108. Chaises poèmes

Der Schöpfer der «Chaises poèmes», Gedicht-Stühle, der Bildhauer Michel Goulet, geboren 1944 in Quebec, lebt in Montreal. Er gilt als einer der wichtigsten Bildhauer seiner Generation. Das Projekt «Chaises poèmes» ist dem Dichter Henri Michaux gewidmet. 28 dieser Stühle werden zusammen mit städtischem Mobiliar, Lyrik und zeitgenössischer Kunst in  Namur, Dinant und Viroinval ausgestellt. / L’Avenir

107. Bohdan Solchanyk

Heute, Samstag, 18 – 19 Uhr, München, Kurfürstenstr. 14, „Studio“ (U-Bahn Universität):

Marichka Pohorilko liest aus dem Gedichtband von Bohdan Solchanyk, Geschichtsprofessor, Maidan-Aktivist und Dichter, gestorben am 20. Februar 2014 in Kiew, Institutskaya Str.. Anschließend Diskussion und Gespräch. Der Lviver Historiker starb in Kiew im Kugelhagel von Scharfschützen, nachdem er am Abend davor, einer Eingebung folgend von Lviv (Lemberg) nach Kiew aufgebrochen war, um die um ihr Leben kämpfenden Demonstranten der Maidan-Bewegung zu unterstützen. Kurz zuvor hatten sich Solchanyk und Marichka Pohorilko verlobt. Eine limitierte Anzahl von Gedichtbänden Bohdan Solchanyks werden frei vergeben. Die Veranstaltung ist eintrittsfrei.

INVITATION for today, Saturday, 18h, Kurfuerstenstr. 14 „Studio“: Marichka Pohorilko reads Poems of Bohdan Solchanyk, historian, Maidan activist and poet, who died on Feb. 20th, 2014 in Kiew, Institutskaya Str. in the hail of sniper bullets. A limited amount of books are available on this evening for free, entrance is free.

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106. Tom Schulz

Ein ebenso hehres wie paradoxes Unterfangen initiierte Die Zeit im März 2011, als sie unter dem griffigen (und höchst aufschlussreichen) Motto „Macht, Gedichte“ elf LyrikerInnen versammelte und sie mit dem Angebot lockte, Politik aus der Nähe zu erleben, sich von Andrea Nahles, Katrin Göring-Eckardt und Christian Lindner beim Blick hinter die politischen Kulissen unter die Fittiche nehmen zu lassen. Hehr, weil die Gedichte in der Tat wöchentlich im Politikteil, „an prominenter Stelle, nicht irgendwo rechts unten versteckt“, abgedruckt wurden und weil (neben einigen kümmerlichen Exemplaren, die bestenfalls ‚irgendwie politisch‘ waren) doch einiges aufhorchen ließ, etwa Ann Cottens „Hymne auf die Zukunft“. Paradox, weil hier eine bizarre Inversion der (mutmaßlichen) Genese eines politischen Gedichts stattfand: Am Anfang war nicht der Wut-Dichter, der sagt, was gesagt werden muss (oder plärrt, was er plärren zu müssen glaubt), sondern die Redaktion einer Wochenzeitung, die den Versuch unternahm, eine totgesagte Gattung durch Auftragsarbeiten zu reanimieren. Es musste das politisches Gedicht, dessen Fehlen von besagter Redaktion beklagt wurde, also „erst künstlich beatmet werden, damit es überhaupt wiederentdeckt werden“ konnte (Michael Braun im DLR Kultur).

Jemand, der in die Riege der Elf Zeit-Lyriker fehlte, war Tom Schulz, in dessen Werk das politische Gedicht eine Konstante ist. Hätten die Zeit-Redakteure etwa seinen 2006 als Band 7 der Reihe Lyrik bei kookbooks erschienenen Band Vergeuden, den Tag gekannt, oder die von ihm 2009 im Rotbuch-Verlag herausgegebene Anthologie alles außer Tiernahrung. Neue politische Gedichte, man hätte vielleicht nicht ganz so laut die Leerstelle beklagt oder sich (weniger rhetorisch) fragen müssen: „Oder liegt es an den unaufmerksamen Zeitungen, übersehen wir das Politische in der ja sehr reichen deutschen Lyrikszene?“ Genau, liebe Zeit-Redaktion, Tom Schulz habt Ihr übersehen.

Er ist aber auch alles andere als ein Wutbürger oder ein zorniger junger Mann, davon konnte man sich am 27. Oktober in Essen überzeugen, als der 44-jährige das Zwischenspiel Lyrik des Duisburg-Essener Poet in Residence eröffnete. Tom Schulz ist bescheiden, ein wenig verschmitzt und (wenn das Wort nicht so abgenutzt wäre!) ‚unaufgeregt’, sein Konversationston ist das gepflegte Understatement, ob er sich diplomatisch über Dichterkolleg*innen äußert, die mit viel Talent und wenig Wagnis brillieren („Sieht der nur arte-Dokumentarfilme?“), oder lakonisch über Selbstexegesen von geschätzten Lyriker*innen, die Essays über das Schreiben eines Verses verfassen („Dafür interessiere ich mich zu wenig für mich selber“). / Maren Jäger, literaturkritik.de

105. „Die Zeit“ und „Die deutsche Literatur“

Es gibt Leute, die meinen, „Die Zeit“ hat ein Problem mit der Gegenwartsliteratur – ein Kompetenzproblem. Da setzt sich schon mal die Politikredaktion an die Spitze der politischen Lyrik nach dem bewährten Rezept, mit Monika Rinck und Ann Cotten wirds schon gut gehen. Es kam für fast jeden Geschmack was heraus, aber politische Lyrik? Wollten sie das beweisen? Kannten sie das Problem? Vorher? Nachher? Schweigen. Und überhaupt. Jetzt drehn sie den Spieß einfach um. Die Gegenwartsliteratur hat ein Problem. Ist sie doch, wie jeder Journalist genau weiß, nach Gusto entweder zu brave oder zu perfekte Literaturinstitutsliteratur. Wozu das ausforschen, wenn man es wegforschen kann (Achtung, Isotopiebruch). Auszug aus der „Zeit“ von gestern:

Die deutsche Literatur hat jetzt ein Problem. Das Problem besteht aber nicht darin, dass ein Vers des Rappers Haftbefehl auf einem CSU-Wahlkampfplakat verwendet wurde, das ist nur peinlich, sonst nichts. Das Problem besteht in der Herausforderung, die der rappende Verseschmied für die zeitgenössische Dichtung darstellt. Haftbefehl, bürgerlich Aykut Anhut, 28 Jahre alt, kommt aus Offenbach, einer Stadt, die Kulturbürgern bislang als zu umfahrendes Krisengebiet vor Frankfurt galt. Und ausgerechnet dort soll der Quell sprachlicher Innovation sprudeln?

(…) Pädagogische Lesarten versagen vor dieser Rollenprosa. Es ist Literatur, und deshalb sind deutsche Autoren jetzt in der Klemme: Sie müssen sich zukünftig an der Sprachmacht dieses Deutschkurden abarbeiten.

(…) In Haftbefehl-Songs werden Plattenverträge mit Genitalien unterzeichnet; dass die Libido ganz in der Profiterzeugung aufgehen kann, wenn man nur kapitalistisch genug orientiert ist, hat wohl kaum ein Dichter so drastisch formuliert. Oder das hier: »Wasch die Hände mit Evian und pisse Dom Pérignon.« (…)

Was an Haftbefehl fasziniert und verstört, das ist sein Talent. Die sprachliche Verwegenheit lässt sich nicht in Literaturinstituten züchten. »Zeit ist Geld, Habibi, Tipp-Ex auf Rammstein-Vertrag, und gib mir einfach die Kopie.« (…) Allen, die Literatur lieben: Gebt euch die Kugel. / Daniel Haas, Die Zeit Nr. 49, S. 54.

Alles klar? Kulturbürger, gebt Kugel! Und auf Rapkonzerten gibts Zeit-Jahresabonnements als Eintrittskarte. Dann klappts auch mit der „Zeit“.*

*) Nein, kein Kommentar über Rap. Nur über „Zeit“. Denn auch „Zeit“ ist Geld, Habibi.

104. Geschäft mit den Unpolitischen

BaZ: Herr Bichsel, am Sonntag stimmen wir über Ecopop ab. Sie sind Teil eines Künstlerkomitees gegen die Initiative. Man hat Ihr Engagement aber kaum wahrgenommen.
Peter Bichsel: Ach bitte, es gibt diese alte Klage: Warum schweigen die Schriftsteller? Früher haben sie noch nicht geschwiegen – sie schweigen ja gar nicht! Sie werden einfach nicht mehr wahrgenommen. Es liegt an der Zeit. Als Max Frisch sich engagiert hatte und auch ich, war das eine andere Zeit, eine politischere Zeit. Heute ist Politik kaum mehr ein Thema.

Das ist doch Unsinn.
Wir leben in einer Zeit der Entpolitisierung. Es gibt inzwischen sogar eine Politik-Feindschaft. Blocher macht sein Geschäft mit Politik-Feindschaft.

Wie meinen Sie das?
Dieser blöde Staat, diese blöden Politiker, diese blöde Classe politique – er macht sein Geschäft mit den Unpolitischen und hat Erfolg damit. / Mehr

103. Finnland und Schweden im Ausland

BALTIC SEA LIBRARY-ABEND: FINNLAND UND SCHWEDEN
30 Nov 2014 – 19:30
Lyrik im ausland

lyrik im ausland spezial:

Das Online-Projekt Baltic Sea Library (vertreten durch Klaus-Jürgen Liedtke, leitender Herausgeber, und Clas Zilliacus, Redakteur Schwedische Literatur) stellt mit Edith Södergran und Henry Parland zwei historische Autoren der finnlandschwedischen Avantgarde vor, die aktuell neu in die Baltic Sea Library aufgenommen wurden, und denen – in neuer Übersetzung ins Deutsche – jeweils ein Teilband der frisch erschienenen, fünfteiligen Ausgabe „Finnlandschwedische Literatur der Avantgarde“ (Verlag Kleinheinrich, 2014) gewidmet ist.
Im zweiten, der Gegenwart verpflichteten Teil des Abends lesen Cia Rinne (mehrsprachig) und Anders Olsson (Schwedisch / Deutsch) eigene Gedichte.

Geöffnet ab 19:30 Uhr, Beginn um 20:00 Uhr Veranstaltung bei facebook
Moderation: Klaus-Jürgen Liedtke

I. Teil
Meriam Abbas (Berlin) und Agneta Rahikainen (Helsingfors/Helsinki) lesen (Schwed./Dt.) aus dem Werk von
Edith Södergran (1892-1923)

Klaus-Jürgen Liedtke (Berlin) und Clas Zilliacus (Åbo / Turku) lesen (Schwed./Dt.) aus dem Werk von
Henry Parland (1908-1930)

  • Pause –

II. Teil
Anders Olsson (Stockholm) und

Cia Rinne (Berlin)

lesen eigene Gedichte.

Meriam Abbas (Berlin), geb. in Bagdad, wuchs zweisprachig auf, Abitur in Berlin. Schauspielausbildung am Mozarteum in Salzburg (1991-94). Engagements am Schauspielhaus Wien (Kainz Medaille), Volkstheater Wien (Karl Skraup Nachwuchspreis), Schauspielhaus Zürich, Münchner Kammerspiele, Schauspielhaus Köln, Hans Otto Theater Potsdam und Burgtheater Wien, zuletzt am Schauspielhaus Hannover und Renaissance Theater Berlin. Kino und TV: u.a. in „Nachtgestalten“ von Andreas Dresen, zuletzt in „ Das Ende der Geduld“, ARD, von Christian Wagner. Regelmäßige Mitarbeit im Hörfunk. 2013 erschien ihr Hörbuch mit Gedichten von Edith Södergran: „Ich selbst bin Feuer“ im Verlag Kleinheinrich, Münster. Zur Zeit ist sie in ihrem ersten Kinderstück „Mio Mein Mio“ im FEZ in Berlin zu sehen.

Klaus-Jürgen Liedtke (Berlin), geb. 1950, Autor und seit 2010 Herausgeber der virtuellen Ostseebibliothek als digitales Projekt. Zahlreiche Übersetzungen aus dem Schwedischen: u.a. 7 Bände von Gunnar Ekelöf (1991-2004), 5 Bände „Finnlandschwedische Avantgarde“ (2014) im Verlag Kleinheinrich, Münster). Eigene Lyrik: „Scherben Leben Brocken Tod“ (Gemini Berlin 2001, auch als Hörbuch), Prosa: „Die versunkene Welt“ (Die Andere Bibliothek, 2008). Celan-Preisträger 2005.

Anders Olsson (Stockholm), geb. 1949, ist Lyriker, Kritiker und lehrt Literaturwissenschaft an der Universität Stockholm. Seit 2008 Mitglied der Schwedischen Akademie. 1987 erschien auf deutsch sein „Berliner Tagebuch“, 2012 die Studie „Ekelöfs Nein“ und 2013 seine siebte Gedichtsammlung „doch so unendlich leicht dir zu antworten“ als erste Gedichtsammlung auf deutsch (alle Bücher sind im Verlag Kleinheinrich, Münster erschienen).

Agneta Rahikainen (Helsingfors/Helsinki), geb. 1963, tätig als Programmleiterin bei der Schwe-dischen Literaturgesellschaft in Finnland. Veröffentlichungen u.a. über Henry Parland, die Fotografien von Edith Södergran und zuletzt „Kampen om Edith“ (Der Kampf um Edith, eine neue Biografie über Edith Södergran), und ihre Doktorarbeit „Poeten och hennes apostlar“ (Die Dichterin und ihre Apostel), beide 2014.

Cia Rinne, in Göteborg als Tochter finnisch/finnlandschwedischer Eltern geboren, lebt in Berlin. Sie schreibt visuelle, konzeptuelle und akustische Poesie in verschiedenen Sprachen – zuletzt erschienen von ihr „should we blind ourselves and leave thebes“ (2013) und „notes for soloists“ (2009). Als Bildende Künstlerin stellte sie zuletzt unter anderem in Tallinn (Kumu Art Museum) und Seattle (INCA) aus. Rinnes reduzierte poetische Arbeiten erweisen sich in ihren ebenso fokussierten wie humorvollen Lesungen gleichsam als Partituren, in denen sie auf engstem Raum verschiedene Sprachen überblendet und mehrbödige, nach-muttersprachliche Bedeutungskonstellationen entstehen lässt.

Clas Zilliacus (Åbo/Turku), geb. 1943, Prof. (em.) der Literaturwissenschaft an derÅbo Akademie, der schwedischsprachigen Universität in Finnland, Essayist, Kritiker, Übersetzer (u.a. von Shakespeare), Wissenschaftliche Veröffentlichungen über Beckett, Hörspiele, finnische Pressegeschichte, die Geschichte der finnlandschwedischen Literatur.


The virtual Baltic Sea Library is a continuously growing anthology of representative literary texts broadly connected with the Baltic Sea that seeks to provide multiple insights into the Baltic Sea region. The authors of the texts “held” by the library either come from this region or have written texts that deal with aspects of life on the Baltic Sea: be it with an intellectual and psychological analysis of social life in a beach resort or with exile in the Baltic Sea area. Special attention is given to authors who have travelled to neighbouring countries and written about their journeys and experiences.
In establishing these connections the library is creating a network of contacts across the Baltic Sea region and compiling a collection of texts around the various national mythologies of the Baltic Sea states. The translation of these texts into other Baltic languages is helping to shape a common cultural denominator and building up a comprehensive basis for a transnational literary history of the Baltic Sea region.

102. Sensationeller Fund

Christian Marek, Althistoriker an der UZH, hat eine sensationelle Entdeckung gemacht. Im türkischen Milas fand er in der Umgebung einer Grabanlage eine Steinstele mit einem eingemeisselten Gedicht. Mit seinen 124 Zeilen handelt es sich um die längste in Stein gemeisselte altgriechische Versinschrift, die bisher bekannt ist. (…)

So viel steht jetzt schon fest: «Es handelt sich um ein Gedicht, das vor allem vom Leben und Wirken aber auch von den Kämpfen eines Mannes namens Pytheas handelt. «Pytheas hiess der berühmte Architekt des Mausoleums von Halikarnassos», erklärt Marek und vermutet, dass der Pytheas der Versinschrift möglicherweise mit dem Architekten identisch ist.

In poetischer Sprache und im Versmass des trochäischen Tetrameters erzählt das Gedicht die Lebensgeschichte eines vielbeschäftigten Mannes. Das Versmass war damals beliebt und wurde oft in Begleitung einer Flöte auch singend vorgetragen. Die besondere Herausforderung für Marek und sein Team besteht nun darin, die fehlenden Teile so weit wie möglich zu ergänzen und den Text zu interpretieren. Ende 2015 soll der wissenschaftliche Befund in einem Buch veröffentlicht werden. Eins ist jedoch jetzt schon sicher: In Zukunft werden aufbauend auf Mareks Erkenntnissen noch viele Wissenschaftler an diesem aussergewöhnlichen Fund arbeiten, um einen vertieften Blick in die Zeit der Perser und alten Griechen zu erhalten.

/ Marita Fuchs, UZH News

101. Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen

Münster, 26.11. 2014. Kulturministerin Ute Schäfer hat heute im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster den mit jeweils 7.500 Euro dotierten Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen an 19 junge Künstlerinnen und Künstler verliehen.

Prominente Künstlerinnen und Künstler wie Pina Bausch, Karin Beier, Christoph Schlingensief, Katharina Sieverding, Günther Uecker, Wim Wenders und Frank-Peter Zimmermann erhielten in frühen Jahren diese Ehrung. Gewürdigt werden die Leistungen in den Sparten Bildende Kunst, Literatur, Musik, Film, Theater, Architektur und Medienkunst. Die Auszeichnung wird seit 1957 jährlich von der Landesregierung vergeben. Die Preisträgerinnen und Preisträger sollten in der Regel nicht älter als 35 Jahre alt und durch Geburt, Wohnsitz oder ihr Schaffen mit dem Land Nordrhein-Westfalen verbunden sein.

Die Preisträger 2014 in der Sparte „Dichtung, Schriftstellerei“ sind Julia Trompeter und Christoph Wenzel. Mehr

100. Selma Merbaum

Sie war eine Cousine Paul Celans. Mit ihm war sie in einer zionistisch-sozialistischen Jugendgruppe aktiv, zu Hause in Czernowitz. Am 16. Dezember 1942 starb Merbaum* im ukrainischen NS-Zwangsarbeitslager Michailowka, kurz vor dessen Befreiung durch die Rote Armee, am Flecktyphus. Sie wurde nur 18 Jahre alt.

Kurz vor ihrem Ende schrieb sie: „Ich möchte leben. / Ich möchte lachen und Lasten heben / und möchte kämpfen und lieben und haßen / und möchte den Himmel mit Händen faßen / und möchte frei sein und atmen und schrei’n. / Ich will nicht sterben. Nein: / Nein.“

58 ihrer handschriftlichen hinterlassenen Gedichte existieren noch und Marion Tauschwitz hat sie transkribiert.** Eine Stärke des Buches liegt darin, dass die Autorin im biographischen Teil immer wieder aus Merbaums Gedichten zitiert und auf ihren vollständigen Abdruck weiter hinten verweisen kann. Selma Merbaum wird wie der vier Jahre ältere Celan und Rose Ausländer heute zur Weltliteratur gezählt. / Matthias Dohmen, Vorwärts

Marion Tauschwitz: „Selma Merbaum. Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben. Biografie und Gedichte. Mit einem Vorwort von Iris Berben“. Mit zahlreichen Abbildungen. Berlin: Verlag zu Klampen,  2014, 349 Seiten, 28,00 Euro. ISBN 978-3-86674-404-2 (EPub 20,99 €)

*) Warum Selma Meerbaum-Eisinger jetzt „Selma Merbaum“ heißt, erklärt eine informativere Besprechung von Florian Hunger im „Psychosemitischen Buchblog„:

Die langjährige Vertraute und allerseits anerkannte Biographin der deutsch-jüdischen Lyrikerin Hilde Domin (1909-2006), Marion Tauschwitz, hat sich in langjähriger gewissenhafter Reche der ebenso mühseligen wie verdienstvollen selbstgestellten Aufgabe gewidmet, anhand historischer Fakten und Zeitzeugenberichten sowie gut dokumentierter Aussagen von überlebenden Weggefährten, Freunden und Bekannten der ermordeten Dichterin eine nahezu lückenlose, ausführliche literarische Lebensbeschreibung von Selma Merbaum zu erarbeiten, die mit ihrem umfangreichen, akribisch zusammengestellten Anhang nicht nur wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, sondern auch dem unvorbelasteten, lediglich am tragischen Schicksal der talentierten Kusine von Paul Celan interessiertem Leser eine ausgesprochen faktenreiche und fesselnde, mitunter erschütternde Lektüre bietet. (…)

Eines der unspektakulärsten, jedoch gleichzeitig auch wichtigsten grundsätzlichen Resultate der Recherchearbeit von Marion Tauschwitz ist eine durch sorgfältige Prüfung der erhalten gebliebenen offiziellen Registereinträge sowie durch Schul- und Deportationslisten eindeutig zu belegende, endgültige Klärung der Namensverhältnisse der jungen Dichterin: während bisherige Veröffentlichungen von „Meerbaum“ oder „Meerbaum-Eisinger“ (nach dem Stiefvaternamen) ausgingen, ist nun zweifelsfrei die endgültige Lesart „Merbaum“ bestätigt – eine andere Schreibweise tauchte in offiziellen Dokumenten offenbar niemals auf. Erstaunlich, wie Selma Merbaums leiblicher Vater, ein Schuh-Einzelhändler aus ärmlichen Verhältnissen, der an Tuberkulose starb, als seine Tochter gerade erst ein Jahr alt war, durch eine grundsätzliche Entscheidung unbewusst den Keim für Selmas Liebe zur deutschen Sprache legte, als er sich nämlich nach dem Ersten Weltkrieg für ein Leben in der deutschsprachigen Lokalmetropole Czernowitz entschied, weil er sich in der deutschen Sprache heimischer fühlte als im Rumänischen, Polnischen oder Jiddischen.

Sprecht Rumänisch! Auf Korridoren und in Klassenzimmern forderten überdimensionale Plakate die Einhaltung des Gebots ein. Eigens dafür eingestelltes Personal patrouillierte während der Pausen mit kleinen Reitgerten durch die Gänge, um notfalls mit Gewalt durchzusetzen, was das Wort nicht erreicht hatte. Mit Fantasie und Einfallsreichtum schafften die Mädchen sich kleine Fluchten und übertölpelten die Kontrolleure: Sie hängten deutschen Wörtern kurzerhand rumänische Endungen an und hatten eine Sprache, die nur sie verstanden.

Noch eine Mitteilung des Verlages:

In dieser spannenden, sprachlich einfühlsamen und wissenschaftlich fundierten Biografie hat Marion Tauschwitz das Leben der jungen Dichterin rekonstruiert und alle ihre Gedichte nach den Originalhandschriften neu übertragen

**) In bisherigen Ausgaben waren 57 überlieferte Gedichte enthalten.

99. American Life in Poetry: Column 504

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

I love poems with sudden surprises, and here’s one by Jennifer Gray, a Nebraskan. Will you ever see depressions puddled with rain without thinking of the image at her conclusion?

Horses

The neighbor’s horses idle
under the roof
of their three-sided shelter,
looking out at the rain.

Sometimes
one or another
will fade into the shadows
in the corner, maybe
to eat, or drink.

Still, the others stand,
blowing out their warm
breaths. Rain rattles
on the metal roof.

Their hoof prints
in the corral
open gray eyes to the sky,
and wink each time
another drop falls in.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2013 by Jennifer Gray. Reprinted by permission of Jennifer Gray. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

98. Lauter Lyrik

Vom 1. bis 7. Dezember ist jeden Tag um 10.40 Uhr in der Rubrik Lauter Lyrik ein neues Gedicht aus Raoul Schrotts Feder und Munde zu hören, geschrieben eigens für NDR Kultur.

Diese Gedichte wie „Der Busfahrer“, „Ein Richter“ oder „Alleinstehend, Anfang 40“ holen ihre Kraft aus der Beobachtung des ganz normalen Alltags: „Hier geht’s um das schlicht Menschliche“, sagt Schrott. „Das ist nichts Außergewöhnliches, nichts von vornherein Poetisches – aber es lässt sich durch die poetische Sprache etwas darstellen, was die Prosa nicht kann.“

Woher aber die Lyrik kommt und was sie im Menschen auslöst – das erklärt Raoul Schrott in Das Gespräch auf NDR Kultur. Mehr

97. Gespräch mit Bertram Reinecke

Dieses Mal zu Gast bei M19: der Verleger und Dichter Bertram Reinecke. Er erklärt uns nicht nur, wie das Verlagswesen funktioniert, sondern auch, was seinen Verlag so besonders macht.

„Als kleiner Verlag braucht man ein eigenes Profil.“

Des Weiteren spricht er über die zukünftige Entwicklung auf dem Büchermarkt und welche Chancen er für den Buchhandel in Zukunft sieht. Dazu gehört auch, über die Entwicklung der Literaturszene in Leipzig zu reden.

„Ein Buch strahlt Individualität aus.“

Was ist das schönste deutsche Wort? Inwiefern hat ihn seine Zeit am Literaturinstitut Leipzig in seinem Schreiben beeinflusst? Wie baut man ein „Flickengedicht“ auf? Das alles verrät uns Bertram Reinecke im langen Interview bei M19.

Einen kleinen Tipp, um peinliche Situationen zu vermeiden, hat Bertram Reinecke auch noch: „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat.“

96. Interview mit Michael Fiedler

Aus Volly Tanners Interview mit Michael Fiedler, Leipziger Internet-Zeitung:

In einer Rezie [sic] zu Deinem Buch las ich: „Fiedler präsentiert uns eine kulturpessimistische, gegoogelte Resterampe, eine globale Vermessung der Gegebenheiten mit historischen Bruchstücken.“ Klingt ja nicht nach klassischen Gedichten, was da vom Rezensenten von Dir verkonsumiert wurde. Gegoogelte Resterampe, hmmmm…. Ist dies Deine Arbeitsweise, die Reste aufsammeln und zusammenkleben?

Dass sie aus vorgefundenem Material gearbeitet wurden, eint alle Texte in „Geometrie und Fertigteile“. Unterschiedlich sind die Methoden der Anordnung. Und tatsächlich: Schere und Leim waren wichtige Hilfsmittel.

Wo ist aber die Neuschöpfung?

Die Neu-Anordnung ändert das Beziehungsgefüge. Aus Lexika-Texten, Fachliteratur oder Suchergebnis-Anzeigen werden Texte, die – bestenfalls – anregend sind. Den Titel der Reihe „Neue Lyrik“ verstehe ich vor allem als zeitlichen Bezugspunkt.

Du hast ja auch am DLL studiert – bist sozusagen Diplomdichter – was hast Du denn da gelernt? Solch ein Studium dauert ja auch. Und was gibt das hohe Haus der Gesellschaft zurück, von der es mitfinanziert wird?

Es muss sehr viel gelesen, diszipliniert geschrieben und Kritikfähigkeit erprobt werden. Das wichtigste waren und sind für mich die Menschen, die ich dort als Studierende, Gast-Dozenten oder Professoren kennenlernen konnte. Mit Mara Genschel, Julia Dathe, Lisa Elsässer, Norbert Lange, Tobias Amslinger, Konstantin Ames oder Hannes Leuschner gab und gibt es großartige Aufführungen und gute Zusammenarbeit.

95. Grenzgänger

„Das [Schreiben] ist für mich ein Spielplatz, wo ich ganz wilde Dinge machen kann, die ich sonst nicht machen kann. Ich [habe] das Gefühl, dass ich mich hinter der Kunst auch verstecken kann. Dass ich etwas sagen kann, was ich sagen möchte.“ Darum schreibt Søren R. Fauth Lyrik, wie er den Studierenden und Dozierenden im Gespräch mit Rolf Parr, Professor für Literaturwissenschaft und Leiter des Masterstudiengangs „Literatur und Medienpraxis (LuM)“, erklärte. Fauth ist – wie die meisten der fünf Lyriker und sechs Moderatoren – ein „Grenzgänger zwischen Universität und Kreativität“. Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit als Professor für deutsche Literatur an der Universität Aarhus (Dänemark) und seiner Arbeit als Übersetzer (etwa der Werke Thomas Bernhards und Arthur Schopenhauers) ist er Radrennfahrer und schreibt seit seiner Jugend Lyrik, Kurzprosa und fiktive Briefe, etwa „Radrennfahrerbriefe“ oder solche von Schopenhauer an Goethe, im Dänisch des 21. Jahrhunderts.

Im Dezember 2013 erschien in seiner Heimat Dänemark sein erstes Buch, das im dänischen Feuilleton vielfach rezipiert wurde. Das Langgedicht Universet er slidt ist als Leporello publiziert – also als Faltbuch, das aus einem langen, ziehharmonikaartig zusammengelegten Papierstreifen besteht. Aufgefaltet umfasst Universet er slidt eine Länge von insgesamt 13,5 Metern. Beim Poet in Residence-‚Spezial’: Zwischenspiel Lyrik stellte Fauth sein Leporello vor und sprach mit Parr über den Entstehungsprozess, über inhaltliche und formale Besonderheiten des Langgedichts und die Schwierigkeiten seiner Übersetzung vom Dänischen ins Deutsche. / Yvette Rode, literaturkritik.de (Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen)

94. Not an elegy

“Not An Elegy For Mike Brown”: Two Poems For Ferguson
Poet Danez Smith’s “Not An Elegy For Mike Brown” and “Alternate Names for Black Boys.” / Buzzfeed.com