Diese Gedichte geben vor, Geschichten zu erzählen, aber diese Geschichten lassen durch Verkürzungen und Verknappungen alles in der Schwebe, sie siedeln in einem Zwischenraum, in dem nichts auserzählt wird, sondern alles nur im Modus der Andeutung greifbar wird. Manchmal sind es verstörende Geschichten, unheimliche Kindheitsbilder, grell leuchtende Rätsel. Oder es sind – wie im preisgekrönten Gedichtband „Sommer vor den Mauern“ – poetische Illuminationen, die sorgsam katholische Bilderwelten erkunden, wobei die Aura des Religiösen auf das hellwache säkulare Bewusstsein der Dichterin trifft.
Diese Gedichte, die in einem Gestus leiser Verhaltenheit daherkommen, erreichen eine Luzidität, die man in der Gegenwartslyrik selten antrifft: „Ich gehe durch den Garten / zu den Fröschen, ein Zirpen / zoologische Verwirrung, /am Hangweg zittert Bambus / wieder und da: wieder, mein Jesuit / der auf die achte Plage lauert. / Ich pack den Teich am Schilf / ein Wasserläufer leuchtet auf / verludert, das Jesuitenlachen / klingt durchs Unterholz und nichts / steht fest an diesem Tag, nichts liegt / flach und leblos in meiner Hand.“ / Michael Braun in einem Porträt der Huchelpreisträgerin, Badische Zeitung 31.3.
What kind of beast would turn its life into words?
What atonement is this all about?
–and yet, writing words like these, I’m also living.
Adrienne Rich (1929-2012) aus: Love Poem VII (hier ganz)
Die amerikanische Lyrikerin Adrienne Rich starb am Dienstag im Alter von 82 Jahren. The New Yorker schreibt:
Ihre Stimme wird seit drei Generationen gehört. Von ihrem 1963 veröffentlichten Gedicht “Snapshots of a Daughter-in-Law”, einer modernistischen Collage, die leichtfertige Aussagen über das Leben von Frauen bei Horaz, Diderot, Eliot und Shakespeare in dichte, wütende Strophen über häusliche Gefangenhaltung umformt („Dolce* ridens, dulce loquens / she shaves her legs until they gleam / like petrified mammoth-tusk“) [süß lachend, süß redend / rasiert sie ihre Beine bis sie glänzen / wie versteinerter Mammutstoßzahn] bis zu ihren umfangreichen späten Gedichten, die die Liebe zwischen zwei Frauen behandeln, weitete sie kontinuierlich Kategorien weiblicher Identität aus. Sie war eine Entdeckerin, „tauchend ins Wrack“, so der Titel eines ihrer bekanntesten Gedichte, um uns dabei zu helfen, das zu finden, was nackt und unbeschwert in uns selbst schlummert: „das Wrack und nicht die Geschichte vom Wrack / das Ding selbst und nicht die Mythe.“
Auf der Website Links zu Gedichten, die sie zwischen 1953 und 1958 in der Zeitschrift veröffentlichte.
*) offensichtlich Tippfehler für dulce
Die Schaffung einer Gesellschaft ohne Herrschaft: So lautete das Ziel einer der größten Feministinnen unserer Zeit. Ihr Mittel: Die Poesie. / Süddeutsche Zeitung
Weitere Nachrufe: die Standard („Ich schreibe als Frau, als Lesbe und als Feministin“) / NZZ / Washington Post / Los Angeles Times / Guardian
Doch alles spricht dafür, dass sich in der aufziehenden Spotify-Simfy-Google-Ära ein pauschales Bezahlungsmodell durchsetzen wird – egal ob man das jetzt Geräteabgabe, Kultur-Flatrate oder anders nennt. Vielleicht sollten sich alle, denen es ernst ist mit der fairen Bezahlung der Künstler, noch einmal mit einem Projekt des Max-Planck-Instituts für Immaterialgüter- und Wettbewerbsrecht befassen. Fünf Rechtswissenschaftler haben in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre dort den Ansatz verfolgt, dass Künstler immer angemessen bezahlt werden sollen – egal, ob sich das Werk vermarkten lässt oder nicht. Als die Forscher im Jahr 2000 der damaligen Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin den Entwurf zu einem geänderten Urhebervertragsrecht vorlegten, war sie bereit, einen entsprechenden Gesetzesentwurf zu verabschieden. Der Juraprofessor Karl-Nikolaus Pfeifer, der dem Magazin brandeins in der Dezember-Ausgabe davon erzählte, verschwieg auch nicht das traurige Ende dieser Initiative: ‚Die Buchverlage haben einen Sturm der Empörung entfacht. Sie wollten die Beteiligung der Urheber unverändert lassen, sie also nur eventuell im Erfolgsfall beteiligen. Wenn sie selbst kein Geschäft machten, sollte der Autor auch nichts dafür bekommen können.‘
Urheber und Verwerter haben mitnichten die gleichen Interessen und selten verhandeln sie auf Augenhöhe. / Jürgen Ziemer, Süddeutsche Zeitung 20.3.
Der israelische Lyriker Tuvia Rübner (88) erhält den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung. Die Stiftung schreibt:
Tuvia Rübner, der sich in seinem Gedicht „Wer hält diese Eile aus“ (2007) als „ein Kind des zwanzigsten Jahrhunderts“ bezeichnet, wurde am 30. Januar 1924 in Pressburg (Bratislava) in eine deutschsprachige bürgerliche Familie „des gehobenen Mittelstands“ hineingeboren; den hebräischen Namen seines Großvaters erhielt er zu seinen beiden deutschen Namen Kurt Erich hinzu. Sein 1885 in Losoncz geborener Vater Moritz Manfred Rübner war administrativer Leiter der Pressburger Filiale einer internationalen Speditionsgesellschaft und wurde auf „sein eigenes Verlangen“ entlassen, als die Gesellschaft in den Besitz der Deutschen Reichsbahn übernommen worden war. Seine Mutter Alica Grünwald (geb. 1899) stammt aus dem nordwestslowakischen Šaštín.
Nachdem die jüdischen Schüler in Pressburg das Deutsche Staatsrealgymnasium und das slowakische Gymnasium nicht mehr besuchen durften, fand Tuvia Rübner Anstellung in einem Betrieb, in dem sich junge Juden auf die Auswanderung vorbereiteten. Mit einer kleinen Gruppe von Freunden aus dem zionistischen Jugendbund „Haschomer Hatzair“ gelangte er im Mai 1941 aus der Slowakei über Budapest in das damalige Palästina, in den Kibbuz „Merchavia“ (der Name bedeutet, nach einem Psalm, „Gottes Weite“). Dieser 1911 nach dem Plan des deutschjüdischen Soziologen Oppenheim als Genossenschaftssiedlung gegründete Kibbuz war der erste Kibbuz im Emek Jezreel. Hier blieb und arbeitete Rübner 12 Jahre, zunächst als Schafhirte. …
Aus dem Kibbuz korrespondierte Tuvia Rübner mit seinen Eltern im „Feindesland Slowakei“ über den Postverkehr des Roten Kreuzes, der beschränkt war auf einen Brief alle zwei Monate mit jeweils 25 Wörtern und nur persönlichen Nachrichten. Am 12. Juni 1942 wurden Tuvia Rübners Eltern und seine damals dreizehnjährige Schwester Alice nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Die letzte Nachricht von ihnen war ein über das internationale Rote Kreuz aufgegebenes Telegramm vom Juli 1942: „sind ausgesiedelt nach Generalgouvernement ehemaliges Polen. Neues Domizil erfahret durch Jüdische Soziale Selbsthilfe Krakau, Postfach Nr. 211“. (zit. in Ulrike Kolb: Dichten müssen. Zum 80. Geburtstag des israelischen Lyrikers, Übersetzers, Literaturwissenschaftlers und Fotografen Tuvia Rübner. In: Frankfurter Rundschau, 30.1.2004).
Im Kibbuz wurde Rübner mit dem Neuhebräischen vertraut, seiner zweiten Muttersprache. Hier lernte er den aus der Bukowina stammenden Dichter Dan Pagis (1930-1986) kennen, den er später aus dem Hebräischen ins Deutsche übersetzte. Auf dem Rückweg von Tel Aviv in den Kibbuz ereignete sich im Februar 1950 ein schweres Busunglück, bei dem Rübners Frau, die er 1944 geheiratet hatte, starb; er selbst überlebte, schwerverletzt, mit seiner 1949 geborenen Tochter.
Im Kibbuz wurde Rübner Bibliothekar und Literaturlehrer an einer Mittelschule. Später arbeitete er als Professor für hebräische und deutsche Literatur an der Universität Haifa. 1953 heiratete er die Konzertpianistin Galila Jisreeli, deren Eltern aus russisch-jüdischen Familien stammen. Aus dieser Ehe sind zwei Söhne hervorgegangen, einer ist 1983 in Ecuador verschollen, der andere wurde Buddhist und lebt in Nepal. Von 1963 bis 1967 war Rübner Abgesandter der Jewish Agency in Zürich. …
Bis 1954 schrieb Rübner deutsche Gedichte: „Ich schrieb in einer Sprache, die ich kaum mehr sprach. Sie war mein Zuhause. In ihr ,sprach’ ich weiter mit meinen Eltern, mit meiner Schwester, mit den Großeltern, den Verwandten, Freunden der Jugend, die alle kein Grab besitzen. Dann wollte ich nicht mehr in meinem, wie ich meinte, eigentlichen Leben, in den Gedichten, in der Vergangenheit sein, auch wenn sie unvergangen war. Nicht um sie zu bewältigen […], sondern mit ihr: zu leben […]. Hebräisch ist nicht selbstverständlich für mich.“ Dann wechselte er ins (Neu)Hebräische, eine „erlernte Sprache“, in der bis 1990 acht Gedichtbände erschienen. 1990 kam im Piper Verlag eine Auswahl von Rübners Gedichten in deutscher Übersetzung von Efrat Gal-Ed und Christoph Meckel heraus, unter dem Titel „Wüstenginster“. Sechs deutschsprachige Gedichtbände von Tuvia Rübner hat seit 1990 der Aachener Rimbaud Verlag publiziert.
Rübners Bücher gelten als „großes Werk der hebräischen Moderne“ (so Karin Lorenz-Lindemann in der Zürcher Zeitschrift „Orientierung“, 15.11.2008). Sein lyrisches Werk gehört zum Bestand der klassischen Exilmoderne. Kennzeichnend für seine Gedichte sind traditionelle Formen wie die Ode, Paraphrasen, paradoxe Gleichnisse und Kontrafakturen.
Die Jury des Literaturpreises bilden
(Nicht viele Literaturpreise sind so auskunftsfreudig!)
Die Auszeichnung ist mit 15.000 Euro dotiert und wird jährlich in Weimar vergeben. Bisherige Preisträger waren
Das Ergebnis ist nicht eigentlich eine Biografie, sondern der durchaus halsbrecherische Versuch, die allbekannten autobiografischen Einlassungen neu zusammenzusetzen. Dabei verwandelt sich das grandiose, in sich gegründete Gebäude der «Göttlichen Komödie» in einen höchst beweglichen, sich den bald hoffnungsvollen, bald konfliktgeladenen Umständen immer wieder anschmiegenden Text, dem die widrigen Jahre seiner Entstehung anzumerken sind. Provozierend nennt Santagata das kanonische Werk der Weltliteratur ein instant book (damit sind jene unter Berlusconi aufgekommenen Publikationen gemeint, in denen Journalisten Informationslücken der staatlich kontrollierten Medien auffüllen).
Schon Ende der 1290er Jahre, als Dante noch in Florenz war, seien die ersten Gesänge entstanden, also mitten in den Monaten des politischen Wirkens, sagt Santagata. In diesem ersten Entwurf habe Dante auf den Spuren seines Lehrers Brunetto Latini im Sinn gehabt, die Bürger von Florenz zu ermahnen, sie sollten zu den früheren Sitten zurückkehren und von den fragwürdigen Auswüchsen ablassen, in die sie der rasch erwirtschaftete Reichtum getrieben hatte. Als Dante, um 1306, die Arbeit wieder aufnahm, hatte sich viel verändert. Er war aus dem kommunalen Florenz verbannt und auf die Freundlichkeiten von Feudalherren angewiesen, die ihn mehr oder (meistens) minder grosszügig aufnahmen. Diese Höfe bildeten fortan sein Publikum, für das Dante seine Gesänge komponierte und vor dem er sie vorlas. Zugleich blieb sein Schreiben jedoch von dem brennenden Wunsch beherrscht, sich mit der Heimatstadt auszusöhnen oder auch mithilfe des Kaisers die eigene Rückkehr zu erzwingen. / Franziska Meier, NZZ 24.3.
Die Neue Zürcher Zeitung lobt den Verleger Urs Engeler und weist auf sein neustes Buch hin:
Als jüngste unter diesen rohen Perlen ist nun der Gedichtband «doktor zeit» des 2011 verstorbenen Lyrikers Wolfgang Schlenker erhältlich – ein Bündel kraftvoll-ruhiger Texte von eindringlicher Dezenz, die zurückhaltend und beinahe liebevoll meist in zweizeiligen Strophen verschiedene Formen des Abgehens und Verschwindens umkreisen (…)
Wolfgang Schlenker: doktor zeit. www.roughbooks.ch. 56 S., Fr. 11.–.
Ende 1948 wurde er wegen versuchter „Republikflucht“ verhaftet. Er blieb bis 1951 im Gefängnis und wurde anschließend in ein Arbeitslager interniert. Aichelburg erinnerte sich, dass sehr viele seiner Gedichte in der Verbannung „un-literarisch“ entstanden sind, „durch reine Gedankenarbeit“, und dass sie „sich durch tägliches Memorieren erhalten“ haben (DLS, S. 267). Zudem stammen aus dieser Zeit noch viele Essays und Erzählungen. 1959 wurde er erneut verhaftet, diesmal zusammen mit vier anderen deutschsprachigen Dichtern, und im „Gruppenprozess deutscher Schriftsteller zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Die Anklage lautete auf „verbrecherische Unterwühlung der sozialistischen Gesellschaftsordnung und Agitation“ (s. Peter Motzan/Stefan Sienerth: „Worte als Gefahr und Gefährdung. Fünf deutsche Schriftsteller vor Gericht“, Südostdeutsches Kulturwerk, München 1993.) Das Corpus Delicti, die Tiergeschichten „Die Ratten von Hameln“ wurden eingestampft. Nach einer Generalamnestie für politische Häftlinge kam Aichelburg 1964 wieder frei und begann seine Tätigkeit als Literatur- und Musikkritiker. Nun konnten seine Bücher publiziert und seine musikalischen Werke aufgeführt werden. Nach erneuten Verhören und Repressalien stellte er 1976 den Ausreiseantrag und konnte 1980 durch die Unterstützung eines internationalen „Wolf von Aichelburg-Komitees“ ausreisen. (…)
Trotz der insgesamt zwölf Jahren, die er in Gefängnissen, Arbeitslager und in der Verbannung verbringen musste, findet an keiner Stelle seines literarischen Werkes eine Abrechnung mit dem ihm widerfahrenen Unrecht statt. Zuweilen sind schmerzhafte Erinnerungen darin auszumachen, die jedoch frei von Ressentiments oder Verbitterung sind. Aichelburgs Gesamtwerk stellt einen geistigen Brückenschlag zwischen Tradition und Gegenwart dar. Aus seinen literarischen Schriften ebenso wie aus seinen Kompositionen und Bildern spricht der ungebrochene Lebenswille eines künstlerisch hochbegabten und vielseitig gebildeten Humanisten.
Die Werke Aichelburgs – denen, zum Ausdruck ihrer Tiefe und Ausgeglichenheit, als Motto die Gedichtzeile „Über ruhigem Grund durchsichtig Leben“ („Tao“, Werke, 29) vorangestellt werden könnte – bleiben in ihrer Größe und ihrer Relevanz noch zu entdecken. Wolf von Aichelburg ist am 24. August 1994 infolge eines tragischen Unfalls ums Leben gekommen. / Herbert-Werner Mühlroth, Siebenbürgische Zeitung 24.3. in einem Artikel zum 100. Geburtstag des Dichters, Malers und Komponisten Wolf von Aichelburg
Die indischen Dichter Manzar Bhopali und Iqbal Ashar gehörten zu den Überlebenden eines Anschlags auf eine „mushaira“, ein traditionelles Dichtertreffen in der Hafenstadt Karatschi. Mindestens ein Mensch kam bei dem Angriff der etwa ein Dutzend Bewaffneten ums Leben. Das Treffen wurde anschließend planmäßig fortgesetzt. / Outlook India 27.3.
Rauris scheint ein kritisches Publikum zu haben:
Der chinesische Literaturprofessor Wang Jiaxin – eigens aus Peking eingeflogen – las seine nicht zuletzt von deutscher Poesie inspirierte „Welt-Lyrik“ im chinesischen Original. Aber sein Publikum erreichte er auch in der deutschen Übersetzung von Autor und Chinakenner Wolfgang Kubin nicht. Ebenso wenig funktionierte die Lyrik des Slowenen Ales Steger und des Ukrainers Juri Andruchowytsch, deren Gedankenwelten vermutlich bloß in den sperrigen Deutschkenntnissen der Autoren steckenblieben*. Auch Patrick Roth mit seiner US-amerikanischen Wortbildershow wird wohl Wenige überzeugt haben, während die witzige, schlagfertige und pointierte Bachmann-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff mit ihrer Lesung aus dem Roman „Blumenberg“ ihren Ruf als eine der stärksten Stilistinnen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur einmal mehr verfestigte. / Salzburger Nachrichten
*) Die sprechen Deutsch – aber ob sie sich selber übersetzen? Eher zweifelhaft.
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und die in München ansässige Stiftung Lyrik Kabinett, die sich als einzigartiges, allein der Lyrik gewidmetes literarisches Zentrum erfolgreich im deutschen Sprachraum etabliert hat, kooperieren. Maria Gazzetti, die Leiterin des Kabinetts, hat vor einem Jahr die Veranstaltung „Das Lyrische Quartett“ ins Leben gerufen, das dreimal jährlich stattfindet. Die Akademie wird sich künftig als Institution kontinuierlich an dieser Reihe beteiligen. Dies soll der Beginn einer längerfristigen Zusammenarbeit sein.
„In einer Zeit, in der das Wort Literatur in der Öffentlichkeit oft als Synonym für Roman gebraucht wird, ist es wichtig, die Stimmenvielfalt der gegenwärtigen deutschen Poesie ins öffentliche Gespräch zu bringen. Dieses Ziel verfolgen Lyrik Kabinett und Akademie gemeinsam“, sagt Heinrich Detering, Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Er wie auch der Kritiker und Lyriker Harald Hartung, ebenfalls Mitglied der Deutschen Akademie, gehören zum festen Ensemble des Quartetts, dem die Kritikerin Kristina Maidt-Zinke vorsitzt. Die vierte Person der Runde hat Gaststatus und wechselt jeweils zu den Veranstaltungen. Jedes Mal diskutiert das Quartett über vier Lyrikbände: drei Neuerscheinungen und einen Klassiker. „Im gemeinsamen Lesen und im Reden über Gedichte setzen wir an“, sagt Maria Gazzetti, „um zu zeigen: Die Poesie ist lebendig und gesellig.“
Am 18. April 2012 kommt das Lyrische Quartett zum vierten Mal zusammen. Als Gast wird der Verleger und Schriftsteller Michael Krüger dabei sein. Diskutiert wird über:
Mit der kommenden Veranstaltung wird die Internetseite www.daslyrischequartett.de freigeschaltet. Sie bietet nähere Informationen zu der Reihe: Audiodokumentationen der Veranstaltungen, Biographien der Kritiker, eine Liste der besprochenen Bücher u. a.
Es ist geplant, Ende 2012 eine Empfehlungsliste aus den Lyrikneuerscheinungen des Jahres vorzustellen. Über diese Liste wird ein Gremium aus Lyrik-Kennern und Mitgliedern der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung entscheiden.
Weitere Veranstaltungen der Reihe:
Veranstaltungsort des Lyrischen Quartetts: Lyrik Kabinett, Amalienstraße 83a, 80799 München.
Was beschäftigte Gottfried Benn an sechs von sieben Wochentagen und war für W.H. Auden eine Sucht, die dem Konsum von Tabak oder Alkohol gleichkam? Welche Leidenschaft – neben der Lyrik selbst – verbindet beide Dichter mit Pablo Neruda, mit Bertolt Brecht und Helmut Heißenbüttel? Die Antwort, kurz gefasst, lautet: Der Kriminalroman. Der Vortrag, ausgehend von einer erstaunlichen und alle poetologischen Differenzen überschreitenden Leidenschaft, bewegt sich von den historischen Wurzeln über Exkurse zum Rätselgedicht hin zum eigentlichen Thema, zum Rätsel des Gedichts selbst – und zu der entscheidenden Frage: Was macht diesen erstaunlichen Raum aus, der das Gedicht ist, und wie wäre er zu betreten?
Münchner Reden zur Poesie XI
Jan Wagner: „Der verschlossene Raum“
Moderation: Frieder von Ammon
Mittwoch, 28. März 2012, 20:00 Uhr
Lyrik Kabinett
Amalienstraße 83a, 80799 München
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
I don’t think we’ve ever published a poem about a drinker. Though there are lots of poems on this topic, many of them are too judgmental for my liking. But here’s one I like, by Jeanne Wagner, of Kensington, California, especially for its original central comparison.
My mother was like the bees
because she needed a lavish taste
on her tongue,
a daily tipple of amber and gold
to waft her into the sky,
a soluble heat trickling down her throat.
Who could blame her
for starting out each morning
with a swig of something furious
in her belly, for days
when she dressed in flashy lamé
leggings like a starlet,
for wriggling and dancing a little madly,
her crazy reels and her rumbas,
for coming home wobbly
with a flicker of clover’s inflorescence
still clinging to her clothes,
enough to light the darkness
of a pitch-black hive.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2010 by Jeanne Wagner from her most recent book of poetry, In the Body of Our Lives, Sixteen Rivers Press, 2010. Poem reprinted by permission of Jeanne Wagner and the publisher. Introduction copyright © 2012 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Im jungen Leipziger Verlag Reinecke & Voss sind zuletzt einige Bücher erschienen, ohne die ich nicht mehr leben möchte. Das klingt pathetisch, ist aber so. Denn es handelt sich um Bücher, die geradezu wie für mich gemacht scheinen, weil sie so etwas wie eine Sehnsuchtslücke in meiner Lektüreliste füllen. Sie lassen mich verstehen, weshalb Sprache, bei alle politischen Verwerfungen und diktatorischen Transformationen immer noch etwas ist, worin man sich verlieren kann, einerseits in eine Vorstellung von Sprache selbst und andererseits in eine konkrete, ständig bedrohte Sprache, wie das Wendisch oder Sorbisch eine ist. …
Die Begegnung mit Buchmanns Texten, die mir nun der Verlag Reinecke & Voss bescherte, sind dazu geeignet mein Wissenschafts- und Weltbild auf den Kopf zu stellen. (sic!) . Nicht der Gebrauch lässt mich die Dinge erkennen. Das sprechende Tier wird sich der Schönheit der Sprache bewusst, indem er sie betrachtet. Der Philologe als solcher ist Müßiggänger, so scheint es. Und aus seinem Müßiggang heraus entstehen ihm Sätze über den Gegenstand, den er liebt, über die Sprache. In Buchmanns „Grammatik der Sprachen von Babel“ wird die Sprache nicht, wie sonst üblich, in ein nationalsprachliches Korsett gepresst, und auch nicht als Phänomen, dass sich mehr oder weniger organisch durch die Zeiten hindurch zu einer Nationalsprache geformt hat, dass gleichsam der natürliche Ausdruck eines Kulturraums ist.
Sprache erscheint dem Leser auch nicht als Referenz irgendeines Vorsprachlichen. Natürlich rennt man mit derlei Gedanken bei Strukturalisten, Poststrukturalisten und Postpoststrukturalisten offene Türen ein, aber die Art in der das geschieht ist an Eleganz nicht zu überbieten. Und Eleganz hat einen Erkenntniswert, wie Schönheit die Wahrheit erst ins Licht rückt.
Im zweiten hier angeführten Text geht Buchmann einem Schritt weiter, in dem er eine real existierende Sprache, das Sorbisch oder Wendisch aus einem Zustand doppelter Bedrohung begreift. Einerseits durch die erdrückende Übermacht des Amtsdeutsch und andererseits durch die paternalistischen Rettungsversuche der Mehrheitsgesellschaft, die sich genau jener amtsdeutschen Wendungen bedient.
Und so scheint es fast wie ein Wunder, dass die Wendische Sprache über die Jahrhunderte fortexistierte, in denen ihr Sprachraum selbst immer kleiner wurde, und, weil sich unter einem Großteil des wendischen Siedlungsgebietes Braunkohlelagerstädten befinden, auch abgegraben. Was nach der Flutung der Tagebaugebiete zu Vogelschutzinseln und Heimatmuseen mit Artefakten der sorbischen Kultur führte. / Jan Kuhlbrodt, Fixpoetry
Jürgen Buchmann:
Encheiridion Vandalicum oder Das Buch von den Wenden. 76 Seiten, 10 Euro. ISBN: 978-3-942901-02-4
Grammatik der Sprachen von Babel 96 Seiten, 9,95 Euro. ISBN: 978-3-9813470-1-2
Reinecke und Voß, Leipzig 2011/2012
Wiederbegegnen wird man auch dem Aufbegehren gegen Repression und Ausgrenzung, dem zähen Ringen zwischen Intellekt und Staatsmacht, das in stärkerem oder minderem Mass alle vorgestellten Dichterbiografien prägt. Der 1923 als Sohn einer kurdischen Mutter im südlichen Taurusgebirge geborene Yaşar Kemal wanderte mit 17 Jahren erstmals wegen eines Gedichts ins Gefängnis; später, aus der heimatlichen Çukurova nach Istanbul übersiedelt und dort als Journalist tätig, lenkte er den Blick der Leser auf das Los von Unterprivilegierten und Minderheiten. / Angela Schader, NZZ 20.3.
Insan Manzaralari / Menschenlandschaften. Sechs Autorenporträts der Türkei. Buch und Regie: Osman Okkan. Begleithefte mit Essays von Cornelius Bischoff, Erika Glassen, Altan Gökalp, Dietrich Gronau, Iris Radisch, Hubert Spiegel, Sibylle Thelen. 6 DVD à 30 Minuten. Vertrieb über autorenportraits@das-kulturforum.de. € 29.90
Die zweisprachige Dokumentarfilmreihe „Menschenlandschaften – Sechs Autorenportraits der Türkei“ von Osman Okkan umfasst persönliche Portraits von sechs Erfolgsautoren aus der Türkei.
Die Reihe beinhaltet eine Aktualisierung der beiden früheren WDR/ARTE-Portraits von Nazım Hikmet und Yaşar Kemal.
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