Allmähliches Aufklaren

Amy Clampitt 

(* 15. Juni 1920 in New Providence, Iowa; † 10. September 1994 in Lenox, Massachusetts)

Allmähliches Aufklaren

Spät am Tag wrang der Nebel 
sich in Regenschneisen 
selbst aus wie ein Schwamm, 
durchsiebte die halbunsichtbare 
Bucht mit Speerspitzen;
dann, in einem Hub 
von Strähnen und Schals, von Rauchringen 
aus dem Umkreis der Inseln, enthüllend, 
was wellendes Fischnetzplissee 
gewesen ist von der Glätte 
von Peau-de-soie oder frisch gebügeltem 
Perkal, mit Schiffchenmuster 
aus Feim draußen, wo die Felsen sind, 
in glitzernder Nichtfarbe, 
Striemen aus Platin und 
Magnesium, die sich überziehen, 
Minute um Minute, mit heimlichem 
Rosa und Violett, mit opalner 
Tönung der Wolfsmilch, ein Geweb, 
über das man nur im Flüsterlaut spricht, 
begann er, am gesamten Horizont, 
sich allmählich zu entsiegeln 
wie die Lippe einer Höhle 
oder einer hohlen, einsamen, perlen-
hervorbringenden Meermuschel.

Deutsch von Jürgen Brôcan, aus: Sehen heißt ändern. Dreißig amerikanische Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Eine zweisprachige Anthologie. München: Stiftung Lyrik Kabinett, 2006, S. 32f

Gradual Clearing

Late in the day the fog 
wrung itself out like a sponge 
in glades of rain,
sieving the half-invisible 
cove with speartips; 
then, in a lifting
of wisps and scarves, of smoke-rings 
from about the islands, disclosing 
what had been wavering 
fishnet plissé as a smoothness 
of peau-de-soie or just-ironed 
percale, with a tatting
of foam out where the rocks are, 
the sheened no-color of it, 
the bandings of platinum 
and magnesium suffusing,
minute by minute, with clandestine 
rose and violet, with opaline 
nuance of milkweed, a texture 
not to be spoken of above a whisper, 
began, all along the horizon, 
gradually to unseal 
like the lip of a cave 
or of a cavernous, 
single, pearl-
engendering seashell.

Drei (Fast-)Haiku

Ján Štrasser

(* 25. Februar 1946 in Košice)

MÜDER HAIKU

Mach's Licht aus, mußt dich 
ausruhen, kommst auf andre 
Gedanken. Klar doch.
FASTHAIKU

Ich tu so, als kann ich, 
obwohl wahr ist, daß ich noch darf.
Nehm ich es an? Nein.
WINTERHAIKU

Auf dem kalten Klo, 
Zeitung vor mir, ich allein 
gegen die Winde.

Aus dem Slowakischen von Ursula Macht, aus: Blauer Berg mit Höhle. 16 slowakische Dichter des 20. Jahrhunderts. Levoča: Modrý Peter, 1994, S. 96, 99, 101.

Alfred Jarry 150 / Mann mit Axt

Alfred Jarry 

(* 8. September 1873, heute vor 150 Jahren, in Laval, Département Mayenne, Frankreich; † 1. November 1907 in Paris) 

1946 erschien in der Schweiz eine „Anthologie der Abseitigen“ mit Gedichten deutscher und französischer Dichter und Künstler. Unter den „Abseitigen“ – die Welt war mit Krieg beschäftigt – waren Wassily Kandinsky, August Stramm, Paul Klee, Pablo Picasso, Tristan Tzara, Kurt Schwitters, Alfred Jarry und viele andere. Die Texte erschienen nur in der Originalsprache, Deutsch oder Französisch, ohne Übersetzungen, in der Schweiz ging das offenbar. 1965 erschien ein Nachdruck, wiederholt in der Sammlung Luchterhand 1990. Erst in dieser Taschenbuchausgabe wurde wenigstens ein Teil der französischen Texte in deutscher Fassung in einen Anhang aufgenommen, soweit sie nämlich bis dahin irgendwo auf Deutsch erschienen waren. Darunter auch die deutsche Fassung des heutigen Gedichts von Alfred Jarry.

Das Gedicht von Alfred Jarry bezieht sich auf ein Gemälde von Paul Gauguin mit dem gleichen Titel (s.u.).
L'Homme à la hache
D'après et pour P. Gauguin

A l'horizon, par les brouillards, 
Les tintamarres des hasards,
Vagues, nous armons nos démons 
Dans l'entre-deux sournois des monts.

Au rivage que nous fermons
Dome un géant sur les limons.
Nous rampons à ses pieds, lézards.
Lui, sur son char tel un César

Ou sur un piédestal de marbre,
Taille une barque en un tronc d'arbre 
Pour debout dessus nous poursuivre

Jusqu'à la fin verte des lieues.
Du rivage ses bras de cuivre
Lèvent au ciel la hache bleue.

(1894)
Der Mann mit der Axt
Nach und für Paul Gauguin

Weitherum der Lärm der Glücke 
durch die Nebelschwaden kreist.
Wir bewaffnen unsren Geist 
in dem Zwischenreich der Tücke,

denn am Ufer, das wir sperren, 
hat ein Riese sein Regime.
Echsen, kriechen wir vor ihm.
Auf dem Wagen eines Herren,

einem Marmorpostament, 
schnitzt er sich ein Rindenschiff 
und verfolgt uns vehement

bis ans grüne Zeitenende.
Fest die blaue Axt im Griff 
haben seine Kupferhände.

Deutsch von Ludwig Harig, aus: Anthologie der Abseitigen. Hrsg. Carola Giedion-Welcker. Frankfurt/Main: Luchterhand, 1990, S. 279

Beide Fassungen auch in der vierbändigen Anthologie „Französische Dichtung“, herausgegeben von Friedhelm Kemp und Hans T. Siepe. Band 3. München: Beck, 1990 / 2001. Dort im Anhang auch eine Prosaübersetzung von H. Hinterhäuser:

Am Horizont, durch Nebelschwaden, / das metallische Lärmen der Zufälle, / Unbestimmt, bewaffnen wir unsere Dämonen / In dem tückischen Zwischenraum der Berge. / Am Ufer, das wir schließen, / Ragt ein Riese über den Schlamm. / Wir, Eidechsen, kriechen zu seinen Füßen. / Er, auf seinem Wagen wie ein Cäsar, / Oder auf einem Marmorpostament, / schneidet einen Kahn aus einem Baumstamm, / Uns aufrecht drinnen zu verfolgen /Bis ans grüne Ende aller Wege. / Vom Ufer recken seine Kupferarme / Himmelwärts die blaue Axt.

Paul Gauguin, L’Homme à la hache, 1891. Privatbesitz. Public Domain. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Paul_Gauguin_029.jpg

Nachbemerkung: Anfang der 90er Jahre war ich in Essen. In einer Buchhandlung gab es hunderte Taschenbücher der Sammlung Luchterhand, die für etwa 3 Mark verramscht wurden. Der Hintergrund war, der Verlag war ins Schlingern geraten, stellte sein literarisches Programm für Jahre komplett ein und verramschte die Bestände. Für mich ein Glücksfall. Bücher aus dem Westen wurden in der DDR nicht verkauft. Es waren Schätze, fast alles von Ernst Jandl war darunter und auch die „Anthologie der Abseitigen“. Ich kaufte Dutzende für mich und noch einmal Dutzende für die Germanistische Bibliothek der Universität Greifswald. Ich war weder bevollmächtigt noch beauftragt noch überhaupt mit der Bibliothek verbunden, außer als Nutzer. Aber es waren ein bisschen Wildwestjahre, die alte Macht weg, die neue noch nicht richtig im Sattel, es ging einfach, sie haben sie genommen und mir das Geld überwiesen. Man muss bedenken, dass alle diese Bücher vor 1990 in der DDR nicht zugänglich waren. Ich hatte viel nachzuholen und die Uni auch. Studenten organisierten ein Auto, das alles nach Greifswald brachte. So kam dieses Buch zu mir.

Der Nachtigall Klinggedicht

Catharina Regina von Greiffenberg

(* 7. September 1633, heute vor 390 Jahren, auf Schloss Seisenegg in Viehdorf bei Amstetten in Niederösterreich; † 10. April 1694 in Nürnberg)

Uber die Nachtigal

1.

Hört der holden Nachtigall
süssen Schall /
durch den Busch erschallen:
sie will / durch ein Kling-Gedicht /
ihre Pflicht
ihrem Schöpffer zahlen.

2.
In dem weiß-geschmälzten Zelt
aller Welt /
seinen Ruhm sie singet:
dahin zielt ihr Müh' und Fleiß /
daß sein Preiß
hell von ihr erklinget.

3.
Dir / dir / dir / O höchster Hort /
ohne Wort
pfleg' ich Dank zu geben:
ohne End ist mein Begehr /
deine Ehr'
äusserst zu erheben.

4.
Jede Feder fordert Lob /
ist ein Prob
deiner milden Güte.
Gib / so offt ich sie aufschwing /
daß erkling
Dank aus dem Gemüte.

5.
Jedes Würmlein / das ich iss /
ist gewiß
deiner Schickung Gabe.
Nimm / Erhalter / vor die Speiß /
diesen Preiß /
und mich ferner labe!

6.
Dir sey Lob vor diesen Ast /
wo ich rast:
doch nit / dich zu loben.
Nein! dein Ruhm wird für und für /
dort und hier /
hoch von mir erhoben.

7.
Du hast / schöne Singerin /
meinen Sinn
auch in was ermundert.
Nur von Gottes Gnad sing ich /
weil ich mich
ganz in sie verwundert.

Quelle:
Catharina Regina von Greiffenberg: Geistliche Sonnette, Nürnberg 1662, S. 358-360.
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20004880897

Von wem stammt der Floh?

Heute ein Gedicht ohne Verfassernamen. Wer ihn als erster weiß oder errät, erhält ein Exemplar von Band 2 der Werkausgabe Sibylla Schwarz (Hardcoverausgabe) oder nach Wunsch ein anderes Buch.

DERMATHOPHILUS PENETRANS

O daß in die modernden Rosen 
die Sonnencorona sich setzt 
und last not least in die bloßen 
Fußhäute das Schleimmakel ätzt.
Wo Netzen der Endologen
Chitin im Fluge entfiel, 
kommt unter die Nägel geflogen: 
der Wundschmerzen bitterstes Ziel.

Die grauen Hortensien zerfallen, 
die toxische Asche wird fad, 
der Mythen prismatisches Lallen 
wird zum Kristall-Silikat.
Die Käfer sind trauernde Scharen, 
und Duft wird zur Einsamkeit, 
die Falter siedeln 
in Haaren - - 
der Sandfloh 
im tödlichen Leid.

Nachtrag 11:02 Uhr:

Die ersten beiden Antworten sind da. Über dem Gedichttitel steht der Name, ich muss überlegen: die schönsten Verse der Menschen / na finden Sie schon einen Reim / das sind die Gottfried Bennschen / Hirn, lernäischer Schleim. Richtig, Benn, Gottfried. Von dem sind viele schöne Verse, aber nicht die auf den Reim auf Menschen (der ist von Peter Rühmkorf) oder auf den Sandfloh Dermatophilus Penetrans. Das ist von Rolf Schneider, aus dem Band: Rolf Schneider, Aus zweiter Hand. Literarische Parodien. (Ost-)Berlin: Aufbau, 1958, S. 12. Der erste Kommentator wird gebeten, mich wegen des Preises zu kontaktieren: gratzhgw@gmail.com.

Hier mehr über das Buch https://lyrikwiki.de/mediawiki/index.php/Aus_zweiter_Hand

wenn ihr gedicht wollt

Papenfußserie #3

Ist das Buch wirklich von 1990? In meinem Exemplar steht es:

SoJa. Mit Zeichnungen von Wolfram Adalbert Scheffler. Berlin: Druckhaus Galrev Neunzehnhundertneunzig.

Es sind auch frühe Gedichte, aber das Impressum sagt: © 1990 Druckhaus Galrev. 1. Auflage 2000. Ich vermute, das ist nicht das Jahr 2000, sondern die (für einen Gedichtband stolze) Auflagenhöhe. Jedenfalls erinnere ich mich, dass ich das Buch Anfang der 90er kannte.

GALREV (Verlag von rückwärts gelesen) war der 1990 gegründete Verlag direkt aus der (Ostberliner) Szene der späten 70er und 80er Jahre heraus, mit Sascha Anderson und Bert Papenfuß als Protagonisten. Die sogleich herausplatzenden Enthüllungen über die Stasimitarbeit von Sascha Anderson gaben dem (west)deutschen Literaturbetrieb die willkommene Gelegenheit, den Verlag zu ignorieren. Kritiker, die sagten: „Bücher bei Galrev bespreche ich nicht.“ – und auch Wort hielten. Autorenkollegen, die den Verlag nicht kannten oder einfach ignorierten und die dann, als sie das mit Andersen hörten, eine bequeme Ausrede hatten. (Ich höre es noch aus den Nachwortworten eines (West-)Kollegen heraus, der sagt: ein paar Bücher erschienen bei Steidl, die anderen bei Verlagen, die keiner kannte. – Genauer gesagt, 3 erschienen bei Steidl, die übrigen gut 3 Dutzend bei Aufbau, Luchterhand, Galrev, Janus Press, Basis-Druck, refugium, Telegraph, Peter Engstler, Urs Engeler, Karin Kramer, Distillery, Hatje Cantz, Brueterich, Quiqueg, wo noch? Kennt doch keiner, weg damit. Leute, wir gehen noch an unserer Ignoranz zugrunde! Jedenfalls Galrev: Egal wie viele gute Bücher dort erschienen, nicht nur von der Ostszene – sie fielen ins Wasser. „Prenzlauer-Berg-Connection“, das waren die 80er, damals war das für die im Westen interessant – jetzt fort damit! (Was nicht heißt, dass sie dafür aufmerksamer auf die Westszenen achteten.)

liegen worte
wenn ihr ruhe wollt
               brach
sitzen worte
wenn ihr daran wollt
               bereit
stehen worte
wenn ihr gedicht wollt
               dikk da
gehen worte
wenn ihr weiter wollt
               noch weiter
laufen worte
wenn ihr dorthin wollt
               wort -
flugs um bestimmten
forkommnissen zuforzukommen
   for ort beim wort
      dass kommunismus
         kommen muss

(Upps, das garstige vermeintliche Thema trägt auch dazu bei.)

Aus: Bert Papenfuß-Gorek: SoJa. Mit dreizehn Zeichnungen von Wolfram Adalbert Scheffler. Berlin: Druckhaus Galrev Neunzehnhundertneunzig, S. 9.

Hauswand in Greifswald 2017 (heute übermalt). War das der Dichter bei einer Stippvisite in Greifswald? Ein kundiger Leser? (Ich war’s nicht. Aber es war immer die Papenfußecke, wenn ich vorbeikam.)

Das Recht, beschrieben, tröstet

Heute vor acht Jahren starb Rainer Kirsch. Hier ein Gedicht, das er im November 1976 schrieb, nachdem die DDR den Liedermacher Wolf Biermann ausgebürgert hatte. Natürlich wurde es in der DDR nicht gedruckt. Mit einem Stempel der Universität Greifswald konnte ich sein im Westen gedrucktes Buch „Auszog das Fürchten zu lernen“ in der Deutschen Bücherei in Leipzig lesen und schrieb mir – da es vor 1990 keinen einzigen Copyshop gab in Leipzig! – die fehlenden Texte von Hand ab.

Notwendige Nachbemerkung: Tatsächlich brauchte man einen Stempel einer Institution, die den wissenschaftlichen Verwendungszweck bescheinigte, um im Westen gedruckte Bücher zu lesen. Und Papier und Stifte, um sie zu „kopieren“.

Zeitung

Der geifert seit zehn Jahren Gift und Speie 
Schreibt eine Zeitung giftend geifernd speiend
So ist das Recht. Ich schreibe Zeilen, um 
Trost auszuteilen, weil das Recht so ist 
Und der Mensch Trost braucht, wenn ihm sonst zu schwer ist 
Was ist; das Recht, beschrieben, tröstet 
Selbst in den schlimmsten Fällen. Wen? Die Leser.
Was tröstet mich? Ich lese Spaniens Chronik 
Und hör Ernst Busch. Wie graue Wölfe schoben 
Sich die Wolken, brüllt er. Sänger des Menschen Tröster

(Die letzte Silbe ist wenn geht zu dehnen)

November 1976

Aus: Rainer Kirsch, Auszog das Fürchten zu lernen. Prosa Gedichte Komödie. Reinbek: Rowohlt, 1978, S. 257

Ernst Busch übrigens, großartiger Sänger und parteitreuer Kommunist, veröffentlichte in der Zeitung wunschgemäß ein kurzes Statement gegen Biermann, das mit den Worten endete, den Sänger anredend: „Und du bist der Klassenfeind“. Selbstverständlich kannte Kirsch das, es stand in der Zeitung und war ja Teil von Gift und Speie. Dialektik des Trosts.

Mies im Sattel

Diane Wakoski

(* 3. August 1937 in Whittier, Kalifornien)

Uneasy Rider

Falling in love with a mustache 
is like saying
you can fall in love with
the way a man polishes his shoes
      which, 
      of course,
      is one of the things that turns on
      my tuned-up engine

      those trim buckled boots

      (I feel like an advertisement
      for men's fashions
      when I think of your ankles)

Yeats was hung up with a girl's beautiful face

and I find myself

a bad moralist, 

a failing aesthetician, 

a sad poet,

wanting to touch your arms and feel the muscles 
that make a man's body have so much substance, 
that makes a woman 
lean and yearn in that direction 
that makes her melt/ she is a rainy day 
in your presence
the pool of wax under a burning candle
the foam from a waterfall

You are more beautiful than any Harley-Davidson

She is the rain, 
waits in it for you, 
finds blood spotting her legs 
from the long ride.
Mies im Sattel

Sich in einen Schnauzbart zu verlieben 
ist wie wenn man sagt
man kann sich verlieben in die 
Art, wie ein Mann seine Schuhe putzt,
      was
      selbstredend
      zu den Sachen gehört, die meine 
      aufgemotzte Maschine anmachen 

      so glatte Schnallen-Boots

      (Ich fühle mich wie eine Reklame 
      für Herrenmode
      wenn ich an deine Knöchel denke)

Yeats verfing sich im Antlitz holder Maid 

und ich finde mich selbst 

eine schlechte Moralistin, 

Ästhetin, die scheitert, 

eine traurige Lyrikerin,

die deine Arme anfassen will und Muskeln fühlen, 
die einen Manneskörper über derart Substanz verfügen lassen, 
dass eine Frau 
sich lehnen und sehnen lässt 
dahin, wo sie schmilzt/ sie ist ein Regentag 
in deiner Gegenwart
Wachspfütze unterm entflammten Licht 
der Schaum eines Wasserfalls

Du bist anmutiger als jede Harley-Davidson

Sie ist der Regen, 
wartet darin auf dich, 
findet Blut, das ihre Beine sprenkelt 
von dem langen Ritt.

Deutsch von Jonis Hartmann, aus: Mütze #36 / Mai 2023, S. 1844f

Nah ist der Herbst

Marie Luise Kaschnitz

(* 31. Januar 1901 in Karlsruhe; † 10. Oktober 1974 in Rom)

Hochsommer

Im Erntemonde, wenn die Halme bleichen 
Verstummt der Vögel Sang. Die Erde ruht.
Es wächst die grüne Decke auf den Teichen, 
Erstickt die Flut.

Der Brunnenschale Wasser geht zur Neige, 
Der Efeu streckt die kleine Totenhand 
Im Garten schlingen Ranken sich und Zweige 
Zu finstrer Wand.

Die roten Beeren schimmern aus dem Laube
Es tritt der Fremde in den Garten ein 
Zerpreßt die leuchtende Johannistraube
Wie Blut und Wein.

Es dämmert in der Schluchten matter Wärme
Auf faulem Teich ein Regenbogenglanz, 
Bei Schilf und Lattich heben Fliegenschwärme
Sich hoch im Tanz.

Die Zeit ist kurz. Die Liebenden umgreifen 
Sich jäh in wilden Ängsten, dumpf und blind.
Nah ist der Herbst. Die Frucht will reifen, reifen,
Es ruht der Wind.

Aus: Sommergedichte. Ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell. Stuttgart: Reclam, 2009, S. 47

Der gefesselte Wald

Franz Hackel

(* 8.7.1887 Dresden, † 1.6.1962 Görlitz)

Jahreszeiten in Buchenwald

Kein Vogel singt 
Im toten Wald.

Der Nebel lastet, 
In uns rieselt Kälte.

Die Nacht ist blind, 
Der Tag ist grau.

Wo wär ein Kind, 
Wo eine Frau?

In den traurigen Buchen, 
Des Winds sarkastischer Pfiff...

Aus dem Französischen rückübersetzt von Annette Seemann.

Saisons à Buchenwald

Nul oiseau ne chante
Dans la forêt morte.

Le brouillard file, 
Le froid en nous ruisselle.

La nuit est aveugle,
Le jour est gris.

Où donc un enfant.
Où donc une femme?

Dans les hêtres funèbres.
Les sarcasmes du vent...

Aus: Der gefesselte Wald. Gedichte aus Buchenwald. Französisch-Deutsche Ausgabe. Herausgeber der französischen Originalausgabe André Verdet. Herausgeber der zweisprachigen Ausgabe Wulf Kirsten und Annette Seemann. Kommentiert und mit einem Nachwort von Wulf Kirsten. Aus dem Französischen übersetzt von Annette Seemann. Göttingen: Wallstein, 2013, S.86f

Kino

Heinrich Nowak 

(* 26. Jänner 1890 in Wien; † 1955 in Zürich)

Kino

Halbheller Raum, von Menschen angefüllt.
Der Perolintau senkt sich auf die Scharen
Von Kindern, Burschen, Frauen und Liebespaaren,
Die warten bis das Dunkel sie umhüllt.

Ein weißer Fleck verschlingt vier Musikanten,
Die vorne ihre Instrumente stimmen,
Und jetzt mit einem Marsch ins Lachen rannten.
(Ein Geigenton will bis zur Decke klimmen)

Plötzlich verschlingt die Dunkelheit die Wände;
Die weiße Leinwand vorne glänzt und scheint.
Die Pärchen finden leise ihre Hände –.

Ein großes Drama: Asta Nielsen weint
In tragischer Gebärde – später Lachen:
Max Linder geht grotesk durch tolle Sachen.

Aus: Heinrich Nowak: Die Sonnenseuche. Das gesamte Werk (1912-1920). Wien, Berlin: Medusa, 1984, S. 16.

fuer neue irre laender

Ein Langzeitprojekt. Aus jedem Buch von Bert Papenfuß, das sich in meiner Bibliothek befindet, ein Gedicht. In chronologischer Reihenfolge des Erscheinungsjahrs (die Chronologien der Entstehung der Gedichte und des Eingehens in meine Bibliothek weichen stark davon ab. Das früheste Buch in meiner Sammlung, harm. arkdichtung 77, Westberlin: KULTuhr Verlag 1985 (siehe L&Poe vom 27. August), konnte ich erst in den 90er Jahren kaufen.)

Das erste Buch, das in der DDR offiziell erscheinen durfte, nachdem (nach wenigen verstreuten Veröffentlichungen) ein Buch im Aufbau-Verlag geplant und gestorben worden war, erschien im gleichen Verlag unter dem bezeichnenden Reihentitel „Außer der Reihe“. Der Verlag teilte damals mit, dass die Autoren dieser Bücher nicht für die Veröffentlichung weiterer Bücher vorgesehen seien. Es ist natürlich eine Diskriminierung, aber die von Gerhard Wolf herausgegebene Reihe ermöglichte trotz und unter dieser Einschränkung die Veröffentlichung einer Autorengeneration in der (wusste sie das schon?) untergehenden DDR. Kurz vor und nach der sogenannten Wende in der DDR erschienen zwischen 1988 und 1990 Bücher von Autoren wie Stefan Döring, Gabriele Kachold, Reinhard Jirgl, Jan Faktor oder eben Bert Papenfuß gewissermaßen im Käfig, aber doch im Aufbau-Verlag, der der kulturpolitisch führende Verlag der DDR war.

Das Gedicht ist titellos und steht im Abschnitt wortflug.

die sich nichts fer-gaelen 
lassenden iren schotten 
bretonten ausdruekklich 
walis der wirrus diesmal 
nicht endgueltig bekaempft 
werde, wuerden sie sich 
er-kelten : die eih-ahr-ehj 
militanzte den endsieg dazu 
dass die armeen menschen 
basken sich dem meuterland 
ab-spanien hauns die korsen 
den frank&frei-reichen drauf 
den bombaskischen handschlag 
des linksuntersten fluegels 
der eta : fuer neue irre laender

Aus: Bert Papenfuß-Gorek: dreizehntAnz. Berlin und Weimar: Aufbau, 1988, S. 102

Er hats gewagt

Ulrich von Hutten 

(* 21. April 1488 auf Burg Steckelberg bei Schlüchtern; † 29. August 1523, heute vor 500 Jahren, auf der Ufenau im Zürichsee)

Aus Johann Gottfried Herders Denkmal Ulrichs von Hutten (1793):

Seit Hutten bey diesem Freunde war, schrieb er fürs Volk, hie und da auch in Volksreimen.
Wenn sie uns Knüttelverse dünken, so waren sies damals nicht: sie waren Verse, die das Volk
lesen und behalten sollte; daher besetzte er hie und da auch andre seiner Werke mit solchen Reimen.

Die Wahrheit ist von neu gebohren,
Betrug hat seinen Schein verlohren,
Deß sag Gott jeder Lob und Ehr
Und acht nicht förder Lügen mehr.
Ja, sag’ ich, Wahrheit war verdrückt,
Ist wieder nun hervorgerückt,
Deß sollt man billig genießen lon,
Die dazu haben Arbeit gethon.
Die faulen Pfaffen lobens nit – –
Ach fromme Deutschen haltet Rath,
Da’s nun so weit gegangen hat,
Daß nicht geh wieder hinter sich.
Mit Treue hab’s gefördert ich, 
Und begehr deß anders keinen Genieß.
Denn – wo mir g’schäh deßhalb Verdrieß –
Daß man mit Hülf mich nicht verläst,
So will ich auch geloben, daß
Von Wahrheit ich will nimmer lahn,
Das soll mir bieten ab kein Mann.
Auch schafft, zu stillen mich, kein Wehr,
Kein Bann, kein’ Acht, wie fest und sehr
Man mich damit zu schrecken meint.
Wiewohl mein’ fromme Mutter weint, 
Da ich die Sach hatt g’fangen an, 
Gott woll sie trösten! Es muß gahn, 
Und sollt es brechen auch fürm End, 
Wills Gott, so mags nicht werden gwendt. 
Drum will ich brauchen Füß und Händ’. 
Ich habs gewagt!

Ich weiß, fängt er in der Beklagung der Freystäte Deutscher Nation an:

Ich weiß, ich werd noch Lands verjagt,
Um daß ich solchs nicht schweigen kann,
Und nehm des Dings allein mich an.
Doch ist es wahr; und ist nicht recht,
Daß man woll machen krumm zu schlecht. –

https://de.wikisource.org/wiki/Denkmal_Ulrichs_von_Hutten

Hacksens Traum

Heute vor 20 Jahren starb der Dichter Peter Hacks (* 21. März 1928 in Breslau; † 28. August 2003 bei Groß Machnow).

TAGTRAUM

Ich möchte gern ein Holperstein 
In einer Pflasterstraße sein.

Ich stell mir vor, ich läge dort 
Jahrhunderte am selben Ort, 
Und einer von den Kunsteunuchen 
Aus Medien und Kritik
Käm beispielsweise Hacks besuchen 
Und bräch sich das Genick.

Aus: Peter Hacks, Die Gedichte. Hamburg: Edition Nautilus, 1998, S. 235

Nachtrauern. Bert Papenfuß †

Gestern starb in Berlin der Dichter Bert Papenfuß. Ferdammt Noch Mal Du Warst Doch Noch Gar Nicht Dran Mensch!

Zum traurigen Anlass ein Gedicht aus seinem ersten Buch harm. arkdichtung 77 (KULTuhr Verlag 1985).

Erleben Wirklich Erleben

Als Erleben Wirklich Erleben Meinte Weil Blosses Erleben
Mehr Bedeutete Als Nur Erleben Als Man Sich So Zwischen
Himmel & Erde Traeumen Liess Als Die Tueren Offen Standen 
Als Man Fom Nachhausegehen Sprach Doch Nicht Wusste Wohin
Als Man Keinen Schritt Ruekkwaertz Ging Wohin Denn Auch 
Es Erlebte Als Nach & For Erleben & Nach Mehr Licht Schrie 
Es Erlebte Als Nach & For Erleben & For Dem Licht Sich Wand

Die Rosen Ferrosteten Damals Man Stand Abseits Im Diesseits
Als Die Zeit Zerpulwert Wurde Im Kirchgarten Unten Am Fluss

Komm Mich Bexuchen Wie Gruen Du Auch Seist Find Meinen Stein 
Dann Reden Wir Drueber Wir Werden Dieser & Jenem Nachtrauern