84. An Mamama

Die Briefe zeugen davon, dass Stil und Haltung des Autors sich im Privaten und im Öffentlichen kaum unterschieden. Unbeirrbar war und blieb Peter Hacks in seinen mit weitreichenden Studien und Lektüren unterfütterten ästhetischen und politischen Anschauungen. Olymphoch sah er sich über allerlei »Idioten« und deren Kümmernissen stehen. Geplagt wurde er zwar immer wieder von Witterungsschwankungen, Schnupfen und anderen lästigen Zipperlein, in keinem Moment jedoch von Zweifeln, gar Selbstzweifeln. Hacks, der einen sozialistischen Absolutismus für das bestmögliche Staatswesen hielt, stellt sich auch hier als allzeit aus lichter Höhe auf die Dinge blickender und sie in die richtige Ordnung bringender Souverän vor.

Viel Platz nehmen in den Briefen Bestelllisten von Gebrauchs- und Luxusgütern aus dem Westen in Anspruch. Im Wechsel mit den oft recht undankbaren Dankesschreiben für die eingetroffenen Waren, vorwiegend Konfektion und Delikatessen, stehen sie am Anfang beinahe jedes Schreibens an die Mutter. Man könnte nun daraus schlussfolgern, dass das hehre Ideal vom Sozialismus für den DDR-Immigranten Hacks spätestens am Esstisch in der Mangelwirtschaft endete. Tatsächlich zeigt sich in der Vorliebe für exklusive Produkte vor allem die fehlende Bereitschaft eines von seinen exzeptionellen Leistungen überzeugten Künstlers, auf die angemessenen Annehmlichkeiten zu verzichten. / Martin Hatzius, Neues Deutschland 21.3.

Peter Hacks schreibt an »Mamama«. Der Familienbriefwechsel 1945-1999. Hrsg. Von Gunter Nickel, Eulenspiegel Verlag, 992 S., geb., 49,99 €.

83. Preise vergeben

Soeben ein Kabel aus Darmstadt:

Der Leonce-und-Lena-Preis 2013 geht an Katharina Schultens

Förderpreise: Uljana Wolf und Tobias Roth

L&Poe gratuliert herzlich!

82. Schlesaks Tagebuch

Dieter Schlesak, der 1969 Rumänien verlassen hatte, veröffentlicht seit 2.3. sein „Tagebuch 1968 – 2013“ in seinem Blog.

Die Reisen nach Berlin, Hamburg, München, Frankfurt, die lebensentscheidende Begegnung mit Linde im S. Fischer Verlag am 13. November 68 vormittags. Das Hotel Kupferschmidt, die Parvisgeschichte (Lindes Maker, der wegen Drogenhandel im Knast  gesessen hatte! Dann rauskam und uns im Bett überfiel, wir vögelten gerade. Er hatte die Tür eingetreten und schlug mit seiner Aktentasche auf mich ein.)

Flug Köln -Hamburg.
Hamburg-Frankfurt.
Wieder Frankfurt. Manthey kennengelernt. HR.
November 1968, die Einladung auf den Sonnenberg, das Treffen mit der tschechischen Delegation.
Die Tagebücher ziemlich diffus notiert.
Heute  am 12.7.2012, so viele Jahre später –
Notizen in den TBs (lose Blätter)gefunden:
 Für Dieter-Michael
Ich sehe das Wort nicht
Und kann es sprechen
Die Jacke  halt ich auf
Die du verloren hast
In mir und überall hinaus
Bis an den Rand der Luft.
Bist du ein Sprechgerät
der Fernen?
Als ich  dann erst nach einem halben Jahr, März 1969 nach Bukarest zurückfuhr, sagte Magdalena und auch meine Redaktionskollegen: Du hast dich verändert so als wärst du sehr weit, als könntest du hier nicht mehr ankommen. Und T. (so nannte ich mich: „Totalitäre Seele“) wusste das. Er war „gebrochen“,  schwach und distanziert geworden.

81. Hungertuch verliehen

Der Künstlerpreis das Hungertuch 2013 wird heute verliehen in der Martinskirche, Linz am Rhein, darunter an Swantje Lichtenstein. / Mehr

80. American Life in Poetry: Column 411

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

It seems that love poems have a better chance of being passed around from person to person than other poems, and here’s one by Richard M. Berlin, who lives in the Berkshire hills of western Massachusetts, that we’d like to pass along to you.

Einstein’s Happiest Moment

Einstein’s happiest moment
occurred when he realized
a falling man falling
beside a falling apple
could also be described
as an apple and a man at rest
while the world falls around them.

And my happiest moment
occurred when I realized
you were falling for me,
right down to the core, and the rest,
relatively speaking, has flown past
faster than the speed of light.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2011 by Richard M. Berlin from his most recent book of poems, Secret Wounds, BkMk Press, 2011. Poem reprinted by permission of Richard M. Berlin and the publisher. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

79. manuskripte 199/2013

Im aktuellen Heft (März 2013, € 11,70, 161 S.):

2 Nachrufe auf die slowenische Dichterin Maruša Krese, von Andrea Stift:

Liebe Maruša, mein Wunsch für das Jahr 2013 war, dass einmal 365 Tage keiner stirbt, den ich gern habe. Mein Wunsch hat sich nicht erfüllt. (…)

Maruša, Du warst so politisch, dass ich Angst davor hatte, mit Dir über Politik zu reden (weil ich dachte, ich verstünde nichts. Dabei ist das nur eine Ausrede. Jeder versteht).  Du hast es zuwege gebracht, diese zwei Dinge zu vereinen, die sich für mich ausschließen: Menschlichkeit und eben Politik.

und Ilma Rakusa

Am 7. Januar 2013 hat sie ihr nomadisches Unterwegssein beendet. In Ljubljana, ihrer Geburtsstadt, im Alter von 65 Jahren. (…) Wo war ihr Ort? Sie wusste es selbst nhicht. Nicht in Slowenien, das ihr zu eng schien, nicht im hippen Berlin, nicht in San Francisco. Schon eher im versehrten Sarajevo, das sie während des Krieges immer wieder aufsuchte, um zu helfen, was ihr 1997 das Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland eintrug. Nur das Prekäre, Provisorische zog sie an, eine bürgerliche Existenz im trauten Heim konnte sie sich nicht vorstellen.

Gedichte von: Martin Kubaczek, Elke Laznia (Prosagedichte), Verena Stauffer (Sonett, Terzinen), Andreas Unterweger, Sara Ventroni (Italienisch/Deutsch), Franz Josef Czernin (zungenenglisch. visionen, varianten), Marija Ivanović, Ronald Pohl, Ingeborg Horn, Milena Marković, Volha Hapeyeva

Prosa von: Ulrike Draesner, Hanna Engelmeier

Liste der Vögel, die ich von Nietzsches Balkon aus beobachten konnte: Elstern, Blaumeisen, Eichelhäher, Krähen, Buntspechte und einen nicht identifizierbaren Pseudo-Zaunkönig, Tauben.

Gundi Feyrer, Dana Ranga, Thomas Rothschild (Bruder Eichmann, Breivik und die Sopranos), Paul Nizon, Franz Schuh, Lukas Palamar u.a.

Beiträge über: Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki, Peter Waterhouse

78. Chinua Achebe gestorben

Man nannte ihn den Vater der modernen afrikanischen Literatur: In Romanen, Essays und Gedichten befasste sich der Schriftsteller mit dem Leben in Afrika – und dem Bild, das sich Europäer und US-Amerikaner davon machen. 2002 wurde Achebe mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. In der Begründung würdigte ihn die Jury als eine „der kräftigsten und zugleich subtilsten Stimmen Afrikas in der Literatur des 20. Jahrhunderts“.

Chinua Achebe wurde 1930 in Ogidi im Osten Nigerias geboren. Nach dem Studium arbeitete er beim Rundfunk Nigerias, wo er 1961 zum Direktor des Auslandsdienstes „Voice of Nigeria“ ernannt wurde. (…)

1966 legte Achebe nach den Massakern am nigerianischen Volk der Igbo sein Amt beim Rundfunk nieder. Als Sonderbotschafter der separatistischen Republik Biafra warb er während des Biafra-Krieges (1967-70), der über eine Million Menschen das Leben kostete, um Unterstützung für den Freiheitskampf. Nach dem Krieg lehrte er an Universitäten in Nigeria und den USA.

(…) Wie sein Agent mitteilte, ist Chinua Achebe nun in den USA gestorben. Er wurde 82 Jahre alt. / Spiegel

77. Literarischer März

Darmstadt macht seinem Namen als Literaturstadt alle Ehre: Einen Tag nach dem „Tag der Poesie“ beginnt dort der „Literarische März“, der zeigt, was sich in der deutschen Lyrik der Gegenwart tut. / hr

Centralstation Darmstadt
Im Carree

Freitag, 22. März 2013
Moderation: Hajo Steinert
Beginn 18.00 Uhr
Einlass 17.30 Uhr

Samstag, 23. März 2013
Lesungen der Autoren
Moderation: Hajo Steinert
Beginn 9.00 Uhr
Einlass 8.30 Uhr
Moderation: Hajo Steinert

Preisverleihung Leonce-und-Lena-Preis und Wolfgang-Weyrauch-Förderpreise
Beginn 20.00 Uhr
Einlass 19.30 Uhr

Eintritt frei

Lektorat (Vorjury): Christian Döring, Fritz Deppert, Hanne F. Juritz. Aus 469 Einsendungen wählten sie 9 aus. (Wetten, daß darunter einige sind, von denen wir noch viel hören werden?)

Jury: Sibylle Cramer, Ulrike Draesner, Kurt Drawert, Jan Koneffke, Joachim Sartorius

Teilnehmer: Myriam Keil (Hamburg), Sina Klein (Düsseldorf), Levin Westermann (Biel/Schweiz), Sascha Kokot und Marlen Pelny (beide Leipzig) sowie Georg Leß, Tobias Roth, Katharina Schultens und Uljana Wolf (alle Berlin)

76. Ronald Lippok Sibylla Schwarz

Plakat_SibyllaSchwarz

75. Sitz, Biene, sitz

Sitz, Biene, sitz:

Jetzt kommt der Lorscher Bienensegen!

Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers aus:

Ralph Dutli, DAS LIED VOM HONIG. Eine Kulturgeschichte der Biene. Wallstein Verlag, Göttingen 2012

(Unten Dutlis Übersetzung)

Nicht weit von meinem Wohnort Heidelberg befindet sich die im Jahr 764 gegründete Benediktinerabtei Lorsch. Vom ehrwürdigen Kloster blieb allerdings – neben ein paar Ruinen – nur eine eindrückliche karolingische Torhalle erhalten. Das Kloster war weithin berühmt für seine Bibliothek, unter anderem für das Lorscher Evangeliar, eine auf das Jahr 810 datierte Prachthandschrift, eine der großen Augenweiden des Mittelalters. Sie entstand vermutlich am Hofe Karls des Großen und übte auf die Entwicklung der Buchmalerei starken Einfluss aus.

Der Name Lorsch taucht aber auch in der deutschen Sprachgeschichte auf. Der Lorscher Bienensegen ist eine der ältesten gereimten Dichtungen deutscher Sprache, eingereiht wird er unter die magischen Beschwörungen und Zaubersprüche. Im 10. Jahrhundert kritzelte ein Mönch des Klosters den Text auf den Rand einer Pergamentseite der Vision des Heiligen Paulus aus dem 9. Jahrhundert, und zwar kopfüber verkehrt, gerade so, als habe die Handschrift vor einem Klosterbruder gelegen, und sein Mönchskollege ihm gegenüber habe sich rasch erhoben, über das Pergament gebeugt und einen freien Platz zum Schreiben gesucht. Der Ort ist purer Zufall. Es muss geeilt haben. Der Mönch wollte seine Bienenbeschwörung so rasch wie möglich aufs Pergament setzen (das rar und teuer war), als Gedächtnisstütze, damit sie nicht gleich wieder ins Vergessen abtauche. Schwärmende Bienen sind flüchtig, spontan gereimte Gedanken auch. Aber Buchstaben auf Pergament zu kritzeln – das macht den leichtverderblichen Nektar unter geistigem Speichelzusatz zu haltbarem Honig.

Nicht nur das menschliche Gedächtnis ist fragil, auch Bücher sind es. Doch dieses Buch hatte Glück. Denn es geriet mit Tausenden anderen in Brand, Glaubenskrieg und Verschleppung – und überlebte dennoch bis heute. Habent sua fata libelli – auch Bücher haben ihre Schicksale. Im Jahr 1090 brannte das Kloster. Die Mönche wussten, dass sie das Wichtigste retten mussten, was bei ihnen aufbewahrt war. Jedes Stück in ihrer Bibliothek war ein kostbarer Speicher für Glauben und Wissen. Auch jenes Buch wurde gerettet. Es gelangte auf Schleichwegen in die Bibliothek der pfälzischen Kurfürsten, die nach der Reformation auf der Empore der Heiliggeistkirche in Heidelberg aufbewahrt wurde. Der Bücherhort war die Bibliotheca Palatina, also die „Pfälzische“, eine der bedeutendsten Bibliotheken des 16. Jahrhunderts. Und sie wurde im Dreißigjährigen Krieg zur kostbaren Beute.

Die Geschichte des „Winterkönigs“ Friedrich V. von der Pfalz (1596 bis 1632) und seines jähen Sturzes ist mit dem Schicksal dieser Bibliothek eng verbunden. Der calvinistische Kurfürst, seit 1613 Gatte der englischen Königstochter Elisabeth Stuart, war der Anführer der Union protestantischer Fürsten und stellte sich wagemutig, aber auch unvorsichtig gegen Kaiser und Reich. Am 4. November 1619 ließ er sich in Prag zum König von Böhmen krönen, wodurch er einer der Auslöser des Dreißigjährigen Krieges wurde. Nach dem Fiasko der Schlacht am Weißen Berg am 8. November 1620 gegen die Truppen des Kaisers musste er überstürzt fliehen. Es folgten Ächtung, Enteignung, Exil, und für seine pfälzische Residenzstadt Heidelberg – Verwüstung und Tod durch die Soldateska des katholischen Gegners.

Die Herrschaft des „Winterkönigs“ dauerte zwar mehr als einen Winter lang, aber der von der kaiserlichen Propaganda geprägte Spottname des Kurzzeitkönigs blieb an ihm haften. Als der katholische Feldherr Tilly am 19. September 1622 Heidelberg eroberte, hatte das auch für die wertvolle kurfürstliche Bibliothek schicksalhafte Folgen. Papst Gregor XV. wollte den Bücherschatz für sich haben und beorderte als seinen Gesandten Leone Allacci nach Heidelberg, der die Verschleppung der Bücher mit strengen Augen überwachte. Die ganze Bibliothek wurde auf die Rücken von zweihundert Mauleseln gepackt und auf eine gefährliche Alpenüberquerung geschickt. Es waren über 3500 Handschriften, 1200 Drucke und Frühdrucke (Inkunabeln), eine sehr stattliche päpstliche Beute. Unter ihnen reiste schaukelnd auch eine lateinische Vision des Heiligen Paulus mit dem bescheidenen, kopfüber auf einen Rand gekritzelten althochdeutschen Lorscher Bienensegen. Auf dem Rücken eines Maulesels überquerte der klösterliche Bienenschwarm also die Alpen. Der gute Mönch hatte das Ausschwärmen der Bienenbuchstaben nicht verhindern können. Sie landeten in Rom in den Büchersälen des Papstes. Unter der Signatur Pal. Lat. 220 wird die Handschrift noch heute in der Vatikanischen Bibliothek aufbewahrt.

Der Lorscher Bienensegen ist eine magische Beschwörung, der Versuch, einen Bienenschwarm zur Rückkehr und zum Bleiben zu bewegen. Denn jedes fliehende Volk ist ein herber Verlust für die Klosterwirtschaft. Der  Mönch, der vermutlich mit der Honig- und Wachsgewinnung beauftragt war, ist in Panik. Was ist ein Kloster ohne Kerzenlicht! Ohne Bienenwachs war keine Messe denkbar, kein Kirchenraum konnte feierlich erleuchtet werden, durchweht vom süßen Geruch der heiligen Wahrheit. Beim Kirchenvater Augustinus war es ein Symbol für Jesus Christus, den Erlöser, „der das Licht in die Welt bringt“ und – sich selber wie eine Kerze verzehrend – die Welt vom Dunkel der Sünde befreit. Die Kerzenproduktion war im christlichen Mittelalter enorm, den Stoff dazu lieferten die Wachsdrüsen der Biene.

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74. Bienensegen

Unter den bereits digitalisierten Beständen des Vatikanischen Archivs befindet sich auch die Handschrift des „Lorscher Bienensegens“ aus dem 9./ 10. Jahrhundert. Es steht in der Homiletischen Sammelhandschrift Pal. lat. 220.  Mittel- oder oberrheinisches Gebiet (?), frühes 9. Jh., auf  Seite: 58r (am unteren Rand auf dem Kopf stehend notiert und sehr gut lesbar). Es handelt sich um eine der ältesten Reimdichtungen in althochdeutscher Sprache. In den meisten großen Lyrikanthologien folgt er gleich auf die Merseburger Zaubersprüche, und auch Thomas Kling nahm ihn in seinen Sprachspeicher mit eigener Übersetzung auf.

Beim Vergleich stellt man leicht fest, daß es beträchtliche Unterschiede zu den angeblich originalen Textfassungen in den meisten Anthologien gibt. Die von mir eingesehenen Bände (Kling, Conrady, Echtermeyer, Detering) verwenden einheitlich eine „normalisierte“ Textfassung. Wenn man wissen will, was wirklich geschrieben steht, muß man die Handschriften konsultieren. Oder die Digitalisate.

Damals gab es noch nicht die Konvention, Zeilen am Versende umzubrechen. Üblicherweise schreibt man in den Ausgaben Langzeilen aus den zwei (außer am Anfang) gereimten Zeilen. Das im Prosastil notierte Manuskript erzwingt das aber nicht. Man könnte daher auch paarweise gereimte Kurzzeilen schreiben, etwa so:

Kirst, imbi ist hûcze
Nû fluic dû, vihu mînaz, hera
Fridu frôno in godes munt
Heim zi comonne gisunt

Sizi, sizi, bîna
Inbôt dir sancte Maria
Hurolob ni habe dû
Zi holce ni flûc dû

Noh dû mir nindrinnês
Noh dû mir nintuuinnêst
Sizi vilu stillo
Uuirki godes uuillon

Ich verwende hier allerdings die textlich bereinigte Fassung. Das zweite Verspaar

Fridu frôno in godes munt
Heim zi comonne gisunt

bei Kling:

im frieden des herrn, in gottes schutz …… kommt gesund nach haus.

lautet eigentlich:

Fridu frôno in munt godes
gisunt heim zi comonne

Bildschirmfoto 2013-03-20 um 23.17.40

73. Vatikan digitalisiert

Eine der bedeutendsten Handschriftensammlungen der Welt lagert in der Bibliotheca Apostolica Vaticana. In den kommenden Jahren wird dafür gesorgt, dass diese Kulturschätze möglichst für immer erhalten bleiben. Alle insgesamt 80.000 Handschriften sollen in den kommenden Jahren digitalisiert werden, dank Nasa-Technologie in einer Qualität, die sie noch besser lesbar macht als im Original. Und man hat bereits damit begonnen: Vor wenigen Wochen wurden die ersten 256 Handschriften auf der Seite vaticanlibrary.va online gestellt. (…)

Einige der ältesten Bibel-, Vergil-, Cicero- oder Dante-Handschriften finden sich darin. (…)

Um Napoleon Ende des 18. Jahrhunderts zum Abzug aus Rom zu bewegen, musste der Papst ihn unter anderem mit 500 kostbaren Kodizes entschädigen, die Napoleon für sein geplantes europäisches Zentralarchiv verwenden wollte. Nicht alles kam nach Rom zurück, vieles vermeintlich (aber nicht in allen Fällen wirklich) Wertlose kam auf den Papierschnitzelmarkt und als Packpapier auf den Fischmarkt. / Anne-Catherine Simon, Die Presse

Horazkommentar, Anfang 9. Jh.

72. Neuer Houellebecq, alter Houellebecq

15 Jahre nach seinem letzten Gedichtband kehrt der vielfach preisgekrönte, aber auch umstrittene französische Autor Michel Houellebecq zur Poesie zurück. Der Band „Configuration du dernier rivage“ (zu deutsch etwa: Gestalt des letzten Ufers) soll laut Verlag am 17. April bei Flammarion erscheinen. Er umfasst fünf Kapitel mit kurzen, schwermütigen Gedichten mit und ohne Reim auf knapp 90 Seiten. (…)

Goncourt-Preisträger Houellebecq hat seine Karriere mit Gedichten begonnen, zum Romanschreiben ist er eher zufällig gekommen. „Sollte ich alt werden, schreibe ich vielleicht jede Menge Gedichte. Ein alter Dichter gefällt mir… Und Gedichte sind toll, weil man nicht unter Druck gesetzt wird.“ / Die Presse 

71. Hungertuch für Literatur

Swantje Lichtenstein aus Köln erhält in Anerkennung ihres lyrischen Werks das Hungertuch für Literatur 2013

Diese Lyrikerin ist eine große Wortverdreherin, eine Sprachspielerin am Abgrund des Unaussprechlichen, die das Gesagte und das Ungesagte, das Sagbare wie das Unsagbare jederzeit zu einem Wortwitz machen kann. Ein lyrisches Ich, das alles aufs Spiel setzt, welches vom Weltgefühl der Verlorenheit umzingelt ist und dennoch am Rande des Schweigens die Sprache zu Wort kommen läßt. Für diese existenzielle Zerreißprobe noch Wörter zu finden – das ist Poesie. Diese Gedichte machen Spaß, soviel Spaß, daß stummes Grinsen bei der Lektüre nicht reichen wird. Man sollte sich für sein Lachen nicht schämen, sich eher darüber wundern, wie wenig Humor ansonsten in der sogenannten ernsten Literatur zu finden ist.

“Entlang der lebendigen Linie“ tastet sich diese Lyrikerin sophistisch zu ihren »Sexophismen«, welche mit sogenannten „Portalen“ den Lesern Zugang zum Schreiben der Dichterin und Wissenschaftlerin verschaffen. / Matthias Hagedorn, KuNo

70. Süßholz

Der republikanische Senator Rand Paul hielt eine von Beobachtern als wichtig angesehene Rede zum jährlichen Gipfeltreffen der U.S. Hispanic Chamber of Commerce in Washington, DC., von der es im Vorfeld hieß, es ginge um eine Einwanderungsreform. Offenbar war sie gut vorbereitet – 90 Minuten vor seiner Redezeit stand ein halbes Dutzend Fernsehkameras bereit, ebenso wie die großen Zeitungen „NYT and WaPo“.

L&Poe mischt sich nicht in die US-amerikanische Politik ein*; aber Sprache(n) und Poesie spielten feste mit. Offenbar glaubt man es den Hispanics schuldig zu sein.

Paul begann mit einem Sprachmix:

Por favor disculpen mi Espanol. Como creci en Houston -es un poco ‚espanglish y un poco Tex Mex.

[Bitte entschuldigen Sie mein Spanisch. Da ich in Houston aufwuchs, ist es ein wenig „Spanglisch“ und ein wenig Tex Mex.]

Und mit einer Anekdote. Als Teenager jobbte er neben Immigranten beim Rasenmähen und dergleichen. Einmal fragte er einen von ihnen, wieviel er verdiene; “tres dolars”, antwortete er. Der Texaner: „Auch ich bekomme drei Dollar die Stunde“. „Nein,“ der Immigrant, „drei Dollar am Tag“.

Jetzt die Poesie.

Er habe Miguel de Unamuno im College gelesen. Der habe einen guten Rat für die Republikaner parat:

“Miremos más que somos padres de nuestro porvenir que no hijos de nuestro pasado.”**

[Laßt uns lieber Eltern unserer Zukunft sein als Kinder unserer Vergangenheit]

In Pauls politischer Prosa:

Die Republikaner müssen Eltern einer neuen Zukunft mit den Latinowählern sein oder wir bescheiden uns mit einem dauerhaften Minderheitenstatus.

Die Latinos würden viele Werte mit den Republikanern teilen, wie: Freiheit, Familie, Glauben, konservative Werte, Verteidigung des ungeborenen Lebens und der traditionellen Ehe.***

Sie wären also natürliche Verbündete der Republikaner, aber in ihrem Eifer zur Abschottung der Grenzen hätten die ihre Verbündeten vor den Kopf gestoßen.

Um das zu ändern, bemühte er außer der Erinnerung an seine deutschen Vorfahren noch zwei hispanische Dichter: Gabriel García Márquez und Pablo Neruda. Er zitiert Verse aus einem Liebesgedicht Nerudas, die irgendwie beweisen sollen, daß Latinos und Republikaner zusammengehören:

Niemand fängt die Leidenschaft der lateinischen Kultur besser ein als Pablo Neruda.

Ich mag, wie Neruda in „Wenn du mich vergißt“ eine leidenschaftliche Drohung ausstößt, aber so endet****:

„Pero
si cada día,
cada hora,
sientes que a mí estás destinada
con dulzura implacable,
si cada día sube
una flor a tus labios a buscarme,
ay amor mío, ay mía,
en mí todo ese fuego se repite,
en mí nada se apaga ni se olvida“

Doch wenn Du
jeden Tag,
jede Stunde
empfindest, daß Du für mich bestimmt bist,
mit unverrückbarer Süße,
wenn jeden Tag
eine Blüte aufsprießt zu Deinen Lippen, um mich zu suchen,
ach, meine Liebe, ach, Meine,
so wiederholt sich in mir all dies Feuer,
und nichts erlischt in mir, nichts wird vergessen

Wer spürt da nicht die unverrückbare Süße und das vereinigte Feuer des gesamtkonservativen Dialogs. (Aber nicht aus Versehen Lorca zitieren – der war schwul.)

_____________

*) Paul schlug einen „Mittelweg zwischen Amnestie und Ausweisung“ vor („The solution doesn’t have to be amnesty or deportation,“ said Paul. „A middle ground might be called probation“), die Einführung einer Probezeit.

**) Ein Satz, der sich außer in Pauls Gedächtnis auch in jedem gedruckten oder digitalen Zitatlexikon findet.

***) Einige deutsche Konservative scheinen auch daran zu arbeiten. Es ist halt schwürig.

****) Zuckerbrot und Peitsche, fördern und fordern***** heißt das Mantra. Paul sagt auch, noch nie habe er einen Immigranten gesehen, der kostenloses Essen verlangt.

*****) An noch anderer Stelle auch: „Leidenschaft und Gesetzestreue“. Wie tief versteht die konservative Seele, warum die romanischen****** Sprachen romanisch heißen.

******) Das Wort romance vereinigt romanisch, romanhaft und romantisch. Ein guter Anfang für einen politischen Liebesroman.

Quelle: Slate