Letztes Geheimnis

Rolf Bossert

(* 16. Dezember 1952 in Reșița (Banater Bergland), Volksrepublik Rumänien; † 17. Februar 1986 in Frankfurt am Main)

Das letzte Geheimnis

Großvater Frosch muß auch einmal sterben:
Erwartungsvoll harren die fünfzig Erben.

Zitternd ergreift eine Schachtel der Greis,
Er gibt nun sein letztes Geheimnis preis:

»In dieser Schatulle aus Ebenholz
Ruht unsre Geschichte, der Sippe Stolz:

Es ist einer Königin Strumpfband,
Das Ururahn Quak hier im Sumpf fand!«

Aus: Rolf Bossert, Ich steh auf den Treppen des Winds. Gesammelte Gedichte 1972-1985. Hrsg. Gerhardt Csejka. Frankfurt/Main: Schöffling, 2006, S. 280

Wie’s so kommt

Arben Idrizi

Krieg III

Sie schienen gute Nachbarn
von Serben zu sein, trotz allem.
Sie schienen gute Nachbarn
von Albanern zu sein, trotz allem.

Aber, als sich die Zeiten
verschlechterten,
oder als sie
verschlechtert wurden,
also als das serbische Regime
die Albaner offen terrorisierte,
schlossen sich einige Serben
dem Regime an,
einige waren gleichgültig,
einige wagten nicht, dagegen zu sein.

Und dann, wie's so kommt,
verkehrte sich die Lage:
die Serben verloren den Krieg,
einige Albaner
terrorisierten sie,
einige waren gleichgültig,
einige wagten nicht, dagegen zu sein.

Was noch hinzukommt:

Die Albaner
fühlen sich im Recht,
die Serben
fühlen sich im Recht.
Die Serben veröffentlichen
die Verbrechen der Albaner
und leugnen ihre eigenen
an den Albanern;
die Albaner veröffentlichen
die Verbrechen der Serben
und leugnen ihre eigenen
an den Serben.

Albaner begeistern sich
für den Hass gegen Serben,
Serben begeistern sich
für den Hass gegen Albaner.

Und dann, wie's so kommt,
gibt es im schlechtesten
Königreich der Tiere:
keinen Platz
für den Frieden und das Zusammenleben.

Aus dem Albanischen von Zuzana Finger, aus: Abwärts! Nr. 51 | April 2024, S. 19

der schreiber muss ein leser sein

Stefan Döring

ÜBER SCHREIBEN UND LESEN

der schreiber muss ein leser sein
sonst kann der schreiber kein schreiber sein

der leser muss ein schreiber sein
sonst kann der leser kein leser sein

der schreiber der kein leser ist
wird sich den leser nicht erschreiben können

der leser der kein schreiber ist
wird sich den schreiber nicht erlesen können

vielleicht aber muss künftig
der schreiber sich trennen vom lesen
um dem leser zu entkommen

und vielleicht muss künftig
der leser sich trennen vom schreiben
um dem schreiber zu entkommen

dass also dann der schreiber
zum schreiber des unlesbaren wird

und dass also dann der leser
zum leser des unschreibbaren wird

nur noch so vielleicht
kann der schreiber schreiber bleiben

und nur so vielleicht
kann der leser leser bleiben

Aus: Stefan Döring, Wenn Welt. Berlin und Schupfart: roughbooks, Engeler Verlage, 2024, S. 23f

Schwüler Abend

Richard Schaukal 

(* 27. Mai 1874, heute vor 150 Jahren, in Brünn; † 10. Oktober 1942 in Wien)

Abend 

Weiße Schwäne senken ihre schmalen,
Schlanken Hälse in den schilfdurchragten,
Stillen, grünen Weiher, plätschern leise,
Ziehen weiter ihre stillen Kreise...
An dem Arm des müden, hochbetagten
Schloßherrn, der den schlafgemiednen Qualen
Seiner kalten Nacht entgegenbangt,
Steht in leichten, weißen Spitzen
Die Gemahlin. Spielend langt
Sie nach den gewundnen Rebenranken...
Ihre flügelstarken Flucht-Gedanken
Zittern vor den roten Lebensblitzen.

Aus: Lyrik des Jugendstils. Hrsg. Jost Hermand. Stuttgart: Reclam, 1990, S. 41f

Oweh!

Peter Rühmkorfs Fassung der Altersklage des Minnesängers Walther von der Vogelweide. Darunter das – längere – Original, Rühmkorf hat nur die erste Strophe übersetzt.

Walther von der Vogelweide

(* um 1170, Geburtsort unbekannt; † um 1230, möglicherweise in Würzburg)

Wohin sind sie geflogen

Wohin sind sie geflogen alle meine Jahr?
War mein Leben gelogen oder ist es wahr?
Was ich einst wähnte, es wäre – gab es das überhaupt?
Oder hab ich geschlafen und einem Traum geglaubt?
Nun bin ich aufgewacht und ist mir unbekannt:
Was mir so vertraut war wie meine Hand.
Land und Leute, wo ich meine Kindheit verbracht,
sehen mich an, als hätt ich sie mir nur ausgedacht.
Die sich meine Freunde nannten, sind blöde, sind alt.
Plattgewalzte Felder – gerodeter Wald...
Wenn da nicht noch Wasser strömte wo es immer floß,
wahrlich, mein Unglück schiene übergangslos.
Wieder ging einer vorüber, der wußte mal, wer ich war.
Die Welt ist allenthalben unberechenbar.
Manche schönen Tage gehen mir noch durch den Sinn
Wie ein Schlag ins Wasser sind sie dahin.

Immerdar oweh!

Aus: Peter Rühmkorf: Mein Lesebuch. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1986, S. 292.

Walther von der Vogelweide

Owê war sint verswunden alliu mîniu jâr!
ist mir mîn leben getroumet, oder ist ez wâr?
daz ich je wânde ez wære, was daz allez iht?
dar nâch hân ich geslâfen und enweiz es niht.
nû bin ich erwachet, und ist mir unbekant
daz mir hie vor was kündic als mîn ander hant.
liut unde lant, dârinne ich von kinde bin erzogen,
die sint mir worden frömde reht als ez sî gelogen.
die mîne gespilen wâren, die sint træge unt alt.
vereitet is daz velt, verhouwen ist der walt:
wan daz daz wazzer fliuzet als ez wîlent flôz,
für wâr mîn ungelücke wande ich wurde grôz.
mich grüezet maneger trâge, der mich bekande ê wol.
diu welt ist allenthalben ungenâden vol.
als ich gedenke an manegen wünneclîchen tac,
die mir sint enpfallen als in daz mer ein slac,
iemer mêre ouwê.

Owê wie jæmerlîche junge liute tuont,
den ê vil hovelîchen ir gemüete stuont!
die kunnen niuwan sorgen: wê wie tuont si sô?
swar ich zer werlte kêre, dâ ist nieman vrô:
der jugende tanzen, singen zergât mit sorgen gar:
nie kein kristenman gesach sô jæmerliche schar.
nû merkent wie den vrouwen ir gebende stât:
die stolzen ritter tragent an dörpellîche wât.
uns sint unsenfte brieve her von Rôme komen,
uns ist erloubet trûren und vreude gar benomen.
daz müet mich inneclîchen (wir lebeten ie vil wol)
daz ich nû für mîn lachen weinen kiesen sol.
die vogele in der wilde betrüebet unser klage:
waz wunders ist ob ich dâ von an vreuden gar verzage?
ôwê waz spriche ich tumber man durch mînen bœsen zorn?
swer dirre wünne volget, hât jene dort verlorn,
iemer mêre ouwê.

Owê wie uns mit süezen dingen ist vergeben!
ich sihe die bittern gallen in dem honege sweben:
diu werlt ist ûzen schœne, wîz grüene unde rôt,
und innân swarzer varwe, vinster sam der tôt.
swen si nû habe verleitet, der schouwe sînen trôst:
er wirt mit swacher buoze grôzer sünde erlôst.
dar an gedenkent, ritter: ez ist iuwer dinc,
ir traget die liehten helme und manegen herten rinc,
dar zuo die vesten schilte und diu gewîhten swert.
wolte got, wan wære ich der segenunge wert!
sô wolde ich nôtic armman verdienen rîchen solt.
joch meine ich niht die huoben noch der hêrren golt:
ich wolte sælden krône êweclîchen tragen:
die mohte ein soldenære mit sîme sper bejagen.
möht ich die lieben reise gevarn über sê,
sô wolte ich denne singen "wol" und niemêr mêre "ouwê",
niemer mêre ouwê.

Wo sind die Zeugen

Manfred Peter Hein 

(* 25. Mai 1931 in Darkehmen / Ostpreußen, lebt in Finnland)

Die Vertriebenen

Wo ist das Land und wo sind die Zeugen –
Mein Vater starb am achten Mai am Tag
der Kapitulation. Und kam ums Leben
amtlich zur Ruhe
zwanzig Jahre später unter zwei trockenen Fichten
schräggesunken in Dantes Wald der Welt.

Sein letztes
mündlich überliefert
letztes Wort:

Es ist gut einen fahrbaren
Untersatz
zwei Achsen und vier Räder
zu besitzen.

Aus: Manfred Peter Hein, Gegenzeichnung. Gedichte 1962-1982. Berlin: Agora (o.J.), S. 44

Wissenschaftlicher Witz

Die diesjährige Booker-Preisträgerin Jenny Erpenbeck kommt aus einer Schriftstellerfamilie. Ihre Mutter war die Arabisch-Übersetzerin Doris Kilian, ihr Vater der Physiker, Philosoph und Schriftsteller John Erpenbeck. Die Eltern ihres Vaters waren die Autoren Fritz Erpenbeck und Hedda Zinner. Ihr Vater John Erpenbeck hat außer zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen auch Romane, Erzählungen und zwei Gedichtbände veröffentlicht. Letztere erschienen im Mitteldeutschen Verlag, der damals einer der führenden Lyrikverlage der DDR war (u.a. Volker Braun, Hanns Cibulka, Heinz Czechowski, Peter Gosse, Uwe Greßmann, Bernd Jentzsch, Georg Maurer und Karl Mickel).

Heute ein Gedicht aus dem Band „Formel Phantasie“ (1972). Man merkt ihm an, dass sein Verfasser Physiker ist – dem Band und dem Gedicht.

Der Kugelblitz

Welch ein wissenschaftlicher Witz:
ein Kugelblitz!
Man kann ihn für eine Laterne halten
mit entfaltetem Eigenleben,
für ein gewissenlos eitles Veilchen
mit violettem Eigenleuchten
oder für einen gestolperten Stern
mit einem freundlichen, lichten Gesicht.
Wir kennen seine Geheimnisse nicht.
Aber wir wüßten sie eben gern.
Energie in Kugeln zu zwängen
wäre dann kein Problem.
Wir könnten sie beispielsweise bequem
an den Weihnachtsbaum hängen.

Aus: John Erpenbeck, Formel Phantasie. Gedichte mit Illustrationen von Heidrun Hegewald. Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag, 1972, S. 6.

Illustration: KI

Nutzen schlechter Gedichte

Ein japanischer Dichter, der etwa zur selben Zeit wie Goethe lebte, malt in einem satirischen Kurzgedicht aus, welche Schrecken der Welt drohten, wenn die Dichter bessere Gedichte schrieben, nicht auszudenken!

Ishikawa Masamochi – besser bekannt unter dem Namen Ishikawa Gabo

(japanisch 石川 雅望; geboren 7. Januar 1754 in Edo (Provinz Musashi); gestorben 16. Mai 1830 daselbst) war in der späten Edo-Zeit ein japanischer Verfasser von „Kyōka“ (狂歌) – also humoristischen, satirischen Kurzgedichten, Verfasser von Unterhaltungsliteratur und Kokugaku-Gelehrter. https://de.wikipedia.org/wiki/Ishikawa_Masamochi

MEINE AUFFASSUNG

Daß so viele Dichter nichts können,
Das regt dich auf?
Und wie, wenn jedes Poetenherz vermöchte
Zu rütteln am Weltenlauf?

Ins Deutsche „umgedichtet“ von Paul Lüth, aus: FRÜHLING SCHWERTER FRAUEN. Umdichtungen japanischer Lyrik mit einer Einführung in Geist und Geschichte der japanischen Literatur von PAUL LÜTH. Berlin: Paul Neff, 1942, S. 131. (Die Überschrift ist sicher eine Zutat für den europäischen Geschmack, sowas brauchten die Japaner nicht.)

(Leider konnte ich in meiner Sammlung keine weiteren Gedichte bzw. anderen Fassungen finden.)

Weine nicht

Albert Vigoleis Thelen 

(* 28. September 1903 in Süchteln am Niederrhein; † 9. April 1989 in Dülken am Niederrhein)

Verdammnis

Weine nicht, weil du nicht weinen kannst
über die heiligen Wetterschläge der Welt:
Das öffentliche Ärgernis im Garten Eden,
die göttliche Sintflut,
Sodom und Gomorrha,
das Aussterben der Saurier mit Kind und Kegel,
der Untergang der Atlantis mit Mann und Maus,
der Untergang der Titanic mit Mann und Maus,
der Untergang von 2367 Sprachen
benebst deren Sprechern,
der Ausbruch des Krakataus,
der Luës,
des Burenkriegs,
der Maul- und Klauenseuche,
Zyklon und Orkan,
Taifun und Tornado,
die Erfindung des Steinbeils und Hiroshima,
das Kino-Unglück in Harburg,
Bleidächer, Gummizellen und Gaskammern,
der Blutlimes um Berlin,
eine erwürgte Braut,
eine lebendgebärende Päpstin,
ein gottloser Gott,
ein – und du weinst immer noch nicht?
Sei dann eindächtig der Zwiebel (allium cepa):
sie löst dir das Rätsel der Tränen
und die Träne dazu.
146

Aus: Albert Vigoleis Thelen, Im Gläs der Worte. Gedichte. Düsseldorf: claassen, 1979, S. 146

Jung und Alt

Rudolf Borchardt als Nachdichter. Aus seinem eigen-artigen Dante hatte ich schon gelegentlich was eingerückt. Heute Shakespeare.

William Shakespeare

The Passionate Pilgrim

XII.

Crabbed age and youth cannot live together:
Youth is full of pleasance, age is full of care;
Youth like summer morn, age like winter weather;
Youth like summer brave, age like winter bare.
Youth is full of sport, age's breath is short;
Youth is nimble, age is lame;
Youth is hot and bold, age is weak and cold;
Youth is wild, and age is tame.
Age, I do abhor thee; youth, I do adore thee;
O, my love, my love is young!
Age, I do defy thee: O, sweet shepherd, hie thee,
For methinks thou stay'st too long.
Huzelalt und Jung taugt nicht wol zusammen:
Jung ist voller Mutwill, Alter vielgeplackt,
Alt ist Winters Wetter, Jung wie Sommers Flammen,
Jung wie Sommer nett, Alt wie Winter nackt;
Jugend hüpft so leicht, Alter Odem keicht,
Jung ist flink und Alt ist lahm,
Jung ist heiß und jach, Alt ist kalt und schwach,
Jung ist wild und Alt ist zahm.
Alt und Dich zerschmettr' ich, Jung und Dich vergöttr' ich.
Oh mein Schatz mein Schatz ist jung!
Trutz Dir, alt, und wüt Dich! Hirte süß, oh hüt Dich –
Denn mich dünkt Du bliebst bei mir genung.

Aus: Rudolf Borchardt, Gedichte II. Übertragungen II. Stuttgart: Klett-Cotta, 1985, S. 216

Berliner Pfingsten

Mal was Klassisches, Buntes, und zwar zum Tage.

Gottfried Keller

Berliner Pfingsten

Heute sah ich ein Gesicht,
Wonnevoll zu deuten:
In dem frühen Pfingstenlicht
Und beim Glockenläuten
Schritten Weiber drei einher,
Feierlich im Gange,
Wäscherinnen, fest und schwer!
Jede trug 'ne Stange.

Mädchensommerkleider drei
Flaggten von den Stangen;
Schönre Fahnen, stolz und frei,
Als je Krieger schwangen,
Blau und weiß und rot gestreift,
Wunderbar beflügelt,
Frisch gewaschen und gesteift,
Tadellos gebügelt.

Lustig blies der Wind, der Schuft,
Lenden auf und Büste,
Und von frischer Morgenluft
Blähten sich die Brüste!
Und ich sang, als ich gesehn
Ferne sie entschweben:
Auf und laßt die Fahnen wehn,
Schön ist doch das Leben!

Bild: KI

Kein & Ein

Dorina Marlen Heller & Sofie Morin

Kein Schreibtisch

Kinder
Kinder und Wäsche

Wäsche
Wäsche und eine Frau

Kinder
Kinder und eine Frau

eine Frau und Kinder und Wäsche und
eine Frau und ein SchreibKüchentisch

Sofie Morin
zum 50. Todestag von Marlen Haushofer am 21. März 2020,
einer der vielen Schriftstellerinnen am Küchentisch

Eine Nacht

Beziehung
Beziehung und Kiste

Kiste
Kiste und eine Frau

Beziehung
Beziehung und eine Frau

eine Frau und Beziehung und Kiste und
eine Frau und ein NachtSchriftzug

Dorina Marlen Heller
zum 59. Todestag von Sylvia Plath am 1. Februar 2022,
einer der vielen Schriftstellerinnen mit schreibhinderförderlicher Beziehungskiste

Aus: Dorina Marlen Heller / Sofie Morin: Schwestern im Vers. Zwiesprachen zwischen morgen und Frausein. Band 12 der Reihe vers libre – Zeitgenössische österreichische Lyrik. Hrsg. Alexandra Bernhardt. Wien: Edition Melos, 2022, 2. Aufl., 2023, S. 133

Bild: AI

Rezept für Verbreitung vergessener Dichter

Heute ein Schimpfgedicht des Dichters Rudolf Borchardt auf den Literatur-, Wissenschafts-, was auch immer, jedenfalls -Betrieb.

RINNESANGSE

Rezept für Verbreitung
Vergessener Dichter:
Sechs Bösewichter
Zur Vorbereitung
Per Tageszeitung,
Orchesterbegleitung
In kritischen Blättern
Durch die üblichen Spiegelfechter;
Melchior Lechter,
Piefkelettern;
Ohrfeigengesichter
Schreiben die Einleitung –
Kommt das Hyänengelichter
Keiner niederzuwettern?
Toter, steh auf und schrei nach einem Richter,
Es zu zerschmettern!

(Um 1910)

Aus: Rudolf Borchardt, Gedichte II. Übertragungen II. Stuttgart: Klett-Cotta, 1985, S. 123

jeder nach seiner fasson

Gerhard Rühm 

(* 12. Februar 1930 in Wien)

KNOPF UND REISSVERSCHLUSS

es reizt der knopf den reissverschluss:
„du armer hast nicht viel genuss.
du ziehst dich zu, du ziehst dich auf,
das ist dein ganzer lebenslauf.
ich hingegen schlüpfe doch
durch ein passend holdes loch,
das mich umschliesst,
bis michs verdriesst."

der reissverschluss, auf sich gestellt,
verrät aus seiner eigenwelt,
dass ihm das auf und ab allein
vergnügen schon genug kann sein.

so lernten beide dieses davon:
jeder mags nach seiner fasson.

Aus: Das Gedicht. Zeitschrift für Lyrik, Essay und Kritik. Hrsg. von Anton G. Leitner. Anton G. Leitner Verlag. 8. Jahrgang, Nr. 8, «Erotik-Special», Herbst 2000 bis Sommer 2001, S. 23

Was Gedichte dürfen

Axel Kutsch

(* 16. Mai 1945 in Bad Salzungen)

Was Gedichte dürfen

In diesem Gedicht sehen Sie
einen Eisberg versinken
und die Passagiere der Titanic
auf den Untergang trinken.

Nach der Ankunft erzählen sie
ihren Verwandten froh:
Stellt euch vor, wir reisten mit
Kate Winslet und Leonardo DiCaprio.

Doch die Verwandten
fragen sichtlich betroffen:
Ihr seid hier in New York
und nicht abgesoffen?

So ist es, wenn Eisberge
im Wege steh'n:
In Gedichten läßt
man sie untergeh'n.

Aus: Versnetze. Das große Buch der neuen deutschen Lyrik. Hrsg. Axel Kutsch. Weilerswist: Ralf Liebe, 2008, S. 171