Im KZ Buchenwald waren viele französische Häftlinge interniert, vornehmlich Mitglieder der Résistance, darunter Intellektuelle und Künstler. Ausgehend von einem geheimen Schreibwettbewerb unter den Häftlingen entstand ein einzigartiges Dokument literarischen Lebens im Lager: eine Anthologie mit Gedichten, die 1946 in Frankreich im Druck erschien.
In Deutschland blieb sie unbeachtet. Dass nun diese Rezeptionslücke geschlossen werden konnte, dankt sich dem Engagement von Wulf Kirsten, vielfach preisgekrönter Lyriker, und der Übersetzerin Annette Seemann. Mit Unterstützung der Akademie der Wissenschaften Mainz erscheinen die Buchenwald-Gedichte nun erstmals auch auf Deutsch – in einer zweisprachigen Ausgabe unter dem Titel „Der gefesselte Wald“, von Kirsten und Seemann herausgegeben im Göttinger Wallstein Verlag (Mainzer Reihe, Bd. 11). / Wiesbadener Tagblatt (http://www.wiesbadener-tagblatt.de/lokales/kultur/literatur/poesie-aus-dem-kz-buchenwald_13831386.htm)
in der Abenddämmerung leuchten uns aus den Fenstern des Krankenhauses die Duldenden
Hansjürgen Bulkowski
José Emilio Pacheco, gestorben am 26. Januar in Mexiko-Stadt (s. Januar-Meldung #93)
Ein Garten in Berlin
Nach Vergessen riecht der Nebel, indes sein Duft
die Luft des lichtlosen Augenblicks schärft,
eindringlich wie ein Tattoo.
In der entblätterten Baumallee
das Ypsilon von Mythos und Trendy.
Der Lebensbaum, der die Arme öffnet
zur Zeit, zum Wind, zu dem, was ich nie sehen werde,
da wir schon fortgehen.
(Übersetzung: Juana und Tobias Burghardt)
Mit freundlicher Genehmigung entnommen aus: José Emilio Pacheco: Früher oder später / Tarde o temprano. Gedichte/Poemas 1964–2000. Zweisprachige Werkauswahl: Spanisch – Deutsch. Übertragen von Juana und Tobias Burghardt. Stuttgart : Edition Delta 2011.
Un jardín en Berlín
Huele a olvido la niebla mientras su aroma
afila el aire del momento sin luz
que penetra como un tatuaje.
En la desnuda arboleda
la Y griega de ayer y hoy.
El árbol de la vida que abre los brazos
al tiempo, al viento, a lo que nunca veré
porque ya nos vamos.
Juan Gelman, gestorben am 14. Januar 2014 in Mexiko-Stadt (s. Januar-Meldung #51)
wenn
wenn der TOD dich gefangen nimmt/
dein Haus/wozu wird es dir nutzen?/
obwohl es aus Ziegelsteinen gebaut ist/
wozu wird es dir nutzen?/
deine Onkel/deine Brüder/deine Frau/
wozu werden sie dir nutzen?/
du wirst sterben/sie
werden dir einen (gesprungenen) Krug anbieten/eine (ausgefranste)
Strohmatte/das Schweißtuch/
sie werden dich auf dem Einäscherungsgelände zurücklassen/
und du wirst gestorben sein/ihre Tränen
werden bald trocken sein/
sie werden den Appetit nicht verlieren/
vergiss es nicht wenn du dort unten
dem Notar des TODES Rede und Antwort stehst/
sprichst du dann/schon nackt?/
weder Güter noch Verwandte werden dir nutzen/
sie
werden dich nicht begleiten/
zu wem gehörst du?/also/wer gehört zu dir?/
wenn du mit der letzten Reinheit verschmilzt
wirst du es auch nicht wissen/
verstocktes Herz: du tust so als verstündest du nicht/
obwohl du sie tausendmal verfolgt hast
die Spuren des Gedichts im Wasser/
Ramprasad
(1718-1775 / Kumarhatta – Kalkutta – Kumarhatta)
(Übersetzung: Juana und Tobias Burghardt)
Mit freundlicher Genehmigung entnommen aus:
Juan Gelman: KOM/POSITIONEN & DARUNTER – COM/POSICIONES & DIBAXU (DEBAJO). Zwei Einzeltitel aus den Jahren 1984-1985 und 1983-1985. Gedichte, dreisprachig: Spanisch – Sephardisch (teilw.) – Deutsch. Übertragen von Juana und Tobias Burghardt. Stuttgart : Edition Delta 2013.
cuando
cuando la Muerte te haga prisionero/
tu casa/¿de qué te servirá?/
aunque esté hecha de ladrillos/
¿de qué te servirá?/
tus tíos/tus hermanos/tu mujer/
¿de qué te servirán?/
morirás/ellos
te ofrecerán un cántaro (rajado)/una esterilla (rota)/el sudario/
te dejarán en el campo crematorio/
y habrás muerto/sus lágrimas
pronto se secarán/
no perderán el apetito/
no lo olvides cuando estés allá abajo c
ontestando al notario de la Muerte/
¿hablarás/ya desnudo?/
ni bienes ni parientes te servirán/
ellos no te acompañarán/
¿a quién pertenecés?/o sea/¿quién te pertenece?/
cuando te fundas con la última pureza
tampoco lo sabrás/
corazón obstinado: te hacés el que no entiende/
aunque mil veces perseguiste
las huellas del poema en el agua/
ramprasad
(1718-1775 / kumarhatta – calcutta – kumarhatta)
Einen eigenen Zungenschlag möchte Pils mit der Auswahl der Autoren setzen, beispielsweise mit Lyrik aus Lateinamerika, die Michi Strausfeld am 26. Februar vorstellen wird. Auch das pädagogische Standbein wird mit „Lust auf Lyrik“ gut gepflegt. Seit neun Jahren entsendet das Kabinett jeweils zwei Dichter an Schulen, die mit den Sechstklässlern acht Doppelstunden poetisch kreativ arbeiten, ohne Benotung und ohne Lehrer. „Das werden wir noch weiter ausbauen.“
Trotzdem träumt der neue Chef auch von neuen Formaten. Vielleicht gibt es bald eine Reihe, in der ein ganz junger einen älteren Autor vorstellt. Vielleicht sollten, überlegt Pils, überhaupt mehr Debütanten präsentiert werden, damit die jüngere Lyrikszene, die sich bevorzugt im Netz artikuliert, das Kabinett als Bezugspunkt annimmt. „Und die großen Namen holen wir ja sowieso.“ / Sabine Reithmaier, Süddeutsche Zeitung 30.1.
literaturlabor in der Lettrétage
28. Januar 2014
Zuß und Ames suchen Streit und begegnen sich in Berlin; in der Art in der ein Freistoßschütze dem Torwart begegnet; wer wer ist, ist egal, weil es wechselt. Es geht um Kollegialität, um Polemik, Poetik, um zwölf coole Arbeiter im Lyrikstandort Berlin, um Unzufriedenheit und andere Beweggründe und „Konsonanz ist nur ein Teil künstlerischen Schaffens; Dissonanz, Digression und Überraschung die anderen. Wir beobachten hier das Verfahren der Anreicherung neben forcierter Flapsigkeit […] und harte Zäsuren und weite Sprünge neben zarten Zoten.“
(Konstantin Ames: sTiL.e(ins) Art und Weltwaisen. S. 6f.)
Teil IV – Die Kommunikation der Literatur: Das Gedicht mit dem Dings, dem … Refreng «Danke, bitte, gerne, … juhu!»
Bevor der Leutnant und sein Hilfsinspektor in den rettenden Faunstall schwurbeln konnten – die übrigen Kommunikationen wurden gewarnt – wo das Licht des Morgensterns seine verhängnisvolle Wirkung tun kann, erscheint ihnen ein Menetekel; wiewohl par ordre du Stolterfoht eigentlich abgeschafft. Boah, dieses Menetekel, ein … Kompetenzmenetekel … Das beliebte »In hoc signo vinces!«, was man ja so aus der Glotze kennt, ist ein feuchter Dreck dagegen. Die, die es auch schon sahen, die duzen sich und lieben und genießen die Idee mehr als alles – naja, fast alles – auf, vor, unter und nach der Welt. Die Liebe zu dieser Kompetenz ist eine durch und durch enthusiastische, wenngleich komplizierte.
Ob man Gedichte wie Häuser bauen kann, wurde unlängst gefragt.
Na, man kann sie zumindest so machen wie gute Orgasmen. Man macht es Gedichten aber, das ist das Verzwickte an ihnen, nicht wie einem Sexgenoss, Fuckbuddy oder (Ehe-)Partner, noch nicht mal wie einem One-Night-Stand. Gedichte machen? Das klingt nach Hatefuck, Boytoy und Biographismus, dem alten Sack. Spätestens mit dreißig setzt ja meist Romantik ein. „Manieren“, „gelungen“, „Handrücken“, „Silberherzstraße“ sind plötzlich, und ganz schamlos, die Worte der Wahl. Es tut nicht immer gut, zu sehen, wie sich im Umgang mit Fundamentalkritik seit den bräsigen 80er Jahren bis heute schlichtweg nichts geändert hat, wie anlässlich der Diskussion um den Auftritt von Zé do Rock bei den TddL zu besichtigen war.
Lyrikpolizeichen kommt heftig in Weltbestzeit: 1´57.
Dieses Bastelgedicht, mein welterstes, habe ich heute also – gemacht. Wie Frederick, heute Shopping-Frederick, habe ich zuvor eine Kunstpause eingelegt, dann habe ich das Gedicht gebastelt und hinterher erschallte de profundis „(Shopping-)Frederick, Du bist ja ein Dichter!“,gefolgt vom nervösen bourgeoisen Gelächter.
Ich bin der Text dieses, meines selbstgemachten, moneyfesten Gedichts. Ich mache ansonsten keine Gedichte; ich schreibe Poesien. Ich trage meine Poesien unter kunstgerechter Verwendung meiner Sprechwerkzeuge vor; ich nuschle sie nicht lieblos und schnodderig runter; dank entsprechender Aufzeichnungssysteme und Speichermedien sind sie nach der Aufzeichnungabrufbar. Alles darüberhinausgehende Meinen ist nicht Metaphysik, sondern Denkmagie, feuchter Knaben- und Mädchenstolz. Ein weiteres Saartier verlässt das Gebäude, es hat mich kaum gekratzt – und wurde also geschont.
Wie schade, dass viele Überherrn Instrumentalisten heutzutage so wenig Ahnung von Texten haben. Kann man lernen, wie ein Gedicht zu schreiben sei? Man kann interessiert sein, und sehr viel Zeit aufwenden, und dann, vielleicht, Glück haben.
Es können auch nicht alle malen, vielleicht wischen, ja, wischen vielleicht schon (Ross).
Es ist nicht schwer, aber es ist schwer zu erklären. Aber auch das geht. Wenn man es kann. Und das kann man lernen. Die Fächer heißen Philologie, literarisches Schreiben, kreatives Schreiben. 1933 wurde ein Literaturinstitut in Moskau gegründet, dann eines in Leipzig, dann eins in Hanoi; fast jede Ami-Uni bietet Schreibkurse an. Im deutschsprachigen Raum gibt es Institute, an denen keine Bakterien entwickelt, sondern eben Schreibkonzepte zur Diskussion gestellt werden und sich die Leute idealiter gegenseitig bereichern, in Biel/Bienne, Hildesheim, Leipzig und Wien. Das Problem sind nicht die Institute, sondern ihre geringe Anzahl in der BRD, in der Schweiz und in Österreich. Es gibt auch die Möglichkeit, literarische Wischerei nachzuweisen. Das ist mühevoll, macht aber grundsätzlich Spaß. Wären Gedichte nun aber gemacht und nicht geschrieben, hätte die Philologie schlechthin nichts dazu zu sagen. Wer würde von solcher Re-Auratisierung der Poesie profitieren?Gedichte – wollen die wirklich in Ruhe gelassen sein?
Alexander Nitzberg, dem verdienten Übersetzer Bulgakows und der Werke von Daniil Charms, will ich indes hier nicht schreiendes Unrecht tun: Er hat mit seinem Aufsatz zu Gedichtgebäuden in diesem noch jungen Jahr auf die bisher interessanteste Weise Allgemeinplätze betreten. Ich glaube aber nicht, dass man auf ein Niveau des Diskurses vor dem linguistic turn zurückfallen muss. Anders und prächtig gesagt: Zerpflücke eine Rose und jedes Blatt ist schön. Für die skrupulösen Kolleg_innen gibt es sogar ein paar Anregungen.
Das Diktum, wonach das Machen von Gedichten lehrbar sei, ist ein schöner Treibstoff für meine Erinnerungskiste. Ich erinnere mich an eine Sendung im NDR, die im Herbst 2008 ausgestrahlt wurde; Günter Kunert war Gast, sichtlich enerviert, irgendeine Soulpoetin mit ihrem koketten Singsang und Schmachtblick war da; mediengerechte Lösungen benötigen schon eine gewisse Affinität des Gegenstands, der mediengerecht aufgelöst werden soll; sonst wirkt das gehypte Poesie-Ausstrahlen wie die realsatirische Variante der Literaturbetriebssatire Pegasus flieg! aus dem Film Herr Ober! mit Gerhart Polt (ab 1:11:00 geht die Show los) – und auch Alexander Nitzberg war mit seinen Hildesheimer Studentinnen und Studenten zu Gast in der NDR-Show, die scheinbar eine Art Präzedenzfall war. Diese jungen Menschen sollten nach Vorgabe einiger Worte, so die mediengerechte Lösung, Gedichte machen. Diese spontanen Erzeugnisse, für deren Verfertigung nur wenig Zeit war, wurden dann von Alexander Nitzberg beurteilt. Mir ist klar, dass diese Aktion gut gemeint ist. Leider trug sie zur Verfestigung eines Klischees bei: So würde auf Schreibschulen (inkompetenterweise) Unterricht erteilt … Jüngst wurde eine herzhafte Polemik von Florian Kessler in der „Zeit“ publiziert, in der er die von ihm so empfundene Muffigkeit der „Instituts-Literatur“ versuchsweise ergründet. Die Kritik an der gefühlten Belanglosigkeit der Schreibschulenliteratur ist nicht neu; neu ist, dass sich jemand, der ein Studium an einem der Literaturinstitute absolviert hat, vehement und ansatzweise selbstkritisch zu Wort meldet.
Der Haupteinwand richtet sich gegen die soziale Zusammensetzung der Studentenschaft und der Dozentenschaft der Literaturinstitute in Hildesheim und Leipzig. Hildesheim kennt Florian Kessler; Leipzig glaubt er zu kennen: Es seien hie wie da vorwiegend Bürgerkinder und die bedienten nun mal Bürgerthemen; eine (behauptete) Konjunktur von Muff und Biederkeit gefunden zu haben; und diese Konjunktur findet Florian Kessler mit Blick auf den Habitus innerhalb der jüngeren Literatur-Szene, die sich alljährlich in Berlin beim Nachwuchswettbewerb „open mike“ versammelt, bestätigt. Vielleicht handelt es sich um eine unzulässige Verallgemeinerung. Hat er wirklich alle beobachten können, die im letzten November im Heimathafen gefeiert haben? Zweifel daran sind angebracht, erschüttern die Legitimität des Anliegens aber nicht ernsthaft. Fragezeichen sind indes hinter solche Aussagen zu setzen, die Florian Kessler über das in Leipzig ansässige Literaturinstitut trifft; in diesen Punkten schließe ich mich der Replik Mirko Wenigs an.
Vom Leipziger Literaturinstitut weiß ich aus erster Hand zu berichten, weil ich dort ein Studium absolviert habe; und auch in Gremien zur Feststellung der Eignung von Interessenten saß. (Ich war übrigens zum Studium am DLL zugelassen worden, ohne irgendwelche Angaben zu meiner Milieuzugehörigkeit, politischen Gesinnung, sexuellen Orientierung und dekadenten Lebensführung gemacht haben zu müssen.) Für alle, die es noch nie betreten haben und nur aus den Massenmedien und vielleicht nur dem Namen und Klischee nach kennen: Das Deutsche Literaturinstitut ist keine Romanfabrik und auch kein Ableger des „Instituts Benjamenta“, das Lesende vielleicht aus Robert Walsers Roman „Jakob von Gunten“ kennen; oder aus derVerfilmung.
Es gab und gibt und wird am DLL wohl immer eine kleine Schar von Karrieristen geben. Die sind so, ehe sie ein Studium aufnehmen, sie treten während des Studiums großspurig und dünkelhaft auf und sie bleiben, wie sie sind. Meiner Meinung nach sind einige dieser dünkelhaft auftretenden Studenten und Alumni für das teilweise sehr negative Bild mitverantwortlich, dass der Kulturjournalismus zuweilen vom DLL zeichnet. Das Studium in der Wächterstraße ist für diese Schar eine wertvolle Referenz, und wird, wenn sie gerade nicht opportun erscheint, verschwiegen. Es gibt, die lächerlichen Noten beiseite lassend, einen klaren Indikator dafür, ob sich ein Studium am Literaturinstitut gelohnt hat: Die Entwicklung und Kultivierung von Kritikfähigkeit. Jemand, der sich völlig gegen Kritik immun macht – ob daran krankhaft übersteigerter Narzissmus, ideologische Intoleranz oder Bonhommie schuld sein mag: gleichgültig – und permanent altkluge Phrasen drischt, wird seine Studienzeit am DLL weitgehend sinnlos vertun. Es sind diese Leute, die sich erst dann wie richtige Literaten fühlen, wenn sie von Ulrich Janetzki persönlich belobigt wurden. Neben dieser kleinen Schar von Scheusalen gibt es eine überwiegende Mehrheit von Studenten, die Mitstudenten sind; nicht weil man sich fürchterlich gern hat, sondern weil man gelernt hat fair und hart in der Sache miteinander umzugehen. Kollegialität und Kritikfähigkeit sind doch allemal nassforschen Schützengräben um die eigenen Gedanken vorzuziehen?
Für ihre konstruktive Kritik an meinen Texten namentlich zutiefst dankbar bin ich: Florian Adamski, Tobias Amslinger, Hannes Becker, Julia Dathe, Jörn Dege, Jens Eisel, Ulrike Feibig, Michael Fiedler, Jan Geiger, Olga Grjasnowa, Sandra Gugic, Claudia Gülzow, Gregor Guth, Sascha Kokot, Dagmara Kraus, Isabelle Lehn, Wolfram Lotz, Patrick Maisano, Kerstin Preiwuß, Bertram Reinecke, Eva Roman, Jens Rudolph, Manuel Stallbaumer, Mario Salazar, Katharina Stooß, Hakan Tezkan, Mirko Wenig, Ellen Wesemüller.
Bedauerlicherweise unterlässt es Florian Kessler, denjenigen Bereich literarischer Produktion zu untersuchen, der sich zum größeren Teil noch dem Credo der Selbstvermarktung entzieht: Die Poesie. Er erwähnt „echte Dichter“, die er in Hildesheim kennenlernen durfte; im weiteren ist aber nur von Roman- und Prosaschreibern die Rede. Das Versäumnis ist umso bedauerlicher, als Herr Kessler offenbar einen unabhängigen Blick für zeitgenössische Poesie durchaus besitzt. Das hat er mit der Nominierung von “Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst” für die Liste der wichtigsten Lyrikpublikationen des Jahres 2012 unter Beweis gestellt. Die Äußerungen von Florian Kessler als snobbistische Polemik oder als halbinformierten Profilierungsversuch zu verwerfen und reflexartig Parallelen zum gescheiterten medienpädagogischen Experiment „Bitterfelder Weg“ im real existiert habenden Stalinismus zu bemühen, zeugt dann doch eher von intellektueller Behaglichkeit. Sind die Jupp Müllers und die Legionen von schriftstellernden Horchposten und Verhörspezialisten („Sag mir, wo du stehst!“) und Zersetzungsgehilfen als Vorbilder ungeeignet, aber damit ist das Nachdenken über die DDR nicht passé und auch nicht per se diskreditiert! In der BRD gab es nie eine “Lyrik-Welle” – in der DDR, die sich gern als Leseland feierte, wurde der Gattung eine gewisse Popularität zuteil. Man kann nun darauf warten, dass der letzte „Bildungsferne“ den Spaß am Wichsfilmchengucken verloren hat und plötzlich Kunstbedarf entwickelt – und vielleicht wären ein paar Lektionen in Sachen literarischer Vielfalt für angehende Deutschlehrer_innen nicht soviel weniger wichtig als der Unterricht in Sachen sexueller Vielfalt, den Baden-Württemberg einrichten will.
Florian Kesslers Kommentar enthält doch tatsächlich mal Expertise, und man täte gut daran, ihm genau zuzuhören, statt dem öden Staffellauf der kulturjournalistischen Superlativ-Erfindungen der Springer-Presse weiter zuzusehen oder den Dichterpriestern bei der Verrichtung ihrer kunstreligiösen Rituale im Meinungsmedium, als wäre nicht schon genug schiere Meinung in der Welt. Da sich natürlich genau diese Rowdies und Priester auf Pluralismus berufen, und sich in den Untiefen des bürgerlichen Feuilletons schon jemand findet, der ihnen Expertise zubilligt, sind Foren der Gegenöffentlichkeit und Kritik keine Horte des Ressentiments, wie dies eine Radiojournalistin und Huchelpreisjurorin seltsam hintersinnig vermutete, sondern: schlicht unverzichtbar; und einfach weniger betriebstemperiert.
Wären Gedichte gemacht und nicht geschrieben (und dadurch im Kommunikationsmedium Schrift aufgehoben), dann regredierten wir immer wieder, und Heidegger hätte wieder mal recht – für Menschen mit einem zyklischen Weltbild sicher eine wunderbare Sache. Wären Gedichte gemacht, dann käme man ihnen nicht, und erst recht nicht unter erschwerten Bedingungen, bei.
Diejenigen Gastdozenten, die vom Feuilleton nur Zucker in den Allerwertesten geblasen bekamen, und noch keine Schreib- und anderen berufsbildtypischen Krisen überwinden mussten, werden den Studierenden, die auch mal über 25 Jahre alt, oder, tatsächlich, frühreif sein können, wenig zu sagen haben und nichts Substanzielles vermitteln können; und sich vor den Kolleg_innen in spe fürchterlich blamieren. Ich hatte das Privileg, vorwiegend anregende Seminare mit inspirierten Dozentinnen und Dozenten besuchen zu dürfen. Ich habe nie unter Niveau lachen müssen …
Nachdem wir, der Leutnant und ich, gemeinsam brav das Bastelgedicht verinnerlicht haben, genehmigen wir uns vielleicht nachher Larissa Marolt. Die hat wenigstens Quote. Unvermutete Einsichten abseits jeder Listigkeit: „Ich hab mich noch nicht so an mich gewöhnt!“, die Treffenderes über die condition humaine im Jahr 2014 aussagen, und die Beobachtung dessen gestatten, was bereits kaputtgegangen ist; im Gegensatz zu den ironiefreien Phrasen über „wahrhaft humane Kondition“. Neuauflagen der Dekadenzverdikte aus Kurt Hagers Mottenkiste vermögen dagegen nichts auszurichten. Supermärkte sind nichts für Übermenschen.
Wann gibt es endlich einen „Pervert’s Guide To Poetry“? Einen „Pervert’s Guide To Cinema“ gibt es schon …
In der nächsten Folge räsonnieren der Leutnant und ich über sentimentales„reziprozitätsheischendes“ Verhalten, falls uns nicht etwas noch was Interessanteres dazwischen kommen sollte.
Die Reihe „Zuß und Ames suchen Streit“ ist eine e-Polemik und Bestandteil des literaturlabors in der Lettrétage, gefördert vom Berliner Senat. Das Lettretagebuch ist hierbei als eine Art Fortsetzung des Raumes “Literaturhaus” mit digitalen Mitteln zu verstehen. Wir schließen auf, stellen die Biere kalt und sprechen offen miteinander. Beiträge herzlich willkommen!
Mit seinen Romanen über Volkswagen, BMW und Thyssen dokumentierte er deutsche Zeitgeschichte. Am Freitag ist der Schriftsteller und Hörfunkautor Horst Mönnich, ein Mitglied der legendären Gruppe 47, mit 95 Jahren in Breitbrunn am Chiemsee im Kreis seiner Familie gestorben. (…)
Nach einem Studium der Germanistik und Zeitungswissenschaft hatte der in Senftenberg in der Lausitz geborene Autor zunächst als Lyriker begonnen. Sein Debütband „Die Zwillingsfähre“ enthielt auch Gedichte seines kurz vor Kriegsbeginn tödlich verunglückten Zwillingsbruders. Hans Werner Richter, Begründer der Autoren-Gemeinschaft Gruppe 47, wurde für ihn zur politischen Leitfigur. / Der Standard
, … flanzendörfer flanzt etwas lebendiges vor sich auf, … er schneidet sich eine scheibe ab davon und macht einen schritt aus seinen ausgestorbenen fußstapfen: die dinosaurier machen es schlechtbeispielig vor,, sagt er sich und WARUM BITTE: BITTESCHÖN sollte sich einer zum fossil buchstabieren lassen… also macht er den nächsten sprung und seiner schatten haben natürlich nicht ausgeschlafen , sie kapieren nicht was passiert: , . .. flanzendörfer nämlich legt eine unruhe hin, er haut ab , er kratzt die abgesperrte kruve und er kehrt ihn um, seinen flug vom feuerwehrturm: . .. .. DANN JA DANN steht er klarerweise vor sich selber und wischt dem stinkenden jenseits die rechnung durch: er spuckt die sargnägel sportlich zu boden und der eigenen abgeflanzten mumie ins gesicht , … also genauer genommen zieht er sich einen anderen menschen über, wie ein trainingsanzug zum dümmsten beispiel oder ein schöngutes, , .. ja herausgeputztes kostüm : DAS MACHEN JA BEKANNTERWEISE DIE MENSCHENLEUTE , … aber flanzendörfer nutzt das blödmenschelnde modewesen einfach nur aus und so kann er sich eben sehen lassen: mutiger genug kehrt er zurück und verlässt den fluss ohne wiederkehr , … bevor er boden unter seinen menschen fassen kann legt er sich aber aber schlauköpfig ein ufer zurecht: sein herzen kommt kaum hinterher dabei, … schließlich endlich hat es nicht geschlagen so um die dreißig jahre und ÜBUNG muss ja sein für so ein leben , . … also: übt er nun ,er pumpt seinen brustapparat auf hochtouren und nur eine belebung weiter ist der anfang schon gemacht: es gibt einen überlebenden in der garage , dort … , … wo flanzendörfer verschwand . .. .. …
‚Von irgend nach wo‚ (1) auf der Suche nach flanzendörfer. Ohne Anhaltspunkte oder Adresse natürlich, wie auch, flanzendörfer ist weg, ist untergetaucht und einfach nur tot: seit 1988 ist er das. Kein Namensschild spricht also mehr von ihm. Früher soll es ja auch so gewesen sein: zwischen wechselnden Lagern, Unterkünften und Standorten versuchte er unauffindbar zu bleiben. Vielleicht weil die Spürhunde der großen Krake ‚Staatssicherheit‘ hinter ihm her waren oder er nicht anders konnte. Der Unterschlupf von heute ist jedenfalls ein anderer. Ein paar ‚wrackmente‘ (2) im Rucksack – einem geschulterten Briefkasten (3) – müssen reichen, um in seine Nähe zu kommen. Sie sind der Proviant auf dieser Reise: eine Art Telefonkabel, das ins Jenseits führt.

Auf dem Weg dorthin frage ich Passanten in den Straßen nach ihm, aber sie wissen von nichts, kennen ihn nicht und schütteln sie ab, meine kindischen Worte. Keine Spuren also, die weiter helfen in diesem Fall: flanzendörfer hat auch nur wenige hinterlassen und das, was übrig ist, es hatte Glück: kurz vor seinem Tod, habe ich gelesen, verbrannte er, was er geschrieben hatte, zumindest alles, was er kriegen konnte. Die Reste davon – sie beeilen sich nun davonzukommen, als gälte es ihm zu helfen: ‚Ich / lebe um leben / zu täuschen‚ (4) schrieb er an irgendeiner Stelle und der Zusammenbruch dieser Selbstbehauptung endete im Verschwinden – im Flug von einem Feuerwehrturm. Dieser Flug, den ich nicht sah: als könnte er aus dem Fenster klettern wie ein Junge. Wie ein Junge, der wegläuft aus dem miesen Elternhaus und ich stelle mir manchmal vor, das er es geschafft hat, das er nicht tot ist. Ja, ich mache mir Hoffnung, denke, dass ich eine Chance habe ihn zu finden: also versuche ich mein Unglück weiter und hänge Zettel an die Bäume, die Laternen, die Häuser: so, wie man das tut, wenn ein Haustier entlaufen ist. Flanzendörfer aber ist kein Haustier, ist ein Mensch, ein Autor, ein Maler, der sich von der Bildfläche gestürzt hat, ein Vater von – glaube ich – zwei Kindern, ein Mann, der seine Zeit rief, bevor sie kam. Oder andere taten das, heulten sie herbei, immer dann, wenn sie ihn besuchten für ‚ungezwungene Gespräche‘ (5): so nannten die Spürhunde ihre Verhöre. Aber ich habe davon nur gelesen. Und vielleicht ist es einfach dummköpfig einem Toten nachzustellen: ich habe ja nicht einmal eine richtige Beschreibung oder so – und das reicht nicht für eine Vermisstenanzeige bei der Polizei, für Fahndung und Großeinsatz. Nein, dazu wird es nicht kommen, er würde es auch nicht wollen: dessen bin ich mir sicher. Ein anderer Weg muss zu ihm führen.
Für flanzendörfer war Schreiben ‚radikaler Selbstausdruck‘ (6). Auch seine damit verbundene Körperkunst war das, war extrem: er setzte seinen Körper einem Aufprall aus. Er fastete, immer wieder tat er das, zu oft. Er suchte darin vermutlich den Text, die Schreibhaltung, ‚die mich einschliesst‘ (7). Ich denke manchmal, dass das nicht nur Experimente waren, sondern ein notwendiges Geschehen, das ihn mit sich selbst konfrontierte, seinen Wurzeln, seinen Geheimnissen. Ob er sie aufziffern konnte, ist ungewiss. Aber so kündigte sich sein Sturz an, sein letzter Flug und ich will ihn umkehren, die Zeit zurückpfeifen und ihn treffen. Flanzendörfer oder nichts. Zum reden will ich ihn bringen, ES IST WICHTIG, sage ich, es gibt da was und das ist ‚leib eigen und fremd‘ (8). Aber die Toten schweigen bekanntlich, sie interessieren sich nicht dafür, wenn die, die noch immer herummenscheln, wenn sie erzählen wollen. Sie sind fertig damit und wollen nichts mehr hören. In dem, was sie hinterlassen, können wir Ausgrabung machen – haben aber trotzdem keine Antwort vor Augen. Man muss sich also etwas einfallen lassen, ihren Regeln folgen oder jemanden aufsuchen, der bescheid weiß.
Flanzendörfer, sagt er, sagt Johannes Jansen (9), einer seiner Freunde, flanzendörfer ist nicht tot, zumindest glaube ich das manchmal, glaube, das er seinen Tod nur vorgetäuscht hat. Mit seinem Leben hat er es ja auch so getan, musste er ja, das war eine andere Zeit und jede Zeit hat ihre Mittel. Manchmal, da begegnen wir uns, frühstücken vielleicht oder reden und trinken Wein. Als ich ihn frage, ob er ein Treffen arrangieren könne, antwortet er nicht. Vielleicht missachtet das die Regeln oder ein geheimer Pakt zwischen den Freunden. Dennoch lasse ich mich nicht abschütteln, nicht von meiner Suche jedenfalls und sage: Ich kenne ihn ja gar nicht, nicht ein Wort habe ich mit ihm gewechselt, zwei Jahre war ich alt, als er starb. Aber man begegnet sich zwischen den Zeiten und warum sollte man nicht versuchen daraus etwas zu machen. Wenn wir immer nur die Akten durchblättern, die Bücher lesen, was soll das: da benimmt man sich doch auch nur wie ausgestorben. Das Tote muss leben, muss befreit werden. Johannes, sage ich, flanzendörfer ist mein fremder Freund, glaubst du, er hätte etwas dagegen, wenn ich seinen Weg einschlage, um ihn zu finden. Nein, sagt er, aber wie stellst du dir das vor. Ich werde tun, was zu tun ist, sage ich, das selbe versuchen wie er, einen Text geschehen lassen, koste es, was es wolle, ich habe mich entschieden: und so muss es sein. Was er tat, es ähnelt mir: also werde ich fasten und ihm Nachrichten schreiben. Sie her: einen Briefkasten habe ich immer mit dabei, fehlt nur noch ‚der richtig eigentliche Acker‘ (10). Vielleicht hört er jedenfalls davon im Jenseits, vielleicht kann er sich noch einmal Zeit nehmen, für eine Zigarette zum Beispiel und wir können dann die Sekunden verbringen oder die Chance nutzen, um das Totenreich auszutricksen. Man könnte ihn ja erwecken, ich meine vielleicht ist er doch wirklich noch immer da und früstückt in Abwechslung mit seinen Freunden: die dicht halten und ihn nicht verraten an die Spürhunde. Und ja, vielleicht gefällt ihm das und er sagt sich: Schluss mit Atempause, mit Untertauchen und Verschwundensein.
Anmerkungen zum Hintergrund
In dem Projekt ‚flanzendörferexperiment‘ werde ich es tun: keine Worte mehr, sondern die Beschwörung der Toten. Ich werde, wie flanzendörfer es tat, fasten. Und ich werde schreiben, werde alles tun, um ihn zu finden. Das Projekt endet, wenn der Text endet. Die Regel lautet also: alles oder flanzendörfer. Daher wird ‚flanzendörfer als Teilnehmer von ‚conquering places‘ geführt. Ein erstes, entwurfähnliches Exposé könnt Ihr hier herunterladen. Der Grund weßhalb flanzendörfer für mich wichtig ist, besteht in seiner Schreibhaltung: Sprache als radikaler Selbstausdruck. Genauer gehe ich darauf in ‚THESEN ZUR SACHE DES BARBAREN‘ ein. Ihr findet diesen Text hier.
Anmerkungen
Beitragsbild: Martin Holz
1 zit. nach flanzendörfer aus ‚unmöglich es leben‘
2 flanzendörfer bezeichnete seine Texte als ‚wrackmente‘
3 ich referiere auf ‚totenbeschwörer‘, einen modifizierten Briefkasten, der im Zusammenhang mit ‚flanzendörferexperiment‘ zum Einsatz kommen wird. Material dazu findet ihr hier.
4 zit. nach flanzendörfer aus ‚unmöglich es leben‘
5 zit. nach Peter Böthig aus ‚unmöglich es leben
6 zit. nach flanzendörfer aus ‚unmöglich es leben‘
7 zit. nach flanzendörfer aus ‚unmöglich es leben‘
8 zit. nach flanzendörfer aus ‚unmöglich es leben‘
9 ich habe mit Johannes Jansen über flanzendörfer gesprochen, ihm mein Anliegen und auch mein Projekt ‚flanzendörferexperiment vorgestellt. Ich bemühe mich um eine sinngemäße, aber auch um eine bildhafte Wiedergabe.
10 ich referiere auf meine Ausführungen in ‚THESEN ZUR SACHE DES BARBAREN‘
Über flanzendörfer
flanzendörfer war / ist das Pseudonym von Frank Lanzendörfer: Autor, Grafiker, Maler, Performer. Er galt als extremer Künstler – vorallem in Bezug auf seine Körperkunst und –Experimente: er fastete und versuchte in diesem Rahmen Texte zu produzieren. Schreiben war für ihn ‚radikaler Selbstausdruck‘.
1962 in Oberpoyritz (Sachsen) geboren
ab 1983 freischaffender Künstler in der Underground-Szene der DDR
Mitgründer der Zeitschrift ’schaden‘
1988 gestorben durch einen Sturz von einem Feuerwehrturm
Veröffentlichtungen / Beteiligungen
Beteiligung an den Künstlerbüchern: ‚Verlustich‘ (1985), ‚Achkrach Kuckbuck‘ (1986) und ‚Flugschutt‘ (1986)
In Zeitschriften: ‚Bizarre Städte (Berlin), ‚Liane‘ (Berlin), ‚UND‘ (Dresden), ‚USW‘ (Dresden) und ‚Verwendung‘ (Berlin)
Sowie in: ‚Temperamente‘, ‚Jahrbuch der Lyrik 1986‘ (Luchterhand-Verlages) und in den Anthologien ‚Die andere Sprache. Neue DDR-Literatur der 80er Jahre‘ und ‚Ein Molotow-Cocktail auf fremder Bettkante‘.
Material
flanzendörfer: ‚unmöglich es leben‘ (zusammengestellt von Peter Böthig und Klaus Michael), Janus Press; Berlin 1992
Martin Holz: ‚flanzendörferexperiment‘ (Exposé) auf www.gosteditor.de
Martin Holz: ‚THESEN ZUR SACHE DES BARBAREN‘ auf www.gosteditor.de
Artikel: ’39. Bizarre Städte‘ bei Lyrikzeitung & Poetry News
Rezensionen und Texte zu: ‚unmöglich es leben‘ auf www.planetlyrik.com
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flanzendörfer auf wikipedia
Sappho war die einzige Frau im 9köpfigen ersten Kanon der europäischen Lyrik im hellenistischen Zeitalter neben Alkman, Alkaios, Anakreon, Stesichoros, Ibykos, Simonides, Pindar und Bakchylides. Neun Bände umfaßte ihre Werkausgabe, aber nur ein Gedicht überlebte vollständig. Schon zweimal in den letzten 15 Jahren tauchten größere Teile weiterer Gedichte auf, nach über 2600 Jahren wunderbarerweise. Jetzt scheint es schon wieder der Fall zu sein. Ein anonymer Privatsammler in London zeigte dem Papyrologen Dirk Obbink (Oxford) ein Papyrus, auf dem sich größere Fragmente von zwei Gedichten befinden. Der eine, anscheinend fast vollständige Text handelt von ihren Brüdern, der andere, sehr fragmentarische von unerwiderter Liebe. Obbink ist sich sicher, daß die Texte auf einem etwa dem dritten Jahrhundert unserer Zeitrechnung entstammenden Papyrus „zweifellos“ von Sappho stammen, da sie einerseits zu bereits bekannten Fragmenten passen und andererseits in Metrum und Dialekt auf Sappho hinweisen. Vor allem aber weil in einem der Texte auf ihren Bruder Charaxos verwiesen wird – ob er wirklich existierte, wurde mitunter bestritten, weil er in keinem bisher bekannten Fragment erwähnt wird. Der Geschichtsschreiber Herodot nennt seinen Namen im Zusammenhang mit einem Gedicht, das von einer Affäre zwischen ihm und einer ägyptischen Sklavin handele. Das jetzt aufgefundene ist zwar nicht das bei Herodot erwähnte, nennt aber ihn und ihren anderen Bruder Larichos.
Anders als viele andere Texte wurden Sapphos Gedichte nicht von mittelalterlichen Mönchen abgeschrieben und gingen so verloren. Fragmente überlebten in Zitaten antiker Schriftsteller sowie auf Papyrusfragmenten und Tonscherben. Man hofft auf weitere Funde, die im trockenen Wüstensand die Jahrtausende überdauerten.
Obbinks Artikel mit einer Transkription der Originale wird in der Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik erscheinen.
Der Guardian veröffentlichte am 29.1. neben der Nachricht (http://www.theguardian.com/world/2014/jan/29/sappho-ancient-greek-poet-unknown-works-discovered) einen der Texte in englischer Übersetzung (http://www.theguardian.com/books/2014/jan/30/read-sappho-new-unknown-poem-papyrus-classical). Für L&Poe (https://lyrikzeitung.com/2014/01/21/76-sappho-fund/) hat Dirk Uwe Hansen dieses Fragment nach einer italienischen Internet-Meldung übersetzt.
Schwedischer Blogbeitrag (http://venanzio.wordpress.com/2014/01/29/nytt-material-av-sapfo-igen/)
Hier noch einmal Hansens „schnelle und noch etwas rauhe“ Übersetzung:
Doch immer und immer wieder sagst du, Charaxos komme
mit einem vollbeladenen Schiff; das weiß, glaube ich, Zeus
und es wissen die Götter alle, du aber musst so
etwas nicht denken.
Mich aber sollst du schicken und mich bitten
lassen, innig, die Herrin Hera,
dass er hierher kommt und sein Schiff
heil zurückbringt
und uns gesund wiederfindet. alles andere
überlassen wir lieber den Göttern, denn
ruhiges Wetter entsteht oft schnell nach
gewaltigen Stürmen.
Denen der König des Olymp einen Beschützer
schicken will, der sie aus Gefahren rettet,
die werden glücklich
werden und reich.
Auch wir, wenn Larichos seinen Kopf
erhebt und einmal zum Mann wird,
dann werden sicher auch wir von großer
Sorge erlöst.
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ἀλλ’ ἄϊ θρύλησθα Χάραξον ἔλθην
νᾶϊ σὺμ πλέαι· τὰ μέν̣, οἴο̣μα̣ι, Ζεῦς
οἶδε σύμπαντές τε θέοι· σὲ δ᾽οὐ χρῆ
ταῦτα νόεισθαι,
ἀλλὰ καὶ πέμπην ἔμε καὶ κέλ⟦η⟧`ε ́ςθαι
πόλλα λίσσεσθαι̣ βασί̣λ̣η̣αν Ἤρ̣αν
ἐξίκεσθαι τυίδε σάαν ἄγοντα
νᾶα Χάραξον,
κἄμμ’ ἐπεύρην ἀρτέ̣ μ̣ εας· τὰ δ’ ἄλλα
πάντα δαιμόνεσσι̣ν ἐπι̣τ̣ρόπωμεν·
εὐδίαι̣ γὰ̣ρ̣ ἐκ μεγάλαν ἀήτα̣ν̣
αἶψα πέλ̣̣ο̣νται·
τῶν κε βόλληται βασίλευς Ὀλύμπω
δαίμον’ ἐκ πόνων ἐπάρ{η}`ω ́γον ἤδη
περτρόπην, κῆνοι μ̣άκαρες πέλονται
καὶ πολύολβοι.
κἄμμες, αἴ κε τὰν κεφάλαν ἀέρρῃ
Λάριχος καὶ δήποτ᾽ἄνηρ γένηται,
καὶ μάλ’ἐκ πόλλ⟦η⟧`αν ́ βαρ̣υθύμ̣ιάν̣ κεν
αἶψα λύθειμεν.
Mit Uljana Wolf erobert der ästhetische Humor die von Frauen geschriebene deutschsprachige Lyrik. Der vierte Zyklus des Bandes, „Spitzen“, bildet die Wunderblock-Struktur des unwillkürlichen Gedächtnisses nach, Schrift und ihre Überschreibung. Zu sehen ist ein spätbürgerliches Tableau mit Frauen, die plaudernd mit ihrer Schiffchenarbeit unter der Lampe sitzen und von den Männern als „schnatternde Gänse“ abgetan werden.
Davor schiebt sich eine spöttische Stimme, die Seemannsknoten knüpfende Männer neben die Stickerinnen rückt und das Patriarchat in Gestalt der Begründer der Psychoanalyse verlacht, deren phallozentrischer Blick auf Frauen eine zutreffende Diagnose weiblicher Neurosen verhinderte. Das weibliche Bewusstsein vertauscht die Tonlage seiner feministischen Kämpfe mit der souveränen Sprache verdoppelter und vervielfachter Reflexion, der des Komischen. Der Unernst tritt in seiner geschichtlichen Qualität zutage.
Die Zweistimmigkeit des Textes verdankt sich einer porösen Schreibweise. Laut- und Letternspiele, eine assoziationsreiche saloppe Sprechsprache pflanzen dem Text eine Selbstläufigkeit ein, die den Eindruck vermittelt, die Wörter riefen sich wie bei einem Kinderspiel wechselseitig auf. / Sibylle Cramer, Süddeutsche Zeitung 29.1. (http://www.sueddeutsche.de/r5R388/1800837/Eselszeilen.html)
„Rose & Nachtigall“ – das ist ein gewagter, mutiger und äußerst selbstbewusster Titel für ein Debüt. Denn er ziert auch die Diwane, also Gesamtwerke, diverser klassischer orientalischer Lyriker. Zuletzt erschien in Teheran 1999 die gut zwölf Lyrik-Jahrhunderte umfassende zweisprachige Anthologie „Gol o Bolbol – Rose und Nachtigall“ (Hrsg. Purandocht Pirayech), die sich an dem traditionsreichen Motiv arabisch-persisch-türkischer Liebeslyrik abarbeitet. Und nun kommt Safiye Can daher, aus Offenbach/Main, mit tscherkessisch-türkischen Eltern und großer Liebe für orientalische Lyrik, und nennt ihren ersten Gedichtband so, unlängst erschienen im Frankfurter Größenwahn Verlag.
Einen Moment lang fragt man sich, ob Titel und Verlagsname nicht in einem gewissen Zusammenhang stehen, doch sobald man liest und die Idee begreift, die dahinter steckt, macht sich Anerkennung breit für eine Autorin, die etwas versucht, das es so lange nicht mehr gegeben hat in der deutschen Lyrik. Sie holt ein Motiv, das vielen längst als kitschig gilt, weil es zu oft für Orient-Romantizismus missbraucht wurde, ins Jetzt. Knüpft an die Klassiker vor allem der osmanischen Lyrik an, indem sie die vielfältige Gefühlswelt, die vor allem von männlichen Dichtern zelebriert wurde, sich selbst aneignet. Bei Safiye Can wird Biografie zu Dichtung, und sie zeigt etwas der Dichtung Elementares: Dass die Gefühlswelten vor tausend Jahren kaum anders waren als heute, gewandelt hat sich nur Umgebung und Lebensrealität, aber Zweisamkeit und Einsamkeit haben, von gelockerten Moralvorstellungen einmal abgesehen, überdauert. / Gerrit Wustmann, Fixpoetry (http://www.fixpoetry.com/feuilleton/kritiken/safiye-can/rose-und-nachtigall)
Safiye Can
Rose und Nachtigall
Mit einem Vorwort von Gerhardt Csejka, Literaturwissenschaftler
Grössenwahn
2014 · 120 Seiten · 16,90 Euro
ISBN: 978-3-942223-64-5 eISBN: 978-3-942223-65-2
Das Schweigen
nach dem Erwachen
Das Schweigen
nach dem Gesprochenen
nach der Stimme
Das Schweigen des Zimmers, der Bücher
Das Schweigen
nachdem ein Tropfen fällt
nach dem Läuten an der Tür
Das Schweigen
eines Niemands
des in Fetzen herunterhängenden Himmels
Das Schweigen
nach dem Gekreisch des Falken
nach der Jammerei
Das Schweigen des Staubes
der langsam über
die leere Fläche zieht
Mit freundlicher Genehmigung entnommen aus:
Tuvia Rübner: Wunderbarer Wahn. Gedichte. Aachen : Rimbaud 2014
Vgl. auch die vorangegangene Meldung
Seit mir vor gut einem Jahrzehnt beim Bremer Festival »Poetry on the Road« Tuvia Rübners tiefe, ruhig-warme und auf merkwürdige Weise fremd-vertraute Stimme erstmals in die Ohren geriet, ist mir ihr Echo im Kopf geblieben. Auch jetzt, da ich den soeben im Aachener Rimbaud-Verlag rechtzeitig zum heutigen 90. Geburtstag des Dichters erschienenen Lyrikband Wunderbarer Wahn aufschlage, höre ich diese unverwechselbare Stimme gleich wieder, ihr ganz spezielles Timbre, in dem etwas Vergangenes bewahrt ist.
Etwas, das der 17-Jährige mitgenommen hat, als er 1941 seine Heimatstadt Pressburg verließ, um sich über Ungarn, Rumänien, die Türkei, Syrien und den Libanon durchzuschlagen nach Palästina, in den Kibbuz Merchavia, wo er seitdem lebt. Und wo ihn dann über das Rote Kreuz im Juli 1942 die letzten Nachrichten von seiner Familie erreichten, den Eltern und der geliebten, damals 13 Jahre alten Schwester Alice, die ermordet wurden in Auschwitz, wie die Großeltern und anderen Verwandten, wie die Schulfreunde und Nachbarn. (…)
»Ohne das Schreiben von Gedichten«, teilt Tuvia Rübner im Nachwort zu seinem neuen Lyrikband mit, der ausschließlich Gedichte enthält, die er in seinem 88. und 89. Lebensjahr verfasst hat, »wäre ich wahrscheinlich in meinem Morast versunken.« / Michael Augustin, Jüdische Allgemeine (http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/18233)
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