8. Pussy, Punk und Volksmund

Die „Punkband“ Pussy Riot wurde allerorts als neue Sensation des musikalischen Undergrounds Russlands gefeiert wird. Aber was hat sie eigentlich mit Musik, mit Punk im Besonderen, zu tun?

Erst einmal sehr wenig. Denn die Auftritte von Pussy Riot fanden nie in Clubs oder Konzerthallen statt, sondern im öffentlichen Raum, wo sie beim Zuschauer für Überraschung, bei Sicherheitskräften für Verärgerung sorgen mussten. Diese Guerillataktik setzt Schnelligkeit voraus, die der musikalischen Performance Einschränkungen auferlegt. (…)

In ihrem ersten Song „Befreie den Pflasterstein“, den die Band im November 2011 in der Moskauer U-Bahn spielte, wurde der Text über ein achttaktiges Sample aus dem Oi-Punk-Klassiker „Police Oppression“ der britischen Band Angelic Upstarts geschrien. Damit wiederholte Pussy Riot, was die US-Riot-Grrl-Bewegung bereits in den 90ern getan hatte: Sie eigneten sich die Musik proletarischer, männlich dominierter Subkulturen an. Und stießen damit, wegen der virilen Ausstellung weiblicher Rachegelüste (etwa in ihrem Albumtitel „Ubei sexista“ – „Töte den Sexisten“), in feministischen Kreisen auf viel Kritik.

Andererseits aber – und insofern könnte man Pussy Riot schon eher als Punkband betrachten – war Punk immer schon Entgrenzung von Musik. Der initiale Befreiungsakt von Punk war und wird immer bleiben, dass Leute zu Instrumenten greifen, die sie nicht spielen können. Malcom McLaren etwa, der die Unterschichtenkids der legendären Punkband Sex Pistols zusammencastete, war zuvor Kunststudent und Mitglied der situationistischen Künstlergruppe King Mob.

Der „wahre Punk“ war schon früh vom Fake kaum zu unterscheiden. (…)

Die eigentliche Erklärung des Phänomens Pussy Riot liegt in der Geschichte der radikalen russischen Aktionskunst seit Anfang der 90er Jahre. Eine frühes Beispiel dafür ist eine Aktion der Gruppe „Enteignung des Territoriums der Kunst“: Der Künstler Anatoli Osmolowski, seine Mitstreiter und einige in einem Park aufgelesene Punks legten 1991 mit ihren Körpern auf dem Pflaster des Roten Platzes die drei Buchstaben des schlimmsten russischen Schimpfworts.

Zwar konnte man von der Aktion in der Zeitung lesen, es wurde auch wegen „Störung der öffentlichen Ordnung“ ermittelt, aber der Vorgang war schnell wieder vergessen. Während der Jelzin-Ära erzielten solche Kunstaktionen keine anhaltende gesellschaftliche Resonanz – und so richteten sie sich im Grunde an den Kunstbetrieb. Das änderte sich bei Putins Machtübernahme Ende der 90er: Seitdem ist der repressive politische Gegendruck da, und damit auch die (mediale) Öffentlichkeit. / Matthias Meindl, taz 17.8.

Und so sehen es die anderen:

Bei aller berechtigten Kritik an Wladimir Putins Unrechtsstaat bleibt eines zu bedenken: Das sogenannte Punk-Gebet von „Pussy Riot“ in der Moskauer Erlöserkathedrale war mehr als eine Geschmacklosigkeit.

Es war eine Straftat, und zwar nicht nur nach den oft dehnbaren russischen Gesetzen. / Focus.de

Aufruhr der Vulven in Moskau … Ob diese Fotzen aufrührerisch sind, sei dahin gestellt – oder ob sie auf Honorarbasis arbeiten. / kommunisten-online

Menschenrechts-Imperialismus gab es ja schon immer. Aber dass jetzt der Pussy-Imperialismus dazukommt – alte Kalte Krieger schicken blutjunge Gören in Kirchen und geilen sich hinterher am Urteil auf -, ist dann doch etwas Neues. Vermute, das kommt jetzt öfter. Allgemeiner gesagt: Die Mischung zwischen Antikriegs- und Anti-US-Protesten mit (vermeintlich) sexueller Revolution, die 1968ff. kennzeichnete, hat sich aufgelöst. Jetzt treten die Kriegstreiber als (vermeintliche) sexuelle Befreier der Pussies auf.  Parole: Make Love AND War. Jeder Staat, der der Pornographisierung des Alltags und seiner Heiligen Städten einen Riegel vorschiebt, wird als autoritär, weil lustfreindlich gebrandmarkt. In einigen Kommentaren sieht man Russland schon auf dem Weg, ein “Gottesstaat” wie Iran zu werden…  / Jürgen Elsässer

das urteil war genau richtig! die schlampen würden bei mir auch 3 monate zuchthaus bekommen! / Dagobert

Entscheidend ist, dass man hier junge dumme Gören gefunden (und bezahlt?) hat, die Russland destabilisieren sollen. Weiß hier jemand, warum diese Pussies vorbestraft sind? Das wird ja gar nicht den Medien erwähnt. / Toringo

MDM eben: Macht der Muschi – so lange jedenfalls, wie man ihr Aufmerksamkeit schenkt / Dagobert

Putin interessiert sich einen Scheißdreck für diese Pussies. Das Problem ist, dass sie es in einer Orthodoxenkirche “getrieben” haben. / Milo

Haben die denn schon alle vergessen, daß in der “brd” und in vielen anderen Ländern das bloße Aussprechen einer Vielzahl von historischen Thesen und Forschungsergebnissen ausreicht, nominell 5 Jahre, in Wirklichkeit aber bis zu 13 Jahren ins Gefängnis zu kommen?? / Dr. Gunther Kümel

Der Name “Pussy Riot” klingt nicht besonders russisch und ist offenbar (von wem?) für ein internationales Publikum konzipiert worden / Freigeist

Die geifernden Pressetunten verloren kein Wort darüber als vor einigen Jahren der Sänger der Band “Landser” zu dreieinhalb Jahren verurteilt wurde. Auftrittsverbote und Indizierungen gabs auch zuhauf. Irgend jemand sagt “Feuer frei” und dann schießen die Mietfedern der westlichen Wertegemeinschaft aus allen Rohren gegen Ukraine, Rußland, etc / Anonym

Bei “Landser” handelt es sivh um eine lupenreine Nazi-Band. Einfach nur dreist, die mit der Punk-Band Pussy Riots auf eine Stufe zu stellen. / Sixty

Daß Ihnen eine Pussy-Band lieber ist als eine heimattreue, das ist eine in der “brd” mehrheitsfähige Vorliebe.

Ich bin ja ein Verfechter des Prinzips “Von den Juden lernen, heißt siegen lernen”. Also malen wir uns aus, wie diese Pussies reüssiert hätten, hätten sie in Israel in Synagogen und einschlägigen historischen Museen ihre Schweinereien praktiziert. / Dr. Gunther Kümel

Hier in Schland, nebenbei, wäre den Weiber im schlimmsten Falle gleiches widerfahren: §167 StGB – bis zu drei Jahre; §123 StGB – bis zu ein Jahr; ggf. §185 StGB – bis zu ein Jahr.

Also, echauffiert euch nicht über diese Sorros-Weiber, die im Auftrage fremder Herren ihre Pussies in die Öffentlichkeit trugen.
Es geht, wie so häufig, um Destabilisierung, “Propaganda”, Meinungsmache, Ablenkung – zum Zwecke des Kadavergehorsam im Äußeren (Westen) und zum Zwecke der Destabilisierung im Inneren (Russlands). / Misanthropica

Unsere Zeit, schnellebig, wie sie ist, dürfte am Schicksal der revoltierenden Muschies bald schon das Interesse verloren haben. / Avicenna1968

Dagobert, Toringo, Milo, Dr. Gunther Kümel, Freigeist, Anonym und alle anderen sind Leser und Kommentierer von Elsässerrs Kommentar, allesamt ebenfalls hier zu lesen

7. Das besondere Buch

Die Göhrener Straße 2 im Prenzlauer Berg ist der Sitz des Dittrich Verlags. Dort, wo Verleger Volker Dittrich bislang sein Büro hatte, werden ab 22. September Kunden nach Büchern stöbern können: „Das Ladenlokal mit Tür und Schaufenster werden wir jetzt erstmals richtig nutzen“, sagt Geschäftsführer Gerrit Schoof, der den Buchladen mit Dittrich-Pressefrau Rebecca Ellsäßer betreiben wird und derzeit noch am Einrichten ist.
Der Name („Das besondere Buch“) ist dabei Programm: Der an allen Werktagen geöffnete Buchladen (30 Quadratmeter) offeriert nur Bücher unabhängiger Verlage. 50 von ihnen sind in der Kurt Wolff Stiftung vertreten, weitere 20 aus Österreich und der Schweiz runden das Angebot ab. „Wir sind offen, jeder Independent-Verlag kann zehn Lieblingsbücher vorstellen, ohne Novitätenzwang“, so Schoof. „Leser sollen sich hier überraschen lassen.“
(…) „Wir wenden uns auch explizit an entdeckungsfreudige Buchhändler, die sich über besondere Bücher informieren wollen.“ / boersenblatt.de

6. Denkmal für Isaac Rosenberg

Fast 100 Jahre sind seit dem Ende des 1. Weltkrieges vergangen, aber noch immer existiert keine Statue, um an einen der größten Kriegsdichter zu erinnern, der Zeugnis über die Schrecken der Zeit ablegte. Erst jetzt gibt es Pläne für eine Statue zum Gedenken an Isaac Rosenberg, der sein Leben opferte in einem Krieg, den er verachtete.

Rosenberg starb im Alter von 27 Jahren am 1. April 1918 unter ungeklärten Umständen. Seine „Poems from the Trenches“ (Gedichte aus den Schützengräben) gehören zu den bedeutendsten Kriegsgedichten neben denen von Wilfred Owen, Siegfried Sassoon und Rupert Brooke.

Wenige Nationen ignorieren ihre großen Kriegsdichter so wie es Großbritannien mit seinen Dichtern des Krieges von 1914-1918 tut. Nur für Rupert Brooke existieren Statuen in Rugby und in in Grantchester bei Cambridge. / Dalya Alberge, Independent

Eins seiner Kriegsgedichte (erschienen in der Zeitschrift Poetry, Dezember 1916):

Break of Day in the Trenches

The darkness crumbles away –
It is the same old Druid Time as ever.
Only a live thing leaps my hand –
A queer sardonic rat –
As I pull the parapet’s poppy
To stick behind my ear.
Droll rat, they would shoot you if they knew
Your cosmopolitan sympathies.
(And God knows what antipathies).
Now you have touched this English hand
You will do the same to a German –
Soon, no doubt, if it be your pleasure
To cross the sleeping green between.
It seems you inwardly grin as you pass:
Strong eyes, fine limbs, haughty athletes,
Less chanced than you for life;
Bonds to the whims of murder,
Sprawled in the bowels of the earth,
The torn fields of France.
What do you see in our eyes
At the boom, the hiss, the swiftness,
The irrevocable earth buffet
A shell’s haphazard fury.
What rootless poppies dropping?  ……….
But mine in my ear is safe—
Just a little white with the dust.

(Hier das Gedicht in einer „Hypermedia Edition“ mit Fassungen und Material)

5. Uhren zogen mich auf

Die Gedichte sind ein Durchstreifen der Lebenswege an den Bruchlinien von Sinnfragen, die immer wieder ironisch und selbstironisch reflektiert werden und sich mit lakonischen Alltagsbetrachtungen der Peripherie abwechseln, die Alltäglichkeiten eine gesteigerte Beachtung schenken und sie scheinbar in einen Kontext setzen, in dem wir uns mit viel zu großer Selbstverständlichkeit bewegen – einer Selbstverständlichkeit, die zu Nostalgisieren und Romantisieren neigt. Genau hier setzt Ulrich Koch die Schere an – und manchmal auch das Beil. Jemand sagte kürzlich, er habe Kochs neuen Band noch nicht gelesen, aber bei Koch könne man immer bedenkenlos zugreifen. So ist es, auch hier wieder. / gw, cineastentreff

Ulrich Koch: Uhren zogen mich auf (Poetenladen Verlag, Leipzig 2012)

4. Berlin liest – noch können Sie mitlesen!

Berlin liest am 04. September 2012

Mit Ihrer Lesung läuten Sie das Literaturfestival ein. Dabei befinden Sie sich in bester Gesellschaft: Neben Dagmar Reim, Intendantin des rbb, Jan Stöß, Landesvorsitzender der Berliner SPD, werden auch Elvira Bach, Norbert Kron und viele andere ihre Lieblingtexte zum Besten geben.

Liebe Freunde und Freundinnen der Literatur,

am 4. September 2012 eröffnet das 12. internationale literaturfestival berlin mit einer Rede des chinesischen Exil-Autors Liao Yiwu. eine Stunde vorher, um 17.00 Uhr, können Sie mit ihrer Lesung den Auftakt bilden zu einem Programm, das zwei Wochen lang die Vielfalt der Weltliteratur vorgestellt.

Die Teilnahme ist so einfach wie herausfordernd: Nehmen Sie sich einen Roman, ein Gedicht, einen Sachtext oder einen Essay und suchen Sie sich den Ort in Berlin, an dem dieser Text unbedingt einmal vorgelesen werden sollte. Egal ob U-Bahnhof, Park, Platz, ihre eigene Haustür, eine Sehenswürdigkeit oder ein literarischer Ort.

Um 17.00 Uhr beginnt die Lesung und dauert maximal eine Viertelstunde. Mit Ihnen lesen AutorInnen, SchauspielerInnen, BuchhändlerInnen, BibliothekarInnen, LehrerInnen und viele andere FreundInnen des Festivals an zahlreichen Orten in Berlin.

Als Dank dafür, dass Sie Ihre Stimme der Literatur leihen, sich der Herausforderung stellen, in der Öffentlichkeit zu lesen und damit den zahlreichen internationalen AutorInnen des ilb einen vielstimmigen, berlinweiten Willkommensgruß entrichten, laden wir Sie zum Festival ein und schenken Ihnen eine Tageskarte für einen Festivaltag ihrer Wahl.

Wenn Sie teilnehmen möchten, tragen Sie sich bitte in unser Onlineformular ein, mailen Sie uns an berlinliest@literaturfestival.com oder schreiben Sie uns per Post an: internationales literaturfestival berlin, Chausseestr. 5, 10115 Berlin.

Bitte nennen Sie uns, damit wir Sie in den Stadtplan mit allen Lesungen eintragen können:

  • Ihren Namen,
  • den Titel des von Ihnen ausgesuchten Werkes und der Autorin / des Autors
  • den Ort, an dem Sie lesen möchten
  • die Sprache, in welcher Sie lesen möchten

Das Projekt „Berlin liest“ steht unter der Schirmherrschaft von Dagmar Reim, der Intendantin des rbb.

Liste der Gedenkorte verstorbener Autoren

Liste der angemeldeten Teilnehmer

Karte der angemeldeten Teilnehmer

3. „Um die Lyrik steht es schlimm“

Yehuda Vizan verließ die Universität Tel Aviv kurz vorm Bachelorabschluß. „An dem Tag als sie uns Shakespeare als postkolonialen Autor nahebrachten, ging ich raus und kehrte nie zurück. Mir fehlte nur ein Semester zum B.A., aber ich will das nicht. Für mich ist diese akademische Welt eine Schande. Shakespeare ist nicht postkoloniale Literatur, so kann man das nicht lesen.“

Vizan, 27, ist Lyriker und Übersetzer und Gründer der Literaturzeitschrift Dehak. Er veröffentlichte zwei Gedichtbände in Hebräisch, „Shirei Yehuda“ („Gedichte Yehudas“, Ah’shav publishing ) und „Mavo Le’estetika Kala“ („Einführung in die einfache Ästhetik“, Plonit ).

Seine Zeitschrift enthält Texte von James Joyce, Eugène Ionesco, Martin Heidegger, Immanuel Kant und Robespierre, Hebräische Gedichte von Efrat Mishori, Shalom Ratzabi, Tzipi Shatashvili, Yotam Reuveny, Harold Schimmel und Eran Hadas sowie Übersetzungen von Homer, Louis Zukofsky, Wallace Stevens, Edward Lear und Dorothy Parker.

„Um die Lyrik steht es schlimm. Die große Mehrheit der Dichter sind herzlich schlecht, und das kommt von der gleichen Sorte Ignoranz und Mangel an Nachdenken über ’nusah‘ – ein Ausdruck, den Bialik*  für einen allgemein akzeptierten literarischen und kulturellen Stil prägte – (…)

Das größte Kompliment, das ich je erhielt, war als jemand das Inhaltsverzeichnis durchsah und sagte, kein einziger Dummkopf dabei. Und wirklich, das ist mein Filter. Es mag snobistisch aussehen, elitär. Ich nenne es Konservatismus, weil ich das Wort mit einer etwas anderen Bedeutung aufladen möchte. Konservatismus ist für mich, an unerläßliche Elemente zu glauben. Zum Beispiel wenn ich sage, es gibt kein Schreiben ohne Lesen. Die meisten Dichter haben heute keine Ahnung von „nusah“, es ist ihnen fremd. Ich betone oft in Dehak, daß der poetische Kampf der Zeitschrift dem „Zach“-Stil gilt, der seit 50 Jahren regiert. Eine spracharme, musikarme Dichtung, die sich um ein jammerndes psychologisches Ich dreht. Ich und ich und ich.“

/ Maya Sela, Haaretz 31.8.

* ) Chaim Nachman Bialik (hebräisch ‏חיים נחמן ביאליק‎,  vereinzelt auch: Chaim Nachum Bialik; * 9. Januar 1873 im Dorf Radi, in der Nähe von Schitomir in Wolhynien, heute in der Ukraine; † 4. Juli 1934 in Wien) war ein jüdischer Dichter, Autor und Journalist, der auf Hebräisch und Jiddisch schrieb. Er ist einer der einflussreichsten hebräischen Dichter und wird in Israel als Nationaldichter angesehen. Wikipedia

2. Schreiben wie gehen

Interview mit Angelika Janz, Webmoritz:

Du hast zahlreiche Performances gemacht? Wie bist du zu diesen Ideen gekommen? Erzähl bitte etwas von deinen Aktionen.

Die erste Aktion „Schreiben wie gehen“ war damals in Essen 1978, an einem eiskalten Tag im Februar. Ich bin morgens einfach los gezogen, habe mir einen Beutel Kreide gekauft und habe die gesamte Fußgängerzone, zwei große Straßenpassagen über zwei Kreuzungen hinweg, mit eigenen Texten und Gedichten bis in die städtisch beleuchtete Nacht hinein voll geschrieben.

Die Menschen sind mir quasi in den Rücken gelaufen, viele sind stehen geblieben und haben die Texte gelesen. Manche trauten sich nicht, darüber zu laufen, aber sie mussten es doch, denn ich habe alles Begehbare vollgeschrieben, es gab kein Entrinnen, und so haben sie diese „Literatur“ mit ihren Schritten davon getragen. Die Polizei kam, weil die Aktion nicht angekündigt war, ließen mich aber weiterschreiben. Einige haben mir auch Geld hingeworfen, weil sie dachten, ich sei eine Straßenkünstlerin. Ein Journalist kam, von dem später in der Zeitung zu lesen war: „Schriftstellerin schreibt auf das Pflaster, weil sie keinen Verlag findet. Dabei hatten wir kein Wort miteinander geredet.

Eine ähnliche Aktion haben wir 2008 dann in Greifswald gemacht „Greif zur Kreide, Greifswald“, in Zusammenarbeit mit dem Literaturzentrum. Anlässlich des 75. Jahrestages der Bücherverbrennung haben wir, viele Studenten der Greifswalder Uni und ich, die Namen der „verbrannten“ Autoren auf die Straßen und Häuser geschrieben und haben dann auch an zentralen Orten der Stadt Texte von diesen Autoren vorgetragen. Hier und da gibt es noch nach so vielen Jahren immer noch Spuren der Aktion. Sie war mir sehr wichtig, weil ich damit viele Menschen „anstecken“ konnte. Viele Passanten haben selbst Kreide genommen, sich die Namensliste der verfemten Autoren geben lassen und einfach mitgeschrieben.

1. Schicksalsgemeinschaft

[Nadeschda] Mandelstams ungeschönte Darstellung lässt auch die weniger schmeichelhaften Züge der Dichterin – Jähzorn, Eifersucht, Rechthaberei und Unbarmherzigkeit im Urteil – nicht aus. Ebenso wenig wie die offensichtliche Eifersucht der Achmatowa-Ehemänner auf ihr Talent. Weitere Gedanken zielen ab auf die „Schicksalsgemeinschaft“ der Akmeisten-Dichter, zu der neben Achmatowa auch Ossip Mandelstam und Nikolaj Gumiljow gehörten, zu dem Programm, mit dem sich diese Gruppe vom Symbolismus abgrenzte, und zu den gewissermaßen oppositionellen Futuristen. Anders als der Freundeskreis um Mandelstam und Achmatowa, der sich von Angst und Scham nicht beherrschen lassen wollte, verzweifelte mancher an seinem Schicksal. Die Dichterin Marina Zwetajewa, von Achmatowa mehrfach als ihre „Doppelgängerin“ bezeichnet, brachte sich 1941 um, da ihr Mann und ihre Tochter inhaftiert worden waren. / JUDITH LEISTER, FAZ 31.8. (noch bei buecher.de)

Nadeschda Mandelstam: „Erinnerungen an Anna Achmatowa.“
Aus dem Russischen von Christiane Körner. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011. 206 S., geb., 18,90 [Euro].

128. Deutsches Palimpsest

1. Auf, auf zum Kampf, zum Kampf!!
Zum Kampf sind wir geboren!!
Auf, auf zum Kampf, zum Kampf,!
zum Kampf sind wir bereit!!
|: Dem Kaiser Wilhelm haben wir’s geschworen,!
Der Rosa Luxemburg reichen wir die Hand. :|. !

2. Es steht ein Mann, ein Mann,!
so fest wie eine Eiche!!
Er hat gewiß, gewiß,!
schon manchen Sturm erlebt!!
: Vielleicht ist er schon morgen eine Leiche,!
Wie es so vielen Hitlerleuten geht. :|!

3. Wir fürchten nicht, ja nicht,!
den Donner der Kanonen!
Wir fürchten nicht, ja nicht,!
Die Noskepolizei!!
|: Drum wollen wir es nochmals wiederholen:!
Der Tod im Felde ist der schönste Tod. 😐 !

Wie die Kirche haben auch die politischen Bewegungen der Neuzeit die wirkungsvollen Lieder ihrer Gegner umgedichtet und gegen dieselben eingesetzt. Das Soldatenlied von 1870/71 wurde 1907 auf August Bebel und 1919/20 auf die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg umgemünzt und 1930 auf Hitlers SA. Bestimmt waren nach 1930 ehemalige Sozialisten oder Kommunisten dabei und mancher wird in der Schule die Fassung auf Kaiser Wilhelm gesungen haben. Wie die Zeiten und Biografien überlappen sich die Worte. Wie oft geschah das im 20. Jahrhundert (und noch am Beginn des 21., wo ehemalige SED-Parteisekretäre Kirchenrat oder FDP-Pressesprecher sein können – nur daß sie keine Lieder dazu singen. Vielleicht ist das ja der Fortschritt?)

Der Text von 1919 ist übrigens nicht von Brecht, wie Wikipedia und das halbe Internet behaupten. Und auch die Melodie ist nicht von Hanns Eisler, wie hier die IG Metall weiß. Brecht schrieb damals Baal und herrlich unfromme Psalmen und „Auch in Betten in ein Weib verkächelt / Zwischen schlanke Beine hingestreckt“ pp. – aber nicht über Liebknecht und Luxemburg. Aber das ist ein typischer WWW-Selbstläufer – da es an tausend Stellen im Netz steht, läßt sich die Geschichte nie mehr zurückholen. Nur aus Wiki sollte man es doch mal nehmen.

127. Unsere Kinder fragen nicht viel

In der jahreszeitlichen Organisation des Bandes drückt sich ein gewisser Zug zum zyklischen Geschehen aus. Etwas geht verloren, anderswo wuchert etwas, unaufhaltsam sind diese Bewegungen, vorerst (um noch ein Hölderlin-Wort zu bemühen) deutungslos. Aber dort, wo sich ein argusgeäugtes Wort als Nullkoordinate einrammt, beginnt die zyklische Bewegung: „Die Kinder haben / es vor sich, das Erzählen aus der Kindheit.“ beziehungsweise: „Die Jahreszeit / stellt das Jetzt wieder her, das stapelweise / in den Schubladen liegt.“ Wo die Drehung ihr Zentrum hat, im Auge des Sturms herrscht Stille: „Unsere Eltern / sind tot. Unsere Kinder fragen nicht viel.“ / Tobias Roth, Fixpoetry

Jürgen Becker: Scheunen im Gelände. Mit Collagen von Rango Bohne, mit einem Nachwort von Michael Krüger.

 Buchgestaltung und Typographie: Friedrich Pfäfflin, Marbach.
 Lektorat: Christian Döring, Berlin. ISBN 978-3-938776-31-5, 20,00 EUR Lyrik Kabinett, München 2012

126. Christine Lavant

Als ob das keine relevante lexikalische Information wäre! Der polnische Wikieintrag über Christine Lavant:

Christine Lavant[edytuj]

Christine Lavant, właśc. Christine Habernig, z domu Thonhauser (ur. 4 lipca 1915 w Groß-Edling, zm. 7 lipca 1973 w Wolfsbergu) – austriacka artystka i pisarka.

Wybrana twórczość[edytuj]

  • 1948: Das Kind. Erzählung
  • 1948: Die Nacht an den Tag. Lyrik
  • 1949: Das Krüglein. Erzählung
  • 1949: Die unvollendete Liebe. Gedichte
  • 1952: Baruscha
  • 1956: Die Bettlerschale. Gedichte
  • 1956: Die Rosenkugel. Erzählung
  • 1959: Spindel im Mond. Gedichte
  • 1960: Sonnenvogel. Gedichte
  • 1961: Wirf ab den Lehm
  • 1962: Der Pfauenschrei. Gedichte
  • 1967: Hälfte des Herzens
  • 1969: Nell. Vier Geschichten
  • 1978: Kunst wie meine ist nur verstümmeltes Leben. Nachgelassene und verstreut veröffentlichte Gedichte – Prosa – Briefe
  • 1982: Sonnenvogel. Gedichte
  • 1984: Versuchung der Sterne. Erzählungen und Briefe
  • 1991: Und jeder Himmel schaut verschlossen zu. Fünfundzwanzig Gedichte für O.S.
  • 1995: Kreuzzertretung. Gedichte, Prosa, Briefe‘
  • 1996: Die Schöne im Mohnkleid. Erzählung
  • 1997: Herz auf dem Sprung. Die Briefe an Ingeborg Teuffenbach
  • 1998: Das Wechselbälgchen
  • 2000: Das Kind
  • 2001: Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus

125. Manuel Stallbaumer

Manuel Stallbaumer hat es eilig – und dies schon seit geraumer Zeit: Mit 15 Jahren besucht er die Schreibwerkstatt bei José F. A. Olivier im Stuttgarter Literaturhaus. Kurz darauf veröffentlicht er bereits seine ersten Gedichte in diversen Literaturzeitschriften. Im letzten Jahr dann war der 1990 geborene Aidlinger der jüngste Nominierte für den Berliner Literaturwettbewerb Open Mike: „Wer hier gelesen hat, dessen Namen kennt man“, sagt Stallbaumer, und er klingt selbstbewusst, wozu er ja auch allen Grund hat, immerhin wurde ein Jahr zuvor bereits sein erstes Drehbuch verfilmt. / Heiko Rehmann, Stuttgarter Zeitung

124. La Luna Luna

Margarete Biereye erzählt mehrere solcher kleinen Begebenheiten, die sich wie Puzzleteile fast zwingend zu dem Stück „La Luna Luna“ fügen und ihr immer wieder aufs Neue gezeigt haben, dass die Zeit für Lorca und das Wandertheater Ton und Kirschen endlich gekommen war. Sie spricht von der Entdeckungsreise, die diese tiefe Auseinandersetzung mit dem spanischen Dichter gewesen ist. Im März waren sie dann mit „La Luna Luna“ beim Teatro Libre de Chapinero in Kolumbien. Dort, wo Federico García Lorca noch heute ein hoch geschätzter Dichter ist. Sie haben vor 6000 Leuten gespielt. Ihre Befürchtung, dass die Leute vielleicht schon während des Stückes gehen würden, hat sich nicht erfüllt. Im Gegenteil, die Leute kamen zu den anderen Vorstellungen sogar wieder.

„La Luna Luna“ sei im Grunde weniger ein Theaterstück, sondern ein großes Gedicht. So wie die Gedichte Lorcas kleine Theaterstücke sind, sagt Margarete Biereye. Und manchmal braucht es Zeit, bis sich deren Zauber öffnet. / Dirk Becker, Potsdamer Neueste Nachrichten

123. Ein guter Tag für die Lobby

Die deutschen Zeitungsverleger sind ihrem Ziel, Information zu monopolisieren, durch das nun drohende Leistungsschutzrecht einen Schritt näher gekommen. Die Politik ist vor der Lobbymacht der Medien in die Knie gegangen. Wir verzichten heute auf unsere Presseschau, um diesen Einschnitt in der Geschichte der freien Öffentlichkeit in Deutschland ausführlich zu würdigen.

Aus Solidarität mit Google? Nein, sondern weil man den Propagandaartikeln der Presse etwas entgegensetzen muss. Nein, sondern weil Informationen im Internet per Link zirkulieren und weil nicht einzusehen ist, dass bestimmte Akteure der Informationsgesellschaft diesen Strom auf die eigenen Äcker umleiten können. Journalisten beziehen einen riesigen Teil ihrer Informationen aus dem Internet – natürlich über Google, aber auch über Blogs, den Perlentaucher oder soziale Medien: Was zahlen sie denn dafür? (…)

Der Jubel der Medien über das Leistungsschutzrecht offenbart zugleich ihren Funktionsverlust als Träger der freien Öffentlichkeit. Journalisten hatten nicht den Mut, sich gegen diesen Angriff auf die Öffentlichkeit zu wehren. Im Gegenteil: Heroen der freien Meinung wie Heribert Prantl sprachen von „journalistischem Eigentum“, das möglichst zu schützen wäre. Herolde der Liberalität wie Rainer Hank möchten an jeder Ecke, wo „geistiges Eigentum“ gefährdet ist, einen Polizisten aufstellen.

Darum ist der Titel des heutigen FAZ-Kommentars zum Leistungsschutzrecht der Gipfel des leserverarschenden Zynismus: Von einem „guten Tag für die Freiheit“ spricht Reinhard Müller da. (…)

Wir fürchten, demnächst ist die Zeit reif für einen Nachruf. Das Internet war erfunden worden von den schon genannten Programmieren und Pionieren wie Jimmy Wales. Aber es ist von allen Seiten umstellt: Es haben sich neue Konzerne an dieser öffentlichen Struktur gemästet, die nun drohen, sie zu ersticken. Sie heißen nicht nur Google, sondern auch Apple, Amazon und Facebook. Und die alten Medienkonzerne unterbrechen den freien Fluss der Informationen, der Bildung und Erbauung durch immer neue Fristverlängerungen auf Urheberrechte, durch Leistungsschutzrechte, durch Fristverlängerungen auf Leistungsschutzrechte bei Musik, durch Three-Strikes-Regelungen, durch präventive Überwachung der Bürger, die von Journalisten selbst befürwortet wird, durch Unterminierung von Open Access und alle möglichen anderen Maßnahmen.

Titel des Nachrufs: „Das Internet war eine Episode der Freiheit“.

Thierry Chervel, Anja Seeliger / Perlentaucher

122. Relevanz

Über den russischen Dichter Arseni Tarkowski gibt es Wikipediaartikel in 14 Sprachen. Deutsch ist leider nicht dabei. Wenn man den Namen beim Artikel über seinen Sohn, den Filmregisseur Andrej Tarkowski, anklickt, landet man auf einer Seite, die über die Löschung des Artikels informiert und dazu einlädt, selber eine solche Seite zu schreiben. Am besten erst mal auf einer Spielwiese, denn Wikipedia ist ein seriöses Unternehmen und nimmt nicht alle unrelevanten Informationen. Was relevant ist, entscheiden wichtige Menschen mit sehr wichtigen Gründen, nichts für unsereins.

Hier der Ersatzartikel, der über Verfahren  und Löschungsgeschichte informiert. Der 2007 gelöschte Eintrag war in der Tat sehr einsilbig, aber von ihm hätte man immerhin auf gehaltvollere Artikel in anderen Sprachen wechseln können. Und warum die 2010 gelöschte Seite „Unsinn“ war, geht aus dem Text nicht hervor. Irgendwas läuft da schief.

„Arseni Alexandrowitsch Tarkowski“

Hier kannst du einen neuen Wikipedia-Artikel verfassen. Eine Anleitung für Anfänger findest du unter Wikipedia:Dein erster Artikel.

Beachte dabei:

  • Der Gegenstand muss die Wikipedia-Relevanzkriterien erfüllen. Bei Unklarheiten vor Verfassen des Artikels erteilt derWikipedia:Relevanzcheck eine unverbindliche Einschätzung durch erfahrene Benutzer.
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  • Der Artikel muss das Mindestniveau erfüllen und soll durch Quellen belegt sein.

Es passiert leider zu oft, dass schlechte Artikel gelöscht werden müssen.
Wenn du das Erstellen oder Bearbeiten von Artikeln erst einmal ausprobieren möchtest, nutze bitte die „Spielwiese“.

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