Schlafenden“ zeigt dies Reinecke an der ersten Strophe: „Sie wollten weinen oder lachen, / doch da kam der Schlaf herbei. / In seiner Bodenlosigkeit, / im unfruchtbaren Ei des Daseins. /“

Die beiden letzten Zeilen „In seiner Bodenlosigkeit / im unfruchtbaren Ei des Daseins /“ bilden den formal-melodischen Schiefklang zu den ersten beiden liedhaften melodischen Zeilen „Sie wollten weinen oder lachen, / doch da kam der Schlaf herbei. /“

Für diesen Interpretationsansatz sprechen auch die beiden in siebenbürgisch-sächsischer Mundart (das ist das überwiegend von den aus der Rhein-Maas-Mosel-Gegend vor fast 900 Jahren eingewanderten Siebenbürger-Sachsen gesprochene Moselfränkisch. Erstaunlich ähnlich dem heutigen Letzelburgischen aus Luxemburg.) geschriebenen Gedicht „Des  Nochts“ (Des Nachts) und „De Wegd äs olt“ (Die Weide ist alt) beide von Klaus F. Schneider im Anhang ins Hochdeutsche übersetzt.

Selbst in der heimelig vertrauten Mundart bleibt Hoprich abgründig.
Diese auch heute noch durchaus modernen Gestaltungsmittel machen die von Reinecke hier ausgewählten Gedichte Hoprichs für alle deutschsprachigen Leser zu einem künstlerischen Erlebnis.

Es ist Reinecke gelungen, einen Zugang in die auf den zweiten Blick viel komplexere Dimension des Hoprich’-schen Sprachkosmos zu ermöglichen.
Dadurch, dass es Reinecke gelingt, viele „Chiffren“ Hoprichs in ihrer Entwicklung darzubringen, trägt er dazu bei, dass der Leser Hoprichs Schicksalsweg bei dieser Lektüre vor allem poetisch nachvollziehen kann. / Ingmar Brantsch, Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien

Georg Hoprich „Bäuchlings legt sich der Himmel“, Reinecke & Voß Verlag Leipzig, 2011, 108 Seiten, 10 Euro, ISBN 978-3-942901-00-0