BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
One of my favorite poems is by Ruth Stone, about eating at a McDonald’s, and I have myself written a poem about a lunch at Arby’s. To these fast-food poems I now propose we add this fine one about IHOP, by Christine Stewart-Nuñez, who teaches at South Dakota State University.
Breakfast for Supper
At IHOP, after the skinny brunette
with a band-aid covering her hickey
comes to whisk away burnt toast,
Mom mentions Theresa, face
brightening. She had a dream
about her—80s flip hair, smooth
complexion. I’ve been living
in Tulsa for eighteen years,
Theresa said. I understand.
Even as I watched men lower
her casket, I fantasized the witness
protection program had resettled her.
How funny we look, mother
and daughter laughing over
scrambled eggs, tears dripping
onto bacon, hands hugging
coffee mugs. For a moment Mom felt
Theresa there. Such faith. Freshen
your cup? the waitress asks me, poised
to pour. Cloudy in the cold coffee,
my reflection. I offer the mug.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2011 by Christine Stewart-Nuñez from her most recent book of poems, Keeping Them Alive, WordTech Editions, 2011. Reprinted by permission of Christine Stewart- Nuñez and the publisher. Introduction copyright © 2012 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
In I, Coleoptile schlägt Cotten eine wieder andere Richtung ein. In diesem Projekt rücken ihr ironisches Spiel mit der Autorschaft und ihr Experimentieren mit der Form in den Hintergrund und machen Platz für einen intimistischeren Ansatz. Auf Wunsch des Verlegers John Holten schrieb Cotten zum ersten Mal einen Gedichtband vollständig auf englisch und arbeitete mit einer Künstlerin, der Österreicherin Kerstin Cmelka, zusammen. Das Resultat ist ein wunderschön gestaltetes Büchlein, in dem sich Gedichte rund um das Thema „Aufblühen“ mit s/w-Fotos abwechseln, die den populären sowjetischen Film Baryšnja i Chuligan (Das Fräulein und der Rowdy) aus dem Jahr 1918 zitieren. Der Dichter Wladimir Majakowskij schrieb dazu das Drehbuch, führte Regie und spielte selbst die Hauptrolle. In Cmelkas Fotoserie mimt Cotten die Männerfigur – den Rowdy/Hooligan (Figur) und Majakowskij (Schauspieler) –, die am Ende zusammengeschlagen wird. Damit scheint sie sich mit dem russischen Dichter, Rebell und Kommunisten zu identifizieren. In den Gedichten verweist Cotten nur ein Mal explizit auf Majakowskij; sein Name erscheint im letzten Gedicht, „Take away Kasbek“. „If this / mountainous / holy heap / is in the way, / then tear it down“ [Wenn dieser / gebirgige / heilige Haufen / im Weg ist, / dann reiß ihn nieder], sagt sie resolut über den dritthöchsten Berg des Kaukasus in Georgien, Heimat Majakowskijs. Kasbek steht hier als Symbol für alles das, was uns die Sicht nimmt und ausgeräumt werden muss, denn: „our way is mistier than mist“ [unser Weg ist nebliger als Nebel]. Aus den Schlussversen dieses Gedichts spricht ein starkes Verlangen nach klareren (spirtuellen) Perspektiven, in denen der grüne Nebel, der über dem ganzen Buch hängt, endgültig aufgelöst ist. / Jan Pollet, Textem
Ann Cotten/Kerstin Cmelka, I, Coleoptile. Gedichte und Fotos. 86 Seiten, Englische Broschur. Broken Dimanche Press, Berlin 2010. 12,00 Euro
Панк-молебен „Богородица, Путина прогони“ Pussy Riot в Храме
Hier der Originaltext:
(Хор)
Богородица, Дево, Путина прогони
Путина прогони, Путина прогони
(конец хора)
Черная ряса, золотые погоны
Все прихожане ползут на поклоны
Призрак свободы на небесах
Гей-прайд отправлен в Сибирь в кандалах
Глава КГБ, их главный святой
Ведет протестующих в СИЗО под конвой
Чтобы Святейшего не оскорбить
Женщинам нужно рожать и любить
Срань, срань, срань Господня
Срань, срань, срань Господня
(Хор)
Богородица, Дево, стань феминисткой
Стань феминисткой, феминисткой стань
(конец хора)
Церковная хвала прогнивших воджей
Крестный ход из черных лимузинов
В школу к тебе собирается проповедник
Иди на урок – принеси ему денег!
Патриарх Гундяй верит в Путина
Лучше бы в Бога, сука, верил
Пояс девы не заменит митингов –
На протестах с нами Приснодева Мария!
(Хор)
Богородица, Дево, Путина прогони
Путина прогони, Путина прогони
(конец хора)
Hier noch einmal der deutsche Text von DPA. Vielleicht hilft jemand Fehler aufspüren.
«Mutter Gottes, Du Jungfrau, vertreibe Putin! Vertreibe Putin, vertreibe Putin! Schwarzer Priesterrock, goldene Schulterklappen – Alle Pfarrkinder kriechen zur Verbeugung Das Gespenst der Freiheit im Himmel Homosexuelle werden in Ketten nach Sibirien geschickt. Der KGB-Chef ist Euer oberster Heiliger, Er steckt die Demonstranten ins Gefängnis. Um den Heiligsten nicht zu betrüben Müssen Frauen gebären und lieben. Göttlicher Dreck, Dreck, Dreck! Göttlicher Dreck, Dreck, Dreck! Mutter Gottes, Du Jungfrau, werde Feministin, Werde Feministin, werde Feministin! Kirchlicher Lobgesang für die verfaulten Führer – Kreuzzug aus schwarzen Limousinen. In die Schule kommt der Pfarrer, Geh’ zum Unterricht – bring ihm Geld. Der Patriarch glaubt an Putin. Besser sollte er, der Hund, an Gott glauben. Der Gürtel der Seligen Jungfrau ersetzt keine Demonstrationen – Die Jungfrau Maria ist bei den Protesten mit uns! Mutter Gottes, Du Jungfrau, vertreibe Putin! Vertreibe Putin, vertreibe Putin!»
Die [Elsass-Freunde] schlugen vor, einen Gedichte-Weg entlang der Promenade einzurichten. Solche gibt es bereits als «sentiers des poètes» in Munster, Blienschwiller und Soultzmatt. Warum also nicht auch in Basel Gedichttafeln entlang der Promenade? Hans-Jörg Renk von den Elsass-Freunden sagt: «Die Gedichte sollen einen Bezug zur Umgebung haben, sich also auf Rhein und Dreiländereck beziehen. Und sie sollen – inklusive Dialekt – in drei Sprachen ausgeführt sein.» (…)
Welche Gedichte ausgewählt werden, ist noch offen. Hans-Jörg Renk hat schon einen heimlichen Favoriten: das «Elsass-Fährtli» von Blasius. Und für Rodolfo Lardi müsste auch ein Johann Peter Hebel dabei sein. / Tageswoche
Ich erkläre mich mit Pussy Riot solidarisch und wünsche, dass sie in die Freiheit entlassen werden! Russland ist im Augenblick eine lupenreine Diktatur und ein Unrechtsstaat. Ein solcher Schauprozess ist die Fortsetzung der Sowjetunion mit anderen Mitteln. Dem Gebet von Pussy Riot zur Erlösung schließe ich mich an.
Sarah Kirsch, FAZ 18.8., S. 27
Aber das zentrale Trauma seiner Familie wurde erst zum Thema seines Werks, als sechs Jahre später der Roman „Der Verlorene“ erschien. Bis dahin galt Treichel als ein sensibel-lakonischer Lyriker, der sich seit dem Ende der siebziger Jahre mit Gedichtbänden wie „Restposten Wunder“, „Liebe Not“ und „Seit Tagen kein Wunder“ einen Namen gemacht hatte. Treichel, der seit 1995 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig lehrt, war angesehen. Mit seinem ersten Roman wurde er berühmt – und in rund dreißig Sprachen übersetzt. / Hubert Spiegel, FAZ 12.8.
In der arabischen Welt hat Lyrik einen anderen Stellenwert als bei uns. Man besitzt, ob Handwerker oder Ärztin, ob Politiker oder Straßenhändler, einen gewissen Fundus an auswendig gelernten Gedichten, die ganz selbstverständlich in Konversationen eingebaut werden.
„Mein Baghdad ist ein Lied“ heißt es in einem der Gedichte in dem Band, oder „Ich erhielt einen Liebesbrief vom Mond“. Von den 29 Gedichten seien alle jene von arabischer Lyrik beeinflusst, so die Autorin, die die Zahl 1001 im Titel trügen: „1001 Stadt“ oder „1001 Erinnerung“. (…)
Die Bildstärke ergibt sich bei Susanne Ayoub eher aus der Reihung der Worte. Wie überhaupt hier nicht das Vokabular die Lyrik ausmacht, sondern seine Setzung. Einzige Ausnahme ist ein verspieltes Gedicht namens „Muchter und Totter“, in dem „fürchtlind“, „schmalzart“, „mitmuttig“ und „schwureidig“ eine Mutter-Tochter-Beziehung allein durch die Aneinanderreihung neuer Worte zum Tänzeln gebracht wird. / ORF
Edition Milo – Liebe. Von der erfüllten, von der enttäuschten, von der vergangenen Liebe. Gedichte, Susanne Ayoub
Die Deutsche Presse-Agentur dokumentiert den Text des Liedes, das sich besonders gegen Kremlchef Wladimir Putin richtet.
«Mutter Gottes, Du Jungfrau, vertreibe Putin! Vertreibe Putin, vertreibe Putin! Schwarzer Priesterrock, goldene Schulterklappen – Alle Pfarrkinder kriechen zur Verbeugung Das Gespenst der Freiheit im Himmel Homosexuelle werden in Ketten nach Sibirien geschickt. Der KGB-Chef ist Euer oberster Heiliger, Er steckt die Demonstranten ins Gefängnis. Um den Heiligsten nicht zu betrüben Müssen Frauen gebären und lieben. Göttlicher Dreck, Dreck, Dreck! Göttlicher Dreck, Dreck, Dreck! Mutter Gottes, Du Jungfrau, werde Feministin, Werde Feministin, werde Feministin! Kirchlicher Lobgesang für die verfaulten Führer – Kreuzzug aus schwarzen Limousinen. In die Schule kommt der Pfarrer, Geh‘ zum Unterricht – bring ihm Geld. Der Patriarch glaubt an Putin. Besser sollte er, der Hund, an Gott glauben. Der Gürtel der Seligen Jungfrau ersetzt keine Demonstrationen – Die Jungfrau Maria ist bei den Protesten mit uns! Mutter Gottes, Du Jungfrau, vertreibe Putin! Vertreibe Putin, vertreibe Putin!»
Handelswert: 2 Jahre
Hier die Variante für Focusleser
In einem Blog, der von besserwisserischen, dummen, bösartigen und sexistischen Kommentaren strotzte (meine Meinung, bitte sehr), las ich, die Übersetzung sei stellenweise nicht richtig. Hat jemand einen Link zum Originaltext?
Die Basler Zeitung porträtiert die drei Musikerinnen:
Ein ganz anderer Typ ist Aljochina, die Dichterin mit den langen blonden, lockigen Haaren. Die Mutter eines fünfjährigen Jungen arbeitete in Wohltätigkeitsorganisationen und engagierte sich im Umweltschutz. So organisierte sie Proteste zum Schutz eines Naturschutzgebiets im Süden Russlands. Eine Freundin, Olga Winogradowa, beschreibt sie als «geborene Aktivistin». Beide arbeiteten unter anderem in einer psychiatrischen Klinik für Jugendliche in Moskau. Vorwürfe, Pussy Riot habe die Gefühle von Gläubigen verletzen wollen, weisst sie zurück. «So weit es Mascha betrifft, bin ich mir sicher, dass sie niemandes Gefühle verletzen wollte». Für sie sei die Erlöser-Kirche ein politisches Symbol gewesen, das auf Putin und seine Parteien verweist.
Fritz J. Raddatz in der Welt über Durs Grünbein (und Gernhardt und manche andere): „Meister der Plauderpoeme“ – „Gedichte, begreifbar wie Fernsehnachrichten, aber aufgeputzt wie für den Souvenirladen: Was ist nur bei Durs Grünbein schief gegangen?“
Er wird ausgerufen zu einer „der markantesten Stimmen deutscher Dichtung unserer Zeit“. Vollmundiger PR-Unsinn. Wie schon seit langem und an diversen Publikationen zu beobachten: Grünbein gelingen gelegentlich recht beachtliche Gedichte – ein stringentes poetisches Werk gelingt ihm nicht. (…)
Durs Grünbein aber ist eilfertig. Ein schönes Gedicht wie „Paroxysmen an der Abendkasse“ zerstört er durch edle Gebärde; da „flüstert Blattgefieder was von Kambrium“. Derlei ist ein regelrechter Defekt seiner poetischen Architektur – halbgebildete Verblüffungseffekte stören jegliche Stille.
(…)
Die zweite Ursache muss man wohl in der Eilfertigkeit dieser Gedichtproduktion sehen, eine Art Haftminenexplosion; wo und was immer auf der Welt passiert – man kann bei diesem Autor offenbar telefonisch einen gedichteten Kommentar bestellen. Daran scheiterte schon die Begabung von Erich Fried. Eklatantes Beispiel wäre Grünbeins „Ekloge“ vom Juni dieses Jahres. Da werden den Herren Theseus, Apollo, Hermes und den Damen Galene, Arethusa, Galatea – „alle in bester Partystimmung“ – Kommentare zum griechischen Finanzchaos und Insinuationen der deutschen Ungerechtigkeit in den Mund gelegt. Ein rasch zusammengetrommelter Stammtisch.
Mit der Wirklichkeit hat dies seufzende Abrakadabra nichts zu tun. Die hat Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds, in dem kurzen Statement kenntlich gemacht, die Griechen müssten eigentlich nur ihre Steuern zahlen, dann wäre die Krise schon erledigt. Beleidigung der Griechen? Nun hat aber Nikos Lekkas, seit 2010 Leiter der griechischen Steuerfahndungsbehörde SDOE diese Erklärung seinerseits mit kargen zwei Sätzen untermauert: „Die Steuerflucht in Griechenland erreicht zwölf bis 15 Prozent des Bruttosozialprodukts. Das sind 40 bis 45 Milliarden Euro im Jahr. Wenn wir davon auch nur die Hälfte eintreiben könnten, wäre Griechenlands Problem gelöst.“
So viel Wirklichkeit stört offenbar nur. Lieber schunkelt man sich, dazu ist man schließlich Dichter, eine hübsche kleine Illusion zurecht. Die zu verkünden nimmt Durs Grünbein selbstsicher Platz neben Ovid. Wohin er nicht gehört. Der scharfzüngige Karl Kraus wusste: Steht die Sonne tief, werfen auch Zwerge lange Schatten.
Durs Grünbein: Koloss im Nebel. Suhrkamp, Berlin. 200 S., 22,95 Euro.
Daß das Wort „lyrisch“ in der Musikkritik eine andere Bedeutung hat, fasziniert mich immer wieder. Welche es genau ist? Wer Genaueres darüber weiß, könnte mir aufhelfen.
In dem hier zitierten Text kommt das Wort zunächst dieser Erwartung völlig konform:
Elīna Garanča meldet sich mit ihrem neuen Album “Romantique” aus der Babypause zurück. Mit gereifter Stimme und makelloser lyrischer Schönheit erweckt sie vergessene Heldinnen der romantischen Operngeschichte zu neuem Leben.
Im Fortgang des Textes wird es differenzierter:
Ihre Stimme sei runder und voller geworden, doch dabei habe sie ihre Höhe nicht verloren, wie es nach einer Schwangerschaft etwa typisch für ihre Kolleginnen im Sopranfach ist. Elīna Garanča sieht sich noch immer in erster Linie als Lyrikerin. Sie möchte sich die elegante Schlankheit und feine Flexibilität ihrer so sonor timbrierten Stimme unbedingt erhalten.
Seinen Geburtstag, den 22. Mai 1813, kommentierte Richard Wagner selbst mit Augenzwinkern – und einem Gedicht: „Im wunderschönen Monat Mai / kroch Richard Wagner aus dem Ei; / ihm wünschen alle, die ihn lieben, / er wäre lieber drin geblieben.“ / Donaukurier
Die besondere Schönheit des nächtlichen Lyrik-Lesens besteht wohl in der Entlastung von der Bedeutsamkeit. Der Umgang mit Gedichten ist uns leider von den strengen Literaturlehrern in ganz besonderem Maß erschwert worden. Die „Interpretation“ oder die „Textanalyse“, die uns schon in der Schule als einzig seriöse Umgangsform mit Lyrik beigebracht wurden, sind in Wahrheit sehr geeignete Mittel, die Schönheiten der lyrischen Sprache zu verfehlen. Wer Gedichte singt, auswendig hersagt oder sie in tiefer Mitternacht als Vorwegnahme des Traums empfindet, erfasst von ihrer Eigenart mehr als all jene, die der Lyrik mit großem intellektuellen Aufwand eine Rationalität unterschieben, die sie weder hat noch zu haben braucht.
Vor kurzem begegnete ich im Halbschlaf dem deutschen Dichter Oskar Loerke (1884-1941), mit dem ich im hellen Licht des Tages nicht allzu viel anzufangen weiß. Aber plötzlich, im Schutz des nächtlichen Kontrollverlusts, rührte mich eine seiner Strophen an: „Zu reisen, ist der Vögel Winterschlaf, / der schwere Frösche, Schlangen oder Bären / im Schwebetraume nur mitschwebend traf. / O dass wir alle Vogelseelen wären!“
Ich kann und will über diese Verse eigentlich nicht weiter nachdenken. Sie gefallen mir – und das nur, weil meine schlafsuchende Vogelseele einmal mit Hilfe dieser schönen Strophe mühelos von der Alltagsrationalität in die Nachtgefilde hinüber gleiten konnte. / Hermann Schlösser, Wiener Zeitung
Die Lyrikerin Lydia Daher aus Augsburg sowie die Romanautoren Elias Wagner aus München und der gebürtige Rosenheimer Christian Lorenz Müller erhalten die diesjährigen Bayerischen Kunstförderpreise in der Sparte Literatur. Die drei Preise sind mit jeweils 5.000 Euro dotiert, wie das Kunstministerium am Freitag in München mitteilte. / welt.de
Die literarische Produktivität des 87-jährigen Hans Bergel ist erstaunlich. Nach den erfolgreichen Bänden mit Erzählungen „Die Wildgans“ und „Am Vorabend des Taifuns“ – beide 2011 – und dem mit höchstem Lob bedachten Winkler/Bergel-Korrespondenzband „Wir setzen das Gespräch fort“ plant Bergels Berliner Verlag noch für dieses Jahr einen Band mit Übersetzungen aus rumänischer Lyrik und einen Band mit Essays; für 2013 ist die Herausgabe der Tagebücher Bergels der Jahre 1995-2000 in mehreren Bänden vorgesehen. Als bisher letztes Buch erschien vor Kurzem der Lyrik-Band „Der schwarze Tänzer“.
Zwar bestreitet Bergel im Briefwechsel mit Manfred Winkler (B. 18, S. 55-56) vehement, ein Lyriker zu sein. Doch die rund 150 „Ausgewählten Gedichte“ lassen das als „Falschaussage“ erscheinen. Vom hermetischen Gedicht („Vor einem überwachsenen Grabstein“, S. 20) über episch ausladende freie Rhythmen („Massada“, S. 61-63) bis zur traditionellen Reimstrophe in Zyklen („Vier Variationen zum Thema Herbst“, S. 21-24) bewegt sich Bergel auf mehreren Ausdrucksebenen. /
Hans Bergel: „Der schwarze Tänzer“. Ausgewählte Gedichte. Edition Noack & Block, Berlin, 2012, Paperback mit Schutzumschlag, 153 Seiten, 16,80 Euro, ISBN 978-3-86813-008-9, erhältlich im Buchhandel.
Der dänische Philosoph Georg Brandes, der 1927 starb, führt Beschwerde darüber, wie schlecht schon zu seiner Zeit gelesen worden sei. Was lesen die Leute? Zeitungen! Und wenn sie doch mal Bücher läsen (als wäre nur Bücherlesen richtiges Lesen), dann versorgten sie sich in Leihbibliotheken, selbst vornehme Damen, die den Gedanken, sich etwa ihre Garderobe leihen zu sollen, weit von sich weisen würden. Kauften sie dennoch ein Buch, so wären sie geradezu stolz darauf, es wie zufällig im Gepäcknetz der Eisenbahn liegen gelassen zu haben. Was für eine Achtung für Bücher beweise das? (…)
Sowohl Brandes als auch Gelernter stellen die Diagnose, dass es mit dem Lesen bergab gehe. Bemerkenswerterweise sehen sie, obwohl sie rund ein Jahrhundert trennt, beide ihre Zeitgenossen am so ziemlich selben historischen Punkt angelangt, nämlich dort, wo sich die uralten Kulturtechniken noch so gerade mit zwei Fingern am Rand des Abgrunds festklammern, bevor der endgültige Sturz erfolgt: ein Cliffhanger in Ewigkeit. Was für Brandes die Leihbibliothek, das ist für Gelernter das E-Book: das bedrohliche Gespenst einer Entleiblichung des Lese-Erlebnisses. Wer das Buch nach der Lektüre nicht ordnungsgemäß ins eigene Regal schiebt (Brandes empfiehlt dazu, es selbst binden zu lassen), der werde ihm untreu. Damit aber beziehen die beiden Bildungs-Advokaten, ohne es zu wollen, einen letztlich banausischen Standpunkt. Denn wo wirklich existiert das Buch, wenn nicht im Kopf des Lesers? Das Regal als solches ist ein Sarg. Mit dem Lesen steht es wie mit dem Leben im Allgemeinen: Es tendiert dazu, keine sichtbaren Spuren zu hinterlassen – und es kommt vor in tausend unkontrollierbaren Varietäten. Das Lesen mag sich ändern, bedroht ist es nicht. / Burkhard Müller, Süddeutsche Zeitung 27.7.
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