100. American Life in Poetry: Column 424

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

It’s a difficult task to accurately imagine one’s self back into childhood. Maybe we can get the physical details right, but it’s very hard to recapture the innocence and wonder. Maureen Ash, who lives in Wisconsin, gets it right in this poem.

Church Basement

The church knelt heavy
above us as we attended Sunday School,
circled by age group and hunkered
on little wood folding chairs
where we gave our nickels, said
our verses, heard the stories, sang
the solid, swinging songs.

It could have been God above
in the pews, His restless love sifting
with dust from the joists. We little
seeds swelled in the stone cellar, bursting
to grow toward the light.

Maybe it was that I liked how, upstairs, outside,
an avid sun stormed down, burning the sharp-
edged shadows back to their buildings, or
how the winter air knifed
after the dreamy basement.

Maybe the day we learned whatever
would have kept me believing
I was just watching light
poke from the high, small window
and tilt to the floor where I could make it
a gold strap on my shoe, wrap
my ankle, embrace
any part of me.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2012 by Maureen Ash. Reprinted by permission of Maureen Ash. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

99. Nominiert

Am 21. Juni wurden ins Finale gewählt:

Dominic Angeloch, Berlin
Kerstin Becker, Dresden

teilt die Website des Lyrikpreises München mit. Dort auch ein Bericht über den ersten Leseabend (vgl. auch Nachricht # 59 dieses Monats)

98. Abfall vom falschen Denken

Ist das dichtende Wort denn Produkt der Weigerung des Menschen gegenüber den Menschen wie der Herrschaft des Menschen über den Menschen? Oder Entsprechung natürlicher Anliegen in einer übersteigerten, weiterdrängenden, übernatürlichen Welt oder Funktion? Oder Gestammel bzw. Gemurmel des Unbegreifbaren bzw. nicht hinlänglich Erhellten?

Doch, letzterem müßte man zustimmen, auch um der neu heraufgezogenen Überheblichkeitsstruktur zu entsprechen, die man kritisch im eigenen Denken zuerst aufsuchen müßte, also im Sinne von Skepsis. (…)

Auch das Gedicht, die Dichtung legt Rechenschaft ab, für Einsicht. Einsicht in die Aktenlage des Geistes: und dabei kann sich gute Relation einstellen.

Wer die letzten Dinge aufgibt, kann nicht verstehen – oder hat vermutlich schon genug verstanden. So rufen die Gedichte als Miniaturen – zu Wem? – zur Erlösung aus der Welt der Dämonen, die Gedanken wurden. Abfall vom falschen Denken, als Geschenk und als Versuch, einen Eigensinn zu bewahren. Wie gleich muß das Denken noch der Lüge werden, um sie zu begreifen?

Retten tun beide vielleicht, Gesetz wie Gedicht. Mag doch die Denkmaschine mal um die Ohren fliegen, so war geheime Kraft, neuzubilden oder wieder zu fügen, wie schlau die Heilkräfte der Natur eingerichtet sind: Lobpreis der natürlichen Klugheit wie Schönheit, nicht der Narretei. So sucht man beständig nach Verzeihen für das Unverzeihliche. Dafür jedenfalls benötigt man nicht unbedingt Beistand. Aber wer weiß, wo sich der fruchtbare Boden noch finden wird. Nur eine kleine Auszeit, um sich selbst zu verzeihen, um im Selbstmitleid zu baden.

Damit erschöpft sich der Sinn nicht.

/ ROESIKE AXEL, der Freitag – Community

97. Poetopie

was du zerreißt, wenn du verreist, verbindet sich dort, wo du bleibst

Hansjürgen Bulkowski

96. Kunst und Fest

Die Kunst erleuchtet die Welt. Aber sie tut es auf zwielichtige Weise. (…)

Die Kunst und das Fest treffen sich also im Akt der Verschwendung. Wie es keine organisierte Gesellschaft gibt ohne Fest, gibt es auch keine organisierte Gesellschaft ohne Kunst. Kunst und Fest sind nicht identisch, aber in ihrem Wesen verwandt. Wer das Fest erforscht, stößt auf Dinge, die auch für die Kunst gelten und umgekehrt. Daher kann man vom einen auf das andere schließen. Sigmund Freud hat das Fest bestimmt als die zeitweise Aufhebung des Verbotenen. Was sonst nicht gestattet ist, darf jetzt sein – in zeitlichen Grenzen, die oft auf die Sekunde genau gesetzt sind und streng überwacht werden. Wenn das stimmt, dann muss auch die Kunst an dieser Dynamik von Verbot und Willkür ihren Anteil haben. Gerade die zwielichtige Weise, in der die Kunst die Welt erleuchtet, erscheint dabei als ein unabdingbares Element. Das sieht man am deutlichsten an der Verschwendung. Insofern als die Kunst Verschwendung ist, hebt sie die Gebote der Askese auf, sei es im bürgerlichen oder im religiösen Sinn. Dazu gehört zum Beispiel auch, dass die Künstler die Regeln der Ökonomie oft maßlos missachten und gegen den obersten Grundsatz der wirtschaftlichen Vernunft verstoßen, wonach der Wert eines Produkts von der dafür aufgewendeten Arbeitszeit abhängt. Da schreibt einer zwei Jahre an einem Roman, dann verbrennt er das Manuskript, beginnt von vorn, verbrennt es wieder und schreibt schließlich etwas ganz anderes. Drei Jahre Arbeitszeit sind verschleudert. Ein anderer bringt überhaupt nie einen Roman zu Ende; er hinterlässt nur drei Bruchstücke, das eine heißt „Der Process“, das zweite „Das Schloss“, das dritte „Der Verschollene“, und überdies befiehlt er, dass sie nach seinem Tod vernichtet werden müssen. Welche Verschwendung von Lebenszeit! Doch das Gebot wird missachtet, und die drei Zeugnisse des Scheiterns zählen plötzlich zu den vollkommensten Kunstwerken ihres Jahrhunderts. Auch diese Normverstöße hängen zusammen mit dem Festcharakter der Kunst, nicht weniger als die Tatsache, dass in allen Diktaturen die Künstler, die ihren eigenen Weg verfolgen, grundsätzlich verdächtig sind.

/ Peter von Matt, aus der Festrede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 2012, Oe1

95. Schnipsel

„Kann Spuren von Poesie und Lyrik enthalten“ – So warnt die Redaktion des „Schnipsel“ die Leser gleich auf der Titelseite. Und diese Warnung ist ernstzunehmen. Das kostenlose rund 62 Seiten dicke Literaturmagazin der vier Kieler Germanistik-Studenten Zara Zerbe (24), Cihan Köse (26), Nikolai Ziemer (25) und Andre Jonas (27) enthält sogar sehr viel Poesie und Lyrik. Am Donnerstag erschien die mittlerweile fünfte Ausgabe (Auflage 400 Stück). Gleichzeitig feierte das Magazin sein einjähriges Jubiläum. „Es scheint, als hätte die Kieler Underground-Literaturszene auf so etwas gewartet“, meint Nikolai Ziemer. / shz

94. Gestorben

Der Dichter, Essayist, Übersetzer, Verleger und Dozent Alexandru Mușina starb vorgestern in Bukarest kurz vor seinem 59. Geburtstag.

Alexandru Mușina (n. 1 iulie 1954, – d. 19 iunie 2013)

XVIII. Ode – „Sol“

Wir haben überlebt. Wie der Dachs,
der im Schlaf die grüne Knospe erblickt und seufzt.
Das Blut weiß die Regeln besser … und die Zelle
hat eine direkte Verbindung zu Gott.

So siegten wir: die Hand betäubt,
das Bein betäubt, der Mund betäubt.
Die Augen hörten auf zu schlagen. Das Gehirn vergaß.
So siegten wir: die Lymphe wurde zu Gelatine,
die Knochen wurden zu Gelatine, die Nerven wurden zu Gelatine.

Vergeblich schrieen sie, wie Besessene,
bleckten die schwarzen Zähne, klein und zahlreich,
die Zeichen, die gedruckten Storys. Die Furcht ist eine Mutter.
Die Furcht ist ein gute Mutter, voller Liebe.
In ihrem Bauch lernst du zu leben. In ihrem Bauch
gibt es andere Regeln, andere Götter, geht eine andere Sonne auf.
Eine blau angelaufene, wärmliche Sonne, eine Tier-Sonne.
Verständnisvoller als jede andere Sonne.

So siegten wir: wir schliefen.
Draußen verflossen die Zeitungen, Panzer, Gefühle,
Reiche wetzten sich ab, Reiche tauchten aus dem Meer empor.

Wir haben überlebt. Wir haben gesiegt. Hier bin ich.
Hier, neben dir.

(aus dem Rumänischen von Klaus F. Schneider)

93. Starkstrom

“Zu viel Schwachstrom. Keine Lichtbögen” befand der naseweise Ignorant und forderte “Mut zu einem neuen Expressionismus, wenn der moderne Impressionismus ganze Jahrzehnte zum Aquarellieren seiner Empfindungen hatte”. Was liegt da näher als einen eigenen Verlag zu gründen, in dem man radikal und ohne Rücksicht auf Mainstream und Markt Starkstrom und nichts als das verlegt?

Lesen Sie in der Müllhalde, wie es ausging.

92. Gestorben

Der Übersetzer und Verleger Rüdiger Fischer starb am 4.6. Er übersetzte zahlreiche Titel der französischen Literatur, die er in zweisprachigen Bänden in seinem „Verlag im Wald“ verlegte. Theo Breuer zitierte ihn 2005: „Rüdiger Fischer vergleicht die Situation mit der in Frankreich, wo die Bücher seines Verlags zehnmal so oft besprochen werden wie hierzulande“. Verbleibende Bücher seines Verlags wurden im November 2012 in München verschenkt. Auf der Website des Verlages findet man heute leider nur noch die Mitteilung, daß der Verlag wegen einer Erkrankung die Produktion einstellt. Nicht einmal mehr eine Liste der Titel darf bleiben, so läuft es.

Er verlegte u.a. Lyrik aus Belgien, Polen, Luxemburg, Frankreich, den USA, der Tschechischen Republik, von Werner Lambersy, Liliane Wouters, Yves Namur, Hélène Dorion, Odile Caradec, Gérard Bayo u.v.a.

Die Reihe Poesiealbum bereitet gerade eine Auswahl von Gérard Bayo vor, bei der er nun nicht mehr zur Verfügung steht. Falls jemand dabei helfen kann, Mitteilung erwünscht.

Jochen Arlt im Gespräch mit Rüdiger Fischer, Januar 2012 (Lyrikwelt):

Arlt: Lieber Rüdiger Fischer, Sie mühen sich redlich um Ihr berufliches Fortkommen als Verleger zeitgenössischer Lyrik in mehrsprachigen Buchausgaben. Wie werden Ihnen jene Mühen honoriert vom Buchhandel oder aus dem Gedichte-Leser-Rund?

Fischer: Zuerst: es handelt sich überhaupt nicht um Mühen. Und von „beruflichem Fortkommen“ kann beim Verlegen von fremdsprachiger Lyrik auch nicht die Rede sein. Ich gönne mir ein großes Vergnügen und suche Leute, die das mit mir teilen wollen, und einige finde ich.

Dass kaum noch ein Buchhändler ein Lyrik-Regal hat, das den Namen verdient, ist wohl so bekannt, dass ich es nicht zu erwähnen brauche. Und dass nichts bis nicht viel geschieht (von Seiten der Schule, der Medien, der Kulturinstitutionen), um die Zahl der Lyrik-Leser stabil zu halten oder zu erhöhen, ist auch bekannt.

Seit jeher, dies wissen Sie wie ich, sind Lyriktitel höchst selten in den von Prosa dominierten Bestseller-Listen zu finden.

Deshalb mag ich ja auch keine Prosatitel verlegen. Ich will ja nicht machen, was schon Dutzende anderer besser können, sondern entdecken und bei all diesem Entdecken auch meine Linie finden, das, was mir gefällt, was mir Wichtiges zu sagen hat.

Was motiviert Sie immer wieder zu neuen lyrischen Gratwanderungen?

Ich spaziere nicht auf Graten herum, sondern gehe angenehme Pfade am Hang entlang, ziemlich nahe bei den Häusern im Tal. Das heißt: die Lyrik, die mir gefällt, ist nicht notwendigerweise avantgardistisch, intellektuell, modern, schwierig, hermetisch; das kann sie hin und wieder auch sein, aber vor allem soll sie intensiv, direkt, drängend, ergreifend und für Amateur-Leser wie mich brauchbar sein, die Lesen nicht als Vollzeit-Beruf betreiben oder ein Literaturstudium hinter sich haben (hab ich auch, aber ich hab nicht den Eindruck, daß mir das sehr behilflich war und ist).

91. Lyrik-Kubismus

Una Pfau, die seit Jahrzehnten Werke der französischen Moderne ins Deutsche übersetzt, zeichnet anschaulich die Stationen jener Bewegung nach, und sie folgt den Spuren, die der Kubismus vor allem in der Lyrik hinterlassen hat, bei Apollinaire, Blaise Cendrars etwa. Wie in der Malerei, die gleichzeitig die Bildgegenstände aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet, macht sie auch in der Poesie Techniken aus, die nach dem Prinzip des Collagierens und der Simultaneität verfahren.

Kalligramme und Bildgedichte kommen in Mode, in denen Buchstaben und Worte eine Vase etwa, ein Pferd oder wie bei Apollinaire den Eiffelturm nachzeichnen. Cocteau, der jüngste unter den Dichtern, übersetzt den Rhythmus des Ragtime in die Verse des Langgedichts „Cap de Bonne-Espérance“. Oder Gertrude Stein, eine Picasso-Afficionada der ersten Stunde, setzt in ihrem antipsychologischen Roman „The Making of Americans“ auf das Prinzip der variierenden Wiederholung,

(…)
Auch wenn die kubistische Phase für die meisten Protagonisten, wie Pfau zeigt, nur ein Durchgangsstadium war, so ist ihr europaweiter Einfluss unverkennbar: auf die Surrealistentruppe um André Breton, Dada in Berlin oder die russischen Konstruktivisten um Malewitsch und Majakowski. Dass sich ihre Spuren bis in die 1980er-Jahre verfolgen lassen, weist sie schlüssig nach, bis zur Wiener Schule Ernst Jandls – und, so wäre zu ergänzen, bis zum Hip-Hop und dem Rap unserer Tage.

/ Edelgard Abenstein, DLR

Una Pfau: „Paris. Die kubistischen Jahre“ 
Matthes & Seitz, Berlin 2013 
414 Seiten 39,90 Euro

90. ausleuchten eintauchen pics schießen

Das Private liegt Marquardt näher als der „arabische volksaufstand“, und neben den vielen Medienzitaten steht ein begrenztes Bildvokabular mit Elementen wie Baum, Blick, Hand, Hund, Schatten, Tisch. Erstaunlich bleibt, wie die drei Texte „blickinsassen“, in der Mitte des Bands und als einzige aus Zeilenpaaren gebaut, aus dem scheinbar schlichten Repertoire die Grundlage einer „geschichte des blicks“, seiner Selbstreflexivität und seiner Potentiale zu schaffen vermögen. Wo zum Ich ein Du ins Spiel kommt, gelingen dichte, assoziationsreiche Texte, die synästhetische Qualitäten entfalten und mit gewissem Recht auf Widmungsträger wie Ulf Stolterfoht und Andrej Tarkowski verweisen. Hier wird der Jargon klangsensibel eingesetzt und mehrsinnig gebrochen.

Marquardt weiß, dass Metaphern Sinn und sinnliche Erfahrung kaum noch kurzschließen, wenn die Grenze zwischen Realität und Virtualität ständig übersprungen wird. Vielleicht bleibt dem Lyriker da tatsächlich nichts anderes als „das interieur ausleuchten. erhöh die pixelzahl, schraub das tempo runter, schau genau hin“ – oder gleich die resignative Variante des Mediennomaden: „einfach eintauchen, schnorcheln, augenweiden klarmachen, pics schießen“. „ich bin nackt, du trägst haut“ – wer die Asymmetrie von Selbst- und Fremd- wahrnehmung so prägnant zu fassen vermag, kann aber auch mehr als das eigene „interieur“ aus dem globalen Mediennetz fischen. / MARTIN MAURACH, FAZ 20.6. (S. 26)

Tristan Marquardt: „das amortisiert sich nicht“. Gedichte.
Verlag kookbooks, Berlin 2013. 76 S., br., 19,90 €.

89. Braucht die Lyrik ein Zentrum?

Florian Kessler in einem streitbaren Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 17.6. (S.12):

Gleich am ersten Abend des größten Lyrikfestivals, das es in Europa gibt, hatte der eigentlich eher spröde Dichter Oswald Egger einen Auftritt, wie ihn das Berliner Poesiefestival liebt: Hinter Oswald Egger flimmerten seine Gedichtzeilen auf einer Großleinwand, vor ihm saß ein wild gemischtes Riesenpublikum, und Egger selbst wirkte zumindest nach tradierten Lyriklesungsmaßstäben wie ein Bühnenvulkan: Ein schlauer Wurzelsepp im Anzug, der Kryptosätze skandiert und mittendrin plötzlich minutenlang auf Klingonisch flucht.

Beim Poesiefestival wird seit jeher viel programmatische Lust auf die mündliche Darbietung von Dichtung verwendet. Schnöde Schriftlichkeit zählt wenig. Texte seien lediglich die Partitur der Dichtung, behauptete Festivalleiter Thomas Wohlfahrt in seinen Einführungen immer wieder. Gedichte sollen also gerne auch einmal vertanzt oder verfilmt werden. Lesungen unter freiem Himmel in den Stadtteilen und ungewöhnliche Bühnenbegegnungen stehen hoch im Kurs. Man träumt vom publikumsaffinen Verflüssigen von ansonsten viel zu trockener Kost. Wunderbarerweise gelingen diese Unternehmungen immer wieder, oft in spektakulärer Weise: In diesem Jahr etwa, als die hochverdienten deutschen Dichter Volker Braun und Michael Krüger aufgefordert wurden, sich über die Poetiken der heutigen Lyrikszene zu beugen. Kopfschüttelnd und fasziniert rezitierte daraufhin der fünfundsiebzigjährige Braun die Zeilen der dreißigjährigen Ann Cotten.

Das Poesiefestival ist ein großartiger Arrangeur solcher abenteuerlichen Kollisionen. In diesem Jahr ist es aber auch ein eher abschreckendes Beispiel dafür, wie seine Organisatoren das Gesamtarrangement deutschsprachiger Dichtung verändern wollen. Auch ohne größere Leserschaft geht es der zeitgenössischen Dichtung gegenwärtig gut. Es wird wild geschrieben, diskutiert und veröffentlicht, das zeigt schon jeder Blick auf die vielen Verlags-Neugründungen der letzten Jahre – und jeder Blick auf die Veröffentlichungen oder auf die Auszeichnungen. Die Berliner Literaturwerkstatt, die das Poesiefestival veranstaltet, propagiert darum schon länger, es fehle eigentlich nur noch ein beherzter Schritt zum richtig großen Glück: Eine mit Bundesmitteln ausgestattete zentrale Schaltstelle müsse her, ein „Deutsches Zentrum für Poesie“. Klappern gehört zur Kulturpolitik, hochtönende Namensgebungen sollten nicht abschrecken. Dennoch kann man ruhig einige Male durchatmen, um die bloße Idee der Notwendigkeit eines solchen Zentrums sacken zu lassen, auf dem Festival zum Beispiel während der furiosen, dringlichen Begegnung der Weißrussin Valzhyna Mort mit dem Jamaikaner Ishion Hutchinson. (…)

Als nationales „Kompetenzzentrum“ will sie Stipendien und einen Buchpreis ausrufen, ein gewichtiges Veranstaltungsprogramm auf die Beine stellen und dichterische Quellen in einem multimedialen Archiv organisieren. Gemessen an den anderen Künsten geht es bei dieser Vision zwar um winzige Summen. Die Rede ist von 3,1 Millionen Euro an Bundes- und Landesmitteln. Verglichen mit den ebenfalls geringen sonstigen Möglichkeiten von Literaturförderung in Deutschland aber verschiebt sich die Perspektive.

Die Literaturwerkstatt will der eine zentrale Ansprechpartner für Lyriker und Öffentlichkeit werden. Mitten in eine horizontal organisierte, netzwerkartige, ebenso lebhafte wie prekäre Ökonomie hinein soll ein einzelner starker Akteur gepflanzt werden. Das hätte natürlich Auswirkungen auf alle anderen Mitspieler. So sehr Thomas Wohlfahrt auch betont, man wolle niemandem etwas wegnehmen, „wir haken uns alle unter“, sowenig besteht der fromme Wunsch auch nur erste Ansätze zu Realitätstests: Kurz nachdem Wohlfahrt dem Literaturwissenschaftler Jan Bürger vom Literaturarchiv Marbach (das Literaturarchive der Literatur des 20. und 21. beherbergt) äußerst nonchalant erklärt hatte, die bestehenden Archive könnten keine Gegenwartsdichtung sammeln, das müsse zwingend an einem neuen Ort geschehen, verkündete der Dichter Eugen Gomringer mit viel Geschäftssinn,wenn er bislang Manuskripte nach Marbach verkauft habe, sei das ohnehin immer „zu billig“ gewesen.

88. Gestorben

Alexander Pehlemann schreibt:
Filip Topol ist tot.
Sänger und Pianist der Psi Vojaci, der 1979 gegründeten Hundesoldaten aus Prag, Soloartist und Poet, jüngerer Bruder von Jáchym Topol.
Hier eines seiner herzzerstückelndsten Stücke (mit eingebauten Super8-Aufnahmen der ganz frühen Psi Vojaci)

87. Genug

Wenn Zülfü Livaneli spricht, hört die ganze Türkei ihm zu. Mit den politischen Verhältnissen des Landes kennt der 67-jährige Schriftsteller sich aus wie kaum ein zweiter. Er begann als linker Verleger und entging 1973 im Gefängnis der Folter, indem er mit einem Grippemedikament einen allergischen Schock bei sich auslöste. Viele seiner mehr als 500 Lieder, die er im schwedischen Exil zu schreiben begann, sind Volkshymnen geworden, „Özgürlük“ (Freiheit) wurde zuletzt von den Demonstranten im Gezi-Park gesungen.

Im Gespräch mit der „Welt“ sagt er über Erdoğan und die Proteste:

Die Jugend, und nicht nur die Jugend, hat genug von Premierminister Erdogan. Genug davon, wie er in ihre Lebensweise eingreifen will. Der Lebensstil ist von zentraler Bedeutung in der Türkei, weil dort sehr verschiedene Lebensweisen nebeneinander existieren. Und jetzt will Erdogan eine einzige durchsetzen. Er will den jungen Leuten vorschreiben, wie sie leben, was sie trinken und wie viele Kinder sie haben sollen – darum geht es bei diesen Protesten.

86. Kavafis

Kafavis-Poesie in der Musik von Quatuor Danel

Am 19.6. um 21.30 Uhr findet im Akropolis Museum der Auftakt der Veranstaltungsreihe „With Exquisite music, with Voices – 150 years from the birth of C. P. Cavafy“ statt. Der ebenso musikalische wie poetische Abend wird von dem Streichquartett Quatuor Danel gestaltet. Es werden Stücke gespielt, die vom Kavafis-Gedicht „Fones“ inspiriert wurden. Zu hören sind Kompositionen von Knaifel, Raskatov, Shostakovich und Tchaikovsky. Die Sopransängerin Elena Vassilieva tritt auf und der Schauspieler Dimitris Lignadis wird dem Publikum eine Auswahl an Kafavis-Gedichten vorlesen.

Ort: Akropolis Museum. Dionysiou Areopagitou Street 15. Weitere Infos unter www.theacropolismuseum.gr