53. Gegenstrophe 4

Braun, Michael / Dittmer, Kathrin / Rector, Martin (Hg.)
Gegenstrophe 4
Blätter zur Lyrik 4
2012, 100 Seiten, Broschur
ISBN 978–3–86525–286–9
Preis: 12,00 €

»Gegenstrophe. Blätter zur Lyrik« erscheint jährlich im Herbst als Forum für Lyrik und Lyrikrezeption. Unter der Rubrik »Premiere« bietet es Raum für den Erstdruck von Gedichten, im »Porträt« stellt es Lyriker und Lyrikerinnen vor, die auf dem jährlich stattfindenden Lyrikfest des Literaturhauses Hannover gelesen haben und enthält in der Rubrik »Essay« Analysen und Interpretationen von Kritikern und Wissenschaftlern zu übergreifenden Themen. Die Rubrik »Recherche« dient der bibliographischen Erschließung aktuell erschienener Gedichtbände.

Mit Texten und Gedichten von Nora Bossong, Michael Braun, Kurt Drawert, Michael Fiedler, Christophe Fricker, Mara Genschel, Cornelia Jentzsch, Christian Lehnert, Martin Rector, Marcus Roloff, Ulf Stolterfoht, Sandra Trojan und Henning Ziebritzki

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52. Originalität

Der am wenigstens originelle Gedanke ist dieses Abstreiten von Originalität. Die Kritik stellt sich oft selbst ein Bein, wenn sie davon besessen ist, daß alles nur geborgt sei. Nach dieser Theorie gab es nie einen originellen Ton. Dichter, sagt man uns, werden geboren, nicht gemacht; aber die Poesie wird offensichtlich nie geboren sondern stets gemacht. / Israel Abrahams: The Book of Delight and Other Papers. Hebrew Love Songs (bei der Frage, ob Theokrit das Hohelied der Bibel gekannt haben muß)

51. Nikolaus Dominik und Arnold Leifert gestorben

Mit Nikolaus Dominik und Arnold Leifert sind in den vergangenen Tagen zwei Lyriker gestorben, deren Gedichte seit vielen Jahren in Anthologien, Zeitschriften und Einzeltiteln veröffentlicht wurden.

Für den 1951 in Amberg geborenen Nikolaus Dominik waren nach eigenen Bekundungen die Lust am Sprachexperiment und der spielerische Umgang mit dem Wort Ausgangspunkte seines literarischen Schaffens. In stilistisch an August Stramm erinnernden Gedichten tauchen immer wieder erotische und religiöse Motive auf, die durch Dominiks eigenwillige kraftvolle Diktion eine besondere Note erhalten („ein Unterleiben flammt/ins Hirn“ aus „Kuss“; „ein Pfarrer kelcht/engelt ein wenig“ aus „Orgie“). Eine Auswahl der Gedichte Nikolaus Dominiks, der zuletzt in München lebte, erschien 2009 unter dem Titel „DNA vom Papst“.

Arnold Leifert wurde 1940 in Soest geboren. Neben Prosa- und Hörspielarbeiten hat er vor allem Lyrik geschrieben. Leifert begann in den siebziger Jahren mit oftmals politisch orientierten Gedichten („Signale im Verteidigungsfall“, 1974) und verfaßte später Naturlyrik (u. a. „Damit der Stein wächst“, 1994) – subtile poetische Meditationen, in denen neben präzisen Beobachtungen des Werdens und Vergehens in der Natur auch deren Gefährdung durch den Menschen nicht ausgespart wird („Kraftfahrzeuge behaupten/ihr Recht auf Schneisen/in unserm Wald“ aus „Präparation“). In seinem letzten Wohnort Much (bei Köln) gibt es seit einigen Jahren einen Wanderweg mit Gedichttafeln Arnold Leiferts. / AK

Nachruf: Extra-Blatt

50. Lektüre Dantes

Lektüre Dantes (Mandelstam) 

Die Lektüre Dantes ist vor allem eine uns nach Maßgabe unserer Erfolge vom Ziel entfernende Arbeit ohne Ende. Wenn die erste Lektüre nur ein Jappen und eine gesunde Müdigkeit hervorruft, so versehe man sich für die folgenden mit einem Paar haltbarer Schweizer Nagelschuhe. Nicht zum Spaß kommt mir die Frage in den Kopf, wie viele Absätze, wie viele rindslederne Sohlen, wie viele Sandalen Alighieri während seiner dichterischen Arbeit abgetragen hat, unterwegs auf den Ziegenpfaden Italiens.

Ossip Mandelstam, aus: Gespräch über Dante. Russisch und Deutsch. Übersetzt von Norbert Randow. Leipzig und Weimar: Gustav Kiepenheuer 1984, S. 15.

Чтение Данта есть прежде всего бесконечный труд, по мере успехов отдаляющий нас от цели. Если первое чтение вызывает лишь одышку и здоровую усталость, то запасайся для последующих парой неизносимых швейцарских башмаков с гвоздями. Мне не на шутку приходит в голову вопрос, сколько подметок, сколько воловьих подошв, сколько сандалий износил Алигьери за время своей поэтической работы, путешествуя по козьим тропам Италии.

Aus: Lyrikwiki

49. „Leicht hat es die Lyrik nicht,“

und fast versteht man warum, wenn man weiterliest:

… sich Gehör zu verschaffen auf dem belebten Platz zwischen Theater und Tinguely-Brunnen. Das Plätschern des Wassers, die Tram, die in kurzen Abständen vorbeifährt, das Klingeln eines Handys, das Stimmengewirr der Leute. Immer wieder dringen Alltagsgeräusche ans Ohr, während die Dichter unter einem weißen Zeltdach ihre feinsinnigen Texte vortragen. „Auf die leisen Töne achten…“ heißt es so sinnig in einem Gedicht von Anton Schmid, der zur Mittagszeit an der Lese-Reihe ist. / Badische Zeitung

feinsinnig, leise, sinnig: na eben drum doch, liebe Leute! Weil ihr denkt, Lyrik sei feinsinnig, leise sinnig. Nein, bei Lyrik sollt ihr zusammenzucken: FRISS ANANAS, BÜRGER, UND HASELHUHN / WIRST BALD DEINEN LETZTEN SEUFZER TUN. (Majakowski). Oder so: ÜBERS NIEDERTRÄCHTIGE / NIEMAND SICH BEKLAGE / DENN ES IST DAS MÄCHTIGE / WAS MAN DIR AUCH SAGE. (Goethe). Oder: DES CORDUANERS / ZEILE LÖST DIR DIE HERZHAUT AB (Bobrowski: Góngora). Oder: AM BESTEN VÖGELT DOCH / EIN HINKEBEIN (Mimnermos)

48. Google

Leute, die sich teure Anwälte leisten können, wie Bettina Wulff und Sascha Lobo*, versuchen uns einzureden, daß Google die Wurzel des Bösen ist. (Im Fall Wulff: bis vorgestern wußte ich nichts von irgendwelchen Gerüchten um diese Dame, sie selber hat es mir serviert und ich muß nun bis zum Erbrechen schlucken. Bin aber immer noch nicht interessiert, und Ihr Buch kaufe ich garantiert auch nicht!). Wies aussieht, handelt es sich um schäbigste Parteiintrigen; aber deutsche Politiker und Leitmedien haben sich auf das böse Internet eingeschossen. Wenn sie Erfolg haben, habe ich den Schaden (obwohl ich mich auch dann nicht für Frau W.s Vorleben interessieren werde).

Einen kleinen Erfolg indes kann ich melden. Sucht man jetzt bei Google nach „Dürener Förderstipendium„, findet man auch die Lyrik.**

*) Wer sich interessiert: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/sascha-lobo-das-internet-ist-nicht-schuld-a-853752.html / http://www.cicero.de/berliner-republik/sascha-lobo-angst-vorm-netz-ist-nicht-voellig-unberechtigt/48173?seite=2***

**) Daß man Interessengruppen und Großkonzernen auf die Finger schauen muß, also auch Google, steht auf einem andern Blatt. Ich bezweifle nur, daß Wulff und Spiegel meinen Interessen dienen.

***) Ob sich auch der Herr teure Anwälte leisten kann, weiß ich nicht. Jedenfalls steht es jetzt bei Google. Aber da steht vieles. Glaube nicht alles, was du auf Papier oder virtuell lesen kannst, ist doch klar.

47. Stadtschreiberin

Barbi (Barbara) Marković war Grazer Stadtschreiberin. Zum  1. September 2012 geht das Amt  an Dana Ranga, die nun für ein Jahr das Cerrini-Schlössl bewohnen darf. / literaturhaus graz

46. Beschriftung

Graz, Alexanderplatz ist die Bestandsaufnahme der Beschriftung der drei Grazer Plätze Jakominiplatz, Hauptplatz und Griesplatz zwischen November 2011 und Februar 2012. Barbi Marković hat dort jeweils sämtliche Werbesprüche, Warnungen, Graffitis, Anzeigen etc. per Hand abgeschrieben. Den Hinweis, dass der Verstoß gegen das Taubenfütterungsverbot mit bis zu 218 Euro bestraft wird; eine längere Eloge auf den Penis; im Jänner am Griesplatz hundertmal „Aspro + C“. In Graz, Alexanderplatz steht nun die größte Plakatschrift gleichwertig neben der winzigsten Liebesbotschaft, durch die übergangslose Aneinanderreihung der Mitteilungen der Stadt entstehen komische, manchmal auch entlarvende Kippbilder. Es ist ein Buch mit voyeuristischem Potenzial. / literaturhaus graz

45. Nachbeben

Montag, 24. 09. 2012
20.00 Uhr
Literaturhaus Graz

Reihe PREMIERE
Nachbeben Japan

Es lesen Ann Cotten, Elfriede Czurda und Erwin Einzinger aus der Anthologie Nachbeben. Japan (Luftschacht 2012).
Moderation: Cornelius Hell

 

Zwölf österreichische Schriftsteller schreiben über Japan. Von kulturell Befremdlichem oder Bekanntem bis hin zur Frage, wie sich ein weiterer japanischer Name in die Toponymie der nuklearen Negativ-Gedenkkultur einreihen konnte. Alle beteiligten Autoren wurden von verschiedenen Institutionen zu Literaturveranstaltungen nach Japan eingeladen, manche haben einige Monate dort gearbeitet. Der Zeitraum einer etwa zweiwöchigen Lesereise oder einer einsemestrigen Gastprofessur reichte keinesfalls aus, um Japanexperte zu werden, wohl aber dazu, eine Distanz zum Eigenen in der Begegnung mit dem japanischen anderen zu bekommen. Allen ist gemeinsam, die Dreifachkatastrophe vom 11. März 2011 mit einer anderen Nähe und Involviertheit erlebt zu haben als jemand ohne diesen Bezug. Diese Anthologie bietet zwölf persönliche Antworten auf die Frage, wie man sich an das Land erinnert, in dem Akira Kurosawas (Alb-)Träume des Fujiyama in Rot teilweise Realität geworden sind. (zu: Nachbeben Japan, Luftschacht)

44. Dürener Förderung

Die Stadt Düren hat einen Namen in der Kunstförderung. Eine private Stiftung vergibt u.a. Stipendien an junge Künstler, die 2 Jahre lang jeden Monat 1250 Euro erhalten und, man höre, „Die Stipendiaten sollten möglichst im Umkreis von etwa 1.000 km von Düren leben und arbeiten.“ Sollten, möglichst“…, damit können viele leben. (Quelle)

Von einem Dürener Förderstipendium für Lyrik konnte ich bei Google nichts finden. Und doch scheint es zu existieren. Die Edition Azur informiert bei Facebook über ein Förderstipendium für Nancy Hünger in Höhe von 6000 Euro. So, nun findet es auch Google (wenn es nicht von Frau Wulff geschlossen wird).

Im Bereich Literatur des Kunstfördervereins bildet die Lyrik zweifelsohne den Schwerpunkt der Arbeit. Neben der Kammermusik ist sie die zweite tragende Säule der Kulturarbeit des Vereins.
Begonnen wurde die Reihe „Der Lyrik eine Gasse“ im September 2002 mit einer Lesung von Sarah Kirsch im Töpfereimuseum in Langerwehe. Danach sind wir aus räumlichen Gründen nach Schloss Burgau umgezogen. Dort stellt uns die Stadt Düren als Veranstaltungspartner den Konzertsaal für Lesungen zur Verfügung. In dieser Reihe waren viele berühmte Namen in Düren zu Gast. Zu nennen sind u.a. Hilde Domin, Christoph W. Aigner , Durs Grünbein, Arnold Stadler, Ulla Hahn, Silke Scheuermann, Dirk von Petersdorff, Jan Wagner, Raoul Schrott, Wolf Wondratschek und Norbert Hummelt. / Kunstförderverein Düren

Mehr:

Seit der Gründung des Vereins „Heinrich-Böll-Haus Langenbroich e.V.“ im Jahr 1989 konnten inzwischen über 150 Schriftstellerinnen und Schriftsteller, bildende Künstlerinnen und Künstler, Komponistinnen und Komponisten aus Asien, Afrika, Lateinamerika, Südost- und Südeuropa in das ehemalige Wohnhaus der Familie Böll in der Eifel eingeladen werden.
Die bewährte Zusammenarbeit zwischen der Heinrich-Böll-Stiftung, der Stadt Düren und dem Land Nordrhein-Westfalen ermöglichte den aus vielfach bedrängten Situationen kommenden Gästen, für einige Zeit finanziell abgesichert und frei von staatlicher Kontrolle oder Verfolgung kreativ und ungestört arbeiten zu können. Zusätzlich konnte 2003 die Zusammenarbeit in einem europaweit entstandenen Netzwerk von Institutionen, die politisch verfolgten Autorinnen und Autoren Hilfe anbieten, konnte erfolgreich fortgesetzt werden.

Gäste im Böllhaus kamen 2012 aus Syrien, Bahrein (Qassim Haddad), Rußland und Serbien. / mehr

Peill-Stiftung

In Düren geboren: Bruno Hillebrand, Michael Lentz (sowie etliche Fußballer, Politiker vieler Couleur etc.)

Zeitweilig in Düren lebten: Karl der Große, August Stramm

43. Schweizer Lyrik

Wieviele Namen fallen dem Leser ein? Eine in Kürze erscheinende englische Anthologie versammelt eine beeindruckende Liste von Lyrikern des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts – nicht nur im Umfang, sondern auch im Gewicht der Namen aus den vier Hauptsprachen des Landes. Darunter sind:

Blaise Cendrars, Hugo Ball, Jacques Chessex, Hans Arp, Gerhard Meier, Philippe Jaccottet, Adelheid Duvanel, Arno Camenisch, Giorgio and Giovanni Orelli, Urs Allemann, Claire Genoux, Robert Walser, Maurice Chappaz, Fabio Pusterla, Regina Ullmann, Eugen Gomringer, Rainer Brambach, Kurt Marti, Silja Walter, Erika Burkart, Klaus Merz, Armin Senser, Felix Philipp Ingold und Raphael Urweider. „Die ideale Einführung in eine unterschätzte und eigenständige Kraft in der Weltliteratur, die an den Wurzeln vieler der einflußreichsten literarischen Bewegungen steht, seien es traditionelle oder experimentelle“, schreibt der Verlag.

MODERN AND CONTEMPORARY SWISS POETRY. An Anthology. Edited by Luzius Keller
(Collection Swiss Literature Series)

42. lyrikline – eine große Biblio- und Audiothek der Weltlyrik

Übersetzungen und vom Autor oder der Autorin in Originalsprache gesprochen.

Sie finden auf lyrikline.org 7520 Gedichte von 822 Dichtern aus 57 Sprachen und über 10.250 Übersetzungen  in 55 Sprachen!

2012 hinzugekommene Stimmen:

Kyriakos Charalambidis (Griechisch)
am 29. August 2012

Daniel Falb (Deutsch)
Christian Steinbacher (Deutsch)
Judith Zander (Deutsch)
am 13. August 2012

Bert Papenfuß (Deutsch)
am 06. Juli 2012

Rajko Djurić (Romani)
am 28. Juni 2012

Linda Maria Baros (Französisch)
Dorothée Volut (Französisch)
am 23. Mai 2012

Dmitrij Golynko (Russisch)
Jazra Khaleed (Griechisch)
am 26. April 2012

Garouss Abdolmalakian (Farsi)
Baktash Abtin (Farsi)
Behzad Khajat (Farsi)
Mansour Momeni (Farsi)
am 24. April 2012

Édith Azam (Französisch)
Arno Calleja (Französisch)
Albane Gellé (Französisch)
Pascal Poyet (Französisch)
am 23. April 2012

Sam Hamill (Englisch)
am 11. April 2012

Ali Babatschahi (Farsi)
Luis Chaves (Spanisch)
Christian Filips (Deutsch)
Martín Gambarotta (Spanisch)
Fiston Mwanza Mujilla (Französisch)
Arseni Rovinski (Russisch)
Vital Ryzhkou (Belarussisch)
Maya Sarishvili (Georgisch)
am 21. März 2012

Andre Rudolph (Deutsch)
Tom Schulz (Deutsch)
Uljana Wolf (Deutsch)
am 01. März 2012

Carles Duarte (Katalanisch)
Màrius Sampere (Katalanisch)
Enric Sòria (Katalanisch)
am 23. Februar 2012

Ákos Györffy (Ungarisch)
Attila Jász (Ungarisch)
am 10. Februar 2012

Dorta Jagić (Kroatisch)
Miroslav Kirin (Kroatisch)
Miloš Đurđević (Kroatisch)
am 12. Januar 2012

41. Tomas Venclova 75

Es muss für ihn ein besonderer Schock gewesen sein. Tomas Venclova, Amerikaner nicht ganz aus eigener Wahl – die Sowjetunion hatte ihn ausgebürgert -, dieser Wanderer aus der Alten Welt feierte an jenem 11. September wie jedes Jahr Geburtstag. (…)

Einige Zeit später, zu Silvester, saß der Dichter, wie er erzählt, bei Freunden in New York im Restaurant „Russian Samovar“. Seine Gedanken wanderten zurück zum Zweiten Weltkrieg – auch er ein Septemberkind. Audens Gedicht „1. September 1939“ kam ihm in den Sinn. Auch Auden hatte damals hier gesessen, in der Fifty-second Street. Venclova griff zur Feder und schrieb das Gedicht „Anno Domini 2002“. Eine fatalistische, wohl auch kulturkritische Reflexion über den Beginn einer neuen Zeitrechnung, über die Freiheitsstatue, „die Dame aus einer längst verlorenen Partie“, über die Rückkehr der Menschheit in einen Zustand des Krieges, der ja „ursprünglicher“ sei als der Friede. Auch über den jungen Mann, der irgendwo in Armut in seinem Zelt schläft und von einem großen Fliegerangriff träumt. „Wir haben ihn dazu gemacht“, heißt es weiter, „jetzt beginnen wir dafür zu zahlen“. Wir, unsere Zivilisation des Hochmuts. / Gerhard Gnauck, Die Welt

40. Taliban-Poesie

„Ein Gewehr und einen Dolch in der Hand, so ziehe ich in die Schlacht, ich bin ein afghanischer Mujahedin … „

So heißt es in einem Taliban-Gedicht, veröffentlicht in einem Buch, das in diesem Jahr in London erschienen ist. Das Gedicht eines Taliban-Kämpfers – er sagt da:

„Vielleicht werde ich hundert Mal für meine Heimat sterben
Ich habe meine Religion, ich habe meinen Glauben, und das Recht des heiligen Koran,
Jeder, der mich falsch anschaut, wird für immer verloren sein.
Ich bin ein afghanischer Mudschaheddin.

Afghanistan-Wissenschaftler Felix Kühn hat dieses Gedicht zusammen mit etwa 200 anderen in dem Buch „Poetry of the Taliban“ veröffentlicht, er hat in lange Zeit in Kandahar im Süden Afghanistans gelebt.

/ DLR

39. Jeffrey Yangs Bestiarium

Im Mittelalter verstand man unter einem „Bestiarium“ eine Dichtung, die typisch menschlichen Eigenschaften und Schwächen im Bild der Tiere einen Spiegel vorhält. Diese Form barg ein derart vielsagendes Potential, daß sie in der Neuzeit von Guillaume Apollinaire, Franz Blei, Jorge Luis Borges und anderen aufgegriffen und weiterentwickelt wurde. Der erste Gedichtband des Amerikaners Jeffrey Yang ist ein solches Bestiarium für das noch junge 21. Jahrhundert. Und was für eines! (…)

In einem seiner berühmtesten Gedichte hatte D.H. Lawrence ausgerufen: „Man sagt, das Meer ist kalt, aber das Meer beherbergt das heißeste und wildeste und dringlichste Blut von allen.“ Wen treffen wir also? Dinoflagellaten, Foraminiferen, Mormyriden und Glassalmler. Doch das Aquarium ist eine Metapher für den Planeten, der durch den Raum schwimmt, darum begegnen wir nicht zuletzt dem italienischen Guerillakämpfer Giuseppe Garibaldi und dem Dichter Kenneth Rexroth. Oder den USA, „ein Fisch mit einem Kreislaufsystem aus schwarzem Gold“. Oder „Google, ein Bewusstseinsmeer. / Das Meer wird kleiner, dehnt es sich aus. / Wie Oz: das klügste Wesen, / das nichts weiß.“ So steht alles zueinander in Verbindung, ein Ökosystem menschlichen Wissens, das letztlich nur zu der Erkenntnis führt, daß die Dinge auch ohne uns d— und vielleicht besser — existieren, jedenfalls dem abschließenden Zitat von Sir Thomas Browne zufolge: Alles also in Verbindung, verknüpft, verkettet, von Horizont zu Horizont: Philosophie (östliche und westliche), Naturwissenschaft, Religion, Geschichte, Kunst, Literatur, Politik.

Zuweilen fühlt man sich ein wenig an Ezra Pounds „Cantos“ erinnert, nur kondensierter und im Kleinformat. Nichts ist jedoch epigonal, im Gegenteil, der Band ist erfrischend in der Abwesenheit emotionalen Geplänkels und leblos wirkender Artistik, ein dynamisches Debut, wie es auch in den Vereinigten Staaten selten geschieht. / Jürgen Brôcan, fixpoetry

Jeffrey Yang: Ein Aquarium. Aus dem Englischen übersetzt von Beatrice Faßbender. Gedichte. Englische Broschur, 96 Seiten, 19.00 Euro, ISBN: 978-3-937834-57-3. Berenberg Verlag, Berlin 2012.