26. Auszeichnung

Der Kulturpreis Gouden Ganzenveer (dt. Goldene Gänsefeder) geht 2013 an den niederländischen Dichter und Schriftsteller Ramsey Nasr. Er erhält den Preis aufgrund seiner Vielseitigkeit. …

Ramsey Nasr, 1974 als Sohn einer Niederländerin und eines Palästinensers in Rotterdam geboren, debütierte erst 2000 mit dem Sammelband 27 gedichten & Geen Lied als Dichter. 2005 wurde er zum Stadtdichter von Antwerpen (Flandern, Belgien) benannt und seit 2009 trägt er den Titel Dichter des Vaderlands. …

Die Akademie De Gouden Ganzenveer verleiht den Preis an Ramsey Nasr, weil es ihm gelingt „sich vieler Stile zu bedienen. Gerade weil dieses Phänomen nicht durch die klassischen Literaturpreise ausgezeichnet wird, ist die Akademie der Meinung, dass er für die Gouden Ganzenveer in Betracht kommt.“ / NiederlandeNet, Uni Münster

25. Schon wieder

Die Wellen schlagen wieder einmal hoch. Soviel Bekennermut. Was gesagt werden muß. Was man noch sagen dürfen muß. (Daran erkennt man sie ja, sie brauchen eine Erlaubnis.) Und dann lacht er uns noch aus. Da, schon wieder! Abwechselnd bei Springer, typisch! und den Linksradikalen:

Sind so kleine Deutsche

Von Wiglaf Droste

Ich höre sie jammern,
sie dürften als Deutsche
in Deutschland nichts gegen
Israel sagen.

Das dürfen sie aber,
es tun auch fast alle,
und können dann nicht mal
ein Echo vertragen.

Das Schlimmste an all dem
Germanengegreine:
Man kriegt nicht nur Gallen-,
sondern auch Aug- und Martensteine.

(Aus: junge Welt 8.1.)

24. Langsame Gerechtigkeit

Victor Jara war ein Volkssänger, der den Ton einer Zeit traf, die Veränderung wollte. ‚Ich singe nicht, um zu singen‘, sang Victor Jara. Das Singen müsse einen Sinn haben. Den Sinn sah er in der Veränderung sozialer Ungerechtigkeit in Lateinamerika, da war er sich einig mit dem Dichter Pablo Neruda, dessen Gedichte er vertonte. Als die Chilenen 1971 eine linkssozialistische Regierung unter Salvador Allende wählten, wurde Jara so etwas wie der offizielle Sänger des Landes. Er tourte durch die Welt, wurde ein Star mit seiner sanften Stimme und den weichen, durchdringenden Augen, die ihn zum Frauenschwarm machten. Nach dem Putsch des Generals Augusto Pinochet gegen Allende 1973 wurde Jara verhaftet. Man brachte ihn ins Estadio Chile, ein Stadion in Santiago, wo 5000 Putschgegner gefangen gehalten und gefoltert wurden.

Was er sah, beschrieb Jara im Stadion in seinem letzten Gedicht: ‚Sie führen ihre Pläne mit der Präzision von Messern aus. Ihnen ist alles gleich. Für sie ist Blut wie ein Orden, Schlächterei eine Heldentat.‘ Er beschrieb die Qualen seiner Mitgefangenen: ‚einer geschlagen, wie ich nie geglaubt hätte, dass ein Menschenwesen geschlagen werden kann‘. Schließlich kam er selbst an die Reihe. Seine Peiniger brachen ihm die Hände, damit er nicht mehr Gitarre spielen konnte. Am Ende töteten sie ihn mit 44 Schüssen, so viele hielten sie für nötig, um einen Sänger zum Verstummen zu bringen. / Sebastian Schoepp, Süddeutsche Zeitung 31.12.

Jetzt, fast 40 Jahre später, wurde Haftbefehl gegen einen der Mörder erlassen. Er ging 1990 in die USA und ist jetzt untergetaucht.

23. Hochrisikounternehmen

Zum Ende des Jahres fanden Kühn und Lux dann eine Investorin, die vorerst ungenannt bleiben will. Aus der auf Christian Lux eingetragenen Personengesellschaft wird noch im Laufe dieses Monats eine GmbH, jeder der zukünftig drei Gesellschafter hält dann ein Drittel der Anteile, Kühn und Lux werden Geschäftsführer.

Davon, dass der gemeinsam gefasste Plan aufgeht, sind Kühn und Lux überzeugt. „Wir haben immer auf das gehofft, was jetzt möglich ist.“ Luxbooks’ neuer Teilhaberin liege die Lyrik besonders am Herzen, sie habe das Programm von Anfang an verfolgt. Mehr noch: Sie hätte nie in einen Verlag investiert, der keine Lyrik herausbringe. Die Geldgeberin weiß also, worauf sie sich einlässt – auf das, was Lux das „Hochrisikounternehmen“ nennt, das ein Verlag heutzutage nun einmal sei, ein kleiner Verlag mit einer Vorliebe für Gedichtbände erst recht.

(…) In diesem Frühjahr kommt zudem „Re-Print“ heraus, eine Anthologie, die sich mit der literarischen Appropriation beschäftigt, einer lyrischen Richtung, die sich fremde Texte aneignet und erhellende Verfremdungseffekte erzielt, indem sie das Ausgangsmaterial fast nicht verändert, aber in irren Kombinationen neu zusammenstellt oder von einem Text nur die Satzzeichen stehenlässt. Es ist die in aller Welt erste Anthologie der Bewegung, mit mehr als 500 Seiten und 400 farbigen Abbildungen, an denen Kühn und Lux zusammen mit der Herausgeberin seit anderthalb Jahren arbeiten. / Florian Balke, FAZ

22. Bemühte Naturlyrik u.a. Schätze

In der Tageszeitung junge Welt Kai Pohls „große Literaturzeitschriftenrundschau“. Darin u.a.:

Edit

Kompliziert wird der Spaß im Ecopoetics genannten einzigen Lyrikteil des Heftes. Hier sinniert Forrest Gander über die müßige Frage, ob Dichtung ökologisch sein kann, und Anja Utler stolpert über poetisch-ökologische Aufbruchskanten. Schön, daß zum Ende wenigstens Gary Snyder »kalte Schneeschmelze aus einem Alubecher« trinkt.

Krachkultur

Mit dem Abdruck des Essays »Pornographie in Norwegen von der Wikingerzeit bis heute« des norwegischen Anarchisten Jens Bjørneboe beweist Krachkultur, daß Zeitschriftentexte einen Anspruch auf Exklusivität haben. (…) Beim Lesen des erwähnten Essays aus dem Jahr 1967 entsteht der Eindruck, »als würde der Autor über die psychosexuelle Gesinnungslage des Utoya-Attentäters oder des durchschnittlichen NPD-Anhängers von heute berichten« (aus der Pressemitteilung).

Krautgarten

In der eher des Antifaschismus verdächtigen Zeitschrift Krautgarten, dem Organ der »deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens«, finden sich in der Novemberausgabe Gedichte des bekennenden Rechten (…) Martin Mollnitz alias Heino Bosselmann. In einer Polemik, die der Freitag am 6. Mai druckte, machte der Autor kurzen Prozeß mit der »neuen Lyrik« (oder dem, was er dafür hält): Sie sei das »Diktat des Mittelmäßigen«, ein »Übermaß an hohlem Geräusch«, »armseliges Gedöns« etc. Mollnitz’ Gedichte im Krautgarten belegen, daß sie selbst an den von ihm beklagten Mißständen leiden. Augenfällig ist die »bemühte Naturlyrik«: »über kahlem feld … nebel überall nebel … das wiehern verendender pferde / und raben raben raben … die krähen haben die äcker für sich … es nebelt nur so … die aale ziehen flußabwärts«, etc.

Nicht nur zahlreiche Leser, auch manche Verfasser von Gedichten begreifen Lyrik als ein Medium für den entrückten, gehobenen Sprachgebrauch. Im Krautgarten manifestiert sich das in der Hälfte aller Gedichtbeiträge, wo in beinahe jedem Poem das Wort Himmel auftaucht, und fehlt der Himmel, dann sind es wahlweise das Blau, die Wolken, die Sonne, das Licht bzw. Firmament, Horizont, Äther, Abglanz, Geblitz, Leuchten etc. Manches geht aber gut los. So läßt der frischgekürte Walter-Bauer-Preisträger André Schinkel in seinem Dreiteiler »Die Dünung des Leibs« zwei Wesen »übereinander herfalln«, bis »die Nippel glühn«, bis – leider, leider – die Verse »An den Gebresten / Der Tage« versanden.

Randnummer

Sehr schön ist jedenfalls das Interview »Nein« von Mara Genschel, der »wohl erste[n] und einzige[n] Textnegatorin deutscher Sprache«. Das Problem der Randnummer besteht in ihrem Gewicht: 530 Gramm* bei 256 Seiten, die allerdings sehr großzügig gesetzt und aus schwerem Bilderdruckpapier sind, so daß sich durchaus Einsparpotential ergeben hätte!

Signum

Gewidmet ist es dem 1992 freiwillig aus dem Leben gegangenen Schriftsteller Manfred Streubel. Für den unbefangenen Leser bleibt es ein Rätsel, wieso Streubel, weder »Dissident« noch »Mitläufer«, als »Außenseiter« bezeichnet wird; derselbe Streubel, der Anfang der 1950er Jahre, nach einem Volontariat bei der jungen Welt, als Redakteur der Kinderzeitschrift Frösi tätig war; derselbe Streubel – Hausautor beim Mitteldeutschen Verlag, ein gutes Dutzend Bücher, diverse Preise, Mitarbeit beim Film, Lyrikvertonungen, mehrere aufgeführte Theaterstücke, der den Text zum Lied der jungen Naturforscher schrieb – vielleicht ein früher Fall von Ecopoetic!

Hefte für Neue Prosa

Darin findet sich u.a. ein spannendes Gespräch, das Florian Neuner mit Jürgen Ploog führte. Der Altmeister der deutschsprachigen Cut-up-Literatur gibt darin zu bedenken: »Es gibt kaum Verlage, die sich um Abseitiges, Unangepaßtes kümmern, kaum Zeitschriften, die sich Andersartigem annehmen. Die deutsche Mentalität neigt dazu, sich romantisch zu stilisieren. Sie will anders und dagegen sein, ohne das zu artikulieren und sich dazu zu bekennen.«

21. Basler Lyrikpreis an Elisabeth Wandeler-Deck

Der Basler Lyrikpreis wird jährlich vom Verein Internationales Lyrikfestival Basel verliehen. Er zeichnet ein Werk aus, das die zeitgenössische Lyrik mit neuen Impulsen bereichert und mit Konsequenz und Originalität sowie einem hohen formalen und ästhetischen Anspruch überzeugt.

Der Basler Lyrikpreis ist mit Fr. 10’000 dotiert und wird mit freundlicher Unterstützung der GGG Basel vergeben.

Der Basler Lyrikpreis 2013 geht an Elisabeth Wandeler-Deck

Elisabeth Wandeler-Deck entwirft in ihren Gedichten neue Sprachräume, mit deren Inventar sie Erlebniswelten erkundet und vermisst. Sie gibt die Sprache, mit der wir vertraut sind, nicht auf, aber sie verschiebt und verdichtet deren Gesetze und Regeln von Zeile zu Zeile, von Text zu Text. Ihr lyrisches Werk steht dabei in engem Zusammenhang mit musikalischen Ausdrucksformen. Elisabeth Wandeler-Deck publiziert seit gut dreissig Jahren regelmässig und hat neun Gedichtbände veröffentlicht.

Bisherige Träger des Basler Lyrikpreises

2012   Klaus Merz
2010   Werner Lutz
2009   Felix Philipp Ingold
2008   Kurt Aebli

Grusswort: Thomas Schmid, Vorsteher GGG

Laudatio: Wolfram Malte Fues

20. Sprichwörter der Kaïrenser

Aus: Geschichten und Lieder der Afrikaner. Ausgewählt und verdeutscht von A. Seidel, Sekretär der Deutschen Kolonialgesellschaft, Herausgeber der Zeitschrift für afrikanische und ozeanische Sprachen. Berlin: Verein der Bücherfreunde. Schall & Grund, (1896), S.  39-41.

7 von 32 numerierten Sprichwörtern (die in Klammern hinzugefügten Erläuterungen habe ich weggelassen).

3. Seine Katze ist ein Kamel.

6. Zwanzig sind bei Nacht neun.

10. Sie haben ein „Wenn“ auf ein „Vielleicht“-Feld gesät, und es ist ein „Nichts“-Baum gewachsen.

14. Wenn dein Freund von Honig ist, lecke ihn nicht ganz auf.

18. Wer’s nicht kennt, sagt, es sind Linsen.

24. Verdorbene Augen sind besser als Blindheit.

29. Thue Gutes und wirf es ins Meer.

19. [Heutzutage]

To whom do I speak today?
Brothers are evil,
Friends of today are not of love. . . .
To whom do I speak today?
There are no righteous,
The land is left to those who do iniquity.

Zu wem soll ich heute sprechen?
Die Brüder sind böse,
Freunden kann man heute nicht mehr trauen. …
Zu wem soll ich heute sprechen?
Es gibt keine Rechtschaffenen mehr,
Das Land gehört denen die Böses tun.

Die Klage ist 4000 Jahre alt. Den englischen Text fand ich in Bartlebys „Familiar Quotations“, 14. Ausgabe 1968 (1. 1855). Als Quelle wird dort angegeben: Papyrus, 2000 v.Chr., Berliner Museum. Da die Quelle alt und die Überlieferung über die Zeiten und Räume flatterhaft ist, habe ich den englischen Text frei übersetzt.

Eine deutsche Fassung unter dem Titel „Die Gedichte des ‚Lebensmüden'“ in: Altägyptische Dichtung. Ausgewählt, übersetzt und erläutert von Erik Hornung. Stuttgart Reclam 1996, S. 106-109. Die Anmerkung dort: „Auszug aus einem Werk, das wie die Klagen zur ‚Auseinandersetzungsliteratur‘ des Mittleren Reiches gehört und nur in einer einzigen Handschrift, dem Papyrus Berlin 3024 aus der 12. Dynastie (um 1800 v.Chr.), erhalten ist. Auch als ‚Gespräch eines Mannes mit seinem Ba‘ bekannt, wurde der Text erstmals 1896 durch A. Erman bearbeitet (…).“ (Ba ist bei den alten Ägyptern einer der Bestandteile der „Seele“, etwa die Persönlichkeit oder Individualität). Hier eine Abbildung des Papyrus 3024. Hier eine englische Ausgabe des Handbook of Egyptian Religion von Adolf Ermann, 1907, hier die deutsche von 1905.

Ich nehme es als poetische Definition unter „Heutzutage“ (die Überschrift ist eine Zutat von mir) in mein Diktionär und als Gedichtfragment in meine Anthologie.

18. Poetopie

die Maschine setzt an zur Landung, die Erwartungen steigen – was auf uns zukommt, was nicht: eintreffen wird, was verborgen in uns schon steckt, wir müssen es nur entfalten

Hansjürgen Bulkowski

17. Vor 550 Jahren

Heute vor 550 Jahren wurde François Villon aus Paris verbannt.

Kein Poet vor François Villon hatte so selbstbewusst „Ich“ gesagt. Das macht ihn zum ersten modernen Dichter an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit. Seine Verse sind erhalten, doch er selbst hat nur wenige Spuren hinterlassen – hauptsächlich in Gerichtsakten. (…)

Nachdem Villon drei Jahrhunderte lang wegen seiner Obszönitäten und zweifelhaften Moral wenig beachtet* worden war, begeisterten sie sich gerade deshalb für ihn. Als genialen Verbrecher, poetischen Rebellen und frühen Bohemien. Paul Verlaine und Arthur Rimbaud identifizierten sich mit dem poète maudit, dem verfluchten Dichter, Villon. Ezra Pound und Claude Debussy setzten ihm musikalische Denkmäler. / Ulrike Rückert, DLF

*) Aber immerhin hat man sein umfangreiches Werk abgeschrieben und über die Jahrhunderte immer wieder in hohen Auflagen ediert. Was will man mehr?

Heute ist er im Deutschen vielleicht am bekanntesten durch den Vortrag Klaus Kinskis. Aber Vorsicht: Nicht nur sind die von Kinski benutzten Nachdichtungen von Paul Zech sehr frei, sondern Zech mischt eigene Gedichte unter seine Übersetzungen. Das – auch durch Kinski – beliebte „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“ ist eine freie Erfindung Zechs.

Lustig diese Aussage aus dem deutschen Wikipedia-Artikel:

Heute sind viele Collèges in Frankreich nach ihm benannt, wobei die jeweils hierfür Verantwortlichen nicht immer gut über seine Person informiert gewesen sein dürften.

Wers glaubt! Ich halte es für unwahrscheinlich, daß jemand in Frankreich nicht über das kriminelle Leben des Dichters unterrichtet ist – schließlich handelt auch das Werk wesentlich davon. Es ist wohl eher so, daß man in Frankreich eine weniger verkrampfte Einstellung zu Dichtern hat und es nicht nötig, den Dichter zum moralischen Vorbild hochzustilisieren.

In Greifswald gibt es den Brief eines Germanisten, der vor der Umbenennung  der Hermann-Löns-Straße in Hans-Fallada-Straße warnt – weil er in seinem Leben kein Vorbild für die Jugend ist. Die Straße wurde trotzdem umbenannt! Auf Falladas Gefängnistür (er saß paar Wochen wegen Unterschlagung zwecks Narko-Finanzierung in Greifswald ein, ebenso wie später in Neumünster), die jetzt im Falladahaus in der Steinstraße 59 steht, werden jedes Jahr Kühlschrankpoesie-Wettbewerbe veranstaltet, und auch manche deutsche DichterInnen – ich muß das mal zusammenstellen – haben darauf gedichtet.

16. Prinzip der Gießkanne

Denn hier spricht ein Klassiker, noch wenn im Hintergrund seiner Texte der Feuerschein des nordirischen Bürgerkriegs flackert, noch wenn gleich die ersten Zeilen im Band ironisch die Fallhöhe aus dem Ideellen – gefasst im Anklang an den berühmten Chor aus Sophokles‘ «Antigone» – ins Hier und Jetzt spätbürgerlicher Zivilisation ausmessen: «Der Wunder sind viele. Der Wunder grösstes aber ist der Mensch, / Der den Terrier gezähmt, die Hecke gestutzt / Und das Prinzip der Giesskanne erfasst hat.»

Obwohl Mahon seit bald 50 Jahren publiziert und zu den derzeit bedeutendsten irischen Lyrikern zählt, ist die von Margitt Lehbert und Hans-Christian Oeser besorgte und übertragene Gedichtauswahl die erste, die von ihm in deutscher Sprache erscheint. Und obwohl der Dichter mithin dem hiesigen Publikum so gut wie unbekannt sein dürfte, haben die Übersetzer beschlossen, nur kargste Informationen mitzureichen: Eine biografische Notiz auf der Umschlagklappe, keine detaillierte Quellenangabe oder Datierung bei den Gedichten. Immerhin ist die Anthologie zweisprachig – das war unabdingbar im Falle dieses Lyrikers, dessen spielerisch-raffinierter Umgang mit Reim, Binnen- und Halbreim im Deutschen schwerlich einzuholen gewesen wäre; jedenfalls nicht in der fliessenden, gänzlich unangestrengt wirkenden Diktion, die Mahons Schaffen auszeichnet. / Angela Schader, NZZ 16.12.

Derek Mahon: Ovid auf Reisen. Ausgewählte Gedichte. Aus dem Englischen von Margitt Lehbert und Hans-Christian Oeser. Edition Rugerup, Berlin/Hörby 2011. 151 S., Fr. 28.40.

15. Quellenarbeit

Verfolgt man das endlose Gerede in Medien und Blogs und an den Stammtischen, mag man schon irre werden am Menschen und der Möglichkeit des Gesprächs, das wir seit Hölderlin* sind. Verwirrte Lehre zu verwirrtem Handeln, so faßte schon Goethe zusammen. In der Tat, mancher der Mitredenden handelt ja später, wie ers nicht besser hörte.

Wie wohltuend dann, in einem Gedichtbuch zu lesen. Das Gespräch mit einem Gedicht zu führen, das man mehrmals liest und bedenkt. Dabei beobachtend wie es selbst schon ein Gespräch zwischen seinen Zeilen und Worten ist. Wie es ins Gespräch mit den anderen Gedichten im Band tritt, und mit anderen, direkt oder indirekt, bewußt oder unbewußt zitierten Sätzen. Ein Stimmengewirr, in dem Ordnung und Chaos zugleich walten.

Die Gedanken kamen mir, als ich in Bertram Reineckes „Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst“ las. Ich las das Sonett „Ich zöger noch, mir jenen Kinderort“ und fand in der Anmerkung zur Entstehung dieses Gedichts, das auf einem Prosagedicht Jürgen Beckers basiert, Überlegungen des Autors zu alten und neuen Denkstrukturen. Dann ging ich zum fünfteiligen Titelgedicht, und hier fand ich dann in den Anmerkungen folgende Reflexion:

Damit man nicht in einen solchen Text wiederum seine Vorurteile über diese Zeit und deren Autoren hineinträgt, sondern deren Vorstellungen herausarbeitet, ist hier eine besonders strenge Quellenarbeit notwendig. So darf das Montageverfahren Inhalte nur neutral zusammenziehen und nicht durch geschickte Kombinatorik versuchen Witz zu erzeugen, wie es in den Texten nach der Centoregel geschieht.

Bertram Reinecke: Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst. Hrsg. Ulf Stlterfoht. (roughbook 019). Leipzig, Berlin und Solothurn, 2012, S. 81.

Ah danke. Abermals, abermals. Poetry made my day. Weggebeizt das bunte Gerede des An-/erlebten – das hundert-/züngige Mein-/gedicht, das Genicht.

*) Paulus / Gilgamesch

14. Auslegungen

Der Satz scheint einfach genug: The Soul selects her own Society. Aber wie so oft bei Emily Dickinson trügt der Schein. Werfen wir nur einen Blick auf einige deutsche Übertragungen der Gedichtzeile. «Die Seele wählt ihre eigne Gesellschaft» übersetzt Gertrud Liepe 1970. Lola Gruenthal schreibt 1987 von der «Seele, die sich selbst zu Gaste lädt» und ändert die Zeile zehn Jahre später zu «Die Seele sucht den eigenen Verkehr». Bei Beate Hellbach (1991) steht: «Die Seele wählt zur Gesellschaft sich allein», während Werner von Koppenfels‘ Fassung von 1995 und die von Gunhild Kübler aus dem Jahr 2006 den Satz transitiv interpretieren: «Die Seele wählt ihre Gesellschaft selbst» heisst es bei Koppenfels, «Die Seele wählt sich die Gesellschaft selbst» bei Kübler. Auch die jüngste Übertragung von Mirko Bonné weist in diese Richtung: «Die Seele sucht sich die Gesellschaft selbst».

Mithin haben wir zwei Auslegungen – Beate Hellbachs und die erste von Lola Gruenthal –, in denen die Seele das Konklave mit sich selber wählt; drei, die auf «Gäste» von aussen verweisen, bei Koppenfels, Kübler und Bonné, und zwei, die dazwischen liegen: Während auch Gruenthals zweite Version noch eher reflexiv anmutet, steht Gertrud Liepes Fassung ziemlich genau auf der Kippe. / Angela Schader, NZZ 29.12.

The soul selects her own society,
Then shuts the door;
On her divine majority
Obtrude no more.

Unmoved, she notes the chariot’s pausing
At her low gate;
Unmoved, an emperor is kneeling
Upon her mat.

I’ve known her from an ample nation
Choose one;
Then close the valves of her attention
Like stone.

13. Empathie und Akten

Die Kontroverse zwischen den Siebenbürger Schriftstellern Hans Bergel und Eginald Schlattner teilt seit Jahrzehnten ein Publikum, das in diesem aussergewöhnlichen Konflikt fast immer eindeutig Partei ist. Es ist einer der markantesten Fälle von moralischer Aufladung eines historischen Geschehens, das seinen Ausgangspunkt vor über fünfzig Jahren im kommunistischen Rumänien nahm: Ein Militärgericht in Kronstadt (Brasov) verurteilte 1959 in einem Schauprozess gegen eine Gruppe junger Schriftsteller aus der deutschen Minderheit fünf Angeklagte zu insgesamt 95 Jahren Haft und Arbeitslager, aus denen diese 1965 durch Amnestie freikamen und die 1968 rehabilitiert wurden. Die Anklage lautete seinerzeit im Zusammenhang mit den Verfolgungswellen nach dem ungarischen Aufstand von 1956 auf Unterwühlung der kommunistischen Gesellschaftsordnung. Heute lebt von den Verurteilten Wolf von Aichelburg, Georg Scherg, Andreas Birkner, Harald Siegmund und Hans Bergel nur noch Letzterer – und der damalige «Kronzeuge» Eginald Schlattner. (…)

Der Schriftsteller und Journalist William Totok verweist in der von ihm redigierten «Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik» auf Nuancenverschiebungen bei der Übersetzung von Dokumenten, die in dem 1992 den Fall ausführlich darstellenden Band «Worte als Gefahr und Gefährdung» des Münchner Instituts für Kultur und Geschichte Südosteuropas (IKGS) erschienen. So ist laut Totok Bergels Behauptung im Prozess, dass er das kommunistische Regime akzeptiere, durch Auslassungen verschleiert. Auch sei früh von einer Securitate-Mitarbeit Schlattners die Rede gewesen, obwohl dies nicht der Fall war. Schlattner hatte zwei Jahre in Haft gesessen, bevor er die belastenden Aussagen machte. Der später zum evangelischen Pfarrer gewordene Autor war selbst bis zum Ende des Regimes Objekt der Überwachung durch die Geheimpolizei. Totok weist zudem darauf hin, dass es keineswegs allein die Aussagen Eginald Schlattners gewesen seien, die zur Belastung der Angeklagten geführt hatten. Vielmehr habe eine wichtige Rolle auch ein von Temeswarer Germanisten produziertes «Gutachten» über Bergels Erzählung «Fürst und Lautenschläger» gespielt. William Totok mahnt mehr Empathie mit allen Formen der Repression durch die Securitate an, zumal sehr viel mehr Personen in deren Informationssystem involviert waren. / Markus Bauer, NZZ 3.1.

12. Cool

The cool thing about poetry — and yes, there’s a cool thing about poetry, so you’d better un-arch that eyebrow — is that you can be reading a poem and not get it and not get it, and then suddenly you really, truly get it and the moment of recognition is so startling it’s like a truck has rushed past your house and made all the windows rattle.

Louise Glück is my favorite non-dead poet. She’s spent 50 years obsessed with our differing capacities for love and joy, and our grasping, tentative stabs at understanding life, never mind death.

/ Jeff Giles, Entertainment Weekly, über Louise Glück: Poems 1962-2012