Dieses schmale Büchlein »Phantomkalender« von Kai Pohl, erschienen schon vor längerer Zeit bei distillery, bietet dem Leser amüsante Einsichten in die Gedankenwelt eines Autors, mit dem man gerne mal am Tresen ein Bier trinken würde. Man denkt bei der Lektüre: Dieser Mann scheint ein Mensch von nebenan zu sein, kein ausgesprochener Kneipenphilosoph, aber durchaus gewitzt. Auch so ein Versprengter! Irgendwie sympathisch. / Martin Rautenberg, junge Welt
Kai Pohl: Phantomkalender – Neunundzwanzig Gedichte. Destillery, Berlin 2011, 24 Seiten, 6 Euro
Wann: 26.01.2013 – 20:00 Uhr
Wo: E-Werk Freiburg
Eschholzstr. 77
79100 Freiburg
Die Sprechtheatergruppe „Laut & Lyrik“ präsentiert mit 14 Darstellern ihr neuestes lyrisch-musikalisches Programm „Weltsprache Poesie“ – Originaltexte und Übersetzungen von Gedichten der internationalen Moderne.
Deutsche Avantgarde und Expressionismus treffen auf dieser kleinen Weltreise die Lyrik Frankreichs und Spaniens, begegnen englischen und italienischen Gedichten ebenso wie den Werken amerikanischer, russischer, türkischer und anderer Autoren.
Poesie wird Weltsprache – es bleibt aber die Besonderheit jeder einzelnen Kultur und die Übersetzungen werden zu einem Abenteuer, das neue eigenständige Kunstwerke entstehen lässt. / Regiomusik
Verwunschene Orte sind die bevorzugten Schauplätze der Gedichte Uwe Kolbes. Vineta besonders, so auch der Titel eines seiner früheren Gedichtbände (1998). Kolbes Devise lautet: Zurückkehren in den «Raum der Gedichte», wobei ihm das Gedicht auch «Ausflug» ist, das «Queren eines Bergbaches», ein «Hüpfen von Stein zu Stein», wie es in Kolbes Text «Zehn poetologische Schattenspiele, die Tomas Tranströmer verstehen würde» (1991) heisst. Der Verweis auf den bedeutendsten Lyriker Schwedens war Programm und ist es geblieben; denn wie dieser pflegt Kolbe das Unaufgeregte im lyrischen Ausdruck, die sprachliche Genauigkeit und Eingängigkeit der Verse sowie ihre schiere Welthaltigkeit, die aber nie forciert wirkt.
In den «Lietzenliedern» nun nimmt Uwe Kolbe die «Fussspur von Rilke» auf, hat «John Cages japanische Gärten» verinnerlicht, weiss sich zwischen «Klopstocks Grab» und der Berggasse 19 in Wien. / Rüdiger Görner, NZZ
Uwe Kolbe: Lietzenlieder. Gedichte. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2012. 108 S., Fr. 27.90.
Rainer Schedlinski war einer der Herausgeber des essayistisch veranlagten Periodikums „ariadnefabrik“. (Der Name des zweiten Herausgebers soll an dieser Stelle ungenannt bleiben, da es als sicher gelten kann, daß er keinerlei Wert darauf legt, mit einer Hefte-Folge in Verbindung gebracht zu werden, deren Abonnent das Ministerium für Staatssicherheit war.)*
Über den Denunzianten Rainer Schedlinski zu sprechen bedeutet in der üblichen Weise, zumeist über den Dichter und Denker zu schweigen. Und dies meint wohl kaum die viel zitierte Trennung von Dichter und Werk, welche ohnehin nach Belieben aufgehoben ist, wenn es darum geht, die Gedichte und Essays als persönliche Verpflichtungserklärung oder als verspiegeltes Geständnis gegenzulesen. Rainer Schedlinski war ja nicht nur ein inoffizieller Mitarbeiter, sondern auch ein bekennender Struktualist. Seine Gedichte sind von einer kargen Sprache, deren Nüchternheit an Teilnahmslosigkeit grenzt. Die Worte sind nur das, was sie sagen, ihre Eindeutigkeit zielt auf eine unverstellte Sicht der Dinge. Auf den Irrsinn eines verrückten Systems weisend, denken seine Essays die Verhältnisse vom Kern ihres ganzheitlichen Irrtums her. Sie erkannten, was offensichtlich war und dennoch offensichtlich neben der Erkenntnis lag.
Man liegt nicht falsch, Rainer Schedlinski einen aufgeklärten Geist zu nennen, der Kritik an der Aufklärung übte. Die Aufklärung rotierte ihm um Denkfiguren, die nicht von der tatsächlichen Gestalt eines gesellschaftlichen Phänomens ausgingen, sondern von einem Ideal, welches sie postulierte und damit sozusagen zielgerichtet verfehlte. Die Einsichten Schedlinskis hatten durch ihre zirkuläre Verbreitung eine äußerst begrenzte Wirkung und absurderweise war er als Stasi-Zuträger auch noch subversiv gegen die eigene Subkultur, welche letztlich seine einzige, aber betrogene Leserschaft darstellte. Dennoch waren seine Aufsätze im Idealstaat DDR von einiger Brisanz, selbst wenn damals alles brisant war, was vom Staatsnarzismus abwich.
Die Brisanz seiner Essays machte jedoch vor dem Irrsinn der eigenen Person halt. Er predigte Einsicht in die Verhältnisse und agierte verdeckt in ihnen. Er analysierte den Wahnsinn und war Teil seiner Methoden. Dieser Konflikt ist sehr viel aufschlußreicher als die Akteneinsicht in die Protokolle seines Verrats. (…)
Rainer Schedlinski ist heute Betreiber einer Firma namens Thermalforce. Ihre Entstehung und ihr Erfolg gehen auf das Patent für einen thermoelektrischen Generator zurück, den er wohl im Eigenbau am Wohnzimmertisch konstruierte und im Keller der Geschäftsräume von Galrev zusammenschraubte. Was soll man dazu sagen? Vielleicht, daß Energie nicht verloren geht? Hier geht es ja nicht allein um die Umwandlung von Wärme in Energie, es ist die Wandlung von Poesie in ihr Gegenteil, in eine reine Funktionalität. Letztlich wird diese Entwicklung aber auch der Erkenntnis geschuldet sein, daß die eigene Sprache nicht länger imstande ist, Energien freizusetzen, indem sie z.B. Wärme oder Kälte erzeugt. Den Texten war es nicht länger möglich, durch eine runtergeregelte Empathie zu glänzen, mit der Rainer Schedlinski einmal sprach: „ernst sind die äcker & ernst / die häuser vor den äckern / die hecken sind / ernst und gezeichnet“.
Heute schreibt er: „thermalforce.de liefert thermoelektrische Generatoren, Zubehör für deren thermische und elektrische Montage, sowie einsatzbereite Generatorenmodule. Zudem finden Sie hier eine große Auswahl an Kühlkörpern, Wärmetauschern, Anschlüssen, Pumpen, Reglern, Wärmeleitmitteln, Meßgeräten und sonstigem Zubehör.“ Dies ist der Gebrauchstext für ein neutrales Sujet, die Lyrik einer kalten Funktionalität und daher die Fortsetzung der Poesie mit anderen Mitteln.
/ Henryk Gericke, Radio Utopie
*) Na, das kann man sich nicht aussuchen. Wer publiziert, wird auch bibliographiert. Von Andreas Koziol würd ich auch gern mal wieder was lesen!
Kein amerikanischer Lyriker des zwanzigsten Jahrhunderts hat seine Wiederentdeckung so verdient wie George Oppen (1908 bis 1984). In der Regel erweitert der übliche Anlass für das Erscheinen neuer primärer oder sekundärer Werke – ein runder Geburts- oder Todestag – den Stand der Kenntnis nur marginal und verändert den sichtbaren Rang eines Autors nicht. Im Falle Oppens jedoch hat die Flut von angelsächsischen Publikationen in den letzten Jahren viele Facetten freigelegt und den Dichter endlich als Zentralfigur der amerikanischen Poesie der Moderne etabliert.
Mit Gleichgesinnten wie Louis Zukofsky und Charles Reznikoff begründete er in den dreißiger Jahren den „Objektivismus“, eine Bewegung, die den Imagismus weiterentwickeln wollte und dem Gedicht Dingqualität zugestand: Verse, so die Objektivisten, existieren in sich und für sich. Gerade weil sie mitnichten die Gefühle und Meinungen des Verfassers transportierten, träfen sie gültige Aussagen über das, was uns umgibt. In den Vordergrund rückten Einfachheit, Klarheit und Kürze, indes formale Struktur, Reim, Metapher und Bild weniger wichtig wurden. (…)
Die erste Kollektion seiner während der sechziger und siebziger Jahre veröffentlichten Lyrik hieß „The Materials“. Unter dem Titel „Die Rohstoffe“ ist der Band nun zweisprachig im verdienstvollen Wiesbadener Verlag Luxbooks erschienen. Erstmals wird damit die neben „Primitive“ wichtigste Auslese Oppens auf Deutsch zugänglich. Norbert Lange hat einfühlsam übersetzt und wie auch Paul Auster ein erhellendes Nachwort geliefert; ferner hat Lange zu den rund vierzig, selten mehr als eine Seite umfassenden Poemen detailreiche Anmerkungen beigesteuert, die vertiefte Einblicke in seine eigene Werkstatt und in Oppens Schaffen bieten. (…)
Willkommen diesseits des Atlantiks, Mr Oppen! / Thomas Leuchtenmüller, FAZ 25.1.
George Oppen: „Die Rohstoffe“. Gedichte.
Aus dem Englischen von Norbert Lange. Nachwort von Paul Auster. Luxbooks, Wiesbaden 2012. 140 S., br., 22,– €.
Neuer Band der Edition ReJoyce
Friedhelm Rathjen:
Poets, Books & Rock’n’Roll
Literatur und Rockmusik: ein Alphabet querbeet
168 Seiten Paperback im Format A5, 17,- Euro
Der enzyklopädisch angelegte Band geht der Verzahnung zwischen Musik und Literatur über das letzte halbe Jahrhundert hinweg nach. Gesichtet und bewertet werden literarische Bezugnahmen auf Rock- und Popmusik und rockmusikalische Bezugnahmen auf die Literatur. Dem Blick aufs Detail anhand aufschlußreicher Beispielfälle wird dabei Vorrang eingeräumt vor der generalisierenden Proklamation übergreifender Entwicklungslinien, die die Leserschaft mit Hilfe der durchgängigen Querverweise hoffentlich selbst ermitteln kann.
Eine Liste aller Stichworte und Verweiseinträge des Bandes steht unten in dieser Mail; weitere Informationen sind außerdem im Internet zugreifbar auf den Booklooker-Seiten der Edition ReJoyce (http://tinyurl.com/22fybo).
Wer seine Bestellung entweder jetzt oder spätestens bis zum Ende der Vorbestellfrist am 2. Februar DIREKT AN MICH (rejoyce@gmx.de) schickt, bekommt das Buch umgehend nach Erscheinen portofrei geliefert. Zur portofreien Lieferung mitbestellt werden können bei dieser Gelegenheit wie stets auch alle anderen Bände der Edition ReJoyce
(http://tinyurl.com/22fybo) und ebenso die von mir zur Regalplatzschaffung zum Verkauf angebotenen sonstigen Bücher (http://tinyurl.com/m2upw) und
Tonträger (http://tinyurl.com/lownb).
Friedhelm Rathjen
INHALT
10,000 Maniacs
Abba
AC/DC
Die Ärzte
Aftershock
Akala
Aichinger, Ilse
Algren, Nelson
Allman Brothers Band
Allman, Duane
Almond, Marc
Amon Düül
Amon Düül II
Andrews, Julie
The Animals
Armatrading, Joan
Arp, Hans
Brasilholz ist eine Färberpflanze, die von den Portugiesen massenhaft aus der südamerikanischen Kolonie ausgeführt wurde und dem Land Brasilien seinen Namen gab. 1924 stellte der Dichter Oswald de Andrade die Forderung nach einer brasilianischen „Exportpoesie“ auf, die auf die Alte Welt kräftig abfärben sollte. Doch während wir einiges über die spanischsprachige lateinamerikanische Dichtung wissen, bleibt Brasilien für den deutschsprachigen Lyrikleser größtenteils immer noch ein weißer Fleck. In einer kleinen Jahresanthologie wird lyrikkritik.de monatlich ein brasilianisches Gedicht vorstellen. Wir fangen mit dem späten Aufbruch des 20. Jahrhunderts im Jahre 1922 an und werden am Ende des Jahres in der Gegenwart ankommen. Kommentare und Kritik zu Gedichten und ihrer Übersetzung sind willkommen. Die Redaktion der Gedichte innerhalb der Reihe Brasilien – Exportprodukt Poesie übernehmen Michael Kegler und Vera Kurlenina.
ALESSANDRA ERAMO (IT/Berlin) & SJ FOWLER (UK/London)
“Poetry, Sound, Voice, Object: A JOURNEY THROUGH OUR DAILY RITUALS”
Dienstag 19.02.2013 20:00 || Live Performance und Installation
Freitag 22.02.2013 19:00-23:00 || Ausstellung
Sonntag 24.02.2013 14:00-18:00 || Ausstellung
Kennengelernt haben sich die Berliner Klangkünstlerin und Vokalistin Alessandra Eramo und der in London ansässige Dichter SJ Fowler während der Liverpool Biennale 2012 auf Einladung von Mercy’s Electronic Voice Phenomena Symposium. Dort begann eine Zusammenarbeit in Form einer Korrespondenz von außergewöhnlicher Stärke und Form. Die beiden Künstler vereinen in den neuen kreativen Möglichkeiten ihrer Kunst, welche Peformance / Stimme / Text / Klang / Video zu einer ganzheitlichen künstlerischen Praxis vereint, ihre über Europa verteilten kulturellen Besonderheiten. In dieser Zusammenarbeit ist die volle Energie ihrer kollektiven Praktiken zu erleben, welche Elemente von performativem Ritual, martialer Körperlichkeit, persönlicher Historizität und kollaborativer Begrifflichkeit erforscht.
In der spezifischen Wortwedding-Schau wird neben kollaborativer Performance und interaktiver Skulptur eine Videoinstallation zu sehen sein, welche eine 16-Tage-Reise durch die simultan aufgezeichneten täglichen Rituale der beiden Künstler einfängt. Diese Filme werden präsentiert als das Herz eines völlig einzigartigen und intensiven Enjambements zwischen zwei Künstlern, deren Werk versucht gemeinsame Orte zu finden in der Barmherzigkeit der Körperlichkeit und der Vornehmheit der Gewalt.
Alessandra Eramo ist Klangkünstlerin, Sängerin und Performerin aus Berlin. Sie schafft Text-Klang-Kompositionen, Live-Performances, Videos und Installationen die in Europa, Kanada und den USA ausgestellt wurden, unter Anderem bei: 54. Venedig Biennale – Italienischer Pavillion, Sonic Circuits Festival Washington DC, Lyd & Literatur Festival Aarhus, Roulette New York, Festival Bandit‘ Mages Bourges, Harvestworks New York, Galerie Haus am Lützowplatz Berlin. 2010 ist sie Mitbegründerin der Vinyl & Klangkunst Produktionsfirma Corvo Records in Berlin. Zurzeit schreibt sie an ihrer Doktorarbeit an der Universität der Künste, Berlin. Außerdem ist sie aktiv in Bildungs-und Kulturprogrammen in Deutschland.
Der Dichter und Künstler SJ Fowler lebt und arbeitet in London. Er hat vier Gedichtbände veröffentlicht, seine Werke wurden in neun Sprachen übersetzt. Fowler wurde von der Tate Gallery (Tate Online), von Voiceworks Project, von London Sinfoniettas Blue Touch Projekt und von Mercy UK beauftragt Werke der Poesie, Klangkunst, Installationen und Performance-Kunst anzufertigen. Er hat auf Festivals und Bühnen in ganz Europa performt.
Er ist UK-Redakteur für Lyrikline.org und das VLAK Magazin sowie Poesie-Redakteur für 3am Magazin. Er bearbeitet die Maintenant Interview-Reihe und das Enemies Projekt in London. Derzeit schreibt er an seiner Promotion am Contemporary Poetics Research Centre an der University of London. SJ Fowler ist auch Mitarbeiter des British Museum und Kampfkunstlehrer.
Wortwedding. Raum für Interdisziplinäre und Interaktive Poesieprojekte | | Prinzenallee 59, 13359 Berlin
www.wortwedding.blogspot.de
Die deutsche Schriftstellerin und Übersetzerin Elke Erb wird dieses Jahr mit dem Ernst-Jandl-Preis für Lyrik ausgezeichnet. Wie Kulturministerin Claudia Schmied heute, Donnerstag, in einer Aussendung mitteilte, wird die mit 15.000 Euro dotierte Auszeichnung der Autorin am 15. Juni im Rahmen der Ernst-Jandl-Lyriktage in Neuberg an der Mürz überreicht.
Für Schmied gehört Erb „seit geraumer Zeit zu den bedeutenden Stimmen der deutschsprachigen Lyrik. Ihre Texte fordern uns dazu auf, uns vorbehaltlos zu öffnen und uns auf ihre sensible, ästhetische, souveräne, oft mehrdeutige Sprache einzulassen.“ Der Preis wird Erb für ihr lyrisches Gesamtwerk verliehen, mit dem sie „uns die unendliche Vielfalt von Welt und Sprache“ vermittle, so die Ministerin weiter. Die Jury bezeichnete Erbs Lyrik als „ein Schreiben an der Welt entlang, ein offener Prozess, in dem die Formen der Wahrnehmung ebenso überprüft werden wie ihre sprachlichen Mittel“.
Elke Erb wurde 1938 in Scherbach (Eifel) geboren und studierte in Halle Germanistik, Slawistik, Geschichte und Pädagogik. Nach ihrem Lehrerexamen arbeitete sie beim Mitteldeutschen Verlag als Lektorin und ab 1966 als freiberufliche Autorin. Neben regelmäßigen Veröffentlichungen von Kurzprosa, Lyrik und prozessualen Texten machte sich Erb auch als Übersetzerin und Nachdichterin russischer Poesie einen Namen. Seit dem Mai des Vorjahres ist sie auch Mitglied der Akademie der Künste in Berlin.
Der Ernst-Jandl-Preis für Lyrik wurde nach dem Tod des Autors und Dichters im Jahr 2000 initiiert und wird seit 2001 im Zweijahresrhythmus vergeben. Die Auswahl trifft eine fünfköpfige Fachjury, der aktuell Paul Jandl, Alfred Kolleritsch, Friederike Mayröcker, Thomas Poiss und Klaus Reichert angehören. Vor zwei Jahren ging der Preis an Peter Waterhouse.
dem großen Baselitz, schreibt BILD, und druckt das Gratulationsgedicht des großen Lüpertz.
In Biel ist am 20. Januar der Schriftsteller Jörg Steiner nach schwerer Krankheit 82-jährig gestorben. 1956 debütierte Steiner mit einem Gedichtband und schuf seither ein bedeutendes und vielfältiges literarisches Werk.
(…) Der junge Lehrer, bis anhin ein einsamer Leser, fand zu einer eigenen lyrischen Rede. Mit 26 Jahren veröffentlichte er Gedichte von sattem Klang: «Episoden aus Rabenland». Dann stiess er zur Prosa vor. Und damit sogleich zu jenen kindlichen Aussenseitern, deren reale Vorbilder ihm selber das Innere aufgebrochen hatten. Um der eminenten Kunst der Prosa willen, die er bis ins Alter immer neu unter Beweis stellte, wurde Jörg Steiner berühmt. (…)
Seine ersten Bücher erschienen im Rahmen des Aufbruchs der zweiten schweizerischen Moderne nach Frisch und Dürrenmatt, um 1960 herum. Nicht wenige der bedeutendsten Autoren kamen wie er aus der Juraregion: Gerhard Meier, Otto F. Walter, Peter Bichsel. Es war eine Moderne, die in den von Otto F. Walter und Helmut Heissenbüttel herausgebrachten milchigen Walter-Drucken dokumentiert ist, eine Bewegung mit internationaler Vernetzung: von H. C. Artmann und Ernst Jandl bis Francis Ponge und Gertrude Stein. Die Nähe zum französischen nouveau roman war unverkennbar. Dass Jörg Steiner diese Moderne so schöpferisch und glaubwürdig sein Leben lang weiterzutreiben wusste, dürfte zu den erstaunlichsten Leistungen der neueren deutschsprachigen Literatur überhaupt gehören. / Beatrice von Matt, NZZ
Ist es nicht irgendwie auch lustig, wie besonders rund um die Lyrik Parallelwelten konstituiert werden? Ein Fremder, der ohne Vorwissen an bestimmte Informationsquellen geriete, würde meinen, Leitner und die Seinen seien das Zentrum der deutschen Poesie, ein anderer würde sie gar nicht kennen und den Puls deutschen Dichtens in der sog. Frankfurter oder Nationalbibliothek wähnen, ein dritter wüsste nicht, was es außer Schilling und Lammla denn zu lesen gebe, ein weiterer hielte wiederum Detering wohl für einen der anerkannten Dichterfürsten im ganzen Land … und so würde jeder von ihnen, wenn er durch Interesse auf andere Quellen stieße, sehr verwundert sein, nicht nur ihm völlig neue Namen zu lesen, sondern seine alten Heroen nur marginal oder gar nicht wiederzufinden, und in sofern mit den anderen drei einig.
Àxel Sanjosé
Der hier ursprünglich befindliche Text ist mitsamt Kommentaren in der Müllhalde gelandet:
Und jetzt: Poesie.
Nikolaus Lenau: Die Albigenser
Schlußgesang
[887] Wofür sie mutig alle Waffen schwangen
Und singend in die Todesfeuer sprangen,
Was war es? trotzte hier ein klarer Blick
Ins Herz der Freiheit jedem Mißgeschick?
War’s Liebe für die heilige, erkannte,
Die heißer als die Scheiterhaufen brannte?
War’s von der Freiheit nur ein dunkles Ahnen,
Dem sie gefolgt auf allen Schreckensbahnen?
Mehr nicht! – doch soll die Edlen darum eben
Bewunderung und Wehmut überleben.
O ernste Lieb zur Freiheit, schönes Werben,
Wenn ihre Spur genügt, dafür zu sterben! –
Und dringt die Frage weiter in mein Lied,
Warum es nicht so wilden Graus vermied,
Warum es ruft nach jenes Greuels Schatten,
Den die Geschichte froh war zu bestatten?
Wozu begrabnes Leid lebendig singen
Und gegen Tote Haß dem Herzen bringen?
Hat unsre Zeit nicht Leids genug für Klagen?
Hat Haß nicht manchen, der da lebt, zu schlagen?
Doch weile auf der Vorwelt unser Blick,
Die Vorwelt soll uns tief im Herzen wühlen,
[888] Daß wir uns recht mit ihr zusammenfühlen
In ein Geschlecht, ein Leben, ein Geschick.
Der Wandrer gibt dem Freund, der nach ihm schreitet,
Wo sich der Scheideweg im Walde spreitet,
Den Weg, den er gewandelt, treulich kund,
Er streut ihm grüne Reiser auf den Grund;
So ließen uns die alten Kämpfer Zeichen:
Die Trümmer ihres Glücks und ihre Leichen.
Geteiltes Los mit längstentschwundnen Streitern
Wird für die Nachwelt unsre Brust erweitern,
Daß wir im Unglück uns prophetisch freuen
Und Kampf und Schmerz, sieglosen Tod nicht scheuen.
So wird dereinst in viel beglücktern Tagen
Die Nachwelt auch nach unserm Leide fragen.
Woher der düstre Unmut unsrer Zeit,
Der Groll, die Eile, die Zerrissenheit? –
Das Sterben in der Dämmerung ist schuld
An dieser freudenarmen Ungeduld;
Herb ists, das langersehnte Licht nicht schauen,
Zu Grabe gehn in seinem Morgengrauen.
Und müssen wir vor Tag zu Asche sinken,
Mit heißen Wünschen, unvergoltnen Qualen,
So wird doch in der Freiheit goldnen Strahlen
Erinnerung an uns als Träne blinken.
Nicht meint das Lied auf Tote abzulenken
Den Haß von solchen, die uns heute kränken;
Doch vor den schwächern, spätgezeugten Kindern
Des Nachtgeists wird die scheue Furcht sich mindern,
Wenn ihr die Schrumpfgestalten der Despoten
Vergleicht mit Innozenz, dem großen Toten,
[889] Der doch der Menschheit Herz nicht still gezwungen
Und den Gedanken nicht hinabgerungen.
Das Licht vom Himmel läßt sich nicht versprengen,
Noch läßt der Sonnenaufgang sich verhängen
Mit Purpurmänteln oder dunklen Kutten;
Den Albigensern folgen die Hussiten
Und zahlen blutig heim, was jene litten;
Nach Huß und Ziska kommen Luther, Hutten,
Die dreißig Jahre, die Cevennenstreiter,
Die Stürmer der Bastille, und so weiter.
Fußnote
1 Der Name Albigenser war ein gemeinsamer, unter welchem die katholische Kirche jener Zeit die verschiedenartigsten, moralisch und dogmatisch divergierendsten Ketzersekten zusammenbegriff. Sie glaubten nicht alle einen Dualism; auch sollen überhaupt durch das nachstehende Bekenntnis nur ohngefähr die äußersten Linien ihrer Abweichung vom kirchlichen Dogma angedeutet werden.
„Zuerst fühle ich einen Rhythmus oder einen Klang, und ich frage mich, was er mir sagen will“, erklärt Jazzmin Tutum. „Dann schält sich eine Idee heraus, in einem einzelnen Satz. Und aus dieser Haltung heraus entwickelt sich ein ganzes Gedicht. Was ich dazu aber immer brauche, ist der Puls aus den schweren Basslinien, der bringt meine Gedanken in Bewegung.“
Diese Bässe gibt es im Dub, jenem Genre, das in Jamaika aus Instrumentalfassungen von Reggaestücken entstand, über die dann weiter improvisiert wurde. „Dub und Reggae ermöglichten mir eine dauerhafte Beziehung zu Jamaika“, sagt Tutum. Denn eine geographische Heimat zu finden war bei ihrem turbulenten Lebenslauf schwer: Jasmine Tutum, wie sie eigentlich heißt, wurde als Tochter eines gabunesischen Politikers und einer Jamaikanerin in Japan geboren, wo die Eltern für die UNO arbeiteten. Italien, Spanien, Gabun, Kanada und Jamaika waren weitere Stationen, sie bereiste Indien und Fernost und kam 2007 nach Freiburg. / Stefan Franzen, Badische Zeitung 22.1.
Performance: Freiburg, E-Werk, 25. Januar, 20.30 Uhr. CD: Jazzmin Tutum, Share The Flame (Universal Egg, angekündigt für Februar).
Igel ist eine Autorin, die seit drei Jahrzehnten konsequent ihren literarischen Weg geht. Ich schätze sie als Gesprächspartnerin und Kollegin, mit der ich die Reihe Neue Lyrik im Auftrag der Kulturstiftung Sachsen im Verlag Poetenladen herausgeben darf, aber lange bevor ich sie persönlich kannte, schätzte ich sie schon als Autorin.
Ihr neuestes Werk heißt Umtriebe und ist als fünfzehnter Band in der von Bert Papenfuss und Sascha Anderson herausgegebenen Reihe Black Paperhouse im Frankfurter Gutleut Verlag erschienen. (…)
Sie changieren zwischen Miniatur und Prosagedicht, ohne dass das Nichterfüllen der Kategorie einen Mangel an Qualität bedeutet. Vielmehr ist es so, dass die Texte in ihrer Durchbildung jeglichen formalen Dogmatismus absurd erscheinen lassen. Sie erfinden, indem sie sich selbst erfinden, zugleich ihre eigene Form. Das heißt, sie zelebrieren Freiheit.
Im Text Sondierungen, der meiner Meinung nach auch so etwas wie eine poetologische Einlassung bildet, hört sich das so an:
Erfinden – d.h. In diesem falle, in den textraum vorzudringen, ihn zu sondieren (was an eine operation gemahnt – das besteck des operateurs, es ist nicht das eigene gewebe, das er seziert, der blick auf ein objekt gerichtet, der objektive blick, der sich oft als obsessiv entpuppt), obsessiv diese sondierungen allerdings – Sie betreffen den eigenen körper, besser: die verkörperung der eigenen Geschichte, …
/ Jan Kuhlbrodt, Fixpoetry
Jayne-Ann Igel: Umtriebe. Mit gefaltetem Plakatumschlag, unter Verwendung von Zeichnungen von Reiner Maria Matysik
ISBN 978-3-936826-71-5 € 11, Reihe Black Paperhouse Nr. 15 Gutleut Verlag Frankfurt am Main 2012
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