58. Zehntausend Lieder

Den Komponisten gaben seine Gedichte die schönste Vorlage für ein Liedschaffen, das zu einer deutschen Besonderheit geworden ist. Mit 10.000 Liedern haben nicht weniger als 2500 Komponisten dem Lyriker Heinrich Heine gehuldigt. Damit wurde er zum meistvertonten deutschen Dichter. Jetzt widmet das Heinrich-Heine-Institut seiner Vaterstadt Düsseldorf diesem Klangwerk eine kleine, feine Ausstellung, in der auch Heines Verhältnis zu seinen Musikern aufgerollt wird. Es stellt sich als keineswegs so ungetrübt heraus, wie man annehmen müsste. / Dankwart Guratzsch, Die Welt

57. Gegen den Krieg

Lass dich, Leser, vom Äußern nicht blenden. Was für Bücher gilt, gilt auch für dieses Heft, das »Poesiealbum neu«, herausgegeben von Ralph Grüneberger im Auftrag der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik. »Gegen den Krieg. Gedichte & Appelle« lautet sein Titel, in schrillem Cyan auf Grau gestellt, so dass die Schrift wortwörtlich in die Augen sticht, die Autorenliste auf der Rückseite, von Wilhelm Bartsch über Róža Domašcyna und Peter Gosse bis Johano Strasser und Brigitte Struzyk, zu entziffern Mühen kostet. / Jens-Fietje Dwars, ND 16.7.

Poesiealbum neu: Gegen den Krieg. Gedichte & Appelle. Herausgegeben von Ralph Grüneberger. Edition kunst & dichtung, Leipzig 2013, 60 S., br., 6 €. Zu beziehen über den Buchhandel oder kontakt@lyrikgesellschaft.de Im September erscheint die Ausgabe als Hörbuch unter dem Titel »Schwarze Ängste«.

56. Ohne Überblick sein dürfen

Für „Howl“ ist Ginsbergs Vortragsart zentral. Er kultivierte eine Art Sprechgesang, der entfernt an Rap erinnert. 2010 erschien ein Film, der den Gerichtsprozess um „Howl“, das als anstößig empfunden wurde, zum Gegenstand hatte. Ginsberg wird als Begründer der Beat-Generation gefeiert. Ihre Geschichte ist inzwischen längst zur Legende geronnen, die als Block im Regal zwischen Che Guevara und Andy Warhol liegt. Lässt sich über Ginsberg überhaupt noch etwas Neues erfahren? Verdecken einem nicht all die populären Ginsberg-Bilder die Sicht?

Der Kurator der Schau, der 1936 in Paris geborene Künstler und Autor Jean-Jacques Lebel, gibt einen sehr direkten Einblick in die Geschehnisse. Etwa zeitgleich zu Ginsberg in Amerika entwickelte Lebel das Happening, Aktionen zwischen Kunst und Politik in Frankreich. Er war mit Ginsberg gut befreundet und übersetzte viele seiner Bücher ins Französische. (…)

Die Presse kritisierte die Ausstellung vielfach als beliebig und kontextfrei. Manchmal aber ist der Kontext tödlich für das Wiederverstehen eines Werkes. Wer Kontext will, soll sich ein Buch kaufen. Vielleicht die kritische Biografie von Michael Schumacher. Für einen neuen Zugang gibt es diese Ausstellung. Schön ist diese Weite, schön ist es, ohne Überblick sein zu dürfen. / RADEK KROLCZYK, taz 8.7.

„Beat Generation/Allen Ginsberg“, noch bis 1. September, Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe

55. Poems by Repetition

Die fotografischen Arbeiten von Natalie Czech (*1976, lebt in Berlin) bewegen sich zwischen konkreter Poesie und konzeptueller Fotografie. Sie thematisiert die Verhältnisse und Wechselwirkungen zwischen Bild und Text, Poesie und bildender Kunst und sucht nach dem lyrischen Potenzial in unterschiedlichen Medien. In ihrer Ausstellung im Kunstverein Hamburg werden nun erstmals die zwei neuen Werkserien „Poems by Repetition“ (Gedichte durch Wiederholung) sowie „Voyelles“ (Vokale) präsentiert.
„Poems by Repetition“ bezieht sich auf Gertrude Steins Theatertext „Saints and Singing“ (1922), in dem diese sich ausführlich dem Wesen und Zweck der Wiederholung widmete. Am Ende des Textes, in dem sie sich ausdrücklich für die Wiederholung ausspricht, offeriert sie verschiedene Möglichkeiten des Umgangs und bezieht sich vor allem auf eine dynamische, prozessuale und rhythmisierende Darstellungsform von Erzählung. Gleichzeitig beinhaltet die Wiederholung des scheinbar Selben hier auch eine klangliche Komponente, ähnlich des Refrains eines Songs oder eines Echos.
Vor diesem Hintergrund wählte Natalie Czech existierende Gedichte aus, die selbst bereits von einem rhetorischen Stilmittel der Wiederholung gekennzeichnet sind, u.a. von Aram Saroyan, Hart Crane, Allen Ginsberg oder Gertrude Stein. (…)

Die zweite neue Arbeit „Voyelles“ geht zurück auf das gleichnamige Sonnet von Arthur Rimbaud aus dem Jahr 1871 sowie auf seine „Lettres des Voyant“ (Briefe des Sehers). In „Voyelles“ weist er jedem Vokal eine bestimmte Farbe zu und versucht dadurch die Verbindung zwischen Ton und Farbe herzustellen. Es ist in dieser Hinsicht sicherlich eines der bekanntesten Gedichte, das sich mit dem Thema der Synästhesie auseinandersetzt. Natalie Czech geht der Frage nach, wie eine Fotografie aussehen könnte, die eine solche Sinnesverschmelzung hervorrufen würde oder ob dieses Phänomen (letztendlich) nur sprachlich wiedergegeben werden kann. Dafür hat sie 10 AutorInnen (Erica Baum, Julien Bismuth, Christian Bök, Federica Bueti, Övül Durmusoglu, Jean-Pascal Flavien, John Holten, Barry Schwabsky, Paul Stephens und Judith Vrancken) eingeladen, sich selbst einen Brief im Namen der Künstlerin zu schreiben. Darin beschreiben sie ein fiktives Foto, welches für sie den Moment von Synästhesie beinhaltet. / art-in.de

Der Kunstverein, seit 1817.
Klosterwall 23
20095 Hamburg
http://www.kunstverein.de/

54. Wär ich ein Pohete

Boris Vian

Si j’étais pohéteû
Je serais ivrogneû
J’aurais un nez rougeû
Une grande boîteû
Où j’empilerais
Plus de cent sonnais
Où j’empilerais
Mon noeuvreû complait.

Google übersetzt:

Wenn ich pohéteû
Ich würde ivrogneû
Ich habe eine Nase rougeû
Viel boîteû
Ich empilerais
Mehr als hundert klingelte*
Ich empilerais
Meine noeuvreû schwelgt.

Der Text wird von den verfremdeten Wörtern vorangetrieben, fast eins in jeder der kurzen Zeilen, so daß diese quasi das voranstürmende Metrum formieren – zusammen mit dem Haufenreim aaaabbbb. Google übersetzt schon einen Teil der Struktur einfach indem es die Neuwörter übernimmt nach dem Motto, nicht das Französische verdeutschen, sondern das Deutsche verfranzösischen. Aus dem Vianfranzösisch von Google, könnte man das nennen.

(Beim Vorlesen der Googlefassung sprech ich automatisch den Reim „Ich empilereh – mehr als hundert klingelteh: Zeichen, daß sich der Motor des Gedichts durchsetzt.)

Ich versuche diesen Motor aus dem Original genauer zu beschreiben. Das Metrum benutzt keine Jamben oder Trochäen, sondern nur Silbenzählung dergestalt, daß vier auf -eû reimende Sechssilber von vier auf -ais reimenden Fünfsilbern gefolgt werden. Der Rhythmus ist energisch vorwärtsdrängend:

toktoktok toktoktok
toktoktok toktoktok
toktok toktok toktok
toktok toktok toktok
tiktik tiktiktik
tiktiktik tiktik
tiktik tiktiktik
tik tiktik tiktik

In französischen Versrhythmen spielen Silbenzahl und Wortgrenzen** offenbar die entscheidende Rolle. Deshalb ist der Unterschied zwischen „metrisch geregelten“ und metrisch ungeregelten Rhythmen nicht so spürbar wie im Deutschen. Der Vater der modernen französischen Lyrik, Charles Baudelaire, verwendet überwiegend gereimte Alexandriner, es tut seiner Modernität keinen Abbruch.

Der zweifache Haufenreim trägt zum Rhythmus bei, aber auch, wie schon oben angedeutet, die Wortverfremdung.  Bildet sie doch ein Gerüst, das in fast jeder Zeile ein tragendes Wort aufweist, in der letzten dann zwei, so entsteht Rhythmus:

– pohéteû
– ivrogneû
– rougeû
– boîteû
– (empilerais)
– sonnais
– (empilerais)
– noeuvreû complait.

Diese Struktur – mehr als die Semantik – bildet das Gedicht. Mit Fausts Schwung („Im Anfang war die Tat“) übersetz ich getrost:

Wär ich ein Pohete
Wüßt ich was ich täte***
Hätt ne rote Neese
Große Gefäße
Darein ich täte
Hundert Sonätte
Darein ich täte
Mein Werk komplätte****

Aus dem Vianfranzösisch von Michael Gratz

Versteht man das? Ich glaube ja.

*) Die Verfremdung der Schreibweise von sonnet zu sonnais bringt Googles Maschine auf den schönen Gedanken, darin das Verb klingeln zu hören, sonner. Tatsächlich ist Klinggedicht ein Eindeutschungsversuch und verkommen deutsche Sonette wegen der Reimarmut unserer Sprache leicht zu Reimklingeleien (während die Reime in den Sonetten in romanischen Sprachen, wo sie offensichtlich unter arabischem Einfluß entstanden, nur ein leichter Gedichtmotor sind).

**) Auch im Deutschen könnte das relevant sein. Klopstock machte mit seinen „Wortfüßen“ einen entsprechenden Vorschlag, dem indes nicht gefolgt wurde. Darüber an anderer Stelle mehr.

***) Eigentlich: Würd ich ein Trinker

****) Unübersetzt  bleibt leider der Viansche Scherz, dem französischen Klang folgend das Werk, das Œuvre, mit dem Auslaut-n des mon zu verbinden, in diesem Fall das n durch seine Schreibweise zu verdoppeln: mon nœuvre, und damit gleichzeitig zu negieren: nœuvre, Unwerk.

Das Gedicht entstand 1951 oder 1952 und erschien zuerst zuerst postum 1962 in dem Band „Ich möchte nicht krepieren“ (Je voudrais pas crever). Es findet sich Französisch und Deutsch (von Eugen Helmlé) in dem Band: Boris Vian: Ich möchte nicht krepieren. Gedichte, Lieder und Texte. Frankfurt/ Main: Zweitausendeins, 1985, S. 142f.

53. Wer versteht hier alles?

„dr paraburi rodt sech im schnee / dr schpallamander ghörsch chyche / ds schwipsell triumphiert barockal / und alli analogiele chömed uf ds mal“. Wer versteht hier alles? Und wer hätte vermutet, dass es sich um Verse von Boris Vian handelt, die Kurt Marti aus dem Französischen in die Berner Mundart übersetzt hat?

Frank Milautzcki in der Fix zone über viceversa 7, das Jahrbuch der Schweizer Literaturen.

52. Moldauische Literatur

Nur sehr selten trifft man im deutschen Sprachraum auf Zeugnisse moldauischer Literatur und daher ist es äußerst verdienstvoll, dass die jüngste Nummer der Grazer Zeitschrift „Lichtungen“ nun Texte einiger repräsentativer Autoren und Autorinnen aus der Republik Moldau vorstellt. So lautet der offizielle Landesname, daneben kursieren auch die Bezeichnungen Moldawien, Moldova oder gar Bessarabien. Gerhardt Csejka bezeichnet dieses Land im Vorwort zu seiner Auswahl als „Ungelöstes Kreuzworträtsel“. Die Verwirrung weiter treiben die Sprachen, in denen die dortigen Schriftsteller ihre Lyrik, Prosa und Dramatik schreiben: Rumänisch, in Abgrenzung zur Amtssprache in Rumänien auch als Moldauisch bezeichnet, oder Russisch, beide in der Vergangenheit abwechselnd zur Staatssprache erhoben. (…)

Gegen die armselige Realität hilft dem beschädigten Menschen die Flucht – allein oder mit Gleichgesinnten – in die Fiktion, sei es schreibend oder lesend, wie es Gârneţ in seinen Gedichten betreibt. „dieses gemeinschaftliche Verseschmieden / nannte ich die schulische Passage unserer Existenz / unser Zwergendelirium / das Trampolin hin zur Lektüre / die allein uns Schutz bietet“.

(…) Intertextualität und Intermedialität sind Kennzeichen des Dichters Emilian Galaicu-Păun, dessen Wortkunst sich aus vielen Quellen speist. Hier kommuniziert er über Heimatlosigkeit zwischen Paris und Czernowitz, zwischen Seine und Pruth. Seine Gesprächspartner sind Paul Celan und die rumänische Avantgarde. Den Auftritt eines ihrer Vertreter, Gherasim Luca, bezieht er direkt in sein Gedicht ein, und zwar durch ein Video, auf das er über einen entsprechenden, als Zeile in das Gedicht eingebunden Internetlink verweist.

schreibt Anke Pfeifer bei Fixpoetry.

Daß nicht alles dort anders ist als hierzulande, zeigt folgender Satz:

Der Dichter Vasile Gârneţ schreibt nicht umsonst: „Meine Generation, die den Glauben an die Poesie hochhält / zog in die Welt hinaus mit dem Fotoapparat in der Hand / und wird doch stets bezichtigt, das Gedichtelesen / in ein Kreuzworträtsel zu verwandeln.“

Neue Literatur aus der Republik Moldau. Idee: Botschafter Dr. Martin Eichtinger, BMEIA, Auslandskultur; Wien Mitarbeit: Karin Cervenka, BMEIA, Auslandkultur; Wien

Auswahl und Übersetzung der rumänischsprachigen AutorInnen: Gerhardt Csejka, Frankfurt/M., Übersetzung des Textes von Nicoleta Esinencu: Eva Ruth Wemme, Berlin, Übersetzung des russischsprachigen Autors: Erich Klein, Wien/Susanne Macht, Kiew. In: Lichtungen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik. 134/XXXIV. Jg./2013, S. 70-119. ISSN 1012-4705. 8 €

51. Poetopie

auf dem stillen Waldwanderweg schreit eine Stimme ihre Verlassenheit ins Mobiltelefon

Hansjürgen Bulkowski

50. Sofagestalt

„Haiku“ heißt das neue Sofa vom dänisch-italienischen Architektenduo Stine Gam und Enrico Fratesi für Fredericia. Und die fanden die Vorlage für „Haiku“ in den gleichnamigen, ultrakurzen Gedichten aus Japan. Die Lyrik fängt sinnliche Wahrnehmungen ein – ein Gefühl, etwas Gesehenes oder Gehörtes – und kleidet sie in Worte. Gam Fratesi lässt sie Sofagestalt annehmen. / Schöner wohnen

49. In Suhl

Mit André Schinkel kommt am Mittwoch, dem 17. Juli 2013, ein preisgekrönter Autor nach Suhl.

In der „Lesereihe 2013“ des Südthüringer Literaturvereins stellt er in der Rim-bachbuchhandlung ab 19 Uhr neue und veröffentlichte Texte vor. Dabei liegt sein Schwerpunkt auf Auszüge aus dem in Thüringen erschienenen Auswahlband „Parlando“, zu deutsch „Sprechgesang“, auf ein paar Skurrilitäten aus dem Buch „In Sina Gumpert war ich jung verliebt“ und neuen Texten. Man darf auf einen hochinteressanten literarischen Abend gespannt sein. / Thüringer Allgemeine

48. Kompost

„Mara Genschel ist Jahrgang 1982.“ „Da muss man schon ziemlich jung sein, um das Spiel noch einmal zu spielen.“ H.H. 2008

„Er muss ein junger Mann sein“ H.H. 2013

H.H. hat seine Meriten (für mich am schönsten die Anthologie „Luftfracht“, sehr nützlich die Fortführung der Höllerer-Anthologie zur „Theorie der modernen Lyrik“). H.H. tanzt auf allen Gassen des Akademie- und Preisbetriebs. H.H. ist ziemlich alt und zerfressen von Neid auf Jugend. Und Lyrik.

H.H. hat beizeiten und quasi abschließend über konkrete und experimentelle Lyrik geschrieben. Er mag es nicht, wenn jemand in seinem abgeschlossenen Sammelgebiet wildert. Er selber schreibt Sonette (800 Jahre) und verwendet deutsche Reime (1200 Jahre), aber was er für Experiment hält, war vor 100 Jahren (August Stramm), vor 50 (Arno Schmidt) oder 20 (Thomas Kling) und darf bitte nicht wiederholt werden.

H.H. schreibt als Harald Hartung (für mich mittelmäßige) Gedichte und Kritiken über Weltlyrik oder gemäßigt-moderne Gegenwartsautoren. Als H.H. schreibt er gern Schmähkritiken über junge Lyriker. Vorgestern Léonce W. Lupette. Er kritisiert Kalauer bei den kritisierten Autoren und kann es sich doch nicht verkneifen, seine Objekte der Kritik kalauernd der schenkelklopfenden Heiterkeit des Publikums dieser Zeitung zum Fraß vorzuwerfen.  Bei Mara Genschel klingt das so:

Dagegen gibt es ein beinah brauchbares Bulettenrezept, brauchbar bis auf den misslaunigen Einschub „pantsch“ und die Aufforderung: „friss frikar / nach Bratzeit sechshundert sekunden.“ Da möchte man doch vom Genuss abraten.

Und bei Lupette:

Und wenn dem Autor einmal ein echter Seufzer zu entfahren droht, dann hebt ihn der orthographische Jux auf: „Main Pfragmain-ta-rüsches Lehm.“

H.H. weiß, was ein Gedicht ist und was nicht. Bei Genschel:

Eine Tagebuchnotiz, typographisch aufgemotzt – aber ein Gedicht?

Bei Lupette:

Ansonsten sind die in Flattersatz gesetzten Blasen von „Tablettenzoo“ das „Gegintayl“ von Dichtung.

Ich empfehle: Hingucken und nicht aufregen.

H.H.: Vom Kompostteller. FAZ 11.7. S. 30.

Léonce W. Lupette: „Tablettenzoo“. Gedichte. Lux Books, Wiesbaden 2013. 116 S., br. 19,80 €

47. Gestorben

Der Dichter Mathieu Bénézet starb am Freitag im Alter von 67 Jahren an den Folgen von Krebs. Geboren am 7. Februar 1946 in Perpignan, wurde er bei seinem Debüt von Louis Aragon anerkannt, der zu seinem ersten Buch „Die Geschichte der Malerei in drei Bänden“ (Gallimard, 1968) ein Vorwort schrieb.

Er arbeitete in allen Genres: Poesie (Le Travail d’amour, Flammarion, 1984 ; Votre solitude, Seghers, 1988 ; L’Océan jusqu’à toi : rime, Flammarion, 1994 ; Et nous n’apprîmes rien, Flammarion, 2002… ), Essay (Biographies, Gallimard, 1970 ; André Breton, rêveur définitif, Editions du Rocher, 1996…), Roman (La Fin de l’homme, Flammarion, 1979 ; Pantin, canal de l’Ourcq, Flammarion, 1981 ; Moi, Mathieu Bas-Vignons, fils de…, Actes Sud, 1999), Zeitung (Roman journalier, Flammarion, 1987) oder das „Melodram“ (L‘Imitation de Mathieu Bénézet, Flammarion, 1978).

2011 erhielt er den Grand Prix de poésie der Académie française für sein Gesamtwerk. / Raphaëlle Leyris, Le Monde

46. Imaginäre Dichter

„Der Poet als Maskenball. Über imaginäre Dichter“, lautete das Thema der 63. Poetikdozentur, die Jan Wagner am Mittwoch an der Universität mit seinem Vortrag präsentierte. (…) Wagner behauptet, dass man mit all den imaginären Dichtern, die von verschiedenen Schriftstellern geschaffen wurden, „ein Festival feiern könne“, so viele gäbe es davon. Ein Beispiel dafür wäre die von den Autoren Ferdinand Schmatz und Franz Josef Czernin im Jahre 1986 erschaffene „Irene Schwaighofer“, unter deren Namen sie zeitgenössische Lyrik veröffentlichen wollten. „Die Reisen. In achtzig Gedichten um die ganze Welt“ hieß der Gedichtband, der letzten Endes unter dem Namen von Czernin publiziert wurde, obwohl er und Schmatz sich eigentlich einen Spaß daraus machen wollten, besonders schlechte Gedichte zu schreiben.

Die Rezeption war enorm – und als der Bluff aufgedeckt wurde, war der Skandal in Österreich groß. / Wiesbadener Kurier

45. Die Todesangst im Dengeln

Der Gegensatz, mit dem Rinck spielt, ist nicht schwer zu verstehen. Eine Langschläferin fühlt sich vom gottgefälligen Leben der Tischler bedrängt. Deren Werte liegen ihr fern, sie lebt in einer anderen Welt und kann deswegen nur vermuten, dass Andere die Emsigkeit zu früher Stunde zu schätzen wissen. Im ersten Moment könnte man also denken, das Gedicht verspotte die tumbe Wiederholung des arbeitsamen Lebens. Redewendungen wie „Oberkante Unterlippe“, „immer dieselbe Platte abspielen“ und idiomatische Ausdrücke wie „Nervensäge“, auf die Rinck anspielt, legen das nahe. Ebenso der Stabreim, der das Thema des Immergleichen auf der Klangeben durchspielt.

Aber wir haben es hier nicht mit einem selbstgewissen Ich zu tun, das spotten könnte. Die Bedrohung ist echt. Die Ausdrücke, die das anzeigen, sind gerade in der Art, wie sie sich verbergen, zu kräftig als dass es nur um ein selbstgefälliges, humoriges Lob des Laissez-faire gehen könnte. Der Schmerz steckt im „scherzerfüllt“, die Todesangst im „dengeln“: ein altes Verb für das Schärfen einer Sense, die im kalten Zustand flach gehämmert und so zugleich gehärtet wird. Der Rhythmuswechsel und der deutlich markierte Widerspruch in der Mitte des Gedichts („doch“) betonen die Furcht vor dem Automatismus des redlichen Lebens, auf dessen Geheiß nicht nur Fenster, sondern auch schon Menschen zertreten wurden. / Insa Wilke in der Frankfurter Anthologie  über das Gedicht „die tischlerplatte“ aus dem Band

Monika Rinck: „zum fernbleiben der umarmung“. Gedichte. Mit Zeichnungen von Andreas Töpfer. Kookbooks, Idstein 2007. 78 S., br., 14,90 €.

44. Lytropolis

Das Kofferwort Lytropolis steht für die Synopsis aus Lyrik und Stadt. Mit einem reichhaltigen Programm aus Filmvorführung, Ausstellung, Live-Hörspiel, Performance und interaktiver Installation soll Lyrik künstlerisch und technisch interdisziplinär zurück in die Stadt getragen werden. Dabei wird eine Auseinandersetzung auf mehreren Ebenen angestrebt, bei dem auch auf die Besucher als Konstrukteure statt Konsumenten gesetzt wird.

So wird für das Publikum eine Sprecherkabine gebaut, in der es ein für diesen Anlass geschriebenes Gedicht einlesen kann, während eine Videokamera den Vorgang zusätzlich festhält. Die Aufnahmen werde noch während der Veranstaltung gesichtet und geschnitten, um am Abend im Hauptsaal vorgeführt zu werden.Extra für die Lytropolis werden verschiedene Literatur-Videoclips produziert, wobei der Poetryclip “Afterhour” sozusagen als Pilotfilm dient: Die Künstler des vorgetragenen Wortes inszenieren ihre Texte selbst, die Art der Inszenierung ist dabei frei wählbar.

Zusätzlich wird mit der Ausstellung “Texting and Processing” die Entstehung, von ersten Text-Ideen auf Bierdeckeln, über anfängliche Entwürfe und handschriftliche Korrekturen bzw. Notizen, bis hin zum fertigen Werk, transparent gemacht. Ergänzend dazu setzen Künstler, unter anderem der Cartoonist André Poloczek und der Fotograf René Omenzetter, mit ihren Arbeiten zu Gedichten Zerbolesch’s, weitere Akzente. (…)

Der Wahlwuppertaler Hank Zerbolesch ist seit einigen Jahren als Bühnenliterat und Poetry Slammer deutschlandweit unterwegs. Jüngst hat er es geschafft, mit seinem Projekt Podcastpoesie, der Arbeit vieler Literaten, Autoren und Poeten eine neue Dimension zu verschaffen, in dem er nicht nur für eine Publikationsplattform eingelesener Texte sorgte, sondern auch die Möglichkeit bietet im Haus eigenen Aufnahmestudio Texte einzulesen. Ausserdem engagiert sich Zerbolesch auch beim Kunst-, Kultur- & Musik-blog [talfunk] als regelmäßiger Kolumnist und hat für das Borderline-Magazin einen s.g. Poetryclip mit dem Titel “Afterhour” produziert (Die Premiere fand am 27.2.2013 statt). / Mehr