35. Gestorben

Am 2.9. starb der haitianische Dichter Gary Augustin in Pétion-Ville. Seine Gedichtbände Girandole du jour,  Terre brûlée und Des villes, des corps et autres songes wird man nennen, wenn von zeitgenössischer haitianischer Poesie die Rede ist. Seine Dichterfreunde liebten seine Diskretion und seine hohe Allgemeinbildung. Ich selber sah ihn als tropischen Charles Baudelaire.  Ich liebe ihn, so wie ich Paul Fort, Magloire Saint-Aude und Nicolas Guillén liebe. / Dominique Batraville, Hpn Haiti

34. Gedächtnisprotokolle

Seine Frau erfuhr damals nicht einmal, wo genau ihr Mann inhaftiert war. Nach 281 Tagen Haft und Dauerverhören im Stasi-Gefängnis Berlin Hohenschönhausen zwang man [Jürgen] Fuchs ohne Prozess zur Ausreise in den Westen. Sein Vernehmer gab ihm noch mit auf den Weg: „Legen Sie sich später nicht mit uns an. Wir finden Sie überall. Auch im Westen. Autounfälle gibt es überall.“

Fuchs hatte versucht, sich alle Verhöre aus dieser Zeit zu merken, er schrieb sie in seinem Buch „Vernehmungsprotokolle“ erst in West-Berlin nieder. Später, nach Einsicht in seine Stasi-Akten, zeigte sich eine überraschend hohe Deckungsgenauigkeit mit seinen Erinnerungen. Mit Büchern wie „Fassonschnitt“, „Gedächtnisprotokolle“, „Das Ende der Feigheit“ machte Fuchs erstmals öffentlich deutlich, welchen Krieg die DDR gegen kritische Bürger hinter der Kulisse als „Friedensstaat“ führte. Nicht nur gegen ihn. / Peter Wensierski, Spiegel

33. Platen in Erlangen

Von Platen lebte von 1819 bis 1826 in Erlangen und fand Mentoren unter den Dozenten der Universität, die seine lyrischen und dramatischen Versuche wohlwollend aufnahmen und ihn in seinem dichterischen Mühen bestätigten. / Mein Mitteilungsblatt Erlangen-Nord

32. Arbeit für Dichter

Die Saudi Gazette kommentiert:

Riad – Aufpassen, Dichter, das Arbeitsministerium hat beschlossen, ausländische Dichter zu rekrutieren. Wie Al-Watan mitteilt, wurde „Dichter“ in die Liste der „Berufe“ aufgenommen, in denen Arbeitskräfte aus dem Ausland angeworben werden können. Die neue Regelung erlaubt es Geschäftsleuten oder anderweitig Interessierten, Dichter aus dem Ausland ins Land zu holen. Viele machten sich darüber lustig, andere entrüsteten sich und sagten, so etwas Bizarres hätten sie noch nie gehört. Wie dem auch sei, die Regelung existiert. Dichter, die im Königreich Karriere machen wollen, mögen sich bewerben!

31. Nazikeule, Nazikeule!

Ein kurzes Gedicht über Verschwörungen, gutes Essen und diese verdammten blauen Pillen.

Text: Leander Sukov
Sprecher: Jörg Wellbrock

30. Preis für Dorschel und Hünger

Nach Caroline Schlegel hat die Stadt Jena einen Preis benannt, der in diesem Jahr bereits zum sechsten Mal im deutschsprachigen Raum ausgelobt wurde. Gewürdigt werden mit dem Caroline-Schlegel-Preis – in Anlehnung an das Wirken der Namensgeberin – herausragende Leistungen in den Genres Feuilleton und Essay, die sich durch ein hohes sprachliches und stilistisches Niveau sowie durch eine solide Recherche auszeichnen. Der Preis ist insgesamt mit 7500 Euro dotiert, 5000 Euro für den Hauptpreis und 2500 für einen Förderpreis. Das Preisgeld stammt von einem anonymen Stifter. Auch das Preisgeld für 2017 und 2020 ist bereits gesichert. (…)

Der Caroline-Schlegel-Preis 2014 geht demnach an den Österreicher Andreas Dorschel, der Förderpreis wird an Nancy Hünger verliehen. Dorschel wird für seinen Essay „Ein verschollen geglaubter Brief der Korinther an Paulus“ geehrt, Hünger für den Essay „Die Stunde der Schatten – zu Wolfgang Hilbigs Erzählungen ,Alte Andeckerei“. / TLZ

29. American Life in Poetry: Column 493

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Stories read to us as children can stay with us all our lives. Robert McCloskey’s Lentil was especially influential for me, and other books have helped to shape you. Here’s Matt Mason, who lives in Omaha, with a book that many of you will remember.

The Story of Ferdinand the Bull

Dad would come home after too long at work
and I’d sit on his lap to hear
the story of Ferdinand the Bull; every night,
me handing him the red book until I knew
every word, couldn’t read,
just recite along with drawings
of a gentle bull, frustrated matadors,
the all-important bee, and flowers—
flowers in meadows and flowers
thrown by the Spanish ladies.
Its lesson, really,
about not being what you’re born into
but what you’re born to be,
even if that means
not caring about the capes they wave in your face
or the spears they cut into your shoulders.
And Dad, wonderful Dad, came home
after too long at work
and read to me
the same story every night
until I knew every word, couldn’t read,
just recite.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2013 by Matt Mason from his most recent book of poems, The Baby That Ate Cincinnati, Stephen F. Austin State University Press, 2013. Poem reprinted by permission of Matt Mason and the publisher. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

28. Berndt Mosblech

Peter Ettl macht auf KUNO einen Erkundungsgang in die Lyrik der 1970er Jahre und stellt Berndt Mosblech vor: http://www.editiondaslabor.de/blog/?p=25820

27. Julia Engelmann

Ein Gedicht über die zaudernde Jugend machte die 22-Jährige schlagartig bekannt. Nun ist ihr Buch da – in dem sie dem Thema treu bleibt. / Frankfurter Neue Presse

26. FBI as reader (Total Literary Awareness)

Ein interessantes, kann man sagen Gegenstück? zu Lukács‘ Totalitätsbegriff taucht beim Studium alter FBI-Akten zur „totalen“ Überwachung der schwarzen Literaturszene auf: „Total Literary Awareness“:

Half a century before the Pentagon’s controversial Total Information Awareness (TIA) program, an abandoned effort to aggregate and “data-mine” all electronic predictions of terrorist activity, the Bureau’s “TLA” program sought precocious knowledge of all published threats to the state—first among them threats to the state of the Bureau’s reputation.  Cold War Hooverism’s hyperactive counterliterary meddling thus did not end with the bowdlerization of State Department libraries abroad, enforced by Bureau crony Roy Cohn during a 1953 tour of European capitals.  Back in the U.S.A., the impulse was to know enough of domestic publishing to screen suspicious books before they reached the shelves. (…)

Critical nonfiction was the initial target of the Bureau’s Cold War campaign to impose itself between unflattering portraiture and the reading public.  Yet the FBI’s individual author files of the period, only recently extracted through FOIA requests, demonstrate that Total Literary Awareness also kept a special watch over African-American drama, fiction, and poetry. (…)

Author-critic J. Saunders Redding, investigated by the Bureau from 1953 to 1968, managed to produce To Make a Poet Black (1939), a landmark social history of African-American literature, without Bureau pre-knowledge.  The success of his post-passing novel Stranger and Alone (1950), however, left him with jealous acquaintances willing to talk to the FBI, nameless cronies prone to recommending “that any writing or lecturing done by the applicant be reviewed before being presented” (27 Feb. 1953). The need for such vigilance stemmed not from Redding’s hedged attraction to Communism, but from the ambiguous politics of his passionate intensity, the product of an artistic temperament supposedly marinated in racial grievance.  “[A] person who is very emotional and high-strung,” these “traits come out in his writings, which deal with the disadvantages and handicaps of being a Negro,” and are thus subject to interpretation “in a very different light than the author may have intended to impart” (27 Feb. 1953).  Willard Motley’s file, a toxic amalgam of Bureau fascinations with black cosmopolitanism and black queerness, nears its 1967 conclusion with news of the novelist’s withering life in Mexico, stranded abroad by the homosexuality “provisions…of the Immigration and Nationality Act” (18 Mar.1954).

/ From: Total Literary Awareness: How the FBI Pre-read African American Writing. By WILLIAM J. MAXWELL, The American Reader

25. Poetopie

sonntagmorgens Kaffeeduft in der Luft, Honig auf der Zunge – ein Augenblick, in dem wir weiter nichts als verweilen

Hansjürgen Bulkowski

24. Geigerzähler

Während die Abraumhalden nicht zu übersehen waren, die bei der Uranförderung anfielen, blieb die Radioaktivität unsichtbar, die die Menschen verstrahlte. Doch auch wenn sie nicht zu sehen war, es gab sie und es gibt sie weiterhin. Die Geschichte dieser Landschaft und ihrer Menschen erzählt Lutz Seiler, indem er wie ein Geigerzähler die von dieser Gegend ausgesendeten Signale empfängt und sie in Poesie übersetzt. Eindringlich ist der Ton, den er im Gedicht „pech & blende“ anschlägt.

„obwohl / wir selbst längst hätten schlafen müssen / drängten wir zu mutter hinunter, wenn vater / nachts umherging und schrie / den knochen das weiss das waren die knochen / mit russischen ölen und erzen / so sagten wir uns, er wittert das erz, es ist der knochen, ja // er hatte die halden bestiegen / die bergwelt gekannt, die raupenfahrt, das wasser den schnaps / so rutschte er heimwärts, erfinder des abraums / wir hören es ticken, es ist die uhr, es ist / sein geiger zähler herz“ (pech & blende, 36f.)

Neben dem Geigerzähler wird im Gedicht mit der Uhr auf ein weiteres Messgerät verwiesen, das in Seilers Poetik einen zentralen Platz einnimmt. Die Uhr, die das vergehen von Zeit anzeigt, und der Geigerzähler, der Radioaktivität hörbar macht, sie kommunizieren mit dem Auge und mit dem Ohr. Einen Geigerzähler nennt der Erzähler in Seilers Prosatext „Turksib“ – für den er 2007 den Ingeborg-Bachmann-Preis erhielt – liebevoll seinen kleinen Erzähler. / Mehr bei Michael Opitz, DLR

23. Preisverleihung

Bereits im Mai gewann die tunesische Lyrikerin Amal Musa in der Kategorie Welt und die Italiener Valerio Magrelli und Ireno Guerci in den beiden anderen Kategorien den «Lerici Pea»-Preis für Lyrik. Der Preis wird seit 1954 vergeben. Frühere Preisträger waren u.a. Yves Bonnefoy (Frankreich), Adonis (Syrien), Titos Patrikios (Griechenland), Bella Achmadulina, Jewgeni Jewtuschenko (Rußland), Mario Luzi, Edoardo Sanguineti (Italien), Juan Gelman (Argentinien), Hans Magnus Enzensberger (Deutschland), Seamus Heaney (Irland), Lawrence Ferlinghetti (USA), Jesper Svembro (Schweden) und Ismail Kadare (Albanien).
Die Preisverleihung findet am 21.9. statt.

Amal Musas Gedichtbände „Die Göttin des Wassers“ (La déesse de l’eau / Female of Water) und „Der furchtsame Rubin“ (le rubis timide / Sapphire Bashfulness) wurden von dem marokkanischen Übersetzer Raddad Al Charati ins Italienische übersetzt und erschienen im Verlag «San Marco Dai Gustineyana». Ihre Gedichte wurden auch ins Türkische, Englische, Spanische, Französische, Polnische und Tschechische übersetzt. 2004 war sie Gast auf der Frankfurter Buchmesse und nahm an den Tagen der Arabischen und Deutschen Poesie in München und Berlin teil.

Webradar.tn / Alowaisnet

22. Nachruf

Aus dem Nachruf auf Christoph Janz, Schüttelreimer (Geb. 1961) von David Ensikat, Tagesspiegel

Sarah klagt, dass
Klara sagt: „an
Rainer kann
Keiner ran!“ Und dass deswegen
Rut flennt und in die
Flut rennt und ihr dabei von der Stirn das
Blut rinnt, davon wurde
Rut blind und konnte sie keiner retten, was musste sie sich auch an
Rainer ketten?

Einer von Christophs Schüttelreimen, die er auf Zettel schrieb, aus denen er immer ein Buch machen wollte, doch nie ein Buch gemacht hat. Seine Schwester, die er früher mit der Dauerreimerei schlimm genervt hat, sammelte die Reime und gab sie in den Computer ein.

21. Gedichte von Siegfried Lenz

Im Privatarchiv des Schriftstellers Siegfried Lenz («Deutschstunde») sind nach einem Bericht des «Flensburger Tageblatts» rund 80 bisher unbekannte Gedichte gefunden worden. Bisher sei nicht bekanntgewesen, dass Lenz lyrisch gearbeitet habe, sagte Günter Berg, Vorstand der Siegfried-Lenz-Stiftung in Hamburg und ehemaliger Geschäftsführer des Hoffmann und Campe-Verlags, der Zeitung.

Die Gedichte seien nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen 1947 und 1949 entstanden, sagte Berg. / Die Welt