Heute ein visuelles Gedicht aus dem Jahr 1631. Es stammt von Johann Heinrich Schill aus Durlach bei Karlsruhe. Die digitale Deutsche Biographie nennt als Berufe „Dichter ; Jurist ; Linguist“ und als Lebensdaten 1615 – 1645. Er wurde also nur etwa 30 Jahre alt. Sein Gedicht ist eine Grabschrift auf eine Frau namens Barbara, so lautet die erste Zeile:
Hie ligt mit Frawen Barbara
(Ich habe nur zur besseren Lesbarkeit die Leerzeichen zwischen den Wörtern eingefügt). Hier zunächst das ganze Gedicht.

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als bestünde das ganze Gedicht nur aus dieser einen Zeile, die von Zeile zu Zeile um einen Buchstaben nach links gerückt wird. Hier ein Teil des Textes, neu gesetzt und wie im Original ohne Leerraum zwischen den Wörtern.
HieligtmitFrawenBarbara
ieligtmitFrawenBarbaraT
eligtmitFrawenBarbaraTh
ligtmitFrawenBarbaraTha
igtmitFrawenBarbaraThab
gtmitFrawenBarbaraThabe
tmitFrawenBarbaraThabea
Man merkt jetzt schon, dass am rechten Rand ein anderer Text auftaucht, der hinter dem Namen der Verstorbenen Buchstabe für Buchstabe sichtbar wird. 6 Zeilen weiter kann man einen weiteren Frauennamen lesen, und in der letzten Zeile des Buchstabenquadrats ist kein einziger Buchstabe der Eingangszeile mehr vorhanden, aber dafür eine komplette zweite Zeile. Der gesamte Text ist also ein Zweizeiler, man kann bequem die erste und letzte Zeile so lesen:
HieligtmitFrawenBarbara
ThabeaJudithRuthvndSara
Ist es also ein Gemeinschaftsgrab, in dem mit Barbara auch Thabea, Judith, Ruth und Sara begraben sind? Aber vielleicht fällt uns jetzt auf, dass die Namen der zweiten Zeile allesamt in der Bibel vorkommen. Man kann es also vielleicht so lesen, dass die jetzt verstorbene Frau Barbara hier (im Grab liegt ja nur der sterbliche Teil) mit den frommen Frauen aus dem Alten Testament ruht. Wenn wir uns jetzt auf die Überschrift besinnen, war ja zweierlei angekündigt: Grabschrift (= Epigramm, Inschrift) und Lobspruch. Der Lobspruch wäre demnach in der ersten Zeile noch verschüttet und erscheint Buchstabe für Buchstabe, wenn man bemerkt, mit wem Frau Barbara „hier“ ruht. (Wir können davon ausgehen, dass die Leser von 1631 die Geschichten dieser Frauen wenn nicht aus eigener Lektüre der Bibel, dann doch aus den wöchentlichen oder je nach Frömmigkeit auch häufigeren Predigten des Pfarrers kannten. Die damals zehnjährige Sibylla Schwarz aus Greifswald zum Beispiel hätte sie bestimmt gekannt, wenn man den Lobreden auf die Frühverstorbene glaubt. Das tun wir, auch wenn in ihrem Werk nur der Name Judith vorkommt, dieser aber oft. Ich lese also den Lobspruch so, dass die Verstorbene nur körperlich „hier“ liegt, ihre unsterbliche Seele aber bei den Frommen im Himmel weilt. Oder kurz: dass sie fromm war.
So weit erst mal dazu. Die verehrten Leserinnen (kleines i, weil generisches Femininum, jeder ist mitgemeint) werden nun eingeladen, mit den Augen ein wenig im Visuellen des Gedichts herumzuspazieren. Da kann frau Entdeckungen machen. Liest man die Anfangsbuchstaben vertikal, ergibt sich bis zur vorletzten Zeile wieder der erste Vers, was ja nicht verwundert, weil immer ein Buchstabe links wegfällt. Anschließend kann man die letzte Zeile vertikal lesen. Also etwa so:
↓
↓
↓
↓
↓
→→→→→→→
Oder so:
→→→→→→→
↓
↓
↓
↓
↓
Oder auch so:
→→→→→→→
.
.
.
.
→→→→→→→
Wenn man das Innere einbezieht und Haken und Zickzack schlägt, ergeben sich, hat jemand errechnet, mehr als 4 Billionen Wege, um die beiden Zeilen des Gedichts zu lesen. Vielleicht als Meditierhilfe?
2 Zeilen, 8 und 9 Silben und zweimal 23 Buchstaben. Wenig Text und viel Raum.
Die Grabschrift wurde gedruckt, also nicht nur das Gedicht, sondern die ganze Leichpredigt. Als Druckschrift brauchte sie einen Titel, der nach damaligem Brauch sehr lang und sehr gewunden sein musste, hier der fast komplette Titel:
Creutz Saat / vnd Frewden Erndt / der wahren Kinder Gottes. Das ist: Christliche einfältige Leichpredig / genommen auß dem 5. vnd 6. vers. deß 126. Psalm. Bey Begräbnuß Weyland der Edlen vnd Tugendtsamen Frawen BARBARAE, Deß auch Edlen vnnd Hochgelehrten Herrn Johann Friderich Jünglers / beeder Rechten Licentiaten / vnnd Fürstl. Marggr. Bad. Ober: vnd KirchenRaths zu Carlspurg / etc hertzvielgeliebter Haußfrawen. Welche nach außgestandner lang beschwerlicher Kranckheit / Freytags den 28. Octobr. Anno 1631. Morgens vmb halb Sechs Vhr / in jhrem Erlöser Christo seeliglich eingeschlaffen / vnd Sontags den 30. dessen / mit grosser Volkreicher Leichprocession, ehrlich vnd Christlich zur Erden bestattet worden. Auß Gottes heyligem Wort für Augen gestellt / vnnd in der Statt: vnd Pfarrkirchen zu Durlach / fürgetragen worden / Von M Caspare Seemann / Pfarrern daselbsten. Getruckt zu Durlach / durch Andream Senfft / Jm Jahr 1631.
Und man kann weitergehen. Zum Beispiel die Geschichten der vier biblischen Frauen einbeziehen. Für das Begräbnis ist besonders die erste, Tabea, interessant und folgen-, folgerungsreich. Handelt es sich doch um eine Frau, die gestorben und von den Toten erweckt worden ist. Hier die Stelle.
In der Stadt Joppe lebte eine Jüngerin von Jesus. Sie hieß Tabita*. Der Name bedeutet »Gazelle«. Tabita tat viel Gutes und half den Armen, wo immer sie konnte. Als Petrus in Lydda war, wurde sie plötzlich krank und starb. Man wusch die Tote und bahrte sie im oberen Stockwerk ihres Hauses auf. Joppe liegt nicht weit von Lydda. Die Gemeinde in Joppe schickte deshalb zwei Männer mit der dringenden Bitte zu Petrus: »Komm, so schnell du kannst, zu uns nach Joppe!« Petrus ging sofort mit ihnen. Als er angekommen war, führte man ihn in die Kammer, in der die Tote lag. Dort hatten sich viele Witwen eingefunden, denen Tabita in ihrer Not geholfen hatte. Weinend zeigten sie Petrus Kleider und Mäntel, die Tabita ihnen genäht hatte. Doch Petrus schickte sie alle hinaus. Er kniete nieder und betete. Dann wandte er sich der Toten zu und sagte: »Tabita, steh auf!« Sofort öffnete sie die Augen, sah Petrus an und richtete sich auf. Petrus reichte ihr die Hand und half ihr aufzustehen. Dann rief er die Gläubigen und die Witwen herein, die mit eigenen Augen sehen konnten, dass Tabita lebendig vor ihnen stand. Bald wusste ganz Joppe, was geschehen war, und viele fanden zum Glauben an den Herrn. Petrus blieb danach noch längere Zeit in Joppe und wohnte im Haus des Gerbers Simon.
HFA: Hoffnung für alle https://www.bible.com/de/bible/73/ACT.9.36-43.HFA
*) In anderen Übersetzungen Tabea.
Quelle des Gedichts: Deutsche Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart in 10 Bänden. Herausgegeben von Walther Killy. Band 4. Gedichte 1600-1700. Nach den Erstdrucken in zeitlicher Folge herausgegeben von Christian Wagenknecht. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2001, S. 72.
Der Perlentaucher weist in seiner Magazinrundschau vom 9. Januar 2024 hin auf eine Debatte, die in Ungarn zum Werk von Ágnes Nemes Nagy geführt wird …
Gábor Schrein zum 100. Geburtstag von Ágnes Nemes Nagy und der neuen deutschen Übersetzung ihrer Gedichte
Gustaf Gründgens
(* 22. Dezember 1899 in Düsseldorf; † 7. Oktober 1963 in Manila)
( COUPLET)
Stop!
Ich tret heraus, Ihr glaubt es kaum,
Ich tret heraus aus meinem Traum,
Ich tret aus ihm heraus.
Ich tret aus meinem Traum heraus
Und stell mich leise neben mich
Und sehe wie das Leben sich
Von hier aus präsentiert.
Ich seh mir selber ins Gesicht.
Ich merke, ich gefall mir nicht.
Was ist denn das mit mir?
Stop!
Stop!
Stop!
Stop!
Stop!
Nein!
Ich gefall mir nicht!
Aus: Gustaf Gründgens (1899 – 1963): Gedichte und Prosa, hrsg. von Franz-Josef Weber (Vergessene Autoren der Moderne, hrsg. von Franz-Josef Weber und Karl Riha) Universität-Gesamthochschule Siegen (3. Auflage), Siegen 1987, S. 11.
Jehuda Amichai
( יְהוּדָה עַמִּיחַי )
(* 3. Mai 1924 als Ludwig Pfeuffer in Würzburg; † 22. September 2000 in Jerusalem; 1946 änderte er seinen Namen zu Amichai, hebr. „Mein Volk lebt“)
Touristen
Also Beileidsbesuche veranstalten sie hier bei uns,
sitzen in Jad-Vashem herum, machen ernste Gesichter
an der Klagemauer
und schäkern hinter schweren Vorhängen im Hotelzimmer.
Lassen sich fotografieren mit den bedeutenden Toten
am Grab von Rachel, am Grab von Herzl und auf dem
Ammunition Hill.
Schluchzen über die Potenz unserer Jungs,
begehren unsere strammen Mädels
und hängen ihre Höschen
in einem kühlen, blauen Bad
zum Schnelltrocknen auf.
Einmal saß ich auf der Treppe am Tor der David-Zitadelle und stellte meine zwei schweren Einkaufskörbe neben mir ab. Eine Touristentraube umringte einen Tour-Guide, und ich gab den Bezugspunkt für sie ab: »Sehen Sie den Mann da drüben mit den Körben? Ein bisschen rechts von seinem Kopf da ist ein Bogen aus der Römerzeit. Ein bisschen neben seinem Kopf.« »Aber er bewegt sich, er bewegt sich! « Ich sagte mir: Erlösung wird erst kommen, wenn man ihnen sagt: »Sehen Sie den Bogen dort drüben aus der Römerzeit? Der ist nicht wichtig, aber links und ein bisschen unterhalb davon sitzt ein Mann, der Früchte und Gemüse für zu Hause gekauft hat«.
Aus: Jehuda Amichai: Gedichte. Hrsg. u. aus dem Hebräischen übersetzt von Hans D. Amadé Esperer. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2018, S. 172

Ich erinnere mich nicht mehr, ob ich den Namen Peter Huckauf kannte, bevor ich Anfang der 90er Jahre in der damaligen Autorenbuchhandlung in Berlin (von der die jetzige bei allem Respekt nur ein Schatten ist) knapp ein Dutzend Hefte von ihm erwarb. Es waren meist selbstverlegte Sachen, die in Aussehen und Inhalt Aufmerksamkeit weckten in der Überfülle, die mich seit Anfang 1990 bei regelmäßigen Besuchen in Westberlins Buchhandlungen erschreckte und labte. Soviel nachzuholen! Viele der damals frequentierten Antiquariate und Buchhandlungen existieren heute nicht mehr.
Heute ein Gedicht von Peter Huckauf aus einem Heft, das ich erst 2003 und dann in Greifswald erwarb, als er in einer Ausstellung im Koeppenhaus las.
MÄRZ
düster bohren sich noch die nachmittage
durchs schläfrige holz des nahen volkspark
die nicht mehr übermächtigen schatten
mogeln sich hier an fehlendes laub vorbei
die Blissestraße wie immer bieder
bietet auch heute keinen erneuerten
sozialismus zum beispiel für seiteneinsteiger
wirklich: die supervision ist nicht in sicht
bitte herr bürgermeister übernehmen sie
jetzt die simulation
Aus: Peter Huckauf: Tykocin. Gedichte. Berlin: Verlag Neue Freiheit, 2000, Exemplar Nr. 10.
Die Biobibliografie aus diesem Heft:
PETER HUCKAUF wurde 1940 in Bad Liebenwerda (ME ZUMROKA) geboren. Jugend, Schule und Berufsausbildung zum Fernmeldemechaniker in Gelsenkirchen. 1964 Wohnungswechsel nach WESTberlin. Seit 1975 im Bibliothekswesen tätig.
Bildnerische und literarische Anfänge reichen bis in die Kindheit zurück. Veröffentlichungen von Gedichten, Texten und visuellen Arbeiten in Zeitschriften, Zeitungen, Anthologien, Almanachen, Katalogen, Künstlerbüchern seit 1966. Jüngste Publikationen: WARSCHAU – MEINE BÖSCHUNGEN/Gedichte 1996, POSENER ASSOZIATIONEN/Gedichte und Collagen 1997, DIE IDYLLE DES SCHLICHTERS/Gedichte 1997, SICHEL, SICHER/Gedichte 1998, KRAKAUER FEBRUAR/ Gedichte und Collagen 1998, NEMPULAK/Gedichte 1999, OHNUNGEN/Gedichte 2000
A.a.O.

Peter Huckauf im Lyrikwiki
James Joyce
(* 2. Februar 1882 in Rathgar, Dublin; † 13. Januar 1941 in Zürich, Schweiz)
ALONE
The moon's greygolden meshes make
All night a veil,
The shorelamps in the sleeping lake
Laburnum tendrils trail.
The sly reeds whisper to the night
A name – her name –
And all my soul is a delight,
A swoon of shame.
Allein
Goldgrauer Mond, der Schleier flicht
in jede Nacht,
schlafspiegelnd kränzt das Uferlicht
den See goldregenhaft.
Ein Name weht durchs Uferried
oh Gott, ihr Nam'!
und in der Seele Quellenlied
aufquillt entzückte Scham.
Deutsch von Hermann Broch, aus: ENGLISCHE DICHTUNG. Von R. Browning bis Heaney. Herausgegeben von Horst Meller und Klaus Reichert (Englische und amerikanische Dichtung 3). München: Beck, 2000, S. 187
ALLEIN
Des Monds graugoldener Schleierschnee
Die Nacht verbirgt,
Aus den Uferlaternen der schlafende See
Goldregenranken wirkt.
Aus Schilfgeflüster dringt durch die Nacht
Ein Nam' – ihr Nam' –
Und meiner Seele Lust erwacht,
Taumelnd vor Scham.
Zürich 1916
Aus: James Joyce, Kammermusik. Gesammelte Gedichte. Englisch und deutsch. Übersetzt von Hans Wollschläger. Leipzig: Insel, 1982, S. 57
Agi Mishol
(* 20. Oktober 1946, einige Quellen nennen 1947 in Siebenbürgen, Rumänien, lebt in Israel)
SCHUTZRAUM
Jetzt wo rundherum Tod kriecht
und Pekannüsse sich in ihre Schalen drücken
verstecke ich mich im Hebräischen.
Nichts wird mir geschehen beim arglosen Schreiben
nichts wird mir geschehen
wenn ich mich von den Buchstaben aufnehmen lasse
wenn ich nicht über die Linie schreibe –
geschrumpft in einen kleinen Punkt
eingezwängt in ein o
oder den Bauch eines g
in einen tränenden Strichpunkt
eingegeiselt.
Geliebte heilige Sprache –
jetzt wo alles seine Zeit hat
alles Entsetzen ist
wo der Hain uns seine Früchte reicht
und die Erde gepflügt ist
tue ich nur was Rilke sagt:
lasse mir alles geschehen
Schönheit und Schrecken
ohne zu denken
daß sie endgültig sind.
Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer, aus: Sinn und Form 1/2024, S. 54
Papenfußserie #8. Am ersten Geburtstag nach dem Tod von Bert Papenfuß weiter mit der Papenfußreihe. 1993 erschien in Gerhard Wolfs Verlag Janus press als erster Band einer Werkausgabe der „Gesammelten Texte“: „naif. gedichte 1973 bis 1976“. Wie schreiben junge Leute über den Tod?
Bert Papenfuß
(* 11. Januar 1956 in Stavenhagen; † 26. August 2023] in Berlin)
für b
»es ist nicht so einfach frei zu sein«
erste morgensterne fielen in den ekel
im gestank mancher starb ich auf und auf
sie reifte sie faulte
die lieder die sie borgte schön
liebe war die antwort der darm usw
regen war das geschenk der müll usw
es kamen die quäler die jäger
sie bat mich sie zu leben
»aber es ist sehr einsam tot zu sein«
Aus: Bert Papenfuß, naif. gedichte 1973 bis 1976 (Gesammelte Texte 1). Berlin: Janus press, 1993, S. 12.
Stefán Hörður Grímsson
(* 31. März 1919 in Hafnarfjörður in Island; † 18. September 2002 in Reykjavík)
Untersuchung
Vogelbeobachtern gebührt hohe Anerkennung dafür, dass sie sich in ihrer knapp bemessenen Freizeit zu Gruppen zusammenschließen und scharenweise alle möglichen Länder bereisen, um ihrem Interesse nachzugehen. Bezahlt erhalten dies nur diejenigen, die eine Abschlussprüfung auf ihrem Türschild und einen entsprechenden Telefoneintrag nachweisen können, die meisten jedoch tun es heimlich und für fast weniger als nichts. Auch wenn Vogelbeobachter manchmal den einen oder anderen Vogel von seinen Eiern verscheuchen, so ist dies doch von großem Nutzen für Kuckucksfrauen. Aber jetzt heißt es, dass man bereits damit begonnen habe, Interessenvereine zu gründen, um Vogelbeobachter zu beobachten, und einige meinen wohl, es müssten schon recht komische Vögel sein, die dies betreiben. Und man ist schon dabei, sich zusammenzuschließen, um sie zu durchleuchten.
Aus: Wolfgang Schiffer (Hrsg.): Am Meer und anderswo – Isländische Autoren in deutscher Übersetzung – Lyrik und Kurzprosa. Silver Horse Edition, 2015, S. 43
Übersetzt von Wolfgang Schiffer zusammen mit Franz Gíslason, Jón Thor Gíslason und Sigrún Valbergsdóttir.
Wiktorija Amelina
(ukrainisch Вікторія Юріївна Амеліна, englisch Victoria Yuriyivna Amelina; * 1. Januar 1986 in Lwiw; † 1. Juli 2023 in Dnipro)
Wiktorija Amelina starb durch eine von der russischen Armee auf eine Pizzeria in Kramatorsk abgefeuerte Rakete.
Keine Lyrik
Ich schreibe keine Lyrik
Ich bin Prosaautorin
Die Realität des Krieges
verschlingt Satzzeichen
die Geschichte
verschlingt
die Zusammenhänge
als wäre die Sprache
von einem Geschoss getroffen worden
Sprachsplitter
sind Lyrik ähnlich
sind sie aber nicht
Auch das hier ist keine
Lyrik sind Freiwillige
in Charkiw
9. Mai 2022. Aus dem Ukrainischen von Chrystyna Nazarkewytsch, aus: manuskripte 241/ 2023, S. 7
Не поезія
Я не пишу поезію
Я прозаїк
Просто реальність війни
з'їдає пунктуацію
зв'язність сюжету
зв'язність
з'їдає
Наче у мову
влучив снаряд
Уламки мови
схожі на поезію
але це не вона
І це теж не вона
Вона в Харкові
Волонтерить
9 травня 2022
Mehr über die Autorin im Lyrikwiki
Kurt Schwitters
(* 20. Juni 1887 in Hannover; † 8. Januar 1948 in Kendal, Cumbria, England)
Seenot
Wenn die Kraniche bellen
Auf den tanzenden Wellen,
Muß das Schifflein zerschellen.
Und die tausend Raketen,
Die beleuchten das täten,
Würden grausam zertreten.
Wer das jemals erlebet,
An den Zähnen erbebet
Und ins Jenseits entschwehöbet!
Aus: Kurt Schwitters, Das literarische Werk. Hrsg. Friedhelm Lach. Band I. Lyrik. Köln: DuMont, 1998, S. 95
KI-N.B.
Ich wusste, das kurze Gedicht würde eine harte Nuss für KI. Ich habe mich nicht getäuscht. Heute gab sie mir außer der üblichen Forderung nach mehr Würde und Analyse einen guten Rat für Kurt Schwitters mit (letzter Satz).
The content delimited celebrates the work of Kurt Schwitters and features a poem from his collection. To improve it, consider adding more context about the poet’s life and artistic influences. Additionally, discussing the themes and impact of the poem could provide a deeper understanding for readers. Avoiding the use of non-English terms could also make the content more accessible to a wider audience.
Alfred Richard Meyer alias Munkepunke
(* 4. August 1882 in Schwerin; † 9. Januar 1956 in Lübeck)
LEBENSLAUF EINES BUCHES
1.
Man wird gedichtet, gedruckt und fliegt in die Welt – :
Eitel Jugend, Begeisterung, Strophen und Lieder.
Man wird verhandelt, verschandelt für Geld.
Eines Tags findet man sich auf einem Wagen wieder.
Da greifen begehrlich Hände und Finger nach dir,
Fragen nicht, ob der Nexus auch ein causaler,
Kümmern sich die Bohne um Aldus und Elzevir,
Sondern entscheiden sich für die Courths-Mahler.
Von wegen! Soll ich noch deutlicher quatschen?
Da hilft keen: Krepanse kriegen, Krakehl und Kränke!
Man ist in der Krabblage mittenmang zum Betatschen.
"Bücher sind noch immer die billigsten Geschenke!"
II.
So denkt auch Fräulein Eulalia Miesekitz
Und bestimmt dich als Geschenk für ihren Zukünftigen.
Im Vollbewußtsein von deinem Geistesblitz
Kommst du leider zu keinem der Allzu-Zünftigen.
Im Geigenteel – : für ihn sind Bücher nur Schmöker!
Und in dir – weißt du selbst – schmökerts sichs mau.
Doch erspart wird dir ein weitrer Weg zum Verhöker.
Man verschenkt dich bei Gelegenheit einer andren Frau,
Beweist dabei, daß man literarisch sehr auf der Höhe.
Eigentlich nur deshalb wirft sich die Holde ihm an den Hals.
"Je magrer der Hund, desto fetter die Flöhe!"
Tröstest du dich, abseits gelegt, allenfalls ...
III.
Eines Tags leiht dich ein anderer Jüngling aus,
Aber denkt garnicht daran, dich jemals zurückzugeben,
Du bist ihm Weinhaus, Frühlingsstrauß, Hochzeitsschmaus.
Er stammelt: "In dir sehe ich mein eigenes Leben!
Dein Feuer entzündet die Flamme meines eigenen Hirns!
Auf ewige Freundschaft, du göttlicher Bruder!"
Und los surrt die Verse-Spule des Dilettanten-Zwirns.
Was dabei raus kommt, ist – unter Brüdern! – unter dem Luder.
Und Jahre vergehen – wie unsre Freundschaft schon längst.
Aber eigentlich hat dich jenner doch noch so'n bisken lieb.
Und Abende gibt es, da wiehert er wie ein Hengst:
"Ja, anno dunnemals, als ick Jedichte schrieb ...!"
"Auch für so'n Buch ist wider den Tod kein Kraut gewachsen!"
Da tritt ein dicker Herr in den Lumpenkeller ein.
Seinem Idiom nach ist er bestimmt aus Sachsen.
"Alte Bücher?" Und er steckt auch in dich seine Nase hinein.
Er kauft dich mit andern Scharteken gleich kiloweise.
Er weiß wohl warum, der olle bechowete Knabe!
Er meckert und leckert und schleckert ganz leise:
"Masel Tow! Die lange gesuchte Erstausgabe!"
Und plötzlich stehst du hochbewertet in einem Kataloge drin.
Um dich, als Sensation, tobt die Schlacht der Auktion.
Und nicht zu knapp treten dir Tränen ins Ooge rin
Von wegen solcher Recreation und Resurrection!
Aus: Alfred Richard Meyer (1882 – 1956) Des Herrn Munkepunke Polychromartialisches, antierotischrückendes, philopolemineralogisches, peripathermasthesomet schera aishrepophilais istisches, internationasales, kontramunkepunktiertes GEMISCH-GEMASCH und andere Texte. Mit einem Nachwort hrsg. von Joan Bleicher (Vergessene Autoren der Moderne XIV hrsg. von Franz-Josef Weber und Karl Riha) Universität-Gesamthochschule Siegen (2. Auflage) Siegen 1986, S. 7f
Erklärung einiger berlinerischer Ausdrücke
Krepanse kriegen: krepieren
Krakehl: Streit
Kränke: Krankheit. „Krist de Kränke!“ ist ein Ausdruck des Ärgers.
Krabblage: hier die Bücherkiste zum Rumgrabbeln
Unter allen Luder: unter aller Würde
Bechowet: (hebr.) ehrbar
Masel Tow! Glückwunsch! Gratuliere!
Paul Gurk
(* 26. April 1880 in Frankfurt (Oder); † 12. August 1953 in Berlin)
PENELOPE
An meinen Fingern zähl' ich ab die toten Jahre . . .
Du warst im Krieg, Odysseus. Bleichte er die Haare?
Du gingst für eine fremde Frau. Was gilt das mir?
Dein Atem raucht von Blut: ein Held, ein Tier!
Es wuchsen Jünglinge. Sie haben mich begehrt.
Das war die einz'ge Lust, die mir Dein Zug beschert!
Ich war Dir treu. Die Göttin Sitte wollt' es so.
Nur Träume sengten. Tage machten mich nicht froh.
Sie schleppen Leichen derer, die für mich gebrannt.
Nun ist Odysseus da. Er hebt die blut'ge Hand.
Er weiß Geheimstes. Mord bewies. Er ist mein Mann.
Wir hocken schweigend. Zeit zerfällt. Wir sehn uns an . . .
5. Okt. 1940
Aus: Paul Gurk (1880-1953), Gedichte 1939-1945. Eine Auswahl. Mit einem Nachwort und Anhang hrsg. von Irmgard Elsner Hunt. (Vergessene Autoren der Moderne XXIX hrsg. von Franz-Josef Weber und Karl Riha). Universität-Gesamthochschule Siegen, Siegen 1987, S. 21
Der Abschluss meiner kleinen Zwölf-Nächte-Reihe schlägt noch einmal die Brücke vom 12. zum 20. Jahrhundert. Von der absurden Dichtung anonymer französischer Dichter des Mittelalters zur Absurdität der Breschnewjahre, wie sie sich bei einem jungen ukrainischen Dichter spiegelt, der zu Lebzeiten keine Chance auf Veröffentlichung hatte. (Freilich ist absurd nicht gleich absurd. Während die alten Franzosen, einmal verkürzt ausgedrückt, absurde Scherze pflegten, gibt der junge Ukrainer eine Chronik der Absurdität des Realen.)
Hryhorij Tschubaj
(Григорій Чубай, 1949-1982)
CHRONIK
Ihor Kalynez gewidmet
damals zogen die ganze Nacht statt der Wolken Doppelbetten
über unsere Stadt und es hieß daß gegen morgen
aus ihnen ein Kopekenregen niederfiel
die Gesichter der Uhren waren damals leichenblaß
die Tränen der Minuten fielen immer
gleichmäßiger zu Boden
Unsere Pferde hatten sich im welken Laub versteckt
und mit dem Laub trug sie der Wind davon
als wir unseren Kaffee zu Ende tranken erschien
ein kleiner Taschenmessias und sprach
spielt nicht alle gleichzeitig den Helden ihr ähnelt
sonst denMarktfrauen die die gleiche Ware feilbieten
stellt euch an für das Heldentum
und wartet
solltet ihr jedoch sterben ohne etwas Heldenhaftes
vollbracht zu haben dann war zumindest euer
Anstehen für das Heldentum heldenhaft genug
schließlich schleppte sich eine wahnsinnige Kirche
am Café vorbei die vor Einsamkeit und Leere
den Verstand verloren hatte
1971
Aus dem Ukrainischen von Anna-Halja Horbatsch, aus: Reich mir die steinerne Laute. Ukrainische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Reichelsheim: Brodina Verlag, 1996, S. 103
ХРОНІКА
Ігорю Калинцю
тоді всю ніч над нашим містом пливли двоспальні
ліжка замість хмар повідали що з них ран-
ком ішов копійчаний дощ
тоді обличчя годинників були смертельно бліді
і крапали на підлогу сльози хвилин щораз
рівномірніше
заховалися наші коні в буланому листі і
разом із листям їх вітер кудись погнав
а як ми допивали каву то явився нам кишенько-
вий месія й прорік
не будьте героями всі одночасно бо станете
тоді схожими на перекупок що пропонують
один і той самий товар ставайте в чергу
на героїзм і чекайте
а якщо ви так і помрете не звершивши нічо-
го геройського то ж хіба не геройством бу-
ло ваше доброчесне стояння в черзі на геро
Їзм
а ще божевільна церква що збожеволіла од са-
моти й порожнечі повз кавʼярню поволі тоді
брела
Ebd. S. 102
(Zwölf Nächte)
Auch die populäre Unterhaltungsliteratur bedient sich bei der verkehrten Welt. In den Märchen der Brüder Grimm gibt es Das Dietmarsische Lügen-Märchen.
Ich will euch etwas erzählen: ich sah zwei gebratene Hühner fliegen, flogen schnell und hatten die Bäuche gen Himmel gekehrt, die Rücken nach der Hölle, und ein Amboß und ein Mühlstein die schwammen über den Rhein, fein langsam und leise, und ein Frosch saß und fraß eine Pflugschaar zu Pfingsten auf dem Eis; da waren drei Kerls, wollten einen Hasen fangen, gingen auf Krücken und Stelzen, der eine war taub, der zweite blind, der dritte stumm und der vierte konnte keinen Fuß rühren. Wollt’ ihr wissen, wie das geschah? Der Blinde der sah zuerst den Hasen über Feld traben, der Stumme der rief dem Lahmen zu, und der Lahme faßte ihn beim Kragen. Etliche die wollten zu Land segeln und spannten die Segel im Wind, und schifften über große Aecker hin, da segelten sie über einen hohen Berg, da mußten sie elendig versaufen. Ein Krebs jagte einen Hasen in die Flucht, und hoch auf dem Dach lag eine Kuh, die war hinauf gestiegen; in dem Land sind die Fliegen so groß, als hier zu Land die Ziegen.
Kinder- und Haus-Märchen, Große Ausgabe. Band 2, Berlin 1815, S. 296. Als Quelle wird ein niederdeutsches Lied des 16. Jahrhunderts genannt, das auch in diversen hochdeutschen Fassungen verbreitet ist. Hier zwei hochdeutsche Versionen aus Pommern. Die erste stammt von Ernst Moritz Arndt.
Das Lügenlied.
Ich will euch erzählen, und will auch nicht lügen:
Ich sah zwei gebratene Ochsen fliegen,
Sie flogen gar ferne –
Sie hatten den Rücken gen Himmel gekehrt,
Die Füße wohl gegen die Sterne.
Ein Amboß und ein Mühlenstein
Die schwammen bei Köln wohl über den Rhein,
Sie schwammen gar leise –
Ein Frosch verschlang sie alle beid
Zu Pfingsten wohl auf dem Eise.
Es wollten Vier einen Hasen fangen,
Sie kamen auf Stelzen und Krücken gegangen,
Der erste konnte nicht sehen,
Der zweite war stumm, der dritte war taub,
Der vierte konnte nicht gehen.
Nun denke sich einer, wie dieses geschah:
Als nun der Blinde den Hasen sah
Auf grüner Wiese grasen,
Da rief’s der Stumme dem Tauben zu,
Und der Lahme erhaschte den Hasen.
Es fuhr ein Schiff auf trockenem Land,
Es hatte die Segel gen Wind gespannt
Und segelt’ im vollen Laufen –
Da stieß es an einen hohen Berg,
Da thät das Schiff ersaufen.
In Straßburg stand ein hoher Thurm,
Der trotzete Regen Wind und Sturm
Und stand fest über die Maaßen,
Den hat der Kuhhirt mit seinem Horn
Eines Morgens umgeblasen.
Ein altes Weib auf dem Rücken lag,
Sein Maul wohl hundert Klafter weit aufthat,
S’ ist wahr und nicht erlogen,
Drinn hat der Storch fünfhundert Jahr
Seine Jungen groß gezogen.
So will ich hiemit mein Liedlein beschließen,
Und sollt’s auch die werthe Gesellschaft verdrießen,
Will trinken und nicht mehr lügen:
Bei mir zu Land sind die Mücken so groß,
Als hier die größesten Ziegen.
Ernst Moritz Arndt: Mährchen und Jugenderinnerungen. Zweiter Theil. Berlin: Reimer, 1843, S. 370-372. Arndt gibt als Quelle Notizen seines verstorbenen Bruders Fritz aus Thüringen an. Das Lied ist aus vielen Regionen in lokalen Varianten überliefert. Hier ein „Scherzlied aus Pommern“, bei dem der Turm statt in Straßburg in Stralsund steht und auch Greifswald seinen Auftritt hat.
1. Ich will euch erzählen und will auch nicht lügen:
Ich sah zwei gebratene Ochsen fliegen;
Sie flogen von ferne,
Sie hatten den Rükken zur Erde gekehrt,
Den Bauch wohl gegen die Sterne.
|: Hei di del dum dei, 😐
Den Bauch wohl gegen die Sterne.
2. Ein Amboß und ein Mühlstein,
Die schwammen bei Köln wohl über den Rhein;
Sie schwammen also leise.
Ein Frosch verschlang sie alle beid'
Zu Pfingsten auf dem Eise.
|: Hei di del dum dei, :|
Zu Pfingsten auf dem Eise.
3. In Stralsund stand ein hoher Turm,
Der trotzte Schnee, Hagel, Regen und Sturm,
Stand fest über alle Maßen;
Den hat ein Kuhhirt mit seinem Horn
Auf einmal umgeblasen.
|: Hei di del dum dei, :|
Auf einmal umgeblasen.
4. In Schlawe war ein großer Hahn,
Der hat unendlich viel Schaden getan
An einer hohen Brücke.
'ne Biene fraß ein ganzes Schwein,
Ach, war das ein Unglücke!
|: Hei di del dum dei, 😐
Ach, war das ein Unglücke!
5. In Greifswald stand ein hohes Haus,
Da flog eine Fledermaus heraus,
Da barst es in tausend Stücken.
Da kamen elftausend Schneidergesellen,
Die wollten das Haus wieder flicken.
|: Hei di del dum dei, :|
Die wollten das Haus wieder flicken.
6. So will ich denn hiermit mein Liedchen beschließen
Und sollt's auch die ganze Gesellschaft verdrießen;
Will trinken und nicht lügen.
In meinem Land sind die Mücken so groß
Wie hier die größten Ziegen.
(In einer anderen Fassung des „Pommerschen Lügenlieds“ schwimmt der Amboss nicht in Köln, sondern in dem kleinen Ort Zanow in Hinterpommern „wohl über dem Rhein“, was natürlich noch mehr „Sinn macht“.)
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