63. Immoralistisch-zeitkritisch

Mit seiner immoralistisch-zeitkritischen Mixtur aus Frank Wedekind und Rammstein besitzt der Dichter Florian Voß innerhalb der heutigen Lyrik fast schon so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal. Blickt man mal genau auf seine bisherigen lyrischen Publikationen „Das Rauschen am Ende des Farbfilms“, „Schattenbildwerfer“ und jetzt „Datenschatten Datenströme Staub“, entdeckt man in den drei Überschriften ein leitmotivisches nihilistisches Konzept: – jeder Titel setzt eine Metapher für einen Handlungswillen in der Überflüssigkeit, ein baldiges Erreichen der Endlichkeit, für eine von Technik ummantelte Angstblüte – und doch gibt es dann immer noch so etwas wie eine Fortsetzung dahinter, weswegen die Schraube im nächsten Titel stets wieder ein Stück weitergedreht wird. Satirisch, anklagend, zwischen Verbitterung und Groteske verortet Voß die Welt des medial geprägten Kleinbürgers, besichtigt seine Sackgassen vor den Bildschirmen und macht sich über ihn lustig. Ansatzpunkt seiner Provokationen ist die Dekadenz der Neuzeit, die Ermattung und Daseinslethargie innerhalb und außerhalb der TV-Galaxien hinter den sichergebauten Alpen, das, was Nietzsche seinerzeit einmal „die Zeit der platzenden Belanglosigkeiten“ nannte. …

Eine eigene Diskussion schließlich könnte man über das Eingangsgedicht „Verfugtes Meisterstück“ führen. Die „Todesfuge“ von Celan ist kein Gedicht, das man parodieren kann. Ich unterstelle dem Lyriker mal die Idee, kritisch darauf hinweisen zu wollen, daß es mit der Betroffenheit ob des Holocaust nicht mehr weit her ist, daß wir in einer Welt leben, wo zum Beispiel auf dem Holocaust-Denkmal gepicknickt wird, und er aufgrund solcher Fragwürdigkeit stellvertretend die Todesfuge instrumentalisiert hat, um uns einen Spiegel vorzuhalten. Aber bei Sätzen wie: Hellgraue Milch des verhangenen Nachmittags / wir trinken dich und fragen uns: / hat da jemand reingeascht? Das schmeckt doch nicht oder Wir liegen ganz gut hier im Bett / Unsere Hunde lieben das neueste / Futter von Pedigree Pal fürchte ich, der Dichter findet das wirklich witzig, oder originell variiert, oder künstlerisch gelungen. Und der Verlag scheinbar auch, der ausgerechnet diese Zeilen noch auf die Klappe setzt. / Dominik Dombrowski, fixpoetry

Florian Voß, „Datenschatten Datenströme Staub“, Verlagshaus J. Frank, Berlin 2011, 80 Seiten, 13,90 Euro

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