114. Das Erlebte will zuerst / beschrieben sein

Sie haben kürzlich den renommierten Hölderlin-Preis erhalten. Was verbinden Sie mit dem Dichter?

Klaus Merz: In meiner Jugend hat mich Hölderlins Werk sehr beschäftigt. Ich war ihm beinahe verfallen. Später löste ich mich schrittweise von seinem Einfluss. Die hohen Ideale, der hymnische Ton machte mich schwindlig. Ich wandte mich ab, betrieb literarischen „Kahlschlag“ und musste doch erkennen, dass die Wurzeln aller „neuen“ Meister, denen ich mich zuwandte, ebenfalls zurück zu den alten, unter anderem zu Hölderlin und ins existenzielle Fundament dieser Dichtung führten.

(…)

„Sogar das Erlebte will zuerst / beschrieben sein“ heißt es in einem Ihrer Gedichte.

Merz: Ja, das ist mir wichtig. Erst das Formulierte wird lesbar, es wird anders und neu erfahrbar. Das ist eine große Aufgabe. Nicht nur der Literatur, sondern auch der Malerei. / mehr

113. Buchpreis

(Ists auch nicht Lyrik)

Neue Jury für den Preis der Leipziger Buchmesse unter Leitung von Hubert Winkels

[Pressemitteilung von L&Poe redigiert]

Fünf neue Mitglieder begrüßt die Jury für den Preis der Leipziger Buchmesse 2013. Den Vorsitz übernimmt der Journalist und Literaturkritiker Hubert Winkels. Er löst die Publizistin Verena Auffermann ab, die ihre Mitarbeit nach drei Jahren turnusgemäß beendet.

Hubert Winkels blickt mit Vorfreude auf seine neue Aufgabe: “Man übertreibt nicht, wenn man den Preis der Leipziger Buchmesse den wichtigsten deutschsprachigen Buchpreis nennt: wenn damit gemeint ist, dass er neben der neuen belletristischen Literatur auch die essayistische und Sachbuchliteratur einbezieht die Lyrik als irrelevant links liegen läßt, und die ausländische Literatur über die Auszeichnung der Übersetzungen (Vorsicht: potentielles Einfallstor für ausländische Lyrik!*). Das ist ein solch weiter Ausgriff auf das literarische Publikationsfeld wie hierzulande nirgendwo sonst (ja, so stellt ihr euch das vor!). Und die bisherigen Preisentscheidungen waren so überzeugend, für das Fachpublikum wie für die größere Öffentlichkeit, dass die kommenden Entscheidungen neben 1. Spannung und 2. Freude auch eine große 3. Herausforderung für die Jury bedeuten.

Neu im Literatur-Septett des Preises der Leipziger Buchmesse sind zudem Lothar Müller, Feuilletonredakteur der Süddeutschen Zeitung; René Aguigah, Abteilungsleiter Kultur und Gesellschaft beim Deutschlandradio Kultur; Daniela Strigl, Literaturwissenschaftlerin an der Universität Wien sowie Ursula März, freie Literaturkritikerin und Journalistin. Weiterhin dabei sind Eberhard Falcke, freier Literaturkritiker sowie Martin Ebel vom Tages-Anzeiger Zürich.

Der Preis der Leipziger Buchmesse ehrt seit 2005 herausragende deutschsprachige Neuerscheinungen und Übersetzungen. Er ist mit insgesamt 45.000 Euro dotiert und wird zu gleichen Teilen in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung verliehen. Der Freistaat Sachsen und die Stadt Leipzig unterstützen den Preis der Leipziger Buchmesse. Partner des Preises ist das Literarische Colloquium Berlin (LCB), Medienpartner die Wochenzeitschrift DIE ZEIT und das Magazin buchjournal.

Der Startschuss für die Preisrunde 2013 fällt im Oktober dieses Jahres. Bis zum 1. November hat jeder ausstellende Verlag die Möglichkeit, zwei Titel pro Kategorie einzureichen. Im Februar 2013 erscheint die Liste der Nominierten. Spannend bleibt es bis zum Schluss: Erst zu Beginn der Leipziger Buchmesse, am 14. März 2013, wird sich die Jury endgültig für ihre drei Favoriten entscheiden.

*) jemand könnte auf die Idee kommen, österreichische oder Liechtensteiner Lyrik als ausländische Literatur einzuschmuggeln, was sagt das Reglement?

112. Rosenlöchers Sprachkunst

Thomas Rosenlöcher ist ein Dichter, der einen – ohne belehrend zu sein – im Staunen unterrichtet. Seit Jahrzehnten sind sein Gedichtbände Fibeln für jene, die in diesem Fach noch etwas lernen möchten. Ganz auf der Höhe dieser „Kunstausübung“ zeigt sich Thomas Rosenlöcher in dem Gedicht „Das Wegperpendikel“. Darin bremst der Dichter die immer schneller werdende Zeit aus, wenn er sich Zeit nimmt, um einen Weg zu beschreiben, auf dem eine alte Frau entlang geht. Wie Rosenlöcher den Weg und die Frau aus der Landschaft „schöpft“, sodass mit dem Gedicht Einspruch gegen das Vergehen erhoben wird, ist ganz große Sprachkunst. Er legt Zeugnis ab und erklärt mit der Zeugenschaft dem Weltgezeter eine radikale Abfuhr. Auch in dem Zweizeiler „Die Wirtschaftskrise“ wird der Blick für das Wesentliche geschärft: „Das Zeitungsblatt sagt: ‚Es wird schlimmer‘. / Das Lindenblatt: ‚Es bleibt wie immer‘.“

Thomas Rosenlöcher „dreht“ an den Worten, wenn er deren Bedeutungen durch Wortkombinationen in Sprachhöhen schraubt. Dadurch gelingt es, dass sein Wortzauber zu den Naturwundern passt, von denen die Gedichte erzählen. Wenn Bäume als „regungslos im Frost / gegeneinander anknarrende Stangen“ beschrieben werden, dann sieht man nicht nur einen vor Eiseskälte erstarrten Wald, sondern hört zugleich sein frierendes Klagen. / Michael Opitz, DLR

Thomas Rosenlöcher: Hirngefunkel. Gedichte
Insel Verlag (Insel Bücherei Nr. 1369), Berlin 2012
125 Seiten, 13,95 Euro

111. Raus aus der Gema!

Einst wurde die Gesellschaft gegründet, um Künstler zu schützen. Heute hilft sie den Reichen und schadet kleinen Künstlern, den Clubs, den Käufern. Da hilft nur: gehen. Von Zoe.Leela, Süddeutsche 19.9.:

Die Gema im Herbst. Ein zermürbender Dauerzwist zwischen der Verwertungsgesellschaft und YouTube hat die Musiktausch-Kultur auf der Plattform weitgehend eliminiert. Tausende Menschen gehen auf die Straße, um gegen eine Gebührenreform zu demonstrieren, die Deutschlands Clublandschaft bedroht. Der ganzen Struktur der Gema haftet der Ruch des Undemokratischen an. Unter anderem, weil nur die fünf Prozent beitragstärksten Mitglieder überhaupt Stimmrecht haben.

110. Zum heutigen Geburtstag

von T.S. Eliot (* 26.9. 1888 St. Louis, Missouri) erzählt der Writer’s Almanac Garrison Keillors diese Anekdote. Jemand sagte zu Eliot: „Die meisten Verleger sind verhinderte Schriftsteller.“ Eliot antwortete: „Die meisten Schriftsteller auch.“ – Der Almanach bringt ein Gedicht des Tages (heute von Richard Wilbur) und kalenderbezogene anekdotengeschmückte Informationen.

109. Open Mike

Die Finalisten des 20. open mike stehen fest. Es sind für die Lyrik

  • Yevgeniy Breyger (Magdeburg)
  • Sascha Kokot (Leipzig)
  • Martin Piekar (Bad Soden)
  • Friederike Scheffler (Berlin)
  • Michael Spyra (Leipzig)
  • Arne Vogelgesang (Berlin)
  • Linus Westheuser (Berlin)
  • Tristan Marquardt (München)

/ open mike blog

Jury:

Marcel Beyer, Silke Scheuermann und Thomas von Steinaecker mehr

Lektoren:

Daniel Beskos, Natalie Buchholz, Christoph Buchwald, Lars Claßen, Georg Hasibeder, Birgit Schmitz mehr

Die Lektoren haben die Teilnehmer aus über 630 anonymisierten Texten ihre Kandidaten ausgewählt. Während des Finales stellen sie die Teilnehmer dem Publikum und der Jury vor.

108. Roswitha-Preis für Elke Erb

Der diesjährige Roswitha-Literaturpreis der Stadt Bad Gandersheim geht an die Autorin Elke Erb. Die Jury des ältesten deutschen Literaturpreises für Schriftstellerinnen würdigte die 74-Jährige als „eine der bedeutendsten Stimmen der deutschen Poesie“. Erb schreibe weltoffene Gedichte in präziser und klangvoller Sprache und arbeite mit unterschiedlichen Denk- und Sprachformen. Bereits mehrfach wurde Erb mit anderen Literaturpreisen geehrt.

Den mit 5.500 Euro dotierten Roswitha-Preis erhält Erb am 9. November in der Stiftskirche Bad Gandersheim. Die Preisträgerin des vergangenen Jahres, Olga Martynova, wird die Laudatio halten. / NDR

107. Hieb- und stichfest

Rezension von Dirk Uwe Hansen

Kommt Kunst wirklich von Können (S.23), oder schafft das Können allein nur Kunststücke, keine Kunstwerke, und kommt also Können von Kunst, wie der zu Unrecht vergessene Maler Carl Hofer es einmal formulierte (ich zitiere hier aus dem Gedächtnis – Korrektur oder Präzisierung sind willkommen)?

Dieser Frage gehen die beiden Dichter Klünner und Rarisch in einer Reihe von miteinander streitenden Sonetten nach, und wie bei jeder Ei-oder-Henne-Frage ist nicht das Ergebnis das Interessante, sondern der Prozess des Antwortens. Klünner fordert zum Streit mit einem Sonett, in dem er das Schreiben von Sonetten verunglimpft: eitles Scheibenschießen sei das, ein längst abgeschlossenes Kapitel, das ihm „auf den Geist“ gehe. Rarisch, ein Kenner und Könner auf dem Gebiet des Sonetts, lässt das nicht auf sich sitzen und antwortet – natürlich ebenfalls in einem Sonett. Daraufhin entspinnt sich vor dem Auge des staunenden Lesers ein Schaukampf, der es in sich hat: Schwere Invektiven werden da gegen Ziele ober- und unterhalb der Gürtellinie geschwungen, spitze Bemerkungen mit Widerhaken verschossen, gelehrte Anspielungen mitsamt lateinischen Zitaten dem Gegner über den Schädel gezogen, und zur Not werfen die Kontrahenten auch schon mal die Waffen von sich und gehen mit bloßen Silben aufeinander los. Ein unterhaltsames, wunderbar choreographiertes Scheingefecht gibt es da zu sehen, und wenn am Ende des einundzwanzigsten Sonetts der aufgewirbelte Staub sich wieder legt, dann stehen die beiden Dichter ungebeugt und unbeschädigt da, und dem Leser schwirrt der Kopf.

Doch der Sturm legt nur eine Pause ein. Denn mit dem zweiundzwanzigsten Sonett tritt HEL (Herbert Laschet Toussaint) auf – in der Maske des Schiedsrichters, um das Unentschieden zu verkünden, in Wirklichkeit aber als agent provocateur. Und die Provokation gelingt. Denn nun wird aus der Ecke des Herausforderers ein Hagel von Sonetten in den Ring geworfen, der Verssturm, in den sich Klünner (auch unter Pseudonym) immer wieder, Rarisch aber gar nicht mehr einmischt, bricht jetzt erst richtig los. Angeregt vom siebten und achten Sonett (S. 12-13), in dem Klünner die Transformation der strengen Form gefordert, Rarisch eben diese Transformation als Spiel „mit Kuchenförmchen“ abgetan hatte, wird von Ernst-Jürgen Dreyer, Lothar Klünner, Gisela Kraft, BRI (Brigitte Lange) und HEL transformiert was das Zeug hält, und mag die strenge Form dabei auch knirschen und krachen, das erhöht nur das Vergnügen. Selbst Klünner kann hier wohl nicht verhehlen, dass dieses Spiel ihm nicht mehr „auf den Geist“ geht.

Das Schlusswort hat dann Klaus M. Rarisch. Prosaisch und nicht ohne Mäkelei beharrt er auf seiner Abneigung gegen diejenigen, die ohne „langjährige Übung und strenge Selbstkritikk“ Sonette schreiben, verzichtet in einer leicht überheblichen Praeteritio darauf, die formalen Mängel seiner Widersacher zu analysieren und zitiert stattdessen ein „formal absolut makellos[es]“ Sonett des wohl zu Recht vergessenen Prinzen Emil von Schönaich-Carolath. Und wunderbarerweise leuchten nun die in diesem herrlichen Büchlein versammelten Sonette vor dem Hintergrund des makellos-grauen Textes nur umso farbiger und schöner.

In gewohnter Weise legt der Verlag Reinecke & Voß mit „Hieb- und stichfest“ ein Buch vor, das jeder, dem Dichtung am Herzen liegt, besitzen, lesen, verschenken sollte – und das sich auch jeder leisten kann. Man kann nur hoffen, dass bald wieder ein Streitapfel geworfen wird, diesmal vielleicht in das Lager der Autoren alkäischer Oden?

Lothar Klünner und Klaus M. Rarisch & al., Hieb- und stichfest. Streitsonette, Reinecke & Voß, Leipzig 2012

(Hier bestellen)

106. Meine Anthologie 84: Hafis, Engel sah ich gestern nacht im Traum

Hafis

Engel sah ich gestern nacht im Traum
Schenkentüren schlagen, und aus Ton
formten sie den Erdensohn,
tranken danach auf sein Wohl.
Und des Himmels Bürger zechten mit
mir, dem Bettler, der am Wege sitzt.
Dem Himmel ward die anvertraute Last zu schwer;
ich, der Närrische,
bin ausersehen, sie zu tragen.
Jenen, die um Lehren Kriege führ’n, vergib!
Sähen sie die Wahrheit,
schlügen sie wohl nicht den Irrweg ein.
Lob sei Gott, daß er sich mir versöhnt!
Sufis haben tanzend ihm dafür gedankt.
Das ist Feuer nicht, in dem die Kerzenflamme
sich als Lächeln zeigt;
jene Glut ist wahre Glut erst,
deren Sein den Schmetterling verbrennt.
So wie Hafis weiß es keiner,
heimlichste Gedanken bloß zu legen,
seit die Feder der Rede Scheitel kämmt!

Aus: Hafis, Liebesgedichte. Übertragen von Cyrus Atabay. Frankfurt am Main: Insel 1980, S. 18

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Gestern zechend, traumverloren,
hörte ich es pochen leis:
Klopfend an der Schenke Toren
standen – Engel still im Kreis.

Unsers Vaters Adam Asche
taten sie in den Pokal,
Ihr vermählend aus der Flasche
edlen Weines Purpurstrahl.

Huldvoll bot der gotterkornen
lichten Welten sel’ge Schar
Mir, dem niedern Staubgebornen,
den gefüllten Becher dar.

Fassen können Himmelshallen
nicht der Liebe Herrlichkeit,
Und mir ist das Los gefallen,
das mich ihrem Dienst geweiht!

Auf die Kunde von dem Bunde
mit der Gnadensonne Glanz
Schlingen jubelnd in der Runde
Huris den berauschten Tanz.

Soll im Leben nie berühren
eitles Streben diese Brust,
Während Adam hie verführen
konnte eines Apfels Lust?

Zweiundsiebzig Glaubenslehren
klauben Worte leer und tot;
Ihnen tagt, sie zu bekehren,
nie der Wahrheit Morgenrot.

Flamme mag ich das nicht nennen,
was auf Kerzen freundlich blinkt;
Flamme ist ein lodernd Brennen,
das den Tod dem Falter bringt.

Bräuten in der Locken Ranken,
denen Schleier, leicht und licht,
Halb nur hüllen den Gedanken,
gleicht, o Hafis, dein Gedicht.

Muhammad Schams Ad-Din Hafis: Gedichte aus dem Diwan. Unesco-Sammlung repräsentativer Werke Asiatische Reihe Ausgewählt und hrsg. v. Johann Christoph Bürgel. Stuttgart: Reclam 1992 (Durchgesehene und bibliographisch ergänzte Ausgabe 1977. 1. 1992) S. 94f. (Dieses Gedicht übertragen von G. Jacob)

Im Hafis hatte ich von Zeit zu Zeit gelesen, ohne sonderlichen Eindruck zu empfangen. Das mag an der Auswahl und Übertragung gelegen haben, die ich zuerst benutzt habe. Die Ausgabe von Walter Wilhelm (Insel) gibt das Bild eines harmlosen Weintrinkers und Schwerenöters, der Goethes Urteil über den persischen Dichter nicht so recht ausfüllt. – Das ändert sich jetzt. Seit ich auf die Übertragung des deutschen Dichters persischer Herkunft Cyrus Atabay gestoßen bin, arbeite ich mich mit Hilfe mehrerer deutscher und englischer Fassungen langsam hinein. Eine Entdeckung! (In nächster Zeit hier mehr Fassungen und Kommentare!)

(Meine Anthologie 2001)

105. A New Life

LONDON: John Keats, der romantische Dichter schlechthin, war drogenabhängig und nahm Opium, „um bei Sinnen zu bleiben“ (keep up his spirits), während er einige seiner besten Gedichte schrieb, behauptet eine streitbare neue Biografie.

Sie heißt „John Keats – A New Life“ und stammt von Professor Nicholas Roe, Vorsitzender der Keats Foundation und Mitglied der Royal Society of Edinburgh. Roe gibt zu, daß seine These streitbar ist. „Das ist nie zuvor gesagt worden: Keats als Abhängiger, das ist neu“, sagte er.

John Keats, der Dichter der „Schönheit“, der auf die ästhetische Isolation schwor, den der Gedanke an seinen „bright star“ Fanny Brawne in Verzückung versetzte und der mit 25 an TBC starb, war opiumsüchtig, heißt es in der Biografie.

Damit widerspricht er auch Andrew Motion, dem früheren Poet laureate, der ebenfalls eine Keatsbiografie schrieb und davon ausging, daß Keats auf eine dringende Warnung seines Freundes Charles Brown gehört habe. Aber dafür gebe es keine Beweise, sagt Roe. Er gehe vielmehr davon aus, daß das Frühjahr 1819 eine der produktivsten und zugleich die opiumsreichste für Keats war. / The Times of India

104. Gefährlich

Peter Riley in The Fortnightly Review über „Poetry Parnassus“:

Having read carefully the publicity for the event I was at once struck by two things. Firstly, although there is mention of poetry being “one of the most democratic of art forms” (I don’t know why that should be so), it was immediately evident that not all the poets of the world have the same status. Some got to read in the real auditoria of the complex, and you had to pay to hear them, up to £35. These were the special poets – mostly top sellers and prize-winners in U.K. The rest of the poets, which was the vast majority, gave free readings in various foyers and open spaces in which they had to contend with interference from external noise and activity, such as a large and busy bar, as well as a general feeling of camping. The other thing was that although there was supposed to be one poet each of some 200 nationalities, there were evidently plenty of back doors through which British poets could get in on the show, sessions promoted by various book and magazine publishers and organisations, probably not officially within Poetry Parnassus but on the ground very much a part of it and included in the brochure. These had an international content at the discretion of the editors but I reckon that in all some 15 to 20 “extra” British poets took part, some of them (Armitage, Motion and Muldoon) doing extended solo sessions or lectures. I can’t help wondering whether all 200 poets democratically got the same fee, but as there’s no information available on that let’s assume they did.

There was also, of course, quite a lot of tomfoolery, as you’d expect, mostly in the form of participatory sessions aside from the main menu in which people played fun and games with poetry. Here’s one of them:

Saturday, 6pm-9pm. POETRY PYJAMA PARTY

Bring your own torch, some pjs and a copy of The World Record Anthology, then crawl under a blanket and read along with poets by torchlight. Bed sheets provided. (Free).

I have known poets to crawl under a blanket with whom would be an extremely dangerous proposition for almost anybody.

103. Goethe schreibt

An Charlotte von Stein

[Weimar, etwa 8. Januar 1776.]

Ich muss Ihnen noch einen Danck für das Wurst Andencken und eine Gute Nacht sagen. Mein Peitschen Hieb übers Aug ist nur allegorisch wies der Brand an meinem Billet von heut früh auch ist. Wenn man künftig die Fidibus hier zu Lande so galant kneipen wird wie ein süss Zettelgen, wirds ein trefflich leben werden.

Ich bin geplagt und so gute Nacht. Ich hab liebe Briefe kriegt, die mich aber peinigen weil sie lieb sind. Und alles liebe peinigt mich auch hier ausser Sie liebe Frau, so lieb Sie auch sind. Drum das einaugige Gekrizzel zu Nacht.

G.

An Johann Gottfried Herder

[Weimar, 15. Januar 1776.]

Antworte mir schnell wie stehst du mit Jerusalem, ein guter Brief von ihm würde viel thun. Lieber Bruder, wir habens von ieher mit den Scheiskerlen verdorben, und die Scheiskerle sizzen überall auf dem Fasse. Der Herzog will und wünscht dich, aber alles ist hier gegen dich. Indess ist hier die Rede von Einrichtung auf ein gut Leben und 2000 Thlr. Einkünfte. Ich lass nit los, wenns nit gar dumm geht. Leb wohl und schreib und siegle die Briefe wohl und gieb auf die Siegel der meinigen acht.

An Charlotte von Stein

[Weimar, Januar 1776]

Hier noch zur guten Nacht, ein Ragout. – – Allerley – –! Gewürzt –! Sie fühlen mit was!

G.

An Friedrich Gottlieb Klopstock

Weimar d. 21. Mai 1776.

Verschonen Sie uns ins Künftige mit solchen Briefen, lieber Klopstock! Sie helfen nichts, und machen uns immer ein paar böse Stunden.

Sie fühlen selbst daß ich nichts darauf zu antworten habe. Entweder müsste ich als Schul Knabe ein pater peccavi anstimmen, oder mich sophistisch entschuldigen, oder als ein ehrlicher Kerl vertheidigen, und dann käm vielleicht in der Wahrheit ein Gemisch von allen Dreien heraus, und wozu?

Also kein Wort mehr zwischen uns über diese Sache! Glauben Sie, daß mir kein Augenblick meiner Existenz überbliebe, wenn ich auf all‘ solche Briefe, auf all‘ solche Anmachungen antworten sollte. – Dem Herzog thats einen Augen Blick weh, daß es von Klopstock wäre. Er liebt und ehrt Sie. Von mir wissen und fühlen Sie eben das. – Graf Stolberg soll immer kommen. Wir sind nicht schlimmer, und wills Gott, besser, als er uns selbst gesehen hat.

G.

102. American Life in Poetry: Column 390

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
David St. John is a California poet whose meticulous care with every word has always impressed me. This poem is a fine example of how clarity can let us see all the way to the heart.

From a Bridge 

I saw my mother standing there below me
On the narrow bank just looking out over the river

Looking at something just beyond the taut middle rope
Of the braided swirling currents

Then she looked up quite suddenly to the far bank
Where the densely twined limbs of the cypress

Twisted violently toward the storm-struck sky
There are some things we know before we know

Also some things we wish we would not ever know
Even if as children we already knew      & so

Standing above her on that bridge that shuddered
Each time the river ripped at its wooden pilings

I knew I could never even fate willing ever
Get to her in time

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2011 by David St. John, whose new collection, The Auroras, is forthcoming from Harper Collins. Poem reprinted from Poetry, July/August 2011, by permission of David St. John and the publisher. Introduction copyright © 2012 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

101. Die schlechte war wirklich schlecht

Beim Perlentaucher berichtet der kroatische Dichter Marko Pogačar über Schlägereien in Istanbul und beim Lyrikfestival im polnischen Bydgoszcz und sonstige Integrationserfahrungen. Ein Ausschnitt vom Festival, vor der Schlägerei:

In Polen, weit im Nordwesten, bei Bydgoszcz. Was wolltest du dort? Ich habe an einem Lyrikfestival teilgenommen, ich wollte:nichts. Wie bist du dorthin gekommen? Ich wurde in einem Auto hingefahren. Aus Berlin hat mich ein Freund mitgenommen, ein Pole, der die Sprache kennt und die Straßen. Auf dem Weg fuhren wir durch den Ort Bagdad. Welche Marke hatte das Auto? Ich weiß nicht. Was ist mit dieser Dichtung? Handelte es sich um Chiffren? Ja und nein. Es gab alle Arten von Dichtung, wie das bei Lyrikfestivals so ist. Die schlechte war wirklich schlecht.

100. Nichts genützt

Dies entnahm ich dem Perlentaucher:

Im Schloss Neuhardenberg fand, mitorganisiert vom Goethe-Institut, eine europäisch-chinesische Tagung statt, von der selbst der an sich doch recht regimefreundliche Tilman Spengler wegen allzu kritischer Position ausgeschlossen worden war. Arno Widmann berichtet in der FR: „Als Zhao Tingyang, geboren 1961, Mitarbeiter des Instituts der Philosophie der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften und der chinesische Kurator der Veranstaltung, ausführte, in China könne niemand verstehen, dass Menschenrechte von Kriminellen in Anspruch genommen werden könnten – ‚Wo bleiben da die Opfer‘ -, da intervenierte der Komponist Helmut Lachenmann: ‚Das sind gespenstische Ausführungen.'“