83. Fasernackte Verse

Den Gedichten sieht man den Feinschliff an. Sie machen einem den Einstieg mitunter nicht leicht. Wenn man zu schnell liest, dann holpern die Verse, dann ist da kein Ton und kein Rhythmus, bis man etwas auffängt – ein Bild, eine Formulierung – an dem man erkennt, dass diese Holprigkeit nicht am Text liegt, sondern am Leser, an einem selbst. Also geht man in sich, nimmt sich Zeit und Ruhe, liest die ersten Gedichte mehrmals, um ein Gefühl für Kerstin Beckers Sprache zu bekommen, für die Art, wie sie einen Text aufbaut und wie sie Sinnebenen verschachtelt. Und plötzlich ist man drin. Ganz tief. / gw, cineastentreff

Kerstin Becker: „Fasernackte Verse“, Fixpoetry Verlag Hamburg

82. Schottlands schöne Lügen

Die Gemüter haben sich inzwischen beruhigt, aber der Mythos ist derselbe geblieben: Schottland wurde jahrhundertelang von den Engländern niedergehalten, Schottland wäre frei unter einem unabhängigen Parlament in Holyrood (in Anbetracht der feudalistischen Geschichte des Orts eine eher ironisch anmutende Wahl), und der urdemokratische Geist der Schotten würde sich, hätten wir erst einmal unseren eigenen Staat, umgehend manifestieren. Offenbar haben wir stillschweigend beschlossen, dass die lange Geschichte der Demütigung und Unterdrückung schottischer Arbeiter und Bauern das Werk einer fremden Macht ist und nicht dasjenige einer endlosen Folge glühend schottischer, aber gänzlich eigennütziger Politiker und «Unternehmer»; mithin nehmen wir an, die Unabhängigkeit werde auch das Aus für ein System bedeuten, dessen einziger Zweck das Wohlleben einiger weniger auf Kosten aller anderen zu sein scheint. / John Burnside: Schottlands schöne Lügen, NZZ 17.2.

81. Valérys Zirkelbewegung

Valéry schreibt in seltsamen Zirkelbewegungen, immer wieder werden, gerade in der Frühphase, bereits veröffentlichte Bücher umformuliert, erweitert und neu herausgegeben, auch die Gedichte erfahren eine Art ständige Revision, über Jahre. Entsprechend bleibt das Werk in seinem Umfang zunächst überschaubar. Den Startschuss für die genuin literarische und damit gesellschaftliche Karriere erspäht Bertholet mit dem Jahr 1917, dem Erscheinen des symbolistischen Gedichts «La jeune parque»; da tragen endlich auch seinerzeit namhafte Kritiker wie Paul Souday mit ihren Artikeln zur breiteren Rezeption Valérys bei. / Thomas Laux, NZZ 18.2.

Denis Bertholet: Paul Valéry. Die Biografie. Aus dem Französischen von Bernd Schwibs und Achim Russer. Mit einem Vorwort von Jürgen Schmidt-Radefeldt. Mit zahlreichen Abbildungen. Insel-Verlag, Frankfurt a. M. 2011. 660 S., Fr. 49.90.

80. Kulturförderung

In einem offenen Brief an das Schweizer Festival „usinesonore“ hat der Komponist Mathias Spahlinger begründet, warum er auf das Honorar für seine Auftragskomposition „off“ (1993/2011) verzichtet, die im März im Rahmen des Festivals uraufgeführt wird. / neue musikzeitung

(Mehr zum Thema unter dem Tag Kulturförderung, oben)

Hier der Wortlaut:

offener brief an:

association usinesonore olivier membrez
co-directeur artistique malleray-bévilard schweiz

2012.01.26

lieber herr membrez,

zum glück habe ich noch einmal zurückgefragt, nachdem sie mir berichtet hatten, dass das festival usinesonore 2012 von der siemens-stiftung finanziell unterstützt wird. ich wollte wissen, ob dieses geld dem festival allgemein zugute kommt oder ob es direkt zur finanzierung des kompositionsauftages dient, den sie mir erteilt haben, also an meine person gebunden ist.
leider hat man als beteiligter komponist oder interpret nie einen einfluss darauf, wie und woher ein veranstalter das geld bekommt und man liest überrascht oder auch verärgert erst im programmheft, mit wem zusammen man in einem atemzug genannt wird.
sie schreiben, dass die siemens-stiftung € 6500 speziell für meine komposition zur verfügung stellt. also habe ich in diesem fall einfluss und ich mache davon gebrauch.

die siemens-stiftung knüpft an diese unterstützung verschiedene bedingungen, die ich unerträglich finde.
sie verlangt, dass in meiner partitur stehen soll „kompositionsauftrag von usinesonore“ (was den tatsachen entspricht und mir eine ehre ist) und „finanziert von der ernst von siemens musikstiftung“. niemand mehr kann bei dieser formulierung auf die idee kommen, dass ich ein heftiger kritiker bis gegner des privaten sponsorenunwesens bin und niemals auf die idee käme, die siemens-stiftung um finanzielle unterstützung eines projektes zu bitten, an dem ich beteiligt bin.
des weiteren verlangt die siemens-stiftung, dass der vermerk im programmheft abgedruckt wird „mit freundlicher unterstützung von“, gefolgt vom logo der stiftung und dass beides deutlich mit meinem stück verbunden sein muss. sie werden verstehen, dass ich dies als direkten angriff auf meine selbstachtung empfinde und dass ich etwas derartiges nicht mitmachen will. wer symbole lesen kann, der versteht: hier wird macht demonstriert. hier sagt jemand (zum glück wenigstens brutal und ungeschönt): „ohne moos nix los, die kohle kommt von uns, wer zahlt befiehlt. die kunst gehört uns und damit auch die künstler, denn an uns kommt inzwischen keiner mehr vorbei.“ ein feines steigerndes detail dabei ist noch, dass sich die stiftung vor druck des programms und vor auszahlung des geldes ein imprimatur vorbehält, nach sichtung des entwurfs des programmheftes, um sicherzustellen, dass das logo die richtige größe und die erforderliche nähe zu meinem namen hat. doch damit nicht genug. als eingriff in den programmablauf und ihre souveränität als veranstalter verpflichtet die stiftung sie, dass vor der aufführung die unterstützung auch noch angesagt werden soll. eine derartige peinlichkeit habe ich bis jetzt nur in der allertiefsten provinz erlebt, als einer der organisatoren den schlussapplaus abbrach, um den großzügigen mittelständischen unternehmer beim namen zu nennen, der an diesem ort die kunst möglich gemacht hat.

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79. Kult der kleinen Zahl

Nur wenige Lyrikdebüts erscheinen im Jahr, und ich verwalte sie.* Hugh! Voilà, Originalmeldung literaturwerkstatt:

Die wichtigsten Lyrikdebüts 2011

Donnerstag, 23. Februar 2012

20:00 bis 23:00

Mit Andrea Grill (Wien), Alexander Gumz (Berlin), Dana Ranga (Bukarest), Asmus Trautsch (Kiel)

Kurator und Moderator: Christian Döring (Lektor, Berlin)

Nur wenige Lyrikdebüts erscheinen jährlich im deutschsprachigen Raum. Vier der Autoren und Autorinnen, die im letzten Jahr mit einem eigenen Lyrik-Band an die Öffentlichkeit traten, werden von Christian Döring an diesem Abend vorgestellt. Die Dichter sprechen über ihre Arbeit und lesen aus ihren Texten.

Andrea Grill (*1975 Bad Ischl, Österreich) ist Biologin und Schriftstellerin. Sie schrieb Romane und Erzählungen, zuletzt »Das Schöne und das Notwendige«. Mit »Happy Bastards« erschien ihr Lyrikdebüt im Otto Müller Verlag. Ihre Gedichte sind von einer unverbrauchten Bildlichkeit, vielstimmig und sensibel im Ton.

Alexander Gumz (*1974 Berlin) lebt als Lyriker, Redakteur und Veranstalter in Berlin. Seine Texte erschienen in zahlreichen Zeitschriften und Anthologien. Im Verlag kookbooks debütierte er 2011 mit dem Band »ausrücken mit modellen«. Seine Gedichte fangen »jene Sekunde ein, in der sich Aktualität verwandelt ins Nicht-mehr-Fassbare, wo eine Kehrseite des Wahrnehmbaren aufscheint« (DIE ZEIT online).

Dana Ranga (*1964 Bukarest) ist eine rumänische Schriftstellerin und Filmemacherin. Ihre Spielfilme und Dokumentationen wurden vielfach ausgezeichnet. »Wasserbuch«, bei Suhrkamp erschienen, ist ihr erster Lyrikband in deutscher Sprache. Darin wird aus ungewohnter Perspektive, von unterhalb der Wasseroberfläche, ein Blick auf unsere Welt geworfen.

Asmus Trautsch (*1976 Kiel) ist Komponist, Verleger und Dichter. Mit »Treibbojen« (Verlagshaus J. Frank) liegt sein Lyrikdebüt vor. Seine Gedichte sind anspielungsreich und sprachmächtig. Auffällig an ihnen ist die virtuose Handhabung der unterschiedlichsten Ausdrucksmittel.

Die Auswahl der Autoren für diesen Abend übernahm der Lektor und Herausgeber Christian Döring.

*) Nix, ganz und garnix, gegen die genannten Autoren. Alles gegen die übliche Rhetorik. Die Herrschaften sprechen nur, wenn es um Wichtiges, mehr noch, Wichtigstes, geht. Drunter machen es die Wichtigen nicht, es verkleinerte sonst ihre Wichtigkeit. Wichtigkeit!

78. Europäische Poesie­zeit­schrift

Zum Schluss sei noch auf die erste Ausgabe der neuen europäischen Poesie­zeit­schrift „Limen“ verwiesen, die wohl hoff­nungs­vollste Zeit­schriften-Neu­gründung dieser Tage. Das erste Heft versammelt jeweils zweisprachig Gedichte und poeto­logische Noti­zen von Dichtern aus Deutsch­land, Frankreich und Italien. „sist zappen­duster in diesem gedicht, welche sprache es wohl spricht?“ Die Verszeile Uljana Wolfs präludiert eine Reihe von sprachskeptischen Texten, die sich in „Limen“ zu einem beein­druckenden Gruppen­bild avancierter Poesie zusammen­finden. / Michael Braun, Poetenladen

Limen, Heft 1(2011)
Postfach 2923, 49019 Osnabrück. 144 S. 14,80 Euro.

77. Hebräische Bosheit

Gleichzeitig berief sich die literarische Emigration auf den Dichter, der in der Zeit des Nationalsozialismus beispielhaft ein anderes Deutschland repräsentieren konnte.

Auch der jüdische Literaturwissenschafter Jonas Fränkel positionierte sich auf dieser Seite, als er in Emil Oprechts Verlag sein Buch «Gottfried Kellers politische Sendung» publizierte. Terminschwierigkeiten Fränkels waren für den Regierungsrat, der die Herausgabe der «Sämtlichen Werke» finanziell unterstützte, vordergründiger Anlass, dem Herausgeber die Ausgabe 1941 zu entziehen. Fränkels Aktivitäten, so die Begründung, könnten in Deutschland als «hebräische Bosheit» ausgelegt werden. Indirekt gab der Regierungsrat damit jenen gleichgeschalteten Verlagen recht, die eine Anzeige der «nicht-arischen» Keller-Ausgabe in ihren Vorschauen verweigert hatten. / Ursula Amrein, NZZ 18.2.

76. Streit um Keller

Keller liess sein Testament im Januar 1890 notariell beglaubigen. Ein halbes Jahr später starb er. Die Überraschung bei der Testamentseröffnung war perfekt. Der Dichter hatte den Grossteil seines Vermögens und alle «aus dem Verlagsrechte meiner litterarischen Werke herfliessenden Einkünfte» dem Hochschulfonds des Kantons Zürich vermacht. Die leer ausgehenden Verwandten waren enttäuscht und auch empört. Der Bülacher Nationalrat Fritz Scheuchzer verlangte ein medizinisches Gutachten zum Gesundheitszustand seines Vetters, dessen Testierfähigkeit er in Abrede stellte. Er stützte sich auf die im Totenschein verzeichnete Diagnose «Hirnerweichung».

Die Gerichtsverhandlungen zogen sich über zwei Jahre hin und durchkreuzten die Erinnerung an den Dichter, der schon zu Lebzeiten die höchsten Ehrungen erfahren hatte und dem ein Staatsbegräbnis zuteil wurde, wie es für die Schweiz einmalig war. Der Bundesrat schickte an die Abdankungsfeier in Zürich eine eigene Delegation. Unter den Trauergästen befanden sich der gesamte Regierungsrat, Vertreter zahlreicher Behörden und Gesellschaften sowie die gesamte Professorenschaft der Universität und des Eidgenössischen Polytechnikums. Die Kremierung des Atheisten im Centralfriedhof Sihlfeld, die zu den ersten in Zürich überhaupt gehörte, war zusätzlich geeignet, den Toten mit der Aura des Aussergewöhnlichen zu umgeben. / Ursula Amrein, NZZ 18.2.

75. Potenzial rationalen Denkens

Mag sein, dass die intensive Beschäftigung mit Musik, die ja nur sehr eingeschränkt über eine Semantik verfügt, Rühms Literaturauffassung geprägt hat, und es versteht sich, dass er auch auf dem Gebiet eine Vorliebe hat für konstruktivistische Tendenzen. Sein Lehrer war Josef Matthias Hauer, der schon vor Schönberg eine Zwölftonmusik-Theorie entwarf. In den von Rühm in seiner Dichtung angewandten kombinatorischen Verfahren kann man mühelos starke Ähnlichkeiten zu Techniken der Minimal Music ausmachen.

Im Übrigen ist es ein Missverständnis, wenn man derlei Kunst für unpolitisch hält. Nur setzen Autoren, die so arbeiten, nicht auf die unmittelbare politische Aussage, sondern auf das politische Potenzial rationalen Denkens. Das kann ausgesprochen unterhaltsam sein. Das Spiel ist Rühms Dichtung verwandter als die Botschaft. Die lautliche Seite der Sprache ist ihr nicht weniger wichtig als die semantische und pragmatische. Sie verweist stets weniger auf eine außersprachliche Wirklichkeit als auf sich selbst – und folgt damit einem Kriterium, das nach Ansicht einiger bedeutender Theoretiker Literatur überhaupt erst konstituiert. Rühm steht damit im Zentrum einer ihrerseits marginalisierten Tradition des 20.Jahrhunderts, die weit über Österreich hinausgeht und von Chlebnikov und Krutschonych über Heißenbüttel bis zu Raymond Queneau und Georges Perec reicht. / Thomas Rothschild, Die Presse 18.2.

74. Ästhetik der Dissidenz

Eine wesentlich konturiertere Ästhetik der Dissidenz finden wir in der vierten Ausgabe des Literatur­heftes „randnummer“. Hier kann man kleine Meisterstücke entdecken, etwa die „bild­gebenden verfahren“ des Dichters Nicolai Kobus, eine kleine, artistisch gefügte Kollektion von Gemäldegedichten. Der verstörendste Text des Heftes ist freilich eine kleine Rollenprosa des Dichters Konstantin Ames, die in die Spätzeit der DDR zurückblendet und ein saarländisch-brandenburgisches Dichtertreffen rekonstruiert. Eine Episode, die offen lässt, inwieweit sie als Fiktion oder als klandestines Protokoll zu lesen ist.

Als schrille Neutöner, die auf die bewährten Verfahren der schnellen Schnitte und der schroffen Montage­techniken setzen, exponieren sich in der „randnummer“ und im „]trash[pool“ die Lyriker Kristoffer Cornils und Richard Duraj. Der 1987 geborene Cornils präsentiert eine „Haiku­zerstückelung“, die sich aggressiv gibt, gleichwohl – ähnlich wie in Brinkmanns „Highkuh“-Adaption – die mystischen Qualitäten der japanischen Gedichtform erhalten will. / Michael Braun, Poetenladen

Randnummer No 4  externer Link
c/o S. Kornappel, Okerstr. 43, 12049 Berlin. 108 S., 5 Euro.

Trashpool, Heft 2 (2011)  externer Link
Neckarhalde 8, 72070 Tübingen. 104 S., 5,20 Euro.

73. Die sich für ein Genie gehalten hat

„Kennen Sie etwa eine Frau, die sich für ein Genie hält?“, so ähnlich hatte Thomas Meinecke kurz vor Beginn seiner Poetik-Vorlesung in Frankfurt am Main am Ende eines Interviews mit der Süddeutschen Zeitung gefragt. Die Frage war rhetorisch gemeint. Denn Meinecke wollte zeigen, dass die (Wahn-)Vorstellung vom Genie-Sein ein männlich codiertes Phänomen ist.

Ich kenne eine. Frau. Die sich für ein Genie gehalten hat. Gertrude Stein thronte in Paris und wusste selbst denen, die hinter ihrem Rücken über sie lästerten, bei einer Begegnung das Gefühl zu verschaffen mit einer ganz außerordentlichen Frau zu verkehren, einer Frau außer der Ordnung nämlich in beinahe jedem Sinn (einer Frau, von der manche deshalb auch sagten, sie sei „eigentlich“ ein Mann). Es muss ziemlich anstrengend gewesen sein, auf diese monolithische Gestalt zu treffen, die trotz Dauermisserfolg ganz unbeirrt von ihrer eigenen Bedeutung und der ihres Schreibens überzeugt war und aus dieser Gewissheit herab sah auf die wuselig in ihre erotischen Abenteuer verstrickten, verzweifelt an ihrer Männlichkeit bastelnden Hemingway, Fitzgerald,  Anderson, Ford Madox Ford, Picasso und wie sie alle hießen. Sie müssen ihr, stelle ich mir vor, gelegentlich auch wie Aliens vorgekommen sein, in ihrer Fixierung auf die zwanghaften Wiederholungsrituale der Heterosexualität, auf Männlichkeitsmythen und -posen, in ihrer Angst vor der eigenen Homoerotik und ihrer Gier nach Bestätigung durch (immer jüngere) Frauen.  Für die allerdings interessierte Gertrude Stein sich auch nicht besonders. Vielmehr: Sie interessierte sich nicht für das, was diese Frauen in den Augen der Männer einzig auszeichnete und zu Frauen machte: Das Begehren dieser Frauen, von denen begehrt zu werden, muss ihr sonderbar irr vorgekommen sein. Und so ergab sich – neben dem Kunstwollen – eine weitere, etwas abstoßende Schnittmenge der Interessen zwischen diesen Männern und dieser einen, einzigartigen Frau:  die Mysogynie, in ihrem Fall klar und bestimmt gerichtet gegen die Hetero-Groupies;  in jenem der Männer durchsetzt mit Faszination und dem widerwärtigen Unterwerfungszwang.

Tatsächlich aber liebte sie Frauen und sie schrieb über Frauen und eine liebte sie besonders. / Melusine Barby, Gleisbauarbeiten

72. Wer wars?

Schon mit 14 Jahren beteiligte er sich an Demonstrationen, später wurde er zum Revolutionär. Sein Temperament färbte auch auf seine Gedichte ab. Eine neue Sprache zu schaffen – das war sein unbescheidenes Ziel. / mehr

71. Lieber schreibe ich Lyrik

Lieber schreibe ich Lyrik, die allenfalls 50 Leute lesen, als das zu tun, wozu der Erfolgsautor und sein Verlag neuerdings einladen. / KATHARINA TIWALD, Die Presse 17.2.

70. Nachruf auf Knud Wollenberger (Geb. 1952)

In der Traueranzeige ein Satz wie eine kryptische Lebensbilanz: „Und eine schwarze Sonne leckt die letzten Strahlen!“ Die Beisetzung im engsten Kreis auf dem Naturfriedhof Woodbrook in Irland, dem finalen Fluchtpunkt. Hier hatte er die letzten Lebensjahre verbracht, ein Pflegefall, abgeschottet vom Licht der Öffentlichkeit, für die er nur der Stasi-Verräter war und nicht der Dichter, der er sein wollte. Es bleibt ein schmales Büchlein, „Azurazur“, zwei Gedichte in einer Anthologie, Tonaufnahmen von Lesungen und wenige Text-Spuren im Netz. / Erik Steffen, Tagesspiegel

69. Daniela Danz wird Tübingens Stadtschreiberin 2012

Daniela Danz erhält das Stadtschreiberstipendium 2012 der Universitätsstadt Tübingen. Bisher veröffentlichte die Autorin zwei Gedichtbände mit den Namen „Serimunt“ (2004) und „Pontus“ (2009) sowie Prosawerke. Für ihre Arbeit erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien. Danz schätzt Tübingen, hat sie doch an der Eberhards Karls Universität Germanistik und Kunstgeschichte studiert. „Tübingen ist genau das, was jetzt zur ‚Hälfte des Lebens’ passt, um nachzudenken und in Ruhe zu arbeiten“, so Danz.

Eine fünfköpfige Jury hat die Schriftstellerin ausgewählt, die sich laut Florian Illies, dem ehemaligen Feuilleton-Chef der Zeit, durch ein „Gespür für die drückende Präsenz der Geschichte“ auszeichnet. Von April bis Juni wird Danz im ehemaligen Aufseherhäuschen am Stadtfriedhof leben und sich dort ihrer Arbeit widmen. Bei zwei Lesungen haben die Tübingerinnen und Tübinger die Gelegenheit, die Autorin und ihr literarisches Werk kennen zu lernen. Die Auftaktlesung findet am Donnerstag, 12. April im großes Sitzungssaal des Rathauses statt. Zudem wird die Stipendiatin ein Seminar beim Studio Literatur und Theater der Universität Tübingen halten.

Daniela Danz wurde 1976 in Eisenach geboren und studierte Germanistik und Kunstgeschichte in Tübingen, Prag, Berlin und Halle an der Saale. Sie lebt heute in der Nähe von Weimar. Neben ihrer schriftstellerischen Arbeit lehrt sie an der Universität Hildesheim und arbeitet als Kunsthistorikerin für die Evangelische Landeskirche in Mitteldeutschland.

Seit 2008 vergibt die Universitätsstadt jedes Jahr das dreimonatige Stadtschreiberstipendium. Dichterinnen und Dichtern wird so ermöglicht, ohne Zeitdruck und materielle Zwänge an ihrem aktuellen Projekt zu arbeiten. Enthalten sind monatlich 1.000 Euro und die möblierte Wohnung im ehemaligen Aufseherhäuschen.