95. Kann ein Dichter sterben?

Der Dokumentarfilm „Kann ein Dichter sterben?“ („Un poète peut-il mourir ?“), eine Würdigung des Schriftstellers und Journalisten Tahar Djaout, der 1993 ermordet wurde, nimmt am 7. Internationalen Festival des Orientalischen Films (Festival International du Film Oriental de Genève, FIFOG) in Genf teil. Das Festival findet vom 28.4.-6.5. statt. Der Film ist der einzige algerische Beitrag in der Kategorie Dokumentarfilm. Regisseur ist Abderrazak Larbi Cherif.

Der 80minütige Film verfolgt die Entwicklung des ersten Intellektuellen, der in Algerien Opfer des Terrorismus wurde. Die Sprache ist Tamazight mit französischen Untertiteln. / Dépêche de Kabylie

Aufgrund seiner Unterstützung des Säkularismus und seiner ablehnenden Haltung dem Fanatismus gegenüber verübte die Groupe Islamique Armé am 26. Mai 1993 ein Attentat auf Djaout, dem er, im Alter von 39 Jahren, eine Woche später erlag. / wiki

94. Liebe Drehbuchautoren

Die Verfasser des Briefs schreiben: »Die Grundrechte der Urheber bzw. der von ihnen beauftragten Rechteinhaber aber werden … marginalisiert.« Die Crux liegt bei den »von ihnen beauftragten Rechteinhaber«. Denn wer sind die? Natürlich die Sender. „Die von ihnen beauftragen Rechteinhaber“ ist eine ungemein schönfärberische, genaugenommen verlogene Formulierung. Das reine „newspeak“. Denn die gemeinten Rechteinhaber sind ja keineswegs von den Autoren „beauftragt“. Die Formulierung des Briefes suggeriert, hier hätte man in freier Entscheidung einen Auftrag vergeben, womöglich unter verschiedenen Bewerbern. Einen Auftrag, den man auch hätte nicht vergeben können. Liebe Drehbuchautoren – geht’s noch? Geht’s noch dümmer? Macht Euch doch nicht zu Affen und uns zu Vollidioten. Wir wissen doch alle, dass ihr sauschlecht bezahlt werdet. Von den Sendern. Dass die Sender Euch eure Drehbücher zerpflücken und zerstückeln und sie umschreiben lassen, ohne Euch für zusätzliche Arbeit irgendein ein Geld zu bezahlen. Dass ihr schon vorher kein angemessenes Geld bekommt. Was soll also diese Formulierung? Die Autoren des Briefes haben nicht verstanden, wer sie bezahlt, und wer sie beraubt. Sie stellen diejenigen als Räuber hin, ohne die sie gar keine Arbeit hätten. Um denen zu gefallen, die sie wie Sklavenbesitzer halten, gerade so über dem Existenzminimum. Die sie in verschiedenster Weise demütigen und ihre kreative Leistung gering schätzen. Andersrum gefragt: Was hindert die Sender eigentlich, ihre Autoren ausreichend zu bezahlen, und dafür sämtliche Verwertungsrechte zu erwerben. Dann wären die Kreativen schon mal aus dem Schneider.

Wovon die Verfasser völlig schweigen, ist, dass sie von ihren Auftraggebern ausgebeutet und entrechtet werden, nicht von den Zuschauern. Ihnen fehlt der Mut, irgendetwas gegen die Sender, gegen die Produzenten, gegen Förderer und Politiker zu sagen. Da sind sie zu feige und zu uneinig. Nur zur Politikerschelte langt es, und zur Userschelte, das heißt zur Schelte genau derjenigen, von denen die Unterzeichner noch irgendetwas Gutes zu erwarten hätten. Aber es langt noch nicht mal zu einem vernünftigen Gegenvorschlag der zur Urheberrechtsdebatte, die nicht »kommen wird«, sondern da ist, etwas Substantielles, Neues beizutragen hätte. Sie bringen auch seit Jahren keinen Streik auf die Reihe, wie die Drehbuchautoren in den USA. Das macht den Brief der Autoren so mickrig.

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Wovon auch nie die Rede ist, ist eine weitere Lebenslüge: Die User, auch Zuschauer, oder, je nach Bedarf, die Bürger genannt, haben den »Tatort« längst bezahlt, auch wenn sie ihn nicht mal angeguckt haben. Und zwar doppelt und dreifach: Über TV-Gebühren, über Filmförderung, über Steuergelder.

/ Rüdiger Suchsland, artechock

93. Anton Pincas

Die Stiftung Lyrik Kabinett, München, hat als Band 12 ihrer Blauen Reihe den Gedichtband „Diskurs über die Zeit“ des israelischen Autors Anton Pincas in der Übersetzung von Tuvia Rübner herausgegeben.

Anton Pincas wurde 1935 in Sofia, Bulgarien, geboren und kam 1944 mit seiner Mutter nach Tel Aviv. Er ist im deutschen Sprachraum annähernd unbekannt, bisher sind nur einzelne Gedichte von ihm verstreut erschienen. In Israel wurden acht Gedichtbände veröffentlicht und 2005 erhielt er den angesehenen Israel-Preis für Dichtung. / kultur-port.de

92. Getanztes Renku

Die Solistin Yuka Oishi und der Gruppentänzer Orkan Dann bedienen sich für ihr Gemeinschaftswerk „Renku“ einer poetischen Form in der japanischen Lyrik, bei der ein Gedicht von zwei oder mehreren Autoren geschrieben wird. „Jemand schreibt einen Satz und eine anderer setzt das Geschriebene fort“, erklärt Orkan Dann. „Beim Choreografieren weiß man also nicht, wie der andere die Geschichte fortsetzt.“ Für ihn ein faszinierender Prozess. / Klaus Witzeling, Hamburger Abendblatt

91. Schluß mit dem Schwindel

„Poesie ist nichts als Schwindel“, schimpft Arthur Rimbaud. Im September 1886 bricht der Dichter von Somalia nach Äthiopien auf, um Waffen zu verkaufen. Für die Lyrik, den Pariser Literaturbetrieb, seinen spießigen Geburtsort Charleville hat er nur mehr Verachtung übrig. „Bei jedem Gespräch über Literatur geriet Rimbaud in Rage“, wundert sich Jean Roch Folelli. Der Korse, Mörder und Kommunarde von 1871, schließt sich Rimbauds Karawane an. / Jürgen Schickinger, Badische Zeitung 25.4.

In der Besprechung gehts um diese Comics:

– Christian Straboni, Laurence Maurel: Chapeau, Herr Rimbaud. Aus dem Französischen von Marie Luise Knott. Verlag Matthes & Seitz, 80 Seiten, 19,90 Euro.
– Michel Onfray; Maximilen Le Roy: Nietzsche. Aus dem Französischen von Stephanie Singh, Knaus Verlag, 128 Seiten, 19,99 Euro.
– Will Bingley, Anthony Hope-Smith: Gonzo Die grafische Biographie von Hunter S. Thompson. Aus dem amerikanischen Englischen von Jan-Frederik Bandel. Tolkemitt Verlag, 180 Seiten, 14,95 Euro.

90. Zeichen aus dem beschädigten Leben

Als Sabine Scho vor drei Jahren beim Poetenfest in Erlangen alte und neue Gedichte las, lauschten knapp 1000 Zuhörer auf der grünen Wiese des Schlossparks. Gebannt hörten sie einer Wortakrobatin zu. Mit ihrem schneidenden, prononcierten Vortragsstil fesselte sie das Publikum.

Und das obwohl oder gerade weil Sabine Schos Gedichte auch etwas Verstörendes haben, erst einmal undurchschaubar erscheinen, dann aber in der Musikalität der Sprache ganz evident werden und einem nahe gehen.

Unbehaust und unbehaglich geht es in Schos Gedichten zu: Die Bilderwelt ist keine heile, sondern liefert Zeichen aus dem beschädigten Leben. Die Menschen treiben darin haltlos wie die Tiere; sie sind dem gleichen Ungemach ausgesetzt – das Leben ein Kampf ums Überleben, ein survival of the fittest. Scho inszeniert das in einer ganz heutigen Kunstsprache. Sie beschäftigt sich in ihren Texten mit Fotos, Gemälden und Musik; der Jazz spielt eine große Rolle, und aus einer großen Farbpalette entstehen bei ihr neue Bilder. / Ulrich Rüdenauer, Südwestpresse

89. Berenberg Verlag startet Lyrik-Reihe

Im August 2012 erscheint im Berliner Berenberg Verlag erstmals Lyrik. Die zweisprachige Reihe wird mit Gedichten des US-Amerikaners Jeffrey Yang und des Argentiniers Sergio Raimondi eröffnet.

„Ein angelsächsischer Verleger hat mal gesagt, ein Verlag, in dem noch nie Gedichte veröffentlicht wurden, sei eigentlich gar keiner. Den Berenberg Verlag gibt es nun schon seit fast acht Jahren. Damit er endlich auch als Verlag bezeichnet werden kann, erscheinen bei uns im Herbst zum ersten Mal zwei Bände mit Gedichten“, begründet Verleger Heinrich von Berenberg die Ergänzung des bisherigen Programms. Künftig wird pro Halbjahr ein Lyrikband in neuem Format, jedoch in gewohnt hochwertiger Ausstattung erscheinen.

Der New Yorker Dichter Jeffrey Yang buchstabiert in seinem Debüt „Ein Aquarium“ ein maritimes Alphabet. Vom Meer aus betrachtet Yang die Welt, den Menschen und seine Kulturen, Wissenschaften, Geschichten, Poesien und Religionen. „Jeffrey Yangs funkelnde Unterwasser-Revue ist das aufregendste Debüt seit Jahren“, kommentiert Eliot Weinberger. Yang ist auch als Übersetzer, u.a. von Liu Xiaobo und Bei Dao, und als Lektor bei New Directions und NYRB Classics tätig. Beatrice Faßbender hat „Ein Aquarium“ übersetzt. Im November 2012 geht Jeffrey Yang in Deutschland auf Lesereise.

Der argentinische Schriftsteller Sergio Raimondi macht in „Für ein kommentiertes Wörterbuch“ den Hafen der argentinischen Stadt Bahía Blanca zum Ausgangspunkt seiner lyrischen Erkundung der Welt. Der Hafen leiht seinen Beobachtungen und Überlegungen den Rahmen und die Motive. In einem Wörterbuch beseelter Technik und bedrohter Natur stellt sich Raimondi die Frage, wie und warum der Mensch in diesen Zeiten lebt oder leben könnte. Timo Berger hat Raimondis Gedichte ins Deutsche übertragen.

Der Berenberg Verlag wurde 2004 von Petra und Heinrich von Berenberg gegründet. Schwerpunkte des Verlages sind biographische und autobiographische Literatur und Essays sowie Bücher zur Zeitgeschichte. Seit Herbst 2010 erscheint im Verlag auch Belletristik. Im selben Jahr wurde Heinrich von Berenberg mit dem Karl-Heinz Zillmer-Preis der Hamburgischen Kulturstiftung für verdienstvolles verlegerisches Handeln ausgezeichnet.

Berenberg Verlag
www.berenberg-verlag.de

 

88. Orphil: Preis an Krechel, Debütpreis an Kornappel

Die Stadt Wiesbaden vergibt in Kooperation mit hr2-kultur einen neuen Lyrikpreis. Erste Preisträgerin ist die Berliner Schriftstellerin Ursula Krechel.

Krechel erhält die Auszeichnung, die mit 10.000 Euro dotiert ist, insbesondere für ihre beiden Bände „Stimmen aus dem harten Kern“ sowie „Jäh erhellte Dunkelheit“, heißt es in der Begründung der Jury. „Diesen Gedichten zu begegnen, ist ein Erlebnis; man erinnert sich nachdrücklich an die Stimme einer Dichterin, der es mit ihren Versen gelingt, die Materialität der Sprache, ihre Laute, ihre Schrift, so freizulegen, dass sich ein feines Leuchten über die Dinge legt“, urteilt Jurymitglied Silke Scheuermann.

Zudem zeichnete die Jury die ebenfalls in Berlin lebende Lyrikerin Simone Kornappel aus. Sie erhält für ihren noch unveröffentlichten Band „raumanzug“ den mit 2.500 Euro dotierten „Orphil“-Debütpreis. „Diese Gedichte stehen in der Tradition moderner visueller Poesie und aggressiver ‚Montagekunst‘ (Gottfried Benn). Sie sind laut, schrill, kompromisslos, sie unterziehen die Sprache fortlaufend einer Zerreißprobe und lassen die ’songlines‘ der ehrwürdigen poetischen Tradition und die Technizismen des digitalen Zeitalters kunstvoll aufeinanderprallen,“ so Michael Braun.

Gestiftet wurden die Preise von Ilse Konell, Witwe des 1991 verstorbenen Dichters George Konell, der viele Jahre seines Lebens in Wiesbaden verbrachte und dessen Geburtstag sich am 6. Juni zum 100. Mal jährt. Vergeben wird der „Orphil“ künftig alle zwei Jahre an Lyriker, die mit ihrem Werk Stellung beziehen und sich politischen wie stilistischen Moden zu widersetzen wissen. „Orphil“ nannte George Konell die eisernen Gockel auf den Rathäusern Frankreichs, die für ihn das Lied des Sängers Orpheus wie auch die Ideale der Französischen Revolution verkörperten.

Der Jury gehören der Kritiker und Herausgeber Michael Braun, der hr2-Literaturredakteur Alf Mentzer sowie die Schriftstellerin Silke Scheuermann an.

Preisverleihung am 6. Juni im Literaturhaus Villa Clementine in Wiesbaden

/ hr

87. Zu Liesbet Dill, Gottfried Benn und Edith Cavell

In der Sendung „Literatur im Gespräch“

Nachgespürt von Gerd Schäfer

Für einen Literaturfreund erweist sich ein alter Ehe-Skandal im Saarland geradezu als Glücksfall. Denn Liesbet Dill, geboren 1877 in Dudweiler, gestorben 1962 in Wiesbaden, trennte sich von ihrem Mann, dem Juristen Gustav Seibert, um im Jahre 1905 ihre große Liebe Wilhelm von Drigalski zu heiraten.

Drigalski, ein Schüler Robert Kochs, war ein Bakteriologe, der während des Ersten Weltkriegs zur sogenannten „deutschen Kolonie“ in Brüssel gehörte. Zu seinen Untergebenen gehörte ein junger Mediziner, der bereits 1912 einen vielbeachteten Lyrikband vorgelegt hatte, die „Morgue“-Gedichte. Die Rede ist von Gottfried Benn. Benn war als ärztlicher Beobachter bei der Exekution der britischen Krankenschwester Edith Cavell anwesend, die während der deutschen Besatzung Belgiens wegen Fluchthilfe für alliierte Soldaten hingerichtet wurde, als „glorious victim of German barbarity“.

Alfred Döblin, Thomas Mann und Arnold Zweig kommen in ihrem Werk darauf zu sprechen. Auch Benn widmete eine seiner bekanntesten Veröffentlichungen jenem Ereignis, die Zeitungsreportage „Wie Miss Cavell erschossen wurde“. Dieser Bericht sollte viele Jahre später, in der Zeit des Nationalsozialismus, eine große Bedeutung für Benn erlangen. Nicht zuletzt Liesbet Dill nutzte Leben und Tod von Cavell als Vorlage für ihren 1917 erschienenen Roman „Die Spionin“, in dem Benn als anonyme Figur auftaucht, in einer Passage, die uns heute noch einmal die Facette seiner kalten Persönlichkeit vermittelt.

Hier der Link

http://www.sr-online.de/sr2/564/

86. Jakobinerin mit Einkaufstasche

Trotz der Präzision, mit der Merz die Wörter setzt, bleiben seine Texte offen: Sie sind einfach und klar, zugleich rätselhaft und poetisch. Nachzulesen jetzt in den ersten drei Bänden einer auf sieben Bände geplanten Werkausgabe im Haymon-Verlag, herausgegeben von Markus Bundi. Der erste Band heißt „Die Lamellen stehen offen“, im Untertitel „Frühe Lyrik 1963-91“. Donnerwetter, denkt man, Merz schrieb fast 30 Jahre lang „frühe Lyrik“!

War er 1963, mit 18, ein junger Autor, war er es mit 46 immer noch. Aber so absurd rechnet der Literaturbetrieb ja. Bis 50 gilt man als „jung“, zehn Jahre später beginnt das „Alterswerk“. …

Die ersten drei Bände der Werkausgabe haben zusammen rund 850 Seiten. Vier weitere werden folgen, die auch späte Prosa und Lyrik, Romane, Essays und Texte zur Kunst enthalten. Ein Fest für Merz-Leser, jedoch kaum für Germanisten.

Autor, Herausgeber und Verlag entschieden sich für eine reine Leseausgabe, die auf einen wissenschaftlichen Apparat verzichtet. Die Texte in den drei gelben Bänden sprechen für sich – und das passt zu ihrem Autor, diesem Enkel Flauberts, dem Wahrnehmung und ihre Umformung in Schrift alles ist:

„Über die Baulücken zieht blauer Himmel, die Schönheit der Brandmauern tritt schonungslos hervor. Eine Jakobinerin mit Einkaufstasche und Hund erobert die Ladenstraße, der Marktfahrer singt sein Auberginenlied. An der Ecke bleibt ein Dreijähriger stehen, er notiert alles, was er hört und sieht, in sein gelbes Heft, die Mutter wartet. Sie weiß, die Wirklichkeit lässt sich nicht begreifen. Außer vielleicht mit einem Bleistift in der Hand.“ / Matthias Kußmann, DLF

Klaus Merz: Werkausgabe.
Band 1: Die Lamellen stehen offen. Frühe Lyrik 1963-1991, 240 Seiten
Band 2: In der Dunkelkammer. Frühe Prosa 1971-1982, 308 Seiten
Band 3: Fährdienst. Prosa 1983-1995, 312 Seiten
Haymon Verlag Innsbruck, Preis: je 24,90 Euro

85. Sprachdenker

Edmond Jabès war buchstabengläubig: ein Sprachdenker, der auf der Wortoberfläche – im Klangraum der Poesie – spekulative Erkenntnis suchte und fand. Eine Erinnerung an den vor hundert Jahren geborenen Dichter und Philosophen von Felix Philipp Ingold, NZZ 14.4.

Mit seinem Sprachdenken ist Jabès für zahlreiche jüngere Dichter – unter ihnen Anne-Marie Albiach, Joseph Guglielmi, Rosmarie Waldrop, auch Paul Auster – schulbildend geworden. Namhafte Zeitgenossen wie Levinas, Derrida, Chillida, Nono oder Zanzotto haben an diesem ebenso schwierigen wie produktiven Denken partnerschaftlichen Anteil genommen und ihm zu bemerkenswerter Resonanz verholfen.

Lesetipp:

Zwischen den Zeilen Heft 26, Dezember 2006: Jean Daive, Edmond Jabès

84. Keine Empathie

Wenn die Debatte um Günter Grass‘ Gedicht-Pamphlet «Was gesagt werden muss» jenseits der breiten Zurückweisung durch die Intelligenzia eines gezeigt hat, dann, dass es dem Internet-Mainstream zunehmend an Empathie für Israel gebricht. / Andreas Breitenstein, NZZ

83. Zeitgemäße Nachfolgerin

Die Kulturabteilung der Cuxhavener Verwaltung schreibt:

Die Jury Mitglieder sind folgende:

Prof. Dr. Frank Möbus (Uni Göttingen)
Prof. Dr. Sabine Doering (Uni Oldenburg)
Prof. Dr. Hermann Korte ( Uni Siegen)
Winfried Stephan, Diogenes Verlag, Schweiz

Als beratende Mitglieder sind dabei:
Frau Erika Fischer (stellv. Kulturausschussvorsitzende/ ehrenamtl. Bürgermeisterin Cuxhaven)
Stellv. der Stadt Cuxhaven, zumeist Frau Dr. Anne Frühauf
Stellvertreter der Stadtsparkasse Cuxhaven.

Die Jury hat sich in diesem Jahr für Nora Gomringer ausgesprochen:

„Sie schenkt uns das Glück
über federleicht schwere Verse zu staunen,
deren auch ganz leise Töne sehr weit reichen.
Ihr Publikum wundert sich, lacht, weint und erschrickt.
Was aber bleibt, das ist reine Freude an der Kraft der Poesie.“

In den Cuxhavener Nachrichten schreibt Jens Potschka:

Ein Höhepunkt der Preisverleihung war im wahrsten Sinne des Wortes die Laudatio des Wiener Literaten Franzobel auf Nora Gomringer, [sic] Nachdem er sich mit dem Frühwerk der dasmals 20-Jährigen beschäftigt hatte, stieß er auf Texte aus dem Jahre 2006. „Plötzlich scheint Nora Gomringer ein Knopf aufgegangen zu sein, als hätte sie sich freigemacht vom schweren frugalen Erbe ihres Vaters, als wäre sie aufgesprungen aus dem Rollstuhl und hätte gemerkt, wie gut ihre Wörterfüße tragen. Sie hat wohl die wesentliche Erfahrung gemacht, dass sich ein Text auf einer Bühne viel schwerer behaupten lässt als auf einem Blatt Papier“, so Franzobel, der „Der Gomringer“ im Anschluss bescheinigte: „Zugänglichkeit, Einfachheit und Witz ihrer Gedichte machen Nora Gomringer nicht nur zu einer äußerst würdigen Ringelnatz-Preisträgerin, sondern auch zu einer zeitgemäßen Nachfolgerin dieses Großmeisters der kleinen Form.“

82. Tag der Zahnbürste

Günter Kunert (82) hat mit Geschichten, Gedichten und Essays die deutsche Nachkriegsliteratur geprägt. Er kritisiert die geringe Aufmerksamkeit, die Lyrik in Deutschland erfährt. Im Interview mit REINHARD TSCHAPKE, Nordwestzeitung, über Lyrikleser, Grass und den Welttag des Buches:

FRAGE: Was halten Sie vom Tag des Buches, der alljährlich am 23. April begangen wird?
KUNERT: Es gibt hoffentlich auch einen Tag der Zahnbürste. …

FRAGE: Was fehlt Ihnen denn als Autor, der vor allem durch Lyrik hervorgetreten ist?

KUNERT: Man könnte mal in eine heutige Buchhandlung gehen und fragen: Haben Sie auch Gedichtbände? Dann wird der Buchhändler wahrscheinlich eine Art Schlaganfall bekommen oder verlegen mit den Achseln zucken.

FRAGE: Ein paar Gedichtbände werden sich in einer wohlsortierten deutschen Buchhandlung schon finden lassen, oder?
KUNERT: Ja, wird der Buchhändler sagen, dahinten in der Ecke, gleich neben der Toilette im untersten Fach.

81. Kurzes Aufhalten der Verwirrung

Und wenn Frost sich in seinen Texten einer überlieferten Formensprache bedient, dann liegt das wohl daran, dass sie einem grundlegenden und humanen Wunsch korrespondiert. Der Leipziger Germanist Walfried Hartinger sprach in solchem Zusammenhang gern von Humanisierung der Natur und Naturalisierung der Menschheit.  Im Gedicht Desert Places dreht Frost das Verhältnis:

They cannot scare me with their empty places
Between stars –  on stars where no human race is.
I have it in me so much nearer home
To scare myselve with my own desert places.

Für Robert Frost seien Gedichte ein kurzes Aufhalten der Verwirrung gewesen, schreibt Lars Vollert im Nachwort. Und wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass die in späterer Kindheit einsetzende Verwirrung für keinen von uns aufgehört hat, aber auch die Sehnsucht nach Klarheit nicht. / Jan Kuhlbrodt, fixpoetry

Robert Frost: Promises to keep// Poems, Gedichte// Zweisprachige Ausgabe//Übersetzung und Nachwort von Lars Vollert//C.H. Beck// 8.Auflage//München 2011