90. Deutschest

Ein paar schöne Beispiele für Superlative (siehe hier) hat Titanic ausgegraben:

„Wenn wir den Krieg gewonnen hätten, / mit Wogenprall und Sturmgebraus, / dann wäre Deutschland nicht zu retten / und gliche einem Irrenhaus.“ Kästner, 1930

Wie sowieso aus Sicht der guten Deutschen, die nach Auschwitz, laut Tagesschau „eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte überhaupt“ (nebst nämlich Bautzen und dem unrechtmäßig verlorenen WM-Endspiel ’66), Tag für Tag die Pflicht reklamieren, der Welt mitzuteilen, was das Menschenrecht sei und was nicht, zumal den alten Kriegsgegnern USA (Stasi 2.0) und Rußland (Lagerhaft für Steuersünder), die sich in Nürnberg noch so aufgeblasen haben. Auch so läßt sich Geschichte entsorgen, und die deutsche Seele ist mittlerweile so randvoll rechtschaffen, daß es uns noch aus den Schnurren im Vermischten entgegensuppt: „Er“ – Jürgen Prochnow als vorbildlich anständiger „Kaleu“ im Nazifilm „Das Boot“ – „ist der dunkle Kommandant für die Drecksarbeit“, die, da hätten die Angeklagten im Auschwitzprozeß, der vor 50 Jahren begann, zugestimmt, halt auch einer machen muß. „Der Kaleu war der zerrissenste Kapitän, insofern ist er … bis heute der deutscheste“ (SZ).

Wie nationale Gesinnung nicht nur die Wahrheit, sondern auch die Muttersprache auf den Grund schickt; und sich das so furchtbar anständige Deutschland jeden Tag ein bißchen schwerer ertragen läßt.

89. Schönheit des Wassers

Nicht von ungefähr scheint die elementare Gewalt des Wassers gleich im ersten Zyklus auf. Und zugleich taucht mit der Namensgebung des Zyklus (Opheliate) auch das Motiv der Opheliengestalt auf, die seit ihrem Auftritt in Shakespeares Hamlet zu einem Mythos verklärt worden ist, auf den sich insbesondere in der Romantik und im Expressionismus immer wieder sowohl Literaten als auch Bildende Künstler bezogen haben, den Dissonanzen und Koinzidenzen zwischen Schönheit, Schmerz und Tod auf der Spur, diesem vornehmlich weiblichen Tod. Crauss löst sich in seiner Lesart vom Bild der sich opfernden Jungen und Schönen, von Hinfälligkeit gezeichnet, deren Leichnam man dann aus dem Wasser zieht. Vielmehr läßt er das dichterische Ich vom diesseitigen Ufer des (Alb-) Traums ans andere Ufer gelangen, wobei in diesem Falle der tod der fluß, den es gilt zu passieren (OPHELIATE VIII). / Jayne-Ann Igel, Signaturen. November 2013

Crauss: Schönheit des Wassers. 66 pseudoromantische Kalligraphien. Berlin (Verlagshaus J. Frank) 2013. 80 S., 13,90 Euro.

88. American Life in Poetry: Column 446

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Anyone who has followed this column since its introduction in 2005 knows how much I like poems that describe places. Here’s one by Joseph Hutchison, who lives in Colorado. This is the kind of scene that Edward Hopper might have painted. I especially love the way Hutchison captures the buzz of the neon sign.

Winter Sunrise Outside a Café

Near Butte, Montana

A crazed sizzle of blazing bees
in the word EAT. Beyond it,

thousands of stars have faded
like deserted flowers in the thin

light washing up in the distance,
flooding the snowy mountains

bluff by bluff. Moments later,
the sign blinks, winks dark,

and a white-aproned cook—
surfacing in the murky sheen

of the window—leans awhile
like a cut lily . . . staring out

into the famished blankness
he knows he must go home to.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2012 by Joseph Hutchison, whose most recent book of poems is Marked Men, Turning Point Books, 2013. Reprinted from Thread of the Real, Conundrum Press, 2012, by permission of Joseph Hutchison and the publisher. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

87. Poetopie

wer’s auch immer gezeugt, von wem auch für sich beansprucht – am Dienstagabend, wenn die Marktplage vorbei ist, freuen wir uns doch über unser gemeinsames Kind

Hansjürgen Bulkowski

86. „Lyriker“

Schöne Stellen aus dem und über das 19. Jahrhundert zum (verächtlichen)  Status von Lyrik, Lyrikern oder Literaten hat Florian Voß ausgegraben:

Anders stand es bei der Lyrik – sie war auch für Leihbüchereien kein attraktiver Geschäftsgegenstand, und es blieb den gesamten Zeitraum hindurch selbstverständlich, daß der Autor den Druck seiner Gedichte entweder gänzlich selbst bezahlte und dem Verleger gegen einen hohen Anteil am Erlös den Vertrieb überließ oder doch zumindest die Hälfte der Druckkosten bestritt. Dieses Verfahren brachte sehr geringe Auflagen mit sich, für die der Verfasser oft Absatzgarantien übernehmen mußte: etwa 250 – 500 Exemplare galten als üblich.

(Reinhard Wittmann über Lyrikproduktion im 19. Jahrhundert in „Buchmarkt und Lektüre im 18. und 19. Jahrhundert“, Tübingen 1982)

Die Schriftstellerei ist gegenwärtig kein Amt, sondern ein Geschäft, und die freie Concurrenz, das Gesetz der Natur, wie der ökonomische Liberalismus sie nennt, erzeugt überall hunderttausend Bettler als Staffage eines einzigen Millionärs

(Joseph Lukas in „Die Presse“, 1867)

In der Meinung der „soliden“ Leute sowie der hohen Obrigkeit rangiert er zu den Vagabunden und muß es sich gefallen lassen, gelegentlich per Schub transportiert zu werden. Es ist so weit gekommen, daß die Bezeichnung „Literat“ von dem Begriffe der Geringschätzung, der Mißachtung unzertrennlich ist.

(Karl Weller in „Jahrbuch deutscher Dichtung“, 1858)

85. Hüter

DIE JOURNALISTEN spotten gern über DIE DICHTER. Wahrscheinlich nach dem Motto: Wer im Glashaus sitzt, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Auf der der Wahrheit verpflichtetsten (sic) Seite der taz räsoniert Peter Köhler:

Die Dichter sind die Hüter der Sprache, die Schatzmeister des Wortes und die Bewahrer des guten und richtigen Deutsch: Diese lustige alte Auffassung machte vermutlich in den fünfziger, sechziger Jahren ihren letzten Mucks. Falsch war sie bereits damals und vielleicht schon früher.

Oder ist es richtig, wenn Friedrich Schiller in seiner Geschichte über ein „Merkwürdiges Beispiel einer weiblichen Rache“ von einem Marquis schreibt: „Er rufte einen seiner Leute“? Oder wenn Bertolt Brecht im „Mann-ist-Mann-Song“ so loslegt: „Ach, Tom, bist du auch beir Armee, beir Armee? / Denn ich bin auch beir Armee, beir Armee!“?

Friedrich Nietzsche forderte, man müsse an einer Seite Prosa arbeiten wie an einer Bildsäule; doch ihm selbst ist der Meißel gelegentlich ausgerutscht. So feierte er Zarathustra in seiner Schrift „Ecce homo“ als die „höchste Art alles Seienden“ und die „umfänglichste Seele“, „die nothwendigste“, „die weiseste Seele“ und endlich als „die sich selber liebendste“. Chapeau!

Um Ihre Fragen zu beantworten, lieber Peter Köhler: die Antwort lautet in jedem einzelnen Fall: Ja, es ist richtig. Ist es richtig, wenn Friedrich Schiller in seiner Geschichte über ein „Merkwürdiges Beispiel einer weiblichen Rache“ von einem Marquis schreibt: „Er rufte einen seiner Leute“? Ja, doppelt und dreifach. Erstens weil Schiller als Dichter, also im Privatgebrauch der Sprache, kein Beamter war und deshalb nicht verpflichtet war, sich an eine mit Staats Segen kodifizierte Sprachregelung zu halten, die ja zweitens erst über 100 Jahre später von Konrad Duden und später seinen Nachfolgern überhaupt geleistet wurde; und drittens, weil er als Württemberger aus dem oberdeutschen Sprachgebiet stammte, und dort hat man die Aufgebung der schwachen Konjugationsform „rufte, geruft“, die im Alt- und Mittelhochdeutschen noch gebräuchlich war, nicht mitgemacht. Siehe z.B. im Grimm:

Schwache und starke formen des verbums im nhd. erst in diesem jahrh. hat die schriftsprache die schwachen formen rufte und geruft, die reste des mhd. rüefen aufgegeben. dagegen ist in oberd. mundarten die schwache flexion zum theil neben der starken gewahrt. bair. ich rueffet, geruefft, gerüefft neben ich rieff, gerueffen Schm. 2, 68, in Tirol rueffen, rüeffen, grüefft Schöpf 566, kärnt. geruoft, girüeft neben giruofn Lexer 210, schweiz. rüeffe, rief und rüefti, grueffe und grüeft

Ebenso in jedem anderen ihrer Beispiele. Weglassen von Lauten aus klanglichen oder rhythmischen Gründen ist im mündlichen und dichterischen Sprechen erlaubt. Ob es ein höchstes Wesen gibt, fragen Sie am besten den Papst, bei notwendigst oder liebendst genügt ein Stilistiker oder besser ein Philosoph. Als Faustregel kann man aber gelten lassen: 1. Alles ist erlaubt, was nicht verboten ist, und 2. Verboten ist der freie Gebrauch der Sprache nur Staatsdienern nach Maßgabe von Dienstvorschriften. Der kann auch Hüter der Sprachrichtigkeit einsetzen: im Schuldienst. Dafür sind die Dichter wirklich nicht zuständig.

84. Adventsrätsel

Sky
00000god
0000000000girl.

Pick out the one
that doesn’t belong.

Auflösung hierunter

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83. Erwartbarkeit

Die größte Achtung, die ein Autor für sein Publikum haben kann, ist, daß er niemals bringt, was man erwartet, sondern was er selbst auf der jedesmaligen Stufe eigner und fremder Bildung für recht und nützlich hält.

Goethe: Maximen und Reflexionen. Dritten Bandes erstes Heft (1821). Eigenes und Angeeignetes in Sprüchen

82. Junge finnische Dichtung

Junge Dichtung gibt es in allen Ländern und wir wissen viel zu wenig davon. Wir von Babelsprech.org wollen mit der Reihe den babelsprech-Kreis junger deutschsprachiger Dichtung in Richtung Europa und darüber hinaus überschreiten. Denn was ist Europa ohne einen Ort gemeinsamer Dichtung? – so kommen also die Autor_innen und ihre Texte in den Raum und werden vorgestellt. Die Vorstellungsrunde beginnt mit einem Beitrag von Oravin zur jungen finnischen Dichtung.

Auszug:

im Kirjailijatalo hält auch ein auf dichtung spezialisierter kleinverlag seine sitzungen ab: Poesia. Poesia ist ein kollektiv, von dichtern selbst geführt. der verlag ist seit einigen jahren im besitz einer eigenen druckerpresse und stellt gedichtbände von hoher qualität und schönheit her, die in den großen verlagshäusern Finnlands keine existenzmöglichkeit fänden. sämtliche bücher sind dabei kostenlos als download auf der homepage des verlags verfügbar, in kombination mit den bibliophilen ausgaben eine zeitgenössische vertriebsform in der aufdämmernden zeit raubkopierter ebooks.
seit den späten 2000er-jahren krempelt Poesia die finnische dichtung um. lange nur insidern bekant, folgte im jahr 2013 erstmals auch öffentliche anerkennung. der verlag und seine autoren gewannen den zentralfinnischen förderpreis für literatur, den Runeberg-Preis und den Helsingin-Sanomat-Literaturpreis. Helsingin Sanomat ist die größte tageszeitung Finnlands: die junge dichtergeneration ist somit ins blickfeld einer breiten masse von lesern gerückt.

vor gut zehn jahren, das höre ich immer wieder, sahen die bedingungen für zeitgenössische lyrik anders aus. es gab keinen einzigen unabhängigen kleinverlag, und die vier großen verlagshäuser behandelten die dichtung stiefmütterlich. austausch mit den europäischen oder amerikanischen szenen fand kaum statt, die finnische dichtung folgte ihren eigenen gesetzen. experimentelle szenen wie Oulipo, FLARF oder Google Poetry, die für die junge szene wichtig werden sollte, waren den etablierten dichtern und ihren lektoren unbekannt. die neue generation begann sich zu vernetzen, unpublizierbare manuskripte wurden herumgereicht. erster anlaufpunkt wurde für viele das bis heute einflussreiche magazin Tuli&Savu (“Feuer&Rauch”). 1994 gegründet, wurde die redaktion des magazins im jahr 2002 von Leevi Lehto übernommen, einem damals fünfzigjährigen, der neuen dichtung aufgeschlossenen lyriker. die ihm nachfolgenden, jährlich wechselten herausgeber stammten selbst aus der jungen dichterszene und machten Tuli&Savu zur wichtigsten plattform neuer lyrik.

Vorgestellt werden: Harry Salmenniemi, V. S. Luoma-aho, Mikael Brygger, Olli-Pekka Tennilä, Kristian Blomberg, Pauliina Haasjoki, Teemu Manninen, Henriikka Tavi, Miia Toivio, Marko Niemi, Mari Laaksonen, Erkka Filander, Harri Hertell, Kasper Salonen, Juho Nieminen, Juho Kuusi,  Matinpoika, Eli Solana, Leevi Lehto

/ Oravin, Babelsprech

81. Lateinischer Dichter gegen Hitler

Schon als Schüler und später auch als Student hatte sich Weller an lateinischen Gedichten versucht. In Ellwangen aber fand er endlich die Zeit, sich intensiv damit zu beschäftigen. Seit 1915 nahm er fast jedes Jahr am „Certamen Hoeufftianum“ teil, einem lateinischen Dichterwettbewerb in den Niederlanden. 1922 errang er erstmals mit der Goldmedaille den Hauptpreis. Insgesamt 12 Goldmedaillen wurden ihm über die Jahre zugesprochen. (…)

In den letzten Jahren hat besonders Wellers lateinisches Gedicht „Y“ Aufmerksamkeit erregt. Der Text, 1936 entstanden, schildert eine scheinbar amüsante Geschichte: Der Ich-Erzähler, nicht zufällig wie Weller Lateinlehrer, nimmt, nachdem er einen weinseligen Herbstabend im Freundeskreis verbracht hat, vor dem Einschlafen ein lateinisches Gedichtbändchen zur Hand. Plötzlich bemerkt er, wie die Buchstaben aus dem Büchlein purzeln. Und nicht nur das – sie streiten und kämpfen miteinander. Das A als erster Buchstabe des Alphabets übernimmt die Führung, fordert seine Kameraden auf, das Y zu verhaften. Es sei ein ausländischer, ein griechischer Buchstabe und habe im lateinischen Alphabet nichts verloren.

Die scheinbar heitere, phantasievolle Geschichte entpuppt sich, wenn man den historischen Hintergrund in den Blick nimmt, als bittere Fabel auf die Zeitläufe: 1935, ein Jahr vor dem Entstehen des Gedichts, hatten die Nazis die „Nürnberger Rassengesetze“ erlassen, die Verfolgung der deutschen Juden, die man als Fremdlinge und „Volksschädlinge“ ansah, wurde immer offensichtlicher und brutaler. Und wenn in Wellers Gedicht vom „Führer A“, dem Anführer der Buchstaben, die Rede ist, liegt auf der Hand, wer damit gemeint ist. Das A hält eine warnende Rede an sein Buchstabenvolk: „Das Ypsilon“, so mahnt er, „versucht allmählich, die lateinische Sprache zu verfälschen: Männer, es geht hier um unseren Staat und unser Leben! Diese verfluchte Pest ist schon bis tief in die Eingeweide eingedrungen. Ihr solltet nicht sorglos dieses Übel ignorieren!“ Fremdartig sei das Y, es gehöre nicht zu unserer Kultur, eine Seuche sei es, ein Virus, zudem heimtückisch und hinterlistig, weil es sich heimlich in unsere Kultur schleiche. / Michael Spang, Schwäbische Post

80. Ausgepackt

und das Prüfen kann beginnen!

  • Poesiealbum 309: Hilde Domin. Auswahl Klaus Siblewski, Grafik Cy Twombly. 32 S., 4€. Mehr
  • Poesiealbum 310: Friederike Mayröcker. Auswahl Sonja Harter. Grafik Max Ernst. 32 S., 4€.
  • Mara Genschel: Referenzfläche 3# 8/50
  • Mara Genschel: Referenzfläche 3# 10/50 (Foto s. unten)
  • Lettre international. Europas Kulturzeitung. # 103. 138 S., 14,50€ (Beiträge von/über Gertrude Stein, Péter Nádas, Andrzej Stasiuk, Eliot Weinberger u.v.a.)
  • Richard Pietraß: Pariser Lust. Au plaisir de Paris.  Deutsch-Französisch. Ins Französische übertragen von Alain Lance und Gabriele Wennemer. Warmbronn: Ulrich Keicher, 2011.
  • Ludwig Steinherr: Flüstergalerie. Gedichte. München: Allitera, 2013.
  • Dirk Uwe Hansen: zwischen unge/ sehnen orten. silbende_kunst 2013.
  • floppy myriapoda. Subkommando für die freie Assoziation. Heft 23. 5€ (Mit Clemens Schittko, Kai Pohl, Gerd Adloff, HEL Toussaint, Linkeck u.v.a.).
  • Tone Avenstroup: ineinandersetzung samstemmelse. Distillery 38. 6€.
  • Katja Horn: Mengenleere. Gedichte. Distillery 39. 6€.
  • John Ashbery: FLOW CHART / Flussbild. Langgedicht, zweisprachig. Aus dem Amerikanischen von Matthias Göritz und Uda Strätling. Wiesbaden: Luxbooks 2013. 384 S.,  29,80 €
  • Sprache im technischen Zeitalter 208. Mit & über: Rolf Haufs, Nico Bleutge, Annett Gröschner, Frank Milautzcki, Aris Fioretos, Matthias Göritz, John Ashbery u.a.
  • Risse 31: Zensur. Mit & über Wolfgang Schreyer, Reinhard Jirgl, Kristoffer Cornils, Christa Wolf u.a. 5€
  • Zeitschrift für Ideengeschichte H. VII/4, Winter 2013: Die spinnen. Mit & über Anthony Grafton, Bruno Latour, Günter Figal, Derrida u.a.
  • manuskripte. Zeitschrift für Literatur. 202/ 2013. Mit Swantje Lichtenstein, Ann Cotten, Ulrike Draesner, Fabjan Hafner, Norbert Hummelt, Nadja Küchenmeister, Ales Rasanau, Martin Piekar, Marcel Beyer, Peter Hamm u.v.a.
  • Jenny Feuerstein: Lyriklos. Gedichte und Fotografien. Köln: silbende_kunst, 2013.
DSCI1543
Eine Doppelseite im Vergleich. Fans oder Archivare: Auflage aufkaufen!

DSCI1539

79. Klavki am Telefon

An der Jahreswende 2013/2014 präsentiert das Kieler Literaturtelefon unter 0431/901-1156 und www.literaturtelefon-online.de den lyrischen Prosatext „Letzte Fragen an das Jahr – oder: In der Atemlosigkeit des Denkens“ des Kieler Dichters Klavki, dessen 5. Todestag wir am 4.4.2014 begehen.

Klavki, aka Oliver Eufinger, geb. Fischer, belebte die Kieler Literaturszene von 2005 bis zu seinem Tode 2009 nachhaltig als Teilnehmer von Poetry-Slams, die er nicht nur in Kiel mehrfach gewann. Seine Lyrik und Prosa beeindruckte und beeinflusste viele Dichterfreunde in Kiel, in Rostock, wo er studierte, und darüber hinaus.

Passend zum Jahreswechsel lesen drei Kieler FreundInnen, Nils Aulike, Kathrin Wortmann und ögyr (aka Jörg Meyer), seinen Text „Letzte Fragen an das Jahr“ in einer von Kathrin Wortmann erstellten mehrstimmigen Fassung. Letzte Fragen, mit denen Klavki auf die Zukunft, die Zeit nach ihm wies. Zeitlos gleichwohl als dichterische Nachfrage, was nach dem Dichten kommen wird und kann.

Literaturtelefons Gruß an das alte wie neue Jahr.

www.schwungkunst.de/klavki

78. Ehrengaben

Preisträger der Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung ist Werner Fritsch. Der 1960 in Waldsassen in der Oberpfalz geborene Gegenwartsschriftsteller arbeitet seit frühester Jugend über Genregrenzen hinweg an einem rhizomartigen Gesamtkunstwerk. Grundfigur und Auslöser dieses mittlerweile groß angewachsenen Werks ist Wenzel, der sein ganzes Leben als Knecht in der Hendelmühl, gearbeitet hat. Die Hendelmühl ist der Aussiedlerhof an der deutsch-tschechischen Grenze, in dem Werner Fritsch aufgewachsen ist und wo er neben Berlin noch heute seinen zweiten Wohnsitz hat.

(…) Typisch für ihn ist das Arbeiten in verschiedenen Medien, in Prosa, Lyrik, Film, Hörspiel und Theater.

Erstmals wird die Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung durch den Lions-Club/München dotiert.

Preisträgerin der durch die Deutsche Schillerstiftung verliehenen Ehrengabe, dotiert aus Mitteln der Eugen Viehof Stiftung, ist die Lyrikerin Sabine Schiffner.

In ihren Gedichtbüchern, unter denen „Dschinn“ (S. Fischer 2007) und „fremd gedanken“ (Horlemann 2012) besonders hervorzuheben sind, vertritt sie eine Poetik, die einmal nicht aus der Kälte kommt – anders als der Hauptstrom der zeitgenössischen Poesie. Zeilen von hoher Sinnlichkeit, genauer Natur- und Alltagswahrnehmung und einer schlafwandlerisch sicheren Verwandlung des Lebensstoffs in poetische Schwebezustände zeichnen Schiffners Gedichte aus.  Ohne Rücksicht auf literarische Moden verbindet sie eine Vorliebe für die Tradition des romantischen Kunstlieds mit schmerzlich genauen Aufrissen autobiographischer Motive. Ihre Gedichte entzünden sich an Erinnerungsfetzen und Augenblickswahrnehmungen, kleinen und großen Epiphanien, sie bewahren im Wortsinn Andenken auf, kreisen um die Brüchigkeit menschlicher Bindungen, den Verlust von Liebe und Freundschaft und familiäre Verwerfungen und setzen der Vergänglichkeit immer aufs Neue das Gedicht entgegen. In freien Versen von betörender Schönheit und oftmals verstörenden Details überrascht Sabine Schiffner immer wieder mit neuen Fragmenten einer einzigen großen Erzählung: von den Wunden und den Wundern einer subjektiven Weltaneignung, die zwischen Sehnsucht, erfülltem Augenblick, Bruch und Verletzung das einzige Heil in der Aufzeichnung findet.

Sabine Schiffner wurde 1965 in Bremen geboren. Sie studierte Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften, Germanistik und Pädagogische Psychologie in Köln, wo sie nach einem mehrjährigen Aufenthalt auf Mallorca heute wieder lebt. In ihrem jüngsten Band „fremd gedanken“ findet sie zu stark anrührenden Versen, die mit einer glücklichen Verbindung aus Tiefe und Leichtigkeit ihr Leben im Süden zwischen Aufbruch und Scheitern Revue passieren lassen. In einem ganz eigenen Ton, der ihre gereifte und sich stets treu gebliebene Gedichtsprache an wechselnden Sujets erprobt, bringt sie in die zeitgenössische Lyrik eine verloren geglaubte Melodie zurück. Ihr Werk umfasst bis heute vier Gedichtbände sowie den mit dem Jürgen-Ponto-Preis ausgezeichneten Roman „Kindbettfieber“ (S. Fischer 2005).

Beide Ehrengaben sind mit jeweils 5.000 Euro dotiert.

Die Deutsche Schillerstiftung von 1859 ist die älteste bürgerschaftlich organisierte Fördereinrichtung für Literatur und vergibt neben den Ehrengaben und dem Anke Bennholdt-Thomsen-Lyrikpreis auch den Schiller-Ring.

Zu der am 9. Mai 2014 im Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar stattfindenden Preisverleihung erfolgt eine gesonderte Einladung.

77. Das lyrische Jahr

Marie-Luise Knott betreut für den Perlentaucher eine neue Lyrik-Kolumne.  In loser Folge soll sie Beiträge versammeln zu poetischen Neuerscheinungen. Sie beginnt stark (natürlich nicht ohne Lücken – namentlich bei den jüngeren Jahrgängen) mit einem Streifzug von ihr durch das lyrische Jahr 2013.

Der Eingang kann so manche um Realität kreisende Lyrikdebatte beschämen:

„Spätestens seit Christian Morgenstern Anfang des 20. Jahrhunderts die Tagtigall und die Gänseschmalzblume erfand, dürften auch die letzten Zweifler davon überzeugt sein, dass papierne Schöpfungen mitunter eine stärkere Wirklichkeit haben als die schnöde Realität. Sie heben uns vielleicht nicht in die Erhabenheit, wie in alten Zeiten, aber in eine Mimikry unseres Lebens, wo Klang, Ton, Rhythmus, Fluss und Bruch eine Narretei mit uns treiben.“

Im Folgenden Auszüge.

Sie schreibt über den holländischen Dichter Erik Lindner: „Nach Akedia“. Mit einem Nachwort von Ulf Stolterfoht, Reihe Spurensuche des berliner künstlerprogramms des daad, Matthes und Seitz Verlag, Berlin 2013, 170 Seiten, 19,90 Euro

Wenn es stimmt, dass Gedichte Störmaschinen sind, so ist Lindners Poesie in aller Schönheit eine solche Störmaschine. Das disparate Leben – hier in seiner Kunst kann es oszillieren. „Denk nicht nach, die Schiffe, die sind alle verbrannt“, lautet ein programmatischer Satz in dem Gedicht „Insel“, das wie nebenbei davon erzählt, dass alle Verbindungen zum Festland der Gewissheiten und der Folgerichtigkeiten in der Poesie gekappt sein müssen. Das Glück, das einen beim Lesen von Lindners Gedichten befällt und von dem der Lyriker Ulf Stolterfoht im Nachwort spricht – es besteht auch darin, dass Lindner uns glauben macht, wir vermögen mit unserer Einbildungskraft die Welt immer neu zu erfinden.

Über Esther Kinsky, Naturschutzgebiet, Gedichte und Fotografien, Berlin, Matthes & Seitz, 2013

Im Schutzraum des Gedichtes siedelt Kinsky vom Aussterben bedrohte Bezeichnungen wie „Gottvergess“ (die Schwarznessel) wieder an, lässt Worte, Bilder, Gedanken gehegt wuchern. „Was Grenze ist, irrt hierhin und dorthin“, schließt ein Gedicht. Die Fotos zeigen einen Krankenhaus-Park, der lange sich selbst überlassen in wilder Pracht wuchert und wittert, wie Kinskys Sprache. „Wohin zeigt die Wildnis, wohin die Zähmnis?“ fragt sie, lernt die „sprache der misteln“, beobachtet „krähengeschweif“ und „wurzelbegebenes gesindel“, lauscht „hungergurrigen tauben“. Auf den Fotos, die das durchdringende Licht einfangen, erkennt man – durch das kleine Format wie entrückt wirkend – überwucherte Wegränder und verwitterte Bänke, auf denen einst Patienten und Besucher Hoffnungen und Ängste austauschten. Es ist, als hörte man sie flüstern. „gezeichnetes gelände in gestundeter seligkeit der verwahrlosung“.

Über Julia Hartwig, „und alles wird erinnert“. Gedichte 2001 – 2011, aus dem Polnischen von Bernd Naumann, Frankfurt, Verlag Neue Kritik, 2013

„was wird aus uns / wohin gehen wir / wer wird uns richten / uns erleichtert fallen lassen / uns befreien von den Fesseln der Kunst / die immerzu fordert / Fragen stellt / und leichte Beute verschmäht“ – lautet ein programmatisches Gedicht des Bandes „und alles wird erinnert“ der polnischen Dichterin und Übersetzerin Julia Hartwig. Die autobiografischen Fragmente erzählen lauter kleine Geschichten aus dem großen Leben der mittlerweile über 90-Jährigen, die nach der deutschen Besatzung, und noch vor dem Tauwetter nach Paris reiste, später eine Weile in den USA lebte und dann doch an der Seite von Solidarnosz in Polen das Ende des Kalten Kriegs erlebte.

Über Valzhyna Mort, Kreuzwort, Deutsch von Katharina Narbutovič und Uljana Wolf, Berlin, Suhrkamp 2013

„In der belarussischen Kultur gibt es keinen festen Grund, der Boden bewegt sich unter deinen Füßen und du musst immer neu die Balance finden“, erzählt die aus Weißrussland stammende, heute in Washington lebende Dichterin Valzhyna Mort. Sie schrieb ursprünglich in der zu Sowjetzeiten unterdrückten Volkssprache Weißrussisch („widersprüchliches Konstrukt aus Emanzipation und Einschränkung“), weil das musikalische Moment darin sie anzog, wie sie einmal sagte. Mittlerweile ist Englisch ihre zweite Schreib-Sprache, und der in diesem Jahr erschienene Band „Kreuzwort“, enthält Poesie und Prosa aus beiden Sprachen. Kreuzwort, so will es das Rätselspiel, ist der Ort, an dem sich Buchstaben, die gemeinsam ein Wort bilden, einzeln kreuzen mit je identisch scheinenden Buchstaben aus anderen Worten. Das größte Rätsel ist der „Körper, der ins letzte Kästchen passt“ – vertikal wie horizontal – der mithin die Fäden und Fragen des Einzelnen, des Buchstaben-Legers, bündelt.
… Dank der die Webstrukturen im Original grandios nachbildenden Übersetzungen von Katharina Narbutovič (Prosa) und Uljana Wolf (Lyrik) gewinnt Morts Bildwelt auf bewegtem Grund auch für uns Gestalt.

Über Text und Kritik 198, Gerhard Falkner, Gastherausgeber: Michael Braun, April 2013

Die Autoren des Heftes, fast ausschließlich Dichter-Kollegen, schaffen einen innerpoetischen Dialog mit Falkners Werk, der zuletzt 2012 mit seinen „Pergamon Poems“ für große Aufmerksamkeit sorgte. Mit Worten können wir bekanntlich wachrufen, was verloren ist, und so notierte Falkner darin unter der Überschrift „Herakles“: „ER fehlt! / Nur die Idee kann ihn ergänzen. / Man ahnt die Durchschlagskraft der Zeit / die ihn von dieser Stelle weggefegt./ …./ Vom Löwenfell blieb nur ein Stück der Pranke.“

Seinen Kulturpessimismus, der Handytöne im Museum als Zeichen einer angeblich defizitären Jetzt-Zeit deutet, muss man nicht teilen, doch die rhapsodischen Verse eignen sich nicht nur für den Besuch des Berliner Pergamon-Museums.

Über Park, Zeitschrift für neue Literatur, Herausgegeben von
Michael Speier, Berlin, November 2013 (Schwerpunkt: Gegenwartslyrik aus Irland)

Ob Klänge noch Jahre später im Werk eines Autors nachhallen können? In der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift „Der Park“ hat Falkner sich jedenfalls den „Passat“ zum Liebesnest erwählt: „Wir fanden Freude am Geplänkel / wir lösten im Auto den Augen die / Binde und den Worten die Fesseln: / to screw each others brain out“. Der Rest ist Schweigen – über Vorhandenes, Abhandenes und noch viel mehr.

Über Odile Kennel, oder wie heißt diese interplanetare luft, Gedichte, München, dtv Premium, 2013

Vom Vorhandenen und abhanden Geratenen handeln auch die wundersam wachen und witzigen, zwischendurch auch transzendente Fragen streifenden Verse der Autorin Odile Kennel, die in diesem Jahr unter dem Titel „oder wie heißt diese interplanetare Luft“ erschienen sind. Alltägliches wird reflektiert und bestaunt. Ein Kurzzyklus widmet sich den Tieren und ihrem drohenden Aussterben. „Ach Auerhuhn, ich würde schweigend /mein Heidelbeereis mit dir teilen, zeig / dich nur einmal von weitem, oder bleib / im Gezweig unseres Imaginären, aber bleib“, beschwört sie die Kraft des Wortes.

Über Oswald Egger, Euer Lenz, Berlin, Suhrkamp Verlag, 2013

Was geschieht, wenn man das Material der Sprache – Buchstaben, Worte, Satzgefüge – wie die Würfelpuzzle (bemalte Bauklötze) der Kindheit dreht und wendet, damit sie sich fremd näher kommen, neue Verbindungen mit sich und uns eingehen und sich zwischen uns als Eigenleben ausbreiten können, erfährt man bei Oswald Egger, dessen neuester Band, „Euer Lenz“, auf den Sturm-und-Drang-Dichter Lenz verweisend, mit dem Satz beginnt: „Jetzt müssten die Kirschbäume blühen, dass es heißt: wieder und wieder.“ Überall Sätze voller Wortschöpfungen: „Oft trotte ich doch nur und stoß mich an den vorstolpernden Fuszeln und Staupen“, weshalb Sibylle Cramer den Dichter einen „Neutöner“, und Ilma Rakusa ihn den „Sprachschabernacker“ nennt.

Über Ulf Stolterfoht, wider die wiesel, Ostheim/Rhön, Verlag Peter Engstler, 2013.

Christian Morgensterns eingangs genanntes schöpfendes Spiel könnte auch am Grunde dessen liegen, was der Dichter Ulf Stolterfoht seit Jahren und auch wieder in seinem jüngsten Band „wider die wiesel“ präsentiert: Gedichte und Minidramen, die mit Unterstützung von Computer-Übersetzern zum Lobe und Ruhme des Wiesels anheben. „pop! geht das wiesel, kanister mit diesel, stiefel voll
blut, pop pop! geht das wiesel – und alles wird glut.“ Kein Wunder bei so viel Ansprache, dass das Wiesel – wie die Tagtigall – nicht zu den bedrohten Tierarten gehört.

76. Bericht vom Lyrikpreis München

Auszüge aus dem Bericht von der Diskussion am dritten Abend des Lyrikpreises München am 13.12.:

Bettina Hohoff hatte den Eindruck gewonnen, etwas Rätselhaftes solle in Gumz‘ Gedichten bleiben. Sie führte die Wendung „speere (…) / wiegen sich im wind“ an. Àxel Sanjosé meinte, die Sentenzen am Ende der Gedichte seien etwas dick aufgetragen.Dazu ist zu sagen, daß die einen Sachverhalt umreißenden Einzelsätze Gumz‘ schon überaus markant sind, so daß kaum etwas anderes übrig bleibt, als am Ende, wo das Gedicht sich ja steigern soll, nochmal eins draufzusetzen. Doch der Leser urteile anhand von „ich bin du“ selbst: „ich hüpfe im kreis, winke in kameras, die du nicht kennst. // auf meine lider drücken drei arten beobachtung. // unsere zuschauer versuchen zu verstehen, was wir weglassen. // du bist echter als ich, berechnest meine flugbahn. // unter unserem gespräch beziehen die verschwörer stellung. // beleuchter und statisten räuspern sich. das höre ich bis hier. // ich bin du. du siehst es mir an. // du bist nur ein trick meiner linken hand.“ Das Publikum fand Gumz‘ Gedichte wegen ihres metaphysischen Gehalts interessant.

(…)

Anja Kampmanns Gedichte wurden zunächst als „romantische Symphonien“ charakterisiert. Das hat jedoch auch Vorteile: wenn zwischen Sonne und Mond und Weizenfeld ein Wort wie „geißelschwänzchen“ auftaucht, wirkt es zehnmal so speziell wie in einem Text, in dem nur spezielle Wörter vorkommen. Tom Schulz hob „Maribor“ als das beste Gedicht hervor und fügte hinzu: “Wenn wir nur das Beste herausnehmen, können wir das Ganze als etwas sehr Gutes nehmen.“ Dem widersprach Bettina Hohoff insofern, als sie nichts Überflüssiges in den Gedichten habe entdecken können.

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Als letzter Autor des Abends las der 1963 geborene und als Gräzist an der Universität Greifswald arbeitende Dirk Uwe Hansen. Die meisten seiner Gedichte waren nach Orten benannt; doch herausragend war „Libelle“: „Siehst du sie immer nur da / wo sie schon nicht mehr / siehst nicht den Draht der sie zieht den / zieht sie der reißt Blau / pausen auf mit Facetten von Blicken / nie gesehener Bauten Umfriedung. // Zeichen in farbloser Luft von / Sprachen die zu verstehn vor / Zeiten schon zu schwer befunden.“

Hier wird mit Elementen der sapphischen Strophe, mit einem Wechsel von Trochäen und Daktylen, gespielt; am Ende des drittletzten Verses „farbloser Luft von“ handelt es sich höchst passenderweise um einen Adoneus, der mit dem jung gestorbenen Adonis und seinem Abstieg in den Hades verknüpft ist. Tom Schulz sagte, zweifelsohne sei Hansen ein belesener Autor. Man erkenne das am belesenen Ton. Ihm persönlich sei jedoch beispielsweise der Ausdruck „Zeilen alter Gesichter“ im Lissabongedicht zu abstrakt. Àxel Sanjosé gefiel das Gedicht „Schmetterlingsgalerie“, das mit dem angeführten Libellengedicht in einem Atemzug genannt wurde, wegen seiner Farbenexplosion. Jan Kuhlbrodt sprach von dem Wagnis, Gedichte über Libellen und Schmetterlinge zu schreiben. Meinte er damit Naturgedichte insgesamt; oder solche über Kleintiere mit Fühlern, die zugleich mit der Ausbreitung des Handys die deutsche Lyrik zu dominieren begannen? Bettina Hohoff fand Hansens Naturgedichte einfach gut. Sie erkannte in ihnen das Scheitern der Bemühung, sich in ein Tier hineinzuversetzen.

/ Ausführlich mit Text und Bild über diese und weitere Autoren (Konstantin Ames, Eric Giebel, Andra Schwarz) hier