50. Absage

Der US-Autor Dave Eggers sagte seine Teilnahme an der Verleihung des Literaturpreises „Albatros“ der Günter Grass Stiftung am Freitag in Bremen ab. Eggers bleibe fern, „weil er im Lichte der momentanen Debatte vor allem endlose Fragen zu Grass, Israel und dem Iran beantworten müsste“, hieß es in einer kurzen Stellungnahme der Agentur des Schriftstellers, die der Verlag Kiepenheuer & Witsch übermittelte. / Mehr

49. Tintern Abbey

My pick for National Poetry Month is the great Romantic poet William Wordsworth’s „Tintern Abbey.“ One of the richest and most iconic poems in the English language, „Tintern Abbey“ is long, difficult to classify, strange and sublime, magical and marvelous. / Priscilla Gilman, fox news

Read more: http://www.foxnews.com/opinion/2012/04/14/paradise-lost-and-found-in-wordsworth-tintern-abbey/#ixzz1s2NxkM4s

48. Resonanz

[Monika] Taubitz[‚] Lyrik findet heute in Polen eine große Leserschaft. „Ich habe das Gefühl, dass meine Lyrik dort so verstanden wird, wie sie gemeint ist“, sagt sie. / Südkurier

47. „Broder ist böse zu uns“

Die Debatte um ein spätes Gedicht von Günter Grass bringt auch einiges Gute zutage. Soviel Beschäftigung mit Lyrik war nie, sagen wir fast nie. Soviel Debatte um Antisemitismus ist auch selten. Zwar wird nicht unbedingt genaues Hinsehen und Unterscheiden gefördert, dafür Glaubensstärke und Gefühl. Die Beiträge der professionellen Schreiber sind genauso aufschlußreich (so man Aufschluß sucht) wie die der fälschlich oft „schweigende Mehrheit“ Genannten. Ein Leser schreibt:

Entschuldigung, aber Marcel Reich-Ranicki sollte sich das Gedicht vielleicht nochmals in aller Ruhe durchlesen und mit den negativen und diskriminierenden Wörtern „ekelhaft“ und „wertlos“ etwas vorsichtiger umgehen.

Günter Grass bezeichnet die Iraner als unterjochtes Volk und ich halte diese Einschätzung nicht für „wertlos“, sondern für ebenso richtig wie wichtig. Gedichte sind wie Meditationen, man muss sie einwirken lassen und verinnerlichen und sollte sich erst dann zu Wort melden, wenn man sie nicht nur mit dem Intellekt verstanden, sondern auch mit dem Herzen gefühlt hat.

/ Mehr

Ich empfehle auch diesen Beitrag im Freitag

Magnus Klaue: Locker vom Lyrikhocker

mit Einschluß der Leserdebatte, an der man sieht, daß es eng wird für die Redaktion, wenn sie sich zu weit von ihrer straff blogorganisierten Leserschaft entfernt. Ein paar Splitter:

Als Nicht-Germanist erlaube ich mir, Herrn Klaue – und ihm nur stellvertretend für die freitag-Kulturredaktion – zuzurufen: Schuster, bleibt bei euren Leisten!!! Lasst bitte auch im Kulturbereich nur dann Menschen zu politischen Themen schreiben, wenn diese wenigstens zwei Zoll Tiefgang in der Sache haben! … Liebe Kulturredaktion, es ist euer gutes Recht, anderer Meinung als G. Grass zu sein, aber ich muss doch sehr bitten, die Auseinandersetzung mit Ernsthaftigkeit und an Fakten orientiert zu führen. Ich bin jedenfalls kein freitags-Abonnent, um mir den gleichen dünnen Quark (siehe auch O. Guez „Der lange Schatten der Shoah“) reinzufahren, den auch Vulgär-Journalisten von Springer und Konsorten verzapfen!

– – –

Jetzt Frage ich mich: Was kann man als Bürger für einer Verbesserung dieser unhaltbaren Zustände tun? Vielleicht eine Petition einreichen: Mehr Bildung für Journalisten und Medienakteure?

– – –

Jetzt wende ich mich an diese Zeitung, an diese Redaktion:

Der Freitag hat jetzt schon eine ganze lange Reihe von Texten veröffentlicht, die in dieses Horn stoßen – wofür steht diese Zeitung?

Hier ein mehr strategischer Beitrag von einem Aktivisten, der in seiner Community (FC steht offenbar für Freitag Community) als ebenso literatur– wie politikwissenschaftlicher Fachmann anerkannt wird:

Mit dem Ausdruck „in den Focus nehmen“ meinte ich, dass Broder eine echten publizistischen Angriff auf den Freitag startete, der wirklich gefährlich wäre. Davon kann bisher keine Rede sein, dazu ist Broder gar nicht in der Lage. Sobald tatsächlich irgend ein Idiot irgendetwas wirklich gefährlich Dusseliges in den freitag-Blog schriebe, könnte die Redaktion das gar nicht so schnell löschen, dass es nicht irgendein anderer Idiot, als „Verlautbarung des Freitag“ irgendwo anders publizierte, womit es unlöschbar im Internet verankert wäre. Dieses Risiko geht der Freitag von Anfang an ein, er weiß das, aber er weiß auch, dass ernsthafte Leute daraus keine falschen Schlüsse im Sinne z.B. der während der Grote-Diskussion formulierten Vorstellungen ziehen würden. Die on- und offline-Leserschaft des Freitag ist m.E. zu homogen, als dass solche Angriffe das zerstören könnten. Schließlich wurde soetwas bisher in mehreren Wellen immer wieder, aber erfolglos versucht. Dass in der FC bei ein paar Wirrköpfen so getan wird, als punkte Broder irgendwo, wo er nicht sowieso verankert sei, liegt nur daran, dass sie mit ihm einer Meinung sind, denn zu glauben, dass eine Mitteilung aus der Redaktion des Tenors „Broder ist böse zu uns“ irgend eine wünschbare Wirkung entfaltete, könnte nur naiv genannt werden.

46. Beinahe alchemistisch

Reineckes Rezeptionslyrik führt darüber hinaus zu merkwürdigen Rückkopplungen auf die Deutung von Künstlern, von Einzelwerken oder von Kunststilen, er übernimmt künstlerische Einfälle, Werkformen und Stile vergangener Kunstepochen und untermischt sie seinen Cento-, Cut-up- und Montagetechniken. Dabei gelingen ihm überraschende, weil nicht einzuordnende Konglomerate aus eigenen und fremden Textpartikeln. Jedoch geht es ihm dabei nicht so sehr darum, durch das Zufallsprinzip im Spiel mit der Zitierkunst den Fängen des eigenen, vorurteilsgeprägten Bewußtseins zu entkommen, was eher den Intentionen der Cut-up-Techniker William S. Burroughs, Jürgen Ploog oder – aktuell –  Michael Fiedler („Geometrie und Fertigteile“) entspricht. Denn, da die intertextuellen Arbeiten Reineckes retrospektiver sind, erschaffen sie, statt unmittelbarer Gefühlswelten, eher lehrhafte, aber in der Mehrzahl oft auch amüsante historische Parallelwelten, deren qualitatives Vergnügungspotential man jedoch nicht leicht mitempfindet, wenn man nicht gerade ein philologisch-germanistischer Supercrack ist. Aber hier hat Reinecke dankenswerterweise vorgesorgt, indem er einen ausführlichen Apparat zum Verständnis und zur Entstehungsgeschichte seiner Gedichte dem Werk hintan gestellt hat. Ich persönlich neige zwar mehr zu der Art Lyriklektüre, die die direkte emotionale Empfindung in den Vordergrund stellt, jenseits aller akademischen Aufrüstung, kann aber nichtsdestotrotz dem schelmischen Spieltrieb, den Reinecke treibt, durchaus etwas abgewinnen. Ich favorisiere die augenzwinkernden, travestieartigen Texte wie Wunsch, Cowboy zu werden I und II (Seite 56 und 57). Auch expressive, doppeldeutige Texte wie „Für Priester“ haben es mir angetan: Spielt das Akkordeon aus Rippen und Haut / die Röcklein hoch, mit farblosen Nägeln geschlitzt / bis Schenkel erbeben, wiegt die Glieder / ganz sachte streicht ihre Rücken / zieht die Kontur ihres Kiefers nach // (Seite 38). Es würde zu kurz greifen, in Reineckes Lyrik etwa nur ein retromanisches Phänomen zu sehen, nach der Devise, je gegenwartsverweigernder, desto moderner, denn der Dichter zeigt uns virtuos die unausgeschöpften Möglichkeiten der Dichtkunst, auch der vermeintlich vergangenen, gerade an dem Punkt, an dem sich die heutige Lyrik oft an ihrer Verwechselbarkeit reibt. In dieser Monotonie bekommt die Reineckesche Dichtung beinahe etwas Alchemistisches, Rebellisches. Vielleicht liegt darin der Grund ihrer Originalität. / Dominik Dombrowski, fixpoetry

Bertram Reinecke, „Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst“, herausgegeben von Ulf Stolterfoht, roughbook 019, Leipzig, Berlin und Solothurn, 2012  

45. „Krone“-Dichter gestorben

Wolf Martin, lange Jahre mit seinem täglichen Gedicht „In den Wind gereimt“ in der „Kronen Zeitung“ vertreten, ist tot. Er sei nach schwerer Krankheit am Donnerstag in Wien im Alter von 64 Jahren verstorben. / Die Presse

44. Tacheles reden

Bedeutungsdifferenzierung ist unser Metier, denke ich oft, sogenannte Debatten belehren mich immer wieder eines Schlechteren. Was ist der Unterschied zwischen

1. Tacheles reden

2. Sagen was gesagt werden muß

3. Deutsch reden?

Ein anderes Thema, aber ebenso endlos: Über Tacheles reden. Auch in 11 Jahren Lyrikzeitung.

Tom de Toys schreibt:

habe erst jetzt auf youtube gesehen, daß das KUNSTHAUS TACHELES mal wieder geräumt wurde und so weiter…
falls meine 3 kritischen kommentare von heute morgen dazu wieder gelöscht werden sollten, hier sind sie – außerdem nochmals der link zu meinem essay über die geschichte des tacheles:

www.kultura-extra.de/extra/feull/tacheles.php
= „TACHELES REDEN ! VOM KAUFHAUS ZUM KUNSTHAUS UND ZURÜCK“
___________________________________________________________________

http://www.youtube.com/watch?v=aSL6cRBqHhs

Tacheles Türen Öffnung 24.03.2012

rot war schon immer die farbe der diktatur und solange sich jemand in der ruine als freakkönig aufspielt, repräsentiert das tacheles NICHT den „freigeist“, der angeblich berlin zur kunststadt macht. eher künstliche sensation. kein ort zum atmen, visionen werden in brutalem, sehrspätpubertärem größenwahn erstickt. schade daß wowi nicht mitkriegt, wieviele nette künstler sich bereits an dem szeneterroristen die zähne ausbissen, sonst hätte er bestimmt mehr mut, die wahrheit ans licht zu bringen!

http://www.youtube.com/watch?v=_FrDZlf6TMY

Tacheles Berlin Räumung Festnahme – Die Polizei schützt die Kapitalisten NO GO!

echter szene-tourismus in allen lagern!! schade, daß der diktator des tacheles nicht festgenommen wurde, er huscht ja frei wie ein gespenst seiner selbst durchs bild, einsteins schatten! das ganze ist doch seit der legalisierung damals ein einziger slapstick: die guten sind gegangen (worden), und die bösen jungs spielen weiter in ihrem pseudosubversiven sandkasten und klauen sich gegenseitig ihre förmchen. KUNSTHAUS?? ich sag nur: KRANKENHAUS TACHELES!!! kultura-extra.de/extra/feull/t­acheles.php

http://www.youtube.com/watch?v=FDEVrmjxoNE

Erfolg – Tacheles Berlin wehrt sich gegen Räumung

dem tachelesdiktator ging es noch nie um KUNST, er sagte schon damals, daß ER die künstler und die ateliers garnicht braucht. sie sind nur alibi für sein reich und spielen das nötige kleingeld ein! leider unterschlagen die medien den wahren sumpf im gebäude (auf sand gebaut und im szene-vakuum als kunstleiche gut erhalten) und melden nur „offiziöse“ wahrheiten, so wie es eben üblich in regimen ist, die das volk ausbeuten… es können wohl jahrzehnte vergehen, ohne daß diktatoren gestürzt werden.

43. Lyrik und Mainstream

Die Badische Zeitung klärt auf. So einfach wie die Leute, die Grass‘ Gedicht schlecht finden, kann man es sich nicht machen:

Grass spricht zwar im Hier-stehe-ich-und-kann-nichts-anders-Modus, doch nicht als lyrisches Ich. Aber das aus tiefster Seele um Ausdruck ringende Subjekt ist eh schon lange tot. Lyrik ist heute mehr als zwecklose Freiheit, subjektives Empfinden, reine l’art pour l’art*. Spätestens die literarische Moderne machte die Trennung zwischen Lyrik und Prosa obsolet.

Die Langgedichte von Ezra Pound oder T.S. Eliot unterscheiden sich kaum von Joyce’ Romanen**: Wie die klassisch-chronologische Erzählform lösen sich auch Reim und Metrum auf und machen Platz für Realitätssplitter, Mythen und Selbstreflexionen. Das beseelte Sprechen kreist nicht mehr nur um Ich und Natur, Hier und Jetzt, sondern erfasst auch Alltagsgegenstände, prosaische Empfindungen, unpersönliche Erfahrungen***.

Das gilt erst recht für die politische Lyrik. Schon Heinrich Heine, der das Genre recht eigentlich begründete, machte sich lustig über die Tendenzpoeten, die Gesinnungstüchtigkeit mit Kunst verwechselten. Hoffmann von Fallersleben, einer von ihnen, griff Goethes Hohn („Ein garstig Lied! Pfui! Ein politisch Lied“****) auf und wendete ihn gegen seinen Urheber: Manchmal haben garstige, ungeschlachte Lieder mehr Dignität und Legitimität als unverbindliches Tandaradei und klassisches Ebenmaß. Seit bald zweihundert Jahren wogt die Debatte nun hin und her. Je nach Ort, Zeit oder Standpunkt gilt die politische Lyrik eines Herwegh, Brecht oder Erich Fried***** mal als Meilenstein engagierter Literatur, mal als Verrat an der Kunst. / Martin Halter, Badische Zeitung 13.4.

*) schöne Reihung. Heute: also anders als bei Sappho, Horaz, Villon etc.

**) Oh really? Wer das sagt, weiß vielleicht nicht, daß der deutsche Dichter Klopstock vor 250 Jahren Verse erfunden hat, die auf Reim und Metrum verzichten, aber nicht auf den Vers. Hat nie seine Frühlingsfeier gelesen oder im Ohr und im Geist ankommen lassen. Hält die Beschreibung des Waldes nach dem Blitzschlag für Zeitungsdeutsch: „Und der geschmetterte Wald dampft“ (2 Daktylen und 1 Spondäus). Hat nicht bemerkt, daß Eliot in seinen „Langgedichten“ den von ihm auch sonst gebrauchten Blankvers mal hart peitschend (wie die 7 Anfangsverse  von Waste Land mit ihren Stakkatoenjambements), mal ruhig-reflektierend umspielt und dabei gelegentlich und nicht zu selten reine Jamben einflicht. Hat die Verse der Poundschen Cantos weder gehört noch gesehen. Hat, in short, davon ungefähr soviel Ahnung wie mindestens der späte Grass.

***) Ich empfehle Lektüre von Archilochos, Theognis, Ovid, Horaz, nur als Beispiel.

****) Übrigens bei Goethe sagt das ein besoffener Student in Auerbachs Keller, der nicht unbedingt als Sprachrohr des Autors zu verstehen ist.

*****) Über den Unterschied von Fried und Brecht weiß der Freitag Genaueres

Gestützt auf seine Ahnungslosigkeit kann der badische Autor Grass als Dichter retten, der tapfer gegen den Mainstream ficht:

So wie ein Gedicht über Apfelbäumchen in Krisenzeiten unter Eskapismusverdacht gerät, steht politische Lyrik, die ihren Namen verdient, immer im Gegensatz zum Mainstream. Ihr Meinen und Sagen sprengt das empfindsame Selbstgespräch nach allen Regeln der Kunst wie den politisch korrekten öffentlichen Diskurs: So war es schon bei Walther von der Vogelweide und Hölderlin, und das gilt erst recht für das 20. [sic!] Jahrhundert.

Atemberaubend ahnungslos. Die Ahnungslosen (früher war das nur ein Tal, heute wohl der Mainstrom?) sind beeindruckt.  Am Ende aber wird der Zeitungsschreiber den Mainstream wieder für sich beanspruchen:

Allerdings hat Grass noch nicht recht mitbekommen, dass die große Zeit der politischen Intellektuellen vorbei ist: Er reklamiert selbst dort noch die hoheitlichen Gebärden und Privilegien des Dichterpriesters für sich, wo er als normaler Zeitgenosse spricht.

 

42. Das Ding selbst

In dem Bemühen, die Wirklichkeit qua Imagination zu ordnen, setzt der Dichter eine Form, in der nicht dargestellt, sondern über Objekte meditiert wird, die sich im Akt des Sprechens verändern. In der Sequenz «Dreizehn Arten, eine Amsel zu betrachten» etwa befindet sich der Blickwinkel nicht nur auf räumliche Art in ständiger Veränderung, um verschiedene Aspekte des Vogels einzufangen; die «Notate auf dem Weg zu einer höchsten Fiktion» spekulieren dann unter anderem darüber, was der Gesang eines Vogels bedeuten könnte; und in «Nicht die Vorstellung von dem Ding, sondern das Ding selbst» ist der Vogel schliesslich jene Wirklichkeit, die nicht «dem verblassten Papiermaché-Schlaf des bombastischen Bauchredens» entstammt. Stevens hat einen wendungsreichen Weg auf der Bühne der Dichtung zurückgelegt, oft das sanfte Mondlicht romantischen Gefühls verschmähend, und dabei einige der komplexesten und formvollendetsten Gedichte der amerikanischen Literatur geschrieben. / Jürgen Brôcan, Neue Zürcher Zeitung 12.4.

Wallace Stevens: Hellwach, am Rande des Schlafs. Aus dem Amerikanischen von Hans Magnus Enzensberger, Karin Graf, Durs Grünbein, Michael Köhlmeier, Bastian Kresser und Joachim Sartorius. Hg. von Joachim Sartorius. Hanser-Verlag, München 2011. 352 S., Fr. 34.90.

41. Lyrikpreis „Orphil“

Am 6. Juni wird zum ersten Mal der Lyrikpreis „Orphil“ vergeben. Das kündigt Kulturdezernentin Rose-Lore Scholz an. Gestiftet wird der Preis von Ilse Konell, Witwe des 1991 verstorbenen Dichters George Konell, der viele Jahre seines Lebens in Wiesbaden verbrachte.

Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und wird anlässlich des 100. Geburtstags von George Konell im Literaturhaus Villa Clementine vergeben. …

Vergeben werden soll der Preis künftig alle zwei Jahre an Lyriker, die mit ihrem Werk Stellung beziehen und sich politischen wie stilistischen Moden zu widersetzen wissen. Eine unabhängige Jury, bestehend aus dem Kritiker und Herausgeber Michael Braun, dem Literaturkritiker Alf Mentzer vom Hessischen Rundfunk sowie der Schriftstellerin und diesjährigen Wiesbadener Poetikdozentin Silke Scheuermann, kürt den Preisträger.

Darüber hinaus nominiert die Jury den Träger des mit 2.000 Euro dotierten Orphil-Debütpreises. / Hessen-Tageblatt

40. Golems Totems

»Was es ist wenn es ist, was es scheint und ob es erkennbar
ist in diesem Bannkreis ohne befassbare Mechanik
aus uns / für uns sprechend
sollen wir Gräber oder Tempel graben oder aufrichten, oder
einander die Horizontale vorschlagen
um der Vernichtung Herr zu werden«

Am Freitag, dem 13. April um 20 Uhr präsentiert das Verlagshaus J. Frank | Berlin in Kooperation mit der serendipity gallery im ACUD (Veteranenstraße 21, Berlin-Mitte) den Debüt-Band von Jinn Pogy: »Golems Totems. Million-Dollar-Kirschen und verstimmte Vögel«. Jinn Pogy liest aus ihrem neu erschienenen Gedichtband, im Anschluss an die Präsentation wird mit Live-Musik von Sam Dale, dem Sänger der Trash-Punk-Band »The Feminists«
gefeiert!

Lesung, Performance und magische Bucherweckung. Wild und schmutzig.

Wir freuen uns auf Sie,
Ihr Verlagshaus J. Frank | Berlin

39. Linzer „Tage der Poesie“

Die Eröffnung bestreiten Literaten, die der russischen Literatur verbunden sind: Hendrik Jackson arbeitet u. a. als Essayist, Lyriker und Übersetzer. Als solcher hat er Alexej Parschtschikows noch zu Lebzeiten selbst zusammengetragene Gedichtsammlung Erdöl übersetzt. Jackson liest Texte des Dichters, ebenso eigenes. Originaldichtungen Parschtschikows, der den „Metarealisten“ zugerechnet wird, werden von dessen Witwe Ekaterina Drobyazko gelesen. Dann: Im Linzer Botanischen Garten etwa lesen Freitagnachmittag Christian Filips und Arno Camenisch: “ literarisches Übersetzen als Erkenntnismittel, um Ordnung ins Chaos dichterischer Einfälle zu bringen“, heißt es dazu. / Der Standard

38. Eine Facebook-Debatte

Die Welt als Fragment und Collage: Michael Fiedlers „Geometrie und Fertigteile“ – Leipziger Internet Zeitung

http://www.l-iz.de

Der Leipziger Poetenladen, der schon mit mehreren beherzten Veröffentlichungen dazu beigetragen hat, die Lyrikszene in der Region populärer zu machen, hat jetzt eine eigene Lyrikreihe gestartet mit dem ambitionierten Titel „Neue Lyrik“. Zwei Bände sind jetzt erschienen und feiern am Abend des 3. Feb…

Klausef Neider

leute, ich weiß die führende mehrzahl der köpfe oder führenden köpfe der mehrzahl sieht es anders und schüttelt womöglich den kopf: den titel des bandes finde ich faszinierend und vielversprechend, die arbeit, die in dem band steckt ist schätzenswert, die methoden arriviert und sanktioniert als zeitgemäße kunst generierend, nur mir kommen im ggs dazu die gedichte/texte, das ergebnis davon – wohl aufgrund des waltenden poetischen bewußtseins und wissens als oberste assemblierungs instanz – doch recht banal vor und „repetierend“, im vergleich zu, sagen wir den stilbildenden & dann trend gewordenen konventionell geschaffenen oder hergestellten … ( so ähnlich wie einige ansätze der multimedia- oder später computergenerierten kunst, an der oberfläche, im ergebnis, mit einem komplizierten aufwand & der neuen technik das erzeugten, was z.B. die graphik der nachkriegszeit, der siebdruck oder konstruktivismus bereits, mit anderen mitteln an- & dargeboten hatten (–> wie es sehr aufschlußreich und fast schon exemplarisch anthologisch in sachen formensprache, farbexplosivität und bildgestaltungsregister … in dem musical bzw. tanzfilm „ein amerikaner in paris“ zu sehen ist; so einige jahrzehnte davor.

20. März um 16:27

Tom Bresemann

wer sagt dass „wir“ das anders sehen 🙂 ?

20. März um 16:28

Klausef Neider

dasselbe pronomen in der einzahl … (das mit dem plural, sich selbst, angesichts der hg. und ver/teiler und besprecher als wohlweislich mutmaßlich dezidiert anderer meinung seiend, als sich damit der ansicht wieder exponierend empfand .. in etwa so!)

20. März um 16:32

Klausef Neider

ermittele auch, komm ich grad darauf, warum dann so eine arbeit, pradon artwork, nicht gleich vom rechner machen läßt? und dann interaktive oder sich wandelnder ergebnisse entsprechender programmierung.

20. März um 17:02

Michael Gratz

hast du den band gelesen? ich wette, das kann kein computer. empfehle im übrigen bertrams kommentar zur sache

20. März um 17:03

Klausef Neider

zu meinem letzten kommentar: bin sicher dazu wird uns unsere informatikfachkraft noch einiges sagen. gedichte liest sie ja nicht aber auch dazu. den band euer ehren bekenn ich gelesen zu haben! erhielt ihn von jemandem zugeschickt. das damit ihrs mir glaubt, sonst bin ich wie beim jobcenter bzw. sozialamt unglaubwürdig & beweispflichtig in sachen ausgaben & finanzielle verhältnisse – so dass ihr mich nur noch darüber informieren müsstet, wo der besagte kommentar des reinecke zu finden ist; am besten ohne porto, nur mit link(s deinerseits!)

20. März um 17:06

Michael Gratz

lyrikzeitung

20. März um 17:09

Richard Felix Duraj

weil du mich schon ins spiel bringst, klaus, nur soviel: es gibt bei doctor who, einer britischen soft-sf-serie, antagonisten des doktors namens ’silence‘, die auf dauer für alle unerkannt bleiben, weil sich nur an sie erinnert, wer sie grade auch tatsächlich ansieht, und sofort vergisst, ist der blick auf etwas anderes gerichtet. so geht es mir mit fiedlers gedichten. nichts bleibt hängen. also zucke ich nur mit den schultern und winke durch, wem es wohl gefällt.

20. März um 17:26

Richard Felix Duraj

und ja, hübscher titel.

20. März um 17:31

Michael Gratz

habt ihr mich noch lieb wenn ich zugebe, daß mir vom ersten lesen (wahrscheinlich in engelers zwischen den zeilen so vor 2 jahren) was hängengeblieben ist? 🙂

20. März um 17:35

Richard Felix Duraj

schadet nichts.

20. März um 17:42

Tom Bresemann

solang du dich noch selbst liebhaben kannst , trotz dessen , is doch alles gut !

20. März um 17:43

Michael Gratz

‎:-(

20. März um 17:47

Michael Gratz

ich merke, hier kann ich mir ironie nicht erlauben 😉

20. März um 18:01

Christian Kreis

Ganz unironisch: Vielleicht ist die Gattungsbezeichnung irreführend, und es sollte unter dem Titel eher Sprachinstallation stehen als Gedichte.

20. März um 18:35

Klausef Neider ‎

@ Christian: das hätte was! und auch nicht nur auf papier beschränkt bleiben, als rauminstallation kann ich mir vorstellen, das sie anders wirken …

20. März um 19:39

Bertram Reinecke

na ich finde „irreführend“ ist etwas übertrieben, es sei denn, man nähme für sich in Anspruch, genau zu wissen, was ein Gedicht ist: Lesung Rudolf-Fiedler in der MB. Plötzlich passten die Sachen wunderbar zusammen und es wirkte erstaunlich aus einem Guss. Macht nun Rudolph auch eher Sprachinstallationen (eher kontraintuitiv für mich), macht er manchmal welche? Wie soll man sprechen? … Aber klar: Du hast ja eine sehr klare Vorstellung, was ein Gedicht (für Dich) ist …

20. März um 19:42

Klausef Neider

werde mir das nochmals & unter dem aspekt + hinweis ansehen (weiß nicht, ob mich dann eine gewisse konventionalität der einzelnen bilder, verszeilen usw. (ja, auch wenn das verweise und travestien sind u.a.m. / es bleibt ein grundsätzlicher zweifel an dem montierten, der montage, da sie ja immer rekurriert und oft nur neu adaptiert, inkl brüche & deko =struktionelnes) weniger stört und dem ganzen adäquat erscheinen läßt?) –> Dominik Dombrowski, Fixpoetry:

Fiedlers Texte sind alles andere als ein willkürliches Spiel, sie sind es vielleicht für eine gewisse Zeit während des Vorarbeitens, ehe sich dann aus der Montagetechnik etwas eröffnet und zu neuen Sichtweisen führt. Man muß sich schon ein wenig hineinarbeiten in die 31 Gedichte, die in die drei Kapitel „von vielerlei Keimen geschwollen, besingt jeder, was er liebt“, „niemand weiß, warum wir uns zuhören“ und „während die Ziegen noch klettern auf buschwerkbestandenen Felsen“ unterteilt sind. Und die Gedichte sind überdies so wenig voneinander abgegrenzt, daß man die drei Kapitel auch als drei Langgedichte verstehen könnte. Überhaupt liebt Fiedler das Vexierspiel. /

20. März um 22:13

Christian Kreis

zu Bertram: Ich halte mich da an Michael, der zu seinen Texten selbst Cut-ups sagt, und dieser Begriff, diese Unterscheidung trifft es dann (vielleicht) genauer. Natürlich ist es in den Zeiten des in allen Künsten erweiterten Kunstbegriffs überhaupt nicht mehr üblich, Maßstäbe für eine Gattung aufzustellen (und mir persönlich sind diese Maßstäbe, die es mal gab, ja auch nur bruchstückhaft bekannt). Unter dieser Entwicklung wäre das, was am wenigsten dem gleicht, das einmal Gedicht genannt wurde, ein Gedicht. Die Lawine der Kunst-ismen hat es möglich gemacht. Und doch hat beinah jeder Lyriker und Lyrikkritiker, wie mir scheinen will, sehr genaue Vorstellungen vom „guten Gedicht“.

20. März um 22:25

Bertram Reinecke

Wenn Michael Cut Ups sagt, ist das für mich nicht anders als wenn jemand Sonette sagt. Entweder man möchte die Gattungen gänzlich aufgeben, was man kann, dann geht es ja, aber wer Maßstäbe für Gedichte hat und diese ausspielt gegen einen erweiterten Kunstbegriff, der möchte ausgrenzen,, Immerhin räumst Du ein, dass Deine Kenntnisse bruchstückhaft sind. (Wer so alte Muster anwendet, sitzt ja auch zwischen den Stühlen: Immer zieht einem jemand über die Rübe: „Aber George isses nich … „)

Ersteinmal ist die Skepsis gegen Montagen genauso logisch, wie die gegen strenge Formen, sagen wir mal George, vielleicht sogar Rilke: ohne diese Formen hätte man sicher manches einfacher und noch treffender sagen können.

Dabei lebt Dichtung vom interplay. Und man entscheidet sich mit seiner Skepsis gegen einen großen Teil dessen, was Dichtung von je immer gewesen ist. Mit anderen Worten: Ich argumentiere hier mal konservativ: Dein rigider Neoklasszismus ist das eigentlich neue, wenn er so lange eingeführte Formen des Interplay scheel ansieht. Es ist ja wirklich diese Rutschigkeit des Vexierspiels, die man auch als eine Form des Interplay beschreiben könnte: Immer bleibt im Raume schweben: Tats das raffinierte Tier um des Reimes (etc. willen). Den Begriff Willkür kann man ebenfalls wenden wie eine Medaille: Keineswegs Willkür: „Die strengen Formen sind wirklich sehr streng bewußt und nicht ungenau“ oder: „Keineswegs schöpft der Dichter nur aus dem Verstand, die Formen sind offen genug für das unbewußte Spiel“ Aber es kann genauso gut sein, dass man anzielt, die Münze sozusagen auf der Kante stehen zu lassen: Je strenger die Form, desto mehr mischt sich das nOtwendige des eigenen Sprechens, das sicher nicht bis ins letzte bewusst ist, ein.

Der erweiterte Kunstbegriff ist da noch gar nicht im Raum. Von dem Unterschied: Werkästhetik vs. Prozessästhetik reden wir z.B dann an anderer Stelle.

Wenn man dauernd wie Michael mit seinem Anliegen bloß als Sonder- oder Randdichtung wahrgenommen wird, wie vielleicht von seinen Lehrern Hummelt, Pietraß, Seiler, Treichel, dann geht’s einem irgendwann auf die Nerven und man sagt eben Cut up um seine Ruhe zu haben und nicht wieder Missverständnisse damit zu erzeugen, dass einem da das Herz der Dichtung sitzt.

21. März um 00:07

Christian Kreis

Das Schöne an der Form ist ja, daß man sie selber er/füllen kann. Insofern ist nach meinem Verständnis die Montagetechnik aus vorgefundenen Satzbestandteilen keine Form. Und es schien mir zumindest so, als ob man mit Hilfe von Formen etwas (möglicherweise das, was das „Herz der Dichtung“ betrifft) treffender sagen wollte und konnte, als ohne sie. Das Spektrum lyrischer Formen und Mittel hat sich mit der Zeit erweitert, aber worauf ich als Leser nicht verzichten möchte, ist ein Individuum, das sich selbst an der lyrischen Sprachhervorbringung beteiligt hat. Die Sprache, die durch den Filter des Bewußtseins hindurchgegangen ist, läßt doch erst den Menschen entdecken, der sie gebraucht. Geschieht es nicht, habe ich das Gefühl, jemand zeigt mir nicht das Herz seiner Dichtung (was, nur nebenbei gesagt, bei Herta Müllers Montagetechnik, die anders vonstatten geht, nicht passiert). Michael kennt ja meine Vorbehalte, wir haben sie im Stolterfoht-Seminar diskutiert.

21. März um 02:23

Bertram Reinecke

ja, was heißt eben selbst erfüllen, darin äußert sich entweder dieser Vorbehalt erneut, der George oder Barock oder Dante in tieferer Schicht ausschließt (man kann dies und das mögen, das wird deswegen nicht so deutlich). So argumentiert, wenn Deine Rede das „selbst“ betont. Betont sie das „erfüllen“ lieferst Du ein halbes Argument gegen Herta Müller tatsächlich. Ihre Formen sind in einem gewissen Sinne sehr fuzzy also man könnte, genug Hartnäckigkeit vorausgesetzt so weit ich sehe, alles erreichen, sie sind also zunächst mal nicht unerfüllbar. Fiedler kommt mir dagegen restriktiver vor, da kann ein Text auch an Unerfüllbarkeit scheitern.

21. März um 02:59

Bertram Reinecke

Und die Herz-Emphase. Mich mutet Müller da eher gut aufgestellt an. Mich würde neben Verfahrensaspekten, die allerdings verblassen angesichts der interessanten Ergebnisse, eher eine Sprachtheorie einfallen, die sehr nahe dem ist, was der „Mythos vom Museum“ genannt wurde … ich denke Fiedler wird bereits den Vorbehalt, den Du hier wiederholst kennen, dass sie von Deiner Distanz nicht soo beleidigt sind.

21. März um 03:05

Christian Kreis

Damit wir uns nicht mißverstehen, ich meinte, Herta Müller montiert anders als Michael, man kann es ja am Gedichtbild (es kommt hier noch eine bildästhetische Komponente hinzu, Farbe und Form der ausgeschnittenen Worte etc.) sehen, sie schneidet meist einzelne Worte aus Zeitungen und Magazinen, die sie in Schubladen sammelt und auf einem Tisch ausbreitet (am DLL, kurz vor ihrer Poetikvorlesung, hat sie darüber Auskunft gegeben). Die einzelnen „Bauteile“ der Collage sind also sehr kleinteilig, ihrem ursprünglichen Kontext fast vollständig entrückt. Diese entäußerten geradezu materialisierten Worte werden von ihr in die Hand genommen, hin und her geschoben, regen die Phantasie, das Unter- und das Bewußtsein an, sodaß das Dazufinden und Dazulegen der Worte zu einem Gedicht (in dem es oft sogar reimt) ein Sichzueigenmachen der Worte wird, überdies fügt sie die Worte zu einer eindringlichen Sprachmelodie. Bei Michael klingen die hingestellten Wortgruppen oft sehr abgehackt. Es entsteht bei mir ein unpersönlicher Eindruck. Hinter dem Wortmaterial aus Fachsprachenquellen, die fleissig und akribisch herausgewälzt wurden, kommt der Dichter, und das ist Michael, noch gar nicht richtig zu Wort. Noch eine Anekdote. Eine Studentin am DLL sagte einmal: Als sie noch mit eigenen Worten (also jenen, die wir verinnerlicht haben) versucht habe, Gedichte zu schreiben, seien die immer so kitschig geworden, deshalb habe sie begonnen, mit fremdem Sprachmaterial zu arbeiten. Da dachte ich, die kitschigen Gedichte wären der ehrlichere Ausdruck ihres Vermögens gewesen. Denn was ist das Gedicht, kühle Spracharmatur, nach allen Seiten intellektuell abgesichert, ein Germanistenkitzel, „strenge sprachkritische Wörter-Archäologie“ (siehe Braun) von Lyrikingenieuren produziert. Auch, aber nur auch.

21. März um 16:29

Michael Gratz

nur auch, ja: gilt immer. gefühl nur auch, reim nur auch, ehrlicher ausdruck nur auch

21. März um 16:32

Christian Kreis

Ok, ich geb mich geschlagen, ich streiche das Auch.

21. März um 16:35

Michael Spyra

ich verstehe die texte als resultate eines spracherwerbsprozesses, zu dessen anfang nicht etwa die prosodie der stimmung freundlicher eltern stand, sondern die sprache im text. die eindrücke dieser textsprache haben freilich nur ein mal und nur einem (dem autor) der sich mit ihnen beschäftigt hat, den eindruck hinterlassen auch seine „vorsprachlichen gedanken“ durch sie sprechen lassen zu können, so wie es eben üblich ist für einen spracherwerbsprozess. da dass ganze situationsabhänig passiert, würde ich wohl über dieselben quellen drüberlesen, ohne das sie mich berühren. und hier ist auch wieder die individualität oder ‚das herz‘ des autors zu finden; eines autors nämlich, der mit den ihm besonderen passagen seiner primärtexte spricht – einer sprache, die sich widerum aus unserer genmeinsamen sprache generiert, weshalb sie auch lesen können.

ich dachte erst jedoch: ‚was soll das bitteschön, dieses sprachrecycling?! macht doch keinen sinn, weil die sprache eben keine erschöpfbare ressource ist; als müsse das sonnenlicht aufgearbeitet werden. /was versteckt der sich denn da hinter den worten ander?/ = ist aber genau so blöd, weil es kein patent auf sprache gibt.

21. März um 17:15

Bertram Reinecke

Ja, genau Christian, so ungefähr würde ich es auch beschreiben: Müller hat die Worte eben nur etwas materieller in der Hand, die ansonsten eben die Bausteine jeder Dichtung sind. Eine Verteidigung Fiedlers könnte natürlich darauf hinauslaufen, dass Fiedler durchaus Texte auf Augenhöhe dessen drauf hatte, was man heute Leipziger Schule um Norbert Hummelt nennt. Zumindest den Frühwerken, die sich in Bänden von Zander, Reyer, Friedel oder Küchenmeister ja noch finden, stand das nicht nach. Er möchte es bloß nicht mehr so.

Spyra trifft den Punkt aber besser, wenn er auf die Sprachsubstrate verweist. Es gibt eben vor der Sprache erst gar nichts zu sagen. Und mancher möchte sich am Gemenschel eben nicht beteiligen. Warum muss einem das wertvoll sein, sich als schöne Seele zu zeigen. Hat Brecht das getan? (Ich weiß aber, dass das in Halle irgendwie wichtiger genommen wird, lese gerade Bartsch.) Muss man daraus eine wir Sprache bauen? Und wer ist dann „wird“. Da ist ein Bild vom Menschen darin, wie es bspw. ein Husserl oder Benjamin abgelehnt hätten. (Nicht welches Bild, sondern dass man implizit auf eines zurückgreifen muss, wäre ihr Problem.)

Schon die Worte und wie „man“ sie benutzt, das kann eine Erfahrung der Fremde, Befremdung oder Entfremdung sein, die irgendwie als unmenschlich zu verdächtigen, nicht nur unhöflich sondern falsch wäre.

Jedes Gedicht benutzt Sprache als Fremdsprache, selbst das regelloseste Alltagsgedicht. Der Linguist kann das darüber einfangen, dass sich die Häufigkeiten der Worte massiv ändern, oder darüber, welche statistische Nähe eins zum anderen hat. (Wenn es schon sonst keine Auffälligkeiten gibt.) Insofern gibt es kein unentfremdetes Sprechen vor dem Technischen.

Und offensichtlich ist Fiedlers Sprechen ja gegen manche Angriffe doch nicht so abgesichert, wie Du unterstellst. Gerade so hab ich es am Institut auch erlebt. (Wenn Du es anders erlebt hast, liegt das an der Persönlichkeit von Ulf. Wenn Ulf und Braun loben, ist es dann abgesichert? Oder lobt z.B. Ulf nicht eher dessen Subjektivität?)

Die Subjektivität Fiedlers kommt gerade in mancher Rauhigkeit der Anschlüsse zur Geltung, finde ich. Ich, rein subjektiv, achte mehr auf die sytaktischen Anschlüsse (und lasse dennoch manchmal etwas stehen). Fiedler achtet mehr auf Gehalte und Gestalten der Substantive. Ganz ungeschützte geschmackliche Entscheidungen sozusagen … Christian, mit solchen Beobachtungen, das finde ich einen Weg, wo wir weiterreden könnten, mit Deinen philosophischen Interpretationen dieser Fakten, da unterliegst Du einer gar nicht so wenig verbreiteten Autosuggestion, finde ich.

21. März um 19:04 ·

Bertram Reinecke

Ach und wenn ich hier die Subjektivität von Fiedler und mir etwas technisch gegeneinander abgrenze: Es wäre natürlich leicht, dies wiederum als Symtome für- oder Ausdruck von etwas zu betrachten, ganz global: unterschiedlicher Lebensformen etwa … Auch welche Materialien man wählt …

21. März um 19:14

37. Weiße Reiher

Als Derek Walcott 1992 den Nobelpreis erhielt, hörten viele Leser seinen Namen zum ersten Mal. Jetzt wurde der Dichter aus der Karibik mit dem höchsten Lyrik-Preis ausgezeichnet, den Großbritannien zu vergeben hat: Den T.S.Eliot-Prize erhielt er für den Gedichtband „Weiße Reiher“.* / DLR

Derek Walcott: „Weiße Reiher, Gedichte“
Deutsch von Werner von Koppenfels
Hanser Verlag, München 2012 
183 Seiten, 17,90 Euro

*) Genauer gesagt, wurde der Preis im Januar 2011 für den 2010 erschienenen Gedichtband vergeben. Jetzt erschien die deutsche Ausgabe. Der zitierte Text gehört offenbar nicht zur Rezension von Helmut Böttiger, sondern ist eine redaktionelle Einleitung.

S.a. Julia Zarbach in Falter : Buchbeilage 11/2012 vom 14.3.2012 (Seite 24)

36. Gestorben

Reed Whittemore, der 1939 zu den Herausgebern einer Literaturzeitschrift gehörte, die einige der großen Dichter der Epoche veröffentlichte, darunter Archibald Macleish, Ezra Pound, e.e. cummings und William Carlos Williams, und der selber als Autor, Herausgeber, Collegeprofessor und zweimaliger Poet laureate der Vereinigten Staaten ein maßgeblicher Lyrikbotschafter wurde, starb am 6.4. im Alter von 92 Jahren.

Seine ironisch-verspielten Gedichte, die oft in Anthologien nachgedruckt wurden, erforschten Themen wie Ehe und Vaterschaft, Kapitalismus und Bürokratie und die Rolle des Dichters in der Gesellschaft.

Sein Gedicht  “On the Unimportance of Words”, das 1954 in der Zeitschrift Poetry veröffentlicht wurde, karikiert mit seinem blind-optimistischen Ton amerikanisches Konsum- und Sozialverhalten:

Gentlemen,
Accept my word that this country is wiser and better
Than its words. It would be unpatriotic to think otherwise.
Of course we are not perfect.

Things are admittedly tough, and I would not have you
Student-voter-consumer Americans think
Otherwise.
But when you have added it up — the lies and the come-ons,
And the jargon and the platitudes and hosannas — when
you have granted
That verbally we are blockheads and cheats and worse
I ask you,
What does this matter so long as we keep the faith,
And our hearts are true and our minds clean, and we grow
More and bigger forever (and onward and upward)?

/ Adam Bernstein, Washington Post 10.4.