Das Vorwort zu seinem ersten Gedichtband schreibt ihm kein geringerer als Ezra Pound, der sich damals auch für junge Dichter wie Hilda Doolittle engagiert. Oppen jedoch verstummt nach seinem Auftakt – aus politischen Gründen. Er stellt die Relevanz eines poetischen Sprechens in den Jahren der Weltwirtschaftskrise radikal infrage. (…)
Zur Zeit der „Rohstoffe“ hat George Oppen bereits prägende Erfahrungen hinter sich: der Kriegsdienst in Frankreich bei der Ardennenoffensive, wo er in einem Graben Zitat: „in diesem grausamen Boden“ verschüttet und als einzig Überlebender geborgen wird. „Es gibt ein einfaches Ich in einem Gedicht / Ein Fremdes im Krieg.“ schreibt er. Zu Beginn des Kalten Krieges wird er als Anhänger der kommunistischen Partei in den USA verfolgt, und so ist er gezwungen, zusammen mit seiner Frau ins Exil nach Mexiko zu gehen, wo er acht Jahre lang als Tischler und Bootsbauer arbeiten wird. Oppen ist alles andere als der klassische Stubengelehrte, als er an den „Rohstoffen“ zu arbeiten beginnt, die ein Kondensat dieser Erfahrungen bilden. „Wenig, das er in der Oberfläche seiner Gedichte ruhen lässt“, schreibt Paul Auster im Nachwort der luxbooks-Ausgabe. Und so sind auch die Bedeutungsschichten, die der Lyriker und Übersetzer Norbert Lange in zahlreichen Anmerkungen für den Leser freilegt, eine große Hilfe; nicht nur Anspielungen auf Dichter wie Yeats, Shakespeare, Walt Whitman, Pound, Eliot und Brecht arbeitet Lange heraus, er gibt auch Einblicke in Briefe, und Gedanken, die sich Oppen selbst zu seinen Gedichten macht. Die Übersetzung ist großzügig gerade in ihrer Genauigkeit, sie grenzt nicht vorschnell ein, sondern eröffnet mit biografischen Details und Übersetzungsvarianten die Möglichkeit, Oppens Gedichten nahe zu kommen. / Anja Kampmann, DLF
George Oppen „Die Rohstoffe“
Aus dem Amerikanischen von Norbert Lange, mit einem Nachwort von Paul Auster
luxbooks Verlag, 2012, 147 Seiten, 22,00 Euro
Die von ihm erwähnte „Europäische Verfassung in Versen“ ist eines der großen Projekte, die der umtriebige flämische Schriftsteller initiiert hat. Vor drei Jahren bat er Autoren aus allen europäischen Ländern jeweils in ihrer Sprache die europäische Verfassung umzuschreiben. Das Ergebnis – Texte voller Hoffnungen, Träume und auch Enttäuschungen – wurde auf die Bühne gebracht.
„Für mich ist der europäische Traum immer noch ein Traum, auch wenn er zur Zeit eher einem Alptraum ähnelt“, sagt David van Reybrouck.
„Es ist doch großartig, dass sich der Frieden in Europa so lang gehalten hat. Aber lasst uns diesen Traum auch weiterträumen und nicht in einen Krampf zurückfallen. Es erschreckt mich, wie wir überall in Europa wieder in Nationalismen zurückfallen.“
David van Reybrouck lebt allein im Brüsseler Stadtteil St. Gilles in einer großzügigen Jugendstilwohnung. Er ist schmal, gepflegt, seinem Gegenüber zugewandt, ein Intellektueller mit feinen Gesichtszügen. Die Literatur liebt er, schreibt Gedichte, Prosa, Essays, aber manchmal, sagt er, werde er politisch und mische sich ein. / Susanne von Schenk, DLR
Der 20. open mike findet vom 9.-11.11. in Berlin statt.
22 junge Autoren – die Namen werden in den nächsten Tagen bekannt gegeben – lesen zwei Tage lang aus ihren Texten und um die Preise des open mike. Aus mehr als 630 Einsendungen wurden sie von sechs Lektoren renommierter Verlage ausgewählt. Beim öffentlichen Finale hat jeder Teilnehmer 15 Minuten Zeit, die Juroren Marcel Beyer, Thomas von Steinaecker und Silke Scheuermann zu überzeugen. Für bis zu drei Gewinner steht eine Preissumme von insgesamt 7500 EUR zur Verfügung. Ein Preis wird für Lyrik vergeben.
Programm
Freitag 9.11. 20:00 Uhr
Der open mike und die Folgen: Debütlesungen.
In Lesung und Gespräch: Vea Kaiser (Wien), Matthias Senkel (Leipzig) und Levin Westermann (Biel)
Moderation: Kolja Mensing (Deutschlandradio Kultur, Berlin)
Ort: Heimathafen Neukölln, Karl-Marx-Straße 141,12043 Berlin
20. open mike – Internationaler Wettbewerb junger deutschsprachiger Prosa und Lyrik
Samstag, 10.11. 2012
ab 14 Uhr: Lesungen 20. open mike
Sonntag, 11.11. 2012
ab 12 Uhr: Lesungen 20. open mike
ca. 16.45 Uhr: Preisverleihung 20. open mike
Der open mike ist eine Gemeinschaftsveranstaltung der Literaturwerkstatt Berlin und der Crespo Foundation in Kooperation mit dem Heimathafen Neukölln und dem Allitera Verlag. Mit freundlicher Unterstützung des Fachbereichs Kultur des Bezirksamtes Neukölln.
Nun wendet sich Rushdie dem Leben unter der Fatwa zu, vor allem, was seine Freunde und Unterstützer mitgemacht haben; er bleibt dabei witzig und ironisch, als erzähle er tatsächlich über einen Dritten. Er erinnert daran, dass sein japanischer Übersetzer ermordet wurde, sein italienischer Übersetzer fast totgeschlagen, und dass sein norwegischer Verleger einen Anschlag mit einem Gewehr nur wie durch ein Wunder überlebt habe. „Ich habe niemals geglaubt, ich sei an der Vorderfront dieses Kampfes“, sagt er. Ganz vorne auch seien die Buchläden gewesen. Es gab Bombenanschläge, nicht nur hier und in England, auch in Australien.
Noch heute bekomme er Briefe. Buchhändler schrieben ihm, dass jemand ihnen mit Gewalt gedroht habe, wenn das Buch nicht verschwinde. „Und die meisten stellen es dann, als Akt des Widerstandes, ins Schaufenster.“ Auch viele Verlagsmitarbeiter seien tapfer gewesen. Im Buch schildert er, wie erboste Moslems bei Lektorinnen anriefen und drohten, sie wüssten, in welche Schulen deren Kinder gehen. (…)
„Und ich finde es geradezu unglaublich, dass keiner meiner Londoner Freunde, eigentlich ein Zirkel, der an Vertratschtheit nicht zu überbieten ist, über Jahre nicht verraten hat, wo ich stecke.“ Deren Solidarität habe ihm damals geholfen, nicht verrückt zu werden. Lieber allerdings wohnt er heute in New York. Das schlimmste, was ihm hier passiert sei, war ein Mann, augenscheinlich aus Indien, der ihm auf der Straße heftig erregt gesagt habe, Vidiadhar Naipaul sei ein zehnmal besserer Schriftsteller als er. (…)
„Der Roman wurde geschützt, jeder kann ihn heute lesen“, sagt er. „Aber es hat Leuten Angst gemacht ein Buch über den Islam zu veröffentlichen, und das wirkt nach. Bei Terrorismus geht es ja darum, Furcht zu verbreiten.“ Und ja, die Kunst sei mächtiger als das Schwert, und werde das Schwert überleben; der Künstler allerdings nicht so sehr. „Wir kennen heute noch die Gedichte von Osip Mandelstam, aber der Poet wurde in Stalins Arbeitslagern ermordet. Federico García Lorca wurden von Franco umgebracht.“ (…) / Eva C. Schweitzer, Die Zeit
Die Zeit, 20.09.2012
Salman Rushdie spricht mit Susanne Mayer darüber, wie die 1989 von Ajatollah Chomeini verhängte Fatwa sein Leben verändert hat. Die religiöse Sprengkraft habe er damals unterschätzt, gibt Rushdie zu, und konstatiert, dass sich die Welt seitdem verändert hat: „Wir leben in einer Gesellschaft, deren Plage die Rückkehr der Religionen ist. Nicht nur des Islams. In Amerika sehen Sie die Erstarkung der christlichen Rechten, in Indien eine Erhebung des rechten Hinduismus. Pakistan ist heute ein dunkler Ort.“
Louis Simpson, Pulitzer-Preisträger (1964), der in seinen Gedichten typische amerikanische Geschichten von einfachen Leuten erzählte und einen skeptischen Blick auf den Amerikanischen Traum warf, starb am vergangenen Freitag im Alter von 89 Jahren in seinem Haus in Stony Brook, N.Y.
Der Lyriker und Kritiker Edward Hirsch nannte ihn den „Tschechow der amerikanischen Gegenwartslyrik“. In dem Gedicht „On the Lawn at the Villa“ heißt es:
“It’s complicated, being an American, / Having the money and the bad conscience, both at the same time.”
In seinem Band “At the End of the Open Road”, für den er mit dem Pulitzer ausgezeichnet wurde, zeichnet er ein düsteres Bild des amerikanischen Naturells in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Gedichten wie diesem:
In the Suburbs
There’s no way out.
You were born to waste your life.
You were born to this middleclass life
As others before you
Were born to walk in procession
To the temple, singing.
/ Mervyn Rothstein, New York Times 18.9.
„Vor fünf Jahren war ,Lyrik und Stadtwerke‘ noch kein rundes Thema“, blickte Romed Karre am Dienstag zurück auf die ungewissen Anfänge des bedeutendsten Kärntner Dichterwettbewerbs*. „Aber gerade jetzt“ sei es „ein Thema“, befand der Stadtwerke-Chef weiter, weil „Kärnten ein Land der Dichter und Denker“ sei und weil er sich von diesen erhoffe, dass sie „wieder die positiven Seiten des Landes in den Vordergrund“ rücken könnten. / Kleine Zeitung
*) Nein, nicht Bachmann ist gemeint, sondern der Kärntner Lyrikpreis, mehr hier:
Zum mittlerweile fünften Mal findet im heurigen Jahr schon der Kärntner Lyrikpreis 2012 der Stadtwerke Klagenfurt Gruppe statt. Dabei konnte auch heuer wieder eine hochkarätige Jury für die Beurteilungen gewonnen werden. Neben dem Vorsitzenden Manfred Posch besteht diese aus Büchner-Preisträger Josef Winkler, Egyd Gstättner, Ilse Gerhardt, Richard Götz, Günter Schmidbauer und STW-Pressesprecher Harald Raffer (ohne Stimmrecht).
(…) Insgesamt werden bei der Preisverleihung am Donnerstag, dem 29. November, im Festsaal der Stadtwerke Klagenfurt Gruppe um 18 Uhr 12 Auszeichnungen (1. Preis 3.000 Euro, 2. Preis 1.500 und 3. Preis 800 Euro) und ein Sonder-Preis der Kulturabteilung des Landes Kärnten (2.000 Euro) vergeben. Als Kooperationspartner konnte der ORF Kärnten gewonnen werden.
Zu den Ausschreibungsbedingungen: Erwartet werden bei freier Themenwahl sprachkünstlerisch anspruchsvolle Ausdruckformen lyrischen Sprechens (Mundart ausgeschlossen), Teilnahmeberechtigt sind Kärntner Lyriker sowie in Restösterreich oder im Ausland lebende Kärntner (Beider Landessprachen), Einreichung von maximal vier unveröffentlichten Gedichten in siebenfacher Ausfertigung mit Namen, Alter, Beruf, genauer Adresse, Telefon (evtl. mail-Adresse). Einsendeschluss ist Montag, der 12. November. Alle weiteren Infos: www.stw.at / blick-punkt.at
Ein Ingenieur aus Köln, der sich auf die Spuren von Stuttgarts Autoren und Dichtern gemacht hat: Klingt eher ungewöhnlich. Bernd Möbs aber ist diesen Weg gegangen. Und mit dem neuen Band „Unterwegs zu Stuttgarts Dichtern“ können sich nicht nur Literaturfans auf dieselben Spuren begeben und vielleicht auf die ein oder andere überraschende Begegnung freuen. / Stuttgarter Wochenblatt
Das Gedicht war einmal eines der bekanntesten deutschen Gedichte eines lebenden Autors. Erich Fried (1921-1988) hieß er. Es erschien 1983 in dem Band „Es ist was es ist. Liebesgedichte, Angstgedichte, Zorngedichte“, Verlag Klaus Wagenbach. Jetzt ist es neu herausgekommen. Nicht mit anderen Gedichten sondern mit Bildern. 26 Seiten sind es geworden. Die Bilder sind von Mehrdad Zaeri. / Arno Widmann, FR
Erich Fried: Was es ist, illustriert von Mehrdad Zaeri, Büchergilde Gutenberg, in der Reihe Petits Fours, fester Einband, Schuber, 24 Seiten, 6 Euro.
Die Ratingagentur Moody’s droht dem Schriftsteller Günter Grass mit dem Entzug der Bestnote „Aaa“. Grass stehe, wie es in einer Pressmitteilung heißt, „unter Beobachtung“, weil die Ratings seiner jüngsten Gedichte miserabel ausgefallen seien. Aus der engsten Umgebung des Literaturnobelpreisträgers Grass verlautet nun, dass er schärfstens gegen seine Beobachtung und Bewertung durch eine „dahergelaufene“ Ratingagentur protestiere und ihr das Recht aberkenne, ihm die Bestnote zu entziehen. …
Unterdessen zirkulieren neue Gedichte von Grass im Internet. „Wenn es sein muss, lese ich auch / den Hethitern die Leviten sowie den Kabylen“, soll er gedichtet haben. „Und wenn sie nicht hören wollen, / dann müssen sie fühlen“. Züchtigen will Grass alle unbotmäßigen Volksstämme mit einem Interviewboykott und der Schließung sämtlicher Grass-Institute, von denen weltweit rund 21.000 Stück existieren. Sieben soll es allein in Lübeck geben, dreizehn in Wewelsfleth und sechzehn in Gdansk. / Gerhard Henschel, taz
Wir sind ohne es zu bemerken in ein Märchen eingetreten und in eine «zwischenzeit» gelangt, in der Zeit und Raum eines sind und wo der Raum eine «pause» einlegen kann. Fortan hat das, was im Gedicht geschieht, zwei Spuren, eine reale und eine märchenhafte. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, die eine von der andern zu isolieren und gesondert zu beschreiben. Sie ergeben nur zusammen gelesen ein Ganzes, eine Art Traumreise durch eine Gegend in Sachsen und zugleich eine Fahrt durch die Schwärze des Himmels. Der Einfachheit halber schlüpfen wir – die Lesenden – vorübergehend in das Wir, das im Gedicht das Wort führt. Bitte sich anzuschnallen. (…) / Rudolf Bussmann, Tages Woche, über ein Gedicht von Judith Zander
Mut ist ein Lustorgan, es zeugt Mut: Das russische Magazin »Snob« hat das Punkgebet der vom Putin-Regime verurteilten Band »Pussy Riot« mit dem Preis als »Bestes Kunstprojekt des Jahres« ausgezeichnet. Russische und ausländische Kommentatoren bezeichnen dies als eine höchst ehrenwert provokante Form der Solidarität. Die Frauen hätten die Gefühle Gläubiger verletzt? Als seien die Gefühle Ungläubiger weniger wert. …
Die Grünen im EU-Parlament nominierten die Punkband für den Preis für geistige Freiheit, der in Straßburg verliehen wird und Sacharows Namen trägt. / Hans-Dieter Schütt, Neues Deutschland
Da die Auswahl der Sprachsalz-Gäste sich aus den radikal subjektiven Vorlieben der OrganisatorInnen speist, und da Festivalgründer Heinz D. Heisl sehr viele gute Bekannte in San Francisco hat, kommt in Hall eine Art US-amerikanischer Klassenausflug der Lyriker zusammen.
Lyrik, das zeigen die dichtenden Amis, macht sich oft am besten in der Performance. Auch in dieser Disziplin führen die Alten, der 83-jährige Sam Charters, als unterhaltsamer Didaktiker unter den Dichtern, und vor allem die 84-jährige Beat-Poetin Ruth Weiss, in ihrer einstigen Jugend enge Trinkkameradin von Jack Kerouac. Weiss’ grüngefärbte Haare, rauchige Stimme und immense Bühnenenergie lassen völlig vergessen, was für eine fragile, winzige alte Frau da auf dem Podium steht. Musikalisch wird sie begleitet von ihrem Lebensgefährten, der zu diesem Zweck einen hohlen Baumstamm aus Kalifornien importiert hat. Er dient als Percussioninstrument. Das ist so liebenswert freakig, und der Beat dieser Lyrik geht so direkt ins Rückenmark, dass es darüber schon fast ein bisschen egal wird, ob man die Texte in Gänze versteht oder nicht. Lesen kann man ja ein andermal. / Katharina Granzin, taz
Afrikanische Lyriker, die noch kein Buch veröffentlicht haben, können sich jetzt um einen neugestifteten Lyrikpreis, den nigerianischen Sillerman First Book Prize for Poetry, bewerben. Der Preis ist mit 1000 US-Dollar dotiert und schließt einen Verlagsvertrag ein.
Der jährlich veranstaltete Wettbewerb wird durch eine Spende der Philanthropen Laura and Robert F. X. Sillerman ermöglicht, die bereits den African Poetry Book Fund unterstützten.
Manuskripte von indestens 50 Seiten können bis zum 15.11. eingereicht werden. Der Sieger wird bis Anfang Januar auf der Website des African Poetry Book Fund bekanntgegeben. Das Buch wird in den USA und in Senegal veröffentlicht. / Daily Trust
Seit längerem fesseln mich die Gedichte des Dresdner Lyrikers und Galeristen Uwe Hübner, der sein dichterisches Debüt Anfang der 90er Jahre mit Pinscher und Promenade bei Galrev hatte. Seitdem veröffentlichte er neue Arbeiten lediglich in Zeitschriften und Anthologien. Doch kann man mit Sicherheit davon ausgehen, daß in seinen Schubläden Schätze der Entdeckung harren … Wir haben es hier mit einer nuancierten Großstadtpoesie zu tun, gewürzt mit Sarkasmus, galligem Humor – die Gedichte spiegeln den Alltag auf der Straße wider, reflektieren und kommentieren das Geschehen, das “lyrische Ich” erscheint dabei als Zeitgenosse, der sich selbstironisch in diese Betrachtungen einbezieht … / Jayne-Ann Igel, Umtriebe
Und jetzt, dem Wallstein-Verlag zu danken, gibt es erneut einen Druck, der mit Rilkes Handschrift erfreut.
Zwei schwarze Pappbändchen, im schmucklosen Schuber präsentiert, stellen das »Berner Taschenbuch« mit dem zweiten Teil der »Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge« vor. Das Buch, 1904 in Rom begonnen, 1910 im Insel-Verlag erschienen, Rilkes einziger Roman, steht am Beginn der Moderne, ein Prosawunder aus Notaten, Erinnerungen, kleinen Erzählungen, Gleichnissen. In suggestiven Bildern beschreibt es geheimnisvoll und ergreifend die Gefährdung des Menschen, seine Not, seine Einsamkeit. Der Text stand in zwei Taschenbüchlein. Das erste ist nicht überliefert, das zweite, aufbewahrt im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern, gibt Einblick in den Arbeitsprozess. Rilke schrieb mal mit der Feder, mal mit Bleistift, mal flüssig, mal eher stockend. Ganze Passagen hat er verworfen, gestrichen oder geschwärzt, es gibt Seiten fast ohne Korrekturen und Abschnitte, die intensiv überarbeitet wurden. Und hinten steht eine Arbeitsliste mit stichwortartigen Einträgen für Passagen, die noch eingefügt werden sollten. Zum ersten Mal kann man somit auch all die Teile lesen, die im Druck nicht erscheinen. / Klaus Bellin, Neues Deutschland
Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Faksimile und textgenetische Edition, hg. von Thomas Richter und Franziska Kolp. Nachwort: Irmgard M. Wirtz, Wallstein Verlag. , zus. 492 S., geb., 39,90 €.
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