von Astrid Kohlmeier, Montag, 23. April 2012 um 10:10 ·
es ist zeit eine andere sprache zu finden. für die sache an sich, das leben an sich, den menschen an sich und als gesellschaftliches wesen. die rede ist vom leben, der liebe, sex, kunst, politik, wirtschaft… wir laden euch ein im dialog und austausch neue worte zu erfinden, in den mund zu nehmen, auf die zunge, auf unseren charmelippen zu zergehen. lasst uns neue, große ideen denken, bilder kreieren und mutig sein. mutig zu denken, die nackte wahrheit, zu sehen das gegenüber, zu leben die lust. wir – das team dieses neuen sprachrohrs – laden euch ein euch bei uns vorzustellen – mit texten, tönen, bildern, fotos – und mit unseren lesern ins gespräch zu kommen. um eine hohe inhaltliche und künstlerische qualität unserer blätter zu gewährleisten – sucht unser gründungsteam die beiträge aus – die einmal monatlich zur veröffentlichung kommen. alle einsendungen, die wir nicht aufnehmen wollen oder können, werden von uns naturgemäß kommentiert, unsere entscheidung begründet. für wünsche, anregungen, pro und cuntra, kurz für eure lippenbekenntnisse sind wir gerne ganz ohr. euer team (tatjana, astrid, yosef,damara, martin, emil, martin)
Da in den letzten Tagen viel von Auschwitz in der Literatur die Rede war, hier ein Fundstück:
Es liegt viel Ernst in diesem Buch. Nicht nur das Grundthema ist ein ernstes. In diesem neuen Buch von IrisHanika sind auch ihre vorhergehenden Bücher mit anwesend. Lacanische Psychoanalyse: Das Ich bildet sich erst in der Spiegelung, Beziehungen – Liebe – Freundschaft , Single und Einsamkeit, all das spielt erkennbar in den Roman hinein. Wenn sich Ernst und Grenzüberschreitung verbinden, dann lässt die Radikalität mit der sie Stil und Worte wählt an einigen Stellen den Atem stocken.
Z.B. bei der Lektüre auf S. 56: „Von ganzem Herzen danken wir unsen lieben Freunden, lieben JÜDISCHEN Freunden, unseren lieben ermordeten JÜDISCHEN Freunden, die wir leider nicht persönlich kennenlernen durften, weil sie vorher schon ermordet und im Feuer verbrannt, unseren lieben lieben JÜDISCHEN toten Freunden dafür, die wirklich froh wirklich sein können, daß sie tot schon tot schon sind, weil wir sie ansonsten glatt zu Tode lieben würden wir sie!“ (es handelt sich NICHT um Tippfehler – das steht alles so im Text mit den Verdoppelungen)
Der Atem stockt einem schon auf den ersten Seiten bei der Stelle wo zu lesen steht: „Jedem Lied wohnt ein Auschwitz inne, jedem Baume, jedem Strauch, ..“ „und jedem deutschen Menschen auch. Fiderallalla , fideralllalla, fiderallla lala la.“ Lässt sich Fiderallalla mit Ausschwitz zusammenfügen? Und das liest die Autorin auch noch im Literarischen Zentrum laut vor. Ja, meinte sie dazu, sie habe sich schon gefragt ob das wohl O.K. sein könne und sich dann entschieden es zu schreiben.
/ unverändert aus: göttinger stadtinfo
Eine Verjüngungskur haben die Verantwortlichen dem Cuxhavener Joachim-Ringelnatz-Preis für Lyrik verpasst. Mit der vor Energie nur so sprühenden, sympathischen Preisträgerin Nora Gomringer (32) wurde am Sonnabend im Stadttheater die bisher jüngste Preisträgerin ausgezeichnet. Den Nachwuchspreis erhielt der von Nora Gomringer ausgewählte Dichterkollege José F. A. Oliver.
Die Laudatio auf Nora Gomringer hielt der Wiener Schriftsteller und Ingeborg-Bachmann-Preisträger Franzobel. Gomringer fand lobende Worte für ihren aus Andalusien stammenden Kollegen.
Mit dem Joachim-Ringelnatz- Preis für Lyrik der Stadt Cuxhaven werden seit 2002 im zweijährigen Turnus Dichterinnen und Dichter ausgezeichnet, die einen bedeutenden, künstlerischen Beitrag zur deutschsprachigen Gegenwartslyrik geliefert haben. / Cuxhavener Nachrichten
Für die Jury zählt Gomringer zu den besten Lyrikerinnen des 20.und 21.Jahrhunderts.
Das gelte vor allem wegen ihres Auschwitz-Gedichtes „Und es war ein Tag“. / Saartext
Gerhard Jaschke ist die Eminenz der Wiener Kleinverlagsszene, ein Klassiker, der keinen Staub ansetzt. Seine Gedichte »Alles Klar Natürlich« sind eine gelungene Text-Sammlung dieses engagierten Autors, Herausgebers des legendären Zeitschrift für Literatur und Kunst, dem Freibord. Für Gerhard Jaschke haben die offene Flanken für künstlerische Konzepte ästhetische Ansätze. Die Gedichte nehmen Ausdrucksformen moderner Kommunikationstechniken auf und transformieren sie mit aufklärerischem Anspruch. Die aphoristische Struktur, der gestische Duktus, die ironischen Untertöne, die Unterwanderung vorgeprägter Sprache und die umgedeuteten Sprichwörte dienen häufig einem parodistischen Spiel. Der Lyriker präsentiert ein lebendiges Sprachspiel aus Alliterationen, Akronymen und Anagrammatischem. Gerhard Jaschke, der alte Stoiker, macht einfach immer weiter. Einer muss es ja machen. / Matthias Hagedorn, Edition Das Labor
Ich bin nie in meinem Leben in ein Rock-Konzert gegangen, und auch meine Plattensammlung war und ist geradezu lächerlich. Bob Dylan, Van Morrison, Pete Seeger und einigen anderen Sängern bleibe ich auf eine altmodische Weise treu, sie sind die Fortsetzer des German Lieds. «Blowin‘ in the wind» und «Mr. Bojangles» und viele andere von Dylans grossartigen Songs, die er heute noch mit seinem entfesselten Krächzen singt, können mich noch immer in eine jugendliche Träumerei versetzen, während ich die Beatles und die Rolling Stones nicht mehr hören kann. Wenn ich allerdings (vor meinem Tod) gefragt werden sollte, welche Musik an meinem Grab zu spielen sei, würde ich um die Impromptus von Schubert bitten. / Michael Krüger, NZZ
„Die Schönheit der Armut ist die Freiheit“, schrieb Detlef von Liliencron in einem seiner Gedichte. Freiheit deshalb, weil „mich dann alle meiden“. Armut und Schulden, letztere besonders, charakterisierten das Leben dieses schleswig-holsteinischen Dichters, der 1844 in Kiel geboren wurde und 1909 in Rahlstedt starb. / Holsteinischer Kurier
Und wenn dann ein Rühm in Warschau staunt, dass ein Miron Białoszewski dort wirken darf (nicht kann, sondern darf), dann ist das ein Fingerzeig. In einem kleinen Nachwort in diesem Auswahlbändchen erzählt er davon. 1961 kam von Miron Białoszewski noch „Mylne wzruszenia“ („Irrige Rührungen“, 1961), und das war’s dann im Wesentlichen auch. Dann verlor auch Polen diesen leichten Atem der Freiheit. Und als Białoszewski 1983 starb, war er selbst eigentlich schon Legende. Auch wenn seine Gedichte bis heute in Polen beliebt sind.
Eine Schwierigkeit für den Ruhm außerhalb der Landesgrenzen spricht Rühm an: die Sprachbarriere. Die in Deutschland in Bezug auf Polen auch immer mit einer Aufmerksamkeitsbarriere verbunden war. Während der westliche Buchmarkt sich am anglo-amerikanischen orientierte und dem Osten zumeist eher ein Achselzucken gönnte, feierte man in der DDR zwar gern Völkerfreundschaft, doch was da in Polen gedruckt wurde, war den Wärtern des richtigen Weges zumeist viel zu suspekt. …
Dass Białoszewski jetzt mit diesem kleinen Auswahlbändchen spät dennoch ankommt hierzulande, ist der Wrocławer Dichterin und Übersetzerin Dagmara Kraus zu verdanken. Und wer mit dem Ende des Büchleins beginnt, bekommt so eine Ahnung, wie komplex hier die Arbeit des Übersetzens war. Zu drei Gedichten von Miron Białoszewski hat Bertram Reinecke nämlich ein paar junge deutsche Lyriker gebeten, eine Nachdichtung zu versuchen. Einige hat er auch selbst probiert. Die Titel der Gedichte kann man gar nicht herschreiben – außer auf polnisch. Denn das Spiel mit den Worten, ihren Anklängen, Verwandlungsmöglichkeiten beginnt Miron Białoszewski schon im Titel. Die Worte werden vieldeutig, beginnen sich, kaum dass man sie gefasst zu haben scheint, zu verwandeln. / Ralf Julke, Leipziger Internet Zeitung
Miron Białoszewski „Wir Seesterne“ Herausgegeben und übersetzt von Dagmara Kraus mit einer Erinnerung von Gerhard Rühm und Nachdichtungen von Kenah Cusanit, Norbert Lange, Kerstin Preiwuß, Bertram Reinecke, Monika Rinck, Schuldt und Ulf Stolterfoht
Reinecke & Voß 2012
19cm x 12cm, 120 Seiten, 12 Euro
ISBN 978-3-942901-03-1
Bestellen unter : info[at]reinecke-voss.de
Der letzte Gedichtband der Nobelpreisträgerin Wisława Szymborska kam heute in den Handel. Der schmale Band trägt den Titel “Wystarczy” (Es reicht). Er enthält 13 Gedichte, die sie selbst noch zur Veröffentlichung vorbereitet hat, sowie Kopien einiger unvollendeter Gedichte in mikroskopischer Handschrift mit Korrekturen, an denen sie bis zu ihrem Tod am 1.2. noch gearbeitet hatte.
Das im Krakauer Verlag a5 erschienene Buch kostet 29 Złoty ($9.00; €7). In mehreren Warschauer Buchhandlungen war es schnell ausverkauft. …
Eins der neuen Gedichte widmet sich der Hand: „Siebenundzwanzig Knochen / fünfunddreißig Muskeln / etwa zweitausend Nervenzellen / in jedem unserer fünf Finger / Das reicht / um „Mein Kampf“ zu schreiben / oder Pu baut ein Haus“. / Washington Post
Mit der Lyra begleiten Augusta Laar und Lydia Daher ihre Gedichte zwar nicht. Trotzdem versteht sich der nächste Salon der Dichterinnen in der Pasinger Fabrik als Hommage an die antike Form der Lyrik. Denn die Autorinnen lesen nicht nur aus ihren eben erschienenen Büchern, sondern bringen auch ihre Bands zu ‚Schamrock‘ mit, verbinden Lieder und Lyrik. / Süddeutsche Zeitung
Herr Leitner erklärt den Medienleuten die Lyrikszene. Das macht er wie mit seinen Gedichten: so daß die es verstehen. Die Berichte klingen wie Kriegsberichterstattung:
In der Lyrik-Szene regt sich allerdings Widerstand gegen diese Häufung von Preisen: Dichter und Lyrik-Herausgeber wie Anton G. Leitner, Axel Kutsch und Ralf Liebe beklagen eine einseitige «Überförderung» einiger weniger Autoren, die der Gattung Lyrik letztlich wenig nütze. Sie machen sich daher dafür stark, die Vergabe öffentlicher Preisgelder in Deutschland neu zu ordnen.
… Im Gegensatz zu anderen multigeförderten Lyrikern verfüge Gomringer wenigstens noch über Unterhaltungspotenzial, sagt Leitner. Die meisten preisgekrönten Dichter der jüngeren Generation – zum Beispiel Ulrike Almut [sic], Ron Winkler und Daniela Seel – stünden für eine akademisch geprägte Lyrik, die sich dem Leser kaum erschliesse. / Tagesanzeiger
Ich nehme an, der Leser (wirklich?) und die politischen und Politiker-Stammtische werden beifällig nicken. Die wirklichen Probleme in der Literaturförderung stehen nicht in der Zeitung, auch nicht die konstruktiven Vorschläge und Überlegungen, die unterhalb der etablierten Medien vorgetragen werden. Auch nicht die Debatte um Gedichte wie das Auschwitz-Gedicht von Nora Gomringer oder jüngst um ein Gedicht von Norbert Hummelt oder um Gedichte junger Autoren, wie sie an nicht so wenigen Orten stattfinden (die vielleicht nur gemeinsam haben, daß sie vom Betrieb ignoriert werden). Darum geht es in dieser Attacke auch nicht. Das sind keine Aufklärer, sondern schreckliche Vereinfacher. (Darin unserm Grass nicht unähnlich).
In einem hat Leitner recht (aber es überlagert sich mit jener anderen Front):
Gomringer sei ein Beispiel dafür, dass Juroren gerne immer dieselben Autoren auswählen, sagt Leitner, Herausgeber der Zeitschrift «Das Gedicht» und selbst Lyriker. «Die Preise konzentrieren sich auf einen kleinen Kreis von Leuten, die immer wieder ausgezeichnet werden.» Die Jurys machten es sich einfach, wollten kein Risiko eingehen. «Sie denken sich: Da habe ich einen, der hat schon den und den Preis gekriegt, da kann ich nichts falsch machen.»
Wir erwarten Euch diesen
Freitag, 20. April, um 19.30
Café Commune, Reichenberger Straße 157, Berlin
Wir stellen die erste Nummer der deutsch-lateinamerikanischen Literaturzeitschrift vor!
Mit Julián Herbert u.a.
Musik: Nico Miquea, Martin Goldenbaum, Zé Berlin
Der Eintritt ist frei.
Flyer auf facebook.com/revista.alba
***
Erstes Heft mit Texten u.a. von Alonso Cueto, Julián Herbert, Jorge Kanese, Mariana Mariasch, Horacio Castellanos Moya, Víctor Montoya, Lina Meruane, Cristina Peri Rossi, Fernanda Trías, Raúl Zurita sowie einem Dossier zu zeitgenössischer Lyrik aus Kolumbien.
Preis: 6,80€
Herausgeber/Redaktion: Timo Berger, Rike Bolte, Jorge J. Locane, Léonce W. Lupette, Julieta Mortati, María Ignacia Schulz, Karina Theurer, Claudia Wente, Association Alba Culture Hispano-Américaine à Paris.
Did our Founding Fathers read while sitting on their chamber pots? In my childhood in Serbia, when outhouses were common in the countryside and toilet paper was regarded by ordinary folk as a decadent luxury, the pile of old newspapers we kept in there provided not only the necessary substitute, but also inviting reading material, which supplemented my education and entertained me. It used to be a common experience, and most likely still is in some homes, that if a child or a grownup was missing and could not be found, someone was sent to knock on the bathroom door. We’ve all had family members who spent inordinate amount of time on the potty or lying in a tub filled with water reading magazines and novels, until a small line had formed outside the door, each of us as impatient to relieve ourselves as to find out what the last occupant, looking guilty, had been reading in there.
As a guest in homes of strangers, I have discovered bathroom libraries that took my breath away by their size and intellectual pretensions. It was unclear to me whether Plato’s dialogues in original Greek, together with Marx’s The Communist Manifesto, Thomas Pynchon’s latest novel were there to impress the visitor, or in the case of another fellow who had a pile of memoirs by ex-presidents going back to Reagan, to make him laugh. I can’t say that I’ve encountered a whole lot of poetry in bathrooms, even in the homes of poets, though I’ve come across many an anthology. Would reading one of Hamlet’s soliloquies or John Keats’ “Ode to a Nightingale” in such a setting be unbecoming? / Charles Simic, The New York Review of Books Blog
Was mich betrifft, ich les auf dem Klo nur Lyrik. Lager sie aber nicht dort. (Falls wieder jemand mißverstehen möchte: ich hab nicht gesagt, ich les Lyrik nur auf dem Klo! Welche, sag ich sowieso nicht. Es kann jedeN treffen. Upps, schiefes Bild.) M.G.
Ossip Mandelstam habe ich zuerst bei der Nationalen Volksarmee gelesen. Ich war Soldat im Grundwehrdienst, die Wehrpflicht dauerte 18 Monate – ein langes Stück Lebenszeit für einen jungen Menschen. Man war gefangen, es gab sechs Tage Urlaub pro Halbjahr und höchstens einmal pro Woche konnte man Ausgang bekommen – das war kein Recht, sondern wurde gewährt. Jeweils nach Dienst bis Mitternacht, das war am Mittwoch ab 18, Sonnabend ab 13 Uhr oder Sonntag nach dem Frühstück. Auch Frühstück war Dienst, man mußte mitmarschieren, der Spieß befahl ein Lied und wir sangen: „Rot ist meine Waffenfarbe“ oder sowas. Ich bekam nicht oft Ausgang am Sonntag. Einmal wollte ich mich vorm Frühstück drücken und sagte dem Unteroffizier, ich hätte Ausgang und wollte mich vorbereiten. Er ließ mich gewähren, aber ich bekam später 14 Tage Ausgangssperre „wegen Belügens von Vorgesetzten“.
Den langen Sonntag zwischen den Mahlzeiten hatte man also Lesezeit. Ich war schon leidenschaftlicher Leser von Gedichten. Seit 1967 erschien das monatliche Poesiealbum für 90 Pfennig. Heft 2: Wladimir Majakowski. Wahrscheinlich war etwas von ihm in der Schule vorgekommen, ich erinnere mich nicht, aber an Hugo Hupperts Verdeutschungen blieben Erinnerungen. „Zur Frage des Frühlings“ hieß eins der Gedichte, es hatte Metaphern wie
„Ja, heut und morgen, | beinah schon ewig / taumelt die Stube, | von Sonne besoffen.“
Oder:
„Das Tageslicht | dreht | seinen Flammenwerfer.“
[die geraden Striche im Text markieren Majakowskis berühmte Treppen im Vers].
Ebenfalls 1967 startete der Verlag Volk und Welt seine „Weiße Lyrikreihe“ mit einem Band von Anna Achmatowa. 1967 war das Jahr, in dem ich die russische Lyrik für mich entdeckte.
Die Armee hatte natürlich auch eine Bibliothek. Dort fand ich den Band „Oktober-Land. Russische Lyrik der Revolution“, der ebenfalls 1967 erschienen war. Der eingeklebte Ausleihzettel verriet mir, daß ich der einzige Ausleiher war*. Vorn das Faksimile aus einer Satirezeitschrift, „Solowej. Zeitschrift für Proletarische Satire“ vom Heiligabend 1917 mit einem Zweizeiler von Majakowski auf dem Titelblatt, in Hugo Hupperts Übersetzung:
„Friß Ananas, Bürger, | und Haselhuhn. / Mußt bald | deinen letzten Seufzer tun.“
Das erste Gedicht des Bandes war von Welimir Chlebnikow, es begann so:
„Die Freiheit kommt strahlend und nackt, streut Blumen aufs Herz, immerzu. / Wir schreiten im rhythmischen Takt | und stehn mit den Sternen auf du.“
(Deutsch von Wilhelm Tkaczyk).
Die Revolution gefiel mir.
Auch Anna Achmatowa fand ich in dem Band wieder und Gedichte von Andrej Bely, Alexander Blok, Sergej Jessenin, Boris Pasternak und vielen anderen und eben auch eins von Ossip Mandelstam …
Michael Gratz, weiter in: Wasser Prawda
*) ich weiß es, weil ich das Buch geklaut hab. Falls es jemand heute im Bundeswehrfundus vermißt: ist verjährt, hoff ich.
Bad Mergentheim. Mit Marcel Beyer, Sabine Scho und Katharina Schultens werden bei „Literatur im Schloss“ drei wichtige Stimmen der zeitgenössischen Lyrik zu hören sein. „Lyrik erleben“ findet am 9. Mai im Museum statt.
Heute stellt Mitveranstalter Ulrich Rüdenauer die junge Lyrikerin Katharina Schultens vor. / Südwestpresse
Von Bertram Reinecke
Teil 1 im poetenladen / Teil 2 bei lyrikkritik.de
Auszug:
Stellt man sich dem Korpus der Werke ohne Scheuklappen, dürfte eine Literaturgeschichte, die eine Moderne als inzwischen historisch geworden beschreibt und von einer Postmoderne abgelöst sieht, kaum haltbar sein. Denn wenn ein ironisch distanzierter und verfahrenstechnisch interessierter Impetus auch für die Hauptwerke der frühen Modernen typisch ist, hat es keinen Sinn, die Prosa- und Hörspielwerke von Wolfgang Hildesheimer oder die Dichtungen von Rolf Schneider oder Robert Neumann als solche von Außenseitern der Moderne zu charakterisieren oder als Vorläufer der Postmoderne zu beschreiben. Sie wären allenfalls Außenseiter eines existenziell weltanschaulich geprägten Literaturbetriebs, was viel besser mit den Biografien dieser Leute zusammenstimmt. Ebenso wäre Brecht in diese Reihe einzuordnen. Wenig bekannt ist, dass er seine Meisterschüler an der Akademie der Künste Berlin (Ost) dazu ermunterte, sich in strengen Versen zu äußern. Wo der gestische Rhythmus zumindest in diesem Umfeld beginnt, Standard der Rede zu werden, bedeutet der strenge Vers wieder Verfremdung.[5] Oulipo eine moderne oder eine postmoderne Gruppe? Hat irgendwann ein Übergang zwischen dem modernen Oulipo und dem postmodernen Oulipo stattgefunden? Auch das eine absurde Frage, die die Trennung in Moderne und Postmoderne aufwirft. Oder soll man trotz des engen Gruppenbezugs scheiden: Hie der moderne Pastior, dort der postmoderne Calvino?
Ja man müsste, um das Begriffspaar Moderne / Postmoderne als Ordnungslinie in Frage zu stellen, noch einen Schritt weiter gehen: Für eine Postmoderne oft angeführte Merkmale wie ironische Distanz zu Verfahren, Reaktivierung von Sprechweisen, die ästhetisch abgenutzt sind, Spiel mit Zitat oder Einbindung von alltagsweltlichen Codes lassen sich allesamt an von Hoddis’„Weltende“ nachweisen. Zur Ironie hatten wir Stellung genommen, das Verfahren, streng fünfhebige Verse mittels klassischer Reimschemata in eine der gebräuchlichen Strophenformen zu binden, kann bereits seit Holz, Dehmel, Schaukal, Flaischlen oder Liliencron als veraltet gelten.[6] „Weltende“ zitiert Zeitungsmeldungen und enthält Alltagspartikel (hupfen/Schnupfen).
Wenn schon die Urszene des Expressionismus postmodern ist, dann lässt sich das Bemühen der Ismen nicht derart als freies maßstabloses Sprechen auffassen, wie es die Avantgardekritik gerne möchte, sondern diese Dichter stehen in viel komplexerem Verhältnis zu den Konventionen ihrer Zeit.[7] Moderne enthält dann bereits ihre eigene Postmoderne, deswegen kann diese jene nicht ablösen.[8]
Anmerkungen
[5]: Einer ähnlichen Verfremdung hat Brecht das kommunistische Manifest unterzogen, was keineswegs als Devotion eines frommen Marxisten zu verstehen ist. Marxist war Brecht schon, parteifromm sicherlich nicht. Eine theoretische Grundlage, in mythische Ferne gerückt, wird so erst vom zeitgenössischen Einspruch her anfragbar. Eine dialektische Bewegung ähnlich der Enzensbergers, die moderne Poesie ins Museum zu versetzen. Ähnlich steht es mit der für viele Interpreten irritierenden Bukower Elegie: „Bei der Lektüre eines sowjetischen Buches“, welche oftmals als stalinistischer Lapsus des Autors verstanden wurde. Allerdings gewinnt Brecht hier (und dies wurde oft übersehen) durch zahlreiche archaische und im Kontext der Elegien singuläre Verfahren Abstand zum geschilderten Sachverhalt. (Epitheta, nachgestellte Attribute, Anthropomorphisierungen.) Gleichzeitig mag der Sprecher in diesem Text explizit nicht durch eigene Anschauung für das geschilderte Geschehen einstehen. (Es gibt zwar im Zyklus auch „Bei der Lektüre des Horaz“ bzw. „eines spätgriechischen Dichters“. Die Gedanken werden in diesen beiden Texten jedoch als die des sprechenden Subjekts eingeführt und nicht als Dokumente wie im Erstgenannten). Das Gedicht stellt dadurch die Märchenhaftigkeit der sowjetischen
[6]: Vielleicht sogar zu Recht sind fast alle diese Dichter aus dem Kanon gefallen, so sieht es ein wenig aus, als hätte der Bruch zwischen der metrisch geordneten Tradition und den zumindest weniger sicht- und abzählbar geordneten Formen erst zwischen dem ersten Weltkrieg und den 50ern stattgefunden und als wäre Holz nur eine frühe Schwalbe gewesen, die noch keinen Sommer macht. Schaut man sich aber alte Anthologien an, wird man sehen, dass sich die ungebundene Lyrik schon kurz nach 1900 durchgesetzt hatte und dass die Verse der Expressionisten, aber auch die Rilkes, Georges oder Hoffmannsthals sich großteils als Rückgriffe verstehen (ob bewusst oder unbewusst). Bei den Frühvollendeten (Heym) mögen der konservative wilhelminische Gymnasialkanon und das Gesangbuch dabei eine große Rolle gespielt haben, wenn ihnen der Reim noch als Standartmittel vorkam. Als verslich auf der Höhe muss dagegen eher Bechers „Der Dichter meidet strahlende Akkorde“ angesehen werden, welches Flaischlens und Schaukals zur Anzeige erhöhter Gemütsbewegung entwickelte gegenrhythmische Technik radikalsiert und zum lyrischen Standard erklärt und damit zum direkten Vorläufer von Brechts gestischem Sprechen wird.
[7]: Das ist ja auch logisch: Avantgarden können die Mittel umwerten, gänzlich verzichten können sie auf solche nicht. Und wo immer man schaut, erweisen sich die von ihr aufgewerteten oder erfundenen Mittel als solche, die eine längere untergründige Vorgeschichte haben. Diese aufzuschließen und fruchtbar zu machen, ist eine Leistung der Avantgarden, die mindestens ebenso hoch zu bewerten ist, wie die Reflektion über den Wert künstlerischer Mittel und das viel seltenere Erfinden wirklich gänzlich neuer Verfahrenszüge.
[8]: Umberto Eco hat bereits vor 20 Jahren vorgeschlagen, den Begriff der Postmoderne mit dem des Manierismus zu verbinden. Folgt man Hockes gedankenreichem Buch „Die Welt als Labyrinth: Manier u. Manie in d. europ. Kunst. Von 1520 bis 1650 u. in d. Gegenwart. Band I.“, der unter dem nämlichen Begriff viele Züge dessen subsumiert, was wir heute für gewöhnlich postmodern nennen, würden der Großteil der Surrealisten, aber auch Werke von Picasso, Paul Klee und anderen unter diese Kategorie fallen.
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