106. „Von der Heide“

„Von der Heide“ war die einzige deutschsprachige, literarisch-kulturelle Monatsschrift im Banat im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts. Zielgruppe waren die deutschen Minderheiten der östlichen und südöstlichen Regionen Österreich-Ungarns. Den inhaltlichen Schwerpunkt bildete das literarische Schaffen von deutschsprachigen Autoren aus dem Banat, Siebenbürgen und der Bukowina. Daneben fanden sich auch Texte von rumänischen, serbischen und ungarischen Literaten in deutscher Übersetzung. (…)

In Deutschland befindet sich eine Reihe von Exemplaren der Zeitschrift verstreut in rund zehn Bibliotheken. Eine nutzbare, komplette Fassung ist in keiner Bibliothek verfügbar. Aus dieser Situation entstand die Idee, die Zeitschrift zu digitalisieren und für ein interessiertes Publikum online zur Verfügung zu stellen. Auf Anregung der Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus in Düsseldorf und der Stiftung Martin-Opitz-Bibliothek in Herne erfolgte Ende 2011 in einem ersten Arbeitsschritt die Zusammenstellung der verstreuten Zeitschriftenbestände zum Zweck der Digitalisierung. / M. Polok, Siebenbürgische Zeitung

105. Maurice Maeterlinck

Obwohl Octave Mirabeau ihn schon früh in der Zeitung „Le Figaro“ als „belgischen Shakespeare“ feierte, erwarb Maeterlinck seine entscheidenden Verdienste nicht auf dem Gebiet des Theaters, sondern auf dem der Lyrik. Der Poesie wohnte für ihn stets etwas Mystisches inne: „Die Dichtung in ihrer höchsten Form hat kein anderes Ziel, als die Wege vom Sichtbaren zum Unsichtbaren offen zu halten.“ Insbesondere seine symbolistische Verssammlung „Treibhäuser“, mit der er 1889 debütierte, regte zahlreiche Avantgardisten von Andre Breton bis hin zu Guillaume Apollinaire an. Hermann Hesse zufolge gefiel sich der Verfasser darin „in der Pose des Decadent“, der „nervös und lüstern nach extravaganten Reizen und raren, künstlichen Sensationen“ haschte. Die Strophen sind geprägt von Melancholie und Schwermut: „Zu einer Glocke von blauem Kristall / werden meine müden Traurigkeiten / und meine dunklen Schmerzen weiten / sich zu Gebilden überall.“ Dieser Ton begeisterte die Expressionisten stark. Gottfried Benn zählte Maeterlinck deshalb zu denen, „die uns beeinflussten, uns banden, aber die wir auch überwinden mussten, um zu uns selber zu gelangen“. …

Ermutigt durch die namhaften Schriftsteller Stephane Mallarme und Auguste Villiers de l’Isle-Adam begann er mit Sprachexperimenten, die ihn in das Reich des Grotesken, Absurden und Abgründigen führten. 1911 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Die Begründung lautete: „Maeterlinck schreibt mit der Vorstellungskraft eines Traumwandlers und dem Geist eines träumenden Visionärs, aber immer auch mit der Präzision eines großen Künstlers.“ Acht Jahre später erhob ihn der belgische König Albert I. in den Grafenstand. / Ulf Heise, Märkische Allgemeine

104. Kein britischer Autor

Der Gewinner des Booker-Preises, der Romanautor Ian McEwan besteht darauf, daß er kein britischer Autor sei, sondern ein englischer, und daß englische und schottische  Autoren kulturell verschieden seien und unterschiedliche Wurzeln und Schreibweisen haben.

Bei einer öffentlichen Diskussion mit Alex Salmond, dem schottischen First Minister, während des internationalen Buchfestivals in Edinburgh sagte er, seiner Meinung nach hätten getrennte literarische Kulturen die Vereinigung zwischen England und Schottland vor drei Jahrhunderten überlebt.

Es gebe keine britischen Autoren, sagte er, man nenne ihn so, aber er halte sich für einen englischen Romanautor. Es gebe keine britischen sondern nur schottische Dichter und englische Romanautoren. Wie beim Fußball haben wir in der Poesie unsere getrennten Traditionen bewahrt.

Er sei überrascht, daß Salmond den englischen Lyriker Philip Larkin und den walisischen Dichter RS Thomas liebe. Salmond, der Vorsitzender der Scottish National Party ist, sagte, für ihn sei Britishness Teil einer mehrschichtigen schottischen Identität.

McEwan betont dagegen, die literarischen Kulturen hätten sich nicht vereinigt. Es gebe starke Gründe dafür. Imagination habe eine spezifische Eigenschaft, die eng mit Landschaft und dem Lokalen verbunden sei, der Gemeinschaft, der Nachbarschaft. Selbst die Entstehung des modernistischen Romans mit einem gewissen internationalistischen Beigeschmack, „nehmen Sie Ulysses: was könnte lokaler und provinzieller sein und raum- und zeitspezifischer, und doch ist es die modernistische Bibel, der zentrale Text.“ / Severin Carrell, Guardian 22.8.

103. Allmende 89

Der Literaturwissenschaftler Max Kommerell schrieb: „Über Gedichte ist schwer reden.“ Doch unumstritten ist sie die schillerndste, vielleicht kreativste aller literarischen Gattungen – ihrer Poesie, im wahrsten Sinne, kann sich nur entziehen, wer sich der Hingabe an das spielerische Wort zu verschließen vermag. Die Karlsruher Literaturzeitschrift „Allmende“ widmet ihre 89. Ausgabe nun der modernen ästhetischen Wortkunst, mit Beiträgen namhafter und junger Autoren.

Gedichte verschiedenster Form bilden den Schwerpunkt des Hefts. Besonders bemerkenswert sind zum Beispiel die Gedichte der jungen Autoren Nora Bossong oder Alexander Gumz, dem diesjährigen Clemens-Brentano-Preisträger. Daneben stehen Essays zu verschiedenen Aspekten der lyrischen Welt. Lesenswert ist da ein Plädoyer an das lyrische Du von Christophe Fricker, wie es in Werken Stefan Georges zelebriert wird. Aber auch der Essay von Matthias Göritz, der sich auf vielschichtige Art mit der Frage nach dem politischen Gedicht in unserer Zeit beschäftigt und die Notwendigkeit unterstreicht, beschreibende und besänftigende Worte zu finden für die, angesichts der schrecklichen Katastrophen unseres Jahrhunderts, verstörte Seele. / Anna Suckow, Mannheimer Morgen

102. Blutlyrik

„Leichensache, Sterbezeit, Blutskizze – dass es sich bei diesen Büchern nicht um Lyrik handeln kann, sagen schon die Titel. “ / WAZ

Habt ihr ne Ahnung!

Hier als kleiner Service eine winzige Auswahl einschlägiger Gedichttitel. Bei Interesse fragen Sie mich.

  • ach und weh! mord! zetter! jammer! angst! (Gryphius)
  • Alte Mordstelle (Bergengruen)
  • auf blut und leichen (Liliencron)
  • auf verfaulenden leichen (Goethe)
  • Aus Haßtraum und Blutrausch (Hermann Hesse)
  • autos roll’n über leichen, autos stinken wie die pest  (Sperling)
  • Bey einer Leichen (Fleming)
  • blut, myrtengrüner eiter (Benn)
  • Blutrache für den Oheim (Scharran)
  • Blutschuld (Trakl)
  • blutsegen (Ahd.)
  • Da hab ich viel blasse Leichen (Heine)
  • das blutgericht (Weerth)
  • Dein Schwert, wie ist’s von Blut so rot (Percy)
  • der blutquell (Baudelaire)
  • der blutspur (Papenfuß)
  • Der Leichenreihen wandelte  (Hölderlin)
  • Der Mordknecht (Arnim)
  • die ballade vom blutigen bomme (Reinig)
  • ein thema: weichsel; blutsüßes erinnern (Boldt)
  • Eine entsetzliche Mordgeschichte von dem jungen Werther (Bretschneider)
  • Entblößen des Blutes (Schuldt)
  • laßt des blutes blume blühn (Kolbenheyer)
  • lehrgedicht über den mord (Enzensberger)
  • Leichen im Priesterwald (Toller)
  • Leichenfantasie (Schiller)
  • Leichen-Wäsche  (Rilke)
  • Noch schwamm der blutende Schwan: Zinnober in Weiß (Ames)
  • O Häupt voll Blut und Wunden (Gerhardt)
  • ordenssterne, blutmäler. korsett-brust. feine fressen (Rheiner)
  • schwefelig mit roten blutspritzern (Kanehl)
  • Stilleben – Bei Anruf Mord (Gernhardt)
  • Vom Blut viel Ströme fließen, (Kreuzfahrerlied)
  • während blut in reichen strömen floß dem wahne, floß der zeit (Platen)
  • was liegen leichen an den straßenecken (Leonhard)
  • Wie schöne Leichen, die nie alt geworden sind (Kavafis)

100. Walter Werner-Lyrikpreis

Über 50 Autorinnen und Autoren aus Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt haben sich bislang mit insgesamt über 130 Gedichten am 1. Walter Werner-Lyrikpreis beteiligt.

Der vom Verein Provinzkultur e.V. und der Stadtbücherei Suhl ausgeschriebene Preis würdigt den Südthüringer Dichter Walter Werner, der in diesem Jahr 90 Jahre alt geworden wäre. Einsendeschluss für den Wettbewerb, bei dem für den Sieger 1000 Euro Preisgeld ausgelobt sind, ist der 31. August 2012. Bis dahin besteht für alle Interessierten noch die Möglichkeit der Teilnahme. Unter dem Thema „Traumtänze“ können von den Teilnehmern mit Hauptwohnsitz in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt maximal drei bislang unveröffentlichte Gedichte pro Autor/in eingereicht werden. / Thüringer Allgemeine

99. Lyriknacht

Heute Abend findet in Hochstadt die zweite Lyriknacht statt. In Erinnerung an den 2008 verstorbenen Frankfurter Schriftsteller Horst Bingel gibt es ein sommerliches Fest mit prominenten Gästen wie Franz Mon, Thomas Rosenlöcher und Andreas Altmann.  / FR

98. Hofdichter geehrt

In Rumänien wird der moralischen Aufarbeitung der Ceausescu-Diktatur kein hoher Stellenwert beigemessen. Dass der Hofdichter Ceausescus, Adrian Paunescu, kürzlich an prominenter Stelle in Bukarest eine Büste erhielt, spricht Bände. / Corina Bernic, NZZ

97. Kein Erfolg

Erfolge gibt es keine – wer das versteht, kann auch schreiben. Das heisst nicht, dass es keine Anerkennungen gibt, keinen Zuspruch, keinen Ruhm und kein Geld; nur ist das kaum mehr als partielle Schmerzlinderung. Es hilft dem materiellen Überleben, ist aber immer nur Ersatz und kann die innere Logik des Scheiterns, die in der Sache selbst begründet liegt, nie ausser Kraft setzen. Die Sache: Das ist die immerwährende Differenz der poetischen Schrift zur Welt, in der sie erscheint. Jede Kommunikation erfüllt sich nach Art und Weise eines Arrangements der Missverständnisse; ein positives Arrangement ist die Übereinkunft im Irrtum, und sie wird immer erst dann brüchig, wenn ein Text nächsthöherer Ordnung den Hinweis auf diese Störungen liefert. Das ist die Wirkungskraft der Poesie: die falsche Gültigkeit der Diskurse zu durchbrechen und für eine Neugründung der Gedankenwelt zu sorgen. Dieser grandiose Anspruch aber zerfällt an sich selbst im Augenblick der Gewahrwerdung, auch nur eine Differenz im Feld von Differenzen zu sein – und das ist das unabdingbare Scheitern. (…)

Die falsche Förderung ist gemeingefährlich und schafft die Talente gleich wieder ab, die gerade erst publizistisches Licht gesehen haben; sie illusioniert und sorgt für falsche Verhältnismässigkeiten. Die Zeit der «Fräuleinwunder» ist wohl vorbei – aber wie gross das Wertkapital Jugend auch in der Literatur geworden ist, kann nur erschrecken. Und dahinter steht immer ein Funktionsinteresse: Werte aufzubauen, um sie demontieren zu können. Die Besprechungskurven zeichnen das gut sichtbar nach. Eben noch war uns der Heiland erschienen, und schon ist es Abfall. Je höher das Lob, umso tiefer der Fall. / Kurt Drawert, NZZ

Auszug aus dem Band «Schreiben. Vom Leben der Texte», der im September bei C. H. Beck erscheint.

96. Saison

Literaturwerkstatt Berlin
Programm Sept/Okt 2012

Mo 3.9. 20:00
Start in die Saison
Mit Volker Braun (Autor, Berlin), Sabine Scho (Autorin, Sao Paulo und Berlin), Ricardo Domeneck (Autor, Berlin und Sao Paulo), Ulf Stolterfoht (Autor, Berlin), Ulrike Almut Sandig (Autorin, Berlin), Marlen Pelny (Musikerin, Berlin)

Wir eröffnen die Saison mit neuen Texten, Projekten, Performances, mit Musik und einem Glas Wein – seien Sie dabei!
Volker Braun (*1939 Dresden) beginnt den Abend mit neuen poetischen Versen. Seine ersten Gedichte schrieb er als »Provokation für mich«, eine Herausforderung für den Leser sind seine Texte geblieben, immer ein Anstoß zum Mit-Denken.
Die Dichter Sabine Scho (*1970 Ochtrup, jetzt São Paulo) und Ricardo Domeneck (*1977 Brasilien, jetzt Berlin) bringen das große Fressen und Gefressenwerden in den Metropolen auf die Bühne. In Ton und Bild nehmen beide die Zuschauer mit auf eine Expedition von Berlin nach São Paolo und zurück.
Ulf Stolterfoht (*1963 Stuttgart) und Das Weibchen feat. DJane Husserl bewegen sich in Richtung Performance und biegen Husserlsche Texte hin zum Rap. Ulf Stolterfoht wurde mit den Gedichtbänden »fachsprachen« und »holzrauch über heslach« als Dichter weithin anerkannt.
Ulrike Almut Sandig (*1979 Großenhain) hat im Projekt »Venustransit« (siehe auch die Veranstaltung am 4.10.) mit der neuseeländischen Autorin Hinemoana Baker gearbeitet, ihre Texte übersetzt und in eine Audioperformance verwandelt. Abschließend spielt sie mit Marlen Pelny ein kleines Konzert auf eigene Texte.
Das Glas Wein danach lädt zum Gespräch.

Di 4.9. 20:00
Klassiker der Gegenwartslyrik: Johannes Kühn
In Lesung und Gespräch: Johannes Kühn (Lyriker, Hasborn), mit Irmgard und Benno Rech (Germanisten, Thalexweiler) Moderation: Sebastian Kleinschmidt (Essayist, Chefredakteur von Sinn und Form, Berlin)

Eine der eigenwilligsten Stimmen der deutschen Poesie gehört Johannes Kühn (*1934 Bergweiler). »Ich Winkelgast« nennt er sein dichterisches Alter Ego. Das Dorf Hasborn ist sein Kosmos. Im Gasthof sitzend, wandernd durch das Schaumberger Land, nimmt der Dichter es mit der Welt auf. Seit Jahrzehnten schreibt er jeden Tag drei Gedichte. »Der Dichter wartet nicht auf Stimmungen. Er holt sich ein weißes Blatt Papier und beginnt mit dem Schreiben.« Mit dem Ehepaar Rech, seit vielen Jahren seine Mentoren, werden die Texte täglich diskutiert.
Seine Naturlyrik steht in der Tradition Hölderlins, Mörikes und Trakls, sie ist hoch rhythmisch und frei schwingend. »Es tritt die Nacht sich selber auf die Schleppe / und stolpert, dass der Himmel schwankt«. Seine Stimme ist so unverwechselbar, dass Peter Rühmkorf vom »Kühn-Sound« sprach.
Die klassische Anmut des Tones und die Genauigkeit der Beobachtung fanden schnell Bewunderer unter den Kollegen. »Ich Winkelgast« (Hanser Verlag 1989) war der erste Band, der großes Publikum fand. 21 Gedichtbände hat er veröffentlicht, überdies Theaterstücke und Märchen. Zuletzt erschien der Gedichtband »Ganz ungetröstet bin ich nicht« (Hanser Verlag 2007). Über sein Werk spricht Johannes Kühn mit Sebastian Kleinschmidt, Essayist und Chefredakteur der Zeitschrift Sinn und Form.
Die Reihe der Literaturwerkstatt Berlin gibt den Klassikern der Gegenwartslyrik das Wort. Sie stellt jene Autoren vor, ohne die die deutschsprachige Lyrik nicht das wäre, was sie heute ist.

95. Zwischenruf

aus jederzeit gegebenem Anlaß:

Every form of contestation against this tyranny is comprehensible. Dialogue with it is impossible. For us to live and die properly, things have to be named properly. Let us reclaim our words.

This is written in the night. In war the dark is on nobody’s side; in love the dark confirms that we are together.

– john berger

Stolen from: Four Minutes to Midnight: Issue Eleven—Happy Hour by F.A. Nettelbeck

Poet F.A. Nettelbeck passed away on January 20, 2011. He was 60 years old.

94. Langes Kunstkammer

Am Anfang des Gedichtbandes überrascht uns Lange mit einem «Taglied», das in zarten, tastenden Fügungen vom Erwachen der Sinne am Morgen handelt, von einer poetischen Osmose zwischen dem lyrischen Ich und einer Welt, die immer mehr in den Bann der Digitalisierung gezogen wird. Solche liedhaften Verse setzt Lange immer wieder in scharfem Kontrast zu seinen hart gefügten Standfotos und Collagen deutscher Unheilsgeschichte. Im Gedicht «Ein Foxtrott nicht» werden etwa die Vokabulare und Bildwelten des Flugzeugbaus, der Waffentechnologie, der Vogelwelt und der Ölbild-Komposition eng miteinander verknüpft. Bilder aus der militärischen Sphäre stehen direkt neben Metaphern des Sentiments: «aus der Waffenkammer / hüpft der Kummer». In ihren harten Schnitten, Montagen und Übermalungen erinnern die Gedichte bisweilen an die «Schädelmagie» des 2005 verstorbenen Thomas Kling, mit dem Norbert Lange befreundet war. Dann wieder bezaubert der Autor mit «blitzend fein geschliffnen Wortbeilchen» und ganz leichthändigen Alltagsbildern. In dieser «Kunstkammer» gibt es viel zu entdecken: kryptische Geschichtscollagen, zarte Lieder und magische Dinggedichte. / Michael Braun, NZZ

Norbert Lange: Das Schiefe, das Harte und das Gemalene. Kunstkammer. Verlag Luxbooks, Wiesbaden 2012. 122 S., Fr. 31.40.

93. Pergamon

WF SCHMID: Ich find ja das Rezeptions­potential des Buches zwischen Gedicht­band und Aus­stel­lungs­katalog spannend. Wenn wir mal nur vom Text ohne seine Funk­tion inner­halb der Aus­stel­lung ausgehen: Siehst Du, in Hin­blick auf Deine Dich­tung, das Buch wider­spruchs­frei als Gedichtband?

GERHARD FALKNER: Ich höre es bei Dir zwischen den Zeilen immer ein bisschen knistern und knirschen.
Wir haben in Deiner Frage weder die Priorität, das Sujet oder Genre, noch die Reihenfolge erfasst. Ausstellungskatalog passt wirklich gar nicht. Zwar gibt oder gab es gerade diese „Ausstellungen“ zu diesem Thema, das Panorama von Asisi und die Zusatzausstellung „Pergamon“ im Nord­flügel, die sind aber nicht Gegen­stand der Texte. Der Fries ist nicht (oder nur über um­ständ­liche Begriff­lich­keiten) eine Aus­stellung, sondern er erscheint als ein zen­trales Kunst­werk der Kunst­geschichte, wie etwa der Kodex des Hammurabi, das baby­lonische Ischtartor oder das Markttor von Milet.
Die Texte sind nicht ausstellungs­bezogen, sondern penetrant und immanent auf die Gigantomachie.
Sie sind ent­standen, ich wiederhole das, als Texte zu Video-Clips, die das Museum für Werbe­zwecke bei Bboxx-Filme in Auf­trag gab. Sie mussten eine gewisse Verständlichkeit aufweisen, ohne vor den Weich­spül­verfahren der Werbe­branche in die Knie zu gehen.
Dass wir das erreicht haben, zeigt der Erfolg, zu dem wesent­lich die beiden Filme­macher beigetragen haben. Die Aufrufe, wenn man Youtube und die Platt­formen des Per­gamon Museums zusammen­nimmt, gehen bereits in die Zehn­tausende.
Wann hat Lyrik zuletzt so etwas erreicht?
Der wunderbare Artikel von Gustav Seibt in der SZ war ja nur der Startschuss. Die Filme werden demnächst auf der Agora in Athen gezeigt, sind prominent am Er­öff­nungs­abend des ILB nach der Rede von Liao Yiwu platziert und stehen im nächsten Semester in Harvard auf dem Vor­lesungs­plan. Das Pergamon Museum hat auf Grund des Erfolgs sogar den Kino Trailer in den Ber­liner Kinos ein zweites Mal auf­genommen. Wir haben damit den Beweis geliefert, dass auch kom­plexe und poetische Texte als Werbung (die das permanent leugnet), funktionieren können.
Erst wenn diese Gedanken alle bedacht und abge­handelt sind, dann kommt der Gedicht­band.
Ich hatte zuerst auch die Bedenken, O Gott, ent­täusche ich mit dieser etwas leichteren Zugäng­lich­keit das kleine Häuflein Einge­schwo­rener, das jede Bühne stürmt, die sich da­rauf einlässt, als leeres Haus zu enden.
Und dann, ja natürlich sehe ich das Buch schluss­endlich, nachdem ich es auf einen ent­sprechenden Umfang erwei­tern konnte, als Gedicht­band. Als was sonst.
Nachdem ich es geschafft habe, dass praktisch jeder meiner Gedicht­bände sehr unter­schiedlich ist, gibt es somit einen neuen, der dieses Kriterium ebenfalls erfüllt. Und auch der nächste, der in Arbeit ist, wird dies wieder in einer sehr anderen Weise und dann auch wieder formal komple­xeren Weise sein.
Ob widerspruchs­frei, das würde ich auch da mit Vergnügen nicht garan­tieren.

(…)

WF SCHMID: Da gibst du aber (unbewusst?) auch gut Verweise zu den Gedichten selbst. Also jetzt hier die Oper, die keinen geringen Platz einnimmt, und weiter oben natürlich das Kino des Frieses, der in den Gedichten immer in Bewegung ist. Wie wichtig ist Dir eigentlich das jetzt­zeitliche surrounding der Texte wie etwa auch der Klingeltondownload oder die Frage nach den Gigabyte des Frieses?
Das trägt ja auch nicht wenig zu den Brüchen bei. Da fällt mir aber grad noch auf, dass das ja auch für die Mar­kierung des Rezeptio­nisten-Blick­winkels der Texte sorgt. Was war deine primäre Absicht mit dem „surrounding“?

GERHARD FALKNER: Mir ist das sehr wichtig, denn nur dadurch lässt sich erhalten, was Dich­tung durch alle Zeiten hindurch bestands­fähig gemacht hat.
Den Löwen von gestern füttern mit den Ga­zellen von heute. Ottos Mops kotzt hat uns zwar alle amü­siert, aber wir möchten es ja nach allem, was sich bis dahin in der und durch die Dichtung bewegt hat, auch nicht dabei be­wenden lassen. Schließ­lich hatten die Deutsch­lehrer 30 Jahre lang ihren Spaß damit.
Ich jedenfalls ziele eher auf die Einge­weide, das Gehirn jetzt mal dazu­gezählt. Mir sind sublime und aura­tische Zugänge zur Sprache wichtig, die müssen aber durch zeit­gemäße Verfahren und Voka­bularien immer neu er­schlossen werden. Es muss aus der Hüfte kommen und ins Schwar­ze treffen.
Alles Basteln in der Literatur ist mir ein Gräuel.
Zur Zeit arbeite ich an einem Gedicht­band, der „Schorf­heide“ heißen wird. Im Unter­titel: „Verland­schaft­lichung von Libellen, neuro­logi­schem Gras und Denk­mo­del­len.“
Da komme ich dann noch mal aus einer ganz anderen Ecke, indem ich ver­suchen werde, Natur­gedichte auf ihre Diskurs­belast­bar­keit zu prüfen, und sie trotzdem so aussehen zu lassen, wie Kirchen­lieder.

/ Poetenladen

92. Zwei Frühvollendete

Buchebners zweite Inspirationsquelle ist, wie man in dem wunderbaren Sammelband ich die eule von wien nachlesen kann, weitaus verblüffender. Der Dichter, lose verankert in dem Literatenzirkel um den Wien-Heimkehrer Hermann Hakel, verehrt den US-Beat-Poeten Allen Ginsberg. Ihm denkt er die Rolle des Erlösers zu: „ginsberg wo bleibst du? nimm auf dein joch und komm über die hellblaue kette der appalachen …“, fleht dieser Orpheus aus der Obersteiermark sein Idol im fernen New Jersey an. Ginsberg soll nach Europa herüberkommen und die Ketten der Wohlstandsgesellschaft zerbrechen helfen.

Das gleichnamige Gedicht (ginsberg wo bleibst du?) gehört zu den bewegendsten Zeugnissen von Buchebners Rast- und Ruhelosigkeit. Der Autor gibt poetisch zu Protokoll, „an der atlantischen küste“ zu stehen („wo mag dein u-boot auftauchen aus der flut?“). Zugleich beneidet er den homosexuellen Priester der US-amerikanischen Gegenkultur um dessen Erfahrungsschätze, die Ginsberg scheinbar wie von selbst in den Schoß gefallen sind. „du hast apollinaire besucht eisenhower gesehen den jazz im birdland gehört“, zählt Buchebner atemlos begierig auf.

(…)

Kling gehörte zu den raren Sängerdichtern, in deren zu Performances erweiterten Lesungen das Ungezügelte, Schamanische scharf aufblitzte. Dieser Autor definierte die „dichterische Sprache als Wahrnehmungsinstrument“. Das nachgelassene Brevier-Buch Das brennende Archiv (Suhrkamp) mit Gedichten, Bildern und Interview-Zeugnissen ist eine Einladung, Kling nachzulesen.   / Ronald Pohl, DER STANDARD 11.8.