2. Lyrikpreis „Argana“

Der internationale Lyrikpreis „Argana“ wurde am Sonnabend in Casablanca an den spanischen Schriftsteller Antonio Gamoneda verliehen.

Der Preis wurde 2013 zum siebtenmal vergeben. Die Jury besteht aus Mohamed Larbi Lamsari (Vorsitzender), dem Kritiker  Abderahmane Tankoul und den Dichtern Hassan Najmi, Najib Khedari und Khalid Rissouni. Laut Kulturminister Mohamed Amine Sbihi stelle die Preisvergabe eine deutliche Botschaft dar und erinnere an das gemeinsame kulturelle und geschichtliche Erbe Marokkos und Spaniens. Gamoneda bekräftigte, „wir waren immer Brüder in der Kultur und der Poesie“. / Au fait Maroc

1. Decolonizing

Ngugi wa Thiong’o, der im vergangenen Jahr auf der Buchmacher-Liste der Nobelpreiskandidaten ganz oben stand, zwischen Philip Roth und Bob Dylan, erzählt in seinem vor einem Vierteljahrhundert erschienenen Aufsatz ‚Decolonizing the Mind‘ eine kleine Geschichte. In der Schule war es verboten, die eigene Sprache, Gikuyu, zu sprechen. Wer erwischt wurde, kriegte Stockschläge auf den nackten Hintern oder ein Schild um den Hals gehängt: ‚I am a donkey‘. Die Sprache, schrieb Thiong’o, sei wichtig, um kolonisierte Völker ‚zu faszinieren und ihre Seelen gefangen zu halten‘.

Der Aufsatz ist auf Englisch erschienen und hat Weltkarriere gemacht. Wie die Romane von Chinua Achebe, Thiong’os sieben Jahre älterem, nigerianischen Kollegen. Thiong’o, lange Zeit ein Bewunderer Achebes, ist auf Gikuyu umgestiegen, Achebe ist beim Englischen geblieben, dem Verdacht auf Unselbständigkeit zum Trotz. Diese Entscheidung hatte auch literarische Gründe. Achebe hat im Englischen einen Stil entwickelt, der es ihm erlaubt, die englische Kultur mit der afrikanischen zu infiltrieren. / Hans-Peter Kunisch, Süddeutsche Zeitung 23.3.

127. Psyche

Noch ein Osterei:

Anverwandlung von textlichem Fremdmaterial. Psyche – Überschreiben des Roman-Buches von Adolf Schmitthenner, Bielefeld 1891, überschriebener Text: Angelika Janz, Essen 1979-1981.

Psyche Forts

126. Erfinderisch

Ost-Berliner Literaturfreunde sind erfinderisch, wenn es darum geht, Autorenlesungen für politisch unliebsame DDR-Schriftsteller zu organisieren. Diese Erfahrung mußten Volkspolizisten und Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes machen, als sie versuchten, eine private Veranstaltung mit dem DDR-Autoren* Uwe Kolbe zu verhindern. Obwohl Zusammenkünfte dieser Art nach DDR-Recht nicht verboten sind, wurden rund 1000 Interessenten vor einer Privatwohnung im Ost-Berliner Bezirk Mitte abgewiesen. Begründung: „Aus baupolizeilichen Gründen“ dürften nicht mehr als 20 Personen das Haus betreten. Bei Verstößen, so drohten die Ordnungshüter, würden die Personalien der Literaturfreunde registriert. Die Gäste ließen sich nicht einschüchtern: Sie fanden sich, eine Stunde später, in einer anderen Wohnung zu Lesung und Diskussion ein.

DER SPIEGEL 40/1982

*) mit dem Autor! raunt der Beckmesser in mir. Aber wahrscheinlich ist dem Dativ, wie ich ihn in den letzten 50er Jahren des vorigen Jahrtausends bei Herrn Darsow gelernt habe, ebensowenig zu helfen wie des Genitivs.

Wieviele Besucher hatten Kolbes Adresse vom Cover seines 1981 erschienen Bandes „Abschiede und andere Liebesgedichte“? Ich jedenfalls nahm die Information für bare Münze und klingelte eines Tages unangemeldet in der Schliemannstraße 9. Und sie stimmte! Der Dichter servierte einen Tee und wir plauderten u.a. über den blinden Philosophen, der bei einer Lesung in Greifswald Fragen gestellt hatte.

kolbe

125. Poetopie

nun bist du ewig, für immer im Netz, deinem Himmel – wie hältst du darin es aus, lebst du je wieder auf?

Hansjürgen Bulkowski

124. American Life in Poetry: Column 414

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

When spring finally arrives, it can be fun to see what winter left behind, and Jeffrey Harrison of Massachusetts is doing just that in this amusing poem.

Mailboxes in Late Winter

It’s a motley lot. A few still stand
at attention like sentries at the ends
of their driveways, but more lean
askance as if they’d just received a blow
to the head, and in fact they’ve received
many, all winter, from jets of wet snow
shooting off the curved, tapered blade
of the plow. Some look wobbly, cocked
at oddball angles or slumping forlornly
on precariously listing posts. One box
bows steeply forward, as if in disgrace, its door
lolling sideways, unhinged. Others are dented,
battered, streaked with rust, bandaged in duct tape,
crisscrossed with clothesline or bungee cords.
A few lie abashed in remnants of the very snow
that knocked them from their perches.
Another is wedged in the crook of a tree
like a birdhouse, its post shattered nearby.
I almost feel sorry for them, worn out
by the long winter, off-kilter, not knowing
what hit them, trying to hold themselves
together, as they wait for news from spring.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2012 by Jeffrey Harrison, whose most recent book of poems is Incomplete Knowledge, Four Way Books, 2006. Poem reprinted from Southwest Review, Vol. 97, no. 1, 2012, by permission of Jeffrey Harrison and the publisher. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

123. Begehrt

Nicht nur unter ehrlichen Studierenden des John-F.-Kennedy Instituts sind die Schriften Charles Bukowskis beliebt – auch bei „Bücherdieben“ stehen die Werke des US-amerikanischen Dichters und Schriftstellers hoch im Kurs: In einer 1999 vom „New York Observer“ aufgestellten „Liste der meist gestohlenen Bücher“ nehmen sie den ersten Platz ein. Tatsächlich werden auch in der Bibliothek des John-F.-Kennedy-Instituts zehn der dort eigentlich vorhandenen 41 Bukowski-Bücher vermisst. / FU Berlin

122. Bis die Nation marschiert

Isabelle Vonlanthen interessiert sich für jene Dichter und Publizisten, denen das Nationale zur Weltanschauung, zur „Ästhetik des Aufbegehrens und der Revolution“ wurde, wie sie es nennt. Das Militärische dominiert die Texte. Das Individuum wird zum Soldaten für das Vaterland, bildet Kampfgruppen, bis die Nation marschiert.

„In diesem Zusammenhang wird eigentlich auch die Dichtung als kriegerisch-militärische Tat, als bewaffnete Tat oft beschrieben. Dann ist sicher die religiöse Komponente sehr wichtig. Das Vaterland als auferstandene Nation; die Gottesmutter, die die Polen zu sich holt. Des Weiteren wichtig ist auch die unreine Nation.“

Die Literatur wird stark politisch. Dichterisch-militärisch will sie die Nation schaffen, durch ein religiöses Band zusammenhalten und zuletzt bestimmen, was und wer sich zur polnischen Gesellschaft zählen dürfe, damit die Nation als rein anzusehen wäre. So wurden – zumindest literarisch – Minderheiten und unter ihnen vor allem jüdische Bürger angefeindet und ausgegrenzt, schreibt die Autorin

Ukrainer, Weißrussen, Juden und Deutsche. (…) Die größte Bedrohung orteten die Nationaldemokraten aber bei den Juden, mit denen sie in vielfältigen internen Beziehungen im gleichen Staat lebten. Die Juden waren in der Zweiten Republik nicht nur das Feindbild par excellence, ihnen wurde auch eine feindliche Haltung Polen gegenüber zugeschrieben.

Der nationaldemokratische Antisemitismus, der die allgemeinen nationalistischen Tendenzen jener Zeit widerspiegelt, gründete auf einer Kombination von religiösen, sozialen, ethnischen und wirtschaftlichen Aspekten. (…) Anstatt die wirtschaftlichen Probleme mit Reformen zu beheben, wurden in einer zweifelhaften Maßnahme die pauperisierten Juden zu Sündenböcken erkoren.

Die neuen Texte sollten das Bewusstsein der Polen stärken und eine neue Gemeinschaft entwerfen. Dabei kann man zwei Lager unterscheiden. Das regierende Lager um Józef Piłsudski, Marschall und Präsident, entwirft einen Staat für alle Bewohner Polens. Das zweite Lager plädiert – aus der Defensive heraus – dafür, nur Polen reinen Blutes einzubeziehen. / Arkadiusz Luba, DLR

Isabelle Vonlanthen: Dichten für das Vaterland
National engagierte Lyrik und Publizistik in Polen 1926-1939
Theologischer Verlag Zürich, August 2012
444 Seiten, 49,20 Euro

121. Peter-Huchel-Preis.de

Es war eine Großtat für die Lyrik, die in Deutschland seit je an den Rändern des Literaturbetriebs angesiedelt ist. Der Huchel-Preis wurde schnell zur Institution – und die Zuerkennung so etwas wie ein Ritterschlag für die Angehörigen dieser Zunft; der eigentlichen Königsdisziplin unter den literarischen Genres. Die siebenköpfige Jury, deren Aufgabe es ist, den – so hat es die Satzung festgelegt – besten Lyrikband des Jahres zu küren, galt und gilt als hoch mögendes Gremium, in dem auf höchstem Niveau über dichterische Texte und ihre Poetologie verhandelt wird.

Die Liste der Preisträger liest sich wie ein Who is Who der deutschsprachigen Lyrik: Fast niemand von Rang unter den zeitgenössischen Dichtern zwischen Flensburg und Südtirol fehlt. Die wenigsten unter den Preisträgern sind danach in Vergessenheit geraten: Große Namen wie Friederike Mayröcker, Ernst Jandl, Adolf Endler, Wolfgang Hilbig und der zu früh gestorbene unvergessene Thomas Kling werden begleitet von Entdeckungen wie Uljana Wolf – die es als bisher einzige geschafft hat, für ihren Debütband ausgezeichnet zu werden – oder Nora Bossong. Dass in den vergangenen Jahren Lyriker der jungen bis mittleren Generation viele Preisträger stellten, kann als Indiz dafür gelten, dass die Lyrik seit einem guten Jahrzehnt einen kaum geahnten Aufschwung genommen hat.

Selten gab es so viele vielversprechende Talente wie in diesen Tagen – und deshalb kommt der Beitrag des SWR zum 30-jährigen Bestehen des Huchel-Preises im richtigen Augenblick. Keine Festschrift, wie sie Wolfgang Heidenreich zu 20 Jahren Huchel-Preis herausgebracht hat, sondern ein Internet-Auftritt: das SWR-Archiv der Preisträgergedichte, der Lob- und der Dankreden wird online präsentiert; ab dem 3. April, Geburtstag Huchels und Tag der Preisverleihung, ist es im Netz verfügbar. Gefördert mit Mitteln aus dem Innovationsfonds des Landes und begleitet von der Arbeitsstelle für die literarischen Gedenkstätten in Baden-Württemberg, zeichnet der neue Huchel-Jury-Vorsitzende und SWR-Redakteur Werner Witt für die Inhalte der neuen Homepage verantwortlich: Er hat die komplette Serie der bisher 29 Verleihungszeremonien akustisch verfügbar gemacht.

Das digitale Huchel-Archiv ist in dezentem Grün gehalten, übersichtlich und klar gestaltet. Man findet sich sofort zurecht – und braucht nur noch ins akustische Erleben einzusteigen: Bei Lyrik, die sich erst vollendet, wenn sie im Verlautbaren sinnlich wahrnehmbare Gestalt annimmt, ist das ein unschätzbarer Vorteil. Auch Reden wollen in der Regel lieber vernommen als gelesen werden. Und so trägt dieses sehr besondere Archiv ungemein zur Verlebendigung der zeitgenössischen Dichtung und zum Wachhalten ihres Gedächtnisses bei.

Immer schon wollte man Thomas Klings legendäre Performance (mit dem Schlagzeuger Frank Köllges) wieder hören oder den Klangzauberer Oswald Egger: Jetzt ist es möglich. Wie schön. Und das Portal soll sich in die Gegenwart hinein weiterentwickeln. Mag sein, dass es zur Plattform für die zeitgenössische Lyrik wird. Man wird sehen. / Bettina Schulte, Badische Zeitung

120. Karwoche

Nicht nur im Espriu-Jahr, nicht nur zur Karwoche empfehle ich den Band »Setmana Santa« von Salvador Espriu, erschienen 1971. Vierzig motivisch verkettete, in Tonfall und Form höchst unterschiedliche Gedichte – eine seltsame Meditation über den Tod, durchzogen von einer ins Groteske kippenden Karfreitagsprozession und mit der Passion als absurdem Plot der conditio humana. Hier das erste

I

Eterna, noble, una paraula
en l’arrelada sequedat.
Ara, llum vell, ets apagat,
i ja ningú no seu a taula.
La veritat ens sembla faula,
es romp el nu roquer del cant.
En trossejats vents de l’espant
dansem el boig i la barjaula.
Alliberats, ens hem lliurat,
sota podrits dits de mesell,
al ball del crim. Volta el penell,
mai no parem, car l’amo és ell.
Endins del glaç d’uns ulls d’ocell,
aguait de forques, dels alçats
braços dels arbres dels penjats.

Ewig und edel, ein Wort
in der verwurzelten Trockenheit.
Jetzt, altes Licht, wirst du gelöscht
und keiner sitzt hier mehr am Tisch.
Die Wirklichkeit scheint uns Erfindung,
es bricht der nackte Felsgrund des Gesangs.
In den zerstückelten Winden der Furcht
tanzen wir Narr und Hure.
Befreit gaben wir uns ganz hin
unter verfaulten Aussatz-Fingern
dem Sündentanz. Die Wetterfahne dreht,
wir stehn nie still, denn sie ist Herr.
Im Eise zweier Vogelaugen,
lauern Galgen, emporgereckte
Arme der Bäume der Erhängten.

[Im Original sind’s gereimte Achtsilber, ich habe es bei einer angedeuteten Metrifizierung belassen.]

/ àxel sanjosé

119. Antidepressiv

„Had Prozac been available last century, Baudelaire’s ’spleen,‘ Edgar Allan Poe’s moods, the poetry of Sylvia Plath, the lamentations of so many other poets, everything with a soul would have been silenced,“ New York Times bestseller Nicholas Nassim Taleb writes in his latest book, Antifragile: Things That Gain From Disorder. / mehr

118. Zur Diskussion

Laut einem Entwurf zur Geschichte der deutschen Lyrik

ist die Lyrik in der DDR von staatlichen Direktiven umstellt, die moderne Einflüsse als dekadent zurückweist und eine Reorientierung auf die Klassik und sozialkritische Traditionslinien der internationalen Literaturgeschichte umsetzt (Formalismusdebatte, „Forum“-Lyrikdebatte, Lyrikdebatte in „Sinn und Form“) und staatstreue Lyrik mit hohen Auflagen für Gedichtbände fördert bzw. durch das Heftchenformat „Poesiealbum“ und durch Massenveranstaltungen („Lyrikwelle“) popularisiert.

Ich bin kein Anhänger der Theorie, daß nur Beteiligte die Geschichte recht verstehen. Aber man muß auch die Schwierigkeiten einrechnen, aus den Überlieferungen die Geschichte zu verstehen. Das verläuft weder widerspruchs- noch irrtumsfrei, beim Römischen Reich nicht anders als bei der DDR.

Als Beteiligter an der DDR-Lyrik (als engagierter Leser seit meiner späten Schulzeit in den 60ern) muß ich bei solchen Formulierungen doch schlucken. Zweifellos war die Lyrik wie das gesamte öffentliche und private Leben von staatlichen Direktiven umstellt. Wurde staatstreue Lyrik mit hohen Auflagen gefördert. Bei der Formalismusdebatte stimmt es nur zum Teil. Zum anderen war sie der Versuch unabhängiger Marxisten wie Brecht oder Bloch, der quasi offiziellen Lukácsschen Ästhetik eine weniger von Klassik und orthodoxem Realismus bestimmte Haltung entgegenzustellen. Bei den angeführten Lyrikdebatten in Forum und Sinn und Form scheint es mir überhaupt nicht richtig. Die Forumdebatte im Sommer 1966 war ein erfolgreicher Versuch,  nach Veröffentlichung der Anthologie „In diesem besseren Land“, die entgegen der Anmutung des Titels ein Gegenentwurf zur offiziellen Darstellung der DDR-Lyrik war, wofür die Namen der Herausgeber bürgen, Karl Mickel und Adolf Endler, diese neue Perspektive einer jungen Generation zu „popularisieren“. Sie wurde ausgelöst durch ein Gedicht Mickels, das die Zeitung zusammen mit einer Interpretation durch den jungen Literaturwissenschaftler Dieter Schlenstedt abdruckte. Dieses Gedicht – alles andere als klassik- und realismuslastig – wurde kontrovers diskutiert, auch die junge Lyrikerin Elke Erb beteiligte sich an der Debatte. Daß sie nach einigen Wochen durch einen „offiziellen“ Artikel von Hans Koch abgewürgt wurde, dokumentiert eher, daß sie den Offiziellen nicht genehm war als die oben behauptete Orientierungsfunktion.

Noch stärker gilt das für die Sinn-und-Form-Debatte der frühen 70er Jahre. Auch sie wurde kontrovers geführt, auch sie, in stärkerem Maße, demonstrierte, daß die Orthodoxie die Deutungshoheit verloren hatte. Mit dieser Debatte wurde Adolf Endler zum anerkannt besten Essayisten in Sachen DDR- und Welt-Lyrik im Ländchen. Diese Phase endete mit der Unterschrift Endlers unter den Protest gegen die Ausbürgerung Biermanns 1976.

Die Aussage über die Popularisierung staatstreuer Lyrik gilt nur bedingt für die Lyrikwelle, die ambivalent war, weil eine Reaktion der staatlichen Jugendorganisation FDJ auf das Auftreten neuer Stimmen. Sie versuchte sich an die „Spitze der Bewegung“ zu setzen – neben den Guten traten dort zahlreiche medioker-staatsfromme Lyriker auf. So konnte die „Lyrikwelle“ abgewürgt werden, aber zugleich hatten sich die neuen Stimmen der bald (im Westen) so genannten „Sächsischen Dichterschule“ durchsetzen können. Nicht Helmut Preißler und Uwe Berger, um zwei staatsnahe Lyriker zu nennen, sondern Braun, Mickel, Czechowski, Jentzsch, Greßmann, Endler, Erb, Inge Müller… waren die Namen der maßgeblichen DDR-Lyriker innerhalb und außerhalb des Landes. Ich sehe nicht ein, warum man die verzerrte Sicht der Ideologen nachträglich anerkennen sollte. Viele zeitgenössische Darstellungen im Westen taten das,* man muß es nicht konservieren.

Auch bei der Heftreihe Poesiealbum muß ich widersprechen. Sie erschien seit 1967 im Verlag der FDJ, Neues Leben. Trotz kontinuierlicher Einflußnahme aber war das Heft unter seinen aufeinanderfolgenden Herausgebern Bernd Jentzsch, Richard Pietraß und Dorothea Oehme (die beiden ersten wurden jeweils abgesetzt) alles andere als ein Organ zur Popularisierung des Geschmacks von Hager oder Krenz. Trotz einzelner Zugeständnisse war das eine erstklassige Quelle der deutschen und Weltlyrik, wo bis 1990 monatlich ein Heft für 90 Ostpfennige erschien, in dem nicht nur über hundert Erstveröffentlichungen (von Wulf Kirsten bis Kerstin Hensel, Johannes Jansen, Bernd (Jayne-Ann) Igel oder Kathrin Schmidt) und (oft DDR-Erst-)Veröffentlichungen moderner Weltlyrik von Allen Ginsberg, Octavio Paz, René Char, W.H. Auden, Dylan Thomas, Welimir Chlebnikow, César Vallejo, Julian Przyboś, Arthur Rimbaud, Bob Dylan, Claes Andersson, Jannis Ritsos, Itzik Manger, Charles Bukowski, Anna Achmatowa, Aimé Césaire, Arsenij Tarkowski, Konrad Bayer, Boris Vian…; kurz: diesen Passus bitte unbedingt revidieren!

Ich füge die Selbstbeschreibung des Verlages der neuen Folge bei. Poesiealbum erscheint wieder und veröffentlichte in den letzhten Jahren u.a. Gottfried Benn (Nr. 300), Ezra Pound, Inger Cristensen, Seamus Heaney, Guillaume Apollinaire, Christine Lavant und Elke Erb. Mit heute 4 Euro könnte es für junge Leser immer noch eine Quelle der poetischen Information sein.

*) So wenn das Kapitel über die DDR-Lyrik der 60er Jahre die Überschrift „Phase des entwickelten sozialistischen Gesellschaftssystems“ trägt. In: Lermen/Loewen: Lyrik aus der DDR. Paderborn, München, Wien, Zürich: UTB Schoeningh 1987. Ulbrichts und Hagers ideologische Sicht als Rubrik der Lyrikgeschichte, hui! (Sie hätten lieber Endler fragen sollen. Oder mich 😀 .)

Auf der folgenden Seite finden Sie den Überblick zu der einzigartigen und umfangreichsten deutschsprachigen Lyrik-Reihe*. 1967 in der DDR während einer internationalen Lyrik-Bewegung gegründet**, besteht sie auch nach inzwischen 45 Jahren unverändert weiter und erreichte im Jahr 2012 mit Ausgabe 300 eine beeindruckende Marke.

Jedes Poesiealbum gibt einen Überblick über das (bis Redaktionsschluß zur Verfügung gestandene) Werk des jeweiligen Dichters. Ungeschriebenes Gesetz war und ist, daß jeder Lyriker nur ein Heft erhält, das unter Umständen in einer späteren und erweiterten Form nochmals erscheinen kann, wenn sich das Werk des Autors über die Jahre wesentlich erweitert und verändert hat. Die Kunst dieser Auswahlen ist es, sie treffend für das Oeuvre des jeweiligen Poeten zu gestalten, so daß die Leser einen verläßlichen Überblick zu Anliegen, Art und Charakter der jeweiligen Dichtung erhalten. Quellenangaben ermöglichen bei Bedarf eine weitergehende Vertiefung; somit wirkt das Poesiealbum neben dem unterhaltsamen und bildenden Aspekt für die Leser auch als Werbung für das Gesamtwerk des behandelten Lyrikers.

Früher erschienen die Hefte monatlich, aktuell erscheint das Poesiealbum zweimonatlich. Format, Preis und Gestaltung wurden bei der Gründung durch „kollektive Einzelentscheidungen“ sehr bewußt gewählt.
Das Format, auch bei verwandten Abarten anderer Lyrikausgaben gerne übernommen, wurde so festgelegt, daß „das Heft in die Innentasche eines Sakkos paßt, so daß Werktätige [!] es immer bei sich führen können“. Zwar implementiert „Werktätige“ die Berufstätigen beiderlei Geschlechts; da Jackett-Träger aber gemeinhin Herren sind, war Lyrik, damals entweder Männerdomäne, oder der Zugang zur Lyrik sollte Männern erleichtert werden. Praktischerweise ist das gewählte Format allerdings auch für die gängigen Damen-Handtaschen ab „medium“ passend.

Die Heft-Gestaltung und -Ausführung war nach einigen Tests schnell gefunden; dem Grafik-Altmeister Peter Nagengast gebührt höchste Anerkennung für die einfache und einprägsame Reihengestaltung, die über die Jahrzehnte unverändert beibehalten werden konnte. Auch die schnörkellose und zweckmäßige Typografie von Achim Kollwitz trug wesentlich zur Lesbarkeit und Konstanz der Reihe bei. Die Fertigung in Klammerheftung erfolgte von Heft 1 bis zur Gegenwart mit großem Engagement im Druckhaus Zeitz, das allerdings bis zu seiner Privatisierung 1990 verschiedene Namen und Zugehörigkeiten erdulden mußte. Die Umschlag- wie Papierqualität schwankte früher je nach der Wirtschaftslage, wodurch manchmal auch Lieferverzögerungen entstanden; allerdings berichten Insider auch von einer – auch wegen der Auflagenhöhe von 8. bis 40.000 – zeitweilig eigens hergestellten Papiersorte.
_____________
* soweit unsere Recherchen ergeben haben; ergänzendes oder anderweitiges Wissen wird gerne zur Kenntnis genommen

** wenig wahrscheinlich als Gründungsargument für das Poesiealbum ist das von Kohlhaase festgehaltene Bonmot zur Verklärung von der DDR-Mangelwirtschaft geschuldeten Problemen: „Es gibt wenig Kartoffeln, wir werden große Lyrikdebatten haben“  [Zeitmagazin 7/2012], nicht nur, weil es zumindest Kohl, Karnickel und Kartoffeln immer gab

Der Umfang der Hefte betrug von Anbeginn konstant 32 (+4 Umschlag-) Seiten, wovon nur ausnahmsweise (Lenin-Sonderheft 31 sowie Jubiläumsdoppelhefte 100 und 150 zu Goethe bzw. Schiller) abgewichen wurde.
Die Grafik des Umschlags war schon immer bewußt auffällig und anziehend als gestaltender Faktor der Reihe gewählt, wobei sie zu den Gedichten oder dem Autor einen Bezug darstellt; die Übersicht der folgenden Seiten zeigt deren erstaunliche Vielfalt.
Der „EVP“ wurde in der DDR per Direktive von zentraler Stelle festgelegt und sollte – so berichten die Gründer – in etwa so teuer wie ein Brot (das damals 78 oder 93 Pfennige kostete) sein. Tatsächlich erreichte damit die Reihe bei den Lesern den Kult-Status eines „Grund-Nahrungsmittels“. Bis zum Ende der subventionierten Planwirtschaft kurz vor dem Exitus der DDR betrug der Preis unverändert 0,90 Mark, was u.a. zum damaligen Finale der Reihe bei Heft 275 führte. Bemerkenswert, daß vom jetzigen Editor der Reihe dieses Verhältnis mit 4 € auch heute noch bzw. wieder eingehalten wird.

Herausgegeben wurden die Hefte bisher von hervorragenden Kennern der lyrischen Szene, meist selbst erfahrene Lyriker und Nach-Dichter: Bernd Jentzsch als Erfinder und Mitbegründer der Reihe
(bis Heft 122 und 276-278), Richard Pietraß (von Heft 124 bis 148 und 282 bis 303) sowie Dorothea Oehme (Hefte 149 bis 275). Als Editor der Reihe fungierten der Verlag Neues Leben, Berlin – Direktor Rudolf Chowanetz (Hefte 1-275), der BrennGlas Verlag Assenheim – Verleger Prof. Juergen Seuss (276) und aktuell (ab Heft 277) der Märkische Verlag Wilhelmshorst – Verleger Dr. Klaus-Peter Anders.

Wichtiger als diese formalen Merkmale sind jedoch die inhaltlichen Aspekte der Reihe. Sowohl die Autoren- als auch die Gedichtauswahl trafen und treffen kompetente Auswähler, uU. unterstützt durch externe Experten, die neben einer umfassenden Werkkenntnis auch die Strömungen der Zeit sowie die Bedeutung des klassischen Erbes immer als Kriterium ihrer Zusammenstellungen betrachten bzw. betrachtet haben. Damit wuchs die Anerkennung durch die Leser und der beispiellose Erfolg der Reihe. Wegen der Vielfältigkeit der Autoren und Heftinhalte kann es keine allgemeingültige umfassende Ein-schätzung dazu geben; Herbert Kästner schrieb in den „Marginalien“, daß das Poesiealbum in späteren Jahren den Rang erhält, den wir heute etwa der Reihe „Der jüngste Tag“ zusprechen. Eine Vielzahl deutschsprachiger Erstveröffentlichungen und über 100 DDR-Erstveröffentlichungen unterstreichen den zwar mutigen aber dennoch gerechtfertigten Vergleich. Über 5 Millionen verbreitete Hefte in 22 Ländern und das überwältigende Echo zur Wiederbelebung der Reihe durch den Märkischen Verlag nebst der damit verbundenen Begeisterung durch alte wie neue Leser sprechen jedoch für sich und das Niveau der Reihe.

Wir würden uns freuen, wenn auch Sie sich von Niveau, Qualität und Vielseitigkeit des Poesiealbums überzeugen ließen; zur Bestellung der aktuellen Hefte geht es hier.
Märkischer Verlag Wilhelmshorst

 

117. Erb-Wiki

Elke Erb hat Wikiartikel auf Deutsch, Russisch und Japanisch. Hier der Anfang des japanischen mit Google-Übersetzung.

エルケ・エルプ

[transkribiert ungefähr: Eruke Erupu] – am Foto erkennen wir sie:

エルケ・エルプ

ウィキポータル 文学 ウィキポータル 文学

エルケ・エルプ: Elke Erb, 1938年2月18日 – )は、ラインバッハドイツ語版)生まれのドイツ作家翻訳家、編集者。

目次

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作品と影響 [編集]

エルケ・エルプは、文学研究者エヴァルト・エルプドイツ語版)(1903–1978)の三人娘のひとりで、ウーテ・エルプドイツ語版)の姉。父がラインラントから東ドイツハレに移住し、娘たちはフランケッシェ財団ドイツ語版)に住んだ。1958年から1959年までエルケの農業労働をし、その後、ドイツ学、スラヴ学、歴史と教育学をハレで勉強する。1963年に教育試験に合格し、1965年まで中部ドイツ出版ドイツ語版)で編集者をしていた。

1967年から1978年まではアドルフ・エンドラードイツ語版)と結婚していた。

Elke Erb
Literatur Wiki Portal
Elke Erb (Deutschland: 18. Februar 1938 Elke Erb -)-geboren deutscher Schriftsteller (deutsch) Bach Linie, Übersetzer und Herausgeber.
Inhalt [hide]
Werk und Wirken ein
zwei Werke
3 tribute
4 Auszeichnungen
5 Referenzen
6 Weblinks
Fußnote 7
Werk und Wirken [Bearbeiten]

Alone (deutsche) der drei Töchter (1903-1978), Erb Evu ~ aruto Literaturwissenschaftler, Elke Erb, die Schwester von Ute-Erb (deutsche Version). Mein Vater zog nach Halle in Ost-Deutschland aus Rheinland lebten Töchter in der (deutschen) Furankesshe Foundation. Der landwirtschaftliche Arbeitseinsatz von Elke von 1958 bis 1959, und studierte dann naturwissenschaftlichen Bildung in Halle, Deutschland, Slawistik und Geschichte. Bildung, um die Prüfung im Jahr 1963 passieren, war Redakteur bei der (deutschen) German zentralen Veröffentlichung bis 1965.
Von 1967 bis 1978 verheiratet war und Adolf Endler (deutsche Version).

116. Offener Brief an Ulf Heise

Jan Kuhlbrodt

Leipzig, den 28. März 2013

Offener Brief an den Leipziger Journalisten Ulf Heise anlässlich seines Artikels in der Chemnitzer Tageszeitung Freie Presse vom 16. 02. 2013 (Die Mutter vom Prenzlauer Berg. Die avantgardistische Dichterin: Elke Erb wird 75 Jahre alt)

http://www.freiepresse.de/NACHRICHTEN/KULTUR/Die-Mutter-vom-Prenzlauer-Berg-artikel8268533.php*

Sehr geehrter Herr Ulf Heise,

wir beide erinnern uns doch ziemlich genau, wie es in unserm Herkunftsland zuging, zumindest tue ich das, weil ich mit beiden Beinen tief im Sozialismus steckte und unter anderem mir folgender Sachverhalt Grund und Anlass war, mich aus dem Schlamm herauszuwühlen: Denunziation und Verunglimpfung gehörten zum politischen Stammvermögen der DDR-Literaturkritk und Kulturpolitik. Gut, Sie sagten mir einmal, dass Sie schon immer kritische Distanz zu wahren wussten. Und vielleicht ist es gerade diese Distanz, die Ihnen verbirgt, dass Sie auf ähnliche Art operieren wie die Lohnautoren im Geschirr der SED.

Was sie nicht kannten, gab es nicht, und was sie nicht verstanden, galt ihnen als Unverständnis. Ihr Unvermögen projizierten sie auf das was sie umgab. Die DDR war es, die die Ausbeutung der Arbeiter auf die Spitze trieb, in den Medien aber wurde berichtet, dass im Westen der Arbeiter ausgepresst würde.

Soviel nur zum Vorgehen der Presse früher, an das mich Ihr Artikel über Elke Erb erinnert. Ich mag hier nicht im Einzelnen richtig stellen, was Sie an Falschem berichten, das ist Sache des kritischen Lesers selbst, nur auf Einzelnes möchte ich aber aufmerksam machen.

Den ersten Absatz Ihres Artikels kann man getrost ignorieren, zumal er sich auf den allgemeinen Kritiker bezieht, den es genau so wenig gibt, wie den allgemeinen Menschen, und was Sie der Kritik unterschieben, ist Ihre persönliche Meinung, die Sie auf diese Weise zu verallgemeinern suchen.

Im Übrigen ging Elke Erbs Band Vexierbild in meiner Klasse, wir waren Abiturienten in Karl-Marx-Stadt, von Hand zu Hand. Es galt uns, wie zum Beispiel Fühmanns Traklausgabe, als Alternative zum staatsgelenkten Deutschunterricht. (Aber das können Sie natürlich nicht wissen.)

Im zweiten Absatz nennen Sie Jandl, Rühm und Artmann, und behaupten, dass Elke Erb deren Experimente auf die Spitze getrieben habe, indem in ihren Gedichten das Erzählen jetzt vollständig wegfalle. Das ist, mit Verlaub, Kokolores. Sie nennen drei Autoren mit völlig unterschiedlichen Ansätzen, die Sie offensichtlich nicht verstehen und deshalb als experimentell bezeichnen, und erklären Elke Erb zur Universalerbin. Was Elke Erb allerdings geerbt hat, Ist Ihr Unverständnis, Herr Heise.

Das letzte Buch, das in Ihrem Artikel angeführt wird, ist von 1995. Sie kennen wahrscheinlich maximal den Titel, oder haben kurz hineingeblättert. Dass danach noch einige Bücher der Autorin erschienen sind, scheint Ihnen entgangen zu sein, und angesichts der Vielfalt des Werkes von Elke Erb von einem Buch als Hauptwerk zu sprechen, zeugt von Unkenntnis, Ignoranz und einem vollkommen rückständigen Literaturverständnis, einem Verständnis, das allerdings meine realismusfixierten Deutschlehrer in den Siebzigern größtenteils teilten. Insofern kann ich Ihren Artikel als Nachricht aus dem Gestern auffassen, in dem Sie allem Anschein nach weiterhin beheimatet sind.

Sie schreiben in ihrem letzten Absatz:

„Die bewusst zur Schau gestellte Außenseiterhaltung trug ihr früh Achtung im Zirkel der literarischen Revoluzzer vom Prenzlauer Berg ein. Bald galt sie in Berlin als “Mutter der Szene”*. …. Neuerdings werden aber Stimmen laut,** die die von ihr entdeckten und geförderten Talente als Vertreter der Pseudomoderne bezeichnen, die im Windschatten der Mauer nach leicht angestaubtem Muster Texte produzierten.“

Genau diese Diffamierungssprache haben Sie, wahrscheinlich unbewusst, von der DDR-Kulturpolitik übernommen. Begriffe wie Revoluzzer, Pseudomoderne, leicht angestaubte Muster, legen jedenfalls die Vermutung nahe, dass Sie eine durchideologisierte Sprache benutzen. Das ist, Herr Heise, für einen Journalisten beschämend.

Dass Sie Elke Erb als Autorin nicht schätzen, ist Ihre Sache, Herr Heise, aber einen solchen kenntnisfreien und unsachlichen Artikel zu schreiben, auch noch anlässlich eines 75. Geburtstages, ist für meine Begriffe unverschämt.

Mit besten Grüßen

Jan Kuhlbrodt

Quelle: Postkultur

*) so wie der Hauptfeldwebel (der Spieß) in Hauptfeldwebelsprache die „Mutter der Kompanie“ genannt wird

**) Neuerdings. In Sachsen kommt vielleicht alles ein bißchen später an?

(Anm. M.G.)

 

115. Es geht aufregend zu

Der Laborcharakter zeigt sich in dem titelgebenden Gedicht Dickicht mit Reden und Augen. Es beginnt mit den Versen „Möglichkeit und Methode überschneiden sich / ein kühner Satz bricht sich im Wald, fortan er hinkt / kein Sprung ins Dickicht dringt“. Im Überschneiden von Möglichkeit und Methode, im Wunsch, dichtend die Welt zu erweitern, bilden sich Worte, entsteht ein Satz.

Doch dieser Prozess ist Widerständen ausgesetzt: Der „kühne Satz“ wird in der Engführung zweier Bedeutungsebenen, der als grammatisches Gebilde, und der als weit ausgreifende Bewegung (eines Tiers), gebremst, er „bricht sich“, und: „fortan er hinkt / kein Sprung ins Dickicht dringt“. Trotzdem sind im Sprechen des Gedichts nicht nur Bilder, es ist, im doppelten Sinne des Wortes, auch ein Reim dabei „herausgesprungen“. Wohin nun damit? Es geht aufregend zu in Popps Gedichten. Der Fragehorizont, der sich beim genauen Lesen freisetzt, weist der Vorstellungskraft viele Wege. Das erzeugt einen regelrechten Sog, man möchte sich, von diesen Versen geführt, gerne immer weiter aufregend verirren.

Mit Lust probiert sich hier die Sprache semantisch, rhythmisch, metrisch aus. Bedeutungen werden gesetzt und durchkreuzt („Bedeutung, eine Unterart von Gerümpel“), das vermeintliche Sinnganze ist längst kein Ideal mehr, wo bei aller Lust am Umstülpen („den groben Handschuh berühren, nach innen drehen“) und Zerlegen („Brandungsrauschen zerlegt / die Stimmen im magischen Strass alter Sprachen“) zugleich ein genauer Umgang mit dem Material, sei es auch Gerümpel, vorherrscht. / Beate Tröger, Freitag 14.3.

Im Dickicht mit Reden und Augen. Gedichte Steffen Popp Kookbooks 2013, 88 S., 19,90 €
Beate Tröger ist die Lyrikexpertin des Freitag