56. Dornbirn: Lyrik bei Flatz. Wälder- Phonie trifft auf Berlin- Poesie

Dies ist der 2. Termin der Lyrik Reihe in den Räumlichkeiten des FLATZ Museums in Dornbirn mit dabei: Norbert Mayer (Schwarzach), Alfred Vogel (Bezau), Kai Pohl (Berlin) und Clemens Schittko (Berlin).

Norbert Mayer und Alfred Vogel bestreiten ein literarisch- musikalisches Heimspiel, das in der «Wälder»-Dialektklangwelt seine Wurzeln hat. Vor ein paar Jahren hätten beiden beinahe den ORF-MundART-Wettbewerb gewonnen, wären die Juroren nicht zur Überzeugung gelangt, dass es sich bei den Darbietungen des exquisiten Duos leider nicht um Lieder handle. Peter Füßl, Chefredakteur der Zeitschrift «Kultur» kann sich dennoch trösten: denn – so meint er – was der wortgewaltige Norbert Mayer und der Perkussionist Alfred Vogel so alles zu bieten haben, lässt keinerlei Sehnsucht nach einer gesanglichen Darbietung aufkommen.

Eine weitgehend andere sprachliche Sozialisation als die des Bregenzerwaldes haben die beiden Autoren, die den zweiten Teil des Abends gestalten, genossen. Der 1964 in Wittenburg/ Mecklenburg geborene Kai Pohl hat eine bewegte Karriere als Dreher, Heizer, Kraftfahrer und Bühnenmaler hinter sich. Nun lebt er als Autor, bildender Künstler und Grafikdesigner in Berlin. Seit 1986 veröffentlicht er in Anthologien und Zeitschriften und genießt als Mitbegründer der «Epidemie der Künste» und Redakteur der Zeitschrift «floppy myriapoda – Subkommando für die freie Assoziation» (2007) gewissermaßen Kultstatus.

Nicht minder prominent in der einschlägigen Poesie-Szene ist Clemens Schittko. Der 1978 in Berlin (DDR) geborene Lyriker hat sich nach seiner Ausbildung als Gebäudereiniger und Verlagskaufmann mit dem nicht ganz abgeschlossenen Studium der Literatur-, Musikwissenschaft und Philosophie befasst. Gelegentlich arbeitete er auch als Fensterputzer und Lektor. Für seine politische Lyrik erhielt er 2010 den «lauter niemand»-Preis der gleichnamigen deutschsprachigen Literaturzeitschrift.

17. April 2012, 20 Uhr

Lyrik bei FLATZ

mit Norbert Mayer (Schwarzach), Alfred Vogel (Bezau), Kai Pohl (Berlin) und Clemens Schittko (Berlin). Führung durch das FLATZ Museum um 19 Uhr

FLATZ Museum (2. Stock)
Marktstraße 33
A -6850 Dornbirn
http://www.flatzmuseum.at

54. Gegengift

Ist das etwa doch ein politisches Lied? Ein garstiges Lied? Nein, so wollen wir hier nicht enden. Rasch ins geheimnisvolle Morgenland, zu Meister Du Fu mit seinen strengen chinesischen Zeichen. Zwar war er ein engagierter Dichter, doch selbst nach größten Katastrophen schenkte er Trost durch Dauerhaftes: „Das Reich ist zerstört, aber Berge und Flüsse bestehen weiter.“ Das muss auch einmal gesagt werden. / Norbert Mayer, Die Presse

53. Geistersprache

Wozu gibt es Gedichte, diese „aparten Ausnahmen“ von der allgemeinen Sprachverwendung, und was verbindet selbst noch ein Gedicht der Gegenwart mit den Ursprüngen dessen, was seit dem 18. Jahrhundert Lyrik heißt? Es ist eine relativ schlichte Frage, die Heinz Schlaffer, emeritierter Literaturprofessor und für seine brillant nüchterne Diktion bekannter Publizist, an den Anfang seiner Untersuchung stellt. …

Dreh- und Angelpunkt seiner Untersuchung ist die These, dass der ursprüngliche Zweck der Lyrik zwar verschwunden ist, das moderne Gedicht aber noch immer „vom Erbe archaischer Funktionen“ zehrt. Ob ägyptische und indische Gebete, hebräische Psalmen, frühgriechische Hymnen und Oden, althochdeutsche Zaubersprüche: die ältesten überlieferten Gedichte bezeugen, dass die komplizierte Form des Sprechens, die wir Lyrik nennen, vor allem einen Zweck hatte, nämlich den, mit den Göttern in Kontakt zu treten.

Auch wenn heute kein Mensch mehr daran glaubt, dass die Poesie die „Muttersprache der Götter“ ist, der man durch geschickte Handhabung nahekommen kann, lebt im Enthusiasmus lyrischen Sprechens etwas vom Wunsch fort, es möge eine Sprache jenseits menschlicher Logik geben. / Meike Feßmann, Tagesspiegel

Heinz Schlaffer: Geistersprache. Zweck und Mittel der Lyrik. Hanser Verlag, München 2012. 208 Seiten, 18,90 €.

Mehr: Jörg Magenau, DLR

52. Das kann er auch

Das war zu befürchten. Der Nobelpreisträger organisiert eine der größten Lyrikdiskussionen und tausend Hobbydichter zücken die Bleistifte. Darunter der Politiker und Grassfreund Egon Bahr:

Freund Israels bleibe ich, auch wenn seine Regierung Fehler macht.
Freund von Grass bleibe ich trotz der Fehler in seinem Gedicht.
Ein Dichter ist keine Regierung und ein Gedicht keine Atomwaffe.

In der Sorge vor einem Erstschlag ist Grass mit der amerikanischen
Außenministerin einig, wenn sie vor einem Präventivschlag warnt.

(…)

/ mehr

51. Kito Lorenc und Miodrag Pavlović teilen sich den Petrarca-Preis

Sie machen Literatur zum Ausdrucksmittel der Kultur ihres Landes: Der Sorbe Kito Lorenc und der Serbe Miodrag Pavlović werden in diesem Jahr mit dem Petrarca-Preis geehrt. Mit der Auszeichnung soll die Arbeit europäischer Schriftsteller gewürdigt werden, die trotz ihrer Bedeutung für ihre heimatliche Literatur in Deutschland nicht ihrem Rang gemäß wahrgenommen wurden. Die beiden Preisträger teilen sich den mit 20.000 Euro dotierten Preis.

Kito Lorenc, 1938 in Schleife geboren, hat sein ganzes Leben für den Erhalt der sorbischen Sprache und Kultur gekämpft: als Mitarbeiter am Institut für Sorbische Volksforschung in Bautzen, als Dramaturg am Sorbischen Theater und als sorbisch-deutscher Lyriker.

Miodrag Pavlović, 1928 in Novi Sad geboren, war zunächst Arzt und später Mitarbeiter eines Verlags in Belgrad. Heute lebt er in Süddeutschland. Sein lyrisches und erzählendes Werk ist in der Übersetzung von Peter Urban auch in Deutschland zugänglich.

Der von Hubert Burda gestiftete Petrarca-Preis wird am 23. Juni in Marbach verliehen. Der Verleihung des Petrarca-Preises findet alljährlich an verschiedenen Orten statt und soll auch in Marbach wieder als „Gipfeltreffen des Geistes“ und als „Fest der Poesie“ den Austausch in den Vordergrund stellen.

Homepage

50. Absage

Der US-Autor Dave Eggers sagte seine Teilnahme an der Verleihung des Literaturpreises „Albatros“ der Günter Grass Stiftung am Freitag in Bremen ab. Eggers bleibe fern, „weil er im Lichte der momentanen Debatte vor allem endlose Fragen zu Grass, Israel und dem Iran beantworten müsste“, hieß es in einer kurzen Stellungnahme der Agentur des Schriftstellers, die der Verlag Kiepenheuer & Witsch übermittelte. / Mehr

49. Tintern Abbey

My pick for National Poetry Month is the great Romantic poet William Wordsworth’s „Tintern Abbey.“ One of the richest and most iconic poems in the English language, „Tintern Abbey“ is long, difficult to classify, strange and sublime, magical and marvelous. / Priscilla Gilman, fox news

Read more: http://www.foxnews.com/opinion/2012/04/14/paradise-lost-and-found-in-wordsworth-tintern-abbey/#ixzz1s2NxkM4s

48. Resonanz

[Monika] Taubitz[‚] Lyrik findet heute in Polen eine große Leserschaft. „Ich habe das Gefühl, dass meine Lyrik dort so verstanden wird, wie sie gemeint ist“, sagt sie. / Südkurier

47. „Broder ist böse zu uns“

Die Debatte um ein spätes Gedicht von Günter Grass bringt auch einiges Gute zutage. Soviel Beschäftigung mit Lyrik war nie, sagen wir fast nie. Soviel Debatte um Antisemitismus ist auch selten. Zwar wird nicht unbedingt genaues Hinsehen und Unterscheiden gefördert, dafür Glaubensstärke und Gefühl. Die Beiträge der professionellen Schreiber sind genauso aufschlußreich (so man Aufschluß sucht) wie die der fälschlich oft „schweigende Mehrheit“ Genannten. Ein Leser schreibt:

Entschuldigung, aber Marcel Reich-Ranicki sollte sich das Gedicht vielleicht nochmals in aller Ruhe durchlesen und mit den negativen und diskriminierenden Wörtern „ekelhaft“ und „wertlos“ etwas vorsichtiger umgehen.

Günter Grass bezeichnet die Iraner als unterjochtes Volk und ich halte diese Einschätzung nicht für „wertlos“, sondern für ebenso richtig wie wichtig. Gedichte sind wie Meditationen, man muss sie einwirken lassen und verinnerlichen und sollte sich erst dann zu Wort melden, wenn man sie nicht nur mit dem Intellekt verstanden, sondern auch mit dem Herzen gefühlt hat.

/ Mehr

Ich empfehle auch diesen Beitrag im Freitag

Magnus Klaue: Locker vom Lyrikhocker

mit Einschluß der Leserdebatte, an der man sieht, daß es eng wird für die Redaktion, wenn sie sich zu weit von ihrer straff blogorganisierten Leserschaft entfernt. Ein paar Splitter:

Als Nicht-Germanist erlaube ich mir, Herrn Klaue – und ihm nur stellvertretend für die freitag-Kulturredaktion – zuzurufen: Schuster, bleibt bei euren Leisten!!! Lasst bitte auch im Kulturbereich nur dann Menschen zu politischen Themen schreiben, wenn diese wenigstens zwei Zoll Tiefgang in der Sache haben! … Liebe Kulturredaktion, es ist euer gutes Recht, anderer Meinung als G. Grass zu sein, aber ich muss doch sehr bitten, die Auseinandersetzung mit Ernsthaftigkeit und an Fakten orientiert zu führen. Ich bin jedenfalls kein freitags-Abonnent, um mir den gleichen dünnen Quark (siehe auch O. Guez „Der lange Schatten der Shoah“) reinzufahren, den auch Vulgär-Journalisten von Springer und Konsorten verzapfen!

– – –

Jetzt Frage ich mich: Was kann man als Bürger für einer Verbesserung dieser unhaltbaren Zustände tun? Vielleicht eine Petition einreichen: Mehr Bildung für Journalisten und Medienakteure?

– – –

Jetzt wende ich mich an diese Zeitung, an diese Redaktion:

Der Freitag hat jetzt schon eine ganze lange Reihe von Texten veröffentlicht, die in dieses Horn stoßen – wofür steht diese Zeitung?

Hier ein mehr strategischer Beitrag von einem Aktivisten, der in seiner Community (FC steht offenbar für Freitag Community) als ebenso literatur– wie politikwissenschaftlicher Fachmann anerkannt wird:

Mit dem Ausdruck „in den Focus nehmen“ meinte ich, dass Broder eine echten publizistischen Angriff auf den Freitag startete, der wirklich gefährlich wäre. Davon kann bisher keine Rede sein, dazu ist Broder gar nicht in der Lage. Sobald tatsächlich irgend ein Idiot irgendetwas wirklich gefährlich Dusseliges in den freitag-Blog schriebe, könnte die Redaktion das gar nicht so schnell löschen, dass es nicht irgendein anderer Idiot, als „Verlautbarung des Freitag“ irgendwo anders publizierte, womit es unlöschbar im Internet verankert wäre. Dieses Risiko geht der Freitag von Anfang an ein, er weiß das, aber er weiß auch, dass ernsthafte Leute daraus keine falschen Schlüsse im Sinne z.B. der während der Grote-Diskussion formulierten Vorstellungen ziehen würden. Die on- und offline-Leserschaft des Freitag ist m.E. zu homogen, als dass solche Angriffe das zerstören könnten. Schließlich wurde soetwas bisher in mehreren Wellen immer wieder, aber erfolglos versucht. Dass in der FC bei ein paar Wirrköpfen so getan wird, als punkte Broder irgendwo, wo er nicht sowieso verankert sei, liegt nur daran, dass sie mit ihm einer Meinung sind, denn zu glauben, dass eine Mitteilung aus der Redaktion des Tenors „Broder ist böse zu uns“ irgend eine wünschbare Wirkung entfaltete, könnte nur naiv genannt werden.

46. Beinahe alchemistisch

Reineckes Rezeptionslyrik führt darüber hinaus zu merkwürdigen Rückkopplungen auf die Deutung von Künstlern, von Einzelwerken oder von Kunststilen, er übernimmt künstlerische Einfälle, Werkformen und Stile vergangener Kunstepochen und untermischt sie seinen Cento-, Cut-up- und Montagetechniken. Dabei gelingen ihm überraschende, weil nicht einzuordnende Konglomerate aus eigenen und fremden Textpartikeln. Jedoch geht es ihm dabei nicht so sehr darum, durch das Zufallsprinzip im Spiel mit der Zitierkunst den Fängen des eigenen, vorurteilsgeprägten Bewußtseins zu entkommen, was eher den Intentionen der Cut-up-Techniker William S. Burroughs, Jürgen Ploog oder – aktuell –  Michael Fiedler („Geometrie und Fertigteile“) entspricht. Denn, da die intertextuellen Arbeiten Reineckes retrospektiver sind, erschaffen sie, statt unmittelbarer Gefühlswelten, eher lehrhafte, aber in der Mehrzahl oft auch amüsante historische Parallelwelten, deren qualitatives Vergnügungspotential man jedoch nicht leicht mitempfindet, wenn man nicht gerade ein philologisch-germanistischer Supercrack ist. Aber hier hat Reinecke dankenswerterweise vorgesorgt, indem er einen ausführlichen Apparat zum Verständnis und zur Entstehungsgeschichte seiner Gedichte dem Werk hintan gestellt hat. Ich persönlich neige zwar mehr zu der Art Lyriklektüre, die die direkte emotionale Empfindung in den Vordergrund stellt, jenseits aller akademischen Aufrüstung, kann aber nichtsdestotrotz dem schelmischen Spieltrieb, den Reinecke treibt, durchaus etwas abgewinnen. Ich favorisiere die augenzwinkernden, travestieartigen Texte wie Wunsch, Cowboy zu werden I und II (Seite 56 und 57). Auch expressive, doppeldeutige Texte wie „Für Priester“ haben es mir angetan: Spielt das Akkordeon aus Rippen und Haut / die Röcklein hoch, mit farblosen Nägeln geschlitzt / bis Schenkel erbeben, wiegt die Glieder / ganz sachte streicht ihre Rücken / zieht die Kontur ihres Kiefers nach // (Seite 38). Es würde zu kurz greifen, in Reineckes Lyrik etwa nur ein retromanisches Phänomen zu sehen, nach der Devise, je gegenwartsverweigernder, desto moderner, denn der Dichter zeigt uns virtuos die unausgeschöpften Möglichkeiten der Dichtkunst, auch der vermeintlich vergangenen, gerade an dem Punkt, an dem sich die heutige Lyrik oft an ihrer Verwechselbarkeit reibt. In dieser Monotonie bekommt die Reineckesche Dichtung beinahe etwas Alchemistisches, Rebellisches. Vielleicht liegt darin der Grund ihrer Originalität. / Dominik Dombrowski, fixpoetry

Bertram Reinecke, „Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst“, herausgegeben von Ulf Stolterfoht, roughbook 019, Leipzig, Berlin und Solothurn, 2012  

45. „Krone“-Dichter gestorben

Wolf Martin, lange Jahre mit seinem täglichen Gedicht „In den Wind gereimt“ in der „Kronen Zeitung“ vertreten, ist tot. Er sei nach schwerer Krankheit am Donnerstag in Wien im Alter von 64 Jahren verstorben. / Die Presse

44. Tacheles reden

Bedeutungsdifferenzierung ist unser Metier, denke ich oft, sogenannte Debatten belehren mich immer wieder eines Schlechteren. Was ist der Unterschied zwischen

1. Tacheles reden

2. Sagen was gesagt werden muß

3. Deutsch reden?

Ein anderes Thema, aber ebenso endlos: Über Tacheles reden. Auch in 11 Jahren Lyrikzeitung.

Tom de Toys schreibt:

habe erst jetzt auf youtube gesehen, daß das KUNSTHAUS TACHELES mal wieder geräumt wurde und so weiter…
falls meine 3 kritischen kommentare von heute morgen dazu wieder gelöscht werden sollten, hier sind sie – außerdem nochmals der link zu meinem essay über die geschichte des tacheles:

www.kultura-extra.de/extra/feull/tacheles.php
= „TACHELES REDEN ! VOM KAUFHAUS ZUM KUNSTHAUS UND ZURÜCK“
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http://www.youtube.com/watch?v=aSL6cRBqHhs

Tacheles Türen Öffnung 24.03.2012

rot war schon immer die farbe der diktatur und solange sich jemand in der ruine als freakkönig aufspielt, repräsentiert das tacheles NICHT den „freigeist“, der angeblich berlin zur kunststadt macht. eher künstliche sensation. kein ort zum atmen, visionen werden in brutalem, sehrspätpubertärem größenwahn erstickt. schade daß wowi nicht mitkriegt, wieviele nette künstler sich bereits an dem szeneterroristen die zähne ausbissen, sonst hätte er bestimmt mehr mut, die wahrheit ans licht zu bringen!

http://www.youtube.com/watch?v=_FrDZlf6TMY

Tacheles Berlin Räumung Festnahme – Die Polizei schützt die Kapitalisten NO GO!

echter szene-tourismus in allen lagern!! schade, daß der diktator des tacheles nicht festgenommen wurde, er huscht ja frei wie ein gespenst seiner selbst durchs bild, einsteins schatten! das ganze ist doch seit der legalisierung damals ein einziger slapstick: die guten sind gegangen (worden), und die bösen jungs spielen weiter in ihrem pseudosubversiven sandkasten und klauen sich gegenseitig ihre förmchen. KUNSTHAUS?? ich sag nur: KRANKENHAUS TACHELES!!! kultura-extra.de/extra/feull/t­acheles.php

http://www.youtube.com/watch?v=FDEVrmjxoNE

Erfolg – Tacheles Berlin wehrt sich gegen Räumung

dem tachelesdiktator ging es noch nie um KUNST, er sagte schon damals, daß ER die künstler und die ateliers garnicht braucht. sie sind nur alibi für sein reich und spielen das nötige kleingeld ein! leider unterschlagen die medien den wahren sumpf im gebäude (auf sand gebaut und im szene-vakuum als kunstleiche gut erhalten) und melden nur „offiziöse“ wahrheiten, so wie es eben üblich in regimen ist, die das volk ausbeuten… es können wohl jahrzehnte vergehen, ohne daß diktatoren gestürzt werden.

43. Lyrik und Mainstream

Die Badische Zeitung klärt auf. So einfach wie die Leute, die Grass‘ Gedicht schlecht finden, kann man es sich nicht machen:

Grass spricht zwar im Hier-stehe-ich-und-kann-nichts-anders-Modus, doch nicht als lyrisches Ich. Aber das aus tiefster Seele um Ausdruck ringende Subjekt ist eh schon lange tot. Lyrik ist heute mehr als zwecklose Freiheit, subjektives Empfinden, reine l’art pour l’art*. Spätestens die literarische Moderne machte die Trennung zwischen Lyrik und Prosa obsolet.

Die Langgedichte von Ezra Pound oder T.S. Eliot unterscheiden sich kaum von Joyce’ Romanen**: Wie die klassisch-chronologische Erzählform lösen sich auch Reim und Metrum auf und machen Platz für Realitätssplitter, Mythen und Selbstreflexionen. Das beseelte Sprechen kreist nicht mehr nur um Ich und Natur, Hier und Jetzt, sondern erfasst auch Alltagsgegenstände, prosaische Empfindungen, unpersönliche Erfahrungen***.

Das gilt erst recht für die politische Lyrik. Schon Heinrich Heine, der das Genre recht eigentlich begründete, machte sich lustig über die Tendenzpoeten, die Gesinnungstüchtigkeit mit Kunst verwechselten. Hoffmann von Fallersleben, einer von ihnen, griff Goethes Hohn („Ein garstig Lied! Pfui! Ein politisch Lied“****) auf und wendete ihn gegen seinen Urheber: Manchmal haben garstige, ungeschlachte Lieder mehr Dignität und Legitimität als unverbindliches Tandaradei und klassisches Ebenmaß. Seit bald zweihundert Jahren wogt die Debatte nun hin und her. Je nach Ort, Zeit oder Standpunkt gilt die politische Lyrik eines Herwegh, Brecht oder Erich Fried***** mal als Meilenstein engagierter Literatur, mal als Verrat an der Kunst. / Martin Halter, Badische Zeitung 13.4.

*) schöne Reihung. Heute: also anders als bei Sappho, Horaz, Villon etc.

**) Oh really? Wer das sagt, weiß vielleicht nicht, daß der deutsche Dichter Klopstock vor 250 Jahren Verse erfunden hat, die auf Reim und Metrum verzichten, aber nicht auf den Vers. Hat nie seine Frühlingsfeier gelesen oder im Ohr und im Geist ankommen lassen. Hält die Beschreibung des Waldes nach dem Blitzschlag für Zeitungsdeutsch: „Und der geschmetterte Wald dampft“ (2 Daktylen und 1 Spondäus). Hat nicht bemerkt, daß Eliot in seinen „Langgedichten“ den von ihm auch sonst gebrauchten Blankvers mal hart peitschend (wie die 7 Anfangsverse  von Waste Land mit ihren Stakkatoenjambements), mal ruhig-reflektierend umspielt und dabei gelegentlich und nicht zu selten reine Jamben einflicht. Hat die Verse der Poundschen Cantos weder gehört noch gesehen. Hat, in short, davon ungefähr soviel Ahnung wie mindestens der späte Grass.

***) Ich empfehle Lektüre von Archilochos, Theognis, Ovid, Horaz, nur als Beispiel.

****) Übrigens bei Goethe sagt das ein besoffener Student in Auerbachs Keller, der nicht unbedingt als Sprachrohr des Autors zu verstehen ist.

*****) Über den Unterschied von Fried und Brecht weiß der Freitag Genaueres

Gestützt auf seine Ahnungslosigkeit kann der badische Autor Grass als Dichter retten, der tapfer gegen den Mainstream ficht:

So wie ein Gedicht über Apfelbäumchen in Krisenzeiten unter Eskapismusverdacht gerät, steht politische Lyrik, die ihren Namen verdient, immer im Gegensatz zum Mainstream. Ihr Meinen und Sagen sprengt das empfindsame Selbstgespräch nach allen Regeln der Kunst wie den politisch korrekten öffentlichen Diskurs: So war es schon bei Walther von der Vogelweide und Hölderlin, und das gilt erst recht für das 20. [sic!] Jahrhundert.

Atemberaubend ahnungslos. Die Ahnungslosen (früher war das nur ein Tal, heute wohl der Mainstrom?) sind beeindruckt.  Am Ende aber wird der Zeitungsschreiber den Mainstream wieder für sich beanspruchen:

Allerdings hat Grass noch nicht recht mitbekommen, dass die große Zeit der politischen Intellektuellen vorbei ist: Er reklamiert selbst dort noch die hoheitlichen Gebärden und Privilegien des Dichterpriesters für sich, wo er als normaler Zeitgenosse spricht.

 

42. Das Ding selbst

In dem Bemühen, die Wirklichkeit qua Imagination zu ordnen, setzt der Dichter eine Form, in der nicht dargestellt, sondern über Objekte meditiert wird, die sich im Akt des Sprechens verändern. In der Sequenz «Dreizehn Arten, eine Amsel zu betrachten» etwa befindet sich der Blickwinkel nicht nur auf räumliche Art in ständiger Veränderung, um verschiedene Aspekte des Vogels einzufangen; die «Notate auf dem Weg zu einer höchsten Fiktion» spekulieren dann unter anderem darüber, was der Gesang eines Vogels bedeuten könnte; und in «Nicht die Vorstellung von dem Ding, sondern das Ding selbst» ist der Vogel schliesslich jene Wirklichkeit, die nicht «dem verblassten Papiermaché-Schlaf des bombastischen Bauchredens» entstammt. Stevens hat einen wendungsreichen Weg auf der Bühne der Dichtung zurückgelegt, oft das sanfte Mondlicht romantischen Gefühls verschmähend, und dabei einige der komplexesten und formvollendetsten Gedichte der amerikanischen Literatur geschrieben. / Jürgen Brôcan, Neue Zürcher Zeitung 12.4.

Wallace Stevens: Hellwach, am Rande des Schlafs. Aus dem Amerikanischen von Hans Magnus Enzensberger, Karin Graf, Durs Grünbein, Michael Köhlmeier, Bastian Kresser und Joachim Sartorius. Hg. von Joachim Sartorius. Hanser-Verlag, München 2011. 352 S., Fr. 34.90.